»Nun, morgen soll die Reise los gehen, wie ich höre, ich erfuhr es erst
heute Mittag!« sagte Borgert, ihm die Hand reichend.
»Ja, sehr entzückt bin ich gerade nicht, denn man ist in keiner Weise
für eine solche Reise vorbereitet. Aber das ist ja immer so, erst im
letzten Augenblick bekommt man seine Befehle, sodaß man gerade noch den
Zug erreicht.«
»Trotzdem beneide ich Sie um die schöne Reise! Mir steht eine weniger
angenehme bevor.«
»Wie, Sie wollen auch fort?«
»Ich will eigentlich nicht, aber ich muß!«
»Und wohin?«
»Nach Hause, morgen Nachmittag fahre ich.«
»Ah, ich verstehe, viel Glück und gute Verrichtung!«
»Danke schön! A propos, können Sie mir einen Koffer borgen? Ich möchte
gerne Verschiedenes mit nach Hause nehmen, und dazu ist der meinige zu
klein.«
»Aber gewiß, mein Bursche kann Ihnen den großen Korb hinunterbringen,
wird der genügen?«
»Natürlich, vollständig, besten Dank!«
Borgert merkte, daß sein Besuch nicht ganz gelegen kam. Leimann hatte
schlechte Laune und ließ sich auch gar nicht in seiner Beschäftigung
stören. Er war so mit seinen Gedanken dabei, daß er Borgert's Fragen
kaum hörte, und so hielt es dieser für angebracht, sich zu empfehlen,
mit dem Versprechen, zum Abendessen wieder heraufzukommen.
»Wann könnte ich wohl den Koffer haben?« fragte er im Weggehen.
»Sowie mein Bursche aus der Stadt zurück ist, besorgt er ihn hinunter.
Also auf Wiedersehen!«
In seinem Zimmer ließ sich Borgert in einen Sessel nieder. Ihm war so
wohl und frei, er hätte jauchzen mögen, denn einen Tag später war er den
ganzen Krempel los und brauchte sich nicht mehr zu ärgern. Dabei diese
nette Begleitung! Er wunderte sich, daß er auf diese Idee nicht früher
gekommen war.
Da fiel ihm ein, daß er ja noch gar nicht an's Packen gedacht habe, er
wollte wenigstens alles zurechtlegen, damit nichts vergessen würde.
Er ließ seinen Blick durch den eleganten Raum streifen und überlegte,
was wohl des Mitnehmens wert sei. Dann nahm er von dem Sofapaneel einen
silbernen Becher, das Abschiedsgeschenk seines früheren Regiments, und
stellte ihn im Nebenzimmer auf einen Tisch.
Ein Album, einige Photographien, ein Packet Briefe, 2 Reitpeitschen und
2 kleine Ölgemälde -- Arbeiten seiner verstorbenen Schwester -- das war
alles, was er mitzunehmen gedachte. Alles übrige konnte stehen bleiben
als Trost für die Gläubiger.
Als er gegen sieben Uhr bei Leimann's eintrat, fand er sie bereits bei
Tisch.
Leimann machte ein finsteres Gesicht und schaute kaum von seinem Teller
auf, als Borgert eintrat.
Seine Gattin saß mit rotem Kopf ihm gegenüber, aber sie berührte die
Speisen nicht, sondern schaute nur angstvoll mitunter nach ihrem Gatten
hinüber.
Den ganzen Abend kam keine Stimmung in das Beisammensein, und nicht
einmal eine Flasche Eckel vermochte die sonst gewohnte Heiterkeit wieder
wach zu rufen. Leimann hatte eben schlechte Laune, und dann war nichts
mit ihm anzufangen.
Daher trennte man sich auch schon zu früher Stunde, und der Abschied der
Freunde war kühler als sonst.
Frau Leimann aber hatte noch auf dem Korridor Gelegenheit, ihrem
Geliebten einen flüchtigen Kuß auf die Wangen zu drücken, als ihr Gatte
hineingegangen war, um ein Streichholz zu holen.
* * * * *
Am nächsten Morgen war Borgert gerade erst ausgestanden, als schon der
Althändler ankam.
