Bürgschaft mehr leisten, ich wollte vielmehr Sie darum bitten, denn ich
muß auch Geld haben.«
»Ich bin gern dazu bereit, aber warum nehmen Sie denn auf Ihr
Kommißvermögen nichts auf? Das ist doch der sicherste Weg.«
»Kommißvermögen? Auch haben, um etwas darauf aufzunehmen!«
»Aber worauf haben Sie denn geheiratet?« fragte Borgert erstaunt.
»Ich habe es _=nur=_ vier Wochen besessen, dann hat es der
zurückbekommen, der es mir geborgt hat, bis ich den Konsens hatte.«
Borgert schaute seinen Freund betroffen an, dann ging er mit großen
Schritten im Zimmer auf und ab.
»Nun,« begann er nach einer Weile von Neuem, »es ist gut, Sie leisten
mir Bürgschaft und ich Ihnen.«
»Gut, das können wir, aber es ist doch eine gewagte Sache, denn wenn es
einmal zum Klappen kommt und keiner hat einen Pfennig, dann wird es
übel.«
»Der Fall kann gar nicht eintreten, mein Verehrter, denn wenn mir jetzt
noch einmal geholfen ist, dann ist für später nichts zu fürchten. Ich
werde heiraten.«
»Donnerwetter, haben Sie Schneid! Dann seien Sie aber in der Wahl Ihres
Schwiegervaters vorsichtig, sonst ist es eine faule Sache. Ich kann
davon ein Liedchen singen.«
»Das versteht sich von selbst, auf leere Versprechungen heirate ich
nicht. Unter einer halben Million ist mit mir kein Geschäft zu machen.«
»Na, da wünsche ich Ihnen viel Glück. Aber sagen Sie einmal, da fällt
mir ein, wie wäre es denn mit König? Sollte der nicht ein paar tausend
Mark herausrücken?«
»Daran dachte ich wohl auch schon, aber ob er es tut, scheint mir sehr
zweifelhaft. Denn erst müßten wir ihm die alte Schuld bezahlen!«
»Nun, ein Versuch kostet ja nichts. Mehr wie nein sagen kann er nicht,
ich werde sofort ein paar Zeilen an ihn schreiben.«
Leimann nahm am Schreibtisch Platz und zog einen Briefbogen aus der
Schublade, Borgert entschuldigte sich indes für einige Augenblicke, da
er mit dem Burschen etwas zu sprechen habe.
Er wollte die Zeit, während welcher Leimann schrieb, dazu benutzen,
dessen Gattin guten Morgen zu wünschen, und so huschte er in den weichen
Pantoffeln leise die Hintertreppe hinauf. Die Tür zum Ankleidezimmer
fand er angelehnt. Auf den Fußspitzen trat er näher und erblickte Frau
Leimann, wie sie vorm Spiegel stand. Das üppige Blondhaar hing ihr in
langen goldigen Strähnen über die Schulter, bis an die Hüften hinab. Und
als sie die Arme hob, um das Haar zu ordnen, fielen die weiten Ärmel
des Morgenrocks bis an die Ellenbogen zurück und entblößten einen
herrlichen weißen Arm. Das Bild war klassisch schön, ein echt
malerisches Motiv!
Borgert stand einige Minuten still und betrachtete mit Verlangen die
schöne Frau, die nicht zu ahnen schien, daß ein Fremder sie belausche.
Plötzlich riß er die Tür auf, eilte auf Frau Leimann zu, küßte sie auf
den Nacken, und huschte eben so schnell wieder zur Tür hinaus und die
Treppe hinab. Geräuschvoll schritt er durch den Korridor, sprach mit dem
Burschen einige Worte und trat dann mit unbefangener Miene in sein
Arbeitszimmer.
Da Leimann noch schrieb, setzte er sich in einen Sessel, zündete eine
Cigarrette an und blies den Rauch in einen durch das Fenster spielenden
Sonnenstrahl hinein, in dem die blauen Wölkchen leuchteten und sich zu
einem phantastisch verschlungenen Bande formten.
Jetzt war der Brief beendet, Leimann schob ihn in ein Kouvert, schrieb
die Adresse darauf, und der Bursche mußte ihn sogleich an seinen
Bestimmungsort besorgen.
