Fenster sah man heute dunkelgraue Wolkenmassen am Himmel dahintreiben,
ein eintöniges, farbloses Meer, aus dem ab und zu kalte Regen- oder
Hagelschauer sich lösten und, vom heulenden Winde getrieben, wie
gewaltige Wogen über die Stadt und die öden Felder wälzten.
Wenn der Regen so gegen die Scheiben prasselte, und der Wind im
Ofenrohre pfiff, dann fühlte man sich um so wohliger in der warmen Stube
und bedauerte die Kameraden, welche jetzt draußen im Freien Dienst tun
mußten.
Es war die Zeit, zu welcher das Regiment alljährlich seine Reservisten
einzog und sie in den hinter der Kaserne gelegenen Baracken
unterbrachte. Dann war es oft nicht angenehm, bei einem Hundewetter wie
heute auf dem Exerzierplatz herumstehen zu müssen, und man beneidete die
Rekrutenunteroffiziere, welche im Stall oder auf den Stuben Instruktion
abhalten durften.
Einen Vorteil aber brachte die Reserve doch. Man bekam eine Zulage, und
besonders Roth, der als Wachtmeister zur ersten Reserve-Eskadron
kommandiert war, stand sich ganz gut dabei. Ferner sah man mitunter
einen alten Bekannten älterer Jahrgänge wieder, auch frühere Einjährige
befanden sich unter den Reservisten und hatten meist einen offenen
Beutel, wenn sie sich dadurch den Dienst etwas erleichtern konnten.
Schmitz war Futtermeister der vierten Schwadron und ebenfalls zur
Reserve kommandiert. Er versah sein Amt vortrefflich, wer sich davon
überzeugen wollte, brauchte nur einen Blick auf die Pferde zu werfen,
wie sie glänzten im Haar, wie schön rund und sauber sie im Stroh
standen. Der Stall selbst war stets ein Muster von Sauberkeit, kein
Strohhalm hing aus den Ständen heraus auf den blank gefegten Damm, die
Wände waren schön weiß gekalkt und die Fenster klar und hell.
Wenn Schmitz den Stall zwischen den Pferdereihen hinabging, dann war es
geradezu drollig anzusehen, wie alle Tiere seinen Tritt, seine Stimme
kannten, wie sie die Köpfe nach ihm wandten und leise wieherten, wenn er
den einen oder anderen seiner Lieblinge anrief. Da war das »Klärchen«,
ein reizendes Füchschen, das ihm nachlief wie ein Hund und immer mit den
Nüstern an seinen Taschen nach einem Stück Zucker schnüffelte, dann sich
auf die Hinterbeine stellte oder bittend einen Vorderfuß erhob, und die
»Ahnfrau«, ein altes kleines Pferdchen mit tiefschwarzem Glanzhaar, das
wegen seines Alters aller Liebling war und oft mit Leckereien bedacht
wurde.
Der besondere Stolz des Futtermeisters aber waren die zwölf Chinesen.
Sie hatten den ostasiatischen Feldzug mitgemacht und waren dann in das
Regiment eingestellt worden, schöne Pferde mit herrlichem Haar und
kräftigen Knochen, wenn auch nicht alle so groß wie »Peiho«, »Wu« und
»Kwangsü«. --
Die beiden Freunde saßen noch plaudernd am Kaffeetisch, als Frau Roth
eintrat, eine mittelgroße Brünette mit kleinen Augen und einer gebogenen
Nase. Ihr Gesicht hätte dem eines Vogels gleichen können, doch verlieh
das wellige, kastanienbraune Haar dem an sich nicht schönen Kopf einen
gewissen Reiz. Sie hielt ein Servierbrett, mit einer gestickten
Serviette überdeckt, in den Händen, darauf stand eine Flasche Moselwein,
drei Gläser und eine schmale Zigarrenkiste.
»Donnerwetter Roth, bei dir geht's heut aber mächtig üppig zu! So eine
Feier lasse ich mir gefallen,« rief Schmitz erstaunt.
