Doch ich trinke das vierte Glas, Seele. Das vierte! Fühlst du nicht

einen gewissen Nexus zwischen dem Wein und der Zunge? Zwischen der

Zunge und dem Gaumen? Hier, behaupte ich, ist ein Scheideweg und daran

ein Wegezeiger aufgestellt. Nämlich auf der einen Seite steht: »_Weg

nach dem Magen._« Eine breite fahrbare Straße. Es geht so schnell,

so glitschend bergab! Daher auch der gemeinere Stoff gewöhnlich

diesen Weg nimmt. Der andere Arm des Zeigers heißt: »_In den Kopf._«

Dahin ziehen die Geister, die sich schon im Faß lange genug bei dem

schnöden gemeineren Stoff gelangweilt haben, und jetzt, da sie freien

Lauf nehmen können, schielen sie nach dem Wegezeiger rechts hinauf.

Während die Masse links hinabströmt, steigen sie aufwärts und finden

sich im Wirtshaus zur Zirbeldrüse wieder zusammen. Es sind friedliche,

verständige Leute, diese Geister. Sie erhellen dein Haus, o Seele,

solang ihrer vier oder fünf beisammen sind, nachher möchte ich wohl für

nichts stehen, denn sie raufen sich dann und treiben allerhand Unfug im

Gehirn.

Wie schön ist die vierte Lebensperiode, die wir mit dem vierten Glase

beginnen wollen! Du bist vierzehn Jahre alt, o Seele! Aber was ist

mit dir vorgegangen in der kurzen Zeit? Du spielst keine Knabenspiele

mehr, Soldaten und alles dieses Gezeuge liegt hinter dir, und du

scheinst mir viel zu lesen. Du bist hinter Goethe und Schiller geraten

und verschlingst sie, ohne alles zu verstehen. Oder wie? Du verstehst

_jetzt schon_ alles? Du willst meinen, du könntest Liebe verstehen,

weil du im letzten Sonntagsklub Elvire hinter der Kommode im Dunkeln

geküßt und Emmas Zärtlichkeit zurückgewiesen hast? Barbar! Ahnest du

nicht, daß dieses dreizehnjährige Herz auch den Werther und sogar etwas

von Clauren gelesen haben kann und Liebe für dich fühlt? Aber die

Szene ändert sich. Sei mir gegrüßt, du Felsental der Alb! Du blauer

Strom, an welchem ich drei lange Jahre hauste, die Jahre lebte, die den

Knaben zum Jüngling machen. Sei mir gegrüßt, du klösterliches Dach,

du Kreuzgang mit den Bildern verstorbener Aebte, du Kirche mit dem

wundervollen Hochaltar, ihr Bilder alle in schönes Gold des Morgenrotes

getaucht! Seid mir gegrüßt, ihr Schlösser auf den Felsen, ihr Höhlen,

ihr Täler, ihr grünen Wälder! Jene Täler, jene Klostermauern waren

das enge Nest, das uns aufzog, bis wir flügge waren, und ihrer rauhen

Albluft danken wir es, daß wir nicht verweichlichten.

