Eine namenlose Wut packte ihn, den Mann hätte er auf der Stelle würgen

können, der mit Gemeinheit, Lüge und Meineid sein Dasein zerstört und

jetzt mit höhnischer Miene an ihm vorüberschritt. Ja, er hörte den

Kommandeur zu dem ehrlosen Lumpen sagen: »So ist's recht, Roth, scharf

im Dienst, so wünsche ich mir meine Unteroffiziere.«

Nun, die Rache sollte nicht ausbleiben. Schmitz wurde am 21. Oktober

durch einen Wachtmeister auf Festung gebracht, wo viele Stunden der

Selbstverleugnung und schwere Tage seiner warteten.

So kam allmählich die Weihnachtszeit heran. Schnee bedeckte den

Kasernenhof, alles lag öde, leblos und starr durch die grimmige Kälte

der letzten Tage.

Ein großer Teil der Mannschaften hatte Urlaub für die Festtage erhalten,

und ein jeder nahm im Dienst seine ganze Kraft zusammen, um nicht im

letzten Augenblick der zu erwartenden Freuden beraubt zu werden.

Fast allabendlich fuhren die Herren des Offizierkorps, natürlich ohne

Urlaub, nach der Nachbarstadt, um Weihnachtseinkäufe zu machen, denn

nach Hause fahren wollte nur einer von ihnen, die anderen beabsichtigten

eine kleine Feier im Kasino, wo sie sich gegenseitig kleine Geschenke zu

machen gedachten.

Borgert und Leimann kehrten stets mit Packeten beladen zurück, sie

kauften alles, was ihnen gefiel, Geld würde sich später einmal finden,

denn jetzt pumpte ja jeder mit Freuden, wenn er nur seine Ware los

wurde.

An den geschäftlichen Teil in der Stadt schloß sich meist ein kleines

Gelage in einem guten Restaurant, und oft kam es vor, daß die Herren in

recht angeregter Stimmung den letzten Zug zur Garnison bestiegen.

Eines Abends hatte auch der neue Riesling besonders gut geschmeckt, und

alle langten ziemlich »blau« in später Nacht zu Hause an.

Der Regimentsadjutant fand ein Diensttelegramm in seiner Wohnung vor und

mußte sich noch einmal, trotz der späten Stunde zum Regimentsschreiber

begeben, um mit diesem über die Erledigung des Telegramms Rücksprache zu

nehmen.

Starker Schneefall war eingetreten, und der scharfe Ostwind trieb die

Flocken in wildem Wirbelspiel durch die kalte Luft, sodaß man die Augen

zusammenkneifen mußte und nur mit Mühe den zugewehten Weg erkennen

konnte.

Die Störung zu mitternächtlicher Stunde paßte dem bequemen Müller gar

nicht und er schimpfte vor sich hin, als er die Allee zur Kaserne

entlang schritt. Auch pflegte er in angeheitertem Zustand meist

schlechte Laune zu haben, war händelsüchtig und brach gerne einen Streit

vom Zaune, in dessen Verlauf er in unschöner Weise auf seine

Sonderstellung als Adjutant und seine dabei gewonnene Diensterfahrung

hinwies. Die Kameraden nannten es Größenwahn.

Durch die schneeerfüllte Luft sah man nur vor dem hellen Fenster der

Wachtstube die dicken Flocken in wildem Spiele tanzen, drinnen aber

schlief der Wachthabende und neben ihm zwei Gemeine.

Der Offizier vom Dienst war schon dagewesen und so hatte man es sich

bequem gemacht, der Vorschrift entgegen Säbel und Helm abgelegt, den

Rock geöffnet und eine warme Decke aus der Kaserne herbeigeholt.

Auf Posten stand der Gemeine Röse. Er hatte in dem Schilderhaus Schutz

vor dem Unwetter gesucht und stand, den Säbel in der kalten Faust, an

der Rückwand des schwarz und weiß gestrichenen Häuschens. Warum sollte

er das nicht? Es war ja ausdrücklich gestattet!

Seine Gedanken weilten in der Ferne bei den Eltern und Geschwistern, die

er in zwei Tagen zum ersten Male seit langer Trennung wieder sehen

sollte. Wie freute er sich auf diese Stunde, da er nun als schmucker

Kavallerist die Lieben daheim begrüßen, alte Freunde und im Stall den

»Hans«, das brave Pferd, die blanken Kühe und die fetten Schweine

wiedersehen durfte!

