feierliche Verlobung gräflicher, sogar fürstlicher Paare gleich den
andern oder dritten Tag, nachdem die Werbung angenommen worden, vor
sich gegangen war. Er stand daher um so weniger an, seinen Neffen und
Elisens Vater zu gleicher Eilfertigkeit zu treiben, als er selbst
gleich nach dieser Szene, wobei, seiner Meinung nach, sein Segen
notwendig war, auf mehrere Wochen auf das Land gehen wollte. So kam
es, daß sich der Stallmeister durch den verhängnisvollen Zug der
Umstände in die ruhige Bucht eines schönen, häuslichen Glückes versetzt
sah, als er sich kaum noch auf hoher See glaubte oder wenigstens
von Klippen träumte, an welchen seine Hoffnung auf immer scheitern
könnte. Am Morgen jenes festlichen Tages, der zu seiner Verlobung
angesetzt war, brachte ihm ein Knabe einen Brief; die Hand, die ihn
geschrieben, war ihm unbekannt. Er öffnete und fand den Namen des
Magisters Bunker unterzeichnet. So unangenehm auch die Erinnerungen
sein mochten, mit welchen dieser Name in Verbindung stand, so machte
doch das Andenken an diesen alten Mann und die wenigen rührenden Worte
des Briefes tiefen Eindruck auