einmal zum Kaffee besuchen, damit sie mich noch einmal sehen könne.
Reizend liebenswürdig, nicht wahr? Ich will doch gleich hingehen, damit
es nicht zu spät wird.«
Dabei erhob sie sich, trank im Stehen ihre Tasse aus und tänzelte mit
einem »Auf Wiedersehen heute Abend« zur Tür hinaus. Wenige Minuten
später sah Weil sie auch eilenden Schrittes nach der Stadt zu wandern.
»Sonderbar!«, sagte er dann zu seiner Gattin, »mit der hat sie doch
früher nie verkehrt, die kennt man ja kaum. Das wird doch nicht irgend
eine Finte sein?«
»Laß sie doch gehen, wohin sie will, Max,« entgegnete Frau Weil
gleichgültig, »was kümmert's uns? In ein paar Tagen geht sie ja doch
fort, und schließlich ist sie ja allein für ihre Handlungen
verantwortlich!«
Weil aber schüttelte den Kopf und ging nach seinem Arbeitszimmer.
Die Uhr zeigte schon acht, und Frau Kahle war noch immer nicht zurück.
Man begann unruhig zu werden und sich um den Gast zu sorgen. War ihr
etwas zugestoßen?
Das Dienstmädchen deckte im Nebenzimmer gerade den Tisch, als das
Ehepaar seinen Vermutungen über die verschiedenen Möglichkeiten Ausdruck
gab, welche das Ausbleiben ihres Gastes verursacht haben könnten.
»Minna,« wandte sich Frau Weil an das Dienstmädchen, »es ist am besten,
Sie gehen einmal hin zu Frau Pfarrer Klein und fragen an, ob Frau Major
Kahle noch da ist, ich habe keine Ruhe, bis ich weiß, wo sie ist.«
»Bei der Frau Pfarrer wird sie aber nicht sein, gnädige Frau,«
entgegnete das Mädchen, »ich habe die gnädige Frau gegen halb Fünf oben
in der Allee gesehen, als ich Milch holen ging, die Frau Pfarrer wohnt
ja hinter der Kirche.«
»Dann hat es keinen Zweck, hinzuschicken,« sagte achselzuckend der
Oberleutnant, »ich werde wohl recht behalten, es war nur ein Vorwand, um
nicht zu sagen, wohin sie in Wirklichkeit gegangen ist. Ich denke mir
mein Teil!«
»Was denkst du dir, Max,« fragte neugierig seine Gattin, »wo soll sie
denn sein?«
»Beim Kolberg ist sie, ich wette meinen Kopf!«
»Aber wie kannst du das sagen, Max, sie wird doch nicht...«
»Gewiß wird sie! Und sie ist es!«
Beide schwiegen, als das Mädchen wieder eintrat; es stellte den
Teekessel auf den Tisch, zog dann aus der Tasche ein zusammengefaltetes
Papier, und reichte es Weil mit hämischem Lächeln.
»Haben die Herrschaften das vielleicht verloren?«
Während Minna sich wieder zurückzog, starrte der Oberleutnant erst mit
weit aufgerissenen Augen auf das Papier, dann lachte er höhnisch auf und
hielt es seiner Gattin hin.
»Bitte, willst du dich überzeugen, hier hast du es schwarz auf weiß.«
Frau Weil nahm zögernd das Blatt aus seinen Händen und las:
»Erwarte dich heute halb Fünf, da morgen dienstlich beschäftigt.«
Über- und Unterschrift fehlten, aber es waren Kolbergs unverkennbare
Schriftzüge.
»Jetzt haben wir die Geschichte! Dazu haben wir sie eingeladen, daß sie
uns etwas vorlügt und an der Nase herumführt, und dann ihre tollen
Geschichten weitertreibt! Habe ich nicht gleich gesagt, wir wollen es
bleiben lassen? Aber du hast darauf bestanden, sie einzuladen. Hättest
du auf mich gehört, bliebe es mir jetzt erspart, dieses Frauenzimmer
vor die Tür zu setzen.«
»Um Gotteswillen, Max, das kannst du doch nicht, stecke den Brief ins
Feuer!«
»Fällt mir gar nicht ein,« brauste Weil auf, »ich werfe sie zum Hause
hinaus! Oder meinst du, ich hätte hier ein Absteigequartier für
verdorbene Weiber? Sie kann sehen, wo sie unterkommt, ich danke
gehorsamst für die Ehre, sie weiter als Gast zu behandeln. Und der Brief
kommt nicht ins Feuer, sondern dahin, wohin er gehört, zum Ehrenrat!«
Weil ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, die Hände in den
Taschen vergrabend. Sein finsterer Blick verriet Empörung und
Entschlossenheit.
