Jungfer Rose mochte ihrem Galan nicht ganz trauen und stieß mit

bittersüßer Miene an; doch schien sie nicht ferner mit ihm hadern zu

wollen, sondern sprach weiter:

»Und auch ihr, meine lieben Vettern vom Rhein, seid ihr alle hier?

Ja, da ist ja mein zarter, feiner Andreas, mein mutiger Judas, mein

feuriger Petrus. Guten Abend, Johannes, wische dir den Schlaf fein aus

den Aeuglein, du siehst noch ganz trübselig aus; Bartholomäus, du bist

unmäßig dick geworden und scheinst träge zu sein. Ha, mein munterer

Paulus, und wie fröhlich Jakobus um sich schaut, noch immer der Alte.

Aber wie, ihr seid ja zu dreizehn am Tische, wer ist denn _der_ dort in

fremder Kleidung, wer hat ihn hieher gebracht?«

Gott, wie erschrak ich! Sie schauten alle verwundert auf mich und

schienen mit meiner Anwesenheit nicht ganz zufrieden. Aber ich faßte

mir ein Herz und sagte: »Mich gehorsamst der werten Gesellschaft zu

empfehlen. Ich bin eigentlich nichts weiter als ein zum Doktor der

Philosophie graduierter Mensch und halte mich gegenwärtig hiesigen Orts

in dem Wirtshause zur Stadt Frankfurt auf.«

»Wie wagst du es aber, hierher zu kommen in dieser Stunde, graduiertes

Menschenkind?« sprach Petrus sehr ernst, indem er Blitze aus seinen

Feueraugen auf mich sprühte. »Du hättest wohl denken können, daß du

nicht in diese noble Sozietät gehörst.«

»Herr Apostel,« antwortete ich und weiß noch heute nicht, woher ich den

Mut bekam, wahrscheinlich aus dem Wein; »Herr Apostel, das Du verbitte

ich mir fürs erste, bis wir weiter bekannt sind. Und was die noble

Sozietät betrifft, in die ich gekommen sein soll, so kam sie zu mir,

nicht ich zu ihr, denn ich sitze schon seit drei Stunden in diesem

Gemach, Herr!«

»Was tut Ihr aber so spät noch im Ratskeller, Herr Doktor?« fragte

Bacchus etwas sanfter als der Apostel. »Um diese Zeit pflegt sonst das

Erdenvolk zu schlafen.«

»Euer Exzellenz,« erwiderte ich, »das hat seinen guten Grund. Ich bin

ein portierter Freund des edlen Getränkes, das man hier unten verzapft,

habe auch durch die Vergünstigung eines wohledlen Senats die Permission

erhalten, denen Herrn Aposteln und der Jungfrau Rose meinen Besuch

abzustatten, was ich auch geziemendst getan.«

»Also Ihr trinkt gerne Rheinwein?« fuhr Bacchus fort, »nun, das ist

eine gute Eigenschaft und sehr zu loben in dieser Zeit, wo die Menschen

so kalt geworden sind gegen diese goldene Quelle.«

»Ja, der Teufel hole sie all!« rief Judas. »Keiner will mehr einige Maß

Rheinwein trinken, außer hie und da solch ein fahrender Doktor oder

vazierender Magister, und diese Hungerleider lassen sich ihn erst noch

aufwichsen.«

»Muß ganz gehorsamst deprezieren, Herr von Judas,« unterbrach ich den

schrecklichen Rotrock. »Nur einige kleine Versuche habe ich getan mit

Dero Rebenblut von 1700 und etlichen Jahren, und den hat mir allerdings

der wackere Bürgermeister einschenken lassen; was Sie aber hier sehen,

ist etwas neuer und in barer Münze von mir bezahlt.«

»Doktor, ereifert Euch nicht,« sagte Frau Rose, »er meint's nicht so

böse, der Judas, und er ärgert sich nur und mit Recht, daß die Zeiten

so lau geworden.«

»Ja!« rief Andreas, der feine, schöne Andreas. »Ich glaube, dieses

Geschlecht fühlt, daß es keines edlen Trankes mehr wert ist, drum

sollen sie hier ein Gesöff von allerlei Schnaps und Sirup brauen,

