dessen Ansichten und Grundsätze sonst so streng waren, der doch fast als
einziger bei den Kameraden etwas galt, wenn er ihnen schonungslos den
Kopf zurechtsetzte, denn jedermann wußte, er redete nicht nur, sondern
lebte auch nach dem, was er anderen predigte.
Sein früheres Leben ließ er an seinem Geiste vorüber ziehen. War da
irgend ein schwarzer Punkt, ein Makel zu finden? Nein, rein und
fleckenlos lag die Vergangenheit hinter ihm, und jetzt, nachdem er die
Klippe der leichtsinnigen Jugendjahre unversehrt überwunden, lud er eine
so schwere Schuld auf sich, er betrog einen Kameraden mit seiner Frau!
Pfui!
Aber hatte sie ihm nicht selbst gesagt, daß sie unglücklich sei, von
ihrem Gatten schlecht behandelt werde, sodaß sein Tun als entschuldbar,
vielleicht sogar edel erscheinen durfte?
Nein und abermals nein, er hatte gefehlt, schwer gesündigt an dem
Heiligsten, was ein Mann sein Eigen nennt.
Die ehrenhafte Gesinnung des Offiziers lag in hartem Kampfe mit ihm
selbst, er zweifelte an der Lauterkeit seiner Gesinnung, und diese
Qualen waren ihm eine Folter.
Das Blut stieg ihm zu Kopfe, es tanzte ihm vor den Augen, sterben hätte
er mögen, nur schnell sterben, nachdem er so die Moral mit Füßen
getreten und sein Gewissen mit einem Fluch belastet hatte, der ewig auf
ihm ruhen mußte.
Aber wie hatte es nur kommen können, daß er sich so vergaß?
Der verdammte Sektfrühschoppen mit dem leichtsinnigen Saufaus, dem
Borgert, und dann das schwere Türkenblut, das Müller zum Essen
spendierte, weil er eine Wette verloren, und dann die unselige Maibowle
am Abend, das alles hatte ihm, der selten ein Glas Wein zu trinken
pflegte, den klaren Verstand geraubt! Die gemeinen Kerle, die das
merkten und ihm immer mehr zu trinken gegeben hatten, wahrscheinlich
weil er sie in der Trunkenheit amüsierte!
Freilich mochte er die kleine zierliche Frau gern leiden, sie war so
ganz nach seinem Geschmack, niedlich, mollig und zutunlich. Oft
verlieben sich große, starke Männer in kleine Frauen. Aber so etwas wie
gestern war ihm doch nie in den Sinn gekommen, es war ihm unerklärlich.
Er mußte hingehen und tausendmal um Verzeihung bitten, rückhaltlos seine
Sünde eingestehen, das konnte seine Schuld etwas mindern, wenn auch
nicht tilgen.
Da klopfte es an der Tür. Als wenn der Rachegeist schon selbst
erscheinen müsse, fuhr der gequälte Mann zusammen und ließ ein dumpfes
»Herein« ertönen.
Oberleutnant Borgert trat über die Schwelle, den Helm in der Hand. Er
schien etwas erstaunt, den Kameraden in diesem Zustande vorzufinden,
dann aber nahm er ihn scharf ins Auge und sagte:
»Verzeihung, wenn ich störe, aber eine peinliche Angelegenheit veranlaßt
mich, mit Ihnen zu reden.«
»Dienstlich oder privat?« brummte Pommer.
»Beides, wie Sie wollen,« antwortete Borgert dreist.
»Für Privatsachen bin ich jetzt nicht in Stimmung. Bitte lassen Sie uns
den Fall ein andermal besprechen.«
»Bedaure sehr, ich wünsche den Fall _=jetzt=_ zu erledigen. Sie wissen
wohl, daß ich als Dienstälterer das Recht habe, Sie wegen einer
Angelegenheit zur Rede zu stellen, wenn ich es für nötig halte.«
Pommer besann sich einen Augenblick. Er, der vor seiner
Offizierslaufbahn drei Jahre die Universität besucht und dann in großen
Bankhäusern tätig gewesen war, der das Leben von der ernstesten Seite
kennen gelernt und die doppelte Erfahrung besaß, wie die meisten seiner
Altersgenossen, er sollte sich von einem Menschen zur Rede stellen
lassen, der nichts als trinken, schimpfen und Geld ausgeben konnte, der
im Dienst eine Null war? Und zu dieser Handlungsweise war jener
berechtigt, sie war dienstlich sanktioniert?
