ein kleiner, frommer Knabe war; ich unterschrieb ihn ins Buch, das mir
der andere mit seinen Krallen vorhielt. Von da an ging mir ein Leben
auf in Saus und Braus. In ganz Bremen gab es keinen Mann so fröhlich
als den Kellermeister Balthasar, und getrunken hab' ich, was der Keller
Gutes und Köstliches hatte. Zur Kirche ging ich nie, sondern wenn sie
zusammenläuteten, schritt ich hinab zum besten Faß und schenkte mir ein
nach Herzenslust. Als ich alt wurde, kam oft ein Grauen über mich, und
es fröstelte mir durch die Glieder, wenn ich ans Sterben dachte; hatte
zwar kein Weib, das um mich jammerte, aber auch keine Kinder, die mich
trösteten; da trank ich denn, wenn die Todesgedanken über mich kamen,
bis ich von Sinnen war und schlief. So trieb ich's lange Jahre, mein
Haar ward grau, meine Glieder schwach, und ich sehnte mich, zu schlafen
im Grabe. Da war mir eines Tages, als sei ich erwacht und könne doch
nicht recht erwachen. Die Augen wollten sich nicht auftun, die Finger
waren steif, als ich mich aus dem Bette heben wollte, und die Beine
lagen starr wie ein Stück Holz. An mein Bett aber traten Leute,
betasteten mich und sprachen: ›Der alte Balthasar ist tot.‹
»Tot, dachte ich und erschrak, tot und nicht schlafen? Tot bin ich
und _denke_? Mich erfaßte eine unnennbare Angst, ich fühlte, wie mein
Herz stillestand, und wie sich doch etwas in mir regte und in sich
zusammenzog und bange, bange war; das war mein _Körper_ nicht, denn der
lag steif und tot, was war es denn?«
»Deine Seele!« sprach Petrus dumpf. »_Deine Seele!_« flüsterten die
andern ihm nach.
»Da maßen sie meine Länge und Breite, um die sechs Brettlein fertig zu
machen, und legten mich hinein, und ein hartes Kissen von Hobelspänen
unter meinen Schädel und nagelten die Bahre zu, und meine Seele wurde
immer ängstlicher, weil sie nicht schlafen konnte. Dann hörte ich die
Totenglocke läuten auf der Domkirche, sie hoben mich auf, und kein Auge
weinte um mich. Sie trugen mich auf Unser Lieben Frauen Kirchhof, dort
hatten sie mein Grab gegraben, noch höre ich die Seile schwirren, die
sie heraufgezogen, als ich unten lag; dann warfen sie Steine und Erde
herab, und es ward stille um mich her.
»Aber meine Seele zitterte heftiger, als es Abend wurde, als es zehn
Uhr, elf Uhr schlug auf allen Glocken. Wie wird es dir gehen, wie
wird es dir gehen? dachte ich bei mir. Ich wußte noch ein Gebetlein
aus alter Zeit, das wollte ich sprechen, aber meine Lippen standen
still. -- Da schlug es zwölf Uhr, und mit einem Ruck war die schwere
Grabesdecke abgerissen, und auf meinen Sarg geschah ein schrecklicher
Schlag.«
Ein Schlag, daß die Hallen dröhnten, sprengte jetzt eben die Türe des
Gemaches auf, und eine große weiße Gestalt erschien auf der Schwelle.
Ich war durch Wein und die Schrecknisse dieser Nacht so exaltiert und
außer mir selbst gebracht, daß ich nicht aufschrie, nicht aufsprang,
wie wohl sonst geschehen wäre, sondern geduldig das Schreckliche
anstarrte, das jetzt kommen sollte; mein erster Gedanke war nämlich:
»Jetzt kommt der Teufel.«
Habt ihr je im Don Juan jenen bangen Moment geschaut, wo Tritte dumpf
und immer näher tönen, wo Leporello schreiend zurückkommt und die
Statue des Gouverneurs, ihrem Streitroß auf dem Monument entstiegen,
zum Gastmahl kommt? Riesengroß mit abgemessenem, dröhnendem Schritt,
ein ungeheures Schwert in der Hand, gepanzert, aber ohne Helm, trat die
Gestalt ins Gemach. Sie war von Stein, das Gesicht steif und seelenlos;
aber dennoch tat sich der steinerne Mund auf und sprach: »Gott grüß'
euch, vielliebe Reben vom Rheine; muß doch das schöne Nachbarskind
besuchen an ihrem Jahrestag. Gott grüß' Euch, Jungfrau Rose. Darf ich
auch Platz nehmen in Eurem Gelaggaden?«
Sie schauten alle verwundert nach der riesigen Statue, Frau Rose aber
brach das Stillschweigen, schlug vor Freude die Hände zusammen und
schrie: »Ei, du meine Güte! 's ist ja der steinerne Roland, so seit
vielen hundert Jahren auf dem Domhofe in der lieben Stadt Bremen steht.