heißen es Chateau-Margaux, Sillery, St. Julien und sonst nach allerlei

pompösen Namen, und kredenzen es bei ihren Gastmahlen, und wenn sie es

saufen, bekommen sie rote Ringe um den Mund, dieweil der Wein gefärbt

war, und Kopfweh den andern Tag, weil sie schnöden Schnaps getrunken.«

»Ha, was war das für ein anderes Leben,« führte Johannes die Rede fort,

»als wir noch junge, blutjunge Gesellen waren, Anno 19 und 26. Auch

Anno 50 ging es noch hoch her in diesen schönen Hallen. Jeden Abend, es

mochte die Sonne scheinen in hellem Frühling oder schneien und regnen

im Winter, jeden Abend waren die Stübchen dort gefüllt mit frohen

Gästen. Hier, wo wir jetzt sitzen, saß in Würde und Hoheit der _Senat

von Bremen_, stattliche Perücken auf dem Haupt, die Wehre an der Seite,

Mut im Herzen und jeder einen Römer vor sich.«

»Hier, hier, nicht oben auf der Erde, hier war ihr Rathaus, hier die

Halle des Senats; denn hier beim kühlen Weine berieten sie sich über

das Wohl der Stadt, über ihre Nachbarn und dergleichen. Wenn sie

uneinig in der Meinung waren, so stritten sie sich nicht mit bösen

Worten, sondern tranken einander wacker zu, und wenn der Wein ihre

Herzen erwärmt hatte, wenn er fröhlich durch ihre Adern hüpfte, da war

der Beschluß schnell zur Reife gediehen, sie drückten sich die Hände,

sie waren und blieben immer Freunde, weil sie Freunde waren des edlen

Weines. Am andern Morgen aber war ihnen ihr Wort heilig, und was sie

abends ausgemacht im Keller, das führten sie oben im Gerichtssaal aus.«

»Schöne, alte Zeiten!« rief Paulus; »daher kommt es auch, daß noch

heutzutage jeder vom Rat ein eigenes Trinkbüchlein, eine jährliche

Weinrechnung hat. Den Herren, die alle Abende hier saßen und tranken,

war es nicht genehm, allemal in die Tasche zu fahren und ihr

Geldsäckelein heraus zu kriegen. Aufs Kerbholz ließen sie es schreiben,

und am Neujahr ward Abrechnung gehalten, und es gibt einige wackere

Herren, die noch jetzt oft Gebrauch davon machen, aber es sind deren

wenige.«

»Ja, ja, Kinder,« sprach die alte Rose, »sonst war es anders, so vor

fünfzig, hundert, zweihundert Jahren. Da brachten sie abends ihre

Weiber und Mädchen mit in den Keller, und die schönen Bremerkinder

tranken Rheinwein oder von unserem Nachbar Moseler und waren weit und

breit berühmt durch ihre blühenden Wangen, durch ihre purpurroten

Lippen, durch ihre herrlichen blitzenden Augen; jetzt trinken sie

allerlei miserables Zeug als Tee und dergleichen, was weit von hier bei

den Chinesen wachsen soll und was zu meiner Zeit die Frauen tranken,

wenn sie ein Hüstlein oder sonstige Beschwer hatten. Rheinwein, echten

gerechten Rheinwein können sie gar nicht mehr vertragen; denkt euch

ums Himmels willen, sie gießen spanischen Süßen darunter, daß er ihnen

munde, sie sagen, er sei zu sauer.«

Die Apostel schlugen ein großes Gelächter auf, in das ich unwillkürlich

einstimmen mußte, und Bacchus lachte so gräßlich, daß ihn der alte

Balthasar halten mußte.

»Ja, die guten alten Zeiten!« rief der dicke Bartholomäus; »sonst trank

ein Bürger seine zwei Maß, und es war, als hätt' er Wasser getrunken,

so nüchtern blieb er, jetzt wirft sie ein Römer um. Sie sind aus der

Uebung gekommen.«

»Da trug sich vor vielen Jahren eine schöne Geschichte zu,« sagte

Fräulein Rose und lächelte vor sich hin.