Richtig, ja, es war so, jetzt fiel es ihm ein, daß er schon früher
einmal über diese widersinnige Bestimmung nachgedacht und überlegt
hatte, wie sehr jenes Recht gemißbraucht werden könnte, wenn es einem
nur daran lag, einem jüngeren Kameraden ordentlich eins auszuwischen,
ohne daß dieser sich wehren konnte. Alle durften sich also einem
Jüngerem gegenüber jederzeit als Vorgesetzte aufspielen, wenn es ihnen
eine Laune eingab! Wirklich großartig!! --
Ein spöttisches, grimmiges Lächeln ging über Pommers blasses Gesicht,
dann antwortete er mit fester Stimme:
»Bitte, was steht zu Diensten?«
»Der Zufall führte mich gestern Abend in den Garten, wo ich etwas sah,
das ich mir noch nicht erklären kann. Sie haben......«
»Jawohl, ich habe eine Dame, die Gattin des Rittmeisters Kahle geküßt,
ihr von Liebe gesprochen u. s. w., das weiß ich.«
»Darf ich Sie um eine Erklärung bitten, wie Sie dazu kommen?«
»Ich war betrunken, sonst wäre es nicht vorgekommen!«
»Nun, Ihre Erklärung klingt ja ganz kurz und einfach, warum betrinken
Sie sich, wenn Sie es nicht vertragen können und so wenig Herr Ihrer
Handlungen bleiben?«
»Daß ich betrunken war, ist nicht nur meine Schuld, in erster Linie
mußten andere.....«
Borgert schnitt ihm das Wort ab, um nichts zu hören, was ihn als Vorwurf
treffen konnte. Mit ironischer Miene fiel er ein:
»Sie scheinen sich über die Schwere Ihrer Handlungsweise nicht ganz im
Klaren zu sein, deshalb möchte ich Sie nochmals darauf hinweisen!«
»Ihrer Belehrung darüber bedarf ich nicht, ich weiß selbst, was
ich......«
»Pardon, ich rede wohl, mein Verehrter, ich gestatte Ihnen nicht, mich
zu korrigieren, denn ich bin gekommen, _=Sie=_ zu korrigieren!«
Pommer wollte auffahren, aber die kalten Augen und der entschiedene,
schneidende Tonfall der Worte des Oberleutnants geboten ihm Schweigen.
»Was Sie da getan haben, ist das schwerste Vergehen gegen die
Kameradschaft, welches ich mir denken kann. Die Frau eines Kameraden
anfassen, heißt einen Treubruch, fast ein Verbrechen begehen, welches
mit Recht eine schwere Sühne fordert. Bedenken Sie nur, was Sie tun
würden, wenn Sie Ihre Gattin in den Armen eines anderen fänden, ich
glaube, Sie würden ihn sofort umbringen oder wenigstens nachher zum
Zweikampf auf Leben und Tod herausfordern. Sie aber haben sich an einer
verheirateten Frau vergriffen, an einem Etwas, das uns ein
Nolimetangere, ein Heiligtum sein soll! Schon ein Händedruck, ein Blick
kann zum Ehebruch werden, allein der geheime Wunsch, die Frau eines
anderen zu besitzen, zu küssen! Können Sie dem Manne jetzt noch ehrlich
ins Gesicht sehen, nachdem Sie ihn so hintergangen und betrogen haben?
Ich könnte es nicht! Ich würde vor ihn treten, meine Sünde freiwillig
eingestehen und ihm Genugtuung geben. Nie hätte ich von Ihnen geglaubt,
daß Sie einer solchen Handlungsweise fähig wären, schämen Sie sich bis
in den Grund Ihrer Seele! -- Ich will Sie nun nicht ins Unglück stürzen
und den Fall nicht weiter verbreiten, denn sonst dürften Sie verloren
sein. Abgesehen von Ihrer Stellung würde Ihr Leben auf dem Spiele
stehen. Ich erwarte aber von Ihnen, daß Sie noch heute der Dame einen
Besuch machen, um Verzeihung bitten und sich vergegenwärtigen, was ich
für Sie getan habe!«
Borgert reckte sich siegesgewiß in die Höhe und mit überlegenem Blick
schaute er auf den armen Pommer herab, dessen erst widerwillige Miene
allmählich den Ausdruck stiller Ergebenheit, eines großen
Schuldbewußtseins angenommen hatte. Immer mehr war der große starke Mann
auf seinem Stuhl zusammengesunken, und sein leerer Blick starrte wie
leblos zu Boden.