»Man hat nur einmal im Jahr Geburtstag, da kann man schon etwas springen
lassen. Schenk' ein, Alte!«
Die Frau goß die Gläser bis zum Rande voll, daß sie fast überliefen. Ein
freudiges »Prost« ertönte, und alle gossen auf einen Zug das edle Naß
hinunter. Dann hoben sie noch einmal die Gläser zu einander und sahen
sich an. Das hatten sie den Herren Offizieren abgelauscht.
Die beiden Männer zündeten sich eine Cigarre an, welche zur Feier des
Tages eine Leibbinde trug, und füllten die Gläser von Neuem. Eine Stunde
war ja noch Zeit bis zum Abendstalldienst, und vorher gab es nichts zu
tun, denn Oberleutnant Specht, der die Reserve-Eskadron führte, kam des
Nachmittags nie zum Dienst, man hatte also Ruhe.
»Fährst du Weihnachten auf Urlaub?« fragte Roth seinen Freund.
»Weiß noch nicht!« gab Schmitz achselzuckend zur Antwort. »Ich möchte
ganz gern, ich bin jetzt zwei Jahre nicht aus dem Drecknest
fortgekommen. Aber es lohnt sich auch gar nicht, für die paar Tage eine
solche Reise zu machen, denn bis ich hier vom Ende der Welt nach Hause
komme, brauche ich achtundvierzig Stunden, Rückreise ebensoviel, das
macht vier Tage und mehr wie sechs gibt es nicht. Die Sache ist auch
verflucht teuer!«
»Was kostet's denn?«
»Ziemlich dreißig Mark, und so viel hab' ich nicht übrig!«
Roth lachte höhnisch auf.
»Um die paar Kröten geht's? Lumperei!«
»Ja, du hast gut lachen, für dich spielen sie keine Rolle, aber für den,
der sie nicht hat, z. B. mich!«
»Kann ich dir pumpen, Kleinigkeit!«
»Sag' mal, alter Freund, du hast wohl in der Lotterie gewonnen? Es geht
immer so hoch bei dir her in letzter Zeit, alle Augenblicke fährst du
'nunter in die Stadt, rauchst 10 Pfennig-Cigarren und willst auch noch
verpumpen! Du mußt mindestens geerbt haben!«
»Hab' ich auch, aber es ist keiner gestorben vorher!« lachte Roth
übermütig. »Die Hauptsache ist, daß man ein bischen schlau ist und alles
mitnimmt, was einem so über den Weg läuft!«
»Du hast wohl einen Juden totgeschlagen?«
»Nee, doch nicht ganz!«
»Na wie meinst du's denn, ich verstehe dich nicht!«
Roth blinzelte nach seiner Frau hinüber und dann zu Schmitz, der mit
neugierigen Augen dasaß. Seine Frau sollte also wohl nichts hören. Als
sie aber gleich darauf aufstand, um eine neue Flasche Wein zu holen,
begann Roth leise:
»Ich kann's dir ja sagen, aber.......« -- dabei legte er bedeutsam den
rechten Zeigefinger auf den Mund --, »Maul halten!«
»Selbstredend, ich bin der Letzte, der dich verklatscht!«
»Also, ich habe doch jetzt schon die zweite Reserve. Voriges Mal waren
eine ganze Portion alte Einjährige dabei, reiche Bauernjungens. Du
erinnerst dich doch an den dicken Kramer, das vollgefressene Schwein,
dann den Roßbach, der zwölf Pferde zu Hause im Stall hat, und den
Scheller, den Unterrocksjäger, und diese Gesellschaft? Die Kerls wissen
nicht, wohin mit allem Geld, und da werde ich doch den Deubel tun, denen
auch noch Löhnung, Bekleidungsgeld u. s. w. geben, auf die paar lumpigen
Groschen kommt's denen doch nicht an. Der Scheller hat mir auch so
nebenbei einen kleinen Verdienst zukommen lassen. Wie ich am letzten
Abend vor der Entlassung nachsehe, ob alles in der Klappe liegt, da hat
der Kerl eine Sau mitgenommen, und wie ich eben loslegen will, da sagt
er mir ins Ohr: »Nischt sagen, Herr Wachtmeister!« Na, ich hab's Maul
gehalten, und am nächsten Mittag stak ein blauer Lappen im Mantel.«
»Donnerwetter, Kerl, hast du Dusel! Wenn die Brüder nun aber später
etwas verraten, wenn sie nicht befördert werden?«
»Sagt keines was, sie sind froh, wenn sie mit dem Kommiß nichts mehr zu
schaffen haben.«
»Na, ich hätte Angst, es gäbe mal Spektakel!«
»Denkt nicht dran. Jetzt sind wieder da so ein paar fette Jungens, der
reiche Metzgerjunge da aus Braunschweig und diese Brüder, klotzig reiche
Kerls, sage ich dir. Soll ich denen die paar Mark auszahlen, damit sie's
nachher versaufen? Nee, das besorge ich lieber selber. Na prost!«.