»Erzähle, erzähle, Jungfer Rose, die Geschichte!« baten alle; sie aber

trank bedeutend viel Wein, damit sie eine glatte Kehle bekam, und hub

an:

»Anno tausend sechshundert und einige zwanzig, dreißig Jahre war

ein großer Krieg in deutschen Landen von wegen des Glaubens; die

einen wollten so und die anderen anders, und statt daß sie bei

einem Glase Wein die Sache vernünftig besprochen hätten, schlugen

sie sich die Schädel ein. Albrecht von Wallenstein, des Kaisers

Generalfeldmarschall, hauste schrecklich in protestantischen Landen.

Des erbarmte sich der Schwedenkönig, Gustav Adolf, und kam mit vieler

Mannschaft zu Roß und zu Fuß. Es wurden viele Bataillen geliefert,

sie hetzten sich herum am Rhein und an der Donau, geschah aber weiter

nicht viel, weder vor- noch rückwärts. Zu der Zeit waren Bremen und die

anderen Hansestädte neutral und wollten es mit keiner Partei verderben.

Dem Schweden lag aber daran, durch ihr Gebiet zu ziehen und sich

freundlich mit ihnen einzulassen, darum wollte er einen Gesandten an

sie schicken. Weil aber im Reich bekannt war, daß man in Bremen alles

im Weinkeller verhandle und die Ratsherren und Bürgermeister einen

guten Schluck hätten, so fürchtete sich der Schwedenkönig, sie möchten

seinem Gesandten gar sehr zusetzen mit Wein, daß er endlich betrunken

würde und schlechte Bedingungen einginge für die Schweden.

»Nun befand sich aber im schwedischen Lager ein Hauptmann vom gelben

Regiment, der ganz erschrecklich trinken konnte. Zwei, drei Maß zum

Frühstück war ihm ein kleines, und oft hat er abends zum Zuspitzen

ein halb Imi getrunken und nachher gut geschlafen. Als nun der König

voll Besorgnis war, sie möchten im Bremer Ratskeller seinem Gesandten

allzusehr zusetzen, so erzählte ihm der Kanzler Oxenstierna von dem

Hauptmann, Gutekunst hieß er, der so viel trinken könne. Des freute

sich der König und ließ ihn vor sich kommen.

»Da brachten sie einen kleinen, hageren Mann, der war ganz bleich im

Gesicht, hatte aber eine große, kupferrote Nase und hellblaue Lippen,

was ganz wunderlich anzusehen war. Der König fragte ihn, wieviel er

sich wohl zu trinken getraue, wenn es recht ernstlich zuginge. ›O

Herr und König,‹ antwortete er, ›so ernstlich bin ich noch nie daran

gekommen, habe mich bis dato auch noch nicht geeicht; der Wein ist

nicht wohlfeil, und man kann täglich nicht über sieben, acht Maß

trinken, ohne in Schulden zu geraten.‹ -- ›Nun, wieviel meinst du

denn führen zu können?‹ fragte der König weiter. Er aber antwortete

unerschrocken: ›Wenn Euer Majestät bezahlen wollen, möchte ich wohl

einmal zwölf Mäßchen trinken, mein Reitknecht, der Balthasar Ohnegrund,

kann es aber noch besser.‹ Da schickte der König auch nach Balthasar

Ohnegrund, dem Knecht des Hauptmann Gutekunst, und war der Herr schon

blaß gewesen und mager, so war es der Diener noch mehr, der ganz

aschenfarb aussah, als hätt' er sein Leben lang Wasser getrunken.

»Da ließ nun der König den Hauptmann und Ohnegrund, den Reitknecht, in

ein Zelt setzen und einige Fäßlein alten Hochheimer und Nierensteiner

anfahren und wollte haben, die beiden sollten sich eichen lassen. Sie

tranken von morgens elf Uhr bis abends vier Uhr ein Imi Hochheimer und

anderthalb Imi Nierensteiner, und der König ging voll Verwunderung

zu ihnen ins Zelt, um zu sehen, wie es mit ihnen stehe. Die beiden

Gesellen waren aber wohlauf, und der Hauptmann sagte: ›So, jetzt will

ich einmal die Degenkoppel abschnallen, dann geht's besser;‹ Ohnegrund

aber machte drei Knöpfe an seinem Koller auf.

»Da entsetzten sich alle, die dies sahen, der König aber sprach:

›Kann ich bessere Gesandte finden nach der fröhlichen Stadt Bremen

als diese?‹ Und alsobald ließ er dem Hauptmann prächtige Kleider

und Waffen geben, wie auch Ohnegrund, dem Reitknecht, denn dieser

sollte den Schreiber des Gesandten vorstellen. Der König und der

Kanzler unterrichteten den Hauptmann, was er zu sagen hätte bei der

Unterhandlung, und nahm beiden das Versprechen ab, daß sie auf der

ganzen Reise nur Wasser trinken sollten, damit nachher das Treffen im

Keller um so glorreicher würde! Gutekunst aber, der Hauptmann, mußte

seine rote Nase mit einer künstlichen Salbe anstreichen, auf daß sie

weiß aussah, damit man nicht merke, welch ein Kunde er sei.

»Ganz elendiglich von vielem Wassertrinken kamen die beiden nach der

Stadt Bremen, und nachdem sie bei dem Bürgermeister gewesen, sagte

dieser zum Senat: ›O, was hat uns der Schwede für zwei bleiche, magere

Gesellen geschickt; heute abend wollen wir sie in den Ratskeller

führen und zudecken. Ich nehme den Gesandten auf mich ganz allein,

und der Doktor Schnellpfeffer muß auf den Schreiber.‹ So wurden

sie denn abends nach der Betglocke feierlichst in den Ratskeller

geführt, der Bürgermeister führte Gutekunsten, den Hauptmann, der

Doktor Schnellpfeffer, was auch ein guter Trinker war, führte den

Reitknecht am Arm, der als Schreiber angetan sich recht züchtiglich

gebärdete; hinter ihnen gingen viele Ratsherren, die zur Verhandlung

geladen waren. Hier in diesem Gemach setzten sie sich um den Tisch

und verspeisten zuerst Hasenbraten und Schinken und Heringe, um sich

zum Trinken zu rüsten. Dann wollte der Gesandte ganz ehrbar mit der

Verhandlung anfangen, und sein Schreiber zog Pergament und Feder

aus der Tasche; aber der Bürgermeister sprach: ›Mit nichten also,

Ihr edlen Herren; so ist es nicht Gebrauch in Bremen, daß man die

Sache also trocken abmacht; wollen einander vorerst auch zutrinken

nach Sitte unserer Väter und Großväter.‹ -- ›Kann eigentlich nicht

viel vertragen,‹ antwortete der Hauptmann, ›dieweil es aber Seiner

Magnifizenz also gefällig, will ich ein Schlücklein zu mir nehmen.‹ Nun

tranken sie sich zu und hielten ein Gespräch über Krieg und Frieden und

über die Schlachten, so geliefert worden; die Ratsherren aber, um den

Fremden mit gutem Beispiel voranzugehen, tranken sich weidlich zu und

bekamen rote Köpfe. Bei jeder neuen Flasche entschuldigten sich die

Fremden, wie sie gar den Wein nicht gewohnt wären und er ihnen zu Kopfe

steige; des freute sich der Bürgermeister, trank in seiner Herzenslust

ein Paßglas um das andere, so daß er nicht mehr recht wußte, was zu

beginnen. Aber, wie es zu gehen pflegt in diesem wunderbaren Zustand,

er dachte: jetzt ist er betrunken, der Gesandte, und auch dem Schreiber

hat der Doktor tüchtig zugesetzt; und sprach daher: ›Nun wollen wir

anfangen mit unserem Geschäft.‹ Das waren die Fremden zufrieden, taten,

wie wenn sie voll Weines wären und tranken auf ihrer Seite den Herren

weidlich zu.

»Da wurde nun gesprochen und getrunken, gehandelt und wieder

getrunken, bis der Bürgermeister mitten im Satz einschlief und der

Doktor Schnellpfeffer unter dem Tische lag. Da kamen denn die anderen

Ratsherren und tranken den Fremden zu und führten die Verhandlung fort;

aber trank der Hauptmann lästerlich, so machte es sein Reitknecht noch

schlimmer; fünf Küper mußten immer hin und her laufen und einschenken,

denn der Wein verschwand von dem Tisch, als wäre er in den Sand

gegossen worden. So geschah es, daß die Gäste nacheinander den ganzen

Rat unter den Tisch tranken bis auf einen.

