So sprach der unglückliche Bolnau bei sich; seine Angst vermehrte

sich, als er über die verfängliche Frage wegen der nächsten Redoute

nachdachte. »Er meint gewiß, ich werde mich nicht in die Nähe der

Sängerin wagen, aus bösem Gewissen; aber ich muß hin, ich muß ihm

diesen Verdacht benehmen! Und doch -- wird mich nicht in ihrer Nähe

ein Zittern und Beben überfallen, gerade weil er glauben kann, ich

werde aus Gewissensbissen und Angst zittern?« Er quälte sich ab mit

diesen Vorstellungen, sie beschäftigten ihn tagelang, er erinnerte

sich, daß ein berühmter Schriftsteller in einer Schrift bewiesen

habe, daß man Angst vor der Angst haben könne, und dies schien ihm

ganz sein Fall zu sein. Aber er fühlte, daß er sich ein Herz fassen

und der Gefahr entgegengehen müsse. Er ließ sich vom Maskenverleiher

den prachtvollen Anzug des Pascha von Janina holen; er zog ihn alle

Tage an und übte sich vor einem großen Spiegel, recht unbefangen aus

seiner Maske hervorzuschauen. Er machte sich aus seinem Schlafrocke

eine Puppe und setzte sie auf einen Sessel: sie stellte die Sängerin

Bianetti vor. Er ging als Pascha um sie her, näherte sich ihr und

sprach: »Es freuet mich unendlich, Sie in so erwünschtem Wohlbefinden

zu sehen.« Am dritten Tage konnte er seine Lektion schon ganz ohne

Zittern sagen, daher legte er sich noch Schwereres auf. Er wollte recht

artig und unbefangen sein und ihr einen Teller mit Bonbons und Punsch

offerieren. Er übte sich mit einem Glas Wasser, das er auf einen Teller

setzte. Von Anfang klirrte es schrecklich in seiner zitternden Hand;

aber auch diese Schwachheit überwand er, ja er konnte ganz lustig dazu

sagen: »Verehrte, beliebt Ihnen nicht etwas weniges Punsch und etliche

Bonbons?« Es ging trefflich; kein Sterblicher sollte ihn beben sehen.

Ali Pascha von Janina fühlte Mut in sich, trotz seiner Angst auf die

Redoute zu gehen.

Der Medizinalrat Lange hatte es sich nicht nehmen lassen, die Genesene

zum erstenmal wieder unter die Leute zu führen. Sie hatte es ihm gerne

zugesagt; hatte er doch durch seine treue Pflege, durch die väterliche

Sorgfalt, womit er sich ihrer angenommen, ein Recht auf ihre wärmste

Dankbarkeit gewonnen. So kam er mit ihr auf die Redoute, und er schien

sich nicht wenig auf den Platz an der Seite des schönen, interessanten

Mädchens zu gut zu tun. Die Leute in B. sind ein sonderbares Volk. In

den ersten Tagen hatte man von den nobelsten Salons bis hinab in die

Bierschenken von der Sängerin Uebles gesprochen; als aber Männer von

Gewicht sich ihrer annahmen, als angesehene Damen sich öffentlich für

sie erklärten, drehte sich die Fahne nach dem Wind, und die B...er

liefen, gerührt über das Schicksal des armen Kindes, in den Straßen

umher und starben bald vor Entzücken, daß sie genesen. Als sie in den

Saal der Redoute trat, schien alles nur auf sie, als die Königin des

Festes, gewartet zu haben; man jubelte und jauchzte, man klatschte in

die Hände und rief bravo! als hätte sie eben die schwersten Rouladen

zustande gebracht. Auch dem Medizinalrat fiel sein Anteil am Beifall

zu: »Sehet, der ist's,« riefen sie, »das ist ein geschickter Mann, der

hat sie gerettet!«

Die Sängerin fühlte sich freudig bewegt von diesem Beifall der Menge;

ja sie hätte, berauscht von dem Gemurmel der Glückwünschenden, beinahe

vergessen, daß sie noch ein ernsterer Zweck in diesen Saal geführt

habe; aber die vier handfesten Dominos, die ihren Schritten folgten,

die Fragen des Doktors, ob sie der grauen Augen des Chevaliers noch

nicht ansichtig geworden, erinnerten sie immer wieder an ihr Vorhaben.

Ihr selbst und dem Doktor war es nicht entgangen, daß ein langer,

hagerer Türke (man hieß in B. sein Kostüm den Ali Bassa) sich immer

in ihre Nähe dränge; und so oft der Strom der Masken ihn wegriß, immer

war er ihnen wieder zur Seite. Die Sängerin stieß den Doktor an und

winkte mit den Augen nach dem Pascha hin. Er erwiderte ihren Wink und

sagte: »Ich habe ihn schon lange bemerkt.« Der Pascha näherte sich mit

ungewissen Schritten; die Sängerin klammerte sich fester an Langes

Arm; er war jetzt ganz nahe, starre, graue Aeuglein guckten aus der

Maske, und eine hohle Stimme sprach zu ihr: »Es freut mich unendlich,

wertgeschätzte Mamsell, Sie in so erwünschtem Wohlsein zu sehen.« Die

Sängerin wandte sich erschreckt ab und schien zu zittern; auch die

Maske fuhr bei diesem Anblick bebend zurück und verschwand unter der

Menge. »Ist er es?« rief der Medizinalrat; »fassen Sie sich doch; es

gilt hier, ruhig und mit Umsicht zu handeln; glauben Sie, er ist es?«

-- »Noch weiß ich es nicht gewiß,« entgegnete sie; »aber ich glaube,

seine Augen zu erkennen.«

Der Medizinalrat gab den vier Dominos die Weisung, recht genau auf

diesen Pascha acht zu geben, und ging mit der Dame weiter. Aber kaum

hatte er einige Gänge durch den Saal gemacht, so erschien der Türke

wieder; doch hielt er sich mehr in der Entfernung, als beobachte er die

Sängerin.

Der Doktor trat mit seiner Dame an ein Büfett, um ihr auf den gehabten

Schrecken eine Tasse Tee zu verordnen; er sah sich um -- auch hier

wieder der Türke. Und siehe da, jetzt hatte er auf einem Tellerlein

ein Glas Punsch und einige Bonbons; er nähert sich der Sängerin, seine

Augen funkeln, das Glas hüpft und klappert in seltsamen Klängen auf dem

zitternden Teller; er ist an ihrer Seite, er bietet ihr den Teller und

sagt: »Verehrte, beliebt Ihnen nicht etwas weniges Punsch und etliche

Bonbons?« Die Sängerin sah ihn starr an, sie erbleichte, sie stieß den

Teller zurück und rief: »Ha! der Schreckliche! Er ist's, er ist's, er

will mich vergiften!«

Der Pascha von Janina stand stumm und regungslos, er schien jeden

Gedanken an Verteidigung aufzugeben; willenlos ließ er sich von den

vier handfesten Dominos hinwegführen.

Beinahe in demselben Augenblick wurde der Doktor heftig an seinem

schwarzen Mantel gezogen; er sah sich um, jener kleine verwachsene

Lohnlakai aus dem Hotel de Portugal stand vor ihm, bleich und

von Schrecken entstellt: »Um Gottes Barmherzigkeit willen, Herr

Medizinalrat, kommen Sie doch gefälligst mit mir auf Nr. 53, eben will

der Teufel den französischen Herrn holen.«

»Was schwatzt Er da?« sagte der Doktor unwillig und wollte ihn auf die

Seite schieben, um dem Gefangenen auf die Polizeidirektion zu folgen;

»was geht es mich an, wenn ihn der Satan zu sich nimmt?«

»Aber ich bitte Sie,« rief der Kleine beinahe heulend, »er kann

vielleicht doch gerettet werden; Hochdieselben sind ja Stadtphysikus

allhier und verpflichtet, zu den Fremden in den Hotellern zu kommen.«

Der Medizinalrat unterdrückte einen Fluch, der ihm auf der Zunge

schwebte; er sah, daß er diesem unangenehmen Gang nicht ausweichen

könne, er winkte den Kapellmeister Boloni herbei, übergab ihm die

Sängerin und eilte mit dem kleinen Menschen nach dem Hotel de Portugal.

11.

Es war still und öde in diesem großen Gasthof, Mitternacht war beinahe

schon vorüber, die Lampen in den Gängen und Treppen brannten düster

und trübe; es war dem Medizinalrat unheimlich zu Mut, als er zu dem

einsamen Kranken hinanstieg. Der Lakai schloß die Türe auf, der Doktor

trat ein, wäre aber beinahe wieder zurückgesunken. Denn ein Wesen, das

seit einigen Tagen unablässig seine Phantasie im Wachen und im Schlafe

beschäftigt hatte, saß hier wirklich und verkörpert im Bette. Es war

ein großer, hagerer, ältlicher Mann, er hatte eine spitzig aufstehende,

wollene Schlafmütze tief in die Stirne gezogen, seine enge Brust, seine

langen, dünnen Arme waren mit Flanell überkleidet, unter der Mütze

ragte eine große, spitzige Nase aus einem mageren braungelben Gesicht

hervor, das man schon tot und erstorben geglaubt hätte, wären es nicht

ein Paar graue, stechende Augen gewesen, die ihm noch etwas Leben und

einen schrecklichen, grauenerregenden Ausdruck gaben. Seine langen,

dünnen Finger, die mit den hageren Gelenken weit aus den Aermeln

hervorragten, hatte er zusammengekrümmt, er kratzte mit heiserem,

wahnsinnigen Lachen auf der Bettdecke.

»Schaut! er kratzt sich schon sein Grab!« flüsterte der kleine Mensch

und weckte damit den Doktor aus seinem Hinstarren auf den Kranken. So,

gerade so, hatte sich dieser den Chevalier de Planto gedacht, dieses

tückische, graue Auge, diese unheilverkündenden Züge, diese dürre,

gespensterhafte Figur -- es war hier alles, was die Sängerin von jenem

schrecklichen Manne gesagt hatte. Doch er besann sich, kam er denn

nicht jetzt eben von der Verhaftung jenes Chevaliers? Konnte nicht

ein anderer Mann auch graue Augen haben? War es zu verwundern, daß

ein Kranker abgefallen und bleich war? Der Doktor lachte sich selbst

aus, fuhr mit der Hand über die Stirne, als wolle er diese Gedanken

hinwegwischen, und trat an das Bett. -- Doch noch nie hatte er in so

langen Jahren am Bette eines Kranken Grauen und Furcht gefühlt -- hier,

es war ihm unerklärlich, hier befiel ihn eine Beengung, ein Schauer,

den er umsonst abzuschütteln suchte, und er fuhr unwillkürlich zurück,

als er die feuchte, kalte Hand in der seinigen fühlte, als er lange

umsonst nach einem Puls suchte.

»Der dumme Kerl,« rief der Kranke mit heiserer Stimme, indem er bald

Französisch, bald schlechtes Italienisch und gebrochenes Deutsch

untereinanderwarf, »der dumme kleine Kerl hat mir, glaube ich, einen

Doktor gebracht. Sie werden mir verzeihen, ich habe nie viel von Ihrer

Kunst gehalten. Das einzige, was mich heilen kann, sind die Bäder

von Genua; ich habe der Bête schon befohlen, daß er mir Postpferde

bestellt; ich werde heute nacht noch abfahren.«

»Freilich wird er abfahren,« murmelte der kleine Mensch; »aber mit

sechs kohlschwarzen Rappen, und nicht nach Genua, wo der selige Fiesco

ertrunken, sondern dahin, wo Heulen und Zähneklappern.«

Der Doktor sah, daß hier wenig zu machen sei; er glaubte die Vorzeichen

des nahen Todes in den Augen, in den unruhigen Bewegungen des Kranken

zu lesen, selbst jene Sehnsucht zu reisen und hinaus ins Weite zu

kommen, war schon oft der Vorbote eines schnellen Endes gewesen. Er

riet ihm daher, sich ruhig niederzulegen, und versprach ihm, einen

kühlen Trank zu bereiten.

Der Kranke lachte grimmig. »Liegen, ruhig liegen?« antwortete er.

»Wenn ich liege, höre ich auf zu atmen; ich muß sitzen, im Wagen muß

ich sitzen, fort, weit fort! -- Was sagt der kleine Mensch? Hat er die

Pferde bestellt? Kleiner Hund, hast du mein Gepäck in Ordnung?«

»Ach, Herr und Vater!« krächzte der Kleine, »jetzt denkt er an sein

Gepäck; ja einen schweren Pack Sünden nimmt er mit, der Unmensch. Es

ist nicht an den Himmel zu malen, was er geflucht und gotteslästerliche

Reden geführt hat.«

Der Medizinalrat faßte noch einmal die Hand des Kranken. »Fassen

Sie Vertrauen zu mir,« sagte er, »vielleicht kann Ihnen die Kunst

doch noch nützen; Ihr Diener sagt mir, es sei Ihnen eine Schußwunde

wieder aufgegangen; lassen Sie mich untersuchen.« Murrend bequemte

sich der Kranke dazu, er deutete auf seine Brust. Der Arzt nahm einen

schlechtgemachten Verband weg, er fand -- eine Stichwunde nahe am

Herzen. -- Sonderbar! es war dieselbe Größe, derselbe Ort, wie die

Wunde der Sängerin.

»Das ist eine frische Wunde, ein Stich!« rief der Doktor und sah den

Kranken mißtrauisch an. »Woher haben Sie diese Wunde?«

»Sie glauben wohl, ich habe mich geschlagen? Nein, beim Teufel! Ich

hatte ein Messer in der Brusttasche, fiel eine Treppe herab und habe

mich ein wenig geritzt.«

»Ein wenig geritzt!« dachte Lange; »und doch wird er an dieser Wunde

sterben.«

Er hatte indessen Limonade bereitet und bot sie dem Kranken; dieser

führte sie mit unsicherer Hand zum Munde, sie schien ihn zu erquicken;

er war einige Momente still und ruhig; doch, als er sah, daß er einige

Tropfen auf die Decke gegossen hatte, fing er an zu fluchen und

verlangte ein Schnupftuch. Der Lakai flog zu einem Koffer, schloß auf

und brachte ein Tuch heraus -- der Doktor sah hin, eine schreckliche

Ahnung stieg in ihm auf -- er sah wieder hin, es war dieselbe Farbe,

derselbe Stoff, es war das Tuch, das man bei der Sängerin gefunden.

Der kleine Mensch wollte es dem Kranken überreichen; er stieß es

zurück: »Gehe zu allen Teufeln, du Tier! Wie oft muß ich es sagen, ~Eau

d'héliotrope~ darauf!« Der Diener holte eine kleine Flasche hervor und

besprengte das Tuch; ein angenehmer Geruch verbreitete sich im Zimmer

-- es war dasselbe Parfüm, das jenes gefundene Tuch an sich getragen.

Der Medizinalrat bebte an allen Gliedern; es war kein Zweifel mehr, er

hatte hier den Mörder der Sängerin Bianetti, den Chevalier de Planto

vor sich. Es war ein Hilfloser, ein Kranker, ein Sterbender, der hier

im Bette saß, aber dem Doktor war es, als könne er alle Augenblicke aus

dem Bette fahren und nach seiner Kehle greifen, er ergriff seinen Hut,

es trieb ihn fort aus der Nähe des Schrecklichen.

Der kleine Lakai packte ihn am Rock, als er ihn gehen sah. »Ach,

Wohledler!« stöhnte er, »Sie werden mich doch nicht bei ihm allein

lassen wollen? Ich halte es nicht aus, wenn er jetzt stürbe und dann

sogleich als flanellenes Gespenst mit der Zipfelmütze auf dem Schädel

im Zimmer auf und ab spazierte! Um Gottes Barmherzigkeit willen,

verlassen Sie mich nicht!«

Der Kranke grinste fürchterlich und lachte und fluchte untereinander,

er schien dem Kleinen zu Hilfe kommen zu wollen, er streckte ein

langes, dürres Bein aus dem Bette, er krallte die dünnen Finger nach

dem Doktor. Doch dieser hielt es nicht mehr aus; der Wahnsinn schien

ihn anzustecken, er warf den Kleinen zurück und floh aus dem Zimmer;

noch auf den untersten Treppen hörte er das gräßliche Lachen des

Mörders.

12.

Am Morgen nach dieser Nacht fuhr ein hübscher Stadtwagen vor dem

Hotel de Portugal vor; es stiegen drei Personen, eine verschleierte

Dame und zwei ältliche Herren, heraus und stiegen die Treppe hinan.

»Ist der Herr Oberjustiz-Referendarius Pfälle schon oben?« fragte der

eine dieser Herren den Kellner, der sie hinaufführte. Dieser bejahte,

und der Herr fuhr fort: »Und doch ist es eine sonderbare Fügung des

Schicksals, daß er die Treppe hinabstürzt und sich selbst den Dolch

in die Brust stößt, daß er sich selbst verhindert, zu entfliehen, daß

gerade Sie, Lange, zu ihm beschieden werden!«

»Gewiß,« sagte die verschleierte Dame, »finden Sie aber nicht auch ein

eigentümliches Verhängnis in diesen Schnupftüchern? Das eine mußte er

bei mir liegen lassen, welcher Zufall! das andere muß er gerade in dem

Augenblick verlangen, wo der Doktor noch bei ihm ist.«

»Es mußte so gehen,« erwiderte der zweite Herr, »man kann nichts sagen,

als es mußte so kommen. Aber in diesem Strudel hätte ich beinahe etwas

vergessen; sagen Sie, was ist es denn mit dem Pascha von Janina?

Signora mußte sich offenbar getäuscht haben. Sie haben ihn wieder auf

freien Fuß gesetzt? Wer war der arme Teufel?«

»Mit nichten und im Gegenteil,« sprach der erstere, »ich habe mich

überzeugt, daß es ein Mitschuldiger des Chevaliers ist, dem ich schon

lange auf der Spur bin. Ich habe ihn schon hieher bringen lassen, er

wird mit dem Mörder konfrontiert werden.«

»Nicht möglich!« rief die Dame; »ein Mitschuldiger?«

»Ja! ja!« sagte der Herr mit schlauem Lächeln, »ich weiß allerlei, wenn

man mir es auch nicht angibt. Aber gottlob, wir sind oben, hier ist

ja gleich Nr. 53. Mademoiselle, haben Sie die Güte, einstweilen hier

auf 54 einzutreten; der Kapellmeister hat es erlaubt und wird Sie nicht

hinauswerfen; dafür wollte ich stehen. Wenn das Verhör an Sie kommt,

werde ich Sie rufen.«

Wir brauchen nicht erst zu sagen, daß diese drei Personen die Sängerin,

der Doktor und der Direktor waren; sie kamen, um den Chevalier de

Planto eines Mordversuchs anzuklagen. Der Direktor und der Medizinalrat

traten ein; der Kranke saß noch ebenso im Bette, wie ihn der Doktor

in der Nacht gesehen; nur schienen beim Tageslicht seine Züge noch

krasser, der Ausdruck seiner Augen, die schon zu erstarren anfingen,

noch schauerlicher. Er sah bald den Doktor, bald den Direktor mit

seelenlosen Blicken an, dann schien er nachzusinnen, was hier in seinem

Zimmer vorgehe, denn der Referendarius Pfälle, ein kurzer, junger Mann

mit roten Wangen und kleinen Aeuglein hatte sich einen Tisch zurecht

gestellt, einen Stoß Papier vor sich hingelegt und hielt eine lange

Schwanenfeder in der Rechten, um zu protokollieren.

»Bête, was wollen diese Herren?« rief der Kranke mit schwacher Stimme

dem kleinen Lakaien zu. »Du weißt ja, ich nehme keine Besuche an.«

Der Direktor trat dicht vor ihn hin, sah ihn fest an und sagte mit

Nachdruck: »Chevalier de Planto!«

»~Qui vive?~« schrie der Kranke und fuhr mit der Rechten an die

Schlafmütze, als wolle er militärisch salutieren.

»Mein Herr, Sie sind der Chevalier de Planto?« fuhr jener fort.

Die grauen Augen fingen an zu glänzen, er warf stechende Blicke auf den

Direktor und den Referendär, schüttelte mit höhnischer Miene den Kopf

und antwortete: »Der Chevalier ist längst tot.«

»So? Wer sind denn Sie? Antworten Sie; ich frage im Namen des Königs.«

Der Kranke lachte: »Ich nenne mich Lorier; Bête, gib dem Herrn meine

Pässe!«

»Ist nicht nötig; kennen Sie dies Tuch, mein Herr?«

»Was werde ich es nicht kennen, Sie haben es da von meinem Stuhl

weggenommen; wozu diese Fragen, wozu diese Szenen? Sie genieren mich,

mein Herr!«

»Belieben Sie auf Ihre linke Hand zu schauen,« sagte der Direktor;

»dort halten Sie ja Ihr Tuch; dieses hier fand sich im Hause einer

gewissen Giuseppa Bianetti.«

Der Kranke warf einen wütenden Blick auf die Männer; er ballte seine

Faust und knirschte mit den Zähnen; er schwieg hartnäckig, obgleich der

Direktor seine Fragen wiederholte. Dieser gab jetzt dem Doktor einen

Wink; er ging hinaus und erschien bald darauf mit der Sängerin, dem

Kapellmeister Boloni und dem ...schen Gesandten in dem Zimmer.

»Herr Baron von Martinow,« wandte sich der Direktor zu diesem,

»erkennen Sie diesen Mann für denselben, den Sie in Paris als Chevalier

de Planto kannten?«

»Ich erkenne ihn für denselben,« antwortete der Baron, »und wiederhole

meine Aussage über ihn, die ich früher zu Prototoll gab.«

»Giuseppa Bianetti! erkennen Sie ihn für denselben, der Sie aus dem

Hause Ihres Stiefvaters führte, in sein Haus nach Paris brachte, für

denselben, den Sie eines Mordversuches beschuldigen?«

Die Sängerin bebte bei dem Anblick des fürchterlichen Mannes; sie

wollte antworten, aber er selbst ersparte ihr jedes Geständnis.

Er richtete sich höher auf, seine wollene Mütze schien spitziger

aufzustehen, seine Arme waren steif, er schien sie mit Mühe zu bewegen,

aber seine Finger krallten sich krampfhaft auf und zu; seine Stimme

schlich sich nur noch leise und heiser aus der Brust herauf, selbst

sein Lachen und seine Flüche wurden beinahe zum Geflüster. »Kommst du,

mich zu besuchen, Schepperl?« sagte er; »das ist schön von dir; nicht

wahr, du weidest dich recht an meinem Anblick? Es ist mir wahrhaftig

leid, daß ich dich nicht besser getroffen, ich hätte dir dadurch den

Schmerz erspart, deinen Oheim vor seiner Abreise von diesen deutschen

Tieren verhöhnt zu sehen.«

»Was brauchen wir weiter Zeugnis?« unterbrach ihn der Direktor. »Herr

Referendarius Pfälle, schreiben Sie einen Verhaftungsbefehl gegen --«

»Was tun Sie?« rief der Doktor, »sehen Sie denn nicht, daß ihm der Tod

schon am Herzen ist? Er treibt es keine Viertelstunde mehr. Eilen Sie,

wenn Sie noch etwas zu fragen haben.«

Der Doktor befahl dem Lakai, den Gerichtsdienern zu rufen, sie sollen

den Gefangenen heraufbringen; der Kranke sank mehr und mehr zusammen,

sein Auge schien stillzustehen, es hatte nur eine Richtung, nach

der Sängerin, aber auch jetzt noch schien Wut und Ingrimm daraus

hervorzublitzen. »Schepperl,« sprach er wieder, »du hast mich

unglücklich gemacht, zu Grunde gerichtet, darum verdientest du den

Tod; du hast deinen Vater zu Grunde gerichtet, sie haben ihn auf die

Galeere geschickt, weil er dich mir um Geld verkauft hat; er hat mich

beschworen, dich umzubringen; es tut mir leid, daß ich gezittert habe.

Verflucht seien diese Hände, die nicht einmal mehr sicher stoßen

konnten!« Seine greulichen Verwünschungen, die er über sich und

Giuseppa ausstieß, wurden durch eine neue Erscheinung unterbrochen.

Zwei Gerichtsdiener brachten einen Mann in türkischer Kleidung; es

war der unglückliche Ali Pascha von Janina -- der Turban bedeckte das

jammervolle Haupt des Kommerzienrats Bolnau. Alle erstaunten über

diesen Anblick, besonders schien der Kapellmeister sehr betreten; er

erblaßte und errötete und wandte sein Gesicht ab. »Monsieur de Planto,«

sprach der Direktor, »kennen Sie diesen Mann?« Der Kranke hatte die

Augen geschlossen; er riß sie mühsam auf und sagte: »Gehet zu allen

Teufeln, ich kenne ihn nicht.«

Der Türke sah die Umstehenden mit kummervoller Miene an; »ich wußte

wohl, daß es so kommen werde,« sprach er mit weinerlichem Tone, »es hat

mir schon lange geahnet. Aber, Mademoiselle Bianetti, wie konnten Sie

doch einen unschuldigen Mann so ins Unglück bringen?«

»Was ist es denn mit diesem Herrn?« fragte die Sängerin; »ich kenne ihn

nicht. Herr Direktor, was hat denn dieser getan?«

»Signora,« sprach der Direktor mit tiefem Ernst, »vor den Gerichten

gilt keine Nachsicht oder irgend eine Schonung, Sie müssen diesen Herrn

kennen; es ist der Kommerzienrat Bolnau. Ihr eigenes Kammermädchen hat

eingestanden, daß Sie bei dem Mord seinen Namen ausgerufen haben.«

»Freilich!« klagte der Pascha, »meinen Namen genannt, unter so

verfänglichen Umständen!«

Die Sängerin erstaunte, eine tiefe Röte flog über ihr schönes Gesicht,

sie ergriff in großer Bewegung den Kapellmeister bei der Hand; »Carlo,«

rief sie, »jetzt gilt es zu sprechen, ich kann es nicht verschweigen;

ja, Herr Direktor, ich werde diesen teuren Namen genannt haben, aber

ich meinte nicht jenen Herrn, sondern --«

»Mich!« rief der Kapellmeister und trat hervor. »Ich heiße, wenn es

mein lieber Vater dort erlaubt, Karl Bolnau!«

»Karl! Musikant! Amerikaner!« rief der Türke und umarmte ihn; »das ist

das erste gescheite Wort in deinem Leben, du hast mich aus einem großen

Jammer befreit.«

»Wenn sich die Sache so verhält,« sagte der Direktor, »so sind Sie

frei, und wir haben in dieser Sache nur mit gegenwärtigem Herrn

Chevalier de Planto zu tun.« Er wandte sich um zu dem Bette; dort stand

der Arzt und hielt die Hand des Mörders in der seinigen; er legte sie

ernst und ruhig auf die Decke und drückte ihm die starren Augen zu.

