Aber das tat mir wehe, daß mich die guten Gesellen für ein Murmeltier

hielten und dem Drang nach Schlafe zuschrieben, was aus Freude am

Wachen geschah. O nur du, ehrlicher Hermann, wußtest es mehr zu

würdigen! Hörte ich denn nicht, wie du unten auf dem Domhof sagtest:

»Schlaf ist es nicht, denn seine Augen leuchten. Aber entweder hat er

wieder zu viel oder zu wenig Wein getrunken, das heißt, er trinkt noch

welchen und -- allein.«

Wer verlieh dir denn diese prophetische Kraft? Oder konntest du ahnen,

daß meine Augen wacker waren, weil sie heute nacht alten Rheinwein

schauen sollten? Konntest du wissen, daß ich gerade heute von dem

Patent und Erlaubnisschein, vom Rate auf meine Person ausgestellt,

Gebrauch machen werde, um die Rose und eure zwölf Apostel zu begrüßen?

Und überdies, war denn heute nicht mein Schalttag?

Meines Erachtens ist es keine üble Gewohnheit, die ich von meinem

Großvater angenommen, nämlich hie und da Einschnitte zu machen in den

Baum des Jahres und sinnend dabei zu verweilen. Wenn der Mensch nur

Neujahr und Ostern, nur Christfest oder Pfingsten feiert, so kommen ihm

endlich diese Ruhepunkte in der Geschichte seines Lebens so alltäglich

vor, daß er darüber hinweggleitet ohne Erinnerung. Und doch ist es gut,

wenn die Seele, sonst immer nach außen gerichtet, auch einmal auf ein

paar Stunden einkehrt im eigenen Gasthof ihrer Brust, sich bewirtet an

der langen Table d'hôte der Erinnerung und nachher gewissenhaft die

Rechnung ~ad notam~ schreibt wie Frau Hurtig dem Ritter. Der Großvater

nannte solche Tage seine Schalttage; nicht daß er etwa ein Bankett

veranstaltete mit seinen Freunden oder den Tag lustig und in Freuden

lebte, in Saus und Braus; nein, er kehrte ein bei sich, und seine Seele

schmauste in der Kammer, die sie seit fünfundsiebzig Jahren kannte.

Noch jetzt, da er längst im kühlen Friedhof ruht, noch jetzt kann ich

es seinem holländischen Horaz ansehen, welche Stellen er an solchen

Tagen gelesen; noch jetzt, als wäre es gestern geschehen, sehe ich

sein großes blaues Auge sinnend auf den vergelbten Blättern seines

Stammbuchs weilen; und wie deutlich sehe ich, wie dieses Auge nach und

nach sich füllt, wie eine Träne in den grauen Wimpern zittert, wie der

gebietende Mund sich zusammenpreßt, wie der alte Herr langsam und

zögernd die Feder ergreift und »einem seiner Brüder, der geschieden«,

das schwarze Kreuz unter den Namen malt.

»Der Herr hält seinen Schalttag,« pflegten die Diener uns zuzuwispern,

wenn wir Enkel laut und fröhlich wie gewöhnlich die Treppe

hinanstürmten; »der Großvater hält seinen Schalttag,« flüsterten wir

uns zu und glaubten nicht anders, als er beschere sich selbst den

heiligen Christ, weil er ja doch niemand habe, der ihm den Christbaum

anzünde. Und war es nicht so, wie wir in kindlicher Einfalt glaubten?

Zündete er nicht den Christbaum seiner Erinnerung an, flammten nicht

tausend flimmernde Kerzen auf, die Lieblingsstunden eines langen

Lebens, und schien er nicht, wenn er am Abend des Schalttags still

und ruhig im Sessel saß, sich kindlich zu freuen an den Gaben der

Vergangenheit?

Es war sein Schalttag wieder eingetreten, als sie ihn hinaustrugen.

Ich mußte weinen, als ich dachte, daß der alte Mann seit langer Zeit

zum erstenmal wieder in die freie Luft komme. Sie führten ihn den Weg,

auf dem ich so oft an seiner Seite gegangen war. Aber nicht lange, so

beugten sie über die schwarze Brücke und legten ihn tief in die Erde.

