flüsterte ihnen etwas zu. Sie banden ihm die Schürze ab, faßten solche
an beiden Enden und zogen und zogen, so daß sie plötzlich so groß wurde
wie ein Bettuch. Dann riefen sie die andern herbei, stellten sie rings
um das Tuch und ließen es anfassen. »Ha,« dachte ich, »jetzt wird
wahrscheinlich der alte Balthasar ein wenig geprellt, zu allgemeiner
Ergötzung; wenn nur das Gewölbe nicht so nieder wäre, da kann er leicht
den Schädel einstoßen.« Da kam Judas und der starke Bartholomäus auf
uns zu und faßten -- _mich_; Balthasar Ohnegrund lachte hämisch; ich
bebte, ich wehrte mich; es half nichts, Judas faßte mich fest an der
Kehle und drohte mich zu erwürgen, wenn ich mich ferner sträube. Die
Sinne wollten mir vergehen, als sie mich unter allgemeinem Jauchzen und
Geschrei auf das Tuch legten; noch einmal raffte ich mich zusammen;
»nur nicht zu hoch, meine werten Gönner, ich renne mir sonst das Hirn
ein am Gewölbe,« rief ich in der Angst des Herzens, aber sie lachten
und überschrieen mich. Jetzt fingen sie an, das Tuch hin und her zu
wiegen, Balthasar blies den Trichter dazu. Jetzt ging es auf- und
abwärts, zuerst drei, vier, fünf Schuh hoch, auf einmal schnellten sie
stärker, ich flog hinauf und -- wie eine Wolke tat sich die Decke des
Gewölbes auseinander; ich flog immer aufwärts zum Rathausdach hinaus,
höher, höher als der Turm der Domkirche. »Ha,« dachte ich im Fliegen,
»jetzt ist es um dich geschehen! Wenn du jetzt wieder fällst, brichst
du das Genick oder zum allerwenigsten ein Paar Arme oder Beine! O
Himmel, und ich weiß ja, was _sie_ von einem Mann mit gebrochenen
Gliedmaßen denkt! Ade, ade! Mein Leben, meine Liebe!«
Jetzt hatte ich den höchsten Punkt meines Steigens erreicht, und ebenso
pfeilschnell fiel ich abwärts. Krach! ging es durchs Rathausdach und
hinab durch die Decke des Gewölbes, aber ich fiel nicht auf das Tuch
zurück, sondern gerade auf einen Stuhl, mit dem ich rücklings über auf
den Boden schlug.
Ich lag einige Zeit betäubt vom Fall. Ein Schmerz am Kopfe und die
Kälte des Bodens weckten mich endlich. Ich wußte anfangs nicht, war
ich zu Hause aus dem Bette gefallen oder lag ich sonstwo. Endlich
besann ich mich, daß ich irgendwo weit herabgestürzt sei. Ich
untersuchte ängstlich meine Glieder, es war nichts gebrochen, nur das
Haupt tat mir weh vom Fall. Ich raffte mich auf, sah um mich. Da war
ich in einem gewölbten Zimmer, der Tag schien matt durch ein Kellerloch
herab, auf dem Tische sprühte ein Licht in seinem letzten Leben, umher
standen Gläser und Flaschen, und rings um die Tafel vor jedem Stuhl
ein kleines Fläschchen mit langem Zettel am Halse. -- Ha, jetzt fiel
mir nach und nach alles wieder ein. Ich war zu Bremen im Ratskeller;
gestern nacht war ich hereingegangen, hatte getrunken, hatte mich
einschließen lassen, da war --; voll Grauen schaute ich um mich, denn
alle, alle Erinnerungen erwachten mit einemmal. Wenn der gespenstige
Balthasar noch in der Ecke säße, wenn die Weingeister noch um mich
schwebten! Ich wagte verstohlene Blicke in die Ecken des düsteren
Zimmers, es war leer. Oder wie? Hätte dies alles mir nur geträumt?
Sinnend ging ich um die lange Tafel; die Probefläschchen standen, wie
jeder gesessen hatte. Obenan die Rose, dann Judas, Jakobus -- Johannes,
sie alle an der Stelle, wo ich sie leiblich geschaut hatte diese Nacht.
»Nein, so lebhaft träumt man nicht,« sprach ich zu mir; »dies alles,
was ich gehört, geschaut, ist wirklich geschehen!« Doch nicht lange
hatte ich Zeit zu diesen Reflexionen; ich hörte Schlüssel rasseln an
der Tür, sie ging langsam auf, und der alte Ratsdiener trat grüßend ein.
