welches dem Vater dieselben Verpflichtungen auferlegt, wie sie für
außereheliche Kinder bestehen. Dann würde er sich schon einzurichten
wissen, wenn er zu regelmäßigen, seinem Einkommen entsprechenden
Geldopfern gezwungen wäre.«
»Und wenn der zweiten Frau nicht paßt, daß er das Kind des ersten
Verhältnisses mitbringt?«
»Dann könnte man Erziehungshäuser in großem Styl errichten. Schon unter
den jetzigen Verhältnissen wäre es oft gut, wenn ein Kind nicht bei den
Eltern aufwüchse, die nicht harmonieren, und so dem jugendlichen Gemüt
Eindrücke zu teil werden, die ihm nicht von Nutzen sind.
Indeß nennt man ja Kinder das Unterpfand der Liebe, sie würden das
einmal eingegangene Verhältnis erhalten helfen.«
»Dann kämen wir also wieder auf die Ehe zurück!«
»Gewiß, aber auf eine Ehe, die wir jeden Tag selbständig lösen dürfen.
Wir Menschen tun gut, uns in allem an die Natur zu halten, an ihr
künsteln und bessern zu wollen, hat meist den entgegengesetzten Erfolg.
Ein Tier tritt auch nicht vor den Altar oder den Standesbeamten, wenn es
sich mit einem anderen paaren will. Sind sie von einander gesättigt,
läuft das eine wieder nach Süden, das andere nach Norden.«
»Wir sind aber doch mehr wie Tiere!« lachte Frau Leimann.
»Dafür haben wir auch die Liebe, ein Tier kennt nur Triebe!«
Frau Leimann schwieg. Ein so ernstes Gespräch hatte sie lange nicht
geführt und es machte ihr fast Mühe, dem Gedankengang zu folgen. Schien
ihr auch mancher Punkt noch anfechtbar, im Grunde war es doch richtig
mit dieser freien Liebe, und sie bedauerte beinahe, daß man in der
Kultur noch nicht so weit gekommen sei. Das wäre eher nach ihrem
Geschmack gewesen, als die Ehe mit so einem langweiligen, häßlichen
Mann, wie ihr Gatte war, mit so unendlich vielen schlechten
Eigenschaften. Sie besaß auch genügend Feingefühl, um mit dem schlauen
Verstand einer Frau zu empfinden, wo hinaus Borgert mit Entwickelung
dieser seiner Ansichten wollte. Sie warf daher ihr erhitztes Köpfchen
auf, blinzelte verschmitzt den Apostel der freien Liebe von der Seite
an und fragte mit erheuchelter Unbefangenheit:
»Nun, sagen Sie, wenn eine Frau schon verheiratet ist, also bereits
durch eine Gesetzesehe gebunden, und kommt nun nachträglich zur
Einsicht, daß die freie Liebe besser ist? Was dann?«
»Dann mag sie ihrer Einsicht folgen, nur darf sie es nicht so
offenkundig vor aller Augen tun, da sie es eben nach den vorläufig noch
bestehenden Grundsätzen über eheliche Treue nicht darf. Sie muß es
machen wie die Pariserin.«
»Dann wird es aber Zeit, daß ich mich nach einem solchen heimlichen
Romeo umsehe, denn mein Gesetzlicher wird mir allmählich unheimlich!«
rief Frau Leimann belustigt.
»Kann ich Ihnen dabei behilflich sein, Gnädigste?« entgegnete Borgert
ebenfalls scherzend.
»Sie würden es sich damit wahrscheinlich wieder leicht machen, denn,
wenn ich mich recht entsinne, stellten sie sich schon einmal
freundlichst zur Verfügung!«
»Womit ich auch in diesem Falle meine Dienste beginnen würde!«
»Dann könnte ich ja mit Ihnen einmal die neue Theorie probieren, schade,
daß kein heimlicher Standesbeamter da ist. Aber nein, den haben Sie ja
als überflüssig verworfen.«
»Nein, den brauchen wir nicht, wir machen die Sache unter uns ab!« sagte
Borgert scherzend.
