Wachtmeister Krohn, der Regimentsschreiber.
Behaglich rauchte er seine Morgenzigarre und las die »Deutsche Zeitung«,
welche der Briefträger soeben für den Oberst abgegeben. Mit der Arbeit
eilte es nicht sonderlich, denn der Oberst war zum Exerzieren
hinausgeritten, und an solchen Tagen pflegte auch der Adjutant den
versäumten Nachtschlaf etwas gründlicher nachzuholen.
Krohn hatte sich gerade in den Inseratenteil der Zeitung vertieft, als
Wachtmeister Schönemann mit schleppendem Säbel, eine Zigarette zwischen
den Lippen, zu ihm herantrat. --
»Morjen, Herr Kommandeur!« redete er Krohn scherzend an, »was gibt's
Neues? Ist die Blechschmiede noch nicht im Gang?«
»Nee,« antwortete der Gefragte gleichfalls scherzend, »die Schmiede sind
noch unterwegs, es ist auch noch kein Blech von der Post gekommen.
Übrigens, weißt du das Neueste? Ich hätt's fast vergessen!«
»Nee. Hab ich einen Orden gekriegt?«
»Das gerade nicht, aber König sitzt in Untersuchungshaft.«
»Was? König? Potzdonnerwetter! Was hat denn der ausgefressen?«
»Er soll so'n bißchen in die Schwadronskasse gegriffen haben. Hätte der
reiche Kerl auch nicht nötig gehabt!«
»Deuwel ja, das hätte ich auch nicht gedacht, gerade von dem nicht! Wie
ist denn das rausgekommen?«
»Habe keine Ahnung! Der Oberst muß wohl etwas erfahren haben. Er hat ihn
gestern Nachmittag oben in sein Zimmer gerufen und ihm die Geschichte
auf den Kopf zugesagt. Ich guckte durchs Schlüsselloch und sah, wie der
arme Kerl ganz blaß wurde und gleich die Bücher holen wollte. Der Oberst
ließ sich aber auf nichts ein und ließ ihn festsetzen!«
»Aber die haben doch sonst so gut zusammen gestanden?«
»Natürlich! Es muß eben was dran sein an der Geschichte, sonst hätte der
Oberst die Sache vielleicht anders angegriffen, besonders, da er ja
selbst verflucht auf der Kippe steht. Diese neue Schweinerei bricht
ihm's Genick.«
»Na, ich glaub noch nicht dran, bis ich's Schwarz auf Weiß habe. So was
tut König nicht! Der Oberst ist ja immer gleich aus Rand und Band und
freut sich förmlich, wenn er einem an den Kragen kann. Das soll
»schneidig« aussehen!«
»Na, wir werden's ja sehen!«
* * * * *
Oberleutnant Borgert hatte es als seine letzte Aufgabe betrachtet, dem
Rittmeister König für jenen Brief, mit welchem dieser sein
Darlehnsgesuch abgewiesen hatte, ein Andenken zu versetzen.
Die ihm bekannte, vermeintliche Tatsache schien ihm ein geeignetes
Werkzeug zur Rache, und so hatte er denn durch gelegentliche Bemerkungen
im Kameradenkreise dafür gesorgt, daß das Gerücht immer mehr
durchsickerte. Schließlich hatte die Rederei und der Klatsch solchen
Umfang angenommen, daß nichts übrig blieb, als der Sache auf den Grund
zu gehen.
König aber hatte keine Gelegenheit gefunden, sich selbst von dem
ungeheuerlichen Verdachte zu reinigen, denn ihm gegenüber ließ man nie
ein Wörtchen darüber fallen. Borgert hatte es fertig gebracht, eine
allgemeine Mißstimmung gegen den sonst so beliebten Herrn zu erregen,
und da dieser darauf nur mit einer kühlen Zurückhaltung antwortete,
waren die Sympathien für ihn keineswegs gewachsen, vielmehr freute sich
ein jeder im Stillen, daß es nun einen Sündenbock mehr gab.