»Dieser eine aber war ein großer starker Mann, mit Namen Walther,

von welchem man allerlei sprach in Bremen, und wäre er nicht im Rat

gesessen, man hätte ihn längst böser Künste und Zauberei angeklagt.

Herr Walther war seines Zeichens eigentlich ein Zirkelschmied gewesen,

hatte sich aber hervorgetan in seiner Gilde, war unter die Aeltermänner

gekommen und nachher in den Senat. Dieser hielt aus bei den Gästen,

trank zweimal so viel als beide, so daß ihnen ganz unheimlich wurde,

denn er war so verständig wie zuvor, während der Hauptmann schon trübe

Augen bekam und glaubte, es gehe ihm ein Rad im Kopf herum. So oft der

Senator Walther ein Paßglas getrunken, fuhr er mit der Hand unter den

Hut, und dem Reitknecht kam es vor, als sähe er ein bläuliches Wölkchen

ganz fein wie Nebel aus seinem rabenschwarzen Haar hervorsteigen. Er

trank wacker drauf los, bis der Hauptmann Gutekunst selig einschlief

und sein Haupt ganz weich auf des Bürgermeisters Bauch legte.

»Da sprach der Senator Walther mit sonderbarem Lächeln zu dem Schreiber

des Gesandten: ›Lieber Geselle, du führst einen mächtigen Zug, ich

vermeine aber, daß du mit dem Roßstriegel besser fortkommst als mit der

Feder.‹ Da erschrak der Schreiber und sprach: ›Wie meinet Ihr dies,

Herr? Ich will nicht hoffen, daß Ihr mir hohnsprechen wollt; bedenket,

daß ich Seiner Majestät Gesandtschaftsschreiber bin.‹

»›Hoho!‹ rief der andere mit schrecklichem Lachen, ›seit wann haben

denn ordentliche Gesandtschaftsschreiber solche Kittel an und führen

solche Federn bei der Sitzung?‹ Da sah der Reitknecht auf sein

Kleid und bemerkte mit großem Schrecken, daß er seinen gewöhnlichen

Stallkittel anhabe, er sah auf seine Hand, und siehe da, statt der

Feder hielt er eine ganz gemeine Kratzbürste. Da entsetzte er sich und

sah sich verraten und wußte nicht, wie ihm geschah. Herr Walther aber

lächelte seltsam und höhnisch und trank ihm einen Humpen von anderthalb

Maß zu auf einen Zug, fuhr dann mit der Hand hinter die Ohren, und der

Reitknecht sah ganz deutlich, wie ein feiner Nebel aus seinem Kopf kam.

›Gott soll mich bewahren, Herr, daß ich fürder mit Euch trinke,‹ rief

er; ›Ihr seid ein Schwarzkünstler, wie ich nun vermute, und könnt mehr

als Brot essen.‹

»›Darüber wäre noch vielerlei zu sagen,‹ antwortete Walther ganz

ruhig und freundlich; ›aber es würde dir auch nicht viel helfen,

wertgeschätzter Stallknecht und Roßkamm, wenn du mir fürder zusetztest

mit Trinken, mich trinkst du nicht unter den Tisch, wasmaßen ich einen

kleinen Hahnen in mein Gehirn geschraubt habe, durch welchen der

Weindunst wieder herausfährt. Schau zu!‹ Dabei trank er ein großes

Paßglas aus, wandte seinen Kopf herüber zu dem Reitknecht Ohnegrund,

strich sein Haar zurück, und siehe da, in seinem Kopf steckte ein

kleiner silberner Hahn, wie an einem Faß; da drehte er den Zapfen um,

und ein bläulicher Dunst strömte hervor, so daß ihm der Weingeist keine

Beschwerden machte in der Hirnkammer.