»Wenn ich Dir raten soll,« begann die Gattin zaghaft, »dann stecke den
Brief in den Ofen und schweige die Geschichte tot. In zwei Tagen geht
sie ja doch fort und dann ist so wie so alles zu Ende. Nur laß die
Finger aus der Geschichte, denn du bekommst nur die tollsten
Unannehmlichkeiten! Und dann denke doch an den armen Major!«
»Ich tue, was ich gesagt habe, dabei bleibt es, derartige Sachen
verstehst du nicht zu beurteilen! Ich lasse mir nicht gefallen, daß
diese Person ihre Wirtschaft mit dem Lumpen, diesem Kolberg, aus meinem
Hause heraus fortsetzt. Soviel Anstandsgefühl muß sie sich noch gerettet
haben, diese Geschichten jetzt bleiben zu lassen, solange sie bei
anständigen Leuten zu Gaste ist. Eine Gemeinheit ist das, eine
Schweinerei sondergleichen!«
Frau Weil gab es auf, noch weiter auf ihren Gatten einzureden, denn sie
kannte seinen Zorn und seine Unerbittlichkeit, wenn er sich etwas
vorgenommen hatte. Sie zog die Stirn in Falten und blickte sinnend in
das rote Licht des Kamins, dessen flackerndes Feuer zitternde Schatten
auf den Teppich warf.
»Es ist angerichtet!« meldete das Dienstmädchen.
»Sagen Sie, Minna, wo haben Sie den Brief gefunden?« redete der
Oberleutnant sie an.
»Er lag auf dem Korridor unter dem Kleiderständer, er muß wohl jemand
aus der Tasche gefallen sein.«
»Es ist gut, Sie können gehen!«
Schweigend setzte sich das Ehepaar zu Tisch. Weil machte ein böses
Gesicht, und seine Gattin schaute mit hochgezogenen Augenbrauen nicht
von ihrem Teller auf. Sie blickte erst mit ängstlicher Miene nach ihrem
Manne hinüber, als die Korridortür geöffnet und Frau Kahle's Stimme
hörbar wurde.
»Sie kommt, Max! Mache um Gotteswillen keine Szene! Denke an die
Dienstboten, die können alles hören!«
Weil aber antwortete nichts, blickte auch nicht nach der Tür, als diese
sich jetzt auftat und Frau Major hereintrat.
Ihr Gesicht glühte, und die Augen schimmerten in feuchtem Glanz. Das
blonde Haar war verwirrt und eine Nadel stahl sich aus dem großen Knoten
am Hinterkopfe. Zwei Knöpfe der luftigen Sommerblouse standen offen, und
aus der Öffnung schaute ein kleiner Zipfel zierlicher weißer Spitzen
hervor.
»Guten Abend, meine Herrschaften!« rief die Eintretende mit heiterer
Stimme dem Ehepaare entgegen, »verzeihen Sie meine Verspätung, aber Frau
Klein forderte mich auf, mit ihr zur Stadt hinüber zu fahren und dadurch
wurde es etwas spät. Es war reizend, wir waren im Kaffee und haben
Besorgungen gemacht!«
Weil erhob sich steif und trat seinem Gast gegenüber.
»Gnädige Frau!« sagte er ernst und ruhig, »es ist unnötig und
vergebliche Mühe Ihrerseits, uns über den Zweck Ihrer Abwesenheit heute
Abend täuschen zu wollen. Der Brief, der am Nachmittag für Sie ankam und
durch einen Zufall in unsere Hände gelangt ist, beweist in
unzweideutiger Form, daß Sie das Ihnen gewährte Gastrecht in
schändlicher Weise gemißbraucht haben. Darf ich Sie bitten, so bald als
möglich, spätestens aber bis morgen früh, mein Haus zu verlassen. Heute
Abend wollen Sie uns gütigst allein lassen.«
Er machte eine steife Verbeugung und ließ sich wieder am Tisch nieder.
