Viertes Kapitel

Es saßen drei alte Männer beisammen auf dem Kanapee. Es war ein

breites, geräumiges, altes Kanapee, ohne Sprungfedern und schwellende

Polster, hart und zusammengesessen, und es hatte einen rot und blau

gewürfelten Überzug. Die drei Männer hatten bequem Platz darauf; es tat

ihnen auch in ihrem Behagen keinen Eintrag, daß sie mit den Ellenbogen

zusammenstießen, wann einer sich rührte, um seine Pfeife frisch zu

füllen. Sie waren alle drei Wiblinger Stadtkinder, der Rektor Cabisius,

der Korbmacher Hollermann und der Meister Nössel. Einst waren sie

miteinander auf einer Schulbank gesessen und hatten miteinander in den

Freistunden ihre überschüssige Kraft vertobt. Dann waren sie ihrer Wege

gegangen, ein jeder den seinigen, und hatten nichts mehr von einander

gewußt. Und nun waren sie alte Männer und saßen eng beisammen, und

waren hier zusammengekommen, um eine Reise in ihr Jugendland zu machen.

Auf dem Tisch stand Frau Judiths braune Kaffeekanne, und Frau Judith

hantierte am Ofen mit den Töpfen und bereitete den Trank. Sie konnte

gut mitreden, denn sie war einst als wildes Mädchen mit den drei Jungen

über die Hecken gestiegen, und sie war, wie sie selbst sagte, »jetzt

noch jünger, als sie alle drei zusammen.«

Die Frau Rektorin saß im Lehnstuhl und klapperte mit ihren

Stricknadeln, als ob es ums Geld geschähe. Sie hatte einen kleinen

Ärger zu verstricken. Denn erstens war sie kein Wiblinger Stadtkind und

konnte darum die Reise nicht so recht mitmachen. Und zweitens verspürte

sie einen unangenehmen Kitzel in der Nase, weil sich ihr Gemahl mitten

zwischen die zwei alten Schulkameraden gesetzt hatte, und weil er nun

soeben sagte: »Aber natürlich dutzen wir uns. Das wäre noch schöner.

Wie, ich soll wohl Herr Hollermann sagen?« Denn der alte Korbmacher war

die ganze Zeit bisher in der Fremde gewesen und war nun vor kurzem in

seine Heimat zurückgekehrt, ohne Frau und Kinder und ohne viel Habe,

und wohnte in einem Häuschen ganz draußen an der alten Synagoge, die

auf freiem Felde stand, und schien der Frau Rektorin ganz und gar kein

Mann zu sein, mit dem sich ihr Gatte zu dutzen brauche.

Er war ihm einerlei, das wußte sie wohl, was die andern »Herren« des

Städtchens zu dem Verkehr sagen würden, er war darum doch überall

beliebt. Aber das schloß nicht aus, daß es #ihr# nicht einerlei war.

Sie hatte sonst gute Augen, die wohl geeignet waren, durch abgetragene

Kleider und kümmerliche Gesichter und Gestalten hindurch zu sehen und

sich die Seele eines Menschen anzuschauen und zu fragen: »Was bist du

für ein Mensch? Ich meine, du selbst, dein eigentlichstes Ich. Bist du

ein froher Mensch, ein wackerer, ehrlicher, tapferer? Oder schleppst du

dich mit dem Leben? Und warum?«

Aber heute abend waren sie nicht so hell wie sonst. Sie war eine

Dekanstochter, ihr Großvater war Oberamtsrichter gewesen. Das stieg ihr

noch hie und da nackensteifend auf. Und nun saß ihr Mann hier auf dem

alten Kanapee und tat, als ob er sein Leben lang als Handwerksbursche

durch die Welt gezogen wäre. Er war ja doch auf Schulen gewesen. Er

war ja doch akademisch gebildet und war Rektor der Lateinschule. Und

nun sagte er eben: »Ach, Hollermann, weißt du noch, wie wir zu deinem

Großvater auf die Weide gingen? Weißt du noch, wie sein schwarzer

Schäferhund nach der Flöte tanzte, immer rundum, hinter seinem eigenen

Schwanz drein?«

Sie war noch nicht recht reif für die Jugenderinnerungen. Sie hatte

heiße Backen. Warum war sie auch mitgegangen? Was hatte sie keuchen

müssen die engen Wendeltreppen herauf. Aber ihr Gatte hatte es gewollt.

»Du wirst deine helle Freude haben, Anne,« hatte er gesagt. »Es wird

sein wie eine _laterna magica_, immer ein Bild nach dem andern. Wie

ein leibhaftiges Stück Jugend wird es sein.« Er war ein großes Kind.