»Das wird ziehen, denke ich!«, sagte Leimann befriedigt, als er vom
Schreibtisch aufstand.
»Was haben Sie denn geschrieben?« fragte Borgert forschend.
»Nun, ganz einfach, ich brauchte Geld für einen Kameraden und
appellierte daher an seine schon so oft bewiesene freundschaftliche
Gesinnung. Als Zeitpunkt für die Rückzahlung habe ich ihm drei Monate
bezeichnet, und mein Wort für pünktliche Erledigung gegeben, denn Sie
sagten ja, das Geld bis dahin schaffen zu können.«
»Aber gewiß kann ich das, wenn der Kerl nur jetzt etwas hergibt, das
weitere findet sich dann schon.«
So plauderten sie eine halbe Stunde, als Röse mit der Antwort des
Rittmeisters König zurückkam.
Leimann ergriff erst hastig den Brief, dann aber zögerte er, ihn zu
öffnen. Unentschlossen schaute er auf die Adresse und sah fragend zu
Borgert hinüber, der noch behaglich in seinem Sessel saß.
Oft harren wir sehnlich einer Nachricht, die uns freudige oder
unangenehme Botschaft bringen kann. Wir können den Augenblick nicht
erwarten, bis wir die Entscheidung in den Händen haben, dann aber wagen
wir nicht, die Botschaft zu erfahren, denn sie könnte uns Enttäuschung
bringen. Die Ungewißheit aber ist schöner, weil sie neben der Furcht vor
Enttäuschung auch die Hoffnung auf Freudiges in sich schließt.
Schließlich riß Leimann das Kouvert auf und faltete den Brief
auseinander.
Betroffen schaute er in die Schriftzüge. Borgert sah an dem Gesicht des
Lesenden, der mit hochgezogenen Brauen und nervös zitternden Händen vor
ihm stand, daß die Antwort König's nichts Erfreuliches brachte. Aber er
war ruhiger, weniger betroffen, als Leimann, obgleich ihn selbst die
Angelegenheit doch am ersten betraf. Es war ihm schon lange nichts Neues
mehr, diese absagenden Antworten auf Darlehnsgesuche und ähnliche
Schreiben, der Mensch gewöhnt sich eben an alles.
Sein Gesicht aber nahm einen zornigen Ausdruck an, als er jetzt selbst
die Antwort las, nachdem sie ihm Leimann stillschweigend gereicht. Der
Brief lautete:
»Zu meinem Bedauern bin ich nicht in der Lage, ihrem Wunsche
nachzukommen. Einesteils kann und darf ich es nicht tun mit Rücksicht
auf meine Familie, denn Summen von derartiger Höhe könnte ich nur aus
der Hand geben, wenn mir eine unbedingte Sicherheit geboten wird. In
Ihrer ehrenwörtlichen Versicherung für pünktliche Rückzahlung bedaure
ich eine solche nicht erblicken zu können, da Sie sowohl, wie
Oberleutnant Borgert die Ihnen vor Monaten geliehenen Beträge noch nicht
zurückzuzahlen im Stande waren, obgleich Sie mir auch damals Ihr Wort
auf Erledigung Ihrer Schuld binnen zehn Tagen gegeben haben. Außerdem
scheint mir das, was ich in letzter Zeit über den Stand Ihrer
wirtschaftlichen Lage gehört habe, durchaus nicht darnach angetan, eine
Innehaltung Ihres Versprechens von heute zu gewährleisten.«
Borgert stand auf und schleuderte das Schreiben wütend zu Boden. Darauf
trat er an's Fenster und schaute auf die Straße hinaus.
