»Aber, mein Gott, was wollen Sie nur von meinem unglücklichen

Kommerzienrat, er hat sich über Ihre Geschichte schon genug alteriert,

daß er zu Bette liegen muß; was kann denn er Ihnen helfen?«

»Ach, ich habe mich versprochen,« erwiderte sie, »zu dem fremden

Kapellmeister sollen Sie gehen, er heißt Boloni und logiert im Hotel de

Portugal.«

»Ich erinnere mich, von ihm gehört zu haben,« sprach der Doktor, »aber

was soll ich bei diesem tun?«

»Sagen Sie ihm, ich wolle ihm alles sagen, er soll nur noch einmal

kommen -- doch nein, ich kann es ihm nicht selbst sagen; Doktor, wenn

Sie -- ja ich habe Vertrauen zu Ihnen, ich will Ihnen alles sagen, und

dann sagen Sie es wieder dem Unglücklichen, nicht wahr?«

»Ich stehe zu Befehl; was ich zu Ihrer Beruhigung tun kann, werde ich

mit Freuden tun.«

»Nun, so kommen Sie morgen frühe, ich kann heute nicht mehr so viel

sprechen. Adieu, Herr Medizinalrat; doch noch ein Wort; Babette, gib

dem Herrn Doktor sein Tuch!«

Das Mädchen schloß einen Schrank auf und reichte dem Doktor ein Tuch

von gelber Seide, das einen starken, angenehmen Geruch im Zimmer

verbreitete.

»Das Tuch gehört nicht mir,« sprach jener, »Sie irren sich, ich führe

nur Schnupftücher von Leinwand.«

»Unmöglich!« entgegnete das Mädchen; »wir fanden es heute nacht am

Boden, ins Haus gehört es nicht, und sonst war noch niemand da als Sie.«

Der Doktor begegnete den Blicken der Sängerin, die erwartungsvoll auf

ihm ruhten. »Könnte nicht dieses Tuch jemand anderem entfallen sein?«

fragte er mit einem festen Blick auf sie.

»Zeigen Sie her,« erwiderte sie ängstlich, »daran hatte ich noch

nicht gedacht.« Sie untersuchte das Tuch und fand in der Ecke einen

verschlungenen Namenszug; sie erbleichte, sie fing an zu zittern.

»Es scheint, Sie kennen dieses Tuch und die Person, die es verloren

hat,« fragte Lange weiter; »es könnte zu etwas führen; darf ich es

nicht mit mir nehmen? Darf ich Gebrauch davon machen?«

Giuseppa schien mit sich zu kämpfen; bald reichte sie ihm das Tuch,

bald zog sie es ängstlich und krampfhaft zurück. »Es sei,« sagte sie

endlich; »und sollte der Schreckliche noch einmal kommen und mein

wundes Herz diesmal besser treffen, ich wage es; nehmen Sie, Doktor.

Ich will Ihnen morgen Erläuterungen zu diesem Tuche geben.«

5.

Man kann sich denken, wie ausschließlich diese Vorfälle die Seele des

Medizinalrats Lange beschäftigten. Seine sehr ausgebreitete Praxis war

ihm jetzt ebensosehr zur Last, als sie ihm vorher Freude gemacht hatte,

denn verhinderten ihn nicht die vielen Krankenbesuche, die er vorher

zu machen hatte, die Sängerin am andern Morgen recht bald zu besuchen

und jene Aufschlüsse und Erläuterungen zu vernehmen, denen sein Herz

ungeduldig entgegenpochte? Doch zu etwas waren diese Besuche in

dreißig bis vierzig Häusern gut, er konnte, wie er zu sagen pflegte,

hinhorchen, was man über die Bianetti sage, vielleicht konnte er auch

über ihren sonderbaren Liebhaber, den Kapellmeister Boloni, eines oder

das andere erfahren.

Ueber die Sängerin zuckte man die Achseln. Man urteilte um so

unfreundlicher über sie, je ärgerlicher man darüber war, daß so lange

nichts Offizielles und Sicheres über ihre Geschichte ins Publikum kam.