Leutnant Bleibtreu hätte vielleicht seinen Schwadronschef rechtzeitig
von dem umlaufenden Gerüchte in Kenntnis setzen können, aber da er sich
gerade auf Urlaub befand und mit den gleichalterigen Kameraden keinen
Briefwechsel pflegte, erfuhr er erst durch König selbst von dem
traurigen Ereignis.
Gegen Gestellung einer hohen Kaution hatte man König aus der Haft
entlassen, und so konnte er denn, vom Dienste suspendiert, in seiner
Wohnung den Ausgang der Sache abwarten.
Anfangs war er fassungslos. Nach fünfzehnjähriger, vorwurfsfreier
Dienstzeit beschuldigte man ihn eines gewissenlosen, gemeinen Vergehens,
auf die Rederei eines moralisch verkommenen und von jedermann
belächelten Menschen hin, der ihm nur zu Dank verpflichtet war.
Wo blieb das Vertrauen, die gute Kameradschaft, die man ihm sonst
entgegen gebracht? War es nicht Pflicht der Vorgesetzten, diese für
seine Verhältnisse höchst unwahrscheinliche Tatsache erst eingehend zu
prüfen, bevor man aus ihr eine Beschuldigung formulierte, die geeignet
war, seinen Ruf im Regiment und der ganzen Stadt völlig zu untergraben?
Hatte schon seine Verhaftung die übertriebensten Gerüchte und
Klatschereien in die Welt gesetzt, so mied man ihn jetzt förmlich als
einen Verbrecher, einen Verfemten, und zeigte mit Fingern auf ihn und
seine Familie.
Nur Bleibtreu war fest von der Unschuld seines Freundes überzeugt, er
kannte den Mann zu genau, als daß er auch nur einen Augenblick an
König's Schuld glauben konnte.
Er brachte dies zum Ausdruck, indem er täglich, offenkundig vor aller
Welt, König's Wohnung aufsuchte und die Abende im Kreise seiner Familie
verbrachte.
Er schloß sich ihm auf seinen einsamen Spaziergängen an und setzte
diesen Umgang auch fort, als man ihn seitens des Regiments vor König
warnte und ihm die Kameraden sein Verhalten dadurch lohnten, daß sie ihn
ebenfalls mieden und eine feindselige Stellung gegen ihn einnahmen.
Alle Anfeindungen jedoch vermochten nicht, ihn in's Wanken zu bringen,
er hätte es für feige und niedrig gehalten, einen Freund im Unglück zu
verlassen, der ihn in guten Tagen zu Dank verpflichtet.
Auch das gesamte Unteroffizierkorps des Regiments war bis zum gemeinen
Mann hinab empört über die Art und Weise, wie man einen beliebten
Vorgesetzten ins Unglück stürzte, und dies kam zum Ausdruck durch
häufige Besuche einzelner Untergebener bei dem Rittmeister.
Selbst das Zivil, welches sich vom Oberst und den Herren des Regiments
fast ganz zurückgezogen hatte, war mit Ekel und Widerwillen erfüllt
gegen diese unwürdigen Zustände, und bezeugte seine Sympathie für König
in auffälliger Weise.
Durch alle diese Umstände lernte König allmählich etwas heller in die
Zukunft blicken, er tröstete sich über seine Lage mit dem Gedanken, daß
die Gerechtigkeit siegen und einst der Tag kommen müsse, da er mit jenen
zu Gericht ging, die ihm und seiner Ehre nahezutreten sich unterfingen.
Aber es war eine lange Geduldsprobe, die man ihm auferlegte.
Wäre der Fall ein solcher gewesen, daß er die öffentliche Meinung
interessiert, dessen Ausgang in weitesten Kreisen Spannung und Neugierde
erregt, vielleicht ein Totschlag, eine Mißhandlung oder ein ähnliches
schwerwiegendes militärisches Vergehen, so würde man sich beeilt haben,
durch schleunige Aburteilung die öffentliche Meinung zu beruhigen.