Keiner von beiden sprach ein Wort. Erst als sich ihre Blicke begegneten,
fragte Leimann:
»Nun, was sagen Sie dazu?«
»Eine Unverschämtheit ist es, eine Gemeinheit!« brauste Borgert los,
»was fällt dem Menschen ein, sich in unsere Privatangelegenheiten zu
mischen? Es wäre unkameradschaftlich genug gewesen, uns eine Absage zu
schicken, aber in diesem beleidigenden Ton! Das kann man sich nicht
gefallen lassen!«
»Was wollen Sie machen?« entgegnete Leimann achselzuckend. »Wenn Sie
gegen ihn auftreten, faßt er uns damit, daß wir ihm damals unser Wort
gegeben haben, und das läßt sich nicht bestreiten, denn von mir hat er
es sogar schwarz auf weiß. Es ist also schon das Beste, wir stecken
diese Grobheit ruhig ein und schneiden den Kerl, dann wird er es schon
merken!«
»Er hat anscheinend ganz vergessen, daß es uns ein Leichtes wäre, ihm
den Hals zu brechen. Hat er nicht selbst gesagt, er wolle uns damals den
Betrag aus der Schwadronskasse leihen? Ich meine, es könnte ihm nicht
angenehm sein, wenn man von dieser Tatsache Gebrauch machte.«
»Das stimmt ja, aber Sie können ihm doch anstandshalber deshalb keine
Geschichten machen, denn der Eingriff in die Kasse geschah in unserem
Interesse.«
»Das ist mir gleich. Wenn er sich jetzt erlaubt, uns derartige
Frechheiten ins Gesicht zu schleudern, dann will ich ihm zeigen, daß ich
ihm mit gleicher Münze dienen kann!«
»Sie können aber doch unmöglich eine Meldung schreiben, König hätte
Ihnen Geld geliehen, nachdem er in eine Kasse gegriffen habe. Das würde
doch ein sonderbares Licht auf Sie werfen.«
»So ungeschickt werde ich es auch nicht anfangen. Das kann man hinten
herum in die Wege leiten, und ich werde es einrichten, daß kein Mensch
in mir den Urheber wittert. Aber eintränken will ich's dem Kerl schon.«
Beide schwiegen wieder, und wenige Minuten später empfahl sich Leimann,
da er vor Tisch noch einen Gang zur Stadt zu tun habe.
Borgert blieb auch nicht mehr lange in seiner Wohnung. Er ging in's
Kasino und ertränkte seine schlechte Laune in einer Flasche Heidsieck.
* * * * *
Als Borgert wenige Tage später des Morgens erwachte, merkte er zu seinem
Schrecken, daß er wieder den Dienst verschlafen hatte. Er klingelte
heftig nach dem Burschen, aber Röse erschien auch auf ein zweites
Glockenzeichen nicht.
Borgert kleidete sich an und ging nach Röse's Stube. Er fand sie leer.
Das Bett stand unberührt, darauf lag Uniform und Mütze des Burschen.
Erstaunt schaute er sich in dem kleinen Raume um, den eine stickige,
dumpfe Luft, ein Geruch nach schmutziger Wäsche und abgetragenen
Kleidern erfüllte. Wo sollte Röse so früh schon hingegangen sein, ohne
ein Wort zu sagen? Hatte er Dienst? Aber nein, da lag ja seine Montur.
Borgert stand schon auf der Schwelle, um das Zimmer wieder zu verlassen,
als er auf dem schmutzigen Tisch einen Zettel gewahrte. Er nahm ihn auf
und sein Gesicht erblaßte, während er ihn las, denn er enthielt in
ungelenker Schrift nur die Worte: »Ich empfehle mich bestens!«
Wie versteinert schaute Borgert auf das Blatt. Der Kerl war also
desertiert!
Über den Grund konnte Borgert keinen Moment im Unklaren bleiben, und ein
plötzliches Unbehagen erfaßte ihn bei dem Gedanken, man könne Röse
aufgreifen. Dann würde alles zu Tage kommen, die schlechte Behandlung,
die Mißhandlungen und so vieles, was Röse mit angesehen oder über
seinen Oberleutnant erfahren hatte.
Wie geistesabwesend schritt er nach seinem Zimmer hinüber und setzte
sich auf die Bettkante.
Er glaubte zu träumen, wild jagten ihm allerlei Gedanken durch den Kopf,
und ein nervöses Zucken spielte um die blassen Lippen.
Hatte sich denn alles gegen ihn verschworen? Ärger, Ungemach,
Enttäuschung von allen Seiten, kein Lichtblick in die Zukunft, die sich
jetzt mit einem Schlage drohend und schwarz vor seiner Seele malte!