Zwei dicke Tränen blinkten ihm im Auge, der Mann weinte. Tat er es, weil
seine Schuld ihm so schwer auf dem Gewissen lag, oder weil er vielleicht
gar noch vor die Pistole des betrogenen Gatten treten mußte? Nein,
gefehlt hatte er nun einmal, und er war Manns genug, die Folgen zu
tragen. Feige war er nicht.
Aber er schämte sich! Und das Gefühl der Scham ist es, welches den Mann
am meisten vor sich selbst erniedrigt.
Zugleich stieg ein warmes Gefühl der Dankbarkeit in ihm auf gegen den,
welcher Zeuge seines Verbrechens gewesen, ihn aber jetzt, statt ihn der
Kugel des Betrogenen zu überantworten, großmütig auf seinen Fehler
hinwies. Und es war recht gewesen, was er gesagt hatte!
Da erhob sich der Offizier und reichte Borgert stumm die Hand, ihm fest
ins Auge blickend. Borgert's Auge aber wich scheu nach der Seite und der
Oberleutnant sagte gütig:
»Nun, trösten Sie sich nur! Machen Sie die Sache wieder gut und nehmen
Sie sich künftig in Acht!«
»Ich danke Ihnen«, brachte Pommer mit tränenerstickter Stimme hervor.
»Ich habe Ihr Wort, daß die Sache unter uns bleibt? Es ist nicht
meinetwegen, aber der Dame soll man nichts nachsagen können:«
»Sie haben mein Wort, ich schweige!«
Und als er jetzt dem Oberleutnant mit dankerfüllten Blicken nachschaute,
während er ihn verließ, glaubte er, über die Schwelle schritte ein
Freund, dem er sein Leben danken müsse! --
Der großmütige Held war recht befriedigt von seiner Mission. Das war so
ganz ein Fall nach seinem Geschmack! Zu riskieren gab es nichts dabei,
im Gegenteil, er spielte die Rolle eines guten, rettenden Engels, der
den Fehlern des Nächsten Verzeihung bot und ihn liebevoll auf den
verlassenen Pfad der Tugend zurückgeleitete. Außerdem war es ja ein ganz
amüsantes Schauspiel, einen Kameraden, der sonst als ganzer Mann dastand
und den nichts rühren konnte, jetzt zu seinen Füßen zu sehen. Auch
schien ihm ein glücklicher Gewinn, daß er Pommers Einfluß auf das
gesamte jüngere Offizierkorps nun in seine Hand bekommen und sich
dienstbar machen konnte. Schließlich fehlte auch das Pikante an der
Sache nicht, denn er würde natürlich auch Frau Kahle demütigen und sie
fragen, in welcher Weise die Sache ihre Erledigung gefunden habe. Wie
freute er sich darauf, wenn die kleine Frau weinend vor ihm niedersank
und ihn um Schweigen bat!
Ein Liedchen trällernd, betrat Borgert sein Haus, gab dem Burschen
Säbel, Mantel und Helm und stieg die Treppe zu Leimanns hinaus.
Er traf sie nicht allein. Der Regimentsadjutant war anwesend, er hatte
heute schon um 1/2-12 das Geschäftszimmer verlassen, weil der Oberst
sich auf Jagd befand. Frau Leimann trat auch herein, und, da die beiden
Herren gerade plaudernd zum Fenster hinaus auf die Straße sahen, wo Frau
König mit Leutnant Bleibtreu vorbei ritt, küßte er der Angebeteten
stürmisch beide Hände.
Die Herrschaften aber wollten sich vor Lachen ausschütten, als Borgert
in der ihm eigenen witzigen Weise mit furchtbar drolligen Gesten und
trefflichem Mienenspiel seine neuesten Erlebnisse zum Besten gab.
