Mit einem Kognak fing es an, und mit Sekt endete es am späten Abend in

einem Lokal mit Damenbedienung. Wer da die Leutnants in Zivil mit den

frechen Kellnerinnen schäkern sah, konnte nicht im Unklaren darüber

sein, daß sie die Ereignisse des Morgens überwunden und mit dem

seelischen Gleichgewicht die gute Laune des gewissenlosen Menschen

zurückerlangt hatten. --

Mit Jubel empfing man die beiden Helden des Kampfes in der Garnison, wo

sie am Mittag des folgenden Tages eintrafen.

Eine Anzahl Herren standen auf dem Bahnhof zum Empfang bereit und

begleiteten Kolberg nach seiner Wohnung, um den guten Erfolg mit einem

Trunk zu feiern.

Die übrigen Herrn des Offizierkorps aber, besonders die älteren, fanden

es gefühllos, daß Kolberg nach diesem traurigen Ereignis es nicht

lieber vorzog, allein zu sein und über seine Handlungsweise

nachzudenken; diese Feier vollends fanden sie roh und gemein.

Zwei Tage später traf auch die Urteilsbestätigung aus Berlin ein. Da das

Wiedereinstellungsgesuch genehmigt war, wurde Kolberg nach einer anderen

Garnison versetzt, denn hier konnte seines Bleibens nicht länger sein.

Bevor er aber die Reise nach der schönen Stadt am Rhein antrat, führte

ihn sein Weg zunächst auf Festung, woselbst er eine mehrmonatige Strafe

»wegen Beteiligung an einem Zweikampf mit tötlichen Waffen« zu verbüßen

hatte.

Der Major erholte sich nur langsam. Den beiden Stabsärzten, welche die

neben der Wirbelsäule haftende Kugel entfernen wollten, war die

Operation nicht ganz geglückt, die Kugel war zwar entfernt, aber es trat

eine Entzündung der geöffneten Stelle ein, welche mit heftigen Schmerzen

und hohen Fiebererscheinungen verbunden war.

Erst Ende Winters konnte der Major aus dem Lazaret entlassen werden, um

dann als geistig und körperlich gebrochener Mann auch aus dem

königlichen Dienste auszuscheiden, dessen Anstrengungen er nicht mehr

gewachsen war.

Auch ihn hatte man zu einer dreimonatigen Festungshaft verurteilt, doch

erfolgte schon nach zwei Tagen Begnadigung, denn den Bestimmungen des

Gesetzes war Genüge getan.

So sah denn Kahle seine Lebensarbeit vernichtet. Er stand in den besten

Jahren als kranker Mann vor der Frage, sich nach einem anderen Felde der

Tätigkeit umzusehen, denn leben mußte er, und die schmale Pension

reichte nicht aus, um ihm und seinem Sohne ein sorgenfreies Dasein zu

ermöglichen.

Das gesamte Vermögen war durch die Scheidung wieder seiner Gattin

zugefallen, denn sie hatte es mit in die Ehe gebracht.

Und warum geschah das alles? Weil er die »Ehre« seiner Gattin retten

sollte! Ihr hatte er sich opfern müssen. --

Wie sehr Frau Kahle dieses Opfer wert gewesen, wurde dem Major erst

vollends klar, als er hörte, seine ehemalige Gattin habe bei einem

jungen Baron in Berlin die »Führung des Haushaltes« übernommen.

Kolberg aber saß längst am schönen Rhein und freute sich seines Lebens.

--

[Illustration]

Fünftes Kapitel.

In seiner eleganten Wohnung saß Oberleutnant Borgert am Schreibtisch.

Vor ihm lag ein mit Zahlen bedeckter Bogen, um ihn herum ganze Berge von

Papieren, Zetteln und farbigen Kouverts.

Er ergriff ein Blatt nach dem anderen und notierte die darauf

befindliche Zahl auf den vor ihm liegenden Bogen und er hatte schon die

dritte Zahlenspalte begonnen, als er plötzlich innehielt und den

Bleistift heftig auf die Tischplatte warf. Die Papiere packte er wie

einen Haufen Unrat und steckte sie ins Feuer, wo sie sogleich in

lodernden Flammen aufgingen und nach wenigen Augenblicken nur noch in

ihrer kohlenden Asche knisterten.