Aus seinen Gedanken schreckte ihn plötzlich ein lauter Ruf:

»Posten!«

Röse blinzelte durch die runde Luke an der Seitenwand des

Schilderhauses, konnte aber niemand entdecken. Erst auf einen

nochmaligen, laut durch die Winternacht hallenden Ruf trat er heraus und

erkannte in dem undurchsichtigen Schneetreiben eine Gestalt, welche auf

ihn zukam.

»Warum präsentieren Sie nicht, Sie Schwein!« brüllte der

Regimentsadjutant.

»Verzeihen Herr Leutnant, ich habe Herrn Leutnant nicht gesehen.«

»Halt' die Schnauze, verlogenes Aas, geschlafen hast du im Schilderhaus,

eine Ewigkeit stehe ich hier und warte. Aber ich werde dir zeigen, du

Bauer, was du zu tun hast!«

Damit schritt er vorbei und ließ Röse in starrem Schrecken stehen. Aus

dem Regimentsgeschäftszimmer schrieb er folgende Meldung:

»Den von 12 bis 2 stehenden Posten fand ich bei einer Revision schlafend

im Schilderhause vor. Derselbe trat erst nach zweimaligem Anruf heraus.

Etwaige Einwendungen des Mannes, mich nicht gesehen zu haben, muß ich

von vornherein als Unwahrheit bezeichnen, da ich genau bemerkt habe, daß

er geschlafen hat.«

Die Meldung legte er auf den Arbeitstisch des Kommandeurs. Dann holte er

den Schreiber aus dem Bett, verhandelte mit dem im Hemd auf dem kalten

Korridor vor ihm stehenden Manne fast zehn Minuten und schritt dann

seiner Wohnung zu. Er hatte jetzt sein Mütchen gekühlt und konnte ruhig

schlafen. -- --

Am Nachmittag des 22. Dezember kehrte Sergeant Schmitz aus dem Gefängnis

zurück.

Die früher so stolze, stramme Haltung hatte er verloren, sein Gesicht

war bleich und der sonst so keck in die Höhe gewirbelte schwarze

Schnurrbart hing strähnig um die Mundwinkel. Scheu sah er die ihm

Begegnenden an, und wenn ein Soldat ihn grüßte, hielt er es für eine

besondere Freundlichkeit, die ihm nicht zukomme, da er glaubte, in aller

Augen zu lesen:

»Seht, das ist ein Bestrafter, ein Verbrecher!«

Als er sich beim Schwadronchef zurückmeldete, reichte ihm dieser die

Hand.

»Tut mir leid, mein lieber Schmitz, daß ich Sie verlieren muß, Sie waren

mir stets ein Untergebener, auf den ich stolz war und der seinen Dienst

wie kein zweiter getan hat. Aber der Oberst hat befohlen, daß ich die

Kapitulation mit Ihnen aufhebe und Sie sofort entlasse. Der Wachtmeister

wird mit Ihnen das Nötige ordnen. Trösten Sie sich mit dem Gedanken, daß

Sie das Opfer einer gemeinen Gesinnung geworden sind, und so wünsche ich

Ihnen alles Gute; wenn Sie mich brauchen können, bin ich stets mit

Freuden bereit. Leben Sie wohl!«

Schmitz unterdrückte mit großer Mühe das Weinen, der Rittmeister aber

ging dem Stall zu. Es ging ihm wirklich nahe, dieser nette, stramme

Kerl, eine Stütze der Schwadron, um nichts und wieder nichts ins

Unglück gestürzt und auf die Straße gesetzt! Es war eine Schweinerei!

So ging denn Schmitz zum Wachtmeister, der ihm seine Papiere und fünfzig

Mark auf sein Sparkassenbuch übergab. Auch er drückte ihm bewegt die

Hand.

»Haben Sie noch Invalidenansprüche, Schmitz?« fragte er darauf.