Die Gläser erklangen hell und im Augenblick waren sie wieder leer.
»Schmeckt dir das Zeug? Kostet drei Mark die Pulle!«
»Verflucht teuer, wo hast du das her?«
»Stammt noch vom vorigen Jahr, weißt du. Du kennst doch noch den
Einjährigen Römer? Wie der nicht Unteroffizier werden sollte, habe ich
mich ein bischen ins Zeug gelegt beim Chef, und da kriegte er die
Tressen. Dafür hat er so eine Kiste Wein geschickt. Anständig, was?«
»Das glaub ich wohl!«
»Siehst du, alter Freund, man muß immer praktisch sein. Bis voriges Jahr
hatte ich doch die Menage, nicht? Der Metzger kam nun alle Augenblicke
und sagte, es wären etwas zu viel Knochen, es hätte sonst nicht genug
Gewicht. Ein paar mal war auch das Fleisch saumäßig schlecht, zu leicht
oder zu sehnig. Als ich nun mal Dampf machte und mit Meldung drohte,
sagte er: Nischt verraten, Sergeant, ich tu's nicht vergessen! Seit der
Zeit lasse ich auch mein Fleisch da holen und er wiegt anständig, daß
muß ich schon sagen. Vorgestern war es aber nichts wert, mein Fleisch,
und da habe ich ihm, als er vorm Laden stand, gesagt: »Jungeken, Du
weeßt doch noch?« Und gestern kam der tadellose Schweinebraten gratis
und franko, den meine Alte heute gemacht hat. Ja, das summt sich, alter
Freund, hier ein Rebbes und dort ein Profitchen.«
Schmunzelnd klopfte der Vizewachtmeister auf seine Hosentasche, in der
ein gefüllter Geldbeutel klapperte, dann stürzte er ein Glas Wein
hinunter.
»Trink doch, Kerl, Schmitz, du bist wohl schon voll?«
»Von wegen Vollsein, so schnell geht's nun doch nicht! Prost!«
In diesem Ton ging die Unterhaltung fort, und als die dritte Flasche
leer war, hörte man beiden an, daß sie nicht mehr viel vertragen
konnten. Die Augen stierten gläsern und die Köpfe waren hochrot von dem
ungewohnten Weingenuß. Dabei tönte ihre Rede laut und polternd,
besonders Roth brachte kaum noch einen richtigen Satz zusammen.
Plötzlich sah er nach der Uhr. Schon sechs! Also Zeit zum
Abendstalldienst!
»Komm, Schmitz, wir müssen in den Stall, das Viehzeug hat Hunger!«
Sie erhoben sich wankend, Roth schnallte den Säbel um und beide
polterten die Steintreppe der Kaserne hinab. Roth ließ dabei seinen
Säbel schleppen, und es gab einen Mordsspektakel, wie die schwere Plempe
von Stufe zu Stufe klappernd niederfiel.
Mancher steckte neugierig den Kopf zur Tür hinaus und als er die beiden
angeheiterten Vorgesetzten gewahrte, dachte er: »die haben genug! Wenn
einer von uns so besoffen in der Kaserne herumtorkelte, ginge es ihm
gleich an den Kragen.«
Am Ausgange des Gebäudes trat der Gefreite Dietrich der vierten
Schwadron an Roth heran:
»Ich möchte Herrn Wachtmeister bitten, für Stube X ein paar Kohlen
herauszugeben, mein Beritt war zum Fouragieren und wir sind alle ganz
naß geworden. Es ist kalt oben und die Sachen werden sonst bis morgen
nicht trocken!«
»Was! Kohlen? Geht zum Quartiermeister, ich habe für Euch Lümmels keine
Kohlen!« lallte Roth.