Ei, das ist schön, daß Ihr uns die Ehre antut, Herr Ritter; leget doch
Schild und Schwert ab und machet es Euch bequem; wollet Ihr Euch nicht
obenan setzen an meine Seite? O Gott, wie mich das freut!«
Der hölzerne Weingott, so indessen wieder um ein Erkleckliches
gewachsen, warf mürrische Blicke bald auf den steinernen Roland,
bald auf die naive Dame seines Herzens, die ihre Freude so laut und
unverhohlen ausgelassen. Er murmelte etwas von ungebetenen Gästen und
strampelte ungeduldig mit den Beinen. Aber Rose drückte ihm unter dem
Tische die Hand und beschwichtigte ihn durch süße Blicke. Die Apostel
waren näher zusammengerückt und hatten dem steinernen Gast einen Stuhl
neben dem alten Fräulein eingeräumt. Er legte Schwert und Schild in
die Ecke und setzte sich ziemlich ungelenk auf das Stühlchen, aber ach,
dies war für ehrsame Bremer Stadtkinder und nicht für einen steinernen
Riesen gemacht; es knackte, als er sich setzte, morsch zusammen, und so
lang er war, lag er im Gemach.
»Schnödes Geschlecht, das solche Hütschen zimmert, worauf zu meiner
Zeit nicht einmal ein zartes Fräulein hätte sitzen können, ohne mit
dem Sitz durchzubrechen!« sagte der Heros und stand langsam auf; der
Kellermeister Balthasar aber rollte ein Halbeimerfaß herbei an den
Tisch und lud den Ritter ein, Platz zu nehmen. Es knackten nur ein
paar Dauben, als er sich setzte, aber das Faß hielt aus. Dann bot ihm
der Kellermeister ein großes Römerglas mit Wein, er faßte es mit der
breiten steinernen Faust, aber krach! war es entzwei, daß ihm der Wein
über die Finger lief. »Ei, Ihr hättet auch die Handschuhe von Stein
füglich ablegen können,« sprach Balthasar ärgerlich und kredenzte ihm
einen silbernen Becher, so ein Maß hielt und in früherer Zeit Tummler
genannt wurde. Der Ritter faßte ihn, drückte nur einige unbedeutende
Buckeln in den Becher, sperrte das steinerne Maul auf und goß den Wein
hinab.
»Wie mundet Euch der Wein?« fragte Bacchus den Gast; »Ihr habt wohl
lange keinen getrunken?«
»Er ist gut, bei meinem Schwert! Sehr gut! Was ist es für Gewächs?«
»Roter Ingelheimer, gestrenger Herr!« antwortete der Kellermeister.
Das steinerne Auge des Ritters bekam Leben und Glanz, als er dies
hörte, die gemeißelten Züge verschönerte ein sanftes Lächeln, und
vergnüglich schaute er in den Becher.