Inzwischen saß Pommer am Schreibtisch und machte in einem langen Briefe
an seine Mutter dem gepreßten Herzen Luft. Dabei sang er dem neuen
Freunde wahre Loblieder und rühmte seine vornehme Gesinnung in
überschwänglicher Weise.
Er war jetzt ruhiger geworden, die Vorgänge des verhängnisvollen Abends
erschienen ihm zwar immer noch in demselben Lichte, aber mehr vom
Standpunkte eines Menschen betrachtet, der, im Innersten überzeugt, eine
verwerfliche Tat begangen zu haben, sich sagen kann, daß nur durch
einen unglücklichen Zufall, nicht aber aus verderbter Gesinnung oder
Schlechtigkeit jener Fehltritt geschah.
Um die Mittagsstunde kleidete er sich fertig an, um Frau Kahle
aufzusuchen, denn um diese Zeit pflegte der Gatte nicht zu Hause zu
sein. Vielleicht wäre es ihm gleich gewesen, was ein Fremder mit seiner
Frau zu verhandeln hatte, aber man konnte nicht wissen, es war besser
so.
Klopfenden Herzens, mit dem Gefühl einer tiefen Reue und Beschämung,
schritt er die teppichbelegten Stufen zu Frau Kahle's Räumen empor, und
er hatte auch nicht lange zu warten, bis man ihn einließ.
Mit einem leichten Aufschrei eilte die Dame auf ihn zu, umschlang seinen
Hals und küßte dem Widerstrebenden stürmisch den Mund.
»Wie danke ich dir, daß du kommst! Wie habe ich mich nach dir gesehnt!
Jetzt bin ich wieder glücklich, da du bei mir bist. Mein Mann ist bis
zum Abend fort, bleibe bei mir, Hans, ich kann nicht ohne dich sein!«
Bei diesen Worten hatte sie ihn neben sich auf den Divan gezogen und
schloß ihm den Mund mit stürmischen Küssen.
»Die ganze Nacht habe ich ruhelos verbracht,« fuhr sie süß flüsternd
fort, »ich konnte mein Glück nicht fassen, ich glaubte, es sei ein
Traum, daß ich in dir ein Wesen gefunden habe, das ich lieben darf, das
mich liebt. O, wie danke ich dir, du einzig Geliebter!«
Leutnant Pommer saß da wie versteinert. Er brachte kein Wort hervor und
duldete schweigend die Liebkosungen der Frau. --
Wo waren seine Vorsätze geblieben, wozu war er hierher gekommen? Um sein
Unrecht wieder gut zu machen, um seiner Reue Worte zu verleihen, um zu
beichten, daß alles nur die Eingebung eines unseligen Augenblicks, die
Tat eines vom Rausch verwirrten und entfesselten Gefühls gewesen sei!
Aber er konnte sich jetzt nicht anklagen, konnte nicht mit einem banalen
Wort den Traum zerstören, welcher die liebende Frau umfing. Und was er
vorher für eine Ehrenpflicht gehalten, erschien ihm jetzt unmöglich
angesichts der lodernden Glut, die er im Herzen des Weibes entfacht.
Lieber sterben, als jetzt eingestehen müssen, es ist alles nur Lüge,
Schein, Laune gewesen. Dieser glühenden Liebe durfte er nicht mit einem
Faustschlag antworten!
Und als der Kopf der ganz den Gefühlen ihres Glückes hingegebenen Frau
an seinem Busen ruhte, in welchem das Herz zum Zerspringen klopfte, ging
eine Wandlung in ihm vor: aus dem sonst so willensstarken Manne ward ein
willenloses Opfer einer gewaltigen Macht: der Liebe. --
Sein Blick streifte an der Gestalt des Weibes herunter, die ihn in ihren
Armen hielt. Das leichte Morgenkleid ließ die Formen eines jugendlichen
Körpers erkennen, die weißen Arme, von denen die Spitzen des Ärmels
herabgeglitten waren, und der Duft, welcher von ihnen ausströmte, alles
verwirrte und betäubte ihm den Sinn und ließ den letzten Rest
Entschlossenheit in dem sonst so zielbewußten Manne ersterben. Und er
umschlang das zitternde Weib mit wilder, sinnlicher Glut. -- -- --
Der Tag neigte sich schon seinem Ende zu, als Pommer die Tür des Hauses
hinter sich schloß, in dem Frau Kahle wohnte.
Mit scheuem Blick, wie verstört, schritt er über die Straße und achtete
nicht der Soldaten, die des Weges kommend, ihm die schuldige
Ehrenbezeugung erwiesen, er wäre auch an Oberleutnant Borgert
vorbeigegangen, hätte ihn dieser nicht mit einem über die Straße
gerufenen Gruß aus seinen Gedanken aufgeschreckt. Zögernd blieb er
stehen und schaute wie geistesabwesend nach dem Kameraden, der jetzt
über den Straßendamm auf ihn zukam.
»Guten Tag, lieber Pommer! Nun, was macht Ihr Kater?«
»Danke, danke, es ist gut, ich fühle mich ganz wohl, sehr wohl, und was
ich noch sagen wollte,.... ich bin dort gewesen!«
»Bei ihr? Na sehen Sie, das war vernünftig! Alles in Ordnung?«
»Natürlich, alles glatt, jawohl, alles in bester Ordnung.«
»Na, dann leben Sie wohl, ich muß weiter. Adieu!«
»Adieu! Und nochmals vielen Dank!«
»Aber ich bitte Sie! Es war gern geschehen, Sie haben wohl gesehen, daß
ich es gut mit Ihnen meine!«
»Ja, wir wollen gute Freunde werden!«
Als Pommer in seiner Wohnung anlangte, glaubte er verzweifeln zu müssen.
Was hatte er getan?! --
Statt das Vergehen vom gestrigen Tage durch ein offenes Bekenntnis
seiner Schuld zu sühnen, war er noch tiefer in die Sünde hineingeraten,
er hatte aus einem Fehltritt ein neues, weit größeres Verbrechen
entstehen lassen, statt mit aller Entschlossenheit gegen seine Schwäche
anzukämpfen. Und noch mehr! Er hatte einen Freund betrogen, sein
Vertrauen, seine ehrenhafte, liebevolle Handlungsweise in gemeinster
Weise mit Füßen getreten!
Aber es war zu spät! Jetzt gab es kein Befreien mehr aus den Ketten der
Sünde, der Lüge, jetzt hieß es den einmal betretenen Pfad weiter
schreiten, wie auch das Ende sein mochte. Und er suchte sich vor seinem
Gewissen zu entschuldigen, daß die Macht des Zufalls, an der sein Wille
sich gebrochen, ihn in seine jetzige Lage hineingezwungen habe.
* * * * *
Wochen und Monate vergingen.
Das Paar traf oft zusammen, machte Spaziergänge im nahen Wäldchen,
begegnete sich »zufällig« auf der Straße oder genoß, wenn der Gatte
abwesend war, ein Schäferstündchen in Frau Gretes traulichem Boudoir.
Pommers Zuneigung zu dem pflichtvergessenen Weibe hatte ihn in der
ersten Zeit ganz in ihren Bann gezogen. Doch war jener Reiz mehr
sinnlicher Art gewesen, einer wahren inneren Liebe fand er sich nicht
fähig zu einer Frau, deren seichte Moral, deren oberflächliche
Anschauungen über die Pflichten einer Gattin und Mutter, deren
rückhaltlose Hingabe an den ersten, welcher ihr seine Liebe gestand,
ihren inneren Wert bald hatten erkennen lassen. Und so gab es Stunden,
wo dem Manne der Verkehr mit der heißblütigen, hysterischen Frau
allmählich überdrüssig schien, denn es fehlte der innere Kern, der
moralische Halt dieses Verhältnisses, und wie bald ist der Mensch von
Genüssen übersättigt die sich in regelmäßiger Folge wiederholen und
nicht im Herzen wurzeln, wie sie allein uns auf die Dauer mit Freude
erfüllen! So ward aus der Zuneigung mit der Zeit eine schroffe
Abneigung, eine Art Ekel und Widerwillen gegen jene Frau, welche in
seinen Augen mit jedem Tage an Wert verlor und den Mangel an weiblicher
Tugend mehr und mehr erkennen ließ, sie war ihm nur noch das Weib, wie
es als solches die Schöpfung dem Mann bot.
