»O Gott, wie mich das rührt!« sprach der Kommerzienrat bewegt und zog

ein langes, seidenes Tuch hervor, um sich die Augen zu wischen; »gerade

so lag sie noch letzten Sonntag vor acht Tagen in der Oper Othello da,

als sie die Desdemona spielte. Schon damals war der Effekt so grausam

wahr und wahrhaft greulich, daß man meinte, der Mohr habe sie in der

Tat erdolcht; und jetzt ist es wirklich so weit mit ihr gekommen! Wie

mich das rührt!«

»Habe ich Ihm nicht jede übermäßige Rührung verboten?« unterbrach ihn

der Arzt. »Will Er mit Gewalt wieder seine Zufälle bekommen?«

»Er hat recht,« sagte der Kommerzienrat Bolnau und fuhr schnell mit

dem Tuch in die Tasche; »Er hat recht; meine Konstitution ist nicht

für den Affekt. Erzähl' Er nur weiter, ich werde die Tafelscheiben am

Kriegsministerio im Vorbeigehen zählen, das hilft gegen solche Anfälle.«

»Zähl' Er nur, und wenn es nicht hilft, so kann Er auch noch den oberen

Stock des Palais mitnehmen. -- Die alte Magd nahm das Tuch weg, und mit

Erstaunen erblickte ich eine Wunde, wie von einem Messerstich, die dem

Herzen sehr nahe war. Es war nicht Zeit, mich mit Fragen aufzuhalten,

so viele derselben mir auch auf der Zunge schwebten, ich untersuchte

die Wunde und legte den Verband um. Die Verwundete hatte während der

ganzen Operation kein Zeichen von Leben gezeigt; nur, als ich die Wunde

sondierte, hatte sie schmerzlich zusammengezuckt. Ich ließ sie ruhen

und bewachte ihren Schlummer.«

»Aber das Mädchen und die alte Magd, hat Er denn diese nicht gefragt,

woher die Wunde rühre?«

»Ich will es Ihm nur gestehen, Kommerzienrat, weil Er mein alter Freund

ist; ja, als für die Kranke im Augenblicke nichts mehr zu tun war,

habe ich ihnen rund genug erklärt, daß ich weiter keine Hand mehr an

die Dame legen werde, wenn sie mir nicht alles beichten.«

»Und was sagten sie? So sprech Er doch!«

»Nach elf Uhr war die Sängerin zu Hause gekommen, und zwar von

einer großen männlichen Maske begleitet. -- Ich mochte bei dieser

Nachricht die beiden Weiber etwas sehr zweideutig angesehen haben,

denn sie fingen aufs neue an zu weinen und beteuerten mir mit den

außerordentlichsten Schwüren, ich solle doch nichts Schlechtes von

ihrer Herrschaft denken; es sei die lange Zeit, seit sie ihr dienen,

nie nach vier Uhr abends ein Mann über ihre Schwelle gekommen; das

kleinere Mädchen, das wohl Romane mußte gelesen haben, wollte sogar

behaupten, Signora sei ein Engel an Reinheit.«

»Das behaupte ich auch,« sagte der Kommerzienrat, indem er gerührt die

Scheiben des Palais, dem sie sich näherten, zu zählen anfing; »das sage

ich auch; der Bianetti kann man nichts Böses nachsagen, sie ist ein

liebes, frommes Kind, und was kann sie denn dafür, daß sie schön ist

und ihr Leben durch Gesang fristen muß?«

»Glaub' Er mir,« entgegnete Lange, »ein Arzt hat hierin einen

untrüglichen psychologischen Maßstab. Ein Blick auf die engelreinen

Züge des unglücklichen Mädchens überzeugte mich mehr von ihrer

Tugend als die Schwüre ihrer Zofen. Doch höre Er weiter: Die

Sängerin trat mit dem Fremden in dieses Zimmer und hieß ihr Mädchen

hinausgehen. Diese war vielleicht aus Neugierde, was wohl dieser

nächtliche Besuch zu bedeuten habe, der Türe nahe geblieben; sie

hörte einen heftigen Wortwechsel, der zwischen ihrer Dame und einer

tiefen, hohlen Männerstimme in französischer Sprache geführt wurde;

Signora sei endlich in heftiges Weinen ausgebrochen, der Mann habe

schrecklich geflucht; plötzlich hörte sie ihre Dame einen gellenden

Schrei ausstoßen, sie kann sich vor Angst nicht mehr zurückhalten,

reißt die Türe auf, und in demselben Augenblicke fährt die Maske an

ihr vorbei und durch den Gang an die Treppe. Sie folgt ihr einige

Schritte, vor der Treppe hört sie ein schreckliches Gepolter, er mußte

hinuntergestürzt sein. Von unten dringt ein Aechzen und Stöhnen herauf

wie das eines Sterbenden, aber es graut ihr, sie wagt keinen Schritt

weiter vorzugehen. Sie geht zurück in die Türe -- die Sängerin liegt

in ihrem Blute und schließt nach wenigen Augenblicken die Augen.