»Bedarf es denn gar keiner Formalitäten?«
»Gewiß, sogar vieler, und zwar derselben wie beim Abschluß einer
richtiggehenden Ehe!«
»Ach so, Sie meinen einen Händedruck und einen innigen, tränenfeuchten
Blick?«
»Auch das gehört dazu.«
»Auch? Was denn noch? Ich habe so ein schlechtes Gedächtnis.«
»Ich will es Ihnen ins Ohr sagen, rücken Sie etwas näher!«
Frau Leimann rückte dicht neben Borgert und sagte, unbefangen scherzend:
»Das scheint ja eine große Heimlichkeit zu sein!« Sie beugte ihren Kopf
zu Borgert hin, welcher in diesem Augenblick mit beiden Armen die schöne
Frau umschlang, während seine Lippen die ihren suchten. Da schlang auch
sie die Arme um den Mann, und lange hielten sie sich so umschlungen,
während ein heißer, glühender Kuß all die verhaltenen Gefühle der Liebe
auszuströmen schien, die lange beider Herzen erfüllt.
* * * * *
Die Lampe war schon im Erlöschen begriffen, als ein unsicherer, schwerer
Schritt auf der Treppe vernehmbar ward.
»Er kommt!« stieß Frau Leimann erschrocken aus, »Du mußt dich eilen, daß
er dich nicht hört!«
Eine letzte Umarmung, und Borgert huschte durch das Speisezimmer dem
anderen Ende des Korridors zu, um über die Hintertreppe nach seiner im
Erdgeschoß gelegenen Wohnung zu gelangen. An der Tür aber zog er behend
die Schuhe aus und tappte leise die dunkle Treppe hinab.
Frau Leimann aber blies die Lampe aus, stellte Borgerts Kaffeetasse
unter das Sopha und legte sich wie schlafend in die weichen Kissen
zurück.
Inzwischen hatte Leimann geräuschvoll die Korridortür geöffnet und trat
jetzt in das Zimmer, wo die Gattin seiner harrte.
Einen Augenblick blieb er am Eingang stehen. Roch es hier nicht nach
Zigarettenrauch? Dann tastete er mit den Händen nach dem Tisch, ergriff
die Streichholzschachtel und zündete eine Kerze an. Da erblickte er
seine Gattin auf dem Sofa.
Der Anblick rührte ihn. Hatte die treue Seele auf ihn gewartet, um ihm
noch eine Tasse Kaffee anzubieten? Gewiß war sie vor Müdigkeit
entschlummert und hörte ihn nicht, als er nach Hause kam. So trat er
denn behutsam an das Sofaende und küßte seine Frau auf die Stirn.
Mit einem leichten Schrei fuhr sie empor.
»Ach du bist es, Georg, wo bleibst du so lange?«
»Sei mir nicht böse, mein Engel, daß ich dich warten ließ, aber ich
ahnte ja nicht, daß du meinetwegen aufbleiben würdest. Warum hast du
dich nicht gelegt?«
Aus den Worten klang ein liebevoller Ton, sie schienen wie eine
Entschuldigung, eine Bitte um Verzeihung; Frau Leimann aber wischte sich
den Schlaf aus den Augen und erhob sich müde.
