und es stand nichts mehr im Wege, meinen Wohltätern nicht mehr
beschwerlich zu fallen. Schon einige Wochen nachher kam ich nach B. Ich
ging vorgestern abend auf die Redoute, und ich will Ihnen nur gestehen,
daß ich recht freudig gestimmt war. Boloni durfte nicht wissen, in
welchem Kostüm ich erscheinen würde, ich wollte ihn necken und dann
überraschen. Auf einmal, wie ich allein durch den Saal gehe, flüstert
eine Stimme in mein Ohr: ›Schepperl! was macht dein Onkel?‹ Ich war wie
niedergedonnert; diesen Namen hatte ich nicht mehr gehört, seit ich
den Händen jenes Fürchterlichen entgangen war. Mein Onkel! Ich hatte
ja keinen, und nur _einer_ hatte gelebt, der sich vor der Welt dafür
ausgab, der Chevalier de Planto. Ich hatte kaum so viel Fassung, zu
erwidern: ›Du irrst dich, Maske!‹ Ich wollte hinwegeilen, mich unter
dem Gewühl der Menge verbergen, aber die Maske schob ihren Arm in den
meinigen und hielt mich fest. ›Schepperl!‹ sprach der Unbekannte,
›ich rate dir, ruhig neben mir herzugehen, sonst werde ich den Leuten
erzählen, in welcher Gesellschaft du dich früher umhergetrieben.‹ Ich
war vernichtet, es wurde Nacht in meiner Seele, nur _ein_ Gedanke war
in mir lebhaft: die Furcht vor der Schande. Was konnte ich armes,
hilfloses Mädchen machen, wenn dieser Mensch, wer er auch sein mochte,
solche Dinge von mir aussagte? Die Welt würde ihm geglaubt haben, und
Carlo! ach, Carlo wäre nicht der letzte gewesen, der mich verdammt
hätte. Ich folgte dem Manne an meiner Seite willenlos. Er flüsterte
mir die schrecklichsten Dinge zu; meinen Onkel, wie er den Chevalier
nannte, habe ich unglücklich gemacht, meinen Vater, meine Familie ins
Verderben gestürzt. -- Ich konnte es nicht mehr aushalten, ich riß mich
los und rief nach meinem Wagen. Als ich mich aber auf der Treppe umsah,
war diese schreckliche Gestalt mir gefolgt. ›Ich fahre mit dir nach
Hause, Schepperl,‹ sprach er mit schrecklichem Lachen; ›ich habe noch
ein paar Worte mit dir zu reden.‹ Die Sinne vergingen mir, ich fühlte,
daß ich ohnmächtig werde, ich wachte erst wieder im Wagen auf, die
Maske saß neben mir. Ich stieg aus und ging auf mein Zimmer, er folgte;
er fing sogleich wieder an zu reden; in der Todesangst, ich möchte
verraten werden, schickte ich Babette hinaus.
»›Was willst du hier, Elender?‹ rief ich voll Wut, mich so beleidigt zu
sehen. ›Was kannst du von mir Schlechtes sagen? Ohne meinen Willen kam
ich in jenes Haus; ich verließ es, als ich sah, was dort meiner warte.‹
»›Schepperl, mache keine Umstände; es gibt nur zwei Wege, dich zu
retten. Entweder zahlst du auf der Stelle zehntausend Franken, sei es
in Juwelen oder Gold, oder du folgst mir nach Paris; sonst weiß morgen
die ganze Stadt mehr von dir, als dir lieb ist.‹ Ich war außer mir.
›Wer gibt dir dieses Recht, mir solche Zumutungen zu machen?‹ rief ich.