Er hatte den löblichen Vorsatz gehabt, einmal alle Rechnungen, soweit er

sie seiner sonstigen Gewohnheit entsprechend nicht einfach ungeöffnet in

den Ofen gesteckt, zusammenzuzählen, um einen ungefähren Begriff von

Höhe und Umfang seiner Schulden zu gewinnen.

Aber es war nicht möglich, sich durchzufinden durch die endlose Menge

von Tret- und Mahnbriefen, Klageschriften, Zahlungsbefehlen und

Rechnungen. Soviel aber war ihm klar geworden: an eine Deckung der

Schulden war nicht zu denken, denn die Höhe überstieg seine Vermutungen

ganz bedeutend. Nicht weniger als elftausend Mark hatte er schon

zusammengerechnet und dazu kam noch dieser Berg Rechnungen, die er eben

in die Flammen geworfen.

Am meisten drückten ihn die siebenhundert Mark, die er dem Rittmeister

König noch schuldete, aber auch einige andere Posten drückten ihn

schwer, denn es waren Ehrenschulden und die erste mit 2300 Mark in kaum

sechs Wochen fällig. Wo sollte er die herbekommen, ohne zu stehlen? --

Er begann zu überlegen. Die Möbel waren schon verpfändet, ein Pferd

sogar schon zweimal, und auf das andere, seinen früheren Charger, würde

er kaum noch dreihundert Mark bekommen, und das war nicht mehr wie ein

Tropfen auf einen heißen Stein. Unter den Kameraden war keiner mehr, bei

dem ein Pumpversuch Aussicht auf Erfolg geboten hätte, höchstens König.

Aber dem schon wieder mit einer solchen Bitte kommen? Das ging nicht

gut, erst mußten wenigstens die 700 Mark zurückbezahlt sein. Der einzige

Rettungsanker war ein Darlehnsgesuch bei einem Berliner Dunkelmann,

aber der Kerl ließ nichts von sich hören, obgleich er nun schon drei

Wochen im Besitze einer Bürgschaft des Oberleutnants Leimann und einer

Lebensversicherungspolice über 20000 Mark war.

Vorläufig half es eben nichts. Er wollte die künftig drängenden

Gläubiger zu beruhigen suchen und nur denen, wenn möglich, etwas

abbezahlen, welche entweder klagbar oder beim Regiment vorstellig

wurden. Vielleicht fand sich mit der Zeit noch eine gute Quelle, ein

glückliches Spielchen, ein großes Los oder sogar eine reiche Braut.

Diese Hoffnung ließ ihn seine gute Laune wieder gewinnen, er zündete

sich eine Zigarette an und pfiff ein Liedchen vor sich hin, während er

auf den schweren Teppichen auf- und abschritt.

Ein Geräusch auf dem Korridor ließ ihn aufhorchen. Er vernahm ein

Stimmengeflüster und einige Tritte auf dem Flurteppich, dann klopfte es

leise an die Tür.

Das ist gewiß Frau Leimann, dachte er bei sich, denn sie pflegte die

Theestunde häufig bei ihrem Galan zu verbringen, weil dann der Gatte zum

Dämmerschoppen ging.

Auf sein »Herein« aber trat eine einfach gekleidete Frau mit einem Korb

unter dem Arm über die Schwelle. Ihrem noch jugendlichen Gesicht hatten

Kummer und Sorgen den Stempel frühzeitigen Alters aufgedrückt, und sie

schaute mit fast ängstlichem Blick auf den Oberleutnant, der im Zimmer

stehen geblieben war und die Eintretende mit unverhohlenem Mißfallen

betrachtete.

»Was wollen Sie schon wieder, Frau Meyer?« polterte Borgert sie an, »ich

habe Ihnen gesagt, daß ich Ihnen keine Wäsche mehr gebe!«

»Entschuldigen Herr Oberleutnant, ich wollte fragen, ob Sie mir

vielleicht heute die vierzig Mark geben können oder wenigstens einen

Teil. Ich muß Geld haben, mein Mann liegt seit drei Wochen krank und

kann nicht schaffen gehen!«

»Mit Ihrer ewigen Drängerei!« entgegnete Borgert schroff. »Kommen Sie

heute abend wieder, ich muß erst wechseln lassen, jetzt habe ich keine

Zeit.«

»Aber halten Sie diesmal Wort, Herr Oberleutnant, Sie haben mir nun

schon so oft das Geld versprochen.«

Damit öffnete sie leise die Tür und ging hinaus, Borgert aber riß die

Fenster auf und ließ die frische Herbstluft hereinströmen, der Geruch

der armen Leute war ihm unausstehlich. Die rochen immer nach Schweiß und

Moder! Er nahm aus dem geschnitzten Wandschrank eine Parfümflasche und

spritzte den Inhalt auf die persischen Teppiche und die Polster der

Sessel. Dann klingelte er dem Burschen.