Hier aber schien es keine Eile zu haben; der Mann mußte eben ruhig
warten, bis man Zeit für seine Sache fand! Was machte es denn, wenn er
Monate lang in Ungewißheit schwebte und diese lange Zeit dem Gerede
übelwollender Leute immer von Neuem reichlichen Stoff zuführte?
So fand erst nach sechs Wochen das erste Verhör statt, in welchem König
Gelegenheit gegeben wurde, die ganze Angelegenheit aufzuklären und seine
Unschuld nachzuweisen.
Er sollte sich aber getäuscht haben in der Hoffnung, damit das Ende des
Prozesses nahe sehen zu dürfen, denn jetzt forderte man die Bücher der
letzten drei Jahre ein, um sie einer Prüfung zu unterziehen. Dazu
brauchte der Gerichtshof volle drei Monate.
Das Urteil in der Hauptverhandlung lautete auf Freisprechung.
Es war erwiesen, daß ein Eingriff in die Kasse der Schwadron nicht
stattgefunden, sondern ein solcher nur vorgespiegelt war, um die
Schwierigkeiten weiterer Geldbeschaffung darzulegen und so weitere
Darlehnsgesuche abschneiden zu können.
König selbst hatte einen anderen Ausfall des Urteils für ausgeschlossen
gehalten. Im Kameradenkreise rief dasselbe aber Ärger und Enttäuschung
hervor, Genugtuung und Freude dagegen bei allen denen, welche dem Hause
König wohlgesinnt waren und die Wahrheit der dem Rittmeister zur Last
gelegten Tatsachen von Anfangs her bezweifelten.
Als vier Monate später die Urteilsbestätigung eintraf, begannen die
Verhandlungen von Neuem, denn jetzt war es der Ehrenrat, welcher die
ganze Angelegenheit einer nochmaligen Prüfung unterzog, ob König
vielleicht in irgend einem Punkte die Standesehre des Offiziers verletzt
habe und somit seitens des Ehrengerichts etwa noch eine besondere
Bestrafung verdiene.
Daß nunmehr eine ungünstige Wendung der Dinge nicht mehr zu erwarten
stehe, sagte König die ruhige Überlegung, denn selbst für den Fall einer
Bestrafung konnte diese nur auf das Mindestmaß hinauslaufen und
bedeutete somit keinen nachteiligen Schaden.
Deshalb empfand der Rittmeister diese Zeit nicht mehr als eine Prüfung
des Schicksals, als eine Zeit der Ungewißheit, des Zweifels, sondern er
fühlte sich ganz wohl in dieser Ruhe und Zurückgezogenheit, nachdem er
sich einmal an sie gewöhnt.
Im Kreise seiner Familie kam er leicht über die Mißstimmung hinweg,
welche sich manchmal noch bei ihm einschlich, und er verbrachte den Tag
mit seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Klavierspiel, oder bei sonstiger
Unterhaltung.
Frau Clara hatte die schwere Zeit mit bewundernswerter Energie
überstanden.
Erst die beliebteste Dame des Regiments, verehrt und geschätzt von
allen, dann die Gattin des Mannes, auf den man mit Fingern wies als
einen Spitzbuben -- ein gewaltiger Schritt, wie er das stolze Gemüt
einer Frau nur zu demütigen und zu verletzen vermag.
Und doch war sie es, die stets von Neuem Sonne in die bedrückten Gemüter
scheinen ließ, die mit oft mühsam erkünstelter Fröhlichkeit die Wolken
der Sorge und der Verstimmung vertrieb.
Selbst Bleibtreu gewann in der Nähe dieser reizenden Frau stets seine
gute Laune wieder, wenn er einmal den Lebensmut ob dieser Wirrnis von
Gemeinheit und Widerwärtigkeit verlor.
Eines Tages trat er besonders niedergeschlagen bei Königs ein.