»Der Quartiermeister ist in die Stadt und da haben Herr Wachtmeister
doch den Schlüssel zum Keller!«
»Scher' dich weg, Ihr braucht nicht gleich Kohlen, wenn es ein paar
Tropfen regnet. Legt Euch ins Bett, wenn Ihr friert, Schweinepack,
gemeines!«
Der Gefreite stand zögernd einen Augenblick still, dann ging er mit
wütendem Gesicht in die Kaserne.
Im Stall war es schon leer geworden, die Leute befanden sich bereits
wieder in ihren Stuben, nachdem sie die Streu aufgeschüttelt und die
Pferde getränkt hatten. Nur die Stallwache war noch anwesend.
Der eine von ihnen, ein Gefreiter, hatte sich im Civil einen so dicken
Bauch gezüchtet, daß der Quartiermeister beim besten Willen keinen auch
nur leidlich passenden Rock für den »vollgefressenen Reservehund« finden
konnte, der Ärmste mußte also seine Übung im Drillichanzug als
Stallwache ableisten. Der zweite war lungenkrank. Man merkte es erst
eine Woche nach dem Eintritt und nun hatte es keinen Zweck mehr, den
Mann noch zu entlassen, im Stall hatte er ja nichts auszustehen. Der
dritte war ein halber Idiot aus der Polackei, grinste wie ein
Irrsinniger stets vor sich hin und war im Dienst nicht zu gebrauchen, da
er alle Vorgesetzten mit »du« anredete und stets zum Honneur die Mütze
abnahm.
Der Futtermeister erschrack, als er merkte, daß die Futterzeit schon
überschritten war, denn für seine Pflegebefohlenen sorgte er gut, das
mußte ihm der Neid lassen. So rief er denn schnell die Stallwache heran
und trieb sie mit einem: »Galopp, faules Zeug!« zur Eile an. Der kleine
Futterwagen wurde mit Hafer und Hecksel gefüllt und auf die Stallgasse
gefahren. Das Quietschen der Holzräder war den Pferden die liebste Musik
am Tage. Als sie es vernahmen, kam Leben in die erst träge, mit
hängenden Köpfen dastehenden Tiere, denn sie hatten schon gedacht, man
habe ihre Abendmahlzeit vergessen. Jetzt sprangen sie wild in den
Ständen herum, neckten und bissen einander, schlugen übermütig aus, und
das Rasseln der Ketten mischte sich mit dem Wiehern und Quiecken der
Pferde zu einem lauten Geräusch. Der »Napoleon« hatte solchen Hunger,
daß er angesichts der Futterschwinge dem dicken Gefreiten aus
übermütiger Freude vor den Bauch schlug, sodaß dieser den Hafer fallen
ließ und mit schmerzverzerrtem Gesicht beide Hände auf die getroffene
Stelle preßte.
Der Vizewachtmeister sah das und rief ihm zu:
»Vorwärts, heb' den Dreck wieder auf, deinem dicken Wanst schadet so ein
Puff nichts!«
Der Gefreite aber machte keine Miene, dem Befehl nachzukommen, sondern
hielt noch immer seinen Bauch fest, während ihm Tränen in die Augen
traten. Da wankte Roth auf ihn zu, knuffte ihn mit der Faust in den
Rücken und drückte ihn, seinen Hals von hinten umfassend, so tief
nieder, daß dem armen Kerl das Blut zu Kopfe stieg, während er den
verschütteten Hafer zwischen der Streu heraussuchte. Als er damit fertig
war, gab ihm Roth noch einen Schubs, daß er gegen »Napoleons«
Hinterbeine flog und diese in seiner Angst umklammerte, um nicht unter
das Pferd zu fallen.
Das ging aber »Napoleon« über den Spaß. Erst kein Futter und dann noch
solche Scherze! Er keilte mit beiden Beinen kräftig aus und schleuderte
den armen Gefreiten auf die Stallgasse, wo er bewußtlos liegen blieb.
Roth erschrak. Zum Glück hatte keiner den Vorgang mit angesehen, denn
Schmitz war mit den beiden anderen gerade am Ende des Stalles
beschäftigt. So rief er denn die beiden Reservisten herbei und ließ den
Bewußtlosen nach der Revierstube tragen. Fatal war ihm die Geschichte
doch, denn der arme Kerl hatte ordentlich eine ins Gesicht gekriegt.
Als der Oberleutnant am nächsten Morgen fragte, warum der Gefreite ins
Lazaret gekommen sei, antwortete Roth:
»Er ist ungeschickt an das Pferd getreten und hat es erschreckt, da
schlug es aus und traf ihn an den Kopf!«
»So ein Esel,« schalt der Oberleutnant, »eigentlich sollte man den Kerl
noch obendrein einsperren, daß er uns die Pferde verdirbt!«
Für heute Abend aber war dem Vizewachtmeister die Laune verdorben.
Im Stalle war es ruhig geworden, man vernahm nur noch ein Rauschen, als
die vielen Pferdezähne den Hafer zermalmten.
Roth warf einen Blick in die Futterkiste.
»Gib den Rest dem »Zeus«, der ist so mager!« sagte er zu Schmitz.
»Nein, dem gebe ich nichts mehr, der hat genug, außerdem hat er heute
morgen einen geschlagen. Das Vieh wird ja ganz verrückt, wenn es immer
lahm im Stall steht und so eine Menge Hafer frißt!«
»Gib's ihm nur, er kann's vertragen!«
»Aber wozu denn, es ist doch Unfug!«
Der Wachtmeister wurde puterrot, nichts konnte ihn wütender machen als
ein Widerspruch.
»Gib ihm den Rest, sage ich!« polterte er Schmitz nochmals an.
Schmitz aber klappte den Deckel der Kiste zu und entgegnete kurz:
»Ich bin froh, wenn ich etwas sparen kann!« Damit zog er den Wagen fort.
Wütend brauste Roth auf:
»Sergeant Schmitz, Sie wollen meinen Befehl nicht ausführen? Ich werde
Sie melden!« Damit ließ er den verdutzten Futtermeister stehen, ging
schwankend, mit finsterer Miene durch den Stall nach seiner Wohnung,
trank einen Schnaps zur Beruhigung der Nerven und warf sich in der
Uniform aufs Bett.
Der Lungenkranke und der Pole steckten noch jedem Pferd eine Hand voll
Heu in die Raufe und legten sich auf das Stroh in der Ecke des Stalles
schlafen, Sergeant Schmitz aber ging bedächtig nach seiner Stube.
Am folgenden Mittag übergab die Ordonnanz der Reserve-Schwadron dem
Regiment ein Schriftstück folgenden Inhalts:
Tatbericht.
Gestern gelegentlich des Abendstalldienstes erteilte der die
Aufsicht führende Vizewachtmeister Roth dem Futtermeister Sergeant
Schmitz einen Befehl, welchen dieser nicht ausführte. Als
Vizewachtmeister Roth den Befehl nachdrücklich wiederholte,
weigerte sich p. Schmitz nochmals, demselben Folge zu leisten. Der
Vorfall geschah in Gegenwart der Stallwache, auch war Sergeant
Schmitz nach Angabe des p. Roth betrunken.
_=Specht=_,
Oberleutnant und Eskadronführer
der 2. Reserve-Übungs-Eskadron.
Der Futtermeister saß gerade beim Essen, als der etatsmäßige
Wachtmeister an ihn herantrat, ihn für seinen Arrestanten erklärte und
nach dem Arrestlokal brachte, wo er bis zur Aburteilung des Falles
verbleiben sollte, denn man hatte sein Vergehen als »ausdrückliche
Verweigerung des Gehorsams vor versammelter Mannschaft« bezeichnet. Als
solche galten bereits die beiden Posten der Stallwache.
Mit Windeseile ging der Vorfall von Mund zu Munde, alle waren empört
über die Handlungsweise Roth's, selbst die Offiziere erklärten
einstimmig, einem solchen Vorgesetzten müsse man so bald als möglich den
Laufpaß geben.