»Ich habe Rheumatismus seit dem Manöver, wo wir wegen Seuchenverdacht

der Pferde drei Wochen biwakieren mußten!«

»Das haben Sie aber damals nicht gemeldet, und es ist schon fast 1-1/2

Jahre her.«

»Gemeldet habe ich es nicht, weil ich mich nicht krank schreiben lassen

wollte, ich mochte den Rittmeister mit den heruntergekommenen Pferden

nicht sitzen lassen.«

»Ich werde beim Regiment sofort Meldung machen, Sie können ja

einstweilen Ihre Sachen abgeben!«

So stieg denn Schmitz zu seiner Stube hinauf, packte die

Montierungsstücke zusammen und schnürte seine paar Habseligkeiten in

einen kleinen Koffer. Ehe er aber seine Uniform auszog, ging er in die

Stadt und kaufte für 45 Mark einen Zivilanzug, einen Kragen und einen

Hut. Schuhe besaß er noch.

Dann brachte er alle Uniformstücke dem Quartiermeister auf die Kammer,

dem er auch seinen Extrarock, eine eigene Mütze und eine lange Hose für

dreißig Mark verkaufte. Den Säbel wollte er als Erinnerung aufheben.

Jetzt kam das Schwerste, der Abschied von den Kameraden und den Pferden.

Jeder hatte ein freundliches Wort für ihn, und mancher stumme Händedruck

gab den schmerzlichen Gefühlen Ausdruck, mit denen man den lieben

Kameraden scheiden sah. Selbst die Mannschaften drängten sich heran, um

von ihm Abschied zu nehmen, er hatte sie zwar manchmal tüchtig

vorgenommen, aber sie kannten ihn als einen anständigen Kerl, der sie

nicht im Stiche ließ, wenn es darauf ankam.

Als der Mittagsstalldienst zu Ende war, ging Schmitz in den Stall. Kein

Gang war ihm im Leben so schwer geworden, wie dieser, und als er die

geliebten Tiere aus den eben gefüllten Krippen zu sich aufblicken sah,

sobald sie seine Stimme hörten, da hätte er laut aufschreien mögen vor

Weh und Schmerz.

Für »Klärchen« hatte er ein Stück Zucker mitgebracht und sowie er zu ihm

in den Stand trat, suchte es gleich nach dem gewohnten Leckerbissen und

bat mit gehobenem Fuß um einen zweiten. Er legte seinen Kopf an den

sammetweichen Hals des Tieres, strich ihm kosend über die schönen Augen

und die weichen Nüstern und küßte das Tier auf den Hals. Als er es

verließ, glaubte er in dem traurigen Blick und den leisen Wiehern einen

Abschiedsgruß zu empfinden. Auch von der alten »Marie« nahm er Abschied.

Wie lange mochte sie wohl noch den Dienst aushalten? Zuletzt ging er zu

»Napoleon«, dem Schmerzenskinde, aber auch er zeigte heute keine Spur

der gewohnten Bösartigkeit, sondern sah den fremden Mann in Zivil mit

fragenden Augen an.

Noch einen letzten Blick warf er auf seine Lieblinge, dann ging er mit

unterdrücktem Schluchzen wieder der Stube zu, um seinen Koffer zu holen.

Im Eingang trat ihm der Wachtmeister entgegen.

»Mit Ihren Invalidenansprüchen ist es nichts, Schmitz, der Oberst hat

gesagt, Sie hätten es gleich melden müssen, jetzt könnte jeder kommen.

Dann hat er mir noch die Rechnung Ihres Rechtsanwaltes übergeben, der

das Regiment um Eintreibung der Schuld ersucht hat. Es sind sechzig

Mark, wenn Sie nicht zahlen können, soll eine Pfändung vorgenommen

werden.«

Daran hatte Schmitz gar nicht mehr gedacht.

»In einer Stunde ist das Geld zur Stelle, Herr Wachtmeister!« sagte er

nach kurzem Bedenken.

Darauf ging er der Stadt zu und trat bei einem Uhrmacher ein, legte

seine silberne Uhr mit Kette auf den Ladentisch und fragte mit fester

Stimme:

»Was geben Sie mir dafür? Ich brauche Geld!«

Der Uhrmacher besah mit spöttischen Augen das Stück und sagte dann

achselzuckend:

»Zwanzig Mark, das ist aber reichlich Geld.«

Schmitz rechnete. Fünfunddreißig hatte er noch, zwanzig dazu machte

fünfundfünfzig, es fehlten noch fünf Mark. Da streifte er entschlossen

einen Ring vom Finger, das einzige Andenken an seinen verstorbenen

Vater.