»Ich mußte doch auf dich warten, Georg, du warst wieder in einem
schrecklichen Zustand. Als ich dich so sitzen sah, wurde mir so elend,
daß ich es nicht mehr aushalten konnte, und ging nach Hause!«
»Allein, so spät, in der Nacht? Warum hast du dich nicht von einer
Ordonnanz begleiten lassen?«
»Borgert hat mich bis an die Tür gebracht, er bot mir seine Begleitung
an!«
»Dafür muß ich mich morgen bei ihm bedanken, er ist überhaupt immer sehr
aufmerksam gegen dich! Wo ist er denn geblieben, ich habe ihn nicht mehr
gesehen den ganzen Abend!«
»Er klagte über Kopfweh, hatte auch ziemlich genug, er wird wohl zu Bett
gegangen sein.«
»Warum hast du ihm nicht noch eine Tasse Kaffee angeboten?«
»Aber Georg, was sollen denn die Dienstboten denken, wenn sie mich um
diese Zeit noch mit einem Herrn kommen hören, das geht doch nicht! Diese
Marie spitzt und horcht überhaupt immer herum, daß man sich
zusammennehmen muß, daß sie nicht einmal ein Wort auffängt. Ich möchte
nicht wissen, was die über uns schon alles geklatscht hat!«
»Dann schicke sie doch fort, wenn du ihr nicht traust!«
»Das hätte ich längst getan, aber ehe sie ihren rückständigen Lohn nicht
hat, kann ich ihr nicht kündigen.«
»Dann bezahle sie morgen!«
»Wovon? Hast du das Geld dazu?«
»Ich? Du weißt, daß ich von meinen paar Mark Gehalt für den Haushalt
nichts hergeben kann. Hat deine Mutter denn diesen Monat noch nichts
geschickt?«
»Nein, sie hat diesmal selbst nichts übrig!«
»Natürlich, das alte Lied!«
»Soll das vielleicht wieder ein Vorwurf sein? Du hast es ja gewußt, daß
ich nicht reich bin, also tue mir den Gefallen, mich endlich mit deinen
Anspielungen und Klagen zu verschonen, ich finde das allmählich
langweilig und geschmacklos!«
»Ja, das willst du nicht hören! Du hättest früher einsehen müssen, daß
eine solche Wirtschaft ohne Geld ein Unding ist! Jetzt haben wir jeden
Tag die Schweinerei, heute kommt der Metzger, morgen der Bäcker,
übermorgen die Waschfrau, alle wollen sie Geld. Ich kann es mir nicht
aus den Rippen schneiden.«
»Warst du es nicht selbst, der mich nicht los ließ? Hast du nicht alle
diese Bedenken ausgeschlagen und immer wieder auf eine Heirat
bestanden?«
»Gewiß, aber du und deine Mutter mußtet so vernünftig sein, den Unsinn
einzusehen, wenn ich es nicht tat. Deine Mutter wußte, was ein Haushalt
kostet, ich aber nicht. Jetzt ist es zu spät.«
»Das sehe ich selbst ein, das brauchst du mir nicht unter die Nase zu
reiben. Aber meine Schuld ist es nicht, denn wäre alles so geworden, wie
es meine Mutter wollte, brauchtest du dich heute nicht über eine arme
Frau zu ärgern. Du warst nicht der einzige, den ich hätte heiraten
können.«
»Das hättest du damals gleich sagen können,« entgegnete ihr Gatte
höhnisch, »es tut mir aufrichtig leid, wenn ich störend in deine Zukunft
eingegriffen habe.«
»Du bist gemeiner, Georg, als ich dachte.«
»Die Wahrheit wollt Ihr Weiber niemals hören, wenn man euch nicht ewig
Schmeicheleien sagt und schöne Töne vorflötet, seid ihr gleich auf den
Fuß getreten!«
»Nun, ich bin von dir nicht gerade verwöhnt mit derartigen
Liebkosungen!«
»Weil ich nicht weiß, wofür ich sie dir schuldig bin. Vielleicht dafür,
daß ich heute nicht weiß, wie ich meinen Schuster bezahlen soll, statt
daß ich auf der Kriegsakademie bin und ein anständiges Leben vor mir
habe?«
»Schweig, du gemeiner Mensch, du hast kein Recht, mich zu beleidigen!
Verlaß mein Zimmer oder ich verlasse das Haus!«
»Zu Befehl, meine Gnädigste! Angenehme Ruhe!«
Dabei schlug Leimann hinter sich die Tür ins Schloß, daß die Fenster
zitterten und begab sich in sein Schlafzimmer.
Seine Gattin aber vergrub schluchzend das Gesicht in den Sophakissen und
machte in einem Tränenstrom den Gefühlen des Hasses und der Wut gegen
den herzlosen Gatten Luft. Ihr ganzes Inneres empörte sich gegen die
Gefühlsroheit dieses Menschen, dem sie gefolgt war, weil er ihr auf den
Knien schwor, nicht ohne sie leben zu können, und nun trat er die
dargebrachte Liebe mit Füßen, entweihte alle heiligen Erinnerungen eines
Frauenherzens, welche sich an den ernstesten Schritt ihres Lebens
knüpfen und ihm in schweren Stunden eine Stütze, ein Halt sein sollen,
um Unglück und Ungemach leichter ertragen zu können.