Ihre Neider -- und welche ausgezeichnete Sängerin, wenn sie dazu schön

und achtzehn alt ist, hat deren nicht genug? -- ihre Neider gönnten ihr

alles und machten hämische Bemerkungen; die Gemäßigten sagten: so ist

es mit solchem Volke; einer Deutschen wäre dies auch nicht passiert.

Ihre Freunde beklagten sie und fürchteten für ihren Ruf beinahe noch

mehr als für ihre Gesundheit. Das arme Mädchen! dachte Lange und

beschloß, um so eifriger ihr zu dienen.

Vom Kapellmeister wußte man wenig, weder Schlechtes noch Gutes. Er

war vor etwa drei Vierteljahren nach B. gekommen, hatte sich im Hotel

de Portugal ein Dachstübchen gemietet und lebte sehr eingezogen und

mäßig. Er schien sich von Gesangstunden und musikalischen Kompositionen

zu nähren. Alle wollten übrigens etwas Ueberspanntes, Hochfahrendes

an ihm bemerkt haben; die, welche ihn näher kennen gelernt hatten,

fanden ihn sehr interessant, und schon mancher Musikfreund soll sich

ein Couvert an der Abendtafel im Hotel de Portugal bestellt haben, nur

um seine herrliche Unterhaltung über die Musik zu genießen. Aber auch

diese kamen darin überein, daß es mit Boloni nicht ganz richtig sei,

denn er vernachlässige, verachte sogar den weiblichen Gesang, während

er mit Entzücken von Männerstimmen, besonders von Männerchören spreche

Er hatte übrigens keine näheren Bekannten, keinen Freund; von seinem

Verhältnis zur Sängerin Bianetti schien niemand etwas zu wissen.

Den Kommerzienrat Bolnau fand er noch immer unwohl und im Bette; er

schien sehr niedergeschlagen und sprach mit unsicherer, heiserer

Stimme allerlei Unsinn über Dinge, die sonst gänzlich außer seinem

Gesichtskreise lagen. Er hatte eine Sammlung berühmter Rechtsfälle um

sich her, in welcher er eifrig studierte; die Frau Kommerzienrätin

behauptete, er habe die ganze Nacht darin gelesen und hie und da

schrecklich gewinselt und gejammert. Seine Lektüre betraf besonders

die unschuldig Hingerichteten, und er äußerte gegen den Medizinalrat,

es liege eigentlich für den Menschenfreund ein großer Trost in der

Langsamkeit der deutschen Justiz; denn es lasse sich erwarten, daß,

wenn ein Prozeß zehn und mehrere Jahre daure, die Unschuld doch

leichter an den Tag komme, als wenn man heute gefangen und morgen

gehangen werde.

Die Sängerin Bianetti, für welche der Doktor endlich ein Stündchen

erübrigt hatte, war düster und niedergeschlagen, als sei keine

Hoffnung mehr für sie auf Erden. Ihr Auge war trübe, sie mußte viel

geweint haben, die Wunde war über alle Erwartung gut; aber mit ihrem

zunehmenden körperlichen Wohlbefinden schien die Ruhe und Gesundheit

ihrer Seele zu schwinden. »Ich habe lange darüber nachgedacht,« sagte

sie, »und fand, daß Sie, lieber Doktor, doch auf höchst sonderbare

Weise in mein Schicksal verwebt werden. Ich kannte Sie vorher nicht;

ich gestehe, ich wußte kaum, daß ein Medizinalrat Lange in B.

existiere. Und jetzt, da ich mit einem Schlage so unglücklich geworden

bin, sendet mir Gott einen so teilnehmenden, väterlichen Freund zu.«

»Mademoiselle Bianetti,« erwiderte Lange, »der Arzt hat an manchem

Bette mehr zu tun, als nur den Puls an der Linken zu fühlen, Wunden

zu verbinden und Mixturen zu verschreiben. Glauben Sie mir, wenn man

so allein bei einem Kranken sitzt, wenn man den innern Puls der Seele

unruhig pochen hört, wenn man Wunden verbinden möchte, die niemand

siehet, da wird auf wunderbare Weise der Arzt zum Freunde, und der

geheimnisvolle Zusammenhang zwischen Körper und Seele scheint auch in

diesem Verhältnis auffallend zu wirken.«

»So ist es,« sprach Giuseppa, indem sie zutraulich seine Hand faßte;