»Was ist Ihnen der wert?«

»Zehn Mark, mehr nicht!«

»Gut, geben Sie her, Sie haben es dafür!« Schmitz strich die drei

Goldstücke ein, ging zur Kaserne, zahlte dem Wachtmeister sechzig Mark

aus und holte seinen Koffer, um den Abendzug zur Stadt noch zu

erreichen.

Wer den bleichen Mann mit dem kleinen Koffer gesenkten Blickes

dahinziehen sah, ahnte nicht, daß es ein königlich preußischer Sergeant

war, der jetzt eines ungeschickten kleinen Vergehens wegen, ohne einen

Pfennig, aber mit Rheumatismus in allen Knochen und einer zertretenen

Vaterlandsliebe im Herzen auf die Straße gesetzt war, um sich ein neues

Lebensziel zu suchen, nachdem er seine beste Kraft, seine Gesundheit und

seine Jugend dem Staat geopfert hatte.

Auf der Anhöhe, von welcher aus man einen Blick auf die in ihrem

weihnachtlichen Schneegewande ruhende Kaserne hatte, schaute er noch

einmal hinunter und schüttelte drohend den Arm, einen wütenden Fluch

ausstoßend.

Dann bestieg er auf dem Bahnhof einen Wagen vierter Klasse desselben

Zuges, in welchem zahlreiche Soldaten singend und scherzend nach der

Heimat fuhren, um dort im Kreise der Familie das Weihnachtsfest zu

feiern. --

Der Abend des 24. Dezember war gekommen. Alle Welt, Tausende, Millionen

waren heute glücklich, fühlten den Zauber, den das schönste aller

Christenfeste selbst auf das härteste Gemüt ausübt, weil es heilige

Erinnerungen in uns weckt. Es ist das hohe Fest der Liebe Gottes zum

Menschen, der Liebe des Christen zum Nächsten. Und keiner ist es, den

nicht der feierliche Klang der Weihnachtsglocken in eine weiche Rührung,

eine stille Andacht versetzt: der mächtige König im Palast und der Arme

in seiner Hütte, selbst der Verbrecher hinter der Kerkermauer, alle

öffnen ihr Herz den Strahlen der Liebe, die es an diesem Abend

durchleuchten.

* * * * *

Friedrich Röse saß in der schlecht erwärmten Arrestzelle, in welcher er

die 14tägige Strafe wegen Wachtvergehens verbüßte.

Durch den mit Eisblumen bedeckten kleinen Lichtschacht sah er hinauf

nach dem Fenster im ersten Stock der 3. Eskadron, wo ein Weihnachtsbaum

im Lichterglanz erstrahlte. Schwermütig ernst ertönten die Klänge jenes

ewig schönen Weihnachtsliedes, dessen Musik gerade in ihrer Eintönigkeit

ergreifend wirkt. Fröstelnd saß er auf dem Rand der harten Holzpritsche,

und eine Träne rollte über die Wangen hinab auf das Steinpflaster des

Fußbodens. Wieder weilten die Gedanken daheim, aber nicht freudig,

erwartungsvoll, sondern Verstimmung, Schmerz und Sehnsucht lagen in den

Zügen des jungen Mannes.

Mit welcher Freude, welchem Eifer hatte er sich zum Militär gemeldet!

Schon sein Vater, einst Wachtmeister der Gardekürassiere, schilderte das

herrliche Soldatenleben in den schönsten Farben und hatte keinen

größeren Wunsch, als seinen Jungen einmal als flotten Unteroffizier

wiederzusehen.

Aber das gab es jetzt nicht mehr, er war bestraft mit strengem Arrest,

gebrandmarkt für seine ganze Dienstzeit.

Die freudige Lust am Soldatenstande hatte sich mit einem Male in Haß und

Ingrimm verwandelt gegen den bunten Rock, gegen alles, was Soldat sein

bedeutete, mit einem Schlage war aus dem diensteifrigen, strebsamen

Rekruten einer von den vielen geworden, die nur Soldat sind, weil sie

es müssen und die den Tag der Entlassung als den ihrer Freiheit

ersehnen.

Und warum war das alles?