Das Mädchen weiß sich nicht zu raten, sie weckt die alte Magd, ihrer

Herrschaft einstweilen beizustehen, und springt zu mir, um vielleicht

Signora noch zu retten.«

»Und die Bianetti hat noch nichts geäußert? Hat Er sie nicht befragt?«

»Ich ging sogleich auf die Polizei und weckte den Direktor; er ließ

noch um Mitternacht alle Gasthöfe, alle Gassenkneipen, alle Winkel der

Stadt durchsuchen, aus dem Tore ist in jener Stunde niemand passiert,

und von jetzt an wird jedermann strenge untersucht. Die Hausleute,

die im oberen Stock wohnen, erfuhren die ganze Sache erst, als die

Polizei das Haus durchsuchte; unbegreiflich war es, wie der Mörder

entspringen konnte, da er durch seinen Fall hart beschädigt sein mußte,

denn man fand viel Blut unten an der Treppe, und es ist mir nicht

unwahrscheinlich, daß er sich im Falle durch seinen eigenen Dolch

verwundet hat. Es ist um so unbegreiflicher, wie er entkam, da die

Haustüre verschlossen war. Die Bianetti selbst erwachte um zehn Uhr

und gab dem Polizeidirektor zu Protokoll, daß sie im strengsten Sinne

nicht wisse, auch nicht einmal ahne, wer die Maske sein könne. Alle

Aerzte und Chirurgen sind verpflichtet, wenn sie zu einem Patienten,

der durch einen Fall oder eine Messerwunde lädiert ist, gerufen werden,

solches anzuzeigen, weil man vielleicht auf diesem Wege dem Mörder auf

die Spur kommen könnte. So stehen die Sachen. Ich bin aber überzeugt

wie von meinem Leben, daß ein tiefes Geheimnis zu Grunde liegt, das

die Sängerin nicht entdecken will; denn die Bianetti ist nicht die

Person, die sich von einem ihr völlig unbekannten Mann nach Hause

begleiten läßt. Das scheint auch ihr Mädchen, das beim Verhör zugegen

war, zu ahnen. Denn als sie sah, daß Signora nichts wissen wolle, gab

sie nichts von dem Wortwechsel an, den sie gehört hatte, mir aber warf

sie einen bittenden Blick zu, sie nicht zu verraten. ›Es ist eine

entsetzliche Geschichte,‹ sagte sie, als sie mich nachher zur Treppe

begleitete, ›aber keine Welt brächte mich dazu, etwas zu verraten, was

Signora nicht bekannt werden lassen will.‹ Sie gestand mir noch etwas,

das vielleicht auf die ganze Sache Licht verbreiten würde.«

»Nun, und darf ich diesen Umstand nicht auch wissen?« fragte der

Kommerzienrat; »Er sieht, wie ich gespannt bin; spann' Er ab, spann' Er

ab, um Gottes willen, ich könnte sonst leicht meine Zufälle bekommen!«

»Höre Er, Bolnau, besinn Er sich, lebt noch ein Bolnau außer Ihm in

dieser Stadt? Existiert noch irgend ein anderer in der Welt, und wo,

sag' Er, wo?«

»Außer mir keine Seele in dieser Stadt,« antwortete Bolnau; »als ich

vor acht Jahren hieher zog, freute es mich, daß ich nicht Schwarz, Weiß

oder Braun, nicht Meier, Müller oder Bauer heiße, weil damit allerlei

unangenehme Verwechselungen geschehen. In Kassel war ich der einzige

Mann in meiner Familie, und sonst gibt es auf Gottes Erdboden keinen

Bolnau mehr als meinen Sohn, den unglücklichen Musiknarren, der ist

verschollen, seit er nach Amerika segelte. Aber warum fragt Er nach

meinem Namen, Doktor?«