Und hatte sie noch vor wenigen Minuten, als Borgert sich aus ihren Armen
befreite, etwas empfunden wie eine schwere Sünde, ein Verbrechen an der
Heiligkeit der Ehe, eine Gewissenlosigkeit gegen den Ahnungslosen, so
schien ihr jetzt ihre Handlungsweise eine gerechte Sühne und
entschuldbare Folge für die brutale, herzlose Gefühlsroheit ihres
Gatten.
Denn nie ist das Herz des Weibes mehr empfänglich für die verbotene
Liebe eines fremden Mannes, als in dem Augenblick, da es in den letzten
Zuckungen liegt von dem Todesstoß, den ihm der eigene Gatte gab.
* * * * *
Der Morgen des jungen Tages vertrieb die letzten Festgäste aus dem
Kasino. Ausnahmslos hatte der Sekt seine Wirkung getan, und man verließ
den Festplatz in einer Stimmung, die darnach angetan war, die Grenzen
des guten Tones immer mehr zu überschreiten.
Die nahe Turmuhr schlug fünf, als die letzten, Rittmeister Stark nebst
Gattin und der Oberst, den seit drei Stunden wartenden Krümperwagen
bestiegen, dessen Pferde, durch den anhaltenden Regen ganz steif
geworden, sich kaum entschließen konnten, ihre Last in den Morgennebel
zu ziehen. Erst als der Kutscher einen Puff erhalten und mit der
Peitsche diesen an die armen Tiere weitergegeben hatte, kam das Gefährt
ins Rollen und brachte die übermütigen Nachtschwärmer ihrer Wohnung zu.
Leutnant von Meckelburg und Oberleutnant Specht konnten zwar kaum noch
auf den Beinen stehen, aber sie gingen getrost in die Kaserne, um von
5-6 Uhr Instruktion abzuhalten, nachdem sie sich schnell umgezogen.
Specht vergaß sogar, seinen künstlichen Schnurrbart zu entfernen und
erschien mit dieser an ihm ungewohnten Zierde der Männlichkeit vor
seinen lächelnden Rekruten.
Die meisten andern Herren zogen es vor, erst ihren Rausch ein wenig
auszuschlafen und ließen Dienst Dienst sein, vor 11 Uhr kam heute doch
kein Rittmeister in die Kaserne.
Sie sollten mit ihrer Vermutung auch Recht haben. Rittmeister König
allerdings war pünktlich um 7 Uhr zur Stelle und wohnte Bleibtreus
Reitunterricht bei, um dann eine Zählung der Kammerbestände vorzunehmen.
Sein Grundsatz war und blieb: Vergnüge dich, so viel du willst, aber
Dienst ist Dienst.
Hagemann erschien erst gegen elf Uhr auf der Bildfläche, um seinen Kater
von seinem Leibroß ein wenig spazieren tragen zu lassen. Stark dagegen
zog es vor, ganz zu Hause zu bleiben. Dafür kontrollierte seine wackere
Gattin, mit dem Notizbuch in der Hand, ob alle Reitlehrer bei ihren
Abteilungen seien und notierte Kolberg als den ersten, der den Dienst
»schwänzte«.
Um 1/2-1 Uhr empfing sie den Besuch des Rittmeisters Hagemann, der sich
entschuldigen wollte, weil er am gestrigen Abend infolge seiner sehr
angeregten Stimmung der »Meernixe« einige unzarte Schmeicheleien gesagt
hatte. Er hatte nämlich geäußert, sie müsse infolge ihres Fettgehaltes
vorzüglich schwimmen können, wenn das Meer nicht vor der Fülle ihres
Nixenleibes aus den Ufern träte.
Leimann ging ebenfalls eilig im Helm durch die Hauptstraße, um auch
seinerseits für sein gestriges Benehmen um Entschuldigung zu bitten.
Erst der Abend fand die Mehrzahl der Herren bei einem solennen
Dämmerschoppen im Kasino versammelt, wo man das Fest des vergangenen
Tages besprach und in mehr oder minder würzigen Reden die einzelnen
Teilnehmer einer Kritik unterzog.