Zum ersten Male durchzuckte ihn mit schrecklicher Gewißheit der Gedanke,
daß er vor einer Katastrophe stand, welcher nichts mehr Einhalt gebieten
konnte, wenn nicht ein Wunder geschah. Aber wo sollte das jetzt noch
herkommen? Aller Glaube, alle Hoffnung zerflossen zu nichts in den
wenigen Augenblicken, da ihm die ganze erdrückende Last seiner Schuld
und Sünden, die ganze Wirrnis eines verfehlten Daseins zum Bewußtsein
kam. Ein Schrecken, eine Schauer vor sich selbst und das Gefühl der
Hilflosigkeit ergriff den Mann, den sonst nichts zu bewegen vermochte,
der mit einer kalten, kein Mittel scheuenden Berechnung alle
Schwierigkeiten und mißlichen Lebenslagen niederzukämpfen gewohnt war.
Keiner tieferen Regung und edlen Gefühle fähig, war er bis jetzt den
Lebensweg gewandelt, den Egoismus, rücksichtslose, gefühlsrohe Gesinnung
und oberflächliche Lebensanschauung ihm gewiesen hatten.
Lange saß er so da, bleich, unbeweglich, den stieren Blick in's Leere
gerichtet, nur das nervöse Spiel seiner Züge verriet, daß in der
scheinbar leblosen Gestalt noch Leben saß: der seelische Kampf und
innere Zwiespalt eines Menschen, der zu spät erkennt, wie er sein Leben
gewaltsam zerstört und zertreten, dessen Hoffnung auf eine unverdiente
Gnade des Geschickes noch im Ersterben nach einem rettenden Gedanken
sucht, an den sich die geängstigte Seele klammern kann, wie ein
Ertrinkender noch bis zum letzten Atemzuge mit den Wogen ringt, auch
wenn er weit und breit kein helfendes Wesen erblickt.
Borgert war jetzt mit sich im Reinen, er hatte abgerechnet mit sich
selbst und einem verfehlten, durch eigene Schuld vernichteten Leben. Er
war entschlossen, die Folgen zu tragen, nun es kein Entrinnen mehr gab.
Mechanisch kleidete er sich an und ging zur Kaserne, um dem Rittmeister
zu melden, daß er den Dienst versäumt habe.
Von Röse's Flucht wollte er vorläufig schweigen, denn wenn man jetzt
sofort dem Deserteur nachspürte, war es so gut wie sicher, daß man in
wenigen Tagen seiner habhaft wurde. Gab man ihm aber noch 48 Stunden
Zeit, dann hatte er genügend Vorsprung, um sich in ein sicheres Versteck
zu begeben, und dann blieb es Borgert erspart, von einem Kriegsgericht
wegen Mißhandlung eines Untergebenen verurteilt zu werden.
Als er gegen Mittag seine Wohnung wieder betrat, fand er einen Brief
vor. Es war die Antwort des Geldverleihers aus Berlin, welcher Borgert
in kurzen Worten mitteilte, er könne ein Darlehn nicht gewähren, da die
Erkundigungen sowohl über Borgert wie über den Bürgen Leimann eine
außerordentlich ungünstige Wirtschaftslage bekundet hätten.
Borgert nahm die Nachricht fast gleichgültig auf, denn er hatte seit
heute Morgen jede Hoffnung auf einen günstigen Zufall verloren und daher
nichts anderes erwartet.
In's Blaue hinein, auf ein ehrlich Gesicht und schöne Worte gab kein
Mensch einen Pfennig her, es hatte also gar keinen Zweck, sich noch
weiter zu bemühen. Wenn es trotzdem vorher Leute gegeben hatte, die ihm
Geld zur Verfügung stellten, so war es eben auf Leimann's Bürgschaft hin
erfolgt, der seine Vermögenslage in so geschickter Weise in ein
günstiges Licht zu stellen verstand, daß man ihm einfach Glauben
schenkte, ohne lange Erkundigungen über ihn einzuziehen.
Matt und mit wirrem Kopfe legte sich Borgert auf den Divan nieder.
In's Kasino mochte er nicht gehen, denn er verspürte keinen Appetit und
fühlte sich auch nicht in Stimmung, mit den Kameraden in gewohnter Weise
zu scherzen und zu plaudern. Er mochte niemand sehen und hören, nur
allein sein wollte er, ganz allein.