Frau Kahle stand einen Augenblick wie versteinert im Halbdunkel des
Zimmers, dann griff sie hastig nach ihrer Tasche. Die Hand suchte einen
Augenblick, dann wandte sich die Frau Major schweigend dem Ausgange zu
und ging nach ihrem Zimmer, dessen Tür sie heftig hinter sich zuwarf.
Nach dem Abendessen schritt der Oberleutnant zu seinem Schreibtisch,
zündete die grünverschleierte Lampe an und setzte sich in den Sessel.
Dann entnahm er einer Schublade einen großen Bogen weißes Papier,
tauchte die Feder ein und legte beides vor sich hin.
Eine halbe Stunde saß er zurückgelehnt und blickte sinnend auf den
weißen Bogen, dann ergriff er den Federhalter und begann zu schreiben.
Seine Gattin saß indes mit sorgenvoller Miene an dem großen Sophatisch,
mit einer Stickerei beschäftigt, nur manchmal warf sie einen Blick zu
dem Gatten hinüber, dessen Feder kratzend über das Papier eilte.
Endlich war das Schriftstück fertig. Weil lehnte sich in den Stuhl
zurück und schaute wieder sinnend vor sich hin, dann las er es noch
einmal langsam durch, faltete es zusammen und schob es mit dem
gefundenen Brief in ein gelbes Kouvert, dessen Rückseite er ein Siegel
aufdrückte.
Dann verschloß er das Schreiben in einer Schublade, blies die Lampe aus
und nahm neben seiner Gattin auf dem Sopha Platz, um sich in die Zeitung
zu vertiefen.
Frau Kahle reiste am nächsten Morgen mit dem Frühzug ab, wohin, wußte
selbst der Bursche nicht, welcher den Koffer zur Bahn gebracht, denn sie
hatte weder schriftlich noch mündlich ein Wort des Dankes oder der
Entschuldigung hinterlassen.
Am Mittag desselben Tages wurde der ahnungslose Leutnant Kolberg zum
Kommandeur bestellt und ihm von diesem eröffnet, daß gegen ihn das
ehrengerichtliche Verfahren eröffnet und er bis auf Weiteres des
Dienstes enthoben sei.
Das gab eine Aufregung im Offizierkorps! Im Stillen begrüßte es ein
jeder mit Schadenfreude, daß die an sich so peinliche Angelegenheit nun
doch noch weitere Kreise zog, denn kein einziger war dem verschlossenen
Kolberg, der sich von allen Veranstaltungen im Kasino zurückzog, und
der koketten Frau besonders gewogen. Es scheute sich daher niemand, am
wenigsten Borgert, in der schroffsten Weise über Weil's Vorgehen zu
urteilen und dabei an den Geschehnissen zwischen Kolberg und Frau Kahle
die härteste Kritik zu üben. Man sprach von dem Kameraden in Ausdrücken,
wie sie kaum in den Büchern des guten Tones zu finden waren, und nahm
sich vor, »den gemeinen Ehebrecher und Duckmäuser« gründlich zu
»schneiden«.
Der Oberst von Kronau hatte den größten Schrecken bekommen, als
Rittmeister Stark, der Präses des Ehrenrates, am Morgen mit dem
Schriftstücke Weil's erschienen war. Er überlegte hin und her, was zu
tun sei, um der höchst peinlichen Affäre eine möglichst günstige Wendung
zu geben. Aber sie war nun einmal beim Ehrenrat anhängig gemacht und
mußte, der Vorschrift entsprechend, untersucht und durchgeführt werden.
Er mußte sich daher darauf beschränken, über den Anstifter der
unheilvollen Geschichte, den Oberleutnant Weil, zu fluchen und ihm eine
möglichst schlechte Konduite vorzumerken.
Im Geiste sah er sich schon auf seinem Gute das Abladen eines Heuwagens
überwachen.
Besonders hart traf der Schlag den armen Major Kahle. Er hatte nun
erreicht, wonach er Jahre lang gestrebt und gerungen, und nun machte
ihm diese gewissenlose Frau all sein Glück, all seine Erfolge zu
schanden.
Wo sich seine Gattin aufhielt, ahnte er nicht, denn sie hatte es
vorgezogen, sich nicht in seine Nähe zu begeben, da sie eines nicht
sonderlich freundlichen Empfanges sicher war. Sie hatte daher den Sohn
zu ihren Eltern geschickt, sich selbst aber in Berlin häuslich
niedergelassen, wo sie die Zeit mit Briefen voller Vorwürfe an Kolberg
und mit Herumflanieren tot schlug.
Kahle war fest entschlossen, seiner treulosen Gattin die Tür zu weisen,
wenn sie es wagen sollte, einen Schritt in sein Haus zu tun; er leitete
daher sofort die Scheidungsklage ein.
Was ihm aber weit mehr das Herz beschwerte, war der Gedanke an das nun
unvermeidliche Duell. Weil seine Gattin ihn in gewissenloser, niedriger
Weise hintergangen hatte, mußte er sich jetzt der Kugel des Verführers
preisgeben, statt daß man den Elenden aus dem Offizierstande ausstieß
und ihn in irgend einem Gefängnis über seine gemeine Handlungsweise
nachdenken ließ.
Die Ehre seiner Frau sollte er durch einen Zweikampf retten!
Welch ein Unsinn! dachte er bei sich. Hat ein Weib überhaupt noch einen
Funken Ehre, wenn es seinen Gatten betrügt und sich ganz dem ersten
besten hingibt, der nach seinen Reizen Verlangen trägt? Eine ehrlose
Kokotte war sie, nichts weiter, und für diese sollte er sein Leben in
die Schanze schlagen! Was für eine lächerliche Komödie!
Und er sann darüber nach, ob und wie er einem Zweikampf aus dem Wege
gehen könnte. Nicht aus Feigheit oder Furcht vor dem Tode, nein, feige
war er nicht, aber er sah nicht ein, warum er die Früchte seines
arbeitsreichen Lebens, die Zukunft seines Kindes und sein eigenes Leben
auf ein wagehalsiges Spiel setzen sollte, weil ein anderer gemein und
schurkisch gehandelt hatte. Es war doch denkbar, daß der Gegner ihn
töten würde, wenn es zum Zweikampf kam. Dann hatte er, der Unschuldige,
die härteste Strafe erlitten, die es für den Menschen geben konnte, den
Tod, der Verbrecher aber ging frei aus und ließ einen anderen für seinen
Frevel büßen.
Aber allmählich kam ihm zum Bewußtsein, daß es kein Mittel gäbe, einem
Kampf mit tötlichen Waffen aus dem Wege zu gehen, denn, weigerte er
sich, seinem Gegner eine Forderung zu übersenden, würde man ihn durch
Beschluß eines Ehrengerichts verabschieden, weil er die Ehre seines
Standes nicht zu wahren wisse, beteiligte er sich aber an einem Duell,
so wurde er mit Festungshaft bestraft. Das letztere schien ihm das
geringere von beiden Übeln, aber nun wollte er auch keine Rücksicht üben
an dem Zerstörer seines Friedens, dem Manne, der sein Haus geschändet.
Unter den schärfsten Bedingungen wollte er den Schurken zum Zweikampf
fordern und ihn töten, oder der andere sollte ihm das Leben rauben, das
ihm nun doch einmal verleidet war. -- --
Die ehrengerichtlichen Verhandlungen nahmen mehrere Monate in Anspruch.
Dabei kamen Dinge zu Tage, die zwar den jüngeren Herrn des Offizierkorps
recht interessant und wissenswert erschienen, im übrigen aber auf
Leutnant Kolberg und seine Auffassung von Ehre und Kameradschaft ein
bedenkliches Licht warfen. Auch das Verhalten der Offiziere vor der
Katastrophe mußte recht sonderlich erscheinen.
Anfangs hatten sich die Kameraden von Kolberg ganz zurückgezogen, man
sah ihn auch nur gelegentlich in der Umgebung der Garnison, wenn er
seine Pferde ritt.
Eines Tages aber war Borgert in Geldverlegenheit gewesen und hatte, da
alle anderen Quellen allmählich ihre Zahlungen einstellten, als letzten
Weg einen Pumpversuch bei Kolberg ausfindig gemacht. Dieser benutzte
denn auch die Gelegenheit, Borgert sich zu verpflichten, denn er kannte
dessen Einfluß auf die jüngeren Herrn. Er verschaffte sich daher
schleunigst gegen Verpfändung seines Vollblutrappen die erbetenen
tausend Mark und stellte sie Borgert zur Verfügung.
Der Dank blieb nicht aus. Schon nach wenigen Tagen hatte der
Oberleutnant die gesamte Tischgesellschaft von den vorzüglichen
kameradschaftlichen Eigenschaften Kolbergs und der lächerlichen
Auffassung seiner Schuld seitens der Vorgesetzten derartig zu überzeugen
gewußt, daß der vom Dienst Enthobene nicht nur ein gern gesehener Gast,
sondern ein noch beliebterer Gastgeber wurde. Er renommierte dann beim
schäumenden Sekt mit seinem bevorstehenden Duell, wo er dem »Dämelsack«,
dem Kahle, ordentlich heimleuchten würde, und wurde so allmählich der
Held des Tages, der mit kühnem Schneid sich eine Dame erobert hatte,
während andere mit einer Straßendirne vorlieb nehmen mußten.
Er wurde jedoch etwas bescheidener, als er eines Tages Kahle's Forderung
erhielt:
>15 Schritt Distanze, gezogene Pistolen mit Visier und Kugelwechsel bis
zur Kampfunfähigkeit einer Partei<. Das hatte er nicht erwartet, die
Aussichten des Zweikampfes für ihn waren somit nicht abzusehen,
vollends, da der Major als guter Schütze galt und sein Ruf als
trefflicher Nimrod weit über die Grenzen der Garnison hinausging.
So wanderte er denn täglich in den Wald und übte sich im Schießen, um am
Tage des Kampfes gewappnet vor den Gegner treten zu können.
Wenn er so eine Kugel nach der anderen in eine unschuldige Buche
hineinknallte, kam ihm mitunter der Gedanke, daß er doch eigentlich den
Major nicht treffen dürfe, da er an ihm gesündigt und ihn betrogen habe.
Es war etwas wie das letzte Aufdämmern eines unter dem Druck moralischen
Niederganges ersterbenden Pflichtgefühls, die Regungen eines
schuldbeladenen Gewissens und das leise Empfinden der Gerechtigkeit,
aber diese Regungen wurden von einem weit mächtigeren Gefühl erdrückt:
dem neu erwachten, wilden Hang am Leben, der um so heftiger ihn ergriff,
je mehr er sich in die Möglichkeit hineindachte, ein Leben lassen zu
müssen, das ihm noch so viel des Schönen bot. Und eine innere Stimme
rief in ihm: Du willst nicht sterben, leben willst du, leben! --
Und dafür war der beste Weg, den Gegner in den Sand zu strecken.
Vier Monate waren vergangen, bis das Ehrengericht das Urteil sprach. Es
lautete auf Verabschiedung Kolbergs, doch wurde dem Bestätigungsgesuch
an Seine Majestät ein solches um gnadenweise Wiedereinstellung des
Verabschiedeten beigefügt.
Der Zweikampf wurde an sich ebenfalls genehmigt, doch nicht unter den
von Kahle gestellten Bedingungen. Vielleicht fürchtete man, durch einen
nach jenen Bedingungen unvermeidlichen blutigen Ausgang zu viel Staub
aufzuwirbeln. Waren doch in letzter Zeit mehrere Fälle vorgekommen, bei
denen der Tod eines der Duellanten die verhängnisvollsten Folgen für
diejenigen hohen Vorgesetzten mit sich brachte, welche die Ausfechtung
des Zweikampfes nicht aufgehalten oder die Bedingungen abgeschwächt
hatten.
So lautete denn die neue Forderung auf 35 Schritt Distanz und einmaligen
Kugelwechsel mit glatten Pistolen ohne Visier.
Kahle wurde also keine Gelegenheit gegeben, den Schänder seiner Hausehre
zu strafen, weil die Herrn Vorgesetzten nicht ihre Haut dabei zu Markte
tragen wollten. Denn dieser Zweikampf war nur eine Farce, ein blutiger
Ausgang mußte lediglich ein unglücklicher Zufall sein.