»Nun hält er seinen rechten Schalttag,« dachte ich, »aber wundern soll

es mich doch, wie der alte Herr wieder da heraufkommen will, denn

sie haben doch viele Steine und Rasen auf ihn hinabgeworfen.« Er kam

nicht wieder. Aber sein Bild blieb in meinem Gedächtnis, und als ich

herangewachsen war, gehörte es zu meinen liebsten Beschäftigungen,

seine feine offene Stirne, das klare Auge, den gebietenden und doch

so freundlichen Mund mir vorzumalen. Mit seinem Bilde stiegen tausend

Erinnerungen auf, und seine Schalttage waren mir die Lieblingsstücke in

der langen Bildergalerie.

Und ist denn heute nicht der erste September, den auch ich mir zum

Schalttag erwählte? Und ich sollte Butterbrot verzehren in einer

Gesellschaft und allerlei Arien absingen hören mit beigefügtem Applaus

und Gezwitscher? Nein! Heraus mit dir, köstliches Rezept, das kein Arzt

der Erde so köstlich mischt! Hinab zu dir, alte, wahrhaftige Apotheke,

um »nach Vorschrift jedesmal einen _Römer_ voll zu nehmen.«

* * * * *

Es schlug zehn Uhr, als ich die breiten Stufen des Ratskellers

hinabstieg; ich durfte hoffen, keinen Zecher mehr zu finden, denn

es war Werktag bei andern Leuten, und draußen heulte der Sturm, die

Windfahnen stimmten sonderbare Weisen an, und der Regen rauschte auf

das Pflaster des Domhofs. Aber der Ratsdiener maß mich mit fragenden

Blicken vom Kopf bis zum Fuß, als ich ihm die Anweisung auf einigen

Wein darreichte.

»So spät noch, und heute, in _dieser_ Nacht?« rief er.

»Mir ist es vor zwölf Uhr nie zu spät,« entgegnete ich, »und nachher

ist es wohl frühe genug am Tage.«

»Aber muß es denn,« wollte er eben fragen, doch Siegel und Handschrift

seiner Obern fiel ihm wieder ins Auge, und schweigend, aber nicht ohne

Zögern, schritt er voraus durch die Hallen. Welch herzerquickender

Anblick, wenn sein Windlicht über die lange Reihe der Fässer

hinstreifte, welch sonderbare Formen und Schatten, wenn es an den

Schwibbogen des Kellers zitterte und die Säulen im dunkeln Hintergrunde

wie geschäftige Küper um die Fässer schwebten! Er wollte mir eines

jener kleineren Gemächer aufschließen, wo höchstens sechs bis acht

Freunde, eng zusammengerückt, den Becher kreisen lassen können. Doch,

mit trauten Gesellen liebe ich ein solches heimliches Plätzchen; der

enge Raum drängt Mann an Mann, und die Töne, die hier nicht verhallen

können, klingen traulicher; aber allein und einsam liebe ich freiere

Räume, wo der Gedanke, gleich den Atemzügen, sich freier ausdehnt. Ich

wählte einen alten gewölbten Saal, den größten in diesen unterirdischen

Räumen, zu meinem einsamen Gelage.

»Erwarten Sie Gesellschaft?« fragte der Mann an meiner Seite.

»Ich bin allein.«

»Sie könnten ungebeten welche haben,« setzte er hinzu, indem er sich

scheu nach den Schatten umsah, die seine Lampe warf.

»Wie meint Ihr das?« fragte ich verwundert.

»Ich meinte nur so,« antwortete er, indem er einige Kerzen anzündete

und einen großen Römer vor mich hinsetzte. »Man spricht mancherlei vom

ersten September -- der Herr Senator D. waren übrigens schon vor zwei

Stunden da, und ich erwartete Sie nicht mehr.«

»Der Herr Senator D.? Warum? Fragte er nach mir?«

»Nein, er hieß mich nur die Proben herausnehmen.«

»Welche Proben, mein Freund?«

»Nun, die von den Zwölfen und der Rose;« erwiderte der alte Mann, indem

er anfing, einige niedliche Fläschchen mit langen Papierstreifen an den

Hälsen hervorzuziehen.