Borgert verstand es dabei, in ganz besonders scherzhafter Weise das
Neuste über den nicht mit anwesenden Kolberg und Frau Kahle zu
berichten. Seinem Späherauge war nichts entgangen, er vermochte sogar zu
sehen, was hinter einer Rollschutzwand geschah.
Indessen saß der Geschmähte behaglich am warmen Ofen seines Zimmers, auf
seinen Knieen aber Frau Kahle.
Sie hatte es vor Sehnsucht nicht aushalten können und war unter dem
Vorwand, Besorgungen machen zu müssen, ihrem Gatten entwischt und im
Schutze der Dunkelheit nach dem Ende der Stadt in den kleinen Garten
geeilt, zwischen dessen hohen Kastanien das kleine von Kolberg bewohnte
Häuschen stand.
Dieser Versuch, ein ungestörtes Schäferstündchen zu genießen, glückte so
gut, daß es sich lohnte, ihn so oft wie nur möglich zu wiederholen. Es
war auch besser so, als dieses langweilige Spazierengehen, denn in dem
kleinen Nest paßte ein jeder auf und freute sich wie ein König, wenn er
etwas zu erzählen hatte, was ein anderer noch nicht wußte. Selbst den
Bäumen im Walde konnte man nicht trauen, war es doch schon vorgekommen,
daß ein Unteroffizier aus der Krone einer Ulme herabstieg, an deren Fuß
ein anderer sich mit seiner Braut vergnügte, und der Treulosen eine
ausgibige Portion Prügel verabreichte.
Außerdem war die Witterung meist kalt und schlecht, und zur Liebe
braucht man Wärme.
So aber merkte niemand etwas. Sie ging einfach aus, um Einkäufe zu
machen, und dann waren nach Eintritt der Dunkelheit die Straßen meist
so leer, daß sie kaum einem Menschen begegnete, wenn sie dem einsamen,
abgelegenen Häuschen zuging.
Die Glücklichen rechneten nicht einmal damit, daß man vor dem Burschen
auf der Hut sein müsse, er wurde eben jedesmal in die Stadt oder zur
Kaserne geschickt. Er hatte aber bald heraus, daß diese regelmäßigen
Sendungen am Montag und Donnerstag nur ein Vorwand seien, denn die
Aufträge, die er dabei erhielt, waren oft recht sonderbarer und
überflüssiger Art. So stellte er sich denn eines Tages hinter einem Baum
und erblickte zu seinem nicht geringen Erstaunen die Gattin des
Rittmeisters Kahle, die ungeniert zu seinem Leutnant hineinspazierte.
Allmählich aber wuchs seine Neugierde, und er schlich sich dann
regelmäßig unter das Fenster, um durch die dünnen Scheiben jedes Wort
mitanzuhören, oder vom nächsten Baum aus einen Blick in das Innere des
Zimmers zu werfen. Was er da sah, setzte ihn in Erstaunen, und er gab
gelegentlich seinen Gedanken in der Kantine Ausdruck. Er fand dabei ein
dankbares Publikum, denn alle lachten aus vollem Halse. Ihre Heiterkeit
aber erreichte den Höhepunkt, als der getreue Bursche Kolberg's aus dem
Portemonnaie eine in der Wohnung des Leutnants gefundene Haarnadel
herauszog und dieselbe Kahles Burschen übergab mit der scherzenden
Bitte, sie der Gnädigen zurückzuerstatten.
Kolbergs Bursche war dadurch ein interessanter Mann geworden, denn er
erzählte weit fesselnder als der des Hauses Leimann. Letzterer wußte von
seiner Gnädigen und Borgert ja auch so manches zu erzählen, doch seine
Darstellungen waren lückenhaft, weil sich das Dienstmädchen weigerte,
ihre weit interessanteren Beobachtungen zum Besten zu geben. Sie sparte
sich dieselben auf als Trumpf für spätere Zeiten, wo man durch sie nicht
nur den rückständigen Lohn, sondern vielleicht noch mehr herausschlagen
konnte.
So vergingen mehrere Monate.
Das Geheimnis von dem Verhältnis Kolberg's zu Frau Rittmeister Kahle war
allmählich in alle Kreise hindurchgesickert und der Gesprächsgegenstand
in mancher Kneipe des kleinen Städtchens geworden. Selbst Kolberg's
Kameraden wußten davon, aber keiner wollte es unternehmen, eine Sache,
für welche man nicht greifbare Beweise in Händen hatte, aufzurühren,
denn entweder stritten die beiden die ihnen zur Last gelegten Tatsachen
ab, und dann war man der Blamierte, hatte die Ehre eines Kameraden und,
was noch schlimmer war, die einer Dame des Regiments angegriffen, und
das mußte böse Folgen haben, denn wer konnte wissen, ob der einzige
Zeuge des Verhältnisses, Kolberg's Bursche, bei seinen Behauptungen
bleiben würde, wenn man ihm auf's Leder kniete? Vielleicht -- und das
schien wahrscheinlich -- würde er seine Erzählungen aus Furcht vor
Strafe für sein heimliches Aufpassen widerrufen oder die Sache in einem
anderen, unschuldigeren Lichte darstellen, vielleicht auch würde er
aussagen, nichts gesehen zu haben.
Andererseits fürchtete man mit Recht, die Enthüllung der Sache könnte
gewaltigen Staub aufwirbeln, die Verabschiedung eines Kameraden und das
unvermeidliche Duell zur Folge haben. Dem Rittmeister Kahle aber wollte
man wohl, weshalb ihm also solche unerquicklichen Weiterungen bereiten?
So blieb alles, wie es war, nur die Rederei nahm, besonders in der
Stadt, einen derartigen Umfang an, daß Rittmeister König sich entschloß,
dem Kommandeur privatim einen Wink zu geben.
Der Oberst aber fragte: »Melden Sie mir das dienstlich? Nein? Dann weiß
ich nichts davon, ich werde mir die Finger an einer solch heikeln
Geschichte nicht verbrennen.«
König verspürte auch wenig Lust, der Urheber einer großen
Skandalgeschichte zu werden und nachher womöglich noch eine Forderung zu
erhalten, er schwieg also ebenfalls.
So geschah denn von keiner Seite etwas, um dem Gerede ein Ende zu
machen und etwas aus der Welt zu schaffen, was dem Regiment und dem
gesamten Offizierkorps in hohem Grade schadete und geeignet war, sein
Ansehen in schlimmster Weise zu schädigen. Wo man in anderen Kreisen der
Bevölkerung bei gleichen Verhältnissen den Schuldigen zur Rechenschaft
gezogen haben würde, duldete man einen jedem Anstands- und Ehrgefühl
Hohn sprechenden Umstand, und das in einem Stande, der für sein Ansehen,
die Unanfechtbarkeit seiner Sitten und seine bevorzugte Stellung im
Vaterland die erste Stelle für sich beanspruchte.
Am schwersten traf dieser Vorwurf den Obersten von Kronau. Dieser Herr,
der stets bereit war, mit aller Strenge rücksichtslos einzugreifen, wenn
er etwas Ungehöriges oder Strafbares entdeckte und keine Milde kannte,
wenn er dabei für seine Person nichts zu fürchten hatte, er duldete die
Schande. Denn hier mußte er damit rechnen, daß ihm unter Umständen
Unannehmlichkeiten entstanden. Entweder konnte man ihn einer falschen
Anschuldigung zeihen, oder seine Stellung als Kommandeur erhielt einen
Stoß, wenn die vorgesetzten Behörden Kenntnis von den Geschehnissen in
seinem Regiment erhielten. Beides aber war durchaus nicht nach seinem
Geschmack.
Es kam ihm daher als hochwillkommene Nachricht, als er ein
Dienstschreiben erhielt, laut welchem der Rittmeister Kahle zum Major
befördert und in eine Garnison Süddeutschlands versetzt wurde. Da war
das ersehnte Ende dieser unseligen Geschichte, und er freute sich
doppelt, nicht voreilig gehandelt zu haben, denn nun wurde die Sache
durch eine günstige Wendung des Geschicks zum Abschluß gebracht.
Kahle war glücklich über die unerwartet schnelle Beförderung. Hatte er
doch nun das schöne Ziel erreicht, dem er lange Jahre ernster Arbeit und
redlichen Strebens gewidmet!