Sein Blick schweifte in dem eleganten Raum umher. Und als er so die
schönen Bilder an den Wänden, die kostbaren eichenen Möbel und
wertvollen Teppiche betrachtete, da schmerzte es ihn doch, daß all diese
Pracht und Herrlichkeit nun ein Raub der Manichäer werden sollte. Sie
würden sich zanken und streiten um den Besitz, ein jeder würde der erste
sein wollen, wenn es galt, zu seinem Rechte zu gelangen.
Aber es half nichts. In wenigen Tagen mußte der Zusammenbruch erfolgen,
eine Rettung war ausgeschlossen.
Doch was sollte dann aus ihm selbst werden? Daran hatte er noch gar
nicht so recht gedacht. Sollte er sich jeden Stuhl unter dem Rücken
hervorziehen und auf die Straße setzen lassen? Schließlich sperrte man
ihn vielleicht noch ein? Die Zeit drängte, ein Entschluß mußte schnell,
sofort gefaßt werden.
Eigentlich wußte er nicht recht, was er überhaupt in diesem elenden
Sorgenleben noch zu suchen habe. Denn jetzt mit Schimpf und Schande
abgehen, einen neuen Beruf erlernen und arbeiten müssen, das war gar
nicht sein Geschmack. Verwöhnt und anspruchsvoll sich in eine einfache
Lebensweise, eine bescheidene, vielleicht sogar untergeordnete Stellung
hineinzuzwängen, das war ein fast unmögliches Ding. Dazu gehörte
Energie, Selbstverleugnung und Arbeitslust, von alledem aber fühlte er
nichts in sich. Sollte er sich einfach eine Kugel durch den Kopf
schießen?
Aber nein, das war abgeschmackt, erforderte auch Mut, und den hatte er
nur besessen, wenn er nichts riskiren konnte.
Und schließlich, wer sollte wissen, ob er nicht doch noch einmal das
Glück zu fassen bekäme? Dann wäre Selbstmord eine übereilte Torheit
gewesen. Das Leben konnte so schön sein, und nun kurzer Hand ein Ende
damit machen? Nein, auf keinen Fall.
Lange grübelte er hin und her, es wollte ihm kein rechter Gedanke
kommen.
Er dachte an seinen Burschen. Hatte der es nicht ganz schlau angefangen,
um sich den Verhältnissen zu entziehen, die ihm nicht paßten? Der saß
jetzt vielleicht ruhig und ungestört in einem stillen Winkel, wo es
niemand einfiel, nach ihm zu fragen, wo er leben konnte, wo er lustig
war.
Wenn er es nun auch so machte?
Je mehr in Borgert der Gedanke an eine heimliche Flucht Gestalt gewann,
um so vortrefflicher schien ihm dieser Ausweg.
Unter neuen Menschen, in einem anderen Lande konnte er ein neues Leben
beginnen, und wie lange würde es dauern, bis man ihn vergessen hatte! In
einem Jahre nannte man seinen Namen vielleicht nur noch als den eines
Mannes, der auch einmal existiert habe, im Übrigen würde sich niemand
mehr um ihn kümmern.
Er war so sehr in seine Gedanken versunken, daß er es nicht mehr
bemerkte, als die Tür aufging und Frau Leimann eintrat.
Sie sah blaß und ernst aus, das sonst so jugendlich schöne Gesicht
schien gealtert, und die Augen zeigten einen bangen Ausdruck.
Borgert erhob sich nicht, sondern nickte nur, ohne ein Wort zu sagen,
kaum merklich mit dem Kopfe. Dabei streifte sein Blick die Gestalt der
Frau.
Sie schien ihm heute nicht begehrenswert, ganz anders sah sie aus wie
sonst. Ihre Bewegungen schienen ihm schlaff und formlos, die Reize fand
er nicht, an denen er sich so oft gesättigt. Das Haar war wirr und
flüchtig geordnet, hinter den weichen Falten des lässig übergestreiften
Morgenrockes verrieten sich nicht die vollen Formen, die Rundung der
Glieder, die gesunde Fülle eines jugendlichen Weibes. Alt und verlebt
kam ihm die ganze Erscheinung vor.