›Wohlan! sage der Stadt, was du willst; aber auf der Stelle verlasse
dieses Haus! Ich rufe die Nachbarn.‹
»Ich hatte einige Schritte gegen das Fenster getan, er lief mir nach,
packte meinen Arm. ›Wer mir das Recht gibt?‹ sprach er, ›dein Vater,
Täubchen, dein Vater.‹ Ein teuflisches Lachen tönte aus seinem Mund,
der Schein der Kerze fiel auf ein Paar graue, stechende Augen, die
mir nur zu bekannt waren. In demselben Moment war mir klar, wen ich
vor mir hatte; ich wußte jetzt, daß sein Tod nur ein Blendwerk war,
das er zu irgend einem Zweck erfunden hatte; die Verzweiflung gab mir
übernatürliche Kraft; ich rang mich los, ich wollte ihm seine Maske
abreißen. ›Ich kenne Euch, Chevalier de Planto,‹ rief ich, ›aber Ihr
sollt den Gerichten Rechenschaft über mich geben müssen.‹ -- ›So weit
sind wir noch nicht, Täubchen,‹ sagte er, und in demselben Augenblick
fühlte ich sein Eisen in meiner Brust, ich glaubte zu sterben --«
Der Doktor schauderte; es war heller Tag, und doch graute ihm, wie wenn
man im Dunkeln von Gespenstern spricht. Er glaubte, das heisere Lachen
dieses Teufels zu hören, er glaubte, hinter den Gardinen des Bettes
die grauen, stechenden Augen dieses Ungeheuers glänzen zu sehen. »Sie
glauben also,« sagte er nach einer Weile, »daß der Chevalier nicht tot
ist, daß es derselbe ist, der Sie ermorden wollte?«
»Seine Stimme, sein Auge überzeugten mich; das Tuch, das ich Ihnen
gestern gab, machte es mir zur Gewißheit. Die Anfangslettern seines
Namens sind dort eingezeichnet.«
»Und geben Sie mir Vollmacht, für Sie zu handeln? Darf ich alles, was
Sie mir sagten, selbst vor Gericht angeben?«
»Ich habe keine Wahl, alles! Aber, nicht wahr, Doktor, Sie gehen zu
Boloni und sagen ihm, was ich Ihnen sagte? Er wird Ihnen glauben, er
kannte ja auch Seraphine.«
»Und darf ich nicht auch wissen,« fuhr der Medizinalrat fort, »wie der
Gesandte hieß, in dessen Haus Sie sich verbargen?«
»Warum nicht? Es war ein Baron Martinow.«
»Wie?« rief Lange in freudiger Bewegung. »Der Baron Martinow? Ist er
nicht in ...schen Diensten?«
»Ja, kennen Sie ihn? Er war Gesandter des ...schen Hofes in Paris und
nachher in Petersburg.«
»O, dann ist es gut, sehr gut,« sagte der Medizinalrat und rieb sich
freudig die Hände. »Ich kenne ihn, er ist seit gestern hier; er hat
mich rufen lassen; er wohnt im Hotel de Portugal.«
Eine Träne blinkte in dem Auge der Sängerin, und von frommen
Empfindungen schien ihr Herz bewegt. »So mußte ein Mann,« sagte sie,
»den ich viele hundert Meilen entfernt glaubte, hierher kommen, um
die Wahrheit meiner Erzählung zu bekräftigen! Gehen Sie zu ihm; ach,
daß auch Carlo zuhören könnte, wenn er Ihnen versichert, daß ich die
Wahrheit sprach!«
»Er soll es, er soll mit mir, ich will es schon machen. Adieu, gutes
Kind; seien Sie ganz ruhig, es muß Ihnen noch gut gehen auf Erden, und
nehmen Sie die Mixtur recht fleißig, alle Stunden zwei Löffel voll!«
So sprach der Doktor und ging. Die Sängerin aber dankte ihm durch
ihre freundlichen Blicke. Sie war ruhiger und heiter; es war, als
habe sie eine große Last mit ihrem Geheimnis hinweggewälzt; sie sah
vertrauensvoller in die Zukunft, denn ein gütiges Geschick schien sich
des armen Mädchens zu erbarmen.
8.
Der Baron Martinow, dem Lange früher einmal einen wichtigen Dienst zu
leisten Gelegenheit gehabt hatte, nahm ihn freundlich auf und gab ihm
über die Sängerin Bianetti die genügendsten Aufschlüsse. Er bestätigte
nicht nur beinahe wörtlich ihre Erzählung, sondern er brach auch in
die lautesten Lobeserhebungen ihres Charakters aus; ja er versprach,
wohin er in dieser Stadt kommen würde, überall zu ihren Gunsten zu
sprechen und die Gerüchte zu widerlegen, die über sie im Umlauf waren.
Er hat auch Wort gehalten, denn hauptsächlich seinem Ansehen und der
edelmütigen Art, womit er sich der Italienerin annahm, schrieben es
ihre Freunde zu, daß die Gesinnungen des Publikums über sie in wenigen
Tagen wie durch einen Zauberschlag sich änderten. Der Medizinalrat
Lange aber stieg an jenem Tage, als er vom Gesandten kam, aus der
Bel-Etage des Hotels de Portugal noch einige Treppen höher, in die
Mansarden; in Nr. 54 sollte der Kapellmeister wohnen. Er stand vor der
Türe still, um Atem zu schöpfen, denn die steilen Treppen hatten ihn
angegriffen. Sonderbare Töne drangen aus dieser Türe in sein Ohr. Es
schien ein schwer Kranker darin zu sein, denn er vernahm ein tiefes
Stöhnen und Seufzen, das aus der tiefsten Brust aufzusteigen schien.
Dann klangen wieder schreckliche französische und italienische Flüche
dazwischen, wie wenn Ungeduld dem Jammer Luft machen will, und ein
heiseres Lachen der Verzweiflung bildete wieder den Uebergang zu jenen
tiefen Seufzern. Der Medizinalrat schauderte. »Habe ich doch schon
neulich etwas weniges Wahnsinn an dem Maestro verspürt,« dachte er,
»sollte er vollends übergeschnappt sein, oder ist er krank geworden
aus Schmerz?« Er hatte schon den Finger gekrümmt, um anzuklopfen,
als sein Blick noch einmal auf die Nummer der Türe fiel; es war 53.
Wie hatte er sich doch täuschen können; fast wäre er zu einem ganz
fremden Menschen eingetreten. Unwillig über sich selbst ging er eine
Türe weiter; hier war 54; hier lautete es auch ganz anders. Eine tiefe
schöne Männerstimme sang ein Lied, begleitet von dem Pianoforte; der
Medizinalrat trat ein, es war jener junge Mann, den er gestern bei der
Sängerin gesehen.
Im Zimmer lagen Notenblätter, Gitarre, Violinen, Saiten und anderer
Musikbedarf umher, und mitten unter diesen Trümmern stand der
Kapellmeister in einem weiten, schwarzen Schlafrock, eine rote Mütze
auf dem Kopf und eine Notenrolle in der Hand; der Doktor hat nachher
gestanden, es sei ihm bei seinem Anblick Marius auf den Trümmern von
Karthago eingefallen.
Der junge Mann schien sich seiner von gestern zu erinnern und empfing
ihn beinahe finster; doch war er so artig, einen Stoß Notenblätter mit
einem Ruck von einem Sessel auf den Boden zu werfen, um seinem Besuch
Platz anzubieten; er selbst stieg mit großen Schritten im Zimmer umher,
und sein fliegender Schlafrock nahm geschickt den Staub von Tischen und
Büchern.
Er ließ den Medizinalrat nicht zum Worte gelangen, er überschrie ihn.
»Sie kommen von ihr?« rief er. »Schämen sich Ihre grauen Haare nicht,
der Kuppler eines solchen Weibes zu werden? Ich will nichts mehr hören;
ich habe mein Glück zu Grabe getragen, Sie sehen, ich traure um meine
Seligkeit; ich habe meinen schwarzen Schlafrock an, schon dies sollte
Ihnen, wenn Sie sich entfernt auf Psychologie verstehen, ein Zeichen
sein, daß ich jene Person für mich als gestorben ansehe. O Giuseppa,
Giuseppa!«
»Wertester Herr Kapellmeister,« unterbrach ihn der Doktor, »so hören
Sie mich nur an --«
»Hören? Was wissen Sie von Hören? Lauschen Sie, wenn Sie von Hören
sprechen; ich will prüfen, ob du Gehör hast, Alter! Siehe, das ist
das Weib,« fuhr er fort, indem er den Flügel aufriß und einiges
spielte, das übrigens dem Doktor, der kein großer Musikkenner war,
vorkam wie andere Musik auch; »hören Sie dieses Weiche, Schmelzende,
Anschmiegende? Aber bemerken Sie nicht in diesen Uebergängen das
unzuverlässige, flüchtige, charakterlose Wesen dieser Geschöpfe? Aber
hören Sie weiter,« sprach er mit erhobener Stimme und glänzendem Auge,
indem er die weiten Aermel des Trauerschlafrockes zurückschüttelte,
»wo Männer wirken, ist Kraft und Wahrheit; hier kann nichts Unreines
aufkommen, es sind heilige, göttliche Laute!« Er hämmerte mit großer
Macht auf den Tasten umher, aber dem Doktor wollte es wieder bedünken,
als sei dies nur ganz gewöhnliche Musik.
»Sie haben da eine sonderbare Charakteristik der Menschen,« sagte
er; »da wir doch einmal so weit sind, dürfte ich Sie nicht bitten,
Verehrter, daß Sie mir doch einmal einen Medizinalrat auf dem Klavier
vorstellten?«
Der Musiker sah ihn verächtlich an. »Wie magst du nur mit einem
schlechten quiekenden Cis hereinfahren, Erdenwurm, wenn ich den
herrlichen, strahlenwerfenden Akkord anschlage!«
Die Antwort des Doktors wurde durch ein Klopfen an der Tür
unterbrochen; eine kleine verwachsene Figur trat herein, machte eine
Reverenz und sprach: »Der kranke Herr auf Nr. 53 läßt den Herrn
Kapellmeister höflichst ersuchen, doch nicht so gar erschrecklich
zu hantieren und zu haselieren, wasmaßen derselbe von gar schwacher
Konstitution und dem zeitlichen Hinscheiden nahe ist.«
»Ich lasse dem Herrn meinen gehorsamsten Respekt vermelden,« erwiderte
der junge Mann, »und meinetwegen könne er abfahren, wann es ihm
gefällig. Es graut mir ohnedies alle Nacht vor seinem Jammern und
Stöhnen, und das greulichste sind mir seine gottlosen Flüche und sein
tolles Lachen. Meint vielleicht der Franzose, er sei allein Herr im
Hotel de Portugal? Geniert er mich, so geniere ich ihn wieder.«
»Aber verzeihen Euer Hochedelgeboren,« sagte der verwachsene Mensch,
»er treibt's nicht mehr lange, wollten Sie ihm nicht die letzten
Augenblicke --«
»Ist er so gar krank, der Herr?« fragte der Medizinalrat teilnehmend,
»was fehlt ihm? Wer behandelt ihn? Wer ist er?«
»Wer er ist, weiß ich gerade nicht; ich bin der Lohnlakai; ich denke,
er nennt sich Lorier und ist aus Frankreich; vorgestern war er noch
wohlauf, aber etwas melancholisch, denn er ging gar nicht aus, hatte
auch keine Lust, die Merkwürdigkeiten dieser Stadt zu sehen, aber am
andern Morgen fand ich ihn schwerkrank im Bette; es scheint, er hat in
der Nacht einen Schlaganfall bekommen. Aber um alle Welt will er keinen
Arzt. Er flucht gräßlich, wenn ich frage, ob ich einen zu ihm führen
solle. Er pflegt und verbindet sich selbst; ich glaube, er hat auch
eine alte Schußwunde aus dem Krieg, die jetzt wieder aufgegangen ist.«
Man hörte in diesem Augenblick den Kranken nebenan mit heiserer Stimme
rufen und einige Verwünschungen ausstoßen. Der Lohnlakai schlug drei
Kreuze und flog hinüber.
Der Doktor versuchte noch einmal, ob seine Reden bei dem verstockten
Liebhaber keinen Eingang fänden, und wirklich schien es diesmal zu
gelingen. Er hatte eine Partitur in die Hand genommen, aus welcher er
mit leiser Stimme vor sich hinsang; der Doktor benützte diese ruhigere
Stimmung und fing an, ihm das Leben der Sängerin zu erzählen. Anfangs
schien der Kapellmeister nicht darauf zu achten; er las emsig in seiner
Partitur und tat, als sei außer ihm niemand im Zimmer; nach und nach
aber wurde er aufmerksamer, er hörte auf zu singen; bald hob sich
zuweilen sein Auge über die Partitur und streifte glühend über des
Doktors Gesicht, dann ließ er das Notenheft sinken und sah den Erzähler
fest an; sein Interesse schien mehr und mehr zu wachsen, seine Augen
glänzten, er rückte näher, er faßte den Arm des Mediziners, und als
dieser seine Erzählung schloß, sprang er in großer Bewegung auf und
rannte im Zimmer auf und nieder. »Ja,« rief er, »es liegt Wahrheit
darin, ein Schein von Wahrheit, eine Wahrscheinlichkeit; es ist
möglich, es könnte etwa so gewesen sein; Teufel! könnte es nicht auch
eine Lüge sein?«
»Das heißt man, glaube ich, ~decrescendo~ in Ihrer werten Kunst, Herr
Kapellmeister; aber warum denn bei dieser Sache so von der Wahrheit bis
zur Lüge herabsteigen? Wenn ich Ihnen nun einen Bürgen für die Wahrheit
stellte? Maestro, wie dann?«
Boloni blieb sinnend vor ihm stehen: »Ha! wer dieses könnte,
Medizinalrat, in Gold wollte ich dich fassen, schon dieser Gedanke
verdient, groß und königlich belohnt zu werden. Ja! wer mir Bürge wäre!
-- Es ist alles so finster -- verworrene Labyrinthe -- kein Ausgang --
kein leitendes Gestirn!«
»Wertgeschätzter Freund,« unterbrach ihn der Doktor; »ich ertappe Sie
hier auf einer Reminiszenz aus Schillers Räubern, so in der Cottaschen
Taschenausgabe stehet, wenn ich mich recht erinnere. Demungeachtet weiß
ich einen solchen Bürgen, ein solches leitendes Gestirn.«
»Ha! Wer mir einen solchen gäbe!« rief jener. »Er sei mein Freund, mein
Engel, mein Gott -- ich will ihn anbeten!«
»Es ist zwar in der angeführten Stelle von einem Schwert die Rede,
womit man der Otternbrut eine brennende Wunde versetzen will;
nichtsdestoweniger aber will ich Sie überzeugen; jener Gesandte, der
die arme Giuseppa in seinem Hause aufnahm, logiert zufällig hier im
Hause auf Nr. 6; belieben Sie einen Frack anzuziehen und ein Halstuch
umzuknüpfen, so werde ich Sie zu ihm führen; er hat mir versprochen,
Sie zu überzeugen.«
Der junge Mann drückte gerührt die Hand des Arztes; doch auch jetzt
noch konnte er ein gewisses erhabenes Pathos nicht verbergen. »Ihr wart
mein guter Engel,« sagte er; »wie vielen Dank bin ich für diesen Wink
Euch schuldig; ich fahre nur geschwind in meinen Frack, und sogleich
folg' ich Euch zu dem Gesandten.«
9.
Die Aussöhnung mit dem Geliebten schien beinahe noch von größerer
Wirkung auf die Sängerin zu sein als die kunstreichsten Tränklein
ihres Arztes. Ihre Gesundheit besserte sich in den nächsten Tagen
zusehends, und bald war sie so weit hergestellt, daß sie die Besuche
ihrer teilnehmenden Freunde außer dem Bette empfangen konnte. Diese
Wendung ihres Zustandes mochte der Direktor der Polizei abgewartet
haben, um die Sache weiter zu verfolgen. Er war ein umsichtiger Mann,
und der Ruf sagte von ihm, daß ihm nicht leicht einer entgehe, auf
den er einmal sein Auge geworfen, sollte er auch hundert und mehrere
Meilen entfernt sein. Von dem Medizinalrat war ihm die Geschichte der
Sängerin mitgeteilt worden, er hatte sodann mit dem Baron Martinow noch
weitere Rücksprache genommen und einiges erfahren, was ihm von großem
Interesse schien. Der Gesandte hatte ihm nämlich gestanden, daß er von
dem Vorfall mit der jungen Bianetti Gelegenheit genommen, das ruchlose
Leben des Chevalier de Planto höheren Orts zu berühren. Er hatte nicht
versäumt, hauptsächlich den Umstand, daß jenes arme Kind eigentlich
verkauft wurde, ins rechte Licht zu setzen. Jenes berüchtigte Haus
wurde kurze Zeit darauf von der Polizei aufgehoben, und der Baron
schien dies hauptsächlich den Schritten, die er in der Sache getan,
zuzuschreiben. Auch er hatte von dem Tod des Chevaliers gehört,
glaubte aber mit dem Polizeidirektor, daß dies nur ein Kunstgriff
gewesen sei, um sein Gewerbe sicherer fortzusetzen; denn beide hegten
keinen Zweifel, jener Mordversuch an der Sängerin könne nur von
diesem schrecklichen Menschen herrühren. Wie schwer war es aber, der
Spur dieses Mörders zu folgen; die Fremden, die sich damals in B.
aufhielten, waren, wie der Direktor versicherte, alle unverdächtig;
nur zwei Umstände konnten zu Gewisserem führen; das Schnupftuch,
welches sich im Zimmer der Bianetti gefunden hatte, konnte, wenn man
irgendwo ein ähnliches sah, zur Entdeckung leiten; es war daher die
genaueste Beschreibung davon in den Händen aller jener Nähterinnen
und Waschfrauen, welche die Garderobe der Fremden in B. zu besorgen
pflegten. Sodann glaubte der Direktor aus psychologischen Gründen
annehmen zu können, daß ein zweiter Versuch auf das Leben der Sängerin
bald folgen würde, im Falle sich nämlich der Mörder noch in der Nähe
aufhielte.
Sobald daher die Sängerin wieder bei Kräften war, begleitete der
Direktor der Polizei den Doktor Lange, so oft er sie besuchte; es
wurden dort manche Maßregeln besprochen, manche schienen gut, aber
nicht wohl auszuführen, manche wurden geradehin verworfen. Giuseppa
selbst kam endlich auf einen Gedanken, der den beiden Männern sehr
einleuchtete. »Der Doktor,« sagte sie, »hat mir erlaubt, in der
nächsten Woche wieder auszugehen; wenn er nichts dagegen hat, würde
ich auf der letzten Redoute des Karnevals zuerst wieder unter den
Leuten erscheinen; es hat etwas Anziehendes für mich, mich dort, wo
mein Unglück eigentlich anfing, zum erstenmal zu zeigen. Wenn wir dafür
sorgen, daß dies in B. hinlänglich bekannt wird, und wenn der Chevalier
noch hier ist, so bin ich wie von meinem Leben überzeugt, daß er unter
irgend einer Maske sich wieder in meine Nähe drängt. Er wird sich zwar
hüten zu sprechen, er wird durch nichts sich verraten, aber seine
Anschläge auf mein Leben wird er nicht ruhen lassen, und ich will ihn
aus Tausenden erkennen. Seine Größe, seine Gestalt, vor allem seine
Augen werden mir ihn kenntlich machen. Was meinen Sie, meine Herren?«
Der Plan war nicht übel. »Ich wollte wetten,« sagte der Direktor, »wenn
er erfährt, Sie kommen auf diesen Ball, so bleibt er nicht aus; sei es
auch nur, um den Gegenstand seiner Rache wiederzusehen und seiner Wut
neue Nahrung zu geben. Ich denke übrigens, Sie sollten keine Larve vors
Gesicht nehmen, er wird Sie dann um so leichter erkennen, um so eher in
Ihrer Nähe in seine Falle gehen; ich werde ein paar tüchtige Bursche in
Dominos stecken und sie Ihnen zur Eskorte geben; auf ein Zeichen von
Ihnen soll der alte Fuchs gefangen sein.«
Babette, das Kammermädchen der Sängerin, war während dieses Gespräches
ab und zu gegangen; sie hatte gehört, wie ihre Dame entschlossen sei,
den Mörder oder seine Gehilfen ausfindig zu machen, sie glaubte es sich
selbst schuldig zu sein, nach Kräften zu dieser Entdeckung beizutragen.
Sie paßte daher den Direktor ab, faßte sich ein Herz und sagte, sie
habe schon neulich den Doktor auf einen Umstand aufmerksam gemacht, der
zur Entdeckung führen könnte, er scheine aber nicht darauf zu achten.
»Kein Umstand ist bei solchen Vorfällen gering, meine liebe Kleine,«
antwortete der Mann der Polizei; »wenn Sie irgend etwas wissen --«
»Ich glaube fast, Signora ist zu diskret und will nicht recht mit der
Sprache heraus; als sie den Stich bekam und in meinen Armen ohnmächtig
wurde, war ihr letzter Seufzer -- Bolnau.«
»Wie?« rief der Direktor entrüstet, »und das verschwieg man mir bis
jetzt? Einen so wichtigen Umstand; haben Sie auch recht gehört, Bolnau?«
»Auf meine Ehre,« sagte die Kleine und legte die Hand beteuernd auf
das Herz. »Bolnau sagte sie und so schmerzlich, daß ich nicht anders
glaube, als so heißt der Mörder; aber bitte, verraten Sie mich nicht!«
Der Direktor hatte den Grundsatz, daß kein Mensch, er sehe so ehrlich
aus, als er wolle, zu gut zu einem Verbrechen sei. Der Kommerzienrat
Bolnau, und einen andern wußte er nicht in dieser Stadt, war ihm zwar
als ein geordneter Mann bekannt, aber -- hatte man nicht Beispiele, daß
gerade solche Leute, denen man vor der Welt nichts nachsagen konnte,
der Justiz am meisten zu schaffen machten? Konnte er nicht mit diesem
Chevalier de Planto unter einer Decke spielen? Er setzte unter diesen
Betrachtungen seinen Weg weiter fort, er näherte sich der breiten
Straße, es fiel ihm bei, daß um diese Zeit der Kommerzienrat sich dort
zu ergehen pflegte; er beschloß, ihm ein wenig auf den Zahn zu fühlen.
Richtig, dort kam er die Straße herab, er grüßte rechts, er grüßte
links, er sprach alle Augenblicke mit einem Bekannten, er lächelte,
wenn er weiter ging, vor sich hin, er schien munter und guter Dinge zu
sein. Er mochte etwa noch fünfzig Schritte vom Direktor entfernt sein,
als er dessen ansichtig wurde; er erbleichte, er wandte um und wollte
in eine Seitenstraße einbiegen. »Ein verdächtiger, sehr verdächtiger
Umstand!« dachte der Direktor, lief ihm nach, rief seinen Namen und
brachte ihn zum Stehen. Der Kommerzienrat war ein Bild des Jammers; er
brachte in hohlen Tönen ein »~Bon jour, bon jour~« hervor, er schien
lächeln zu wollen, aber die Augen gingen ihm über, und sein Gesicht
verzog sich krampfhaft; seine Kniee zitterten, seine Zähne schlugen
hörbar aneinander.
»Ei, ei, Sie machen sich recht rar. Habe Sie schon ein paar Tage nicht
an meinem Fenster vorbeigehen sehen; Sie scheinen nicht recht wohl zu
sein?« setzte der Direktor mit einem stechenden Blick hinzu, »Sie sind
so blaß, fehlt Ihnen etwas?«
»Nein, -- es ist nur so ein kleines Frösteln -- ich war wirklich einige
Tage nicht wohl, aber gottlob, es geht mir besser.«
»So? Sie waren nicht wohl?« fragte jener weiter; »das hätte ich kaum
gedacht; ich glaubte Sie doch noch vor wenigen Tagen auf der Redoute
recht munter gesehen zu haben.«
»Ja freilich; aber gleich den folgenden Tag mußte ich mich legen; ich
bekam meine Zufälle wieder, aber ich bin jetzt ganz wiederhergestellt.«
»Nun, da werden Sie nicht versäumen, die nächste Redoute zu besuchen;
es ist die letzte und soll sehr brillant werden; ich hoffe Sie dort zu
sehen; bis dahin adieu! Herr Kommerzienrat.«
10.
»Werde nicht mankieren!« rief ihm der Kommerzienrat Bolnau mit
jammervollen Mienen nach. »Der hat Verdacht!« sprach er zu sich. »Der
weiß etwas von dem Wort der Sängerin. Zwar sie soll wiederhergestellt
sein; aber kann nicht der Verdacht im Herzen dieses Polizisten um sich
fressen? Kann er mich nicht aus Argwohn beobachten lassen? Die geheime
Polizei wird mich verfolgen; auf allen meinen Schritten und Tritten
sehe ich schlaue, fremde Gesichter. Ich darf nichts mehr reden, so wird
es rapportiert, gedeutet; ich werde, o Gott im Himmel, ich werde ein
unruhiger Kopf, ein gefährliches Individuum; und doch lebte ich still
und harmlos wie Wilhelm Tell im vierten Akt!«