»so ist es, und auch meine Seele hat einen Arzt gefunden. Sie werden

vielleicht viel für mich tun müssen. Es möchte sein, daß Sie sogar vor

den Gerichten in meinem Namen handeln müssen. Wenn Sie einem armen

Mädchen, das sonst gar keine Stütze hat, dieses große Opfer bringen

wollen, so will ich mich Ihnen entdecken.«

»Ich will es tun,« sprach der freundliche Alte, indem er ihre Hand

drückte.

»Aber bedenken Sie es wohl; die Welt hat meinen Ruf angegriffen, sie

klagt mich an, sie richtet, sie verdammt mich. Wenn nun die Menschen

auch auf Sie höhnisch deuten, daß Sie der verrufenen Sängerin, der

schlechten Italienerin, ach! _meiner_ sich angenommen haben, werden

Sie das ertragen können?«

»Ich will es!« rief der Doktor mit Ernst und Heftigkeit. »Erzählen Sie!«

6.

»Mein Vater,« erzählte die Sängerin, »war Antonio Bianetti, ein

berühmter Violinspieler, der Ihnen aus jüngeren Jahren nicht unbekannt

sein kann, denn sein Ruf hatte durch die Konzerte, die er an Höfen

und in großen Städten gab, sich überall verbreitet. Ich kann mir ihn

nur noch aus meiner frühesten Kindheit denken, wie er mir die Skala

vorgeigte, die ich schon im dritten Jahre sehr richtig nachsang. Meine

Mutter war zu ihrer Zeit eine vorzügliche Sängerin gewesen und pflegte

in den Konzerten des Vaters einige Arien und Kanzonetten vorzutragen.

Ich war vier Jahre alt, als mein Vater auf der Reise starb und uns in

Armut zurückließ. Meine Mutter mußte sich entschließen, durch Singen

uns fortzubringen. Sie heiratete nach einem Jahr einen Musiker, der

ihr von Anfang sehr geschmeichelt haben soll, nachher aber zeigte es

sich, daß er sie nur geheiratet, um ihre Stimme zu benützen. Er wurde

Musikdirektor in einer kleinen Stadt im Elsaß, und da fing erst unser

Leiden recht an.

»Meine Mutter bekam noch drei Kinder und verlor ihre Stimme so sehr,

daß sie beinahe keinen Ton mehr singen konnte. Dadurch war die größte

Geldquelle meines Stiefvaters versiegt, denn seine Konzerte waren nur

durch meine Mutter glänzend und zahlreich gewesen. Er plagte sie von

jetzt an schrecklich; mir wollte er gar nicht mehr zu essen geben,

bis er endlich auf ein Mittel verfiel, mich brauchbar zu machen. Er

marterte mich ganze Tage lang und geigte mir die schwersten Sachen von

Mozart, Gluck, Rossini und Spontini ein, die ich dann Sonntagsabend mit

großem Applaus absang; das arme Schepperl, so hatte man meinen Namen

Giuseppa verketzert, wurde eines jener unglücklichen Wunderkinder,

denen die Natur ein schönes Talent zu ihrem größten Unglück gegeben

hat; der Grausame ließ mich alle Tage singen, er peitschte mich, er

gab mir tagelang nichts zu essen, wenn ich nicht richtig intoniert

hatte; die Mutter aber konnte meine Qualen nicht mehr lange sehen, es

war, als ob ihr Leben in ihren stillen Tränen dahinfließe; an einem

schönen Frühlingsmorgen fanden wir sie tot. Was soll ich Sie von meinen

Marterjahren unterhalten, die jetzt anfingen? Ich war elf Jahre alt

und sollte die Haushaltung führen, die kleinen Geschwister erziehen,

und dabei noch singen lernen für die Konzerte! O, es war eine Qual der

Hölle!