Nicht weil er wissentlich seine Pflicht verletzt hatte, sondern weil es

einem jener Herren Offiziere einfiel, die Laune seiner Trunkenheit an

dem ersten besten Opfer auszulassen, das ihm in die Hände fiel. Und was

der Herr in seiner Meldung behauptete, stand als bombenfeste Tatsache

da, wer daran zweifelte, beging ein neues Vergehen, die

Achtungsverletzung.

Röse hatte auf die bezügliche Frage seines Rittmeisters den Vorgang

geschildert und seine Unschuld hoch und heilig beteuert, aber der

Adjutant hatte hierauf erwidert, der Mann wolle sich jetzt herauslügen.

Was er gemeldet habe, sei Tatsache.

Oder sollte er zugestehen: Ich habe dir Unrecht getan, habe mich geirrt,

denn ich war betrunken und übler Laune? Fiel ihm gar nicht ein, er

konnte sich diese Blöße nicht geben. Wie durfte er, der unnahbare, nie

fehlende Regimentsadjutant eingestehen, sich geirrt zu haben? Er irrte

sich eben nie, und was schadete es groß dem Kerl, wenn er die paar Tage

brummte?

Was es schadete?

Daß es einen Apostel mehr gab, der verkündete, er sei als Soldat ein

gepeinigter, in ein beschwerliches Joch gezwungener Mensch, der

Spielball seiner Vorgesetzten gewesen, die ihre Laune an ihm ausließen,

wie es ihnen behagte, daß unverdiente Härte und Ungerechtigkeit, gegen

die es keine genügende Waffe gab, da zu finden gewesen seien, wo

indviduelle Behandlung, Rücksicht und einsichtsvolle Überlegung am

Platze wären.

Und was es weiter schadete?

Daß Jedermann, dem Röse in späteren Jahren seine Papiere vorlegte, die

Achseln zuckte und dachte: »Du scheinst mir auch kein zuverlässiger

Bruder zu sein, 14 Tage wegen Wachtvergehens, das ist übel!« -- -- -- --

Gegen neun Uhr schreckte Röse ein Geräusch an der Tür aus seinen

Gedanken. Ein Schlüsselbund klapperte, das Schloß schnappte und herein

trat der Offizier vom Dienst, hinter welchem der Wachthabende stand.

Röse sprang auf, nahm eine militärische Haltung ein und meldete:

»Gemeiner Röse mit 14 Tagen wegen Wachtvergehens bestraft!«

Der Offizier schaute einen Augenblick in das Innere der dunkelen Zelle,

ob er nicht etwa einen verbotenen Gegenstand außer der Schlafdecke und

dem Wasserkrug entdeckte, dann wandte er sich zum Gehen. Da sagte Röse

zögernd:

»Gestatten der Herr Leutnant eine Bitte?«

»Wenden Sie sich an den Wachthabenden, wenn Sie etwas wollen«,

entgegnete der Offizier kurz und tappte die Steintreppe hinunter,

vorsichtig um sich schauend, daß er sich den grauen Mantel an dem

staubigen Treppenhaus nicht beschmutze.

Der Wachthabende begleitete ihn bis zum Ausgang und kehrte dann zu Röse

zurück.

»Was wolltest du denn?« fragte er wohlwollend.

»Ich wollte bitten, wenn ein Brief für mich da wär, daß ich ihn jetzt

bekommen kann, Herr Unteroffizier!« antwortete Röse schüchtern.

»Ja, mein Junge,« lachte der Unteroffizier gutmütig, »das geht

eigentlich nicht -- erst absitzen, dann's Vergnügen.« Wie er aber Röse,

der von seiner Schwadron war und den er gut leiden mochte, mit dem

trübseligen Gesichte vor sich stehen sah, tat ihm der arme Junge leid.

Es war doch eine harte Sache, hier den heiligen Abend verleben zu müssen

und obendrein wegen einer solchen Lappalie, und schließlich sogar

unschuldig. Er sagte daher freundlich zu Röse:

»Na ja, ich werde mal nachfragen lassen.«

Er verschloß die Zelle wieder und schickte einen Mann zu Röse's

Berittführer mit der Bitte, doch einmal zu ihm zu kommen. Und als dieser

herbeigekommen war, fragte der Wachthabende den Berittführer:

»Ist ein Brief für den Röse da?«

»Ein Brief nicht, aber ein Packet habe ich für ihn vom Wachtmeister

bekommen!«

»Weiß du was?« flüsterte der Wachthabende, »mach die Kiste auf und bring

dem Kerl was rüber, das arme Luder tut mir leid.«

Der Berittführer nickte und verschwand, um bald mit einem Brief, einer

Wurst und einem Stück Kuchen zurückzukehren. Der Wachthabende nahm alles

in Empfang und stieg zu Röse hinauf. Gleichzeitig hieß er einen Mann mit

einem Eimer Kohlen mit sich gehen.