Borgert war von Kolberg gebeten worden, ihm zu sekundieren, und der
Oberleutnant willigte mit Vergnügen ein, denn einesteils spielte er gern
die Rolle des ungefährdeten Zuschauers, andererseits glaubte er sich
dadurch Kolberg zu verpflichten, die Rückzahlung der tausend Mark hatte
somit noch ein Weilchen Zeit.
Ein Trinkgelage versammelte die Getreuen Kolbergs in dessen Wohnung,
bevor er nach der Stadt in Süddeutschland abreiste, deren Umgebung der
Schauplatz des Zweikampfes werden sollte. Er betrank sich dabei so, daß
es dem Burschen schwer wurde, den Leutnant gegen Morgen aus den Federn
zu bringen, damit er den Zug nicht versäume.
Borgert war es ebenso gegangen, er machte so, wie er auf dem Bahnhof
stand, den Eindruck, als käme er gerade von einem Festgelage.
In diesem Zustande hatte er natürlich »vergessen«, sich Reisegeld
einzustecken und nahm es großmütig an, als Kolberg ihm einen
Hundertmarkschein in die Hand drückte. -- --
Es war ein kalter Morgen, als zwei Wagen in flottem Trabe den
Schießständen von Kahles Garnison zufuhren.
Die Sonne schaute gerade über den Bergrücken im Osten heraus und sandte
ihre ersten flachen Strahlen auf die reifbedeckten Stoppelfelder.
Friedlich lag die Natur in ihrem herbstlichen Kleide, auch im Walde
herrschte tiefes Schweigen, nur manchmal unterbrochen durch das
Herabfallen eines welken Blattes, wenn es seinen Weg raschelnd zwischen
den Zweigen zu Boden suchte, zu seinem Totenbette.
Im ersten Wagen saßen Kolberg, Borgert und zwei Ärzte, im zweiten Kahle,
sein Sekundant und die beiden Mitglieder des Ehrenrates, welche dem
Zweikampf als Unparteiische beizuwohnen hatten. Unter dem Rücksitz lag
der Pistolenkasten.
Von der Straße bogen die Gefährte in einen Seitenpfad ein, der so schmal
war, daß das Geäst der rechts und links stehenden Bäume beständig gegen
die Wagenfenster schlug.
An einem freien Platze machten sie Halt. Die Insassen stiegen aus und
befahlen den Kutschern, an den Eingang des Waldes zurückzufahren und
dort zu warten.
Die Herrn schritten sodann noch fünf Minuten einen kleinen Pfad entlang
und versammelten sich auf dem Schießstand, der am weitesten in den Wald
hinein gelegen war.
Der Pistolenkasten wurde auf einen Erdwall gelegt und von den
Sekundanten die Waffen herausgenommen und geladen, dann übergab einer
die Pistole dem anderen zur Prüfung.
Die Ärzte breiteten ihre Bestecke aus und legten einen großen Streifen
Verbandsstoff bereit, während die Unparteiischen sprungweise die
Entfernung abschritten und ihre Degen als Entfernungsmarken in den
festgefrorenen Boden steckten.
Der übliche Ausgleichsversuch verlief erfolglos, und so nahmen denn die
beiden Duellanten an je einem Degen Ausstellung.
Kahle sah bleich und übernächtig aus, er zitterte vor Kälte, und seine
nervös zuckenden Züge verrieten heftige Erregung.
Kolberg dagegen schien beinahe zu lächeln und warf mit einer
gleichgültigen Bewegung den Zigarettenstummel weg, den er bis dahin im
Munde gehalten.
Einer der Herren erklärte in kurzen Worten die Kampfesordnung, daß der
Schuß zwischen »Eins« und »Drei« fallen müsse und sagte dann nach kurzer
Pause:
»Fertig!«
Beide Herren hielten die Pistole zu Boden gesenkt, um sie auf »Eins«
gegeneinander zu erheben.