Der Oberleutnant begrüßte ihn freundlich und bat ihn, einzutreten, dann
vollendete er seinen Anzug und begann mit dem Juden zu verhandeln.
»Bitte, wollen Sie sich einmal mein Mobiliar ansehen,« sagte er, »ich
gedenke die ganze Einrichtung, wie sie da steht, zu verkaufen, da ich
versetzt bin, doch wollen Sie diesen Umstand vorläufig noch diskret
behandeln. Wie viel würden Sie mir eventuell zahlen?«
Der Jude sah sich nachdenklich in dem Zimmer um. Er befühlte und
beklopfte die einzelnen Stücke, prüfte Decken und Teppiche und musterte
eingehend das kostbare Schnitzwerk des Bücherschrankes. Dann zog er ein
Notizbuch aus der Tasche, schielte nach den einzelnen Stücken hin und
notierte sich den Preis. Schließlich wandte er sich Borgert zu und sagte
mit fragender Miene:
»Fünfzehnhundert Mark, Herr Oberleutnant, sofort auf den Tisch!«
»Was, fünfzehnhundert Mark?«, stieß Borgert enttäuscht hervor, »aber ich
bitte Sie, ich habe fast zehntausend Mark für die Einrichtung bezahlt.«
»Tut mer leid, Herr Oberleutnant«, gab der Jude achselzuckend zu
Antwort, »alte Sachen sind keine neie Sachen, mehr zahlt kein Mensch.«
»Das ist zu wenig, das ist ja fast geschenkt.«
»Nun, ich will Ihnen geben zweitausend Mark, aber keinen Pfennig
darüber.«
Borgert setzte sich in den Schreibstuhl. Er überlegte, und während
dessen schaute der Jude erwartungsvoll auf sein Gesicht.
»Gut, her mit dem Gelde, Sie haben den Krempel!« sagte Borgert nach
einigem Besinnen.
Denn schien ihm der Betrag von zweitausend Mark auch ein Lumpengeld für
diese kostbaren Möbel, so war es doch besser, er entschloß sich schnell
für einen geringeren Preis, ehe der ganze Fluchtplan infolge Mangels an
Geld ins Wasser fiel.
Schmunzelnd zog der Jude ein Papier aus der Tasche, schritt zum
Schreibtisch und schrieb einige Worte auf das Blatt, welches er Borgert
nun zur Unterschrift vorlegte.
Als der Jude wieder hinaus war und Borgert die beiden Tausendmarkscheine
in der Hand hielt, schien ihm nun das letzte Hindernis zur Flucht
beseitigt, denn bares Geld war die Hauptsache. Er faltete die Scheine
zusammen und steckte sie in seine Börse, trat dann in's Schlafzimmer an
den Kleiderschrank und entnahm demselben den Reiseanzug. Das übrige
Civil packte er zu Frau Leimann's Kleidern in den Koffer, darauf die
paar Sachen, die er sonst noch mitnehmen wollte, und ließ den Koffer
sogleich zur Bahn besorgen.
Der Oberst zeigte wenig Lust, den Oberleutnant zu beurlauben, und erst
auf nochmalige Vorstellung über die Dringlichkeit der Reise ließ er sich
erweichen, einen dreitägigen Urlaub zu bewilligen. Er hoffte
schließlich, Borgert würde mit seinem Vater übereinkommen und diese
leidigen Geldgeschichten aus der Welt schaffen. Das konnte ihm ja nur
angenehm sein, und so ließ er ihn reisen.
Leimann war inzwischen schon über alle Berge. Die beiden Freunde hatten
nicht einmal ein letztes Lebewohl einander zugerufen. Seine Gattin aber
war noch sehr beschäftigt. Es gab so vielerlei zu tun, hier ein Packet
Briefe zu verbrennen, die weder der Gatte noch Georg lesen durften, dort
noch einige Kleinigkeiten einzupacken, meist wertlose, unscheinbare
Sächelchen, deren Wert die Erinnerung bedeutete.
Das Herz einer Frau hängt an solchen Dingen, die ihr schöne Augenblicke,
liebe Bilder in der Erinnerung erwecken, und eher gibt sie dir den
schönsten, im Laden gekauften Ring, als die trockene Blume oder das
kleine Angebinde aus der Hand eines Mannes, welcher in ihrem Leben eine
Rolle gespielt.