»_Ingelheim!_ du süßer, trauter Name!« sprach er. »Du edle Burg meines
ritterlichen Kaisers; so nennt man also noch in dieser Zeit deinen
Namen, und die Reben blühen noch, die Karl einst pflanzte in seinem
Ingelheim? Weiß man denn auch von Roland noch etwas auf der Welt und
von dem großen Carolus, seinem Meister?«
»Das müßt Ihr den Menschen dort fragen,« erwiderte Judas, »wir geben
uns mit der Erde nicht mehr ab. Er nennt sich Doktor und Magister und
muß Euch Bescheid geben können über sein Geschlecht.«
Der Riese richtete sein Auge fragend auf mich, und ich antwortete:
»Edler Paladin! Zwar ist die Menschheit in dieser Zeit lau und
schlecht geworden, ist mit dem hohlen Schädel an die Gegenwart genagelt
und blickt nicht vor-, nicht rückwärts; aber so elend sind wir doch
nicht geworden, daß wir nicht der großen, herrlichen Gestalten
gedächten, die einst über unsere Vatererde gingen und ihren Schatten
werfen noch bis zu uns. Noch gibt es Herzen, die sich hinüberretten
in die Vergangenheit, wenn die Gegenwart zu schal und trübe wird, die
höher schlagen bei dem Klang großer Namen und mit Achtung durch die
Ruinen wandeln, wo einst der große Kaiser saß in seiner Zelle, wo seine
Ritter um ihn standen, wo Eginhart bedeutungsvolle Worte sprach und
die traute Emma dem treuesten seiner Paladine den Becher kredenzte.
Wo man den Namen Eures großen Kaisers ausspricht, da ist auch Roland
unvergessen, und wie Ihr ihm nahe standet im Leben, so enge seid Ihr
mit ihm verbunden in Lied und Sage und in den Bildern der Erinnerung.
Der letzte Ton Eures Hifthorns tönt noch immer aus dem Tal von Ronceval
durch die Welt und wird tönen, bis er sich in die Klänge der letzten
Posaune mischt.«
»So haben wir nicht vergebens gelebt, alter Karl!« sprach der Ritter,
»die Nachwelt feiert unsere Namen.«
»Ha!« rief Johannes feurigen Mutes; »diese Menschen wären auch wert,
Wasser aus dem Rhein zu saufen statt des Rebenblutes seiner Hügel,
wenn sie den Namen des Mannes vergessen hätten, der zuerst die Reben
pflanzte im Rheingau. Auf, ihr trauten Gesellen und Apostel, stoßet an,
unser herrlicher Stammvater lebe, es lebe _Kaiser Karl der Große_!«
Die Römer klangen, aber Bacchus sprach: »Ja, es war eine schöne,
herrliche Zeit, und ich freue mich ihrer wie vor tausend Jahren. Wo
jetzt die wundervollen Weingärten stehen vom Ufer bis hinauf an die
Rücken der Berge, und hinauf und hinab im Rheintal Traube an Traube
sich schlingt, da lag sonst wüster, düsterer Wald. Da schaute einst
Kaiser Karl aus seiner Burg in Ingelheim an den Bergen hin, er sah,
wie die Sonne schon im März so warm diese Hügel begrüße und den Schnee
hinabrolle in den Rhein, wie so frühe die Bäume dort sich belauben und
das junge Gras dem Frühling voraneile aus der Erde. Da erwachte in ihm
der Gedanke, Wein zu pflanzen, wo sonst der Wald stand.
»Und ein geschäftiges Leben regte sich im Rheingau bei Ingelheim, der
Wald verschwand, und die Erde war bereit, den Weinstock aufzunehmen. Da
schickte er Männer nach Ungarn und Spanien, nach Italia und Burgund,
nach der Champagne und nach Lothringen und ließ Reben herbeibringen
und senkte die Reiser in der Erde Schoß.
»Da freute sich mein Herz, daß er mein Reich ausbreite im deutschen
Lande, und als dort die ersten Reben blühten, zog ich ein im Rheingau
mit glänzendem Gefolge; wir lagerten auf den Hügeln und schafften in
der Erde und schafften in den Lüften, und meine Diener breiteten die
zarten Netze aus und fingen den Frühlingstau auf, daß er den Reben
nicht schade; sie stiegen hinauf und brachten warme Sonnenstrahlen
nieder, die sie sorgsam um die kleinen Beerlein gossen, schöpften
Wasser im grünen Rhein und tränkten die zarten Wurzeln und Blätter.
