Inzwischen ging die Jugend ihrer Wege und überließ das Alter seinen
Betrachtungen.
Es führte eine steile, schmale Gasse gleich hinter dem Bäckerhaus
in die sogenannte alte Stadt hinunter, in der die Kirche stand, ein
schmuckloses, nüchternes, weißgetünchtes Bauwerk, an dem nur der Turm
bemerkenswert war, der, eine viereckige, trotzige Masse, hoch, frei
und stark aufstieg und über die nah herangebauten Häuser hinwegragte,
wie ein großer Mann über die Menge der Durchschnittsmenschen. Auf der
Höhe dieses Turmes, gleich über den Glocken, hauste der Nacht- und
Feuerwächter Nössel, der auch zugleich Flickschneider war. Er hatte
mehr als die Hälfte seines Lebens dort oben zugebracht. Jetzt war er
ein alter Mann. Aber immer noch stieg er zweimal in der Woche seine
hundertundfünfzig Treppenstufen hinunter, um die geflickten Gewänder an
ihren Ort zu bringen und neue Schäden zur Heilung mit sich hinauf zu
nehmen.
Wann er schlief, wußte man nicht so recht. Die Mitbürger hörten,
sofern sie nicht im Schlafe lagen, mit Behagen sein halbstündliches,
hellbimmelndes Glockenzeichen durch die Nacht klingen und zogen sich
getrost die Decke über die Ohren, da ja außer dem Herrn im Himmel auch
noch der alte Nössel auf dem Turm über die Sicherheit der Stadt wachte.
Am Werktag flickte er die Löcher, die der Kampf ums Dasein in die
Gewänder riß, und außerdem besorgte er an Sonn- und Feiertagen und zu
den Betzeiten das Läuten der Glocken. Er saß nie unter den Andächtigen
in der Kirche, sondern blieb in der Höhe bei den Glocken und streckte
seinen grauen Kopf durch ein Mauerloch, das eigens zu diesem Zweck
ausgehauen war, fast an der Decke des Kirchenschiffs, der Gemeinde
und dem Pfarrer entgegen. Begann der letztere dann das Vaterunser,
so verschwand, zur großen Befriedigung der Schuljugend, die hierauf
fast mehr achtete als auf das Schlußgebet, der Kopf an der Öffnung und
allsogleich begann das Läuten.
Diesem wichtigen und interessanten Mann war der Besuch der Kinder
zugedacht, und es war nicht das erste Mal, daß er denselben
entgegennahm. Er galt auch nicht ihm allein, sondern ebensowohl
der Mitbewohnerin des Turmes, deren Bekanntschaft nicht lang mehr
wird auf sich warten lassen, und deren Dasein die freundliche Fülle
an lebendigen Gestalten vermehrte, die das Jugendbilderbuch der
Kleinstadtkinder aufzuweisen pflegt. »Gehst du mit, Franz?« fragte
Gertrud und pflanzte sich vor dem größeren Nachbarssohn auf. »Dann
komm, aber schnell.« Franz bejahte, um aber schon an der Ecke wieder
umzukehren, da ihm, wie er sagte, von Jungfer Liese ein Apfelkrapfen
auf die Ofenplatte gelegt sei und derselbe sicherlich jetzt im
richtigen Wärmezustand sich befinde.
Georg strebte mit langen Schritten voran; er hörte mit Wohlgefallen
das leise Knirschen des leichtgefrorenen Schnees und sah die
scharfumrissenen Abdrücke seiner genagelten Schuhe in der reinen weißen
Decke; auch trieb ihn die Furcht, zu spät zu dem erwünschten Genuß
des Läutens zu kommen, zur Eile. So blieb Gertrud, die sich mit Franz
aufgehalten hatte, einen Augenblick zurück, und ihr Spielkamerad sah
sich erst mahnend nach ihr um, als sich, aus einem Haus der engen Gasse
kommend, ein drittes Kind zu ihr gesellte. Es war ein zierliches,
feingebautes Mädchen mit rötlichblondem Haar, das in Locken unter
einem hellgrünen Samtmützchen hervorquoll. Auf dem Kragen des weiten
und etwas eigenartig zugeschnittenen Mäntelchens lag ein Machwerk von
gelblichen Spitzen. Die ganze Erscheinung machte nicht den gewöhnlichen
Eindruck, den die Bürgerskinder, auch die bessersituierten, in einem
kleinen Städtchen zu machen pflegen.
Das Kind gehörte der Putzmacherin Maute, einer, wie sie selbst von
sich sagte, »unglücklichen, verlassenen, aber nicht herabgekommenen
Frau, die nur zu gutmütig und zu ideal für diese Welt sei.« Man war
gewöhnt, es in einem etwas ungewöhnlichen Aufputz zu sehen. Und die
Leute verziehen die Abweichung von dem allgemeinen Geschmack, da ja
die Frau ohnehin weder zu den Vornehmen, noch zu den Geringen so recht
gehörte, und da sie mit praktischem Sinn einsahen, daß in einer solchen
Hantierung, wie die Putzmacherei, doch immer Reste übrig blieben, die
dann das Kind vollends auftrage. Es hieß Lore und war, obgleich im
gleichen Alter wie Gertrud, viel kleiner, zarter und zierlicher als
diese.
»Komm mit, Lore,« sagte Gertrud, die eine besondere Vorliebe für alles
Feine, Zarte und Schwache hatte und die »die Affenlore« schon öfters
mit Mut gegen die Angriffe der Schulkinder verteidigt hatte. »Darfst
du mit auf den Turm? Erlaubt's deine Mutter?« Lore nickte glücklich.
Sie war so viel allein und mußte sich so oft anders fühlen als die
andern, daß sie es als Glück empfand, wenn gute Bürgerskinder sie
als eins der ihrigen an sich zogen. Die Frau Putzmacherin nickte mit
etwas struppigem Kopf aus dem Fenster, als die Kinder abzogen; Georg
blieb stehen und sagte bockig und mit offener Geringschätzung: »Die
soll mit? Die hat ja doch Angst vor den steilen Treppen und dann erst
noch vor den Glocken.« Er hatte noch keinen offenen Sinn für die
Anmut und schätzte Größe und Kraft mehr als Zierlichkeit. Aber die
Kleine wußte sich einzukaufen. Sie zog ein schwarz und weiß geflecktes
Kaninchenschwänzchen aus der Manteltasche. »Da, willst du das?« fragte
sie. »Es ist ein Tintenwischer. Ich habe gar keine Angst, die Gertrud
hält mich schon.« Da nahm der Junge das Schwänzchen und dann gingen sie
mitsammen durch den Schnee. »Guck einmal,« sagte Gertrud, »meine Füße
sind grad so groß wie die deinen.« Sie setzte vergnügt ihre breiten,
kräftigen Stiefelabdrücke neben die ihres Freundes und verhieß ihm,
der es sich auch von ihr gefallen ließ, daß sie immer mit ihm Schritt
halten würde und ebenso groß, kräftig und gescheit zu werden gedenke;
»oder auch noch ein bißchen mehr,« setzte sie hinzu, zog aber das
letztere willig zurück, als Georg aufzubegehren drohte. Im Grunde war
es ihr nur um die keckliche und ungeminderte Kameradschaft zu tun,
nicht um den Wettbewerb. Während nun die beiden in gleichem Schritt und
Tritt kräftig auszogen, trippelte Lore in ihren Fußtapfen hintendrein,
flink und leicht und immer noch einen eigenen, kleinen Fußabdruck in
den großen der Vorgänger hineinsetzend und kam so fast mit ihnen und
ohne Schaden ihres zierlichen Schuhwerks am Fuß des Turmes an.
»Das ist nun wieder so eine Neujahrsbetrachtung.« Meister Nössel
setzte die Hornbrille mit den runden Gläsern auf und sah zu, wie eins
ums andere von den blühenden Kindergesichtern aus dem dunklen, engen
Treppenhaus auftauchte und ans Licht des Glockenbodens kam. Und dann
wünschten sie ihm ein gutes Neujahr und er nickte ernsthaft und sagte:
»Das ist wie eine Neujahrsbetrachtung, sag' ich. Da kommet ihr so
herauf zu mir und stehet da, breit und keck, und seid schon ein Stück
ins Leben hineingewachsen und kaum war's doch, daß ihr hereingekommen
seid, in die Welt, mein' ich, nackt und bloß, wie der Psalmiste sagt.
Und vordem sind eure Väter da heraufgestiegen und haben mir am Läuten
geholfen, und sind nun schon dahingegangen. Heißt das, deiner nicht,
Georg, aber heraufsteigen tut er auch nicht mehr, er ist zu dick dazu.
Und deine Mutter sitzt im Dunkeln und muß in Geduld warten, bis ihr
Gott wieder das Licht ansteckt, und war ein schönes Mädchen zu ihrer
Zeit und mein Sohn hätte sie gern gefreit, aber sie hat ihn nicht
genommen. Und so gehen denn die Jahre dahin und man weiß nicht, was
noch kommt und ist das Beste, daß unser Herrgott noch immer auf seinem
Stuhle sitzt, und wollen wir denn in Gottes Namen ans Läuten gehen, und
er walte das zu Anfang, Mittel und Ende.« Damit nahm er die Brille
ab und steckte sie in die Tasche, und seinen jungen Gästen, ob sie
ihn gleichwohl nur halb verstanden hatten, war es zu Mute, als ob sie
durch die Dachluken hindurch den lieben Gott auf seinem Stuhle sitzen
sähen und wie er nun das Zeichen zum Beginn des Läutens gäbe. Sie
faßten mit zager Hand nach dem Strick der beiden kleinen Glocken, indeß
Meister Nössel die große anzog. Lore drückte sich in die entfernteste
Ecke an die Wand. Und dann war es nicht anders, als ob hier oben die
Brunnenstube des Zeitstroms sei, und die Wellen kämen aus innerem Trieb
zu Tage und strömten über und zu den Schalllöchern hinaus und würden
ein Meer und füllten die ganze Welt, und überall müßte man sie rauschen
hören, hier oben am lautesten und fernhin leiser und leiser und bis in
den Himmel hinein. Und dann schwiegen sie; leise klang noch einmal ein
Ton auf, noch einer, dann verzitterte nur noch der Nachhall in der Luft.
»So und nun geht in die Stube hinauf zur Judith und wärmt euch.«
Meister Nössel klappte sein Lädchen an der Mauerluke auf und setzte
sich in Positur. Drunten in der Kirche begann die Orgel zu tönen,
es flogen einzelne Laute von ihr bis hierher, und dann schwoll der
Gemeindegesang, der die Kirche füllte, über, und bis in die Stille hier
herauf. Den Kindern war es, als ob er aus einem fernen, unsichtbaren
Lande komme, demselben, in das sie vorhin zu sehen meinten, und ihre
jungen Seelen regten sich und schwangen leise mit und versuchten,
aufzuflattern, als ob sie irgendwo zu Hause wären, nicht hier. Aber sie
wußten nicht, wo.
Und dann schlichen sie auf den Zehenspitzen die Treppe hinauf und als
Lore einen ungeschickten Tritt auf einen astigen Knorren tat, der
mitten auf einer ausgetretenen Stufe hervorsah, denn die Treppe war ihr
noch ungewohnt, und es polterte etwas, da gab ihr Georg einen Schubs
und sagte leise und eindringlich: »Du Trampelliese.« Und das Wort war
nicht aus einem streitsüchtigen Bubenherzen, sondern aus dem Bedürfnis
heraus geboren, daß die Feierlichkeit des eben vergangenen Augenblicks
ungestört nachhallen könne, und mangelte nur der Feinheit. Die konnte
er sich aber noch erwerben.
* * * * *
»Da seid ihr denn nun,« sagte Frau Judith und öffnete ihre Stubentür,
daß das helle Licht des Wintertags in breitem Strom aus der lichten
Stube auf die dunkle Treppe floß. »Da seid ihr denn wieder einmal
heraufgekrabbelt, und wißt ihr auch, wie lang es her ist, seit ihr das
letzte Mal hier oben waret? Ganze sechs Wochen ist es her und seither
war so viel zu sehen von meinen Fenstern aus, und das ist nun alles
vorbei und kommt nicht mehr. Nun mögt ihr hinaussehen, so viel ihr
wollt, es ist nur Schnee zu sehen, sonst nichts.« »Ach, gar,« sagte
Gertrud und lachte ein bißchen unsicher, »laß mal sehen, Frau Judith,
es muß doch sonst noch was da sein,« und sie zog ihren Kameraden, der
mit großen, erschrockenen Augen dastand, mit ans Fenster. »Siehst du,
du mußts ihr auch nicht immer gleich glauben, Georg,« rief sie in
ausbrechendem Jubel, »da sind alle Häuser und Gassen und der Himmel,
und die Raben auf den Bäumen! O, o, Frau Judith, der Großvater sagt's
auch immer, daß man dir nicht alles glauben soll. Und jetzt sagst du
gleich, was alles noch zu sehen war, so lang wir nicht hier waren.
Komm, Lore, setz' dich nur hier auf den Schemel und nimm deine Mütze
herunter, denn jetzt erzählt Frau Judith so lang fort, daß mans gar
nicht sagen kann.«
»So meinst du?« Frau Judith stand an der Krücke in der Mitte der
Stube und ihr breites Gesicht glänzte vor unsäglichem Vergnügen. Sie
versuchte vergeblich, zu tun, als ob sie heut nichts wüßte; Georg sah
so flehentlich drein und nahm die kleinste Weigerung so ernst, daß ihr
das Herz zerschmolz. Und Gertrud pflanzte sich kriegerisch vor ihr auf
und ihr ehrliches, rundes Kindergesicht flammte. »So, nun setz' dich
einmal in deinen Stuhl und fang' an,« sagte sie. »Du kannst sagen, von
was du willst, es wird doch eine Geschichte draus. Und mein Großvater
kommt auch nächstens, das hat er noch extra heut morgen gesagt, und
dann will er mit dir eine Reise machen, ins Jugendland, hat er gesagt
und du wissest schon, wo es liege. Aber das ist ja auch bloß Spaß, du
kannst ja gar nicht verreisen. So, jetzt fang an.«
Lore saß ganz still. Die beiden andern waren hier so zu Hause, das
konnte sie wohl sehen, sie aber fühlte sich fremd und scheu in ihrem
Putz und ihrer ganzen Art. Die Mutter hatte sie heut früh vor den
Spiegel gestellt. »Herzig siehst du aus,« hatte sie gesagt, und noch
anderes. Von der Zukunft, und daß Schönheit ein Reichtum sei. Jetzt
hätte sie gern den Staatsmantel ausgezogen, wenn nicht darunter ein
zerrissenes Werktagskleidchen gewesen wäre.
Da strich ihr plötzlich eine große, weiche Hand sacht und leise über
das Haar. Sie duckte sich wie ein Vögelchen unter der ungewohnten
Berührung. »Ich kenn' dich schon, du Kleines,« sagte Frau Judith. »Bist
noch nie bei mir gewesen, gelt. Aber ich kenn' dich doch. Ich tu' dir
nichts, mußt dich nicht so ducken.« Und Georg und Gertrud nickten ihr
zu: »Sie tut dir nichts, natürlich nicht; mußt dich nicht so ducken,«
sagten ihre Gesichter. Da fing sie plötzlich an zu lachen, und lachte
und lachte, und hielt sich die Hände vors Gesicht und die Locken fielen
ihr drüber her. Und kein Mensch wußte, warum sie lachte, und sie
fragten und fragten, und lachten endlich mit und wußten auch nicht,
warum, und als Frau Judith ihr die Hände vom Gesicht zog, da waren sie
naß, über und über.
»Behüt uns,« sagte Frau Judith leise, und dann fing sie an, zu
erzählen, was sie von ihrem Fenster aus gesehen habe all' die Zeit
daher.