Der Gerufene trat sogleich herein. Es war der Gemeine Röse, welchen der

Rittmeister in der Front nicht mehr haben wollte, da er unzuverlässig

sei und mit seiner mangelhaften Pflichtauffassung der Disziplin in der

Schwadron schade.

»Was habe ich dir befohlen, du Schwein?« brüllte der Oberleutnant ihn

an.

»Ich soll niemand unangemeldet hereinlassen,« erwiderte Röse schüchtern,

»aber die Frau ging an mir vorbei und ich konnte sie nicht hindern.«

»Dann schmeiß das Aas hinaus, du schlappes Vieh, läßt du noch einmal

jemand herein, ohne mich vorher zu fragen, dann haue ich dich hinter die

Löffel, du Schwein!«

Dabei schlug er Röse mit beiden Händen ins Gesicht, öffnete die Tür und

stieß ihn hinaus.

»Wenn das Weib heute Abend wiederkommt, dann sagst du, ich wäre

ausgegangen!« rief er ihm nach.

Borgert hatte sich gerade mit einer Zeitung am Fenster niedergelassen,

als die Flurglocke wieder ertönte. Es war ein kurzes, energisches

Klingeln. Der Bursche trat ein und meldete mit verweintem Gesicht:

»Ein Herr möchte Herrn Oberleutnant dringend sprechen!«

»Wie heißt er? Du sollst stets nach dem Namen fragen.«

Der Bursche ging hinaus und kam gleich wieder zurück.

»Er will mir seinen Namen nicht sagen, aber er müßte Herrn Oberleutnant

unbedingt sprechen.«

»Ich lasse bitten!«

Einen Augenblick später trat ein Mann ein mit einer Ledertasche unter

dem Arm und stellte sich vor: Gerichtsvollzieher Krause.

»Verzeihen Herr Oberleutnant, wenn ich störe, ich habe eine Zustellung

für Sie. Bitte!«

Dabei entnahm er seiner Ledertasche ein dickes Kouvert und überreichte

es Borgert, der aber die Fassung nicht verlor und freundlich entgegnete:

»Ah, ich weiß schon! Ist übrigens gerade gestern bezahlt worden, es

handelt sich um eine kleine Summe, die ich meinem Schneider schulde!«

»Soviel ich weiß, Herr Oberleutnant, handelt es sich um eine

Wechselklage der Firma Frölich u. Co., der eingeklagte Betrag beläuft

sich auf viertausend Mark für gelieferte Möbel.«

»Ach, die Geschichte ist es! Das hätte der gute Mann sich sparen können,

der Betrag ist vorgestern von meiner Bank abgeführt worden!«

»Dann umso besser,« scherzte der Gerichtsvollzieher. »Ich habe die

Ehre!«

»Adieu, Herr Krause, ich würde sagen, auf Wiedersehen, wenn Ihr Besuch

nicht immer ein zweifelhaftes Vergnügen bedeutete.«

Als der Mann hinaus war, riß Borgert das Kouvert auf und überflog den

Inhalt des Schriftstückes.

Das war eine fatale Geschichte! Die Möbel waren noch nicht bezahlt, aber

schon verpfändet, obwohl in dem Kaufkontrakt ausdrücklich die Bemerkung

stand, daß sie dem Lieferanten bis zur völligen Bezahlung als Eigentum

verbleiben sollten.

Viertausend Mark! Eine Menge Geld! Er mußte mit Leimann sprechen,

vielleicht war da noch etwas zu machen.