»Wie!« rief ich, »man sagte mir ja, ich könnte den Wein von den Fässern

selbst trinken!«

»Ja, aber nur im Beisein eines Herrn vom Senat. Darum hieß mich der

Herr Senator die Zungenpröbchen herausnehmen, und so will ich sie Ihnen

einschenken, wenn's gefällig.«

»Nicht einen Tropfen,« unterbrach ich ihn, »hier kein Glas voll; nein,

das ist der echte Genuß, _vom Fasse_ zu trinken, und ist es mir nicht

mehr möglich, so will ich doch am Fasse trinken. Kommt, Alter, nehmet

die Proben mit, ich will das Licht tragen.«

Ich stand schon einige Minuten und sah dem wunderlichen Treiben des

alten Dieners zu. Bald stand er still, sah auf mich und räusperte sich,

als wollt' er sprechen, bald nahm er die Proben vom Tisch und packte

sie in seine weiten Taschen, bald nahm er sie zögernd wieder heraus, um

sie auf den Tisch zu setzen. Es ermüdete mich; »nun, sollen wir bald

gehen?« rief ich voll Sehnsucht nach dem Apostelkeller. »Wie lange

wollt Ihr noch an Euren Gläschen hier aus- und einpacken?«

Der ernste Ton, in welchem ich dies sagte, schien ihm Mut zu machen.

Ziemlich bestimmt antwortete er: »Es geht nicht, -- nein! Heute geht es

nicht mehr, Herr!«

Ich glaubte hierin einen jener gewöhnlichen Kniffe zu sehen, womit

Hausverwalter, Kastellane oder Kellermeister dem Fremden Geld

abzuzwacken suchen, drückte ihm ein hinlängliches Geldstück in die Hand

und nahm ihn beim Arm, ihn fortzuziehen.

»Nein, so war es nicht gemeint,« entgegnete er, indem er das Geldstück

zurückzuschieben suchte: »so nicht, fremder Herr! Ich will es nur

gerade heraus sagen: mich bringt man nicht mehr in den Apostelkeller in

dieser Nacht, denn wir schreiben heute den ersten September.«

»Und welche Torheit wollt Ihr daraus folgern?«

»Nun, in Gottes Namen, Sie können denken davon, was Sie wollen; es ist

dort nicht geheuer in dieser Nacht, das macht, es ist der Jahrestag der

Rose.«

Ich lachte, daß die Halle dröhnte. »Nein! In meinem Leben habe ich doch

so manchen Spuk erzählen gehört, aber einen Weinspuk nie! Schämt Ihr

Euch nicht mit Euren weißen Haaren, noch solches Zeug zu schwatzen?

Doch hier ist nicht lange zu spaßen. Hier ist die Vollmacht des Senats;

im Keller darf ich trinken heute nacht, ohne nach Zeit und Raum zu

fragen. Darum im Namen des Rates heiß' ich Euch folgen. Schließe den

_Keller des Bacchus_ auf.«

Dies wirkte; unwillig, aber ohne etwas zu entgegnen, nahm er die Kerzen

und winkte mir, zu folgen. Es ging zuerst wieder durch den großen

Keller, dann durch kleinere, bis der Weg in einen engern schmalen Gang

zusammenlief. Dumpf dröhnten unsere Schritte in diesem Hohlweg, und

unsere Atemzüge tönten, wenn sie an den Mauern sich brachen, wie fernes

Geflüster. Endlich standen wir vor einer Türe, die Schlüssel rasselten,

sie gähnte ächzend auf, der Schein der Lichter fiel in das Gewölbe, mir

gegenüber saß Freund Bacchus auf einem mächtigen Weinfaß. Erquickender

Anblick! Sie hatten ihn nicht zart und fein dargestellt, die alten

Bremer Künstler, nicht zierlich als einen griechischen Jüngling; sie

hatten ihn nicht alt und trunken sich gedacht, mit gräßlichem Bauch,

verdrehten Augen und hängender Zunge, wie ihn die gemein gewordene

Mythe hin und wieder gotteslästerlich abkonterfeit. Schmählicher

Anthropomorphismus; blinde Torheit des Menschen! Weil einige seiner

im Dienste ergrauten Priester also einhergehen, weil ihnen voll guten

Mutes der Leib anschwoll, die Nase von dem brennenden Widerscheine der

dunkelroten Flut sich färbte, das in stummer Wonne aufwärts gerichtete

Auge stehen blieb, -- so legten sie dem Gott bei, was seine Diener

schmückt!