Ich komme ans fünfte Glas ins fünfte Säkulum unseres Lebens. Ich

schlürfe euch ein, liebliche Erinnerungen, wie ich dies Glas edlen

Rheinweins schlürfe. Ihr duftet auf in herrlicher Schöne, Jahre meiner

Jugend, wie das Aroma aufsteigt aus dem Römer. Mein Auge wird wacker,

o Seele, denn sie sind um mich, die Freunde meiner Jugend! Wie soll

ich dich nennen, du hohes, edles, rohes, barbarisches, liebliches,

unharmonisches, gesangvolles, zurückstoßendes und doch so mild

erquickendes Leben der Burschenjahre? Wie soll ich euch beschreiben,

ihr goldenen Stunden, ihr Feierklänge der Bruderliebe? Welche Töne

soll ich euch geben, um mich verständlich zu machen? Welche Farben

dir, du nie begriffenes Chaos! Ich soll dich beschreiben? Nie! Deine

lächerliche Außenseite liegt offen, die sieht der Laie, die kann man

ihm beschreiben, aber deinen innern, lieblichen Schmelz kennt nur

der Bergmann, der singend mit seinen Brüdern hinabfuhr in den tiefen

Schacht. Gold bringt er herauf, reines, lauteres Gold, viel oder wenig,

gilt gleich viel. Aber dies ist nicht seine ganze Ausbeute. Was er

geschaut, mag er dem Laien nicht beschreiben, es wäre allzu sonderbar

und doch zu köstlich für sein Ohr. Es leben Geister in der Tiefe, die

sonst kein Ohr erfaßt, kein Auge schaut. Musik ertönt in jenen Hallen,

die jedem nüchternen Ohr leer und bedeutungslos ertönt. Doch dem, der

_mit_ gefühlt und _mit_ gesungen, gibt sie eine eigene Weihe, wenn

er auch über das Loch in seiner Mütze lächelt, das er als Symbolum

zurückgebracht. Alter Großvater! Jetzt weiß ich, was du vornahmst, wenn

»der Herr seinen Schalttag feierte«. Auch du hattest deine trauten

Gesellen seit den Tagen deiner Jugend, und das Wasser stand dir in den

grauen Wimpern, wenn du einen beisetztest im Stammbuch. Sie leben!

Wirf die Flasche weg, Mensch, stich eine neue an zu neuer Freude. Das

sechste! Wer kann dich berechnen, o Liebe!

Es ging uns, wie es so manchem Erdensohn ergeht. Wir lasen von Liebe

und glaubten zu lieben. Das Wunderbarste und doch Natürlichste an

der Sache war, daß die Perioden oder Grade dieser Art Liebe sich

nach unserer Lektüre richteten. Haben wir nicht Vergißmeinnicht und

Ranunkeln gebrochen und des Doktors Tochter in G. verschämt überreicht

und uns einige Tränen ausgepreßt, weil wir lasen: »Das Schönste sucht

er auf den Fluren, womit er seine Liebe schmückt?« -- »Aus seinen Augen

brechen Tränen?« Haben wir nicht ~à la~ Wilhelm Meister geliebt, das

heißt, wir wußten nicht mehr, war es Emeline oder Camilla, die Zarte,

oder gar Ottilie? Haben nicht alle drei in zierlichen Schlafmützen

hinter den Jalousieen hervorgeschaut, wenn wir Ständchen brachten im

Winter und die Gitarre weidlich schlugen, obgleich uns der Frost die

Finger krumm bog? Und nachher, als es sich zeigte, wie sie alle nur

schnöde Koketten seien, haben wir da nicht die Liebe törichterweise

verschworen und uns vorgenommen, erst dann zu heiraten, wenn die

Schwaben klug werden, das heißt im vierzigsten?

Wer kann dich berechnen, verschwören, o Liebe? Du tauchst nieder aus

dem Auge der Geliebten und schlüpfst durch unser Auge verstohlen in

das Herz. Und dennoch so kalt konntest du bleiben, wenn ich meine

Lieder sang, wolltest den Blick nicht erwidern, den ich so oft nach dir

aussandte? Ich möchte ein General sein, nur daß sie meinen Namen in der

Zeitung läse, daß es ihr bange würde, wenn sie läse: »Der General Hauff

hat sich in der letzten Schlacht bedeutend hervorgetan und acht Kugeln

ins Herz bekommen, -- woran er aber nicht gestorben.« Ich möchte ein

Tambour sein, nur daß ich vor ihrem Haus meinen Schmerz auslassen und

fürchterlich trommeln könnte, und fährt sie dann erschrocken mit dem

Köpfchen durchs Fenster, so will ich gerade das Gegenteil russischer

Fellraßler machen und vom Fortissimo abwärts trommeln und piano und im

leisen Adagiowirbel ihr zuflüstern: »Ich liebe dich.« Ein berühmter

Mensch möchte ich sein, nur daß sie von mir hörte und stolz zu sich

sagte: »Der hat dich einst geliebt.« Aber leider reden die Leute nicht

von mir, höchstens wird man ihr morgen sagen: »Gestern nacht ist er

auch wieder bis Mitternacht im Weinkeller gelegen!« Und wenn ich

vollends ein Schuster oder Schneider wäre! Doch dies ist ein gemeiner

Gedanke und deiner unwürdig, Adelgunde! --

Jetzt wacht wohl keiner mehr als der Höchste und Niedrigste dieser

Stadt, nämlich der Turmwächter hoch oben auf der Domkirche und ich tief

unten im Ratskeller. Wär' ich doch der auf dem Turme! in jeder Stunde

wollte ich das Sprachrohr ansetzen und dir ein Lied hinabsingen ins

Schlafkämmerlein; doch nein! das würde ja den süßen Engel aus seinem

Schlummer wecken, aus seinen holden, lieblichen Träumen. Doch hier

unten hört mich niemand, da will ich eines singen! Seele! komme ich mir

denn nicht gerade vor wie ein Soldat auf dem Posten, dem das Heimweh

recht schwer und tief im Herzen liegt? Und hat nicht einer meiner

Freunde dies Lied gedichtet?

