Erstes Kapitel

Es sind allerlei Leute, die sich in diese Geschichte hereindrängen.

Es ist eine ganze Versammlung von Leuten, alten und jungen, und es

ist gar nicht leicht, sie alle an den richtigen Platz zu stellen.

Da sind wohl solche darunter, die warten könnten, bis die Reihe an

sie käme. Zum Beispiel der Rektor Cabisius, der mit seinen heitern,

milden, jungen Augen durch den Garten geht und mit siebzig Jahren noch

an die Freude glaubt, oder »jetzt erst recht«, wie er selber sagt.

Und der Turmwächter und Schneidermeister Nössel und seine Schwester,

Frau Judith, die so wunderbare Dinge sah, und der alte Hollermann, und

immer noch mehrere, da nun das Tor offen ist. Da ist der alte Hirt,

der dreimal über den Stock sprang, wenn er sein Morgengebet verrichten

wollte, und der sinnige Küfermeister Riedel, von dem auch einiges zu

sagen sein wird. Sie alle könnten wohl warten, bis die Reihe an sie

kommt, denn das Warten haben sie unter andern guten Tugenden durch ein

langes Leben hindurch gelernt und wenn sie gefragt würden, so würden

sie sagen, wie so oft im Leben: nur immer die Jugend voran. Wir Alten

gehen gern einen sachten, behaglichen Schritt, und dann: es ist auch

besser, die Jungen im Aug' zu behalten. Und die Frau Rektorin Cabisius

würde nach ihrer Gewohnheit ein paar rasche, trippelnde Schritte

machen, dem Mittelpunkt zu, und dann wieder stehen bleiben und ihrem

Mann zunicken: so komm doch, Alter. Ich sehe nicht ein, warum du dich

so hinten hältst. Und dann würde sie selber zu ihm zurücktreten und

nur die kleine Gertrud vorschieben und mit bescheidenem Stolz sagen:

das Kind hat heute seinen ersten Schritt gemacht; das darf nicht

übergangen werden.

So soll nun die Frau Rektorin Recht behalten, und der erste Schritt in

das Buch hinein soll auch von einem ersten Schritt ins Leben hinein

handeln. Und die andern mögen ihm zusehen, und es wird nach und nach

ein jedes seinen Platz in der Geschichte finden, die einen kommend,

die andern gehend, ganz wie im Leben draußen auch. Und es wird Lichter

und Schatten darin geben und zuletzt wird die Sonne über die Schatten

siegen, wie das so ihre Art ist.

* * * * *

Es ist wohl der Mühe wert, von dem ersten Schritt zu reden. Da ist so

eine lange, lange Bahn, es ist nicht zu sagen, wieviel Schritte darauf

zu tun sind. Und niemand weiß, wann er sie zum erstenmal betritt, was

er auf ihr finden wird. Wo sollte sonst ein junges Menschenwesen den

Mut hernehmen, sich auf die Füße zu stellen und sich auf den Weg zu

machen?

Der Frühlingssonnenschein lag auf der alten Stadtmauer, auf den

Giebeldächern des Städtchens und auf den Gärten, die in der Hut der

Stadtmauer und der Giebeldächer lagen und sich darauf besannen, daß es

ein schönes, festliches Ding um Frühling, Leben, Werden und Wachsen sei.

Die Luft war voll Schwalbengezwitscher und Starengeschwätze. Auf dem

Kirchendach klapperten die Störche, in den Blüten der Frühkirschenbäume

summten die Bienen wie toll vor ausgelassener Daseinsfreude. Eine

Katze schnurrte auf dem Bretterzaun. Es war kein übler Zeitpunkt, den

ersten Schritt zu wagen.

»Freude, Tochter aus Elysium,« sang die Schöpfung und ließ alle

Instrumente dazu klingen. Es war ihr einerlei, daß es Leute gab, die

behaupteten, es sei nicht der Mühe wert, in diese Welt herein geboren

zu werden.

Der Rektor Cabisius gehörte nicht zu ihnen. Er ging in den

sonnigen Wegen auf und ab, besah sich seine Obstbäume, wie sie mit

ausgebreiteten Armen auf ihren Frühling warteten, paffte große und

nicht besonders zierliche Rauchwolken aus seiner langen Pfeife, und

nahm ab und zu diese Pfeife aus dem Mund, um damit irgend eine Melodie

zu taktieren, die ihm durch den Sinn zu gehen schien. Vielleicht war es

dieselbe Melodie, die durch die Luft schwirrte; wer kann das wissen? Er

sah nicht aus, als ob er irgend jemandem hätte den freundschaftlichen

Rat erteilen mögen, nicht in diese Welt herein geboren zu werden.

Sein Haar war grau; auf der Stirn lagen ein paar tiefe Querfalten, und

unter den Augen hatte er unzählige feine Fältchen, ein ganzes Heer von

Fältchen.

Aber was waren das für junge Augen, warme, lebendige, ungetrübte, die

zwischen den Fältchen heraus sahen, so, als ob sie sagen wollten: »Ach,

das ist ja alles nur äußerlich, das Alte, Graue, Faltige, Mitgenommene.

Wenn ihr da innen hinein sehen könntet, wie da Leben ist. Aber das

könnet ihr nicht.«

Ihn freute der Frühling. Er nahm sich das Recht dazu, sich zu freuen

trotz allerlei trübem, das ihn durchaus aus dem Winter herüber

begleiten wollte. Und es ist nicht zu sagen, wieviel Trauriges ein

ehrlicher Mensch, der es von Herzen mit der Freude halten will, durch

sie besiegen kann. Die lieblichsten Frühlingswunder zeigt sie ihm,

und ein solches zeigte sie ihm jetzt eben, als er stillstehend nach

dem grünen Rasenfleck hinübersah, wo auf einem ausgebreiteten, großen

Tuch ein kleines Menschenkindlein saß. Es krabbelte mit den Händchen

nach den rosa Blütenblättern, die der junge Pfirsichbaum über ihm von

Zeit zu Zeit niederschweben ließ. Und als sich einige davon etwas zu

entfernt niederließen, da kam ihm das Verlangen, sie zu holen.

Und da geschah es, daß das Kindlein seinen ersten Schritt auf dieser

Erde machte, den ersten von so vielen, die ihm zu tun vorbehalten waren.

Die runden Händchen faßten den schlanken Stamm als Stütze, und als die

Füße fest standen, etwas gespreizt und unsicher freilich, aber doch

wirklich und wahrhaftig auf dem Grund, da ließen die Händchen los. Und

da geschah der erste Schritt.

Der Großvater sah ihm zu. Er klopfte die Pfeife aus, legte die Hände

auf den Rücken und sah in das blühende Wunder hinein, still, und ein

wenig bewegt, und ein wenig belustigt. Das war so etwas Selbständiges,

was da vor seinen Augen geschah, da regte sich so eine junge, sichere

Kraft, die etwas werden wollte. Mit ernstem Gesicht vollbrachte die

kleine Enkelin ihre brave Tat.

Aber dann kam die Angst über sie. Da war solch ein großer, leerer

Raum, in den sie sich hineingewagt hatte; darin war sie so allein. Sie

streckte die Händchen aus und wußte nicht weiter.

Nun war es Zeit für das Alter. »Da,« sagte der Großvater und trat

vollends heran. Er streckte sein langes Pfeifenrohr aus. »Halt's fest,«

sagte er. Da schlossen sich die kleinen Fingerchen darum, da kam nun

die Sicherheit wieder, die im Alleinsein so kläglich vergangen war.

Da war ja nun eine Stütze, und der unendliche Raum war liebevoll

ausgefüllt durch ein Menschengesicht.

Und nun machten die beiden jungen Leute eine große, große Wanderung

mitsammen, wohl fünf, sechs Schritte, und immer das Pfeifenrohr

zwischen ihnen als Halt und Leiter. Dann nahm der alte Herr das

kostbare, kleine Menschenwunder in die Arme, und sah zu, wie es über

das ernsthafte Gesichtchen flog, wie lauter Sonne; da war ein Leuchten

des Glücks zu sehen; bis unter die braunen Härchen auf dem runden,

weichen Kinderkopf alles ein Lachen und ein Stolz.

»Ja, ja,« sagte er, »ja, ja, das hätten sie sehen sollen,« und er

meinte damit nicht die Leute im Städtchen, die Nachbarn und Freunde,

sondern zwei andere Menschen, die vor allen hierhergehört hätten.

»O du Symboliste,« sagte seine kleine, heitere, behende Frau, als sie

später las, was ihr Mann in das Büchlein geschrieben hatte, in dem er

denkwürdige Ereignisse zu verzeichnen pflegte, »o du Symboliste,« das

sagte sie öfters, wenn er mit weitsichtigem Blick in die Lebensfernen

in den kleinen Geschehnissen des Tages wie durch einen Spiegel den

tiefen Sinn des Lebens sah. Das war ihm eigen, und sie war stolz auf

ihn und liebte ihn, gerade so, wie er war. Aber darum konnte sie es

doch nicht unterlassen, ihn zu necken. Es hätte ihm auch gefehlt, wenn

sie es eines Tages nicht mehr getan hätte.

Der Eintrag in das Büchlein aber lautete:

»Das war nun der Anfang. Sie hat sich tapfer auf den Weg gemacht,

allein und ohne Hilfe. Das ist gut und nötig. Es wird noch oft nötig

sein, daß sie das tut. Aber, o du Kind meines Kindes, mögest du nie im

Alleinsein des Lebens vergeblich die Hände ausstrecken nach einem, der

dir die Leere fülle.«

Jetzt eben kam die Frau Rektorin eilfertig durch den Küchengarten

geschritten und trat zu den beiden. Sie hatte graues Haar, wie ihr

Gatte, und äußerlich betrachtet, hatte sie keinerlei Grund, so

strahlend auszusehen, wie sie es wirklich tat. Es lag eine traurige

Geschichte in dem Lebensjahr, das die kleine Gertrud schon hinter sich

hatte.

War nicht ihr Vater der jüngste Sohn der beiden alten Leute und seiner

Mutter Liebling gewesen? Und hatten nicht beide Eltern das junge

Pflänzchen auf Erden zurückgelassen, nachdem sie es in die Hut der

Alten gegeben hatten?

Was für ein wackerer Helfer ist doch ein Kinderlachen, wenn es

gilt, über so viel Leid und Sorgen hinüber wieder froh und jung und

hoffnungsvoll zu werden.

Es war ein Festtag heute. Die Großmutter erfuhr das fröhliche

Geschehnis und wollte es auch mit ihren eigenen Augen sehen; und als

das geschehen war, da stimmten die drei, wenn's erlaubt ist, so zu

sagen, ein Terzett an, das mit reinen Tönen in das Frühlingsorchester

hinein klang: »Freude, schöner Götterfunken!« Gertrud fing an. »Mama,

Mama,« rief sie, und darauf folgte allerlei Kauderwelsch, das man nicht

widergeben kann.

Was die beiden Alten dazu taten, eignet sich gleichfalls nicht für den

Druck, und so muß auch der Text hier verschwiegen bleiben und, zusamt

der Melodie, dem Ahnungsvermögen derer überlassen werden, die gleich

dem Herrn und der Frau Rektor schon die Sonne haben durch Tränentropfen

hindurch scheinen sehen.

Alle guten Geister...: Roman · 第 5 / 53 题