Sie kam nie mehr hinunter, seit sie ein hölzernes Bein und eine Krücke
hatte, das war schon 10 Jahre her. Meister Nössel war ihr Bruder. Er
hatte sie sich da herauf geholt, nachdem man ihr im Krankenhaus das
Bein abgenommen hatte. »Und das ist ein solches Stück Arbeit gewesen,«
sagte sie und meinte nicht ihr Unglück, sondern die Reise auf den Turm,
daß ich nun hier oben bleibe, bis mich einmal die schwarzen Männer
holen. Es sei denn, fügte sie hinzu, »der Turm falle vorher ein, was
aber nicht wahrscheinlich ist. Da käme ich dann freilich schneller
hinunter als ein Vogel fliegt.« Sie war in diesen Jahren und bei der
sitzenden Lebensweise ungeheuer in die Dicke und Breite gegangen und es
war ein gruselig machender Genuß, sich auszudenken, wie das alles vor
sich ging. Es war alles, wie im Märchen; man konnte nie wissen, was mit
Frau Judith geschah und mit dem Meister Nössel und mit dem ganzen Turm.
Unten auf ebener Erde, da ging alles seinen nüchternen Gang. Aber hier
oben, es war nicht auszusagen, was man hier oben alles erleben konnte.
»Ja,« sagte Frau Judith, »und darum möchte ich auch nicht für Geld und
einen neuen Fuß wieder in die Unruhe da hinunter, wo man nicht weiter
sieht, als bis an die nächste Mauer. Wenn man nun zehn Jahre hinter
einander hat am heiligen Abend die Christbäume im Himmel brennen sehen.
Ja, im Himmel, und das ist sicher, denn von hier aus sieht man mitten
hinein, wenn man rechte Augen hat und die Zeit nicht verpaßt, wo er
offen ist.«
Daran war nicht zu zweifeln. Und wenn auch Gertrud hie und da den
klugen Kopf schüttelte, im Grunde glaubte sie es doch. Um es recht zu
sagen: es war wie im Märchen vom unsichtbaren Königreich. Die Königin
ging an Krücken und kochte mühselig in irdenen Töpfen im Ofen, und der
König war ein zusammengesessenes Männlein und flickte den Leuten die
Hosen. Und die meisten Leute wußten nicht, daß sie ein Land hatten und
ein Reich. Aber das tat nichts zur Sache. Das konnten die Leute halten,
wie sie wollten. Man konnte daran nur sehen, daß sie nicht desselben
Landes waren. Die beiden wußten es selber und das war die Hauptsache.
Der Rektor Cabisius wußte es auch, und seine Frau, und der alte
Korbmacher Hollermann. Und die Kinder, die fast am besten, obgleich sie
keinen Namen dafür hatten.
Da saß denn die Frau Judith Tag für Tag an ihrem Fenster und nähte.
Und dann kam die Sonne herauf und lachte, übers ganze Gesicht, zu ihr
herein, und dasselbe tat Frau Judith, zu ihr hinaus. Und die Spatzen
kamen, die ihr Nest an der Dachrinne hatten, und die Schwalben strichen
hin und her und schwatzten von ihren Erlebnissen, und im Winter, wenn
sie fort waren, hockten doch die Raben flügelschlagend auf dem Dach
und holten sich mit Geschrei die Brocken, die ihnen Frau Judith zuwarf.
Zuweilen kam eine große, schwarze Katze und guckte mit blanken, grünen
Augen ins Fenster und machte einen Buckel und stellte den Schwanz in
die Höhe. Und alle diese Geschöpfe wußten so viel zu erzählen, von
den Leuten im Städtlein unten weniger, aber sonst eine ganze Menge
wunderbarer Sachen, und das taten sie sonst niemanden, als nur der
Frau Judith und etwa, der Verwandtschaft halber, ihrem Bruder; und
daran »konnte man es mit Pelzhandschuhen greifen«, wie der Rektor
Cabisius sagte, »daß etwas Besonderes an ihnen sei.« Am Abend war es
noch viel wunderbarer. Da kam der Mond und füllte die Stube bis in den
letzten Winkel mit seinem Licht, »und,« sagte Frau Judith, »wenn wir
noch eine zweite hätten, dann bekämen wir die auch noch voll, aber wir
haben nur die eine, und das ist gerade gut, denn dann haben wir alles
näher beieinander.« (Es war fast alles »gerade gut«, und das sei das
königlichste an der Frau Judith, sagte ihr alter Freund, der Rektor,
und da er sie so genau kannte, so mußte er es ja auch wissen.)