Und je mehr diese Empfindung in ihm wuchs, um so geringer galt ihm das
Vergehen, welches ihm früher als ein ehrloses Verbrechen erschien und
sein Gemüt bedrückte. Aber offen eingestehen, daß sie ihm nicht genüge,
daß er an ihren Reizen keinen Genuß mehr finde, das konnte er nicht, es
schien ihm unmännlich und undankbar, denn hatte er nicht auch schöne
Stunden durch sie genossen? --
Schreiben mochte er nicht, das war zu gefährlich, denn kam dem
ahnungslosen Gatten der Brief in die Hände, konnte die Sache noch ein
übles Nachspiel haben, und das war sie nicht wert.
Hätte Pommer in Frau Gretes Innerem lesen können, wäre er ein
Frauenkenner gewesen, so hätte er bald eingesehen, daß eine Lösung des
Verhältnisses nur eines einzigen Wortes bedurfte, denn auch sie fand
keinen Reiz mehr im Verkehr mit einem Manne, der ihr zu pedantisch, zu
linkisch und unbeholfen vorkam, der sich auf jedes Schmeichelwort
besinnen mußte und immer erst einen Rippenstoß brauchte, den gebotenen
Genuß zu kosten. Sie liebte das Feurige, das stürmische Sichhingeben,
ohne das ewige Grübeln über Recht und Unrecht! Wem sie ihre Liebe gab,
der mußte mit vollen Zügen den Freudenbecher trinken und ihn von neuem
begehren, war er in wilder Leidenschaft geleert!
Als dann Pommer eines Tages die Mitteilung erhielt, daß er unter
Beförderung zum Oberleutnant versetzt sei, kostete es ihm keine große
Überwindung, von Frau Kahle Abschied nehmen zu müssen.
»Ich gehe fort, wir sehen uns nicht wieder!«, hatte er mit kühler Ruhe
gesagt.
Und sie stieß einen Schrei aus und sank wie niedergeschmettert auf den
Divan.
Da hatte er leise die Tür geöffnet und war verschwunden. Sie aber
schaute ihm durchs Fenster nach, und als er um die Ecke gebogen, schlug
sie den Flügel auf und spielte einen lustigen Walzer von Strauß.
Da fiel ihr ein, man könnte sie herzlos nennen, wenn sie die Trennung so
leicht überstände; und so schrieb sie einen acht Seiten langen Brief an
Oberleutnant Borgert, indem sie den Schmerzen und Seelenqualen einer
betrogenen, unglücklichen Frau beredten Ausdruck verlieh. --
So sehr waren ihre Worte von dem Empfinden eines wahren, tiefen
Schmerzens durchweht und so rührend, tief ergreifend die Ausbrüche des
Jammers um den verlorenen Geliebten, daß niemand sich denken konnte, das
alles sei nur ein Schauspiel, die virtuos durchgeführte Rolle einer
Ophelia oder Desdemona. --
Selbst die Herrn des Offizierkorps konnten eine stille Teilnahme nicht
unterdrücken, als Borgert am Abend den Brief im Kasino verlas, nur einer
rief mit verschmitzter, verständnisinniger Miene:
»Fauler Zauber!«
Wußte er das aus Erfahrung? --
[Illustration]
Drittes Kapitel.
Am Spätnachmittag eines Herbsttages saß in seiner angenehm durchwärmten
Stube der Vizewachtmeister Roth und mit ihm Sergeant Schmitz am
Kaffeetisch.
Die Einrichtung des im ersten Stock der Kaserne gelegenen Raumes machte
den Eindruck der Wohlhabenheit, und man hätte beim ersten Anblick
glauben können, ein Mitglied der »oberen Zehntausend« habe hier sein
Lager aufgeschlagen, wenn sich nicht das Meiste bei näherer Betrachtung
als überladener, wertloser Putz entpuppt und darauf hingewiesen hätte,
daß nur die Sucht, dem Raum einen gediegenen Geschmack zu geben, welcher
gerade in der Einfachheit zu wirken sucht, diese tote Pracht geschaffen.