Anders die Männer von Bremen. Wie fröhlich und munter reitet der alte

Knabe auf dem Faß! Das runde, blühende Gesicht, die kleinen muntern

Weinäuglein, die so klug und neckend herabsehen, der breite, lächelnde

Mund, der sich an mancher Kanne schon versuchte; der kurze kräftige

Hals, das ganze Körperchen von behaglichem, gutem Leben strotzend! Ganz

besondere Kunst hat aber der Meister, der dich geschaffen, auf Arme

und Beinchen gelegt. Meint man nicht, dein kräftiges Aermlein werde

sich bewegen, du werdest mit den runden Fingerchen ein Schnippchen

schlagen, und der breite, lächelnde Mund werde sich auftun zu einem

muntern Juheisa, heisa, he! Ist man nicht versucht zu glauben, du

werdest im tollen Weinmut die runden Knie beugen, den Waden anlegen,

mit dem Fersen stauchen und das alte Mutterfaß in Galopp setzen, daß

alle Rosen, Apostel und andere gemeinere Fässer mit Hussa und Hallo dir

nachjagen durch den Keller?

»Herr des Himmels!« rief der Ratsdiener, indem er sich an mir

festklammerte, »seht Ihr nicht, wie er die Augen verdreht und mit dem

Füßchen baumelt?«

»Alter, Ihr seid verrückt!« sagte ich, einen scheuen Blick nach dem

hölzernen Weingott werfend; »es ist der Schein der Kerzen, der an ihm

hin und her flackert.« Dennoch war mir wunderlich zumute, ich folgte

dem Alten aus dem Bacchuskeller. Und war es denn auch der Schein der

Kerzen, war es auch Täuschung, als ich mich umsah? Nickte er mir nicht

mit dem runden Köpfchen, streckte er mir nicht das eine seiner Beinchen

nach und schüttelte und krümmte sich vor heimlichem Lachen? Ich rannte

unwillkürlich dem Alten nach und schloß mich dicht hinter ihm an.