Schweigsam nahm er Platz am Abendtische, und selbst Frau König's muntere
Reden vermochten diesmal nicht, die Wolken von seiner Stirn zu
scheuchen.
Erst als man den kleinen Sohn des Hauses zu Bett gebracht und um den
runden Tisch in König's Arbeitszimmer saß, schlug der Rittmeister dem
Freunde auf die Schulter und sagte scherzend:
»Was machen Sie denn heute für eine Leichenbittermiene? Ist zu Hause der
Hafer schlecht geraten?«
Über Bleibtreu's Gesicht ging nur ein trauriges Lächeln, aber er
entgegnete nichts.
»Nun sagen Sie doch, Mensch, was haben Sie denn?« begann der Rittmeister
von Neuem.
»Mein Gesuch um Versetzung ist heute abschlägig beschieden worden,«
entgegnete der junge Offizier mit bedrückter Stimme.
König entgegnete nichts, auch seine Gattin schwieg und schaute nur
teilnahmsvoll auf ihren Freund.
»Und was gedenken Sie nun zu tun?« fragte der Rittmeister nach einer
Weile.
»Ich habe heute meinen Abschied eingereicht.«
Einen Augenblick sah das Ehepaar betroffen den Sprecher an, dann aber
streckte König seinem Freunde die Hand entgegen und sagte:
»Nun, daran haben Sie recht getan! Zwar bedaure ich Sie von Herzen, daß
Sie sich jetzt in einem neuen Berufe einleben müssen, denn Sie sind noch
jung, Ihr Leben ist noch lang. Aber ich verstehe die Beweggründe, welche
Sie zu diesem Schritt veranlaßt haben. Sie haben als junger Offizier
Dinge erlebt, die mich in meinen alten Tagen nicht weniger berühren, und
ich kann es begreifen, wenn Sie die Achtung vor dem Berufe verloren
haben, der Ihr bisheriges Leben ausgefüllt hat. Ich hätte Ihnen
gewünscht, in einer anderen Garnison, unter anderen Verhältnissen und
anderen Menschen erfahren zu können, daß es noch Offizierkorps gibt, in
denen man leben und sich dieses Lebens freuen kann. Da Ihnen dies aber
versagt ist, ist es das Beste, wenn Sie dem Soldatenstande den Rücken
kehren. Ich selbst hätte Ihnen den Rat schon früher gegeben, hätte ich
nicht Bedenken getragen, Sie zu einem Entschlusse zu drängen, den Sie
später bereuen könnten. Um Ihnen zu zeigen, daß ich aus Überzeugung
spreche, will ich Ihnen nur sagen, daß auch ich mich mit
Abschiedsgedanken trage.«
Diesmal war es Bleibtreu, der mit weit aufgerissenen Augen auf den
Rittmeister schaute.
»Aber warum denn?« brachte er erstaunt hervor, »Sie werden doch
versetzt!«
»Gewiß, ich werde versetzt. Aber mir geht es wie Ihnen: meine Achtung
vor dem Stande, dem ich fünfzehn Jahre in Ehren angehört habe, ist
dahin. Zwar habe ich in früherer Zeit bessere Verhältnisse kennen
gelernt, aber daß es in einem Offizierkorps Zustände geben kann, wie in
dem unseren, das hat mir gezeigt, daß ich nicht hineinpasse. Wer
verspricht mir, daß ich in einer anderen Garnison nicht Ähnliches
erleben muß? Außerdem kann ich wohl mit Sicherheit voraussehen, daß man
mich nicht in eine Residenzstadt stecken wird.«
»Und warum nicht?« fragte Bleibtreu.
»__Semper aliquid haeret__, mein Lieber, zu Deutsch: >etwas bleibt immer
daran hängen<, außerdem steht mir noch eine Bestrafung seitens des
Ehrengerichts bevor, also auch eine minderwertige Garnison.«
»Dann allerdings!« stimmte Bleibtreu bei.