Er sah es gar nicht ein, daß er denn doch etwas anderes geworden sei,

als der Flickschneider und der Korbmacher. Warum hatten sie sich nicht

auch geregt? Warum waren sie nicht auch so klug? »Was,« dachte die

Frau Rektorin, »nun soll ich wohl einen Kranz mit ihnen halten, immer

reihum, bei uns, und auf dem Turm, und in der Villa Hollermann, dem

windschiefen Lehmhäuschen? Das könnte eines Tags mit uns umfallen und

dann hieße es in der Stadt, daß wir ganz ordnungsgemäß mit unseren

besten Freunden zusammen unter den Trümmern liegen.«

Die Phantasie der Frau Rektorin war im besten Zug, ins Kraut zu

schießen und ganz üppige Blüten zu treiben. Die Stricknadeln klapperten

dazu. »Man kann die Menschenfreundlichkeit auch zu weit treiben,« eine

Nadel; »wenn das mein Großvater wüßte,« die zweite; »aber so ist mein

Mann, immer ist er so,« die dritte. Da fühlte die Frau Rektorin eine

leichte Berührung am Arm. Sie kannte sie. Das war ihr Mann, der sie

über den Tisch herüber mit der Mundspitze seines Pfeifenrohrs antippte,

ganz leicht und leise. Und als sie aufsah, mit einem hellen, raschen

Blick, da lagen seine Augen auf ihr; sein ganzes Gesicht fragte in das

ihrige hinein und gab zugleich die Antwort, lächelnd und warm, und ein

bißchen belustigt. »Ja, was ist denn, Anne? Was denkst du dir denn für

krause Sachen zusammen, Weib? Bist doch sonst so klug. Ein bißchen

Kastengeist, was? So, jetzt komm, jetzt laß das; jetzt paß einmal auf,

was das für Leute sind, du hast ja selber deine Freude dran. Alle

guten Geister, Anne. So, so.« Er nickte ihr noch ein paarmal zu, kaum

merklich, die andern sahen von dem allem nichts. Aber es war, als ob

man einem Kind beschwichtigend auf den Rücken klopft, ganz sachte und

gelind. Da glätteten sich die Wogen. Da fiel es ihr wieder ein, wie er

sie gelehrt hatte, durch sich selbst, durch sein eigenes, ehrliches,

aufgeschlossenes Wesen, all' die Jahre daher, seit sie seine Frau

war, an das unsichtbare Königreich der schlichten, frohen, kindlichen

Menschen zu glauben und sie sich unter allen Hüllen herauszusuchen,

und sie als Landsleute der besten Art zu begrüßen. Und sie war froh,

daß nur er ihre Gedanken gelesen hatte, und nickte ihm auch zu und

schüttelte sich ein wenig, als wolle sie etwas los werden. Und dann

legte sie den Strickstrumpf in den Schoß und die Hände behaglich

übereinander und hörte zu, wie die Bilder der Vergangenheit lebendig

wurden und ins Reden kamen.

Sie tat einen suchenden Blick nach dem alten Korbmacher hin. Der hatte

ein braunes, hageres Gesicht und hängte die Schultern etwas nach vorn,

und über den Augen liefen die dichten, struppigen Brauen zusammen. Die

Augen selbst und der Mund aber waren weich, fast kindlich, als wären

sie nicht auf einer beschwerlichen, weiten Lebensreise gewesen. »Der

muß wohl fromm sein,« dachte die Frau Rektorin, »so auf eine stille, in

sich gekehrte Art. Der muß wohl nicht viel wissen von den Dingen rings

um ihn her. Der hat sich da innen irgend etwas aufgebaut, das wird man

ja noch erfahren, was.«

Und sie war schon geneigter, ihm zu verzeihen, daß er's im Leben nicht

weiter gebracht habe.

»Ja,« sagte er jetzt eben, »ich habe oft an ihn gedacht, draußen herum,

an meinen Großvater, meine ich, den alten Schäfer Hollermann. Meinen

Vater hab' ich nie gekannt und meine Mutter war so still und gedrückt,

wie meine Großmutter laut, stark und entschlossen. Da sagte er, als

ich noch ein kleiner Knirps war, oft zu mir: »Komm, Bub, geh' mit mir

hinaus, das ist nichts für uns zwei. Geh' mit mir auf die Weide.« Da

saß ich denn unter einem Weidenbusch und ringsum war die Welt ganz

rund um mich her, ich saß ganz in der Mitte. Die Schafe grasten auf

den Brachäckern, die Staren saßen ihnen auf den Rücken, und flogen

ab und zu, und mein Großvater stand und lehnte sich auf seinen Stock

und sah still um sich. Es muß im Frühling gewesen sein. Er sagte nie

viel. Aber wenn er auf der Flöte blies, dann verstanden wirs Beide, der

Schäferhund und ich. So war es uns auch zu Mut, gerade so. Das kann man

nicht sagen. Ich habe die Flöte überkommen, ich habe sie noch.«

Er schwieg wieder und sah still vor sich hin. Da kam Frau Judith

in den Kreis. »Jetzt das von dem Stock,« sagte sie, »das war das

Geheimnisvollste, was man sich denken kann, das ist ein Märchen.«

»Ja,« sagte er, »das ist es auch, warum ich so viel an ihn dachte in

der Welt draußen. Wenn die Leute so alles wußten, und sich stritten um

das Wahre, und dabei so unruhig wurden und arm. Dann dachte ich an den

Stock.