Und als im Herbst das erste zarte Kind des Rheingaues in der Wiege
lag, da hielten wir ein großes Fest und luden alle Elemente zur Feier
ein. Und sie brachten köstliche Geschenke und legten sie dem Kindlein
als Angebinde in die Wiege. Das Feuer legte seine Hand auf des Kindes
Augen und sprach: ›Du sollst mein Zeichen an dir tragen ewiglich; ein
reines, mildes Feuer soll in dir wohnen und dich wert machen vor allen
anderen.‹ Und die Luft in zartem, goldenem Gewande kam heran, legte
ihre Hand auf des Kindes Haupt und sprach: ›Zart und licht sei deine
Farbe, wie der goldene Saum des Morgens auf den Hügeln, wie das goldene
Haar der schönen Frauen im Rheingau.‹ Und das Wasser rauschte heran
in silbernen Kleidern, bückte sich auf das Kind und sprach: ›Ich will
deinen Wurzeln immer nahe sein, daß dein Geschlecht ewig grüne und
blühe und sich ausbreite, so weit mein Rheinstrom reicht.‹ Aber die
Erde kam und küßte das Kindlein auf den Mund und wehte es an mit süßem
Atem. ›Die Wohlgerüche meiner Kräuter,‹ sprach sie, ›die herrlichsten
Düfte meiner Blumen habe ich für dich gesammelt zum Angebinde. Die
köstlichsten Salben aus Ambra und Myrrhen werden gering sein gegen
deine Düfte, und deine lieblichsten Töchter wird man nach der Königin
der Blumen heißen -- die _Rosen_.‹
»So sprachen die Elemente; wir aber jubelten über die herrlichen
Gaben, schmückten das Kindlein mit frischem Weinlaub und schickten es
dem Kaiser in die Burg. Und er erstaunte über die Herrlichkeit des
Rebenkindes, hat es fortan gehegt und gepflegt und die Rebe am Rhein
seinen herrlichsten Schätzen gleich geachtet.«
»Andreas!« rief Jungfrau Rose. »Lieber Vetter, du hast solch eine
schöne zarte Stimme, willst du nicht singen zum Ruhme des Rheingaues
und seiner Weine?«
»Wenn es Euch erheitert, edle Jungfrau, und Euch nicht Beschwerde
macht, edler Bacchus, wie auch Euch nicht unangenehm ist, mein Herr und
Ritter Roland, so will ich eines singen.« Und er sang eine schöne Weise
voll zarter Töne und Worte, klangvoll und zierlich gefüget, so, daß
man wohl merken konnte, es sei ein Lied eines alten Meisters von 1400
oder 1500. Verflogen sind seine Worte aus meinem Gedächtnis, aber seine
Weise möchte ich doch wohl finden, denn sie war einfach und schön, und
Petrus begleitete ihn mit einem sonoren, herrlichen Sekund. Die Lust
des Gesanges schien über alle herabzukommen, denn als Andreas geendet,
sang Judas unaufgefordert ein Lied, und ihm folgten die übrigen. Selbst
Rose, so sehr sie sich zierte, mußte ein Lied von 1615 singen, was sie
mit angenehmer, etwas zitternder Stimme vortrug. Mit dröhnendem Baß
sang Roland eine Kriegshymne der Franken, von welcher ich nur einige
Worte verstand, und endlich, als sie alle gesungen, schauten sie auf
mich, und Rose nickte mir zu, etwas zu singen. Da hub ich denn an:
»Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsre Reben,
Gesegnet sei der Rhein,
Da wachsen sie am Ufer hin und geben
Uns diesen Labewein.«
Sie lauschten, als sie diese Worte hörten, sie nickten sich zu und
rückten näher zusammen; und die Entfernteren streckten die Köpfe vor,
als wollten sie kein Wort verlieren. Mutiger erhob ich meine Stimme,
lauter und immer lauter war mein Gesang, denn es wogte in mir wie
Begeisterung, vor solchem Publikum zu singen. Die alte Rose nickte den
Takt mit dem Kopfe und summte den Chorus leise, leise mit, und Freude
und Stolz blickten aus den Augen der Apostel. Und als ich geendet,
drängten sie sich zu, drückten mir die Hände, und Andreas hauchte einen
Kuß auf meine Lippen.