»Jetzt zu den zwölf Aposteln,« sprach ich zu ihm, »wie sollen uns dort

die Proben munden!«

Er antwortete nichts; kopfschüttelnd ging er weiter. Man steigt

vom Keller einige Stufen aufwärts zum kleinen Kellerlein, zum

unterirdischen Himmelsgewölbe, zum Sitz der Seligkeit, wo die _Zwölfe_

hausen. Was seid ihr, Trauergewölbe und Grüfte alter Königshäuser,

gegen _diese_ Katakomben! Pflanzet Särge neben Särge, rühmet auf

schwarzem Marmor die Verdienste des Mannes, der hier einer »fröhlichen

Urständ« entgegenschläft, stellt einen schwatzhaften Cicerone an,

in Trauermantel und florumhängtem Hute, laßt ihn die absonderliche

Herrlichkeit dieses oder jenes Staubes rühmen, laßt ihn erzählen von

den trefflichen Tugenden eines Prinzen, der in der Bataille so und so

gefallen, von der holden Schönheit einer Fürstin, auf deren Sarge die

jungfräuliche Myrte sich um die kaum erblühte Rosenknospe schlingt --

es wird euch an die Sterblichkeit mahnen, es wird euch vielleicht eine

Träne kosten; aber kann es euch also rühren, wie der Anblick dieser

Schlafkammer eines Jahrhunderts, dieser Ruhestätte eines herrlichen

Geschlechtes? Da liegen sie in ihren dunkelbraunen Särgen, schmucklos,

ohne Glanz und Flitter. Kein Marmor rühmt ihr stilles Verdienst, ihre

anspruchlose Tugend, ihren vortrefflichen Charakter; aber welcher Mann

von einigem Gefühl für Tugenden dieser Art fühlt sich nicht innig

bewegt, wenn der alte Ratsdiener, dieser Aufwärter in den Katakomben,

dieser Küster der unterirdischen Kirche, die Kerzen auf die Särge

stellt, wenn dann das Licht auf die erhabenen Namen der großen Toten

fällt! Wie regierende Häupter führen auch sie keine langen Titel und

Zunamen; einfach und groß stehen die Namen auf ihren braunen Särgen

geschrieben. Dort Andreas, hier Johannes, in jener Ecke Judas, in

dieser Petrus. Wen rührt es nicht, wenn er dann hört: dort liegt der

Edle von Nierenstein, geboren 1718, hier der von Rüdesheim, geboren

1726. Rechts Paulus, links Jakob, der gute Jakob!

Und ihre Verdienste? Ihr fraget? Seht ihr denn nicht, wie er eingießt

in den grünen Römer, wie er das herrliche Blut des Apostels mir

darreicht? Gleich dunkelrotem Golde blinkt es im Glase. Als ihn die

Sonne aufzog auf den Hügeln von St. Johannes, da war er blond und

helle; ein _Jahrhundert_ hat ihn gefärbt. Welche Würze des Geruches!

Welche Namen leg' ich dir bei, du lieblicher Duft, der aus dem Römer

aufsteigt? Nehmet alle Blüten von den Bäumen, pflücket alle Blumen in

den Fluren, führt Indiens Gewürz herbei, besprengt mit Ambra diese

kühlen Keller, löset den Bernstein in bläuliche Wölkchen auf -- mischet

aus ihnen alle die feinsten Düfte, wie die Biene ihren Honig aus den

Blüten saugt, wie schlecht, wie gemein, wie unwürdig gegen die zarte

Blume deines Kelches, mein Bingen und Laubenheim, gegen deine Düfte

Johannes und Nierenstein von 1718!

»Ihr schüttelt den Kopf, Alter? Tadelt Ihr meine Freude an Euren alten

Gesellen? Da, nimm diesen Römer, alter Mensch, trink auf das Wohlsein

dieser Zwölfe! Komm, stoß an, sie sollen leben!«

»Gott soll mich bewahren, daß ich einen Tropfen trinke in _dieser_

Nacht,« erwiderte er; »man soll mit dem Teufel kein Spiel treiben. Aber

wenn Ihr sie alle durchgekostet, wollen wir weiter gehen. Mir graut in

diesem Keller.«

»Gute Nacht denn, ihr alten Herren vom Rheine, gute Nacht und

herzlichen Dank für euer Labsal. Und wenn ich dir, mein ernster

feuriger Judas, wenn ich dir, mein sanfter lieblicher Andreas, dir,

mein Johannes, dienen kann, so kommt, kommt zu mir.«

»Herr des Himmels!« unterbrach mich der Alte und schlug die Türe zu und

drehte hastig die Schlüssel um, »seid Ihr von den paar Tropfen schon

betrunken, daß Ihr den Teufel heraufschwört? Wißt Ihr denn nicht, daß

die Weingeister aufstehen diese Nacht und einander besuchen, wie immer

am ersten September? Und sollt' ich meinen Dienst verlieren, ich laufe

davon, wenn Ihr noch solche Worte sprecht. Noch ist es nicht zwölf

Uhr, aber kann denn nicht alle Augenblick einer aus dem Faß kriechen

mit greulichem Gesicht und uns zu Tode schrecken?«

»Alter, du faselst! Doch sei ruhig, ich will kein Wort mehr sprechen,

daß deine Weingespenster nicht wach werden. Doch jetzt führe mich

zur Rose.« Wir gingen weiter, wir traten ein in das Gewölbe, in das

Rosengärtlein von Bremen. Da lag sie, die alte Rose, groß, ungeheuer,

mit einer Art von gebietender Hoheit. Welch ungeheures Faß! und

jeder Römer ein Stück Goldes wert! Anno 1615! Wo sind die Hände, die

dich pflanzten! Wo die Augen, die sich an deiner Blüte erfreuten,

wo die fröhlichen Menschen alle, die dir zujauchzten, edle Traube,

als man dich abschnitt auf den Höhen des Rheingaus, als man deine

Hüllen abstreifte und du als goldener Born in die Kufe strömtest?

Sie sind dahin, wie die Wellen des Stromes, der an deinem Rebenhügel

hinabzog. Wo sind sie, jene alten Herren der Hansa, jene würdigen

Senatoren dieser alten Stadt, die dich pflückten, duftende Rose, dich

verpflanzten in diese kühlen Räume zum Labsal ihrer Enkel? Gehet hinaus

auf Angarii Friedhof, gehet hinauf zur Kirche Unserer Lieben Frauen

und gießet Wein auf ihre Grabsteine! Sie sind hinunter, und zwei

Jahrhunderte mit ihnen!