Den heimlichen Abschied von Bubi, dem kleinen zweijährigen Söhnchen,
hatte sie sich tags zuvor schwerer vorgestellt, und sie empfand jetzt
sogar eine Art Gewissensbisse, daß sie so leichten Herzens, ohne Träne,
das einzige Kind im Stiche lassen konnte, das jetzt, mutterlos, einer
ungewissen, vielleicht traurigen Zukunft entgegen ging.
Aber es war sonderbar! Vom ersten Augenblick an empfand sie eine gewisse
Abscheu vor dem Kinde mit der breiten Nase, dem großen Mund und den
winzigen, stechenden Augen. Schon nach wenigen Wochen zeigte sich eine
ausgesprochene Ähnlichkeit mit dem Vater, und je mehr die Entfremdung
der Gatten wuchs, umsomehr schwand der kleine Rest von Mutterliebe. Sie
betrachtete das ewig schreiende, häßliche kleine Wesen lediglich als
sein Kind, und sich selbst nur als das natürliche Mittel, um es zur Welt
gebracht zu haben, und so war es gekommen, daß das arme Baby fast nur in
der Küche oder der Mädchenstube sein Dasein fristete, gehütet und
erzogen von den Dienstboten. Die Mutter bekam ihr Kind oft kaum eine
Stunde am Tage zu sehen.
Es gibt ja Frauen, die, eitel und sich ihrer eigenen Schönheit wohl
bewußt, es für eine Schmähung der Natur, für eine Strafe des Himmels
halten, wenn sie häßliche Kinder zur Welt bringen, vor denen sie dann
ihr ganzes Leben eine innere Abneigung empfinden und ihnen aus dem Wege
gehen, wie dem Gedächtnis einer Kränkung, die ihrem Frauenstolze
widerfuhr.
Ihr Gatte hatte es ja nicht anders um sie verdient, als daß sie ihn
verließ, und deshalb empfand sie kaum das Bewußtsein einer Schuld, als
sie um drei Uhr ein Abteil erster Klasse des Schnellzuges nach Frankfurt
bestieg.
Denn welcher Mensch strebt nicht, seine Sünden und Vergehen vor sich
selbst zu rechtfertigen, zu entschuldigen? Oberflächliche,
selbstsüchtige Menschen bringen es in diesem Streben so weit, daß sie in
dem größten Verbrechen häufig nur eine kleine Inkorrektheit erblicken,
welche die Mitmenschen falsch, zu hart beurteilen, weil sie die
Beweggründe nicht verstehen können. --
Zu diesen Menschen zählte auch Borgert. Dem Egoisten heiligt der Zweck
die Mittel, und so schied er wohlgemut, voll innerer Genugtuung von der
Garnison, den »Freunden« und seinen Pflichten, mit einem verächtlichen
Lächeln auf den Lippen über die, welche in der Beschränktheit ihres
Geistes festhalten an Sitte und Hergebrachtem, und nicht den Mut haben,
die Rücksicht auf andere über Bord zu werfen, wenn sie ihrem eigenen
Vorteil auf der Spur sind.
Als die beiden am späten Abend in dem Speisesaal eines eleganten Hotels
zusammen saßen, schien ihnen das Leben, die ganze Zukunft ein lichtes
Bild mit wenig Schatten, und sie feierten bei einer Flasche
französischen Sektes den ersten Tag ihrer jungen Ehe -- der _=freien=_
Liebe.
[Illustration]
Sechstes Kapitel.
Die Flucht des Oberleutnants Borgert war nicht lange geheim geblieben.
Als er nach Ablauf des dreitägigen Urlaubs nicht zurückgekehrt war, und
eine telegraphische Anfrage bei seinem Vater ergab, daß er das
Elternhaus überhaupt nicht betreten habe, lag die Vermutung nahe, daß er
sich durch Desertieren den Folgen seines bisherigen leichtsinnigen
Lebens entzogen.