Jetzt konnte er ruhiger der Zukunft entgegensehen, denn nun die
gefährliche Majorsecke überwunden war, schien ihm eine weitere
aussichtsvolle militärische Laufbahn mit Rücksicht auf seine Fähigkeiten
außer Zweifel. Dazu die schöne neue Garnison, was wollte er mehr?
Schon am Tage nach der Beförderung versammelte ein Liebesmahl das
gesamte Offizierkorps im Kasino. Um den Scheidenden besonders zu ehren,
hatte der Oberst Epauletten befohlen, und der neugebackene Major nahm
sich besonders fein aus im Schmuck seiner Orden und Kandillen.
Als der zweite Gang vorüber war, erhob sich der Oberst und hielt dem
scheidenden Kameraden eine herzliche Abschiedsrede, in welcher er der
allgemeinen Beliebtheit und den hohen militärischen Tugenden Kahles
Ausdruck gab, dann überreichte er ihm den üblichen silbernen Becher mit
dem Namenszug des Regiments.
Kahle dankte mit gerührten Worten. Aus seiner Abschiedsrede klang die
Freude über die Beförderung heraus, aber auch ein Schmerz, nach so
langer Zeit in der Garnison die Kameraden und den Ort seiner Wirksamkeit
verlassen zu müssen. Oft hatte er sich sehnlich fortgewünscht aus diesem
weltvergessenen Städtchen, in dem es so viel Ärger gab, aber jetzt, da
es ans Scheiden ging, schnitt es ihm doch wie ein leichter Schmerz in
die Seele, auf immer von dort zu scheiden, wo er lange Jahre dem
Vaterlande in Ehren gedient.
Die Herren waren alle vollzählig am Bahnhof versammelt, als der Major am
nächsten Tage mit dem Mittagszuge abreiste. Nachdem er noch einmal allen
Lebewohl gesagt, und der Oberst ihn geküßt hatte, nahm er Abschied von
seiner Frau und dem kleinen Sohne. Es war ihm schwer ums Herz und es
kostete ihm Mühe, eine Träne zu verbergen, die sich in sein Auge stahl.
Auch seine Ehe wollte er nun zu einem trauten Zusammenleben gestalten,
auf daß mit den Freuden seiner neuen Stellung auch die eines gemütlichen
Heims erblühten, und dieser Vorsatz ließ ihn besonders herzlich von der
Gattin Abschied nehmen. Auch sie würde ihre kleinen Fehler ablegen, wenn
sie in anderer Umgebung die oft empfundene Langeweile und Bitterkeit
vergaß, die schönsten Jahre ihres jungen Lebens in einer kleinen Stadt
an den Grenzen des Reichs verbringen zu müssen. Konnte sie sich erst
wieder in der neuen schönen Garnison das Leben angenehm gestalten und
neue Eindrücke in sich aufnehmen, dann würden die kleinen Reibereien und
Feindseligkeiten in ihrer Ehe ebenfalls ein Ende nehmen, sie waren blos
die Ausgeburt der Abgeschlossenheit und Langeweile, in der eine so
lebenslustige Frau mißmutig und launisch werden mußte.
Bis die Räumung der Wohnung und der Umzug besorgt war, sollte Frau Kahle
in der alten Garnison verbleiben, und Oberleutnant Weil nebst Gattin
hatte sie gebeten, während jener Zeit als Gast bei ihnen zu verbleiben.
Mit Freuden nahm Frau Kahle die freundliche Einladung an. Hatte sie doch
so wenigstens Gelegenheit, diese paar Tage mit Kolberg ordentlich zu
genießen, denn jetzt brauchte sie niemand mehr Rechenschaft über ihr Tun
und Treiben zu geben, ja sie konnte sogar unter dem Vorwand einer
kleinen notwendigen Reise einen ganzen Tag und eine Nacht bei ihm
weilen, denn für eine Trennung auf lange Zeit, vielleicht für immer,
hieß es gründlich Abschied nehmen und den Freudenbecher der Liebe noch
einmal bis zur Hefe leeren!
Eines Tages saß Familie Weil mit ihrem Gast am Kaffeetisch, als der
Bursche einen Brief für Frau Kahle hereinbrachte, den der Briefträger
soeben abgegeben. Sie öffnete denselben, überflog die wenigen Zeilen und
steckte ihn leicht errötend in die Rocktasche.