Plötzlich fiel ihm ein, daß der Gerichtsvollzieher ja gar nicht zum

Garten hinausgegangen sei. Er rief daher seinen Burschen und fragte:

»Wo ist der Mann hingegangen?«

»Nach oben, Herr Oberleutnant.«

»Zu Leimann's?«

»Zu Befehl, Herr Oberleutnant.«

Nanu, was hatte er denn da oben zu schaffen? Steckten die etwa auch wie

er in der Tinte? Das wäre ja böse, denn Leimann war immer noch so eine

Art Rückhalt gewesen, indem er für versprochene Zahlungen Bürgschaft

leistete oder die Gläubiger mit beruhigen half.

Inzwischen überreichte Herr Krause der zu Tode erschrockenen

Hausgenossin eine Klage der Firma Weinstein u. Co., der sie vierhundert

Mark für eine gelieferte seidene Robe schuldete.

Sie geriet in helle Verzweiflung und raste wie besessen im Zimmer auf

und ab. Was war da zu tun? Woher das Geld nehmen? Sie wollte Borgert um

den Betrag bitten. Aber, was sollte der von ihr denken? Würde er nicht

alle Achtung vor ihr verlieren?

Einen Augenblick stand sie unschlüssig im Zimmer und drückte beide Hände

gegen das klopfende Herz. Dann schritt sie entschlossen zur Tür und

eilte die Hintertreppe hinab.

Sie fand Borgert sinnend in einem Sessel sitzen, und er erhob sich nicht

einmal, als sie eintrat, sondern winkte ihr nur mit der Hand einen Gruß

entgegen. Sie trat auf ihn zu und küßte ihm zärtlich die Stirn, dann

setzte sie sich auf seinen Schoß, während er den Arm um die schlanke

Taille legte und ihr fragend ins Antlitz schaute.

»Was für sonderbare Besuche empfängst du denn neuerdings?«, fragte er

nach einiger Zeit halb scherzend.

»Ich? Besuche?«, brachte Frau Leimann verwirrt hervor, »ich habe

niemand empfangen, wirklich nicht, niemand.« Dabei irrte ihr Blick

unstät im Zimmer umher.

»Du hast niemand empfangen? Ei, ei, du kleine Lügnerin!«

»Aber was fällt dir ein, Georg, wer soll denn bei mir gewesen sein?«

»Nun, ich dachte nur, ein gewisser Herr Krause.«

»Woher weißt du das?« fuhr sie erschrocken auf.

»Ich weiß alles, mein Kind, selbst daß der Gerichtsvollzieher eben bei

dir war.«

Frau Leimann schlug beschämt die Augen nieder und zupfte verlegen an

ihrer seidenen Schürze.

»Nun, wenn du es weißt, brauche ich es dir nicht erst zu sagen. Ja, er

war bei mir.«

»Und was wollte er?«

»Verklagt haben sie mich, um lumpige vierhundert Mark!« stieß die Frau

mit weinerlicher Stimme hervor. »Ich bin verloren, wenn mein Mann das

erfährt!«

»Er muß es aber doch bezahlen, wenn er dir etwas gekauft hat.«

»Er weiß von nichts. Ich mußte das Kleid haben, das rotseidene ist es,

weißt du? Ich habe damals gesagt, meine Mutter hätte es geschickt, denn

er hätte es mir abgeschlagen, haben mußte ich es aber, und da habe ich

es auf meine Rechnung entnommen!«

»Das ist recht dumm, meine Liebe! Wie willst du das Geld schaffen?«

»Ich weiß es nicht! Kannst du mir nicht helfen?«

»Ich will zu den Leuten hingehen und um Aufschub bitten.«

»Das hat keinen Zweck, Georg, ich muß bares Geld haben, wenigstens

tausend Mark, denn ich habe noch mehr zu bezahlen, die Schneiderin, den

Friseur &c. Verschaffe mir das Geld, Georg, zeige mir jetzt, daß du mich

so lieb hast, wie du immer sagst!«

»Ich?« lachte Borgert höhnisch auf, »du lieber Gott, ich weiß selbst

nicht, wo ein noch aus!«

»Wieso? Hast du auch Schulden?«

»Wenn du dich vielleicht einmal in das Papier da drüben auf dem

Schreibtisch vertiefen willst? Solche Dinger bekomme ich jeden Tag.«

Frau Leimann trat an den Schreibtisch, faltete die Bogen auseinander,

und schaute mit weit aufgerissenen Augen auf die Zahlen.

»Um Gottes Willen, Georg! Was soll daraus werden? Du warst mein einziger

Verlaß, nun bin ich verloren!«

Sie sank schluchzend auf den Divan und bedeckte ihr Gesicht mit den

Händen.