»Direktor,« sagte er, »der macht es jetzt mit einem höheren Richter

aus.«

Man verstand ihn; sie gingen aus dem Gemach des furchtbaren Toten und

traten drüben bei dem Kapellmeister, dem glücklichen, wiedergefundenen

Sohne des Pascha, ein; die Sängerin verbarg ihr Gesicht an der Brust

des Geliebten, ihre Tränen strömten heftig, aber es waren die letzten,

die sie ihrem unglücklichen Schicksal weinte; denn der Pascha ging

lächelnd um das schöne Paar, er schien an einem großen Entschluß zu

arbeiten; er besprach sich heimlich mit dem Medizinalrat und trat von

diesem zu seinem Sohn und der Sängerin. »Liebste Mademoiselle,« sprach

er, »ich habe Ihretwegen vieles ausgestanden, Sie haben meinen Namen

so verfänglich genannt, daß ich Sie bitte, ihn mit dem Ihrigen zu

vertauschen. Sie haben gestern meinen Teller mit Punsch verschmäht,

werden Sie mich wieder zurückstoßen, wenn ich Ihnen gegenwärtigen Herrn

Karl Bolnau, meinen musikalischen Sohn, präsentiere, mit der Bitte, ihn

zu ehelichen?«

Sie sagte nicht nein; sie küßte mit Freudentränen seine Hand, der

Kapellmeister schloß sie mit Entzücken in seine Arme und schien diesmal

sein erhabenes Pathos ganz vergessen zu haben. Der Kommerzienrat aber

faßte des Doktors Hand: »Lange, sage Er, hätte ich denken können, daß

es so kommen würde, als Er mir den Schrecken in alle Glieder jagte, als

ich die Scheiben des Palais zählte und Er mir sagte: ›Ihr letztes Wort

war Bolnau!‹«

»Nun! was will Er weiter!« antwortete der Medizinalrat lächelnd; »es

war doch gut, daß ich es Ihm damals sagte; wer weiß es, ob alles so

gekommen wäre ohne das _letzte Wort der Sängerin_.«

Phantasien im Bremer Ratskeller,

ein Herbstgeschenk

für Freunde des Weines.

Den zwölf Aposteln

im Ratskeller zu Bremen

in dankbarer Erinnerung

Im Herbst 1827. Der Verfasser.

Guter Wein ist ein gutes, geselliges Ding, und jeder Mensch

kann sich wohl einmal davon begeistern lassen.

_Shakespeare._

»Mit dem Menschen ist nicht auszukommen,« sagten sie, als sie in meinem

Gasthof die Treppe hinabstiegen, und ich konnte es noch deutlich hören.

»Jetzt will er wieder schlafen von neun Uhr an und leben wie ein

Murmeltier; wer hätte das gedacht vor vier Jahren!«

Sie hatten nicht unrecht, die Freunde, daß sie mich in Unmut verließen.

Gab es ja doch heute abend eines der glänzendsten musikalischen,

tanzenden und deklamierenden Butterbrote in der Stadt, und hatten sie

sich nicht alle mögliche Mühe gegeben, mir, dem Landfremden, einen

angenehmen Abend dort zu verschaffen? Aber es war wahrhaftig unmöglich;

ich konnte nicht gehen. Warum sollte ich einen tanzenden Tee besuchen,

wo _sie_ nicht tanzte, warum ein singendes Butterbrot, wo ich (ich

wußte es zum voraus) hätte singen müssen, ohne von _ihr_ gehört zu

werden; warum einen trauten Kreis von Freunden durch Trübsinn und

finsteres Wesen stören, das ich nun heute nicht verbannen konnte? O

Gott! ich wollte ja lieber, daß sie mir auf der Treppe einige Sekunden

fluchten, als daß sie sich von neun Uhr bis ein Uhr langweilten, wenn

sie nur mit meinem Körper sich unterhielten und bei der Seele umsonst

anfragten, die einige Straßen weiter auf Unserer Lieben Frauen

Kirchhof nachtwandelte.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 2 · 第 17 / 22 段