Hastend und jagend, als habe jeder einzelne etwas Versäumtes
nachzuholen, schritten sie dahin, elegante Frauen, Männer im
Arbeitsanzug, vornehm gekleidete Herren und der nicht enden wollende
Schwarm junger Mädchen, welcher den Ladentischen und Kontors der
Geschäftshäuser entströmte, vermischt mit jenen, die in langsamem
Tändelschritt, von einer Woge aufdringlichen Parfums umgeben, ihre hoch
aufgenommenen seidenen Röcke zur Schau tragen. Auf dem Fahrdamm sausten
Cabs und Omnibusse in rastloser Folge dahin, elegante Pärchen,
verschleierte Damen, Börsenbarone, Großkaufleute, Reisende und alle die
ihrem Ziele zuführend, welche sich nicht mit dem Staub der Menge die
Schuhe beschmutzen wollten, oder es besonders eilig hatten. Dazwischen
ließ das Automobil seinen düsteren Klageruf erschallen, oder die
Straßenbahn ihr Glockenzeichen, elegante Koupees rollten geräuschlos
über den Asphalt, nur ab und zu bei dem weißen Licht der Läden oder
Straßenlaternen einen Blick in ihr geheimnisvolles Innere gestattend.
Diese ganze Wirrnis des Großstadtstraßenlebens, dies bunte Gedränge, das
eilige Hasten und Jagen, alles trug den Stempel des Strebens, der
Arbeit, es war wie in einem Ameisenhaufen, wo jedes einzelne Tierchen
rastlos seine Pflicht erfüllt, um in gemeinsamer, emsiger Arbeit ein
gemeinnütziges Ganzes zu schaffen.
Um die Ecke nach einer schlecht erleuchteten Seitenstraße bog ein
elegantes Paar und nahm seinen Weg auf dem von Papieren und Unrat aller
Art bedeckten Fahrdamm, hindurch zwischen den zahllosen Wagen und Karren
der Verkäufer.
Vor einem einfachen Hause machten sie Halt und stiegen die ausgetretenen
Steinstufen hinauf. Der Portier schaute aus seinem Verschlag und grüßte
kurz das Paar, welches aus dem Monopol-Hotel hierher übergesiedelt war
und ihm so oft zu denken gab.
Es war der ehemalige Oberleutnant Borgert und Frau Leimann.
Sie hatten ihre Schritte nach London gelenkt in der Hoffnung, hier vor
einer etwaigen Verfolgung sicher zu sein und einen Unterhalt in dieser
Millionenstadt zu finden, die so Manchem das tägliche Brot spendete.
Das Geld war schnell zur Neige gegangen, denn wer in guten Tagen nicht
zu rechnen versteht, vermag es auch nicht in den Tagen der Not. Und so
hatte sich Borgert nach einer Beschäftigung umsehen müssen, um dem
Hunger vorzubeugen, wie schwer es auch dem verwöhnten, nur im Nichtstun
groß gewordenen Manne wurde, sich zur Arbeit zu zwingen.
Aber in zwei Geschäfthäusern hatte man ihn wieder entlassen, und eben
kehrte er von einem letzten erfolglosen Gange zurück.
Mutlos und verzweifelt warf er sich auf das schmale Sopha und bedeckte
das Gesicht mit den Händen, während sich Frau Leimann in einen kleinen
Stuhl vor dem Kaminfeuer kauerte.
Mit entgeisterten Augen schaute sie in die erlöschende Glut, -- es waren
die letzten Kohlen, welche ihre Wärme in den dürftigen Raum ergossen.
Beide sprachen kein Wort, und als Borgert endlich das Schweigen brach,
fuhr die Frau erschreckt empor, wie aus einem angstvollen Traume.
»Was soll nun werden?« sagte er leise.
Frau Leimann antwortete nicht, sondern schaute wieder sinnend in das
Kaminfeuer, und eine Träne leuchtete in ihrem Auge.
»Morgen müssen wir hinaus aus dem Hause, wenn wir nicht zahlen, und dann
können wir auf der Straße schlafen!«
»Du mußt arbeiten, Georg!« entgegnete die Frau mit tränenerstickter
Stimme, und sie versuchte einen energischen Ton in ihre Worte zu legen.