Freilich hatte außer Leimann niemand recht gewußt, wie schlecht es mit
Borgert's Verhältnissen stand. Erst als der Jude die ihm verkauften
Sachen abholen und der mit einer umfangreichen neuen Pfändung
beauftragte Gerichtsvollzieher die bereits von ihm beschlagnahmten
Gegenstände zurückhalten wollte, kam die Katastrophe und enthüllte mit
einem Schlage das gesamte System, in welchem Borgert »gearbeitet« hatte.
Von Seiten des Gerichts ward das gesamte Eigentum des Oberleutnants mit
Beschlag belegt, und ein Termin sollte entscheiden, in welcher Weise
die einzelnen Gläubiger zu ihrem Rechte gelangen würden.
Stellte auch die wertvolle Einrichtung ein ziemliches Kapital dar, so
war dieses doch nur der Tropfen auf einen heißen Stein, denn als von
Gerichtswegen eine Aufforderung durch die Zeitung an alle diejenigen
erging, welche noch Forderungen nachweisen konnten, gingen ganze Berge
von Rechnungen ein, deren Gesamtbetrag sich über zwanzigtausend Mark
belief.
Gleichzeitig verhängte der Gerichtsherr die Beschlagnahme des gesamten
etwaigen Privatvermögens Borgert's, und die Staatsanwaltschaft folgte
mit einem Steckbrief gegen den des Betrugs angeschuldigten Oberleutnant.
Die Wohnung hatte das Gericht versiegelt, selbst das arme Pferd im
Stalle trug in der Mähne ein kleines Siegel, welches man mit einem
Bindfaden kunstgerecht hineingeflochten hatte.
Wie ein Lauffeuer eilte die Kunde der neuesten Ereignisse durch die
kleine Stadt und die Nachbarorte, auch in den Zeitungen las man kurze
Notizen.
Der Oberst war ganz niedergeschlagen. Die schlauen Herren des Regiments
wollten zwar diese Katastrophe schon lange haben kommen sehen -- wie es
ja bei allen Ereignissen Leute gibt, die ahnungslos ein Unheil neben
sich erstehen sehen und dann, wenn das Unvermeidliche eingetreten, mit
überlegenem Lächeln behaupten, sie hätten seit Jahren nichts anderes
erwartet.
Der Oberst aber äußerte tieftraurig zu Rittmeister König, diese neue
Wendung der Dinge sei der »letzte Nagel zu seinem Zylinder,« und man sah
ihn fortan nur noch mit bekümmerter Miene seinen Geschäften nachgehen.
Denn allmählich sah er klar, daß die sachgemäße Leitung eines
Offizierkorps etwas anders angefangen werden müsse, und daß die Art
seiner Regierung wohl den falschen Weg gewandert sei.
Daß Frau Leimann dem Oberleutnant gefolgt war, wurde erst nach einigen
Tagen bekannt, als der von Berlin zurückgekehrte Gatte einen Brief
erhielt, in welchem die Frau ihn um Verzeihung bat und beteuerte, sie
habe nicht anders gekonnt.
So war denn Leimann doppelt gestraft. Vor aller Welt blamiert und
belächelt ob seiner durchgegangenen Ehehälfte, mußte er jetzt
schleunigst den größten Teil seines Besitztums verkaufen, um den
Forderungen derer gerecht zu werden, bei welchen er für Borgert
Bürgschaft geleistet, und dabei blieb ihm nur das Nötigste übrig.
Glaubte man anfangs durch Frau Leimann's Brief den Entflohenen auf der
Spur zu sein, so war doch später das zahlreiche Aufgebot von Detektivs
und Kriminalbeamten nicht im Stande, die Ausreißer zu fassen. Waren sie
noch in Deutschland, oder im Auslande? Kein Mensch ahnte es.
Etwa zwei Wochen nach der Flucht wurde auch Röse eingeliefert. Man hatte
ihn auf den erlassenen Steckbrief hin an der belgischen Grenze
ergriffen.
Die Verhandlungen mit ihm ergaben, daß häufige Mißhandlungen seitens
seines Oberleutnants die Triebfeder zu jenem Schritte gewesen waren.
Milderte dies sein Strafmaß auch nur wenig, so bedauerte man doch
allgemein den armen Soldaten, den Unbilden und schlechte Behandlung
seiner Vorgesetzten ins Unglück gestürzt hatten. --
* * * * *
In dem Ehescheidungsprozeß, welchen Leimann gegen seine Gattin
angestrengt, kamen recht unliebsame Dinge zu Tage.
Die beiden Mädchen des Hauses, sowie der Bursche wußten Tatsachen zu
berichten, bei denen sich Leimann's wenige Haare sträubten, die er noch
auf dem Kopfe trug, und er begriff nicht, wie er so blind sein konnte,
um den Verrat nicht zu sehen, mit dem man ihn im eigenen Hause betrog.
Die gerichtliche Scheidung wurde ausgesprochen, und Leimann reichte sein
Abschiedsgesuch ein, weil er einesteils gezwungen war, sich einem
einträglicheren Berufe zuzuwenden, andererseits, weil durch die
gesamten Vorfälle sein Ruf derartig geschädigt war, daß dem weiteren
Verbleiben in einem Offizierkorps erhebliche Bedenken entgegenstanden.
So nahm er denn eine Stelle als Reisender einer Weinfirma an, welche ihm
den nötigsten Lebensunterhalt verschaffte. Den ohne dies fast
aufgelösten Haushalt hob er ganz auf und übergab sein Kind zur Erziehung
einer befreundeten Familie, wofür diese als Entgelt den Anspruch auf die
kleine Pension des Oberleutnants zugesichert erhielt.
Fast gleichzeitig mit der Genehmigung seines Abschiedsgesuches wurde
auch das Urteil über Borgert verkündet. Es lautete auf eine Gesamtstrafe
von fünf Jahren Gefängnis, zehn Jahren Ehrverlust und Ausstoßung aus dem
Heere, bewirkt durch Betrug, Fahnenflucht und Mißhandlung Untergebener
in zehn Fällen.
Die Zeitungen veröffentlichten das Urteil, und somit war denn die
tatenreiche Laufbahn jenes Mannes in seinem Vaterlande beschlossen.
* * * * *
Indes saß im Bureau der großen Fabrik an einem der zahlreichen
Schreibtische der ehemalige Sergeant Schmitz.
Die übrigen Angestellten hatten bereits ihre Plätze verlassen und waren
gerade dabei, ihre Röcke von den Kleiderständern herabzunehmen, denn es
hatte schon vor zehn Minuten Feierabend geläutet.
Schmitz aber ließ sich durch die laute Unterhaltung seiner Umgebung
nicht stören, er schrieb emsig und war ganz vertieft in die langen
Zahlenreihen, welche auf dem Bogen vor ihm geschrieben standen.
Der Raum hatte sich bereits geleert, und Schmitz wollte gerade einen
neuen Bogen beginnen, als der Werkmeister Maurer eintrat.
Er war ein Mann von gedrungenem Körperbau, mit scharfen, stechenden
Augen in dem blassen, ovalen Gesichte. Der Schnurrbart hing um die
Mundwinkel, und der ganze Gesichtsausdruck hatte etwas Rohes, Grausames,
und besonders jetzt, da der Mann aus dem Halbdunkel von der Tür
herüberschaute, sah er wie ein Raubtier aus.
»Du kannst wohl wieder einmal nicht fertig werden? Kommst du bald?«
redete er Schmitz an, welcher von seiner Arbeit nicht aufblickte,
sondern nur kurz entgegnete:
»Im Augenblick, setz dich so lange!«
Die beiden Männer waren gute Freunde.
Noch vor wenigen Wochen stand Schmitz zwischen den Arbeitern vor der
Drehbank und schob mechanisch ein Holzstück nach dem anderen zwischen
die spitzigen Zähne des rotierenden Eisens. Und er hatte sich ganz gut
eingelebt in diese geisttötende Beschäftigung, die ihm nicht viel Zeit
zum Denken übrig ließ. Denn hier galt es mit allen fünf Sinnen bei der
Sache zu sein, wenn man nicht den Verlust eines Fingers oder einer Hand
beklagen wollte.