Die grün und blau geblümte Tapete war durch große Bilder in schweren
Eichen- und Goldrahmen stellenweise ganz verdeckt. Über dem Sopha aus
rotem Plüsch hing eine Reproduktion von Lenbach's »Fürst Bismark«,
rechts und links davon die Bildnisse zweier Pferde, in Öl gemalt. An
der Wand gegenüber stand ein Klavier von schwarzem Holz mit silbernen
Armleuchtern, obgleich weder der Vizewachtmeister Roth noch seine
Gattin, eine frühere Ladenmamsell, in die Kunst des Klavierspielens
eingeweiht waren. Doch mit diesem Klavier, auf welchem nur
allsonntäglich ein junger Unteroffizier der Schwadron mit monotoner
Akkordbegleitung die »Donauwellen« hervorzauberte, hatte es seine
besondere Bewandtnis, und nie ruhte der Blick des Besitzers ohne einen
gewissen Groll auf der schuldlosen »Drahtkommode«.
Im ersten Jahre ihrer Ehe nämlich hatte es die Frau Wachtmeisterin oft
schmerzlich empfunden, nicht ein Klavier oder gar einen Flügel, das
Kennzeichen einer »gebildeten« Einrichtung, ihr eigen nennen zu können,
denn die Kollegin der zweiten Schwadron besaß ein Instrument. Sie
bedauerte aber das Fehlen eines solchen umso mehr, als sie häufig
behauptete, in ihrer Jugend Klavierunterricht genossen zu haben.
Roth sprach daher des öfteren mit Nachdruck gegenüber den vier
Einjährigen der Schwadron von den Talenten seiner Lebensgefährtin auf
musikalischem Gebiete, die nun elend verkümmern müßten, da er zur
Anschaffung eines »Pianinos« nicht die nötigen Mittel besäße. Es hatte
ihn daher kaum gewundert, als er eines Tages jenen »schwarzen
Wimmerkasten«, wie er ihn nannte, in seinem »Salon« vorfand mit einer
schriftlichen Widmung der gütigen Spender.
Als aber für die Einjährigen der Tag der Entlassung kam, kam für den
entsetzten Wachtmeister ein großer Wagen, dessen Rosselenker die Weisung
hatte, das für sechs Monate gemietete Klavier wieder abzuholen. Um nicht
zum Gespött der Kameraden zu werden und auf flehentliches Bitten seiner
Gattin kaufte Roth das Klavier auf Ratenzahlung von zehn Mark monatlich,
und nun stand das unselige Instrument unbenutzt an der Wand, während die
Rechnung dafür noch lange nicht abbezahlt war und es jeden Ersten einen
köstlichen Goldfuchs verschlang. Daher die Wut des Wachtmeisters auf
dieses Prunkstück seines Salons!
Über dem Klavier prangte ein gewaltig großer Stahlstich von Vernet's
bekanntem »Leichenschmaus« in schwerem Brokatrahmen, an dessen Ecken je
ein kleiner japanischer Fächer befestigt war.
Neben dem Klavier stand ein Vertikow aus Nußbaum und darauf sechs grüne
Weingläser, diesmal ein bar bezahltes Geschenk früherer Einjähriger.
Auch ein großer eichener Schreib-Tisch fehlte nicht, dessen Ecke von
einem Vogelbauer mit gelbgefiedertem Bewohner zweckmäßig besetzt war,
während ein Lineal, ein gewaltiges Schreibzeug aus Hirschhornstangen
und ein Federhalter die berufliche Ausrüstung dieses Hausmöbels
darstellten. Über dem Schreibtisch hing, von Rehgehörnen umgeben, ein
großes Kaiserbild, darunter zwei gekreuzte Säbel und eine Kukuksuhr. Ein
großer Blumentisch stand am Fenster, bei näherer Betrachtung aber ergab
sich, daß die Blüten nicht in einem Gewächshause, sondern unter der
Schere einer geschickten Blumenmacherin erblüht waren.
Den Boden bedeckten zwei weiße Felle und drei Teppiche, sowie ein echter
Kelim unter dem Sophatisch, über dessen Kanten eine blaue Plüschdecke
mit großen Quasten fast bis zum Boden herabhing.