Steh' ich in finstrer Mitternacht

So einsam auf der fernen Wacht,

So denk' ich an mein fernes Lieb,

Ob mir's auch treu und hold verblieb?

Als ich zur Fahne fort gemüßt,

Hat sie so herzlich mich geküßt,

Mit Bändern meinen Hut geschmückt

Und weinend mich ans Herz gedrückt!

Sie liebt mich noch, sie ist mir gut,

Drum bin ich froh und wohlgemut,

Mein Herz schlägt warm in kalter Nacht,

Wenn es ans treue Lieb gedacht.

Jetzt bei der Lampe mildem Schein

Gehst du wohl in dein Kämmerlein,

Und schickst dein Nachtgebet zum Herrn

Auch für den Liebsten in der Fern'!

Doch, wenn du traurig bist und weinst,

Mich von Gefahr umrungen meinst --

Sei ruhig; bin in Gottes Hut,

Er liebt ein treu Soldatenblut.

Die Glocke schlägt, bald naht die Rund'

Und löst mich ab zu dieser Stund':

Schlaf wohl im stillen Kämmerlein

Und denk' in deinen Träumen mein!

Und denkt sie auch wohl meiner in ihren Träumen? Die Glocken summten

dumpf auf den Türmen, sie begleiteten meinen Gesang. Schon Mitternacht?

Diese Stunde trägt eigenen, geheimnisvollen Schauer in sich; es ist,

als zittere die Erde leise, wenn sich die schlummernden Menschen unter

ihr auf die andere Seite legen, die schwere Decke schütteln und den

Nachbar im Kämmerlein nebenan fragen: »Ist's noch nicht Morgen?« Wie so

ganz anders zittert der Ton dieser Mitternachtsglocke zu mir hernieder,

als wenn er am Mittag durch die hellen klaren Lüfte schallt. Horch!

Ging da nicht im Keller eine Türe? Sonderbar; wenn ich nicht so ganz

allein hier unten wäre, wenn ich nicht wüßte, daß die Menschen nur oben

wandeln, ich würde glauben, es tönen Schritte durch diese Hallen. --

Ha! es ist so; es kommt näher, es tastet an der Türe hin und her; es

faßt und schüttelt die Klinke; doch die Türe ist verschlossen und mit

Riegeln verhängt; mich stört heute nacht _kein Sterblicher_ mehr. --

Ha, was ist das? die Türe springt auf! Entsetzen! --

* * * * *

Vor der Türe standen zwei Männer und machten gegenseitig Komplimente

über den Vortritt; der eine war ein langer, hagerer Mann, trug

eine große, schwarze Lockenperücke, einen dunkelroten Rock

nach altfränkischem Schnitt, überall mit goldenen Tressen und

goldgesponnenen Knöpfen besetzt; seine ungeheuer langen und dünnen

Beine staken in dünnen Beinkleidern von schwarzem Samt mit goldenen

Schnallen am Knie; daran schlossen sich rote Strümpfe, und auf den

Schuhen trug er goldene Schnallen. Den Degen mit einem Griff von

Porzellan hatte er durch die Hosentasche gesteckt; er schwenkte, wenn

er ein Kompliment machte, einen dreispitzigen kleinen Hut von Seide,

und die Lockenschwänze seiner Perücke rauschten dann wie Wasserfälle

über die Schultern herab. Der Mann hatte ein bleiches, abgehärmtes

Gesicht, tiefliegende Augen und eine große feuerrote Nase. Ganz anders

war der kleinere Geselle anzuschauen, dem jener den Vortritt gönnen

wollte. Seine Haare waren fest an den Kopf geklebt mit Eiweiß, und

nur an den Seiten waren sie in zwei Rollen gleich Pistolenhalftern

gewickelt, ein ellenlanger Zopf schlängelte sich über seinen Rücken; er

trug ein stahlgraues Röcklein, rot aufgeschlagen, stak unten in großen

Reiterstiefeln und oben in einer reichgestickten Bratenweste, die über

sein wohlgenährtes Bäuchlein bis auf die Kniee herabfiel, und hatte

einen ungeheuren Raufdegen umgeschnallt. Er hatte etwas Gutmütiges in

seinem feisten Gesicht, besonders in den Aeuglein, die ihm wie einem

Hummer hervorstanden. Seine Manöver führte er mit einem ungeheuren

Filzhut aus, der auf zwei Seiten aufgeklappt war.