»Da schlug der Reitknecht vor Verwunderung die Hände zusammen und rief:

›Das ist einmal eine schöne Erfindung, Herr Zauberer! Könnet Ihr mir

nicht auch so ein Ding an den Kopf schrauben, um Geld und gute Worte?‹

-- ›Nein, das geht nicht,‹ antwortete jener bedächtig; ›da seid Ihr

nicht erfahren genug in geheimer Wissenschaft; aber ich habe Euch

liebgewonnen wegen Eurer absonderlichen Kunst im Trinken, darum möchte

ich Euch gerne dienen, wo ich kann. Zum Beispiel, es ist gegenwärtig

die Stelle des Kellermeisters vakant allhier. Balthasar Ohnegrund,

verlaß den Dienst dieser Schweden, wo es doch mehr Wasser als Wein

gibt, und diene dem wohledlen Rat dieser Stadt; wenn wir auch einige

Lasten Wein mehr brauchen des Jahres, die du heimlich saufest, das

tut nichts, ein solcher Kapitalkerl hat uns längst gefehlt; Balthasar

Ohnegrund, ich mach' dich morgen zum Kellermeister, wenn du willst.

Willst du nicht, so ist's auch gut; dann weiß aber morgen die ganze

Stadt, daß uns der Schwede einen Reitknecht als Schreiber geschickt.‹

Dieser Vorschlag mundete dem Balthasar wie edler Wein; er tat einen

Blick in dieses unermeßliche Weinreich, schlug sich auf den Magen und

sagte: ›Ich will's tun.‹ Nachher machten sie noch allerhand Punkte aus,

wie es gehalten werden soll nach Ohnegrunds zeitlichem Hinscheiden mit

seiner armen Seele. Er wurde Kellermeister, der Hauptmann Gutekunst

aber zog mit zweideutigen Bedingungen ab ins schwedische Lager, und als

nachher die Kaiserlichen in die Stadt kamen, war der Bürgermeister und

Senat froh, daß sie sich mit dem Schweden nicht zu tief eingelassen,

obgleich keiner recht wußte, wie es so gekommen war.«

So erzählte die Rose, die Apostel und ich dankten ihr und lachten

sehr über die beiden Gesandten; Paulus aber fragte: »Und Balthasar

Ohnegrund, der wackere Kunde, was ist aus ihm geworden? Blieb er

Kellermeister?« Die Rose aber wandte sich um mit Lächeln, deutete

auf eine Ecke des Gemachs und sagte: »Dort sitzt er ja noch, wie vor

zweihundert Jahren, der wackere Zecher.« Mir graute, als ich hinsah.

Eine bleiche, abgehärmte Gestalt saß in der Ecke, schluchzte und weinte

sehr und trank dazu sehr viel Rheinwein. Aber es war niemand anders als

eben der Kellermeister Balthasar, der aus Unser Lieben Frauen Kirchhof

herabgekommen war, nachdem ihn Matthäus aus dem Schlaf geschellt.

»Nun, alter Balthasar,« rief ihm Jakobus zu. »Du hast also als

Reitknecht gedient beim Hauptmann Gutekunst und warst sogar

Gesandtschaftsschreiber oder Sekretär, ehe du Kellermeister wurdest?

Was machte denn der Herr, so den Hahnen im Hirnkasten hatte, für

Bedingnisse?«

»O Herr!« stöhnte der alte Kellermeister aus tiefer Seele, und es war,

als ob ihn der ewige Tod auf dem Fagott begleitete, so greulich tönte

es aus seiner Brust, »O Herr! fordert nicht von mir, daß ich es sage.«

»Heraus damit!« schrieen die Apostel, was wollte der mit dem

Spiritusableiter? Der Weingeistschröpfer, was wollte er?«

»_Meine Seele._«

»Armer Kerl,« sagte Petrus sehr ernst; »und um was wollte er deine arme

Seele?«

»Um Wein!« murmelte er dumpf, und mir war es, als ob eine Stimme ohne

Hoffnung spräche.

»Rede deutlicher, Alter, wie hat er es gemacht mit deiner Seele?« Er

schwieg lange; endlich sprach er: »Warum dies erzählen, ihr Herren?

Es ist grausig, und ihr versteht doch nicht, was es heißt, eine Seele

verlieren.«

»Wohl wahr,« sprach Paulus. »Wir sind fröhliche Geister und schlummern

im Weine und freuen uns ewiger ungetrübter Herrlichkeit und Freude;

darum kann uns aber auch kein Grauen anwandeln, denn wer hat Macht über

uns, daß er uns elend mache oder uns schrecke? Darum erzähle!«

»Aber es sitzt ein Mensch am Tisch, der kann es nicht vertragen,«

sprach der Tote; »vor ihm darf ich es nicht sagen.«

»Nur zu, immer zu,« erwiderte ich, an allen Gliedern schauernd, »ich

kann eine hinlängliche Dosis Schauerliches ertragen, und was ist es am

Ende, als daß Euch der Teufel geholt?«

»Herr, es wäre Euch besser, Ihr betetet,« murmelte der Alte, »aber

Ihr wollt es so haben, so höret: Der Mensch, der in jener Nacht in

diesem Zimmer bei mir saß, -- es war ein böses Ding mit ihm -- der

hatte seine Seele dem Bösen verhandelt, und es war dabei bedingt, daß

er sich loskaufen könnte durch eine andere Seele. Schon viele hatte

er auf dem Korn gehabt, aber allemal waren sie ihm wieder entgangen.

Mich faßte er besser. Ich war wild aufgewachsen, ohne Unterricht, und

das Leben im Kriege ließ mich nicht viel nachdenken. Wenn ich so über

ein Schlachtfeld ritt, und der Mondschein fiel herab, und Freund und

Feind niedergemähet dalagen, da dachte ich: sie sind jetzt halt tot und

leben nicht mehr; von der Seele hielt ich nicht viel und von Himmel und

Hölle noch weniger. Aber weil man so kurz lebt, wollt' ich's Leben

recht genießen, und Wein und Spiel war mein Element. Das hatte mir der

Höllenknecht abgemerkt und sprach zu mir in jener Nacht: ›So zwanzig,

dreißig Jahre zu leben in diesem Kellerreich, in diesem Weinhimmel zu

trinken nach Herzenslust, nicht wahr, Balthasar, das müßt' ein Leben

sein?‹ -- ›Ja, Herr,‹ sprach ich, ›aber wie könnte ich dies verdienen?‹

-- ›An was liegt dir mehr,‹ fuhr er fort, ›hier recht zu leben nach

Herzenslust auf der Erde, hier im Keller, oder an den Geschichten,

die sich nachher begeben, wo man gar nicht weiß, ob man nur noch lebt

und Wein trinkt?‹ Ich tat einen gräßlichen Schwur und sagte: ›Meine

Gebeine werden dahin fahren, wo die Gebeine meiner Gesellen liegen. Ist

der Mensch tot, so fühlt er nicht und denkt nicht; hab' es an manchem

Kameraden erlebt, dem die Kugel das Hirn zerschmetterte, darum will

ich leben und lustig sein.‹ Er sprach aber zu mir: ›Wenn du Verzicht

leisten willst auf das, was nachher kommt, so ist es ein leichtes, dich

hier zum Kellermeister zu machen; schreib nur deinen Namen in dies

Büchlein und tue einen recht tüchtigen Schwur dazu.‹ -- ›Was nachher

mit mir geschieht, das kümmert mich nicht,‹ sprach ich; ›Kellermeister

will ich hier sein immerdar und ewiglich, solang ich bin, und der

Teufel, oder wer will, kann das andere haben alles, wenn sie mich einst

einscharren.‹

»Als ich so gesprochen, waren wir nicht mehr zu zwei, sondern

ein dritter saß neben mir und hielt mir das Büchlein hin zum

Unterschreiben. Der aber, der dies tat, war nicht der Zirkelschmied,

sondern ein anderer.«

»Wer war es denn? Sag' an!« riefen die Apostel ungeduldig.

Die Augen des alten Kellermeisters funkelten greulich und seine

bleichen Lippen bebten; er setzte mehreremal an, um zu sprechen, aber

ein Krampf schien ihm die Kehle zuzuschnüren. Da blickte er auf einmal

fest und mutig in eine dunkle Ecke, trank sein Glas aus und warf es

an die Erde. »Was hilft alle Reue, alter Balthasar!« sprach er, indem

große Tränen in seinen Wimpern hingen; »der bei mir saß -- war der

Teufel.«

Es war bei diesen Worten unheimlich, bis zur Verzweiflung unheimlich in

dem Gemach. Die Apostel schauten ernst und schweigend in ihre Römer,

Bacchus hatte das Gesicht in die Hände gedrückt, und die Rose war

bleich und stille. Kein Atemzug rührte sich, man hörte nur, wie in dem

Totenkopf des Alten die Zähne schaudernd aneinander klapperten.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 2 · 第 20 / 22 段