Man hatte aber bald in dem stillen, fleißigen Arbeiter den Mann
entdeckt, dessen überlegene Ruhe und bestimmtes Auftreten ihn zu einem
weiteren Wirkungskreise geeignet machten, und so ward denn Schmitz nach
kurzer Zeit Aufseher der Maschinenhalle, in welcher er bis jetzt
gearbeitet hatte.
Die übrigen Arbeiter freilich sahen mit neidischen Blicken auf den
Emporkömmling, der erst eben auf der Bildfläche erschienen war und ihnen
gegenüber nun schon als Befehlender sich aufspielte. Es fehlte daher
nicht an spöttischen Bemerkungen, der alte Soldat aber wies jeden, der
ihm zu nahe trat, mit kalter Ruhe in seine Schranken zurück.
Wenn er so des Morgens alle emsig bei der Arbeit sah, ging er manchmal
zu Maurer hinüber, welcher im Maschinenhause beschäftigt war.
Und bei diesen allmorgendlichen Plaudereien entdeckte Maurer, ein
gefürchteter Sozialdemokrat der Stadt, bald in Schmitz einen Mann, der
leicht zu gewinnen war und der ein tatkräftiger Genosse zu werden
versprach, wenn man ihn nur geschickt ins rechte Fahrwasser
hineinlenkte.
Dieses Streben Maurer's ward umso mehr unterstützt, als Schmitz noch
immer nicht den Groll gegen den Militarismus und die Staatsleitung,
welche diesen groß gezogen, vergessen konnte. Ein tiefer innerer Grimm
wühlte noch in ihm ob der Unbilden, die ihm die Früchte der besten Jahre
seines Lebens zerstört.
So hatte er denn bald mit Leib und Seele zur roten Fahne geschworen, und
aus dem königstreuen Soldaten war eine tatkräftige Stütze der
sozialistischen Partei geworden.
Morgen sollte nun Schmitz eine Rede halten, vor einem großen Kreise
seiner Gesinnungsgenossen, und deshalb wartete Maurer auf ihn, um noch
einmal die wichtigsten Punkte mit seinem Freunde durchzusprechen.
Als Schmitz seine Arbeit fortgelegt und den Bogen im Schreibtisch
verschlossen hatte, auf dem die Arbeitsliste der vergangenen Woche
verzeichnet stand, schritt er mit Maurer hinab, und schweigsam wandelten
die beiden durch die enge Gasse nach Maurer's Wohnung hin.
Aus einem Nachbarhause nahmen sie eine Kanne Bier mit, zündeten dann die
Lampe an und begannen die Besprechung.
Es handelte sich um ein neues Steuergesetz, welches besonders den
arbeitenden Klassen zur Last fiel, und daher galt es, möglichst viele
Gegner zu gewinnen, damit im Reichstag bei der letzten Lesung der
Angelegenheit eine ausschlaggebende Majorität die Durchführung der
Vorlage zum Scheitern brachte.
Bis nach Mitternacht waren die beiden Freunde in eifriges Gespräch
vertieft. Und als sie sich trennten, waren ihre gleichschlagenden Herzen
um ein Band reicher.
[Illustration]
Den ganzen folgenden Tag befand sich Schmitz in einer Art fieberhafter
Unruhe. Es schien ihm doch eine sonderbare Wandlung mit ihm vorgegangen
seit der kurzen Zeit, die er des Königs Rock nicht mehr trug. Vor einem
Jahre noch war er Soldat des Kaisers, ein Mann, der geschworen, das
Vaterland zu schützen und es fördern zu helfen, und heute? Einer von
denen, welche man beschuldigt an den Grundfesten des Staatsgebäudes zu
rütteln, um sich nach eigenen Gesetzen ein neues Gemeinwesen zu
schaffen.
Doch als er am nämlichen Abend in stolzer Haltung die Rednertribüne
betrat, und eine nach Hunderten zählende Menschenmenge dem neuen
trefflichen Genossen Beifall rief, noch ehe er ein Wort gesprochen, da
stieg ein nie empfundenes Gefühl des Selbstbewußtseins, ein
unbestimmtes, gewaltiges Streben nach Großem in seiner Seele auf.
Gefallen wollte er der versammelten Menge, sie hineinzwingen in den
Bannkreis seiner Gedanken, daß alle ihm folgen mußten, willenlos, wie
dem Hirten die Herde.