»Nur nicht gleich so ängstlich, du kleiner Furchthase, an den paar

Hundert Mark stirbst du noch nicht!« tröstete sie Borgert, indem er ihr

zärtlich über das blonde Haar strich, »ich will sehen, daß ich es machen

kann, in einer Woche hast du tausend Mark.«

Statt einer Antwort schlang sie ihre Arme leidenschaftlich um Borgert's

Hals und küßte ihm stürmisch Mund und Augen.

»Ich wußte es,« sagte sie dann, »daß du mich nicht im Stiche lassen

würdest, du Lieber, du Guter!« Und sie zog den Oberleutnant neben sich

auf den Divan hinab.

Er aber erhob sich, verriegelte die Tür und zog die Fenstergardinen zu.

Es war traulicher so.

* * * * *

Als Leimann gegen acht Uhr vom Dämmerschoppen nach Hause kam, fand er

alle Zimmer dunkel und leer.

Auf seine Frage, wo denn seine Gattin sei, antwortete das Dienstmädchen:

»Die gnädige Frau ist ausgegangen.«

»Wohin?«

»Ich weiß nicht, Herr Oberleutnant!«

So zündete er denn eine Lampe an und ging nach dem Briefkasten, um zu

sehen, ob mit der Abendpost etwas gekommen sei. Er fand zwei Briefe

vor, Rechnungen, zusammen über sechshundert Mark.

Er brummte etwas vor sich hin und schloß die beiden »Wische« in seinen

Schreibtisch ein.

Da gewahrte er ein großes gelbes Kouvert. Er hielt es für einen

Dienstbrief und griff danach, um es mechanisch zu öffnen. Aber es war

bereits geöffnet und seine Neugierde wuchs, als er drei große Bogen

herauszog.

Mit stieren Augen schaute er in die Schreibmaschinenschrift, dann ließ

er sich am Tisch nieder und las das ganze Schriftstück von Anfang bis zu

Ende durch.

Also seine Frau auch? Das war ja eine reizende Überraschung! Wenn es mit

ihrer eigenen Kasse so im Argen lag, dann war wohl von der

Schwiegermutter nichts mehr zu erwarten, und mit dieser hatte er immer

noch gerechnet. Wütend schleuderte er die Klageschrift in die Ecke und

ging sinnend im Zimmer auf und ab.

Seine Gattin mochte wohl den Schritt ihres Mannes durch die Decke

hindurch vernommen haben, denn sie trat jetzt mit glühenden Wangen ein.

»Entschuldige, Max,« sagte sie außer Atem, »ich hatte noch nötig bei der

Schneiderin zu tun, ich bin furchtbar gelaufen, ich sah dich vor mir

hergehen, konnte dich aber nicht mehr einholen.«

»Was hast du wieder mit der Schneiderin zu tun?« herrschte Leimann sie

an.

»Was soll ich anders da zu tun haben, als wozu sie da ist? Sie macht mir

ein Reitkleid!«

»Bezahle gefälligst erst deinen alten Krempel, ehe du dir neues

Flitterzeug machen läßt!« brüllte der Gatte.

»Was soll dieser Ton? Und wer sagt dir, daß ich meine Rechnungen nicht

bezahle? Du denkst gewiß, es müßten andere gerade so in den Tag

hineinleben, wie du.«

»Wenn du nicht willst, daß ich sehe, was dir der Herr Gerichtsvollzieher

bringt, dann lege es mir nicht direkt unter die Nase!«

Frau Leimann begriff erst nicht recht, was er damit sagen wollte, da

fiel ihr ein, sie hatte ja die Zustellung auf dem Schreibtisch ihres

Gatten liegen lassen.

»Ich verbitte mir ganz entschieden,« fuhr sie empört auf, »daß du die

Nase in meine Privatkorrespondenz hineinsteckst. Wenn der Brief offen

auf dem Tisch lag, hattest du kein Recht, denselben zu lesen, ich mache

deine Rechnungen auch nicht auf!«

»Mache was du willst, aber ich verbitte mir, daß du mir den

Gerichtsvollzieher ins Haus schleppst.«

»Das ist nicht schlimm, mein Lieber, dann weiß er wenigstens den Weg,

wenn er nächstens zu dir kommt!«

»Halt den Mund, du Unverschämte, sonst werfe ich dich vor die Tür!«

»Vielen Dank für dein freundliches Angebot, aber ich gehe bereits von

selbst.«

Sie ging hinaus, betrat ihr Schlafzimmer und legte sich zu Bett. Müde

war sie aber noch gar nicht. Sie griff daher nach einem auf dem

Nachttisch liegenden Buch und begann zu lesen.