»Sehen Sie,« fuhr König fort, »seit neun Jahren lebe ich nun in diesem
elenden Nest. Der reine Bauer bin ich geworden! Ja, es ist wirklich so,
wenn Sie auch lachen. Wenn man niemals mehr unter andere Menschen kommt
-- die paar Tage Urlaub spielen keine Rolle -- weiß man kaum noch, wie
man sich zu benehmen hat, und man lebt sich in nachlässige Formen und
Gewohnheiten ein, die der Kamerad aus Berlin oder Hannover abscheulich
finden würde. Der Kasinoton, den wir allmählich hier ganz normal und
selbstverständlich finden, würde in einer anderen Garnison unmöglich
sein, weil dort die Menschen mehr mit anderen, täglich mit neuen,
zusammen kommen, und so stets auf gute Sitten angewiesen sind. Stecken
aber dieselben Menschen das ganze Jahr zusammen, allein, für sich
abgeschlossen, dann lassen die Formen nach, und man wird schrittweise
ein Salonflegel.«
»Das ist ja nur natürlich, Herr Rittmeister! Man lebt hier wie in einem
Taubenschlag beisammen, und jeder hat natürlich nichts Besseres zu tun,
als seinem Nachbar auf die Finger zu sehen und sich in alles zu mischen,
was er tut und läßt, weil ihn andere Dinge nicht beschäftigen, einfach
weil es die in einer so kleinen Garnison gar nicht gibt.
Daraus entstehen dann diese ewigen Stänkereien, und dazu kommt, daß man
in diese weltvergessenen Nester oft Elemente setzt, die man in einer
anständigen Garnison nicht brauchen kann, aber nicht ganz hinauswerfen
möchte. Alle Augenblicke hört man: strafversetzt nach Mörchingen, Lyck
oder wie die Nester alle heißen.«
»Sehr richtig!« gab König eifrig zur Antwort. »Wer wo anders etwas
verbrochen hat, kommt meist in eine Grenzgarnison, um ihn unschädlich zu
machen. Man bedenkt aber nicht, das diese oft nicht einwandfreien
Elemente unter einander mehr Unheil anrichten, als wenn sie zwischen
einer mindestens gleich großen Zahl anständiger, tadelloser Kameraden
lebten.
Fast alle Skandalgeschichten in Offizierkorps passieren an der Grenze in
solchen Nestern, die meist erst dadurch bekannt werden, weil sie nur auf
großen Landkarten stehen.
Hätten nun wenigstens die Offiziere hier Gelegenheit, ihren eigenen
Wegen nachzugehen. Aber nein, sie sind gezwungen, fast nur im Kasino zu
verkehren. Anderweitige Abwechslung, wie sie größere Städte in Hülle und
Fülle bieten, gibt es nicht, und wer Lust hat, jeden Abend in derselben
Kneipe dasselbe Bier zu trinken und dabei stets das Gewäsch derselben
Menschen anzuhören, welches sich selten um anderes, als um langweiligen
Stadtklatsch dreht? Das kann einer auf die Dauer nicht aushalten, denn
die übrigen Kneipen des Ortes sind ihm verboten, weil sich Kreti und
Pleti darin herumtreibt. Man geht also in's Kasino und trinkt aus purer
langer Weile so lange, bis man genug hat, und dann entstehen die
berühmten Skandalgeschichten. Bei diesem ewigen Zusammenhocken muß es ja
zu Reibereien kommen, es sind doch schließlich alle verschieden geartete
Menschen mit verschiedener Auffassung und Erziehung. In einer großen
Garnison geht man nur ins Kasino, wenn man einen bestimmten Zweck damit
verbindet, denn die Langeweile kann man sich hier anders vertreiben, als
mit sinnlosem Gesaufe.
Und ist einer gar noch hinter den Weibern her, dann ist erst recht der
Teufel los. Sie haben ja hier die schönsten Beispiele: In einer
Großstadt bieten sich seinen Gelüsten genug von dieser Sorte an, hier
aber fehlen solche Existenzen, man vergreift sich also an den Frauen der
Kameraden.«
»Aber Offiziere müssen diese kleinen, meist sehr wichtigen
Grenzgarnisonen doch auch haben!« warf Bleibtreu ein.