»Sechs Uhr hat es eben geschlagen,« sprach er, »und wie Sie befohlen,
bin ich da, Sie herauszulassen. Nun,« fuhr er fort, als ich mich
schweigend anschickte, ihm zu folgen, »nun, und wie haben Sie
geschlafen diese Nacht?«
»So gut es sich auf einem Stuhl tun läßt, ziemlich gut.«
»Herr,« rief er ängstlich und betrachtete mich genauer, »Ihnen ist
etwas Unheimliches passiert diese Nacht. Sie sehen so verstört und
bleich aus, und Ihre Stimme zittert!«
»Alter, was wird mir passiert sein!« erwiderte ich, mich zum Lachen
zwingend. »Wenn ich bleich aussehe und verstört, so kommt es vom langen
Wachen, und weil ich nicht im Bette geschlafen.« --
»Ich sehe, was ich sehe,« sagte er kopfschüttelnd; »und der
Nachtwächter war heute früh auch schon bei mir und erzählte, wie er
am Kellerloch vorübergegangen zwischen zwölf und ein Uhr, habe er
allerlei Gesang und Gemurmel vieler Stimmen vernommen aus dem Keller.«
»Einbildungen, Possen! Ich habe ein wenig für mich gesungen zur
Unterhaltung und vielleicht im Schlaf gesprochen, das ist alles.«
»Diesmal einen im Keller gelassen in solcher Nacht und von nun an nie
wieder,« murmelte er, indem er mich die Treppe hinauf begleitete; »Gott
weiß, was der Herr Greuliches hat hören und schauen müssen! Wünsche
gehorsamst guten Morgen.«
* * * * *
»Doch hat daselbst vor allen
Eine Jungfrau mir gefallen.«
Der Worte des fröhlichen Bacchus eingedenk und von Sehnsucht der Liebe
getrieben, ging ich, nachdem ich einige Stunden geschlummert, der
Holden guten Morgen zu sagen. Aber kalt und zurückhaltend empfing sie
mich, und als ich ihr einige innige Worte zuflüsterte, wandte sie mir
laut lachend den Rücken zu und sprach: »Gehen Sie und schlafen Sie erst
fein aus, mein Herr.«
Ich nahm den Hut und ging, denn so schnöde war sie nie gewesen. Ein
Freund, der in einer andern Ecke des Zimmers am Klavier gesessen,
ging mir nach und sagte, indem er wehmütig meine Hand ergriff:
»Herzensbruder, mit deiner Liebe ist es rein aus auf immerdar, schlage
dir nur gleich alle Gedanken aus dem Sinne.«
»Soviel ungefähr konnte ich selbst merken,« antwortete ich. »Der Teufel
hole alle schönen Augen, jeden rosigen Mund und den törichten Glauben
an das, was Blicke sagen, was Mädchenlippen aussprechen.«
»Tobe nicht so arg, sie hören es oben,« flüsterte er; »aber sag' mir
um Gottes willen, ist es denn wahr, daß du heute die ganze Nacht im
Weinkeller gelegen und getrunken hast?«
»Nun ja, und wen kümmert es denn?«
»Weiß der Himmel, wie sie es gleich erfahren hat, sie hat den ganzen
Morgen geweint und nachher gesagt, vor einem solchen Trunkenbold, der
ganze Nächte beim Wein sitze und aus schnöder Trinklust ganz allein
trinke, solle sie Gott behüten. Du seiest ein ganz gemeiner Mensch, von
dem sie nichts mehr hören wolle.«
»So?« erwiderte ich ganz gelassen und hatte einiges Mitleiden mit mir
selbst. »Nun gut, geliebt hat sie mich nie, sonst würde sie auch mich
darüber hören; ich lasse sie schön grüßen. Lebe wohl!«
Ich rannte nach Hause und packte schnell zusammen und fuhr noch
denselben Abend von dannen. Als ich an der Rolandsäule vorüberkam,
grüßte ich den alten Recken recht freundlich, und zum Entsetzen meines
Postillons nickte er mir mit dem steinernen Haupt einen Abschiedsgruß.
Dem alten Rathaus und seinen Kellerhallen warf ich noch einen Kuß zu,
drückte mich dann in die Ecke meines Wagens und ließ die Phantasieen
dieser Nacht noch einmal vor meinem Auge vorübergleiten.
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
Weitere Korrekturen:
S. 15: hinab → hinauf
Rückweg ins Schloß {hinauf} ist
S. 26: wilden → milden
mit dem {milden} Schimmer des Mondes
S. 30: verschlossen → verschossenen
in einem {verschossenen} Hofkleid
S. 128: die → wie
treffend die Beschreibung, {wie} die Furcht vor
S. 150: noch → nach
nie {nach} vier Uhr abends ein Mann
S. 200: Napoleine → Napoleone
Generale, Platows, Blüchers, {Napoleone} und dergleichen