»Nun auf euer Wohlsein, alte Herren von Anno 1615, und auf das Wohl

eurer würdigen Enkel, die so gastfreundlich dem Fremdling die Hand und

dieses Labsal boten!«

»So! Und jetzt gute Nacht, Frau Rose!« setzte der alte Diener

freundlicher hinzu, indem er sein Körbchen zusammenräumte. »Jetzt gute

Nacht und Gott befohlen; hier heraus, nicht dort um die Ecke, hier

heraus geht der Weg aus dem Keller, wertgeschätzter Herr. Kommt, stoßet

Euch nicht hier an die Fässer, ich will Euch leuchten.«

»Mit nichten, Alter,« erwiderte ich, »jetzt geht das Leben erst

recht an. Das alles war nur der Vorschmack. Gib mir Zweiundzwanz'ger

Ausstich, so etwa zwei bis drei Flaschen in das große Gemach dort

hinten. Ich hab' ihn grünen sehen diesen Wein und war dabei, als sie

ihn kelterten; hab' ich das Alter bewundert, so muß ich _meiner_ Zeit

nicht minder ihr Recht antun.«

Er stand da mit weit geöffneten Augen, der Jammermensch; er schien

seinen Ohren nicht zu trauen. »Herr,« sprach er dann feierlich,

»sprechet nicht solch gottlosen Scherz. Heute nacht wird nun und

nimmermehr was daraus; ich bleibe um keine Seligkeit.«

»Und wer sagt denn, daß du bleiben sollst? Dort setze den Wein hinein

und dann mache in Gottes Namen, daß du fortkommst; ich will nun

einmal diese Gedächtnisnacht hier feiern und habe mir deinen Keller

ausersehen; dich habe ich nicht vonnöten.«

»Aber ich darf Euch nicht allein im Keller lassen,« entgegnete er; »ich

weiß wohl, nehmt mir nicht ungütig, daß Ihr den Keller nicht bestehlet,

aber es ist einmal gegen die Ordnung.«

»Nun, so schließe mich ein in jenes Gemach; hänge ein Schloß davor, so

schwer als du willst, daß ich nimmer heraus kann, und morgen früh um

sechs Uhr kannst du mich aufwecken und dein Schlafgeld holen.«

Der Mann des Kellers versuchte noch mancherlei Einreden, doch umsonst;

er setzte endlich drei Flaschen und neue Kerzen vor mich hin, wischte

den Römer aus, schenkte mir den Zweiundwanziger Ausstich ein und

wünschte mir, wie es schien, mit schwerem Herzen, gute Nacht. Richtig

schloß er auch die Türe zweimal ab und hängte, wie es mir schien, mehr

aus zärtlicher Angst für mich als aus Vorliebe für seinen Keller noch

ein Hängeschloß vor. Eben schlug die Glocke halb zwölf. Ich hörte

ihn ein Gebet sprechen und davoneilen. Seine Schritte hallten immer

ferner und ferner im Gewölbe; doch als er oben das Außentor des Kellers

zuschlug, hallte es wie Kanonendonner durch die Gänge und Hallen.

So wäre ich denn allein mit dir, meine Seele, tief unten im Schoße der

Erde. Oben auf der Erde schlafen sie jetzt und träumen, und auch hier

unten, rings um mich her, schlummern sie in ihren Särgen, die Geister

des Weines. Ob sie wohl träumen, von ihrer kurzen Kindheit träumen und

der fernen Berge, der Heimat gedenken, wo sie groß wurden, und des

Stromes, des alten Vaters Rhein, der ihnen allnächtlich freundlich ein

Wiegenlied murmelte?

Gedenket ihr der wonnigen Tage, da die milde Mutter, die Sonne, euch

aus dem Schlummer küßte, da ihr in klarer Frühlingsluft die Aeuglein

öffnetet zum erstenmal und hinabschautet ins herrliche Rheingau? Und

als der Mai einzog in sein deutsches Paradies, gedenket ihr noch, wie

euch die Mutter antat mit grünen Kleidchen von Laubwerk und wie der

alte Vater baß sich dessen freute, herauflugte aus seinem grünen Bette

und euch zuwinkte und munter rauschte am _Lurlei_?