»Nun, _Er_ kann es nicht sein, Kommerzienrat, und Sein Sohn ist in

Amerika. Aber es ist schon ein Viertel über zwölf Uhr, Prinzeß Sophie

ist krank, ich habe mich nur zu lang mit Euch verschwatzt; lebt wohl,

~à revoir~!«

»Nicht von der Stelle,« rief Bolnau und hielt ihn fest am Arm, »sagt

mir zuvor, was das Mädchen noch gesagt hat.«

»Nun ja, aber reinen Mund gehalten, Bolnau! ihr letztes Wort, ehe sie

in jene tiefe Ohnmacht sank, war _Bolnau_.«

3.

Man hatte den Kommerzienrat Bolnau noch nie so ernst und düster

schleichen sehen wie damals, als ihn der Doktor Lange vor dem Palais

verließ. Sonst war er munter und rüstig einhergeschritten, und wenn er

mit dem freundlichsten Lächeln alle Mädchen und Frauen grüßte, mit den

Männern viel lachte und ihnen allerlei Neues erzählte, so hätte man

ihm noch keine sechzig Jahre zugetraut. Er schien auch alle Ursache zu

haben, fröhlich und guter Dinge zu sein; er hatte ein hübsches Vermögen

zusammenspekuliert, hatte sich, als es genug schien, mit seiner Frau in

B. zur Ruhe gesetzt und lebte nun in Freude und Jubel jahraus, jahrein.

Er hatte einen einzigen Sohn gehabt, dieser sollte die Laufbahn des

alten Herrn auch durchlaufen und handeln und sich umtun im Kommerz, so

wollte er es haben.

Der Sohn aber lebte und webte nur im Reich der Töne, die Musik war

ihm alles, der Handel und Kommerz des Vaters war ihm zu gemein und

niedrig. Der Vater hatte einen harten Sinn, der Sohn auch, der Vater

brauste leicht auf, der Sohn auch, der Vater stellte gleich alles auf

die Spitze, der Sohn auch; kein Wunder, daß sie nicht miteinander leben

konnten. Und als der Sohn sein zwanzigstes Jahr zurückgelegt hatte,

war der Vater fünfzig, da brach er ab, sich zur Ruhe zu setzen, und

wollte dem Sohn den Handel geben. Es war auch bald alles in Richtigkeit

und Ruhe; denn in einer schönen Sommernacht war der Sohn nebst einigen

Klavierauszügen verschwunden, kam auch richtig nach England und

schrieb ganz freundschaftlich, daß er nach Amerika gehen werde. Der

Kommerzienrat wünschte ihm Glück auf den Weg und begab sich nach B.

Der Gedanke an den Musiknarren, wie er seinen Sohn nannte, trübte ihm

zwar manche Stunde, denn er hatte ihn ersucht, sich nie mehr vor ihm

sehen zu lassen, und es stand nicht zu erwarten, daß jener ungerufen

wiederkehre; es wollte ihn zuweilen bedünken, als habe er doch töricht

getan, als er ihn durchaus im Kommerz haben wollte; aber Zeit,

Gesellschaft und heitere Laune ließen diese trüben Gedanken nicht lange

aufkommen; er lebte in Jubel und Freude, und wer ihn recht heiter sehen

wollte, durfte nur zwischen elf Uhr und Mittag durch die breite Straße

wandeln. Sah er dort einen langen, hagern Mann, dessen sehr moderne

Kleidung, dessen Lorgnette und Reitpeitsche, dessen bewegliche Manieren

nicht mehr recht zu seinen grauen Haaren passen wollten, sah er diesen

Mann nach allen Seiten grüßen, alle Augenblicke bei diesem oder jenem

stille stehen und schwatzen und mit den Armen fechten, so konnte er

sich darauf verlassen, es war der Kommerzienrat Bolnau.

Aber heute war dies alles ganz anders. Hatte ihn schon zuvor die

Ermordungsgeschichte der Sängerin fast zu sehr affiziert, so war

ihm das letzte Wort des Doktors in die Glieder geschlagen. »Bolnau«

hatte die Bianetti noch gesagt, ehe sie vom Bewußtsein kam. Seinen

eigenen ehrlichen Namen hatte sie unter so verfänglichen Umständen

ausgesprochen! Seine Kniee zitterten und wollten ihm die Dienste

versagen, sein Haupt senkte sich auf die Brust sorgenvoll und

gedankenschwer. »Bolnau!« dachte er, »königlicher Kommerzienrat! Wenn

sie jetzt stürbe, die Sängerin, wenn das Mädchen dann ihr Geheimnis von

sich gäbe und den Polizeidirektor mit den näheren Umständen des Mordes

und mit dem verhängnisvollen Worte bekannt machte! Was kann nicht ein

geschickter Jurist aus einem einzigen Wort argumentieren, besonders

wenn ihn die Eitelkeit anfeuert, in einer solchen ~cause célèbre~

seinen Scharfsinn zu zeigen.« Er lorgnettierte mit verzweiflungsvoller

Miene das Zuchthaus, dessen Giebel aus der Ferne ragte. »Dorthin,

Bolnau, aus ganz besonderer Gnade und Rücksicht auf mehrjährige

Dienste!«

Er atmete schwerer, er lüftete die Halsbinde, aber erschreckt fuhr er

zurück; war dies nicht der Ort, wo man das hänfene Halsband umknüpfte,

war nicht dies die Stelle, wo das kalte Schwert durchging?

Begegnete ihm ein Bekannter und nickte ihm zu, so dachte er: Holla,

der weiß schon um die Sache und will mir zu verstehen geben, daß er

wohl unterrichtet sei. Ging ein anderer vorüber, ohne zu grüßen, so

schien ihm nichts gewisser, als daß man ihn nicht kennen wolle, sich

nicht mit dem Umgang eines Mörders beflecken wolle. Es fehlte wenig,

so glaubte er selbst, er sei schuldig am Mord, und es war kein Wunder,

daß er einen großen Bogen machte, um das Polizeibureau zu vermeiden;

denn konnte nicht der Direktor am Fenster stehen, ihn erblicken und

heraufrufen? »Wertester, beliebt es nicht, ein wenig heraufzuspazieren,

ich habe ein Wort mit Ihnen zu sprechen!« Verspürte er nicht schon

jetzt ein gewisses Zittern, fühlte er nicht jetzt schon seine Züge sich

zu einem Armensündergesicht verziehen, nur weil man glauben könnte, er

sei der, den die Sängerin mit ihrem letzten Worte angeklagt?

Und dann fiel ihm wieder ein, wie schädlich eine solche Gemütsbewegung

für seine Konstitution sei; ängstlich suchte er nach Fensterscheiben,

um sich ruhig zu zählen, aber die Häuser und Straßen tanzten um ihn

her, der Glockenturm schien sich höhnisch vor ihm zu neigen, ein

wahnsinniges Grauen erfaßte ihn, er rannte durch die Straßen, bis er

erschöpft in seiner Behausung niedersank, und seine erste Frage war,

als er wieder ein wenig zu sich gekommen, ob nicht ein Polizeidiener

nach ihm gefragt habe.

4.

Als gegen Abend der Medizinalrat Lange zu seiner Kranken kam, fand

er sie um vieles besser, als er sich gedacht hatte. Er setzte

sich an ihrem Bette nieder und besprach sich mit ihr über diesen

unglücklichen Vorfall. Sie hatte ihren Arm auf die Kissen gestützt,

in der zartgeformten Hand lag ihr schöner Kopf. Ihr Gesicht war noch

sehr bleich, aber selbst die Erschöpfung ihrer Kräfte schien ihr

einen eigentümlichen Reiz zu geben. Ihr dunkles Auge hatte nichts von

jenem Feuer, jenem Ausdruck verloren, der den Doktor, obgleich er ein

bedächtiger Mann und nicht mehr in den Jahren war, wo Phantasie der

Schönheit zu Hilfe kommt, schon früher von der Bühne aus angezogen

hatte. Er mußte sich gestehen, daß er selten einen so schönen Kopf, ein

so liebliches Gesicht gesehen hatte; ihre Züge waren nichts weniger als

regelmäßig, und dennoch übten sie durch ihre Verbindung und Harmonie

einen Zauber aus, für welchen er lange keinen Grund wußte; doch dem

psychologischen Blicke des Medizinalrates blieb dieser Grund nicht

verborgen; es war jene Reinheit der Seele, jener Adel der Natur, was

diese jungfräulichen Züge mit einem überraschenden Glanz von Schönheit

übergoß. »Es scheint, Sie studieren meine Züge, Doktor,« sprach die

Sängerin lächelnd; »Sie sitzen so stumm und sinnend da, starren mich

an und scheinen ganz zu vergessen, was ich fragte. Oder ist es zu

schrecklich, als daß ich es hören sollte? Darf ich nicht erfahren, was

die Stadt über mein Unglück sagt?«

»Was wollen Sie alle diese törichten Vermutungen hören, die müßige

Menschen erfinden und weitersagen? Ich habe eben darüber nachgedacht,

wie rein sich Ihre Seele auf Ihren Zügen spiegle; Sie haben Frieden in

sich, was kümmert Sie das Urteil der Menschen?«

»Sie weichen mir aus,« entgegnete sie, »Sie wollen mir entschlüpfen,

indem Sie mir schöne Dinge sagen. Und mich sollte das Urteil der

Menschen nicht kümmern? Welches rechtliche Mädchen darf sich so über

die Gesellschaft, in welcher sie lebt, hinwegsetzen, daß es ihr gleich

gilt, was man von ihr spricht? Oder glauben Sie etwa,« setzte sie

ernster hinzu, »ich werde nichts danach fragen, weil ich einem Stand

angehöre, dem man nicht viel Gutes zutraut? Gestehen Sie nur, Sie

halten mich für recht leichtsinnig.«

»Nein, gewiß nicht; ich habe immer nur Schönes von Ihnen gehört,

Mademoiselle Bianetti, von Ihrem stillen, eingezogenen Leben, und daß

Sie mit sicherer Haltung in der Welt stehen, obgleich Sie so einsam und

mancher Kabale ausgesetzt sind. Aber warum wollen Sie gerade wissen,

was die Menschen sagen? Wenn ich nun als Arzt solche Neuigkeiten nicht

für zuträglich hielt?«

»Bitte, Doktor, bitte, foltern Sie mich nicht so lange,« rief sie;

»sehen Sie, ich lese in Ihren Augen, daß man nicht gut von mir spricht.

Warum mich in Ungewißheit lassen, die gefährlicher für die Ruhe ist als

die Wahrheit selbst?«

Diesen letzten Grund fand der Medizinalrat sehr richtig; und konnte

in seiner Abwesenheit nicht irgend eine geschwätzige Frau sich

eindrängen und noch Aergeres berichten, als er sagen konnte? »Sie

kennen die hiesigen Leute,« antwortete er, »B. ist zwar ziemlich groß,

aber, du lieber Gott, bei einer Neuigkeit derart zeigt es sich, wie

kleinstädtisch man ist. Es ist wahr, Sie sind das Gespräch der Stadt,

dies kann Sie nicht wundern, und weil man nichts Bestimmtes weiß, so --

nun so macht man sich allerhand seltsame Geschichten. So soll z. B. die

männliche Maske, die man auf der Redoute mit Ihnen sprechen sah und die

ohne Zweifel dieselbe ist, welche diese Tat beging, ein --«

»Nun, so reden Sie doch aus,« bat die Sängerin in großer Spannung,

»vollenden Sie!«

»Es soll ein früherer Liebhaber gewesen sein, der Sie in -- in einer

andern Stadt geliebt hat und aus Eifersucht umbringen wollte.«

»Von _mir_ das! O, ich Unglückliche!« rief sie schmerzlich bewegt,

und Tränen glänzten in ihren schönen Augen; »wie hart sind doch die

Menschen gegen ein so armes, armes Mädchen, das ohne Schutz und Hilfe

ist! Aber reden Sie aus, Doktor, ich beschwöre Sie! Es ist noch etwas

anderes zurück, das Sie mir nicht sagten. In welcher Stadt, sagen die

Leute, soll ich --«

»Signora, ich hätte Ihnen mehr Kraft zugetraut,« sprach Lange, besorgt

über die Bewegung seiner Kranken. »Wahrlich, ich bereue es, nur so viel

gesagt zu haben; ich hätte es nie getan, wenn ich nicht fürchtete, daß

andere mir unberufen zuvorkämen.«

Die Sängerin trocknete schnell ihre Tränen; »ich will ruhig sein,«

sagte sie wehmütig lächelnd, »ruhig will ich sein wie ein Kind; ich

will fröhlich sein, als hätten mir diese Menschen, die mich jetzt

verdammen, ein tausendstimmiges Bravo zugerufen. Nur erzählen Sie

weiter, lieber, guter Doktor!«

»Nun, die Leute schwatzen dummes Zeug,« fuhr jener ärgerlich fort.

»So soll, als Sie letzthin im Othello auftraten, in einer der ersten

Ranglogen ein fremder Graf gewesen sein; dieser will Sie erkannt und

vor etwa zwei Jahren in Paris in einem schlechten Hause gesehen haben.

-- Aber, mein Gott, Sie werden immer blässer --«

»Es ist nichts, der Schein der Lampe fiel nur etwas matter herüber,

weiter, weiter!«

»Nun, dieses Gerede blieb von Anfang nur in den ersten Zirkeln, nach

und nach kam es aber ins Publikum, und da dieser Vorfall hinzukommt,

verbindet man beides und versetzt das frühere Verhältnis zu Ihrem

Mörder in jenes berüchtigte Haus in Paris.«

Auf den ausdrucksvollen Zügen der Kranken hatte während dieser Rede

die tiefste Blässe mit flammender Röte gewechselt. Sie hatte sich

höher aufgerichtet, als solle ihr kein Wort dieser schrecklichen Kunde

entgehen, ihr Auge haftete starr und brennend auf dem Mund des Arztes,

sie atmete kaum, ihr Herz schien stillzustehen. »Jetzt ist's aus,« rief

sie mit einem schmerzlichen Blick zum Himmel, indem Tränen ihrem Auge

entstürzten, »jetzt ist es aus, wenn _er_ dies hörte, so war es zuviel

für seine Eifersucht. Warum bin ich nicht gestern gestorben, ach! da

hätte ich meinen guten Vater gehabt, und meine süße Mutter hätte mich

getröstet über den Hohn dieser grausamen Menschen!«

Der Doktor staunte über diese rätselhaften Worte; er wollte eben ein

tröstendes, besänftigendes Wort zu ihr sprechen, als die Türe mit

Geräusch aufflog und ein großer, junger Mann hereinfuhr. Sein Gesicht

war auffallend schön, aber ein wilder Trotz verfinsterte seine Züge,

sein Auge rollte, sein Haar hing verwildert um die Stirne. Er hatte ein

großes zusammengerolltes Notenblatt in der Faust, mit welchem er in der

Luft herumfuhr und gleichsam agierte, ehe er Atem zum Sprechen fand.

Bei seinem Anblick schrie die Sängerin laut auf, der Doktor glaubte

anfangs, aus Angst, aber es war Freude, denn ein holdes Lächeln zog um

ihren Mund, ihr Auge glänzte ihm durch Tränen entgegen. »Carlo!« rief

sie, »Carlo! Endlich kommst du, nach mir zu sehen!«

»Elende!« rief der junge Mann, indem er majestätisch den Arm mit

der langen Notenrolle nach ihr ausstreckte. »Laß ab von deinem

Sirenengesang, ich komme -- dich zu richten!«

»O Carlo!« unterbrach ihn die Sängerin, und ihre Töne klangen

schmelzend und süß wie die Klänge der Flöte. »Wie kannst du so zu

deiner Giuseppa sprechen!«

Der junge Mann wollte mit tragischem Pathos antworten, aber der Doktor,

dem dieser Auftritt für seine Kranke zu angreifend schien, warf sich

dazwischen. »Wertester Herr Carlo,« sagte er, indem er ihm eine Prise

bot, »belieben Sie zu bedenken, daß Mademoiselle in einem Zustand ist,

wo solche Szenen allzusehr ihre schwachen Nerven affizieren!«

Jener schaute ihn groß an und wandte die Notenrolle gegen ihn. »Wer

bist du, Erdenwurm?« rief er mit tiefer, dröhnender Stimme. »Wer bist

du, daß du dich zwischen mich stellst und meinen Zorn?«

»Ich bin der Medizinalrat Lange,« entgegnete dieser und schlug die Dose

zu, »und in meinen Titeln befindet sich nichts von einem Erdenwurme.

Ich bin hier Herr und Meister, solange Signora krank ist, und ich sage

Ihnen im guten, packen Sie sich hinaus, oder modulieren Sie Ihr ~Presto

assai~ zu einem anständigen ~Larghetto~.«

»O, lassen Sie ihn doch, Doktor,« rief die Kranke ängstlich, »lassen

Sie ihn doch, bringen Sie ihn nicht auf! Er ist mein Freund, Carlo wird

mir nichts Böses tun, was ihm auch die schlechten Menschen wieder von

mir gesagt haben.«

»Ha! Du wagst es noch zu spotten! Aber wisse, ein Blitzstrahl hat

die Tore deines Geheimnisses gesprengt und hat die Nacht erhellt,

in welcher ich wandelte. Also darum sollte ich nicht wissen, was du

warst, woher du kamst? Darum verschlossest du mir den Mund mit deinen

Küssen, wenn ich nach deinem Leben fragte? Ich Tor! Daß ich von einer

Weiberstimme mich bezaubern ließ und nicht bedachte, daß sie nur Trug

und Lug ist! Nur im Gesang des Mannes wohnt Kraft und Wahrheit. ~Ciel!~

Wie konnte ich mich von den Rouladen einer Dirne betören lassen!«

»O Carlo,« flüsterte die Kranke, »wenn du wüßtest, wie deine Worte mein

Herz verwunden, wie dein schrecklicher Verdacht noch tiefer dringt als

der Stahl des Mörders!«

»Nicht wahr, Täubchen,« schrie jener mit schrecklichem Lachen, »deine

Amorosi sollten blind sein, da wäre gut mit ihnen spielen? Der Pariser

muß doch ein wackerer Kerl sein, daß er endlich doch noch das fromme

Täubchen fand!«

»Jetzt aber wird es mir doch zu bunt, Herr,« rief der Doktor und packte

den Rasenden am Rock; »auf der Stelle marschier' Er sich zu dem Zimmer

hinaus, sonst werde ich die Hausleute rufen, daß sie Ihn expedieren!«

»Ich gehe schon, Erdenwurm, ich gehe,« schrie jener und stieß den

Medizinalrat zurück, daß er ganz bequem in einem Fauteuil niedersaß;

»ja ich gehe, Giuseppa, um nimmer wiederzukehren. Lebe wohl oder

stirb lieber, Unglückliche, verbirg deine Schmach unter der Erde.

Aber jenseits verbirg deine Seele an einem Ort, wo ich dir nie

begegnen möge; ich würde der Seligkeit fluchen, wenn ich sie mit dir

teilte, weil du mich hier so schändlich um meine Liebe, um mein Leben

betrogen.« Er rief es, indem er noch etwas weniges mit den Noten

agierte, aber sein wildes, rollendes Auge schmolz in Tränen, als er den

letzten Blick auf die Geliebte warf, und schluchzend rannte er aus dem

Zimmer.

»Ihm nach, halten Sie ihn auf,« rief die Sängerin, »führen Sie ihn

zurück, es gilt meine Seligkeit!«

»Mit nichten, Wertgeschätzte,« entgegnete Doktor Lange, indem er sich

aus seinem Lehnstuhl aufrichtete; »diese Szene darf nicht fortgespielt

werden. Ich will Ihnen etwas Niederschlagendes aufschreiben, das Sie

alle Stunden zwei Eßlöffel voll einnehmen werden.«

Die Unglückliche war in ihre Kissen zurückgesunken, und ihre Kräfte

waren erschöpft, sie verlor das Bewußtsein von neuem.

Der Doktor rief das Mädchen und suchte mit ihrer Hilfe die Kranke

wieder ins Leben zurückzubringen, doch konnte er sich nicht enthalten,

während er die Essenzen einflößte, das Mädchen tüchtig auszuschmälen.

»Habe ich nicht befohlen, man solle niemand, gar niemand hereinlassen,

und jetzt läßt man diesen Wahnsinnigen zu, der Ihr braves Fräulein

beinahe zum zweitenmal ums Leben brachte.«

»Ich habe gewiß sonst niemand hereingelassen,« sprach die Zofe weinend;

»aber _ihn_ konnte ich doch nicht abweisen; sie schickte mich ja heute

schon dreimal in sein Haus, um ihn zu beschwören, nur auf einen kleinen

Augenblick zu kommen; ich mußte ja sogar sagen, sie sterbe und wolle

ihn vor ihrem Tode nur noch ein einziges Mal sehen!«

»So? Und wer ist denn dieser --«

Die Kranke schlug die Augen auf. Sie sah bald den Doktor, bald das

Mädchen an, ihre Blicke irrten suchend durchs Zimmer. »Er ist fort, er

ist auf ewig hin,« flüsterte sie; »ach, lieber Doktor, gehen Sie zu

Bolnau!«

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 2 · 第 14 / 22 段