Es erkälte sich niemand, wenn unmittelbar nach diesem linden,
sonnigen Tag im Frühling von Schnee und Eis, Nordostwind, knarrenden
Wetterfahnen und Neujahrsglückwünschen die Rede ist. Denn man kann
sich ja ebensowohl die Seele erkälten, als den Leib bei solch einem
schroffen Wechsel. Und der Leser teilt nicht den Vorzug, den die Leute
von Wiblingen haben, daß nämlich seit dem letztgenannten Tage alle
Jahreszeiten in guter Ordnung an ihnen vorbeigezogen sind, wie das in
dem Kreislauf der Dinge liegt, der sich seit den Tagen Noahs nicht
geändert hat. Die Erde hat seitdem einige Male ihre gewiesene Bahn um
die Sonne gemacht, und es liegt jetzt der Winter über der nördlich
gemäßigten Zone.
* * * * *
Unter der Tür von seines Vaters Haus stand ein Bub von zehn Jahren. Er
hatte einen kurzen, steil aufstrebenden Haarschopf, blaurote Ohren und
ein vergnügtes Gesicht. Die Hände hatte er in den Taschen vergraben. Er
sah nicht aus, als ob er sie an diesem sicheren Zufluchtsort zu Fäusten
geballt hielte.
Auf der Straße lag ein frischer Schnee, der über Nacht gefallen war.
Am Himmel hing weißes, zerrissenes Gewölk und dazwischen sah ein
kräftiges, reines Blau heraus. Es fuhr ein scharfer, lustiger Wind
durch die Straßen. Er wirbelte einzelne Schneeflocken in der Luft
umher, bis er ihnen gestattete, sich zu ihren Vorfahren zu versammeln
und tat sehr herrisch, weil er zugleich mit dem neuen Jahr in Wirkung
getreten war.
Dem Jungen gefiel es nicht übel bei diesem Zustand der Welt. Er ließ
sich auf die Nase schneien und pfiff dazu vor sich hin. Über ihm
baumelte an einem eisernen Haken die große, goldene Bretzel, die das
Abzeichen des Hauses war. Der Wind spielte mit ihr und sie knarrte
beim Hin- und Herschwanken wie ein ungeöltes Wagenrad. Er hieß Franz
Ehrensperger und sein Vater hieß auch so, und vor ihm hatte dessen
Vater und Großvater auch so geheißen. Und über ihnen allen hatte die
goldene Bretzel gebaumelt und im Winde geknarrt und sie war von jeder
neuen Generation frisch vergoldet worden. Die Ehrensperger hatten es
dazu. Sie hatten von jeher ihr Brot zu backen gewußt, wie es sich
gehörte und ihre Mitbürger erkannten das auch an. Es war zu erwarten,
daß auch Franz der Junge in späteren Jahren die Bretzel neu vergolden
würde; es lag gar kein Grund vor, etwas anderes anzunehmen.
Und so konnte er an diesem Neujahrsmorgen wohl mit Seelenruhe ins
Wetter schauen und, wenn ihm die erfreuliche Gegenwart nicht genügte,
auch in eine erfreuliche Zukunft blicken, die wie eine weiße, saubere,
wohlgeebnete Landstraße vor ihm lag und an der es freundliche Rastorte
zur Rechten und zur Linken gab.
Es ist nicht gesagt, daß er es getan habe. Der Erbe des Hauses
Ehrensperger war nicht so veranlagt, daß er allzuweit in die Ferne
gesehen hätte und mit neun Jahren pflegt man das auch nicht zu tun.
Jungfer Liese tat es für ihn; und sie tat es mit Wohlgefallen, mit
innerlichem Schmunzeln. Sie stand hinter dem Ladentisch und verkaufte
die Neujahrsbretzeln und legte den honorigen Kunden noch eine
extra obendrauf zusamt dem Prosit Neujahr, das sie mit wohlwollend
zugespitztem Munde im Namen der Firma aussprach. Und lächelte breit
und sonnig, wann die Kundschaft ebenfalls ihre Glückwünsche hergab
und legte sie alle säuberlich auf die Seite, einen zum andern,
nicht für sich, behüte, für das Haus, und für den Franz besonders.
Es war eine stattliche Anzahl von Bretzeln, die sie verkauft, und
von Glückwünschen, die sie eingeheimst hatte, Jungfer Liese konnte
schon mit Behagen um sich blicken. Drinnen in der Ladenstube saß
Franz Ehrensperger, der Ältere, und hielt einen kleinen Nicker im
Großvaterstuhl. Das runde Haupt mit dem Doppelkinn ruhte auf dem
Brustlatz der weißen Schürze, die Hände waren auf dem stattlichen
Bauch gefaltet, er drehte noch halb im Traum die Daumen umeinander,
dann hörte auch diese Bewegung auf. Über ihm an der blauen Tapetenwand
hingen ein paar Öldruckbilder, ein Ritter und ein Edelfräulein; sie
sahen einander mit feurigen Blicken an. Der Mann unter ihnen schlief
in Gelassenheit und Jungfer Liese sah ihm durch das Guckfenster in der
Zwischentür zu, es war ihr erbaulich zu Mute.
Sie war vor zwei Jahren ins Haus gekommen, eine arme Base des
Hausherrn, aus einem ärmlichen, mageren Leben heraus, selbst ein
leibarmes Persönchen, das, wie der Herr Vetter in einer scherzhaften
Stunde sagte, »wohl hätte eine Gais zwischen den Hörnern küssen
können.« Seither war ihr außer einigen Anfängen zur körperlichen
Rundung ein unbegrenzter Respekt gegen alles, was nahrhaft, wohlhabend
und stattlich aussah, angewachsen. Sie bewegte sich ehrfürchtig
zwischen den Mehlsäcken und Brotschränken des Hauses und wenn sie mit
dem Inhalt der ledernen Geldtasche klimperte, so tat sie es verstohlen
und mit Furcht vor böser Hoffart.
Es stolperte etwas die Treppe vom Oberstock herunter und dann kam ein
kleiner Ehrensperger herein, der jüngere Sohn des Hauses. Er hieß Georg
und seine Zukunft war noch nicht so über jeden Zweifel hinaus klar und
sichergestellt wie die seines Bruders. Es hatte noch Zeit dazu, denn
er war erst acht Jahre alt, aber das hinderte Jungfer Liese nicht, ihn
zuweilen mit einigem Mitleid zu betrachten, weil er ja doch später
einmal ins Leben hinaus mußte, Gott mochte wissen, wohin. Inzwischen
tat sie ihre Pflicht an ihm. Es wäre ein anderer Grund zum Mitleid
vorhanden gewesen, da nämlich die Mutter der Kinder seit Jahren fern
von ihrer Familie in einer Anstalt lebte und kaum eine Aussicht war,
daß sie je wieder einmal gesunden Geistes zu den Ihrigen zurückkehre.
»Aber,« sagte diese ihre Stellvertreterin, wenn die Rede drauf kam,
»ein Kreuz ist ein Kreuz, der Herr Vetter muß es tragen, und er trägt
es auch, das muß man ihm lassen. Die Kinder vermissen nichts. Denn
erstens sind sie zu jung dazu, und zweitens bin ich da.« Und sie
spitzte den Mund zu einem bescheidenen Lächeln und schluckte alles
Lobenswerte, das sie über sich selbst zu sagen gehabt hätte, hinunter,
doch so, daß es der Beschauer wenigstens ahnen konnte. Georg wollte
durch den Laden eilfertig ins Freie entwischen. Aber seine Ziehmutter
hatte erst noch Pflichten an ihm auszuüben. »Halt,« sagte sie und
faßte ihn am Grips, »an diesem heiligen Neujahrsmorgen willst du mit
Mehl am Ärmel und einem solchen Strobelkopf hinaus? Und in der Küche
bist du mir gewesen und hast einen Rußfleck am Kinn.« Und sie begann
ihn zu säubern und zu bürsten, und machte des Rußflecks halber ihren
Schürzenzipfel auf sehr natürliche Art feucht. Der Junge tat borstig,
wie ein Igel, aber das half nichts, er mußte aushalten. »So,« sagte
Jungfer Liese und gab dem aufrechtstehenden Haar des Buben noch einen
Strich nach hinten, »so, jetzt bist du sauber, um und um. Paß' auf,
verlier' dein Sacktuch nicht wieder, wie gestern. Und ungebetet kommst
du mir auch nicht hinaus. Das walte Gott der Vater und der Sohn und der
heilige Geist. So leg' doch die Hände zusammen, Bub', es hat keine Art,
dazu mit den Füßen zu trippeln.«
Es ist betrüblich zu sagen, aber Georg lief ihr unter den Händen weg,
eh' sie noch Zeit gefunden hatte, ihre Ermahnung zu beendigen.
Draußen rief eine helle Stimme seinen Namen. Da tat er einen Ruck und
schlüpfte hinaus. Jungfer Liese stand und schüttelte den Kopf, und mit
ihr schüttelt ihn vielleicht mancher, der es liest.
Und es ist nur zu hoffen, daß wir zu einer anderen Zeit erfahren, daß
noch allerlei Gutes in dieses junge Leben hereinkam, dem es nicht unter
den Händen weglief, und daß sich noch andere Hände fanden als die
der braven Jungfer Liese, um es ihm darzureichen. Denn es war nicht
jedermanns Meinung gleich der ihrigen, daß die Kinder der traurigen
Frau, deren Geist hinter schweren Riegeln saß, keinerlei Mangel an
irgend einem Gut aufzuweisen hätten.
»Georg,« rief es noch einmal, »komm schnell, sonst kommen wir zu spät
zum Läuten, es muß gleich anfangen.«
»Natürlich,« sagte Jungfer Liese hinter ihrer Ladentür, »natürlich, ist
mir doch das Mädchen, die Gertrud, schon wieder auf der Gasse, und
stapft durch den Schnee wie ein Storch, in ihren roten Strümpfen. Und
Röcke bis an die Knie, und alles fliegt an ihr, das Haar am meisten.
Behüt' mich. Wenn ich ihre Großmutter wär'.« Es verlautete auch diesmal
nicht alles, was sie zu sagen hatte, vielleicht versagte ihr die
Phantasie, wann sie versuchte, sich an die Stelle der Frau Rektorin
Cabisius zu versetzen.