Nach wenigen Minuten flackerte das Feuer in der Zelle wieder hell und

Röse stand davor, um beim flackernden Schein den Brief der Eltern zu

lesen. Dabei rannen ihm beständig die Tränen über die Backen. Dann

versteckte er wie einen kostbaren Schatz Wurst und Kuchen hinter der

Pritsche, hüllte sich in seine Decke ein und legte sich auf das harte

Holzbett nieder.

Bald schloß der Schlaf die verweinten Augen, und im Traum saß Röse

daheim unter'm Weihnachtsbaum im Kreise seiner Eltern und Geschwister.

Der 28. Dezember war ein Trauertag für die vierte Schwadron.

Die Leute, die erst am Abend vorher von Urlaub zurückgekehrt waren,

gaben heute einem Kameraden das letzte Geleit: man trug den Gefreiten

Dietrich zum Friedhof hinaus.

Er war stets ein schwächlicher Mensch gewesen. Damals aber, als er

erhitzt und vom Regen durchnäßt in die kalte Stube kam und kein Feuer

anbrennen konnte, weil ihm Roth die Kohlen verweigerte, packte ihm am

selbigen Abend ein heftiges Fieber. Nach zwei Tagen stellte der Arzt

Gelenkrheumatismus fest, der so stark auftrat, daß das Herz in

Mitleidenschaft gezogen wurde und der Arme am ersten Weihnachtsfeiertage

an Herzschlag starb.

Die tieferschütterten Eltern hatten zwar telegraphisch um Überführung

der Leiche ihres einzigen Sohnes zum Heimatsort gebeten, doch da das

Geld für einen Zinksarg und den Transport nicht kam, fand die Beerdigung

auf dem Garnisonsfriedhof statt.

Am nächsten Tage wurde auch der vom Pferde geschlagene dicke

Reserve-Gefreite aus dem Lazaret entlassen. Seine Verletzungen schienen

zwar geheilt, doch war das ganze Gesicht durch die zurückgebliebenen

Narben schrecklich entstellt und das linke Auge durch eine Operation

entfernt worden, da man infolge der Verletzung desselben fürchtete, das

andere Auge könnte in Mitleidenschaft gezogen werden.

So kehrte denn der Unglückliche als Halbinvalide mit einer monatlichen

Pension von neun Mark in die Heimat zurück.

* * * * *

Der ehemalige Sergeant Schmitz saß am Sylvesterabend in seiner dürftigen

Stube.

Er hatte sich, um der äußersten Not vorzubeugen, als Arbeiter einer

großen Fabrik der Nachbarstadt verdingt und konnte so wenigstens seinen

Lebensunterhalt verdienen. Er bewohnte ein mäßiges Zimmer im zweiten

Stock eines Arbeiterhauses und wurde von der darin hausenden Familie

gegen geringes Entgeld mit verpflegt.

Jetzt saß er am Tisch, den Kopf in beide Hände gestützt. Vor ihm stand

ein Teller mit den Resten des kärglichen Abendbrotes, und eine kleine

Lampe mit zerbrochenem Schirm warf einen matten, rötlichen Schein auf

die am Tisch sitzende Gestalt und die ärmliche Einrichtung des kleinen

Raumes. An der Wand stand ein eisernes Bett mit rot und weiß kariertem

Bezug, und darüber waren Klinge und Scheide des Säbels übers Kreuz

befestigt.

Auf einem kleinen Holzschemel stand eine Waschschüssel, daneben lag ein

graues Handtuch. Das Feuer in dem kleinen Ofen war längst erloschen, nur

einzelne klimmende Köhlchen lebten noch darin.