»Um diese Zeit kam oft ein Herr zu uns, der dem Vater immer einen Sack

voll Fünffrankstücke mitbrachte. Ich kann nicht ohne Grauen an ihn

denken. Es war ein großer, hagerer Mann von mittlerem Alter; er hatte

kleine blinzelnde, graue Augen, die ihn durch ihren unangenehmen,

stechenden Ausdruck vor allen Menschen, die ich je gesehen,

auszeichnete. Mich schien er besonders liebgewonnen zu haben. Er lobte,

wenn er kam, meine Größe, meinen Anstand, mein Gesicht, meinen Gesang.

Er setzte mich auf seine Knie, obgleich mich ein unwillkürliches

Grauen von ihm wegdrängte; er küßte mich trotz meines Schreiens, er

sagte wohlgefällig: ›Noch zwei -- drei Jahr, dann bist du fertig,

Schepperl!‹ Und er und mein Stiefvater brachen in ein wildes Lachen bei

dieser Prophezeiung aus. An meinem fünfzehnten Geburtsfest sagte mein

Stiefvater zu mir: ›Höre, Schepperl, du hast nichts, du bist nichts,

ich geb' dir nichts, ich will nichts von dir, habe auch hinlänglich

genug an meinen drei übrigen Rangen; die Christel (meine Schwester)

wird jetzt statt deiner das Wunderkind. Was du hast, dein bißchen

Gesang, hast du von mir, damit wirst du dich fortbringen. Der Onkel in

Paris will dich übrigens aus Gnade in sein Haus aufnehmen.‹ -- ›Der

Onkel in Paris?‹ rief ich staunend, denn bisher wußte ich nichts von

einem solchen. ›Ja, der Onkel in Paris,‹ gab er zur Antwort, ›er kann

alle Tage kommen.‹

»Sie können sich denken, wie ich mich freute; es ist jetzt drei Jahre

her, aber noch heute ist die Erinnerung an jene Stunden so lebhaft

in mir, als wäre es gestern gewesen. Das Glück, aus dem Hause meines

Vaters zu kommen, das Glück, meinen Onkel zu sehen, der sich meiner

erbarme, das Glück, nach Paris zu kommen, wo ich mir den Sitz des

Putzes und der Seligkeit dachte, -- ich war berauscht von so vielem

Glück; so oft ein Wagen fuhr, sah ich hinaus, ob nicht der Onkel komme,

mich in sein Reich abzuholen. Endlich fuhr eines Abends ein Wagen vor

unserem Hause vor. ›Das ist dein Onkel,‹ rief der Vater; ich flog

hinab, ich breitete meine Arme aus nach meinem Erretter -- grausame

Täuschung! Es war der Mann mit den Fünffrankenstücken.

»Ich war beinahe bewußtlos in jenen Augenblicken, aber dennoch vergesse

ich die teuflische Freude nie, die aus seinen grauen Augen blitzte, als

er mich hoch aufgewachsen fand; noch immer klingt mir seine krächzende

Stimme in den Ohren: ›Jetzt bist du recht, mein Täubchen, jetzt will

ich dich einführen in die große Welt.‹ Er faßte mich mit der Hand, mit

der andern warf er einen Geldsack auf den Tisch; der Sack fuhr auf,

ein glänzender Regen von Silber- und Goldstücken rollte auf den Boden;

meine drei kleinen Geschwister und der Vater jubelten, rutschten auf

dem Boden umher und lasen die Stücke auf, -- es war -- mein Kaufpreis.

»Schon den folgenden Tag ging es nach Paris. Der hagere Mann (ich

vermochte es nicht, ihn Onkel zu nennen) predigte mir beständig vor,

welch glänzende Rolle ich in seinen Salons spielen werde. Ich konnte

mich nicht freuen, eine Angst, eine unerklärliche Bangigkeit waren an

die Stelle meiner Freude, meines Glückes getreten. Vor einem großen,

erleuchteten Hause hielt der Wagen; wir waren in Paris. Zehn bis

zwölf schöne, allerliebste Mädchen hüpften die breiten Treppen herab

uns entgegen. Sie herzten und küßten mich und nannten mich Schwester

Giuseppa; ich fragte den Hagern: ›Sind dies Ihre Töchter, mein Herr?‹

-- ›~Oui, mes bonnes enfants!~‹ rief er lachend, und die Mädchen und

die zahlreiche Dienerschaft stimmten ein mit einem rohen, schallenden

Gelächter.

»Schöne Kleider, prachtvolle Zimmer zerstreuten mich. Ich wurde am

folgenden Abend herrlich gekleidet; man führte mich in den Salon. Die

zwölf Mädchen saßen im schönsten Putz an Spieltischen, auf Kanapees, am

Flügel. Sie unterhielten sich mit jungen und ältern Herrn sehr lebhaft.

Als ich eintrat, brachen alle auf, gingen mir entgegen und betrachteten

mich. Der Herr des Hauses führte mich zum Flügel, ich mußte singen;

allgemeiner Beifall wurde mir zu teil. Man zog mich ins Gespräch,

meine ungebildeten, halb italienischen Ausdrücke galten für Naivität;

man bewunderte mich, ich erröte heute noch, mit welchen Worten man

mir dieses sagte. So ging es mehrere Tage herrlich und in Freuden.

Ich lebte ungeniert, ich hätte zufrieden leben können, wenn ich mich

nicht höchst unbehaglich, beinahe bänglich in diesem Hause, in dieser

Gesellschaft gefühlt hätte; in meiner naiven Unschuld glaubte ich,

so sei nun einmal die große Welt, und man müsse sich in ihre Sitten

fügen. Eines fiel mir jedoch auf; als ich an einem Abende zufällig an

der Treppe vorbeiging, sah ich, daß die Herren, die uns besuchten, dem

Portier Geld gaben, dafür blaue oder rote Karten bekamen und solche

einem Bedienten vor dem Salon wieder übergaben. Ein junger Stutzer,

der an mir vorüberkam, wies mir mit zärtlichen Blicken eine dieser

roten Karten; ich weiß heute noch nicht, warum ich darüber errötete.

Aber hören Sie weiter, was sich alsbald zutrug.

»Sehen Sie, lieber Doktor, hier habe ich ein kleines, unscheinbares

Papier. Diesem bin ich meine Rettung schuldig. Ich fand es eines

Morgens unter dem Brötchen meines Frühstücks, ich weiß nicht, von

welcher gütigen Hand es kam, aber möge der Himmel das Herz belohnen,

das sich meiner erbarmte. Es lautet:

›Mademoiselle!

Das Haus, welches Sie bewohnen, ist ein Freudenhaus; die Damen, die

Sie um sich sehen, sind Freudenmädchen; sollten wir uns in Giuseppa

geirrt haben? Wird sie einen kurzen Schimmer von Glück mit langer Reue

erkaufen wollen?‹

»Es war ein schreckliches Licht, es drohte mich völlig zu blenden, denn

es zerriß beinahe zu plötzlich meinen unschuldigen Kindersinn und den

Traum von einer unbesorgten glücklichen Lage. Was war zu tun? Ich hatte

in meinem Leben noch nicht gelernt, Entschlüsse zu fassen. Der Mann,

dem dieses Haus gehörte, war mir ein fürchterlicher Zauberer, der jeden

meiner Gedanken lesen könne, der jetzt schon darum wissen müsse, was

ich erfahren. Und dennoch wollte ich lieber sterben, als noch einen

Augenblick hier verweilen. -- Ich hatte ein Mädchen geradeüber von

unserer Wohnung zuweilen Italienisch sprechen hören; ich kannte sie

nicht -- aber kannte ich denn sonst jemand in dieser ungeheuren Stadt?

Diese vaterländischen Klänge erweckten Zutrauen in mir; zu ihr wollte

ich flüchten, ich wollte sie auf den Knieen anflehen, mich zu retten.

»Es war sieben Uhr frühe; ich war meiner ländlichen Gewohnheit treu

geblieben, stand immer frühe auf und pflegte gleich nachher zu

frühstücken, und dies rettete mich. Um diese Zeit schliefen noch alle,

sogar ein großer Teil der Domestiken. Nur der Portier war zu fürchten.

Doch konnte er denken, daß jemand aus diesem Tempel der Herrlichkeit

entfliehen werde? Ich wagte es; ich warf mein schwarzes, unscheinbares

Mäntelchen um mich, eilte die Treppe hinab; meine Kniee schwankten, als

ich an der Loge des Portiers vorbeiging; er bemerkte mich nicht; drei

Schritte, und ich war frei.

»Rechts über die Straße hinüber wohnte das italienische Mädchen. Ich

sprang über die breite Straße, ich pochte am Haus, ein Diener öffnete.

Ich fragte nach der Signora mit dem schwarzen Lockenköpfchen, die

Italienisch spreche. Der Diener lachte und sagte, ich meine wohl die

kleine Exzellenza Seraphine; ›dieselbe, dieselbe,‹ antwortete ich,

›führen Sie mich geschwind zu ihr.‹ Er schien anfangs Bedenken zu

tragen, weil es noch frühe am Tage sei, doch meine Bitten überredeten

ihn. Er führte mich in dem zweiten Stock in ein Zimmer, hieß mich

warten und rief dann eine Zofe, der Exzellenza mich zu melden. Ich

hatte mir gedacht, das hübsche italienische Mädchen werde meines

Standes sein; ich schämte mich, einer Höheren mich zu entdecken, aber

man ließ mir keine Zeit, mich zu besinnen; die Zofe erschien, mich vor

das Bett ihrer Gebieterin zu führen. Ja, sie war es, es war die schöne

junge Dame, die ich hatte Italienisch sprechen hören. Ich stürzte vor

ihr nieder und flehte sie um ihren Schutz an; ich mußte ihr meine ganze

Geschichte erzählen. Sie schien gerührt und versprach, mich zu retten.

Sie ließ den Diener, der mich heraufgeführt hatte, kommen und legte

ihm das strengste Stillschweigen auf, dann wies sie mir ein kleines

Stübchen an, dessen Fenster in den Hof gingen, gab mir zu arbeiten und

zu essen, und so lebte ich mehrere Tage in Freude über meine Rettung,

in Angst über meine Zukunft.

»Es war das Haus des Gesandten eines kleinen deutschen Hofes, in

welches ich aufgenommen war. Die Exzellenza war seine Nichte, eine

geborene Italienerin, die bei ihm in Paris erzogen worden war. Sie

war ein gütiges, liebenswürdiges Geschöpf, dessen Wohltaten ich nie

vergessen werde. Sie kam alle Tage zu mir und tröstete mich; sie sagte

mir, daß der Gesandte durch seine Bedienten in dem Hause des argen

Mannes nachgeforscht habe. Man sei sehr in Bestürzung, suche es aber

zu verbergen. Die Diener drüben flüstern geheimnisvoll, es habe sich

eine Mamsell aus einem Fenster des zweiten Stocks in den Kanal der

Seine gestürzt. Sonderbare Fügung! Mein Zimmer war ein Eckzimmer und

sah mit der einen Seite nach der Straße, die andere ging schroff hinab

in einen Kanal. Ich erinnerte mich, an jenem Morgen ein Fenster dieser

Seite geöffnet zu haben; wahrscheinlich war es _offen_ geblieben,

und so mochte man sich mein Verschwinden erklären. Signora Seraphine

sollte um diese Zeit nach Italien zurückkehren, sie war so gütig,

mich mitzunehmen. Ja, sie tat noch mehr für mich; sie bewog ihre

Eltern in Piacenza, daß sie mich wie ihr Kind in ihr Haus aufnahmen;

sie ließ mein Talent ausbilden, ihr habe ich Freiheit, Leben, Kunst,

o! vielleicht mehr, als ich weiß, zu danken. In Piacenza lernte ich

den Kapellmeister Boloni, der übrigens kein Italiener ist, kennen;

er schien mich zu lieben, aber er sagte es mir nicht. Ich nahm bald

nachher den Ruf an das hiesige Theater an. Man schätzte mich hier, man

hat mir sonst wohlgewollt, mein Leben und mein Ruf waren unsträflich;

ach, ich habe in dieser langen Zeit nie einen Mann bei mir gesehen, als

-- ich kann Ihnen dieses schöne Verhältnis ohne Erröten gestehen --

als Boloni, der mir bald hierher nachgereist war. Sie haben mein Leben

jetzt gehört; sagen Sie mir, habe ich etwas getan, um so bittere Strafe

zu verdienen? Habe ich so Entsetzliches verschuldet?«

7.

Als die Sängerin geendet hatte, ergriff der Medizinalrat lebhaft ihre

Hand. »Ich wünsche mir Glück,« sagte er, »den wenigen Menschen, die Sie

auf Ihrem Lebensweg gefunden haben, beitreten zu können. Meine Kräfte

sind zwar zu schwach, um für Sie tun zu können, was die treffliche

kleine Exzellenza für Sie tat, aber ich will suchen, Ihr trauriges

Geschick entwirren zu helfen; ich will den Brausewind, Ihren Freund,

zu versöhnen suchen. Aber sagen Sie mir nur, was ist denn Herr Boloni

eigentlich für ein Landsmann?« -- »Da fragen Sie mich zu viel,«

erwiderte sie ausweichend: »ich weiß nur, daß er ein Deutscher von

Geburt ist und, wenn ich nicht irre, wegen Familienverhältnissen vor

mehreren Jahren sein Vaterland verließ. Er hielt sich in England und

Italien auf und kam vor etwa drei Vierteljahren hierher.«

»So, so; aber warum haben Sie ihm _das_, was Sie mir erzählen, nicht

schon früher selbst gesagt?«

Giuseppa errötete bei dieser Frage; sie schlug die Augen nieder und

antwortete: »Sie sind mein Arzt, mein väterlicher Freund, es ist mir,

wenn ich zu Ihnen spreche, als spräche ich als Kind zu meinem Vater. --

Aber konnte ich denn dem jungen Mann von diesen Dingen erzählen? Und

ich kenne ja seine schreckliche Eifersucht, seinen leicht gereizten

Argwohn, ich habe es nie über mich vermocht, ihm zu sagen, welchen

Schlingen ich entflohen war.«

»Ich ehre, ich bewundere Ihr Gefühl; Sie sind ein gutes Kind; glauben

Sie mir, es tut einem alten Manne wohl, auf solche dezente Gefühle

aus der alten Zeit zu stoßen; denn heutzutage gilt es für guten Ton,

sich über dergleichen wegzusetzen. Aber noch haben Sie mir nicht alles

erzählt; der Abend auf der Redoute, jene schreckliche Nacht? --«

»Es ist wahr, ich muß Ihnen noch weiter sagen. Ich habe, so oft ich im

stillen über meine Rettung nachdachte, die Vorsehung gepriesen, daß man

in jenem Hause glaubte, ich habe mich selbst getötet, denn es war mir

nur zu gewiß, daß, wenn jener Schreckliche nur die entfernteste Ahnung

von meinem Leben habe, er kommen werde, sein Opfer zurückzuholen oder

es zu verderben; denn er mochte manches Fünffrankstück für mich bezahlt

haben. Deswegen habe ich, solange ich in Piacenza war, manches schöne

Anerbieten fürs Theater abgelehnt, weil ich mich scheute, öffentlich

aufzutreten. Als ich aber etwa anderthalb Jahre dort war, brachte mir

eines Morgens Seraphine ein Pariser Zeitungsblatt, worin der Tod des

Chevalier de Planto angezeigt war.«

»Chevalier de Planto?« unterbrach sie der Arzt: »hieß so jener Mann,

der Sie aus dem Hause Ihres Stiefvaters führte?«

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 2 · 第 15 / 22 段