Roth aber kam sich groß vor und glaubte, eine Heldentat vollbracht zu
haben. Außer Dienst war er ein Kamerad, der mit sich spaßen ließ, und
kein Spielverderber, aber im Dienst, Teufel auch, da sollten sie ihn
kennen lernen, da hatte jede Vertraulichkeit ein Ende, da hieß es: ich
befehle und du gehorchst, sonst breche ich dir das Genick.
Sergeant Schmitz saß indes in seiner düsteren, kalten Zelle. Wie leblos
stierte er den ganzen Tag auf die rauhen Steinfließen, er glaubte zu
träumen, konnte und konnte nicht glauben, daß er wegen eines
militärischen Vergehens hier hinter Schloß und Riegel säße. Hatte er
nicht neun lange Dienstjahre hinter sich, in denen er sich tadellos
geführt, ohne jemals bestraft worden zu sein?
Erst allmählich kam ihm der Ernst seiner Lage zum Bewußtsein, und damit
wuchs ein glühender Haß heran gegen den Mann, welchen er für einen
Freund gehalten, der ihm in einer Laune, unter dem Einfluß der
Trunkenheit die Früchte seines bisherigen Lebens und damit die Zukunft
zerstört hatte. Dem Schurken wollte er es zeigen, wenn er wieder auf
freiem Fuße stand, niemand sollte es verborgen bleiben, welche
grundgemeine Gesinnung dieser Hallunke hinter seinem schöntuerischen
Wesen verbarg.
Daß man ihn vor ein Kriegsgericht stellen würde, schien ihm außer
Zweifel, tatsächlich lag ja eine ausdrückliche Gehorsamsverweigerung
vor, aber die Verhandlung mußte ergeben, daß die näheren Umstände dem
scheinbaren Vergehen jedes erschwerende Moment benahmen und es sich
sonach nur um einen Wortwechsel handelte, dem allerdings leicht ein
dienstlicher Charakter untergeschoben werden konnte, wenn man das bis zu
dem Augenblick der strafbaren Handlung bestehende und willkürlich
abgebrochene freundschaftliche Verhältnis Roth's zu Schmitz außer Acht
ließ.
Dieser Punkt aber mußte bei einer Verhandlung geschickt und eingehend
beleuchtet werden, denn an ihm hing der Ausgang der Sache!
Sergeant Schmitz meldete daher beim Regiment, er erbitte die Gestellung
eines Verteidigers und gleichzeitig die Erlaubnis, mit diesem in
schriftlichen oder mündlichen Verkehr treten zu dürfen.
Er war aber nicht wenig erstaunt, als schon nach wenig Tagen
die Mitteilung an ihn gelangte, ein Verteidiger könne von
Militärgerichtswegen nur bei Aburteilung über Verbrechen gestellt
werden, doch stehe der Annahme eines solchen auf eigene Kosten sowie
eine Besprechung mit demselben während der Untersuchungshaft nichts im
Wege.
Also auch das noch! Woher das Geld nehmen für einen Verteidiger? Und
ohne den war geringe Aussicht auf Erfolg, er fühlte sieh dem
redegewandten Roth und gar den Richtern gegenüber nicht gewachsen, er
konnte nicht die Umstände ins richtige Licht setzen, wie sie ihm als
Erklärung der Angelegenheit so wichtig erschienen. Es half also nichts,
das Geld mußte beschafft werden!
Nach dreiwöchiger Untersuchungshaft wurde endlich der Termin anberaumt,
an welchem die Hauptverhandlung stattfinden sollte. Schmitz glaubte dem
Ausgange ruhig entgegensehen zu dürfen, hatte ihm doch selbst sein
Verteidiger erklärt, eine ungünstige Wendung sei nicht zu erwarten,
sobald man den Richtern von der Handlungsweise Roth's und den näheren
Umständen ein klares Bild entworfen haben würde. Schmitz sah daher in
dem für den Termin bestimmten Tag den Augenblick der Befreiung, der ihn
von diesem einsamen, schauerlichen Dasein der letzten Wochen erlösen
werde.
Selbst die ihm endlich zugestellte Anklageschrift vermochte seine
Hoffnung nicht niederzudrücken, darin stand eben alles von der
schroffsten Seite beleuchtet, damit man überhaupt eine Handhabe zur
Anwendung der in Frage kommenden Gesetze habe.
Sie lautete:
»Wider den Sergeanten Ferdinand Julius Schmitz ist Strafantrag wegen
Vergehens gegen §§ 94 des Militär-Strafgesetzbuches gestellt.
Wenngleich der Angeklagte behauptet, mit dem Vizewachtmeister Roth in
einem besonders freundschaftlichen Verhältnis gestanden zu haben, so ist
hierin kein Grund zu erblicken, der zur Nichtbefolgung eines Befehls im
Dienst berechtigt. Vielmehr geschah die Gehorsamsverweigerung in Bezug
auf einen zweimal mit Nachdruck gegebenen Befehl in Gegenwart der
Stallwache, also vor versammelter Mannschaft.
Die Entschuldigung des Angeklagten, infolge Weingenusses in erregter
Stimmung gewesen zu sein, ist kein Milderungsgrund, vielmehr ist in dem
Umstand, daß die Tat auf Trunkenheit im Dienst zurückzuführen ist, ein
Grund zur Erhöhung des Strafmaßes zu erblicken.
Aburteilung hat durch das Kriegsgericht zu geschehen.«
Das klang ja allerdings ganz gefährlich, wie wenn er ein Verbrecher
schlimmster Sorte wäre, er, der sich neun Jahre vorwurfsfrei geführt. Er
mußte fast lachen über diese Anschuldigung, sie enthielt eben nur eine
ganz subjektive, einseitige Beurteilung des Falles.
Am 20. Oktober Mittags zwölf Uhr begann die Verhandlung.
Die Richter waren aus dem Sitz des Generalkommandos herübergekommen und
saßen mit ernsten Gesichtern an dem langen Tisch, ein Major, ein
Hauptmann, ein Oberleutnant, ein Kriegsgerichtsrat als Führer der
Verhandlung und ein zweiter, welcher die Anklage erhob.
Nachdem Schmitz nochmals den Sachverhalt geschildert, wurde Roth als
Zeuge vernommen. Er stellte die Angelegenheit im grellsten Lichte dar,
wollte nichts von einer Freundschaft wissen und leugnete auch auf das
Entschiedenste, ebenfalls betrunken gewesen zu sein, wie es Schmitz
behauptete. Als Zeugen seiner Nüchternheit hatte er den Lungenkranken
und den Polen gewonnen, welch' letzterem er eingepaukt hatte, auf alle
Fragen mit dem Kopfe zu schütteln, womit er auch Glück hatte, da die
Fragen zufällig entsprechend gestellt waren. Schließlich beschwor der
Vicewachtmeister mit fester Stimme die Wahrheit seiner Aussage.
Das war allerdings eine unerwartete Wendung. Schmitz hatte nicht
erwartet, auch noch mit der Lüge kämpfen zu müssen, und seine Hoffnungen
sanken beträchtlich, als er den Major mißbilligend mit dem Kopfe
schütteln sah.
Es folgte sodann die Anklagerede des Kriegsgerichtsrats, die etwa wie
die Anklageschrift lautete.
Sodann erhob sich der Verteidiger. Mit beredten Worten schilderte er
nochmals den Vorgang, erwog die näheren Umstände, wies auf das ihm durch
Zeugen bestätigte frühere Verhältnis der Gegner und schließlich darauf
hin, daß sich der ganze Vorgang im Anschluß an eine Geburtstagsfeier
zugetragen habe. Nach alledem, und mit Rücksicht auf die bisherige
Führung des Angeklagten sei auf Freisprechung zu erkennen.
Das Gericht zog sich zur Beratung zurück und es dauerte lange, bis die
Herren mit ernsten Gesichtern wieder im Verhandlungszimmer erschienen.
Schmitz glaubte einen Augenblick die Besinnung verlieren zu müssen, als
er das Urteil vernahm: zwei Monate Gefängnis!
Er sah sein Leben vernichtet. Umsonst waren die langen Jahre, die er mit
Aufopferung seiner besten Kraft dem Vaterlande gedient; seine
Zukunftspläne, nach zwölfjähriger Dienstzeit eine Anstellung am
Bürgermeisteramt seiner Vaterstadt zu erhalten, waren mit einem Schlage
vernichtet. Was würden seine Eltern, seine Geschwister sagen, was sollte
aus seiner Braut werden?