War es früher nur ein rein sinnliches Empfinden gewesen, das ihm die
Frau so schön, so begehrenswert erscheinen ließ? Und war es heute die
geistige und nervöse Abspannung, die jene Regung tötete, sodaß er die
Reize des Weibes nicht zu erkennen vermochte?
Er wußte es nicht, zwei Eindrücke standen einander gegenüber: Die Frau,
wie sie jetzt vor ihm stand, und das herrliche Weib, das er vor wenigen
Tagen mit gelöstem Haar, mit nackten Armen und Schultern geschaut und
geküßt.
Sie hatte sich neben ihn auf den Divan gesetzt und seine Hand ergriffen.
Ihre Augen schauten bang in das Gesicht des Mannes, der so teilnahmslos,
so gleichgiltig vor ihr lag.
»Du bist krank, Georg?« fragte Frau Leimann besorgt.
Er schüttelte nur den Kopf, ohne zu antworten.
»Aber so sage mir doch, was ist dir? Was fehlt dir?«
»Nichts und alles,« gab Borgert gleichgiltig zur Antwort.
»Was soll das heißen, Georg? So sprich doch vernünftig!«
»Was soll ich viel reden, meine Liebe? Ich bin fertig. Sonst fehlt mir
nichts!«
»Fertig! Womit? Wie soll ich das verstehen?«
»Mit allem, mit dem Leben und mit mir!«
»Du sprichst in Rätseln, Georg! So sage mir doch offen und klar, was ist
geschehen!«
»Das Geld ist alle. Ich muß fort, sonst gibt es ein Unglück.«
Borgert fühlte, wie ein Zucken durch ihren Körper ging. Sie erwiderte
nichts, sie wendete nur langsam ihr Gesicht ab und schaute nach dem
Fenster hin.
Im Stillen war Borgert ihr dankbar, daß sie die Mitteilung so gefaßt
entgegennahm und nicht nach Weiberart aufschrie oder schluchzend zu
Boden sank.
Und als er das blasse Profil betrachtete, wie es sich gegen die hellen
Fensterscheiben abhob, und eine Träne in ihren Augen flimmern sah,
erfaßte ihn eine Rührung, ein Mitleid mit der Frau, und er zog sie in
seine Arme.
Und als sie so dalagen in wortloser Umarmung, kam es leise über ihre
Lippen:
»So nimm mich mit, Georg!«
Betroffen fuhr Borgert auf:
»Um Gottes Willen, wie kommst du auf solche Gedanken? Wie darf ich das?«
»Ich bitte dich, Georg, laß mich mitgehen, ich halte es hier nicht
länger aus.«
»Aber das ist undenkbar, Liebste! Ist es nicht Skandal genug, wenn ich
allein verschwinde? Und dann dich noch mitnehmen? Unmöglich!«
»Dann gehe ich allein, ich will fort, ich muß!«
»Aber warum denn auf einmal, was ist denn passiert?«
Frau Leimann brach in ein heftiges Schluchzen aus.
»Geschlagen hat mich mein Mann, weil der Gerichtsvollzieher wieder bei
mir war. Ich ertrage diese Behandlung nicht länger und dann..... dann
....... ich habe auch kein Geld für meine Schulden, es gibt ein
Unglück.«
Borgert hatte Mühe, die erregte Frau wieder zu beruhigen.
Er überlegte. Eigentlich war der Gedanke gar nicht so unrecht. Wenn sie
doch einmal fort wollte, dann konnte sie auch gleich mit ihm gehen, dann
hatte er wenigstens einen Menschen bei sich, mit dem er reden konnte und
noch manches mehr, einen, der sich in der gleichen Lage befand wie er
selbst. Und als Frau Leimann ihn mit flehenden Augen ansah, schloß er
sie wieder in die Arme und flüsterte leise:
»So komm mit! Morgen abend reisen wir!«
Lange hielten sie sich in inniger Umarmung umschlungen, dann aber
entwand sich Borgert den Liebkosungen der Frau und drückte sie in einen
Sessel nieder.
Er selbst nahm ihr gegenüber Platz und sagte:
»Nun müssen wir aber einmal ganz vernünftig über alles reden.