»Gewiß,« entgegnete König eifrig, »man soll nur nicht so viele
Minderwertige dahin schicken, sondern in erster Linie einwandfreie
Offiziere mit anständiger Gesinnung und tadellosem Vorleben.
Und das ganz besonders, wenn man diese Grenzgarnisonen als so wichtig
bezeichnet, denn leichtsinnige Sumpfhühner werden in der Regel keine
brauchbaren Offiziere sein, wenn man im Ernstfalle erhöhte Anforderungen
an ihre Leistungsfähigkeit stellt.
Aber jeder hält es für eine ganz besondere Strafe oder wenigstens für
ein gewaltiges Pech, an die Grenze zu kommen, und schon das verleidet
ihm oft die ganze Lust am Soldatenspielen. Himmel und Hölle werden in
Bewegung gesetzt, um ja in einer anständigen Garnison zu bleiben. Der
Gardeoffizier oder der aus einem feudalen Regiment verlebt seine ganze
Dienstzeit herrlich und in Freuden in einer Großstadt. Warum vertrauert
unsereiner seine schönsten Jahre in so einem Drecknest?«
»Wahrscheinlich stößt man sich an den Kosten der Reisen durch viele
Versetzungen, die dann doch eine bedeutende jährliche Mehrausgabe im
Staatshaushalt bedeuten würden,« sagte Bleibtreu.
»Das ist kein Grund, wenn man ernstlich will, geht alles. Jährlich
strömen hunderte von Offizieren zu allen möglichen Kommandos in Berlin
zusammen. Wenn diese beendigt sind, kann man ja jeden in eine andere
Garnison schicken, dadurch entstehen nicht mehr Kosten, als wenn er in
sein Stammregiment zurückkehrt. Dafür kommen wieder andere Offiziere
nach Berlin, und diese dann wieder in andere Garnisonen. So gleicht sich
der Offizierersatz prächtig aus, für einen Offizier, den das X. Regiment
zur Ausbildung nach Berlin schickt, bekommt es einen Ausgebildeten
zurück, der früher in Y. gestanden hat. Außerdem könnte man alljährlich
außer der Reihe noch eine Auswechslung vornehmen, und dafür an einer
anderen Ecke etwas sparen.
Statt dessen aber besteht der Ersatz für Grenzgarnisonen, die außer
vielleicht ein paar Kadetten keinen Nachwuchs an Fähnrichen haben, zum
großen Teil aus Sündern und solchen, die sich in anderen Garnisonen
unmöglich gemacht haben, abgesehen von höheren Offizieren, welche ein
Grenzregiment für eine Auszeichnung halten, weil sie dann dem Feind am
nächsten sind und zuerst draufhauen dürfen, wenn es losgeht.
Aber auch das ist nur noch eine Illusion. Heutzutage, wo die Aussichten
auf einen Krieg immer geringer werden, steht der Vorzug, dem Feind am
nächsten zu sein, nur noch auf dem Papier.
Bei dem jetzigen System müßte es Grundsatz sein, keinen Offizier länger
als zwei, höchstens drei Jahre in einer Grenzgarnison zu belassen. Dann
würde sich die Armee vor viel Schaden sichern, sowohl hinsichtlich ihrer
Leistungsfähigkeit, als auch besonders ihres Rufes.