»Hab' ich es nicht versucht?« gab er achselzuckend zurück, »hat man mich
nicht jedesmal wieder hinausgeworfen? Und es hat auch keinen Zweck, daß
ich noch einmal einen Anlauf nehme, ich kann eben nicht arbeiten, ich
habe es nicht gelernt.«
»Aber es muß etwas geschehen, wir müssen einen Ausweg finden!« rief die
Frau verzweifelt. »Wenn du mich jetzt im Stiche lassen willst, so
durftest du mich nicht mit in's Verderben locken!«
»Locken?« fragte Borgert spöttisch, »wer hat dich denn gelockt? Warst du
es nicht selbst, die mich flehentlich bat, mitgehen zu dürfen, weil du
es bei deinem noblen Herrn Gemahl nicht mehr aushalten konntest?«
»Wenn ich es tat, so mußtest du als Mann so viel Vernunft besitzen, mir
mein Vorhaben auszureden!«
»Euch Weibern soll einmal einer etwas ausreden, was ihr Euch in den Kopf
gesetzt habt! Jetzt trage ich natürlich allein die Schuld, Ihr Weiber
seid ja nie an etwas schuld.«
»Lästere nicht, Georg, raffe dich zusammen und überlege, wie uns jetzt
zu helfen ist. Es muß ein Mittel geben!«
»Hier ist es!« entgegnen Borgert und warf einen kleinen Revolver auf den
Tisch.
Ein Schauer durchzuckte die Frau und einen Augenblick lehnte sie wie
ohnmächtig an der Wand, während die weitgeöffneten Augen entsetzt auf
das kleine Ding gerichtet waren, dessen Metall im Widerschein des Feuers
leuchtete.
»Um Gottes Willen!« stieß sie atemlos hervor, »bist du von Sinnen?«
»Im Gegenteil«, erwiderte Borgert kühl, »es ist der einzige Weg, der uns
erlösen kann, und nicht zum ersten Male kommt mir der Gedanke. Ist es
nicht besser, diesem Hungerdasein und Hundeleben ein kurzes Ende zu
machen, als sich vielleicht noch Jahre lang herumzuquälen in Not und
Unsicherheit?«
Frau Leimann tat sinnend einen Schritt nach dem erlöschenden Feuer hin,
wie wenn es sie anzöge, um mit seiner wohltuenden Wärme das erstarrte
Blut in ihren Adern neu zu beleben. Ihr Blick hing wie gebannt auf einem
vergilbten Stahlstich über dem Kaminsims, der das Festgelage eines alten
englischen Königs darstellte. Wie geistesabwesend schaute sie mit
gläsernen Augen auf das Bildnis, welches so recht die Freuden des Lebens
zu malen schien. Sie merkte es nicht, als Borgert leise hinter sie trat.
Ein Schuß krachte und mit einem Aufschrei brach die Frau zusammen. Die
linke Hand griff wie Hilfe suchend in den Feuerschein, und die kleinen
blauen Flämmchen spielten ersterbend um die weiße Frauenhand, aus der
mit dem Blute das Leben entwich.
Einen Augenblick starrte der Mörder mit entgeistertem Blick auf das
leblose Weib, dann richtete er die Waffe gegen sich, und ein zweiter
Schuß setzte seinem Leben ein Ziel: er büßte im Tode die vielfache
Schuld, die ihm das Leben verleidet.
Als man nach vier Tagen auf einem entlegenen Friedhof, weit draußen am
Themsestrand, die irdischen Reste des jungen Paares einscharrte, wußte
niemand, wem auf der weiten Welt es angehörte: niemand ahnte das Drama
seines Lebens und die Sünden, die ihm der Tod verzieh.
Druck von W. Hoppe, Borsdorf-Leipzig.
Transcriber's Notes:
gesperrt ersetzt durch/replaced by _= ... =_
antiqua ersetzt durch/replaced by __ ... __
Inhaltsverzeichnis eingefügt/table of contents added.
End of Project Gutenberg's Aus einer kleinen Garnison, by Fritz Oswald Bilse