Ich hatte, nachdem ich mich von dem ersten Schrecken erholt, Zeit

genug, diese Bemerkungen zu machen, denn die beiden Herren machten

wohl mehrere Minuten lang vor der Schwelle die zierlichsten Pas.

Endlich riß der Lange auch den zweiten Flügel der Türe auf, nahm den

Kleinen unter dem Arm und führte ihn in mein Gemach. Sie hingen ihre

Hüte an die Wand, schnallten die Degen ab und setzten sich, ohne mich

zu beachten, stillschweigend an den Tisch. »Ist denn heute Fastnacht

in Bremen?« sprach ich zu mir, indem ich über die sonderbaren Gäste

nachdachte; und doch kam mir ihre ganze Erscheinung so unheimlich vor,

besonders wußte ich mich in ihre starren Blicke, in ihr Schweigen nicht

zu finden; ich wollte mir eben ein Herz fassen und sie anreden, als ein

neues Geräusch im Keller entstand. Schritte tönten näher, die Türe ging

auf, und vier andere Herren, nach derselben alten Mode wie die ersten

gekleidet, traten ein. Mir fiel besonders der eine auf, der wie ein

Jäger gekleidet war, denn er trug Hetzpeitsche und Jagdhorn und schaute

ungemein fröhlich um sich.

»Gott grüß euch, ihr Herren vom Rhein!« sprach der Lange im roten Rocke

im tiefen Baß, indem er aufstand und sich verbeugte. »Gott grüß euch,«

quiekte der Kleine dazu, »haben uns lange nicht gesehen, Herr Jakobus!«

»Frisch auf! Holla und guten Morgen, Herr Matthäus,« rief der Jäger dem

Kleinen zu, »und auch Euch guten Morgen, Herr Judas! Aber was ist das?

Wo sind die Römer, wo Pfeifen und Tabak? Ist der alte Maueresel noch

nicht wach aus seinem Sündenschlaf?«

»Die Schlafmütze!« erwiderte der Kleine. »Der schläfrige Bengel! Droben

liegt er noch in Unser Lieben Frauen Kirchhof, aber das Donnerwetter,

ich will ihn herausschellen!« Dabei ergriff er eine große Glocke, die

auf dem Tische stand, und klingelte und lachte in grellen, schneidenden

Tönen. Auch die drei anderen Herren hatten Hüte, Stock und Degen in

die Ecken gestellt, sich gegenseitig gegrüßt und an den Tisch gesetzt.

Zwischen dem Jäger und dem roten Judas saß einer, den sie Andreas

nannten. Es war ein überaus zierlicher und feiner Herr, auf seinen

schönen, noch jugendlichen Zügen lag ein wehmütiger Ernst, und um

die zarten Lippen schwebte ein mildes Lächeln; er trug eine blonde

Perücke mit vielen Locken, was mit seinen großen, braunen Augen einen

auffallenden, aber angenehmen Kontrast bildete. Dem Jäger gegenüber

saß ein großer, wohl gemästeter Mann, mit rotausgeschlagenem Gesicht

und einer Purpurnase. Er hatte die Unterlippe weit herabhängen und

trommelte mit den Fingern auf seinem dicken Bauch, sie hießen ihn

Philippus.

Ein starkknochiger Mann, fast wie ein Krieger anzuschauen, saß neben

ihm; ein mutiges Feuer brannte in seinen dunkeln Augen, ein kräftiges

Rot schmückte seine Wangen, und ein dichter Bart umschattete den Mund.

Er hieß Herr Petrus.

Wie unter echten alten Trinkern, so wollte unter diesen Gästen das

Gespräch nicht recht fortgehen ohne Wein; da erschien eine neue Gestalt

in der Türe. Es war ein kleines, altes Männlein mit schlotternden

Beinen und grauem Haar; sein Kopf sah aus wie ein Totenkopf, über den

man eine dünne Haut gespannt, und seine Augen lagen trübe in den tiefen

Höhlen; er schleppte keuchend einen großen Korb herbei und grüßte die

Gäste demütig.