»Doktor!« rief Bacchus, »Doktor, welch ein Lied! Wie geht einem da das
Herz auf! Herzensdoktor, hast du das Lied gedichtet in deinem eigenen
graduierten Gehirn?«
»Nein, Euer Exzellenz! solch ein Meister des Gesanges bin ich nicht.
Aber den, der es gedichtet, haben sie längst begraben; er hieß Matthias
Claudius!«
»_Sie haben -- einen guten Mann begraben_,« sagte Paulus. »Wie klar und
munter ist dies Lied, so klar und helle wie echter Wein, so mutig und
munter wie der Geist, der im Weine wohnet und gewürzt mit Scherz und
Laune, die wie ein würziger Duft aus dem Römer steigen; der Mann hat
gewiß verstanden, welch gutes Ding es um ein Glas lautern Weines ist.«
»Herr, er ist lange tot, das weiß ich nicht, aber ein anderer großer
Sterblicher hat gesagt: ›Guter Wein ist ein gutes, geselliges Ding,
und jeder Mensch kann sich wohl einmal von ihm begeistern lassen!‹ Und
ich denke, der alte Matthias hat auch so gedacht unter guten Freunden,
hätte ja sonst solch ein schönes Lied nicht machen können, das noch
heute alle fröhlichen Menschen singen, die im Rheingau wandeln oder
edeln Rheinwein trinken.«
»Singen sie das?« rief Bacchus. »Nun seht, Doktor, das freut mich, und
so gar miserabel muß Euer Geschlecht doch nicht geworden sein, wenn sie
so klare, schöne Lieder haben und singen.«
»Ach, Herr!« sprach ich bekümmert. »Es gibt der _Ueberschwenglichen_
gar viele, das sind die Pietisten in der Poesie, und wollen solch Lied
gar nicht für ein Gedicht gelten lassen, wie manchen Frömmlern das
Vaterunser nicht mystisch genug zum Beten ist.«
»Es hat zu jeder Zeit Narren gegeben, Herr!« erwiderte mir Petrus, »und
jeder fegt am besten vor seiner eigenen Türe. Aber weil wir gerade bei
seinem Geschlecht sind, erzähl' Er uns doch, wie es auf der Erde ging
im letzten Jahr?«
»Wenn es die Herren und Damen interessiert,« -- sprach ich zögernd.
»Immerzu,« rief Roland, »wegen meiner könntet Ihr die letzten
fünfhundert Jahre erzählen, denn auf meinem Domhof sehe ich nichts als
Zigarrenmacher, Weinbrauer, Pfarrer und alte Weiber.« Auch die übrigen
stimmten mit ein; ich hub also an:
»Was zuerst die deutsche Literatur betrifft --«
»Halt, ~manum de tabula~!« rief Paulus. »Was scheren wir uns um euer
miserables Geschmier, um eure kleinlichen, ekelhaften Gassenstreite und
Kneipenraufereien, um eure Poetaster, Afterpropheten und --«
Ich erschrak; wenn diesen Leuten nicht einmal unsere wunderherrliche,
magnifike Literatur interessant war, was konnte ich ihnen denn sagen?