Da glänzte dann die ganze Gegend in einem silbernen Schimmer, das ganze
Tal war wie ein leise wallendes Meer von geheimnisvollen, verhaltenen
Lichtfluten; das Städtlein und die Wiesen und Berge und Wälder, alles
ruhte auf dem klaren Grund und die Flut ging hoch darüber hin. »Und da
ist es denn, als sollte man mitschwimmen,« sagte Frau Judith zu den
Kindern, »zum Fenster hinaus und ganz weich und sachte durch die Luft,
nicht fliegen, schwimmen. Aber seht ihr, ich bin zu schwer dazu, das
ist der einzige Grund, warum ich's nicht tue. Aber das kommt noch.«
Und die Kinder horchten, mit großen Augen sahen sie in Frau Judiths
Gesicht. Ja, die war freilich anders, als andere Leute. Man konnte nie
wissen, was mit ihr noch geschehe. Sie wußten auch wohl, daß oben, ganz
weit oben über den Wolken der liebe Gott sitze und, Meister Nössel
hatte es gesagt, direkt durch die Fenster hier in die Stube sehe, da
man sich denn freilich wohl in acht nehmen müsse, daß alles mit Ehren
zugehe, weil man ihm ja doch nicht unter die Augen treten möchte mit
irgend einer zweifelhaften Sache.
Ob denn, fragte Georg einmal, der liebe Gott auch in die Taschen sehe?
Es war ihm nicht recht behaglich dabei, das konnte man ihm ansehen.
»Natürlich,« sagte Meister Nössel, »in die Taschen, und durch und
durch.« Da drückte sich der Bub so an der Wand hin und suchte mit guter
Manier zur Tür hinaus zu kommen, und polterte die Treppen hinunter, daß
er sich fast überschlagen hätte. Unten aber auf dem Kirchplatz gab er
Kindern und Hunden ein Fest mit zerdrückten, verkrümmelten Eierwecken,
die er sich aus der Backstube gemaust hatte und die ihm plötzlich die
Taschen verbrennen wollten. Es war ihm noch nicht so ganz wohl dabei,
er hätte sie am liebsten wieder nach Haus getragen. Aber wer konnte sie
so noch gebrauchen? Auch war niemand da, bei dem man eine Lossprechung
von dem unbehaglichen Gefühl erhoffen konnte, das sich da auf einmal
eingestellt hatte. Da mußte es denn auch so gehen. Er kehrte die
Taschen um, daß der liebe Gott so recht deutlich sehen konnte, es sei
nichts unrechtes mehr darin, und dann ließ er sie fröhlich heraushängen
und erstieg neuerdings die Höhe mit verhältnismäßig gereinigtem
Gewissen.
Meister Nössel schien nichts gemerkt zu haben. Er saß auf seinem Tisch
und flickte einen Arbeitskittel, und als das geschehen war, putzte
er noch die Flecken heraus, mit Wasser und grüner Seife, und bügelte
die Runzeln glatt, und es war nichts zu verbergen, in der ganzen Stube
nicht. Und das war eine so fröhliche Sache, daß man den lieben Gott
wohl einladen konnte, zuzusehen. Meister Nössel aber blinzelte zu Frau
Judith hinüber, und sie zu ihm. Und er nahm die Brille ab, deren er nur
in der Nähe bedurfte, und sah mit hellen Augen über sein Königreich
hin. Das reichte, so weit man sehen konnte, und noch weiter, und die
Beiden nahmen es niemanden weg und niemand hatte einen Schaden davon.
Denn es war ihnen alles zu eigen, weil sie sich an allem zu erfreuen
vermochten. Und sie »fülleten die Erde und machten sie sich untertan«
mit ihren stillen und fröhlichen Gedanken; und alle guten Geister
halfen ihnen dazu.