Gerade darunter lag Borgert auch in seinem Bett und las ebenfalls.

Aber seine Gedanken waren nicht recht bei der Sache, es ging ihm doch

etwas im Kopf herum, daß es ihn jetzt von allen Seiten packte. Denn wenn

da noch viel hinzu kam, würde der Oberst eines Tages die sofortige

Bezahlung aller Schulden verlangen, und, wenn er das nicht leisten

konnte, ihn auffordern, seinen Abschied einzureichen. Das aber war eine

faule Sache, denn was nun anfangen ohne einen Pfennig Geld, mit wenig

oder gar keinen Kenntnissen und vielen Ansprüchen? Es mußte energisch

etwas getan werden, und er wollte den nächsten Tag, einen Sonntag, dazu

benutzen, noch einmal alle Möglichkeiten einer größeren Anleihe

durchzugehen.

Getröstet in der Hoffnung, daß sich doch noch irgend eine milde Hand

auftun würde, schlief er ein, das Buch entfiel seinen Händen und die

Lampe auf dem Nachttisch verlosch nach Mitternacht von selbst, da

Borgert vergessen hatte, sie auszublasen.

Als er am nächsten Morgen erwachte, war es schon zehn Uhr vorbei.

Borgert wurde wütend. Der halbe Tag war nun wieder zum Teufel und er

hatte sich doch so viel vorgenommen! Hatte dieser Esel von Bursche ihn

nicht geweckt? Dabei schmerzte ihn der Kopf und er fühlte sich matt und

zerschlagen. Notdürftig angekleidet ging er zum Burschenzimmer und fand

Röse einen Brief schreibend. Er fuhr auf, als der Oberleutnant eintrat.

»Warum hast du mich nicht geweckt, du Vieh?« donnerte er den

Erschrockenen an.

»Ich habe Herrn Oberleutnant um sieben Uhr geweckt, aber Herr

Oberleutnant wollte noch schlafen und sagte, ich brauchte nicht mehr zu

kommen!«

»Das lügst du, du Schwein, ich will dich lehren, zu tun, was ich dir

sage.« Dabei ergriff Borgert ein auf dem Bett liegendes Säbelkoppel und

schlug damit heftig auf Röse ein.

Röse stand in militärischer Haltung und ließ die Mißhandlung ruhig über

sich ergehen, ohne mit der Wimper zu zucken. Das aber reizte Borgert

noch mehr und so schlug er ihn noch einmal mit der Faust vor die Brust.

Dann nahm er den angefangenen Brief vom Tisch, zerknitterte ihn und warf

ihn in den Kohlenkasten.

»Geh hinaus zu Herrn Oberleutnant Leimann und sage, ich bäte ihn, in

einer halben Stunde einmal bei mir vorzukommen.«

»Zu Befehl, Herr Oberleutnant.«

Borgert ging zurück nach seinem Schlafgemach, kleidete sich fertig an

und betrat das Nebenzimmer.

Aber da stand ja schon der Kaffee! Ganz kalt schon! Also war Röse doch

schon vorher im Zimmer gewesen? Nun, eine kleine Tracht Prügel schadete

nichts, sie erhielt die Disziplin und den Respekt, wenn sie auch einmal

zur unrechten Zeit kam. Denn sollte er Röse etwa jetzt um Verzeihung

bitten? Das fehlte gerade noch.

Auf dem Schreibtisch lagen einige Briefe. Es waren drei Rechnungen und

ein Brief seines Vaters.

Er öffnete ihn und las:

»Mein lieber Sohn!