Ich besann mich und fuhr fort: »Offenbar hat Joco im letzten Jahre, was
das Theater anbelangt --«
»Theater? Geht mir weg!« unterbrach Andreas, »was sollen wir von
euren Puppenspielen, Marionettenkomödien und sonstigen Torheiten
hören! Meinet Ihr etwa, uns komme viel darauf an, ob einer eurer
Lustspieldichter ausgepfiffen wurde oder nicht? Habt Ihr denn dermalen
gar nichts Interessantes, nichts Welthistorisches, das Ihr etwa
erzählen könntet?«
»Ach, daß Gott erbarm',« erwiderte ich, »bei uns ist die Welthistorie
ausgegangen, wir haben in diesem Fach nur noch den Bundestag in
Frankfurt. Bei unsern Nachbarn höchstens gibt es noch hin und wieder
etwas; zum Beispiel in Frankreich haben die Jesuiten wieder Macht
gewonnen und das Zepter an sich gerissen, und in Rußland sollte es eine
Revolution geben.«
»Ihr verwechselt die Namen, Freund!« sagte Judas, »Ihr wolltet sagen,
in Rußland sind die Jesuiten wieder eingezogen, und in Frankreich
sollte es eine Revolution geben.«
»Mit nichten, Herr Judas von Ischariot,« antwortete ich, »so ist es,
wie ich gesagt.«
»Ei der Tausend!« murmelten sie nachdenklich, »das ist ja ganz
sonderbar und verkehrt!« -- »Und,« fragte Petrus, »Krieg gibt es nicht?«
»Ein klein wenig, wird aber bald vollends zu Ende sein, in
Griechenland, gegen die Türken.«
»Ha! das ist schön,« rief der Paladin und schlug mit der steinernen
Faust auf den Tisch. »Hat mich schon vor vielen Jahren geärgert, daß
die Christenheit so schnöde zuschaute, wie der Muselmann dies herrliche
Volk in Banden hielt; das ist schön, wahrlich! Ihr lebet in einer
schönen Zeit, und Euer Geschlecht ist edler, als ich dachte. Also die
Ritter von Deutschland und Frankreich, von Italien, Spanien und England
sind ausgezogen wie einst unter Richard Löwenherz, die Ungläubigen zu
bekämpfen? Die Genueser Flotte schifft im Archipel, die Tausende der
Streiter überzusetzen, die Oriflamme naht sich Stambuls Küsten, und
Oesterreichs Banner weht im ersten Reihen? Ha! zu solchem Kampfe möchte
ich selbst noch einmal mein Roß besteigen, mein gutes Schwert Durande
ziehen und in mein Hifthorn stoßen, daß alle Helden, die da schlafen,
aufstünden aus den Gräbern und mit mir zögen in die Türkenschlacht.«
»Edler Ritter,« antwortete ich und errötete vor meiner Zeit, »die
Zeiten haben sich geändert. Ihr würdet wahrscheinlich als Demagoge
verhaftet werden bei sotanen Umständen und Verhältnissen, denn weder
Habsburgs Banner noch die Oriflamme, weder Englands Harfe noch
Hispaniens Löwen sieht man in jenen Gefechten.«
»Wer ist es denn, der gegen den Halbmond schlägt, wenn es nicht diese
sind?«
»Die Griechen selbst.«
»Die Griechen? Ist es möglich?« rief Johannes; »und die andern Staaten,
wo sind denn diese beschäftigt?«
»Noch haben sie Gesandte bei der Pforte.«
»Mensch, was sagst du?« sprach Roland, starr vor Staunen; »kann
man es ignorieren, wenn ein Volk um seine Freiheit kämpft? Heilige
Jungfrau, was ist dies für eine Welt! Wahrlich das möchte einen Stein
erbarmen!« Er quetschte im Zorn, während er die letzten Worte sprach,
den silbernen Becher wie dünnes Zinn zusammen, daß der Wein darin hoch
an die Decke spritzte, fuhr rasselnd auf vom Tisch, nahm seine Tartsche
und sein langes Schwert und schritt düster mit dröhnenden Schritten aus
dem Gemach.
»Ei, was ist der steinerne Roland für ein zorniger Kumpan!« murmelte
Rose, nachdem er die Pforte klirrend zugeworfen, indem sie etliche
Weintropfen, die sie benetzten, vom Busentuch abschüttelte. »Will der
steinerne Narr auf seine alten Tage noch zu Felde ziehen! Wenn er sich
sehen ließe, sie steckten ihn gleich ohne Barmherzigkeit als Flügelmann
unter die Brandenburger Grenadiere, denn die Größe hat er.«
»Jungfer Rose,« erwiderte ihr Petrus, »zornig ist er, das ist wahr,
und er hätte können auf andere Weise davongehen; aber bedenket, daß
er einst Furioso, wahnsinnig war und noch ganz andere Sachen getan,
als silberne Becher zerquetscht und Frauenzimmer mit Wein besudelt.
Und genau beim Lichte besehen, kann ich ihm seinen Unmut auch nicht
verdenken; war er doch auch einmal ein Mensch und dazu ein herrlicher
Paladin des großen Kaisers, ein tapferer Ritter, der, wenn es Karl
gewollt hätte, allein gegen tausend Muselmannen zu Felde gezogen wäre.