Wer den Mann da sitzen sah, konnte glauben, einen Schlafenden vor sich

zu haben, aber Schmitz wachte, und in seinem Kopf jagten wilde Gedanken

durcheinander. Er dachte an vergangene Zeiten, und je schroffer ihm

seine jetzige Lebenslage von früheren Zeiten abzustechen schien, um so

grimmiger wurde sein Haß gegen den, welcher ihn in seine jetzige Lage

gebracht; er sann auf Rache, wie er jenen elenden Schurken strafen und

brandmarken könne für seine gewissenlose, gemeine Handlungsweise.

Eine Weile noch saß er brütend da, dann erhob er sich mit finsterem

Gesicht und trat an's Fenster, hauchte ein kleines Loch in die dicken

Eisblumen und schaute hindurch nach der erleuchteten Uhr des

Kirchturmes, aus dem jetzt das melodische Läuten der Glocken in die

kalte Nacht hinaus drang, das Herannahen des neuen Jahres kündend.

Elf Uhr! Schmitz setzte seinen Hut auf, ergriff den Spazierstock, blies

die Lampe aus und ging die dunkle Treppe hinab.

Auf der eisbedeckten Steinstufe vor der Haustür verweilte er einen

Augenblick und lauschte dem dumpfen, feierlichen Glockenton. Sonst

vernahm man keinen Laut, keinen menschlichen Tritt, nur ein fernes

Rauschen wie ein Atem erfüllte die Luft, der Atem einer Großstadt in der

Silvesternacht.

Schmitz schlug fröstelnd den Rockkragen hoch, steckte beide Hände in die

Hosentaschen und ging, den Stock unter'm Arm, eiligen Schrittes dem

Bahnhof zu, wo er für 20 Pfennig eine Fahrkarte nach seiner früheren

Garnison erstand und den bereitstehenden Zug bestieg.

Das kleine Städtchen lag wie ausgestorben in seiner schneeichten Hülle.

Von der Kaserne flimmerten die hell erleuchteten Fenster wie Sterne

herüber, und mitunter tönten abgebrochene Weisen eines Gesanges, oder

einzelne Akkorde, vom Winde sanft getragen, klangen in die Nacht hinaus.

In der Ferne summte es von dem Läuten zahlreicher Kirchenglocken, welche

in den vielen umliegenden Dörfern und Flecken das neue Jahr begrüßten.

Aus den hell erleuchteten Kneipen und Restaurationen aber ertönte lautes

Reden, Lachen und Gesang fröhlicher Zecher, die dem neuen Jahr einen

frischen Trunk entgegenbrachten.

Schmitz ging dem Stadtende zu, an welchem die Kaserne lag und machte vor

einem Wirtshause Halt. Scheu blickte er um sich, ob Niemand ihn

beobachte, dann stieg er auf den Rand der Mauer und schaute durch das

angelaufene Fenster.

Richtig, dort saß der Roth, im Kreise einiger Unteroffiziere und

Gefreiten, denn hier pflegte er allabendlich bis in die tiefe Nacht zu

zechen oder ein Spielchen zu machen.

Vorsichtig stieg er wieder herab und schritt der Kaserne zu. Er bog in

einen zu beiden Seiten mit beschneiten Hecken eingefaßten Richtweg und

stellte sich an der ersten Biegung auf. Hier pflegte Roth auf dem

Heimweg vorbeizukommen.

Schmitz mußte lange auf seinem Posten ausharren, aber es war ihm wohl zu

Mute.

Die bittere Kälte des Tages war um Mitternacht einer lauen Winterluft

gewichen, ein sanfter Wind trieb seine Schneeflöckchen vor sich her und

ließ die dürren Blätter der Buchenhecke rascheln. Unten, wo der schmale

Weg in die Straße einbog, sah man mitunter eine Gestalt wie einen

Schemen schwankenden Schrittes in dem Dunkelgrau der Nacht auftauchen

und lautlos auf der weichen Schneedecke wieder verschwinden -- Zecher,

die nach reichlichem Trunk der Ruhe des Bettes bedurften. --

Schmitz fühlte keine Spur von Kälte, denn bei jedem neuen Schlag der

fernen Turmuhr trieb ihm das Blut schneller durch die Adern, immer näher

rückte der Augenblick, auf den er sich schon so lange gefreut.

Endlich, es hatte eben zwei Uhr geschlagen, nahte eine dunkle Gestalt.

Aus einer kleinen Garnison: Ein militärisches Zeitbild · 第 5 / 13 段