Mit Bedauern habe ich aus deinem letzten Briefe ersehen, daß du

wiederum größere Ausgaben hattest, die dich in Verlegenheit

bringen, weil du nicht damit gerechnet hast. So gern ich dir das

erbetene Geld schicken würde, ich kann es beim besten Willen

nicht, denn du weißt, wie sehr ich selbst rechnen muß. Wenn dir

mit 75 Mark etwas geholfen ist, so stehen sie dir zur Verfügung,

wenngleich ich sie deiner Mutter zur Anschaffung eines Kleides

versprochen hatte, welches sie schon lange nötig hat. Aber ich muß

dir offen gestehen, daß es mir unverständlich ist, wie du mit den

zweihundert Mark Zulage nicht auskommen kannst. Ich hatte in

deinem Alter auch nicht mehr und habe jedes Jahr eine schöne Reise

gemacht. Ich gebe dir den wohlgemeinten Rat, dich von deinen

Kameraden etwas zurückzuziehen, damit deine Ausgaben geringer

werden, beschäftige dich fleißig zu Hause und meide jede

Gelegenheit, die dich zu Ausgaben verpflichtet, denen du nicht

gewachsen bist. Wenn du offen erklärst, daß dir dieses und jenes

zu kostspielig ist, so wird dich jedermann umso höher achten, wenn

er sieht, daß du mit deinen Verhältnissen rechnest und nicht

leichtsinnig in den Tag hinein lebst. Denn vornehm leben heißt in

seinen Verhältnissen bleiben.

Schreibe mir bald, wie du die Angelegenheit geregelt hast und ob

ich dir die angebotene Summe schicken soll. In der Hoffnung, daß

dir keine Unannehmlichkeiten erwachsen, bin ich dein alter Vater.«

Als Borgert diese Zeilen gelesen, zerknitterte er das Papier und steckte

es mit den ungeöffneten drei anderen Briefen in den Ofen. Dann ließ er

sich mit einem Seufzer in einen Sessel nieder und blickte sinnend vor

sich hin.

Da trat der Bursche ein und meldete Leimann.

Borgert ging dem Freunde entgegen, und als sie eingetreten waren, fragte

dieser erregt:

»Nun, was haben Sie denn Wichtiges so früh am Morgen?«

Borgert stelle sich breitbeinig vor ihn hin und entgegnete mit

geheuchelter Heiterkeit:

»Nun ja, mein Lieber, man hat so seine Sorgen. Ich bin nämlich so

ziemlich am Ende und möchte Sie zu meinem Konkursverwalter ernennen.«

»Am Ende?« entgegnete Leimann erregt, »was wollen Sie damit sagen? Ist

es in Geldsachen?«

»Sie haben recht geraten. Ich muß jetzt Geld haben, und zwar sofort,

einen ganzen Sack voll, sonst bin ich erledigt.«

»Steht es denn so schlimm auf einmal? Sind neue Sachen gekommen? Sie

sagten doch das letzte Mal, Sie seien nun vorläufig versorgt.«

»Gewiß sagte ich das, aber ich habe gestern einen Überschlag gemacht und

gefunden, daß es keinen Ausweg mehr gibt, als einen großen Pump. Ich

möchte also mit Ihnen einmal darüber sprechen, denn ich hoffe, daß sich

noch Mittel und Wege finden lassen werden, um sich über Wasser zu

halten!«

Leimann schaute sinnend zu Boden und rieb sich das unrasierte Kinn. Dann

entgegnete er achselzuckend:

»Wieviel ist es denn?«

»Zwölftausend Mark, kein Pfennig weniger, denn ich muß jetzt reine Bahn

machen, ich habe diese langweiligen Mahnbriefe und Klagen satt!«

»Nun, und wie dachten Sie sich die Sache denn ungefähr?«

»Ich habe noch einige Adressen von solchen Geldmännern. Wenn Sie

nochmals bereit wären, Bürgschaft zu leisten, so hoffe ich, daß wir zum

Ziele kommen.«

»Bürgschaft? Bürgschaft? Ja, Sie haben gut reden, mein Lieber, aber

schließlich muß man doch auch einen Hintergrund haben, wenn man immer

gutsagen soll. Ich muß Ihnen offen gestehen, wenn Sie die dreitausend

Mark von vorigem Monat nicht bezahlen können, dann bin ich mit meiner

Bürgschaft hereingefallen.«

»Nun, das bedarf wohl keiner Auseinandersetzung, es ist absolut

selbstverständlich, daß ich meinen Verpflichtungen nachkomme.«

Aus einer kleinen Garnison: Ein militärisches Zeitbild · 第 9 / 13 段