Da hat er sich denn geschämt und ist unmutig geworden.«
»Laßt ihn laufen, den steinernen Recken!« rief Bacchus, »hat mich
geniert, der Bursche, hat mich geniert. Er paßt nicht unter uns, der
Lümmel von zehn Schuh, er sah immer höhnisch auf mich herab. Die ganze
Freudigkeit und mein Vergnügen hätt' er gestört. Wir wären nicht zum
Tanzen gekommen, nur weil er mit seinen steifen, steinernen Beinen
keinen tüchtigen Hopser hätte riskieren können, ohne elend umzustülpen.«
»Ja tanzen, heisa, tanzen!« riefen die Apostel; »Balthasar spiel' auf,
spiel' auf!«
Judas stand auf, zog ungeheure Stülphandschuhe an, die ihm beinahe
bis zum Ellbogen reichten, trat zierlich an die Jungfrau heran und
sagte: »Ehrenfeste und allerschönste Jungfer Rose, dürfte ich mir die
absonderliche Ehre ausbitten, mit Ihr den ersten --«
»~Manum de~ --« unterbrach ihn Bacchus pathetisch. »Ich bin es, der den
Ball arrangiert hat, und ich muß ihn eröffnen. Tanze Er, mit wem Er
will, Meister Judas, mein Röschen tanzt mit mir. Nicht wahr, Schätzerl?«
Sie machte errötend einen Knicks zur Bejahung, und die Apostel lachten
den Judas aus und verhöhnten ihn. Mir aber winkte der Weingott heroisch
zu; »versteht Er Musik, Doktor?« fragte er.
»Ein wenig.«
»Taktfest?«
»O ja, taktfest wohl.«
»Nun so nehme Er dies Fäßlein da, setze Er sich neben Balthasar
Ohnegrund, unseren Kellermeister und Zinkenisten, nehme Er diese
hölzernen Küperhämmer zur Hand und begleite jenen mit der Trommel.«
Ich staunte und bequemte mich. War aber schon meine Trommel etwas
außergewöhnlich, so war Balthasars Instrument noch auffallender. Er
hielt nämlich einen eisernen Hahnen von einem achtfuderigen Faß an den
Mund wie ein Klarinett. Neben mich setzten sich noch Bartholomäus und
Jakobus mit ungeheuern Weintrichtern, die sie als Trompeten handhabten,
und warteten des Zeichens. Der Tisch wurde auf die Seite gerückt, Rose
und Bacchus stellten sich zum Tanze. Er winkte, und eine schreckliche,
quiekende, mißtönende Janitscharenmusik brach los, zu der ich im
Sechsachteltakte auf mein Faß als Tambour aufschlegelte. Der Hahn,
den Balthasar blies, tönte wie eine Nachtwächtertute und wechselte
nur zwischen zwei Tönen, Grundton und abscheulich hohem Falsett, die
beiden Trichtertrompeter bliesen die Backen auf und lockten aus ihren
Instrumenten Angst- und Klagelaute so herzdurchschneidend wie die Töne
der Tritonen, wenn sie die Meermuscheln blasen.
Der Tanz, den die beiden aufführten, mochte wohl vor ein paar hundert
Jahren üblich gewesen sein. Jungfer Rose hatte mit beiden Händen ihren
Rock ergriffen und solchen an den Seiten weit ausgespannt, daß sie
anzusehen war wie ein großes weites Faß. Sie bewegte sich nicht sehr
weit von der Stelle, sondern trippelte hin und her, indem sie bald
auf, bald nieder tauchte und knickste. Lebendiger war dagegen ihr
Tänzer, der wie ein Kreisel um sie herfuhr, allerlei kühne Sprünge
machte, mit den Fingern knallte und heisa, juhe! schrie. Wunderlich
war es anzusehen, wie das kleine Schürzlein der Jungfer Rose, das
ihm Balthasar umgetan, hin und her flatterte in der Luft, wie seine
Beinchen umherbaumelten, wie sein dickes Gesicht lächelte vor inniger
Herzenslust und Freude.