Mit fester Stimme begann er seine Rede. In großen Zügen schilderte er
zuerst die Art des neuen Gesetzentwurfs und legte sodann die Folgen
desselben für die arbeitenden Klassen dar.
Eine neue Steuer bedeute stets einen weiteren Schritt zur Verarmung der
Mittellosen. Und diese neuen Ausgaben seien überflüssig, wenn man es
unterließe, eine beständige Vergrößerung und fortwährende
Ausrüstungsänderung der Armee vorzunehmen.
»Unsummen verbraucht der Staat alljährlich für das Militär«, sagte er,
»kaum hat man Millionen für die Einführung eines neuen Geschützes, die
Aufstellung eines neuen Regiments aufgewendet so erweisen sich diese
Änderungen oft bald als nicht mehr zeitgemäß, und neue Summen von
unglaublicher Höhe werden gefordert, um einen Irrtum oder eine
Übereilung gut zu machen. Deutschlands Ruf und Machtstellung hat ihm die
Armee erworben, und sein Heer ist es, um welche die Nachbarländer es
beneiden, aber stehen wir denn nicht auf dem Gipfel der militärischen
Macht, müssen wir denn den Militarismus so weit ausdehnen, bis er
schließlich alle anderen Organe der Staatsmaschine erdrückt?
Wollte man nur einen Teil der Unsummen, die das Heer alljährlich
verschlingt, anderen Gliedern des Reiches zuwenden, so würde es nicht
nötig sein, den Bürger so unverhältnismäßig an seinem Einkommen zu
kürzen. Dann wären wir ein reiches Land, der Bürger könnte den Wohlstand
erreichen, die Industrie aufleben und mit neuen Kräften einen gewaltigen
Aufschwung nehmen.
Will man aber nicht abgehen von dieser enormen Bevorzugung des Heeres,«
fuhr Schmitz fort, »so soll man die dafür nötigen Summen denen abnehmen,
die in Nichtstun oder geringer Arbeit Millionen zusammenscharren. So
aber belastet man den Reichen nicht mehr wie den Arbeiter, der ein Stück
des sauer erworbenen Brotes hergibt, um ein Kapital mit aufbringen zu
helfen, dessen Nutznießung ihm versagt bleibt.
Denn welchen Segen bringt dem Bürger, dem Volke die Armee? Sie zieht
seine Kinder heran, um sie in den besten Jahren der Jugend, in denen der
Jüngling sich zum Manne entwickelt und sein Charakter reift, oft mit
Ungerechtigkeit und Roheit zu behandeln und dann den einen als
erbitterten Gegner der Staatsverfassung, manch anderen als Krüppel in's
Leben zurückzuschicken. Und hat er auch die schönsten Jahre männlicher
Arbeit, seine Gesundheit dem Staate geopfert, so schickt man ihn oft um
einer Kleinigkeit willen hinaus in die Welt, wo er dann wie ein
fortgejagter Hund nach Nahrung und einem neuen Herrn suchen muß.
Darum laßt uns die Staatsleitung zu zwingen suchen, das Geld, welches
sie zwecklos ausgibt, nutzbringend auf bessere Ziele zu verwenden, damit
das Volk für seine Opfer auch einen Lohn genießt!«
Die Worte des Redners, der an seine eigenen bitteren Erfahrungen gedacht
hatte, waren von häufigen Rufen des Beifalls und der Zustimmung
begleitet, als Schmitz aber von der Tribüne herabstieg, jubelte die
begeisterte Volksmenge dem Manne zu, der die richtigen Mittel gefunden,
ihr den Lebensweg zu ebnen.
So überzeugend hatten seine Worte geklungen, daß mancher, der noch nicht
fest entschlossen war, welcher Partei er seine Gesinnung zuwenden solle,
bedingungslos sich dem Manne anschloß, in dessen Bann ihn der heutige
Abend hineingezogen.
Und so galt Schmitz mit einem Schlage als einer der tüchtigsten Anhänger
der roten Partei, deren Macht in der großen Fabrikstadt immer weitere
Kreise zog.
[Illustration]
Siebentes Kapitel.