Und gedenkst denn auch du der Rosentage deiner Jugend, o Seele, der

sanften Rebenhügel der Heimat, des blauen Stromes und der blühenden

Täler des Schwabenlandes? O Wonnezeit voll holder Träume! Wie reich

bist du behängt mit Bilderbüchern, Christbäumen, Mutterliebe,

Osterwochen und Ostereiern, mit Blumen und Vögeln, Armeen aus Blei und

Papier und den ersten Höschen und Kollettchen, in welche sich deine

kleine sterbliche Hülle, stolz auf ihre Größe, kleiden ließ. Und wie

dich der selige Vater auf den Knieen schaukelte, und dir der Großvater

gerne das lange Meerrohr mit dem goldenen Knopf abtrat, um es dir als

Reitpferd zu leihen!

Und rücke mit dem nächsten Glase um einige Jahre vorwärts! Erinnerst

du dich des Morgens, als sie dich hineinführten zu einem wohlbekannten

Mann, dessen Gesicht so blaß geworden war, dessen Hand du weinend

küßtest, weinend, ohne zu wissen warum? Denn konntest du glauben, daß

die harten Männer, die ihn in einen Schrank legten und mit schwarzen

Tüchern zudeckten, konntest du glauben, daß sie ihn nicht mehr

zurückbringen würden? Sei ruhig, auch er schlummert nur ein Weilchen.

-- Und gedenkst du des geheimnisvollen Freudenlebens in Großvaters

Büchersaal? Ach, damals kanntest du noch keine Bücher als den schnöden

kleinen Bröder, deinen ärgsten Feind, wußtest nicht, daß jene Folianten

noch zu etwas anderem in Leder gebunden seien, als um Hütten und Ställe

daraus zu erbauen für dich und dein Vieh!

Gedenkst du noch des Frevels, wie roh du mit der deutschen Literatur in

kleinerem Format umgingst? Hast du nicht deinem Bruder den Lessing an

den Kopf geworfen, wofür er dich freilich mit Sophiens Reisen von Memel

nach Sachsen erbärmlich zudeckte? Damals dachtest du freilich nicht

daran, daß du einst selbst Bücher machen werdest!

Tauchet auch ihr auf, aus dem Nebel verschwundener Jahre, ihr Mauern

des alten Schlosses. Wie oft dienten deine halbverfallenen Gänge,

deine Keller, deine Zwinger, deine Verließe der fröhlichen Schar

zum Tummelplatz ihrer Spiele! Soldaten und Räuber, Nomaden und

Karawanen! Wie wohl war uns oft in der untergeordneten Rolle eines

Kosaken, während andere -- Generale, Platows, Blüchers, Napoleone

und dergleichen vorstellten und sich prügelten? Ja, waren wir nicht

zuzeiten sogar ein Pferd, dem Freunde zu Gefallen? O Himmel, wie schön

ließ es sich dort spielen!

Wo sind sie hin, die Gespielen deiner Kindheit, die Genossen jener

goldenen Tage, wo kein Rang, kein Stand, kein Ansehen gilt. Grafen

und Barone machen jetzt wohl die große Tour oder dienen an Höfen als

Kammerherren. Arme Teufel pilgern als Handwerksbursche durchs Reich,

den schweren Bündel auf dem Rücken, ohne Schuhe an den Füßen, haschen

nach Pfennigen aus dem Kutschenschlag, die sie mit dem vom Regen

gebräunten Hut künstlich aufzufassen wissen. Und die Liebe drückt sie

oft noch schwerer als das Bündel auf dem Rücken. Andere Kameraden,

Seelen, die sich in der Schule durch geordneten Fleiß in Humanioribus

hervorgetan, sitzen jetzt schon auf einer Pfarre, im Schlaf- oder

Chorrock bei der Frau Liebsten. Andere sind Amtleute, wieder andere

Apotheker, einige Referendäre und dergleichen, und nur wir beide,

ausschweifend aus dem gewöhnlichen Gang der Dinge, sitzen hier im

Bremer Ratskeller und tun uns gütlich im Weine. Und was sind denn wir

Absonderliches geworden? Doktor? Das kann jeder werden, der vernünftig

genug ist, eine Dissertation zu schreiben.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 2 · 第 18 / 22 段