Erstens: Wie willst du fortkommen, ohne daß dein Mann etwas davon
merkt?«
»Max fährt morgen früh nach Berlin, er hat dort dienstlich zu tun. Hat
er dir's noch nicht erzählt?«
»Nein, aber das trifft sich ja ausgezeichnet. Nun weiter: Hast du
Reisegeld?«
»Ja, meine Mutter hat heute dreihundert Mark geschickt, und ich habe
nichts damit bezahlt, weil ich fest entschlossen war, abzureisen.«
»Dann bist du besser daran als ich, ich habe nämlich blos noch eine
Mark, aber ich werde Rat schassen.
Drittens: Wie willst du unauffällig dein Gepäck zur Bahn schaffen
lassen? Denn du kannst doch nicht mit einem Kleide ausrücken!«
»Ganz einfach, Georg! Bitte noch heute meinen Mann um den großen Koffer
und sage, du müßtest nach Hause reisen. Dann packe ich alles hinein und
der Bursche bringt ihn zu dir herunter. Er ist groß genug für uns
beide!«
»Ich sage es ja immer«, entgegnete Borgert lachend, »es ist ein altes
Sprichwort:
»In größter Not ein Frauenmund
Tut dir die schlausten Schliche kund!«
Das Rezept ist übrigens großartig und acceptiert.«
»Und mit welchem Zuge fahren wir?«
»Du fährst nachmittags, damit wir nicht zusammen abreisen, das würde
natürlich auffallen. Ich komme mit dem Abendzuge nach. Wir treffen uns
am besten in Frankfurt im Wartesaal, dort können wir dann alles weitere
in Ruhe besprechen. Ich nehme natürlich drei Tage Urlaub, damit man mir
nicht gleich jemand nachschickt.«
»Dann wären wir ja soweit einig. Ich komme morgen Vormittag herunter,
sobald mein Mann fort ist, dann können wir ja noch einmal über alles
sprechen. Jetzt muß ich hinauf.«
Noch ein inniger Kuß, und Frau Leimann wandte sich der Tür zu. Als sie
Borgert von der Schwelle aus noch einmal zunickte, da gefiel sie ihm
wieder. Das erhitzte Köpfchen mit den zerzausten Haaren und den
leuchtenden Augen, es war doch wirklich reizend! Eine Art Wonne überkam
ihn plötzlich bei dem Gedanken, daß er das entzückende Weib nun ganz
besitzen, für immer um sich haben sollte, es würde ihm helfen, leichter
über alles hinwegzukommen, was noch Unangenehmes bevorstand.
Borgert hatte mit einem Schlage seine gute Laune zurückgewonnen, es war
ihm fast wohl zu Mute. Denn jetzt bekam die ganze Flucht einen anderen
Anstrich. Man würde sagen, sie seien aus Liebe mit einander geflohen.
Skandal und Gerede gab das auch noch zur Genüge, aber die ganze
Geschichte schien ihm gewissermaßen vornehmer, interessanter und
entschuldbarer, als wenn es hieß, er sei auf und davon gegangen, weil er
sich vor Schulden und den Folgen unsauberer Machinationen nicht habe
retten können.
Einen Augenblick allerdings mischte sich in diese Freude ein Mahnruf des
Gewissens, das ihm verbot, ein neues Verbrechen zu begehen. Aber dieser
Mahnruf klang so schwach und kraftlos, daß Borgert ihn kaum empfand. Die
Hauptsache war ja doch, ihm bot sich eine Annehmlichkeit, ein Vorteil,
den er sich nicht entgehen lassen wollte, lediglich mit Rücksicht auf
andere. Die kamen doch erst in zweiter Linie!
Denn je stärker der Egoismus im Menschen vorherrscht, umso leichter
überwinden wir alle Regungen, alle sentimentalen Grübeleien, welche uns
vor einer Sünde warnen, wenn wir aus ihr einen Vorteil zu gewinnen
glauben, und nur dann weichen wir vom rechten Wege ab. Deshalb sind die
größten Verbrecher auch die größten Egoisten.
So wanderte denn Borgert wohlgemut der Stadt zu und betrat die Post, wo
er ein Telegramm an einen Althändler in der Nachbarstadt sandte und
diesen um einen Besuch am nächsten Morgen bat.
Darauf begab er sich nach seinem Hause zurück und ging zu Leimann's
hinauf.