Außerdem wäre eine schreiende Ungerechtigkeit aus der Welt geschafft.«
Bleibtreu nickte beistimmend, als König seine Ausführungen beendet hatte
und sagte:
»Ich stimme Ihnen durchaus bei, Herr Rittmeister! Aber trotz alledem
könnten Sie es doch noch einmal in einer anderen Garnison versuchen,
denn nach einer so langjährigen Dienstzeit würde ich es an Ihrer Stelle
doch wenigstens bis zum Rittmeister erster Klasse aushalten. Das ist
noch eine Zeit von ein bis zwei Jahren, und dann haben Sie einen
bedeutenden Pensionsvorteil. Ist die neue Garnison nicht nach Wunsch, so
bleibt zum Abschiednehmen noch genügend Zeit!«
»Gewiß, Sie haben recht! Aber ich sagte Ihnen schon, daß ich jegliche
Lust an meinem Berufe verloren habe.
Fünfzehn Jahre habe ich gearbeitet und gestrebt. Ich habe meine Pflicht
stets zur Zufriedenheit der Vorgesetzten getan und manche Auszeichnung
erfahren. Jetzt aber bin ich lahm gelegt und sofort tritt ein anderer an
meine Stelle. Nach den Früchten meiner bisherigen Tätigkeit fragt kein
Mensch, die Maschine bleibt im Gange, als hätte ich nie existiert. Und
wenn man so gar keinen nachhaltigen Erfolg aus seiner Lebensarbeit
sieht, das ist so niederdrückend, so beschämend! Der tüchtige Arzt, der
Kaufmann, der Jurist wird vermißt, wenn er aus seinem Wirkungskreise
scheidet, nach uns aber fragt niemand, wenn man nicht gerade ein großer
Feldherr gewesen ist. Niemals könnte ich wieder mit innerer Lust und
Aufopferung meinen Dienst versehen, und deshalb gehe ich lieber.«
* * * * *
Das Ehrengericht des Regiments hatte auf eine »Verwarnung« erkannt,
»wegen Gefährdung der Standesehre«. Als Erklärung wurde hinzugefügt, daß
der Offizier sich nicht in die Gefahr begeben dürfe, seitens der Welt
falsch beurteilt zu werden. Da dies im vorliegenden Falle aber geschehen
sei, müsse man dem Rittmeister König seine Handlungsweise als inkorrekt
und nachteilig für seine Ehre als Offizier vor Augen führen.
König las das Dienstschreiben mit spöttischem Lächeln, und am selben
Abend lag sein Abschiedsgesuch beim Regiment.
* * * * *
Wenige Wochen vorher hatte auch der Oberst ein Schreiben erhalten, aber
von »oben«, und es steckte in einem blauen Umschlag.
Er war darin bedeutet worden, daß man zwar seine trefflichen Verdienste
anerkenne und zu würdigen wisse, nun aber für dieselben keine Verwendung
mehr habe.
»Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.« Man nahm daher keinen
Anstand, dem Oberst seine Wünsche zu erfüllen, als er um seinen Abschied
bat, da er die Beschwerden des Königlichen Dienstes nicht mehr
auszuhalten vermöge.
So fuhr denn eines Tages ein gelbgestrichener Möbelwagen vor dem schönen
Hause am Ende der Stadt vor, und man packte alles hinein, was des
Mitgehens wert war.
Der Oberst aber zog mit Familie sang- und klanglos zum Bahnhof, nur der
Bursche erschien, denn er war zum Koffertragen kommandiert. Im letzten
Augenblicke kam auch noch atemlos die Kinderfrau an und forderte
energisch den letzten Monatslohn.
Ein greller Pfiff, und der Schnellzug entführte einen Mann, der noch
einmal mit traurigem Lächeln sein Auge über die Dächer der Stadt gleiten
ließ, in welcher er fünf Jahre seine segensreiche Tätigkeit entfaltet.
In der nämlichen Woche reisten Bleibtreu und König ab, in welchen die
Armee zwei tüchtige Soldaten und ergebene Anhänger verlor.
[Illustration]
Achtes Kapitel.
Acht Uhr vorbei. An einem Dezemberabend. Die Läden der Geschäftshäuser
wurden geräuschvoll geschlossen, aus allen Teilen der Straße tönte das
Rasseln der Jalousieen, die man vor den blendend erleuchteten
Auslagefenstern herunterließ.