Mein Großvater war so, was man einen unwissenden Menschen nennt. Er

konnte weder lesen, noch schreiben, und auswendig gelernt hat er nur

einen einzigen Vers aus dem Lied: »Wer weiß, wie nahe mir mein Ende.«

Das verdroß die Großmutter und sie hielt ihm hundert Mal vor, daß sie

ihn eigentlich lieber nicht hätte nehmen sollen, »wenn er,« sagte sie,

»nicht sonst solch ein guter Kerl wäre,« und daß er eigentlich auch

gar kein rechter Christ sei. Auch sagte sie des öfteren, daß sie über

seine Zukunft in jenem Leben ihre starken Zweifel habe, da er ja nicht

einmal den Katechismus könne, und daß sie sich jedenfalls werde einen

anderen Platz aussuchen müssen. Dazu lächelte er aber nur vor sich hin

und sah so nach seinem eisenbeschlagenen Schäferstock hin, der in der

Ecke stand, als ob der es besser wisse. Und das war auch so, denn der

Großvater legte ihn jeden Morgen quer vor sich hin auf die Erde, wenn

er draußen war bei den Schafen. Und dann legte er die Hände zusammen

und sprang darüber, ein, zwei, dreimal. Er sagte nichts dazu, ich habs

oft genug gesehen. Aber sein Gesicht war feierlich und festlich dabei.

Ich glaube doch, daß er den Schäferstock vor unsern Herrgott hingelegt

hat und nachher wieder in Gottes Namen aufgehoben.

Das ist so mit mir gegangen, und daß er dabei fröhlich war und lieb

und ohne Streit. Und ich hätte manchmal sagen mögen, wenn sich einer

abmühte mit Grübeln und Sorgen und dabei das Licht in seinen Augen

erlosch: »Leg' deinen Stock hin und spring' in Gottes Namen drüber.«

Da waren sie eine Weile still und stießen große Rauchwolken aus

und sahen, ein jeder, in ihre vergangenen Wege hinein und die noch

kommenden derer, die sie lieb hatten, und waren eine Gemeinde

untereinander. Frau Judith nickte stark und fröhlich mit dem Kopf.

Das war so ihre Art, wenn ihr innerlich etwas Frohes aufging. Und die

Frau Rektorin schluckte tapfer den Antrieb hinunter, den sie einen

Augenblick lang hatte, zu sagen, daß der alte Schäfer doch wohl ein

halber Heide gewesen sein möchte, wenn auch vielleicht ein frommer.

Ihr Töchterlein fiel ihr ein, das sie einst mit sechs Jahren in den

Sarg gelegt hatte, unter lauter Blumen. Und ihr Gatte, wie der damals

sagte: »Besseres kann keinem widerfahren, als nach einem Kinderleben zu

sterben als ein Kind.«

Und es wurde ihr warm ums Herz; da schwieg sie.

* * * * *

Sie hatten sich viel zu erzählen aus den langen Jahren ihrer

Lebenswanderung. Sie blieben nicht an den Kindertagen stehen. Das

hatten sie gern gewollt. Aber das Leben trat vor sie hin und sagte:

und dann, und dann. Da kamen sie über die Grenzen der Jugend hinaus,

und sprachen von Lehr- und Wanderjahren, von Hochzeit, Geburt und

Tod. Meister Nössel hatte sein Weib verloren, und Frau Judith ihren

Mann, und der Rektor Cabisius seine Kinder, und der Korbmacher hatte

weder das eine noch das andere jemals besessen. Da kamen sie in ihrer

Rede nach und nach darauf, daß der Mensch in das Leben hereingeboren

werde als ein junger Baum, den man ins Land pflanzt, und der des

Sonnenscheins bedarf und der Stürme und all' des Wechsels von

Trockenheit und Erdfeuchte, Frost und Hitze, um daran stark zu werden

und fruchtbar und eigenständig, »und,« sagte der Rektor Cabisius,

»seine Wurzeln tief und fest in den Grund zu versenken, den keiner

sieht und jeder bedarf«. Aber sie machten nicht viele und kluge Worte

darüber, denn sie waren einfache Leute, und was das Leben sie gelehrt

hatte, das war mehr in die Tiefe gegangen, als in die Breite.

Nur die Frau Rektorin sagte, aus ihrem wallenden Großmutterherzen

heraus: »Aber den Kindern möchte man doch manches Harte ersparen. Wenn

ich an Gertrud denke, und daß das Leben sie so rütteln sollte. Ich mag

nicht daran denken. Sie ist so zur Freude geschaffen.« »Darum wird sie

auch zur Freude gelangen, das ist sicher,« sagte ihr Mann herzlich

und bot ihr über den Tisch herüber die Hand, und die andern sahen mit

stillen Augen zu.

Alle guten Geister...: Roman · 第 8 / 53 题