Gleichzeitig mit »Zwei« knallte Kahle's Schuß, und die Kugel schlug
klatschend in die Rinde einer Buche, von der ein dürrer Zweig
geräuschvoll zu Boden fiel. Durch die unruhig zitternde Hand war der
Schuß fast einen Meter über Kolberg's Kopf hinweggegangen.
Dieser aber stand fest und unbeweglich und zielte bis zum letzten
Augenblick, sodaß mit »Drei« auch der Hahn seiner Pistole niederschlug.
Kahle sah festen Blickes auf die kleine schwarze Mündung der Pistole
seines Gegners, nach dem Schuß aber öffneten sich seine Augen weit, er
taumelte und stürzte zu Boden.
Kolberg lief es kalt über den Rücken, als er den großen, starken Mann
nach rückwärts fallen sah und er blieb wie gelähmt einen Augenblick
stehen; dabei entfiel die Waffe seiner Hand.
Die übrigen Herren aber waren sofort neben dem Major, und die Ärzte
rissen ihm den Rock auf.
Mitten auf der Brust sickerte ein starker Blutstrom aus einer kleinen
Wunde.
Kahle hatte die Besinnung nur für einen Augenblick verloren. Er lag
jetzt da, bleich und mit festem Blick auf die Herren in seiner Umgebung
schauend. Und als Kolberg auch herantrat, dem Major die Hand
entgegenstreckend, taumelte er wie von einem Schlage getroffen zurück,
als ein kalter, abweisender Blick aus Kahle's gläsernen Augen ihn traf.
Einen Augenblick stand er neben seinem Opfer, dann wandte er sich um und
schritt in den Wald hinein, dem Ausgange zu.
Die Verwundung des Majors stellte sich als nicht lebensgefährlich
heraus, doch hatte die Kugel die Lunge leicht verletzt, und es mußte
lange dauern, bis der Kranke wieder genesen war.
Ein Wagen wurde herbeigeholt und der Major sorgfältig hineingehoben, die
beiden Ärzte stiegen ebenfalls ein, der Sekundant nahm neben dem
Kutscher Platz, und darauf ging es im Schritt nach der Stadt zurück, wo
man den Verletzten sofort in's Lazaret zu bringen gedachte.
Kolberg's niedergedrückte Stimmung hielt nicht lange vor. Als er sich
mit Borgert am Anfang der Stadt von den beiden Insassen des Wagens
verabschiedet hatte, schlug ihm sein Begleiter auf die Schulter und
sagte ermunternd:
»Machen Sie doch nicht so ein Gesicht, Menschenskind! Seien Sie froh,
daß Sie mit heiler Haut davon gekommen sind! Daß Sie den armen Teufel
gerade in die Brust getroffen haben, ist ja Pech, aber dafür können Sie
nichts, denn er ist es ja, der Sie gefordert hat, nicht Sie ihn. Wir
wollen jetzt frühstücken gehen, mir knurrt der Magen, ich bin nicht
gewohnt, so früh am Morgen im Walde herumzustolpern.«
»Es tut mir leid, daß ich den Major so unglücklich getroffen habe, aber
das wollte ich nicht,« erwiderte Kolberg mit ernster Stimme, »der Teufel
soll die Weiber holen, die sind an allem schuld! Was mußte ich mich auch
mit dieser Kahle einlassen!«
»Zerbrechen Sie sich darüber nicht den Kopf, mein Lieber! Der Major ist
selbst an allem schuld, denn er mußte seiner schönen Gattin besser auf
die Finger sehen, dann wäre sie keine Dirne geworden. Heute hat sie den,
morgen den, also haben Sie kein Verbrechen begangen, wenn Sie sich auch
einmal mit ihr amüsiert haben. Man muß die Weiber behandeln, wie sie es
verdienen.«
Dem redegewandten Borgert gelang es allmählich, Kolbergs finstere Miene
aufzuhellen, denn was er da sagte, leuchtete ihm ein, die herzlose
Gemeinheit, die aus den Worten seines Begleiters sprach, fühlte er nicht
heraus, da er selbst nicht besser war.
So gingen denn die Beiden zu ihrem Hotel, zogen Zivil an und begaben
sich in ein Frühstückslokal, in welchem die Kellner mit verschlafenen
Augen gerade die Stühle von den Tischen nahmen und die frühen Gäste voll
Verwunderung betrachteten.