»Ha! siehe da, der alte Kellermeister Balthasar,« riefen die Gäste ihm

entgegen; »frisch heran, Alter, setz' die Römer auf und bring' uns

Pfeifen! Wo steckst du nur so lang? Es ist längst zwölf vorüber.«

Der alte Mann gähnte einigemal etwas unanständig und sah überhaupt

aus wie einer, der zu lange geschlafen. »Hätte beinahe den ersten

September verschlafen,« krächzte er, »ich schlief so hart, und seitdem

sie den Kirchhof gepflastert haben, höre ich auch ziemlich schlecht. Wo

sind denn aber die anderen Herren?« fuhr er fort, indem er Pokale von

wunderlicher Form und ansehnlicher Größe aus dem Korbe nahm und auf den

Tisch setzte; »wo sind denn die andern? Ihr seid erst eurer sechs, und

die alte Rose fehlt auch noch.«

»Setze nur die Flaschen her,« rief Judas, »daß wir endlich was zu

trinken bekommen; und dann gehe hinüber, sie liegen noch im Faß, poch'

an mit deinen dürren Knochen und heiße sie aufstehen, sage, wir sitzen

schon alle hier.«

Aber kaum hatte Herr Judas also gesprochen, als ein großes Geräusch

und Gelächter vor der Türe entstand. »Jungfer Rose hoch, hussa, hoch!

und ihr Schatz der Bacchus, hoch!« hörte man von mehreren Stimmen

rufen; die Türe flog auf, die gespenstischen Gesellen am Tische

sprangen in die Höhe und schrieen: »Sie ist's, sie ist's, Jungfer Rose

und Bacchus und die anderen! Hallo! Jetzt geht das Freudenleben erst

recht an!« und dabei stießen sie die Römer zusammen, lachten, und der

Dicke schlug sich auf den Bauch, und der blasse Kellermeister warf die

Mütze geschickt zwischen den Beinen durch an die Decke und stimmte

ein in das Juheisa, heisa, he! daß mir die Ohren gellten. Welch ein

Anblick! Der hölzerne Bacchus, so auf dem Faß im Keller geritten, war

herabgestiegen, nackt, wie er war; mit seinem breiten, freundlichen

Gesicht, mit den klaren Aeuglein grüßte er das Volk und trippelte auf

kleinen Füßchen in das Zimmer; an seiner Hand führte er ganz ehrbarlich

wie seine Braut eine alte Matrone von hoher Gestalt und weidlicher

Dicke. Noch weiß ich nicht bis dato, wie es möglich war, daß dies alles

so geschehen, aber damals war es mir sogleich klar, daß diese Dame

niemand anders sei als die alte Rose, das ungeheure Faß im Rosenkeller.

Und wie hatte sie sich köstlich aufgeputzt, die alte Rheinländerin!

Sie mußte in der Jugend einmal recht schön gewesen sein, denn wenn

auch die Zeit einige Runzeln um Stirne und Mund gelegt hatte, wenn

auch das frische Rot der Jugend von ihren Wangen verschwunden war,

zwei Jahrhunderte konnten die edlen Züge des feinen Gesichtes nicht

völlig verwischen. Ihre Augenbrauen waren grau geworden, und einige

unziemliche graue Barthaare wuchsen auf ihrem spitzigen Kinn, aber die

Haare, die um die Stirne schön geglättet lagen, waren nußbraun und nur

etwas weniges mit Silbergrau gemischt. Auf dem Kopfe trug sie eine

schwarze Samtmütze, die sich enge an die Schläfe anschloß; dazu hatte

sie ein Wams vom feinsten schwarzen Tuche an, und das Mieder vom roten

Samt, das darunter hervorschaute, war mit silbernen Haken und Ketten

geschnürt. Um den Hals trug sie ein breites Halsband von blitzenden

Granaten, woran eine goldene Schaumünze befestigt; ein weiter,

faltenreicher Rock von braunem Tuch fiel um ihre wohlbeleibte Gestalt,

und ein kleines weißes Schürzchen, mit feinen Spitzen besetzt, wollte

sich recht schalkhaft ausnehmen. An der einen Seite hing ihr eine große

Tasche von Leder, an der anderen ein Bündel gewaltiger Schlüssel --

kurz, sie war eine so ehrbare Frau, als je eine Anno 1618 in Köln oder

Mainz über die Straße ging.

Aber hinter der Frau Rose kamen noch sechs jubelnde Gesellen, die

Dreispitzenhüte schwingend, die Perücken schief auf den Kopf gesetzt,

mit weitschößigen Röcken und langen, reich gestickten Westen angetan.

Ehrbarlich und sittsam führte unter dem allgemeinen Jubel Bacchus

seine Rose oben an die Tafel; sie verbeugte sich mit großem Anstand

gegen die Gesellschaft und ließ sich nieder; an ihrer Seite nahm der

hölzerne Bacchus Platz, und Balthasar, der Kellermeister, hatte ihm ein

tüchtiges Polster untergeschoben, weil er sonst gar klein und niedrig

dagesessen hätte. Auch die anderen sechs Gesellen nahmen Platz, und ich

merkte jetzt, daß es wohl die zwölf Apostel vom Rheine seien, die hier

um die Tafel saßen, sonst aber im Apostelkeller in Bremen liegen.

»Da wären wir ja,« sagte Petrus, nachdem der Jubel etwas nachgelassen,

»da wären wir ja, wir junges, munteres Volk von 1700, und alle

wohlbehalten wie sonst. Nun auf gutes Wohlsein, Jungfer Rose! Auch Sie

hat gar nicht gealtert und ist noch so stattlich und hübsch wie vor

fünfzig Jahren. Gutes Wohlsein, Sie soll leben und Ihr Liebster, Herr

Bacchus, daneben!«

»Soll leben, die alte Rose soll leben!« riefen sie und stießen an und

tranken; Herr Bacchus aber, der aus einem großen silbernen Humpen

trank, schluckte zwei Maß rheinisch ohne viele Beschwerden hinunter,

und er ward zusehends dicker davon und größer wie eine Schweinsblase,

die man mit Luft füllt.

»Mich gehorsamst zu bedanken, wertgeschätzte Herren Apostel und

Vettern,« antwortete Frau Rosalia, indem sie sich freundlich verneigte.

»Seid Ihr noch immer solch ein loser Schäker, Herr Petrus? Ich weiß

von keinem Schatz nicht, und Ihr müßt ein sittsam Mägdlein nicht so in

Verlegenheit setzen.« Sie schlug die Augen nieder, als sie dies sagte,

und trank ein mächtiges Paßglas aus.

»Schatz,« erwiderte ihr Bacchus, indem er sie aus seinen Aeuglein

zärtlich anblickte und ihre Hand faßte, »Schatz, ziere dich doch nicht

so; du weißt ja wohl, daß dir mein Herz zugetan schon seit zweihundert

Herbsten; und daß ich dich noch heute vor allen anderen liebe, soll ein

feuriger Kuß auf deine rosigen Lippen beweisen.«

Er neigte sich zärtlich gegen die Rose. »Wenn nur das junge Volk hier

nicht dabei wäre,« flüsterte sie verschämt, indem sie sich halb zu

ihm neigte; aber unter dem Jubeln und Jauchzen der Zwölfe hatte der

Weingott sein Schürzenstipendium nebst Zinsen eingenommen. Dann leerte

er seinen Humpen wieder und ward um zwei Fäuste breiter und größer und

hub an mit einer rauhen Weinstimme zu singen:

Vor allen Schlössern dieser Zeit

Lob' ich ein Schloß zu Bremen,

An seinen Hallen hoch und weit

Darf sich kein Kaiser schämen;

Gar seltsam ist es ausstaffiert,

Mit schmuckem Hausrat ausgeziert,

Doch hat daselbst vor allen

Eine Jungfrau mir gefallen.

Ihr Auge blinkt wie klarer Wein,

Ihre Wangen sind nicht bleiche,

Wie prächtig ihre Kleider sein,

Von lauter schwerem Zeuge;

Von Eichenholz ist ihr Gewand,

Von Birkenreifen ihre Band',

Das Mieder das sie zieret,

Mit Eisen ist geschnüret.

Doch ach, man hat ihr Schlafklosett

Mit Riegeln wohl versehen,

Dort schlummert sie im Rosenbett,

Und ich muß draußen stehen;

Drum poch' ich an die Kammertür:

Steh auf, mein Schatz, und komm herfür,

Damit ich mit dir kose,

Mach' auf, herzliebe Rose.

So steig' ich jede Mitternacht

Zu ihrer Kammer nieder;

Nur einmal hat sie aufgemacht,

Jetzt will sie nimmer wieder;

Und seit ich einmal sie geküßt,

Mein Herz von Sehnsucht trunken ist,

Nur einmal, Rosamunde,

Küß' mich, daß es gesunde.

»Ihr seid ein Schäker, Herr Bacchus,« sagte Rosa, als er mit

einem zärtlichen Triller geendet hatte. »Ihr wißt wohl, daß mich

Bürgermeister und Rat unter gar strenger Klausur halten und nicht

erlauben, daß ich mit jedwedem mich einlasse.«

»Aber mir könntest du doch zuweilen das Kämmerlein öffnen, lieb

Röschen!« flüsterte Bacchus; »mich gelüstet nach der süßen Speise

deines Mundes.«

»Ihr seid ein Schelm,« rief sie lachend, »Ihr seid ein Türke und habt

es mit vielen zugleich; meint Ihr, ich wisse nicht, wie Ihr mit der

leichtfertigen Französin scharmiert, mit dem Fräulein von Bordeaux, und

mit dem Kreidengesicht, der Champagnerin; geht, geht, Ihr habt einen

schlechten Charakter und verstehet Euch nicht auf treue deutsche Minne.«

»Ja, das sag' ich auch!« rief Judas, und fuhr mit der langen knöchernen

Hand nach der Hand der Jungfer Rose. »Das sag' ich auch; drum nehmet

mich zu Eurem Galan, liebwerteste Jungfer, und lasset den kleinen,

nackten Kerl seiner Französin nachziehen.«

»Was?« schrie der Hölzerne und trank im Zorn einige Maß Wein. »Was?

Mit dem jungen Fant von 1726 willst du dich abgeben, Röschen? Pfui,

schäme dich; was mein nacktes Kostüm betrifft, Herr Naseweis, so kann

ich ebensogut wie er, eine Perücke aufsetzen, einen Rock umhängen und

einen Degen an die Seite stecken; aber ich trage mich so, weil ich

Feuer im Leibe habe und mich nicht friert im Keller. Und was Sie da

sagt, Jungfer Rose, mit den Französinnen, so ist das gänzlich erlogen.

Besucht habe ich sie zuweilen und mich an ihrem Geiste erlustiert, aber

weiter gar nichts; dir bin ich treu, liebster Schatz, und dir gehört

mein Herz.«

»Eine schöne Treue, Gott erbarm's!« erwiderte die Dame. »Was hört man

nur aus Spanien, wie Ihr es dort mit dem Frauenzimmer habt? Von der

süßlichen Metze, der Xeres, will ich gar nichts sagen, das ist eine

bekannte Geschichte, aber wie ist es denn mit der Jungfer Dentilla di

Rota und mit der von San Lucas? Und dann mit der Sennora Ximenes?«

»Alle Teufel, Ihr treibt die Eifersucht auch gar zu weit,« rief er

ärgerlich, »man kann doch alte Verbindungen nicht ganz aufgeben. Und

was die Sennora Ximenes betrifft, so seid Ihr sehr ungerecht, ich

besuche sie ja nur aus Freundschaft für Euch, weil sie Eure Verwandte

ist.«

»Was macht Ihr da für Fabeln? Unsere Verwandte?« murmelten Rose und die

Zwölfe untereinander. »Wie das?«

»Wißt Ihr denn nicht,« fuhr er fort, »daß diese Sennora eigentlich eine

Rheinländerin ist? Der ehrsame Don Ximenes hat sie heimgeführt als

blutjunges Rebstöcklein aus dem Rheingau nach seiner Heimat Spanien,

und dort hat sie sich angesiedelt und seinen Familiennamen angenommen.

Noch jetzt, obgleich sie den süßen, spanischen Charakter angenommen,

noch jetzt hat sie große Aehnlichkeit mit Euch, wie die Grundzüge des

Gesichtes sich in der Familie nicht ganz verlieren. Dieselbe Farbe und

jener süße Duft, jenes feine Aroma ist ihr eigen und macht sie zu Eurer

würdigen Base, wertgeschätzte Jungfer Rose.«

»Sie soll leben, soll leben!« riefen die Apostel und stießen an, »Base

Ximenes in Hispanien soll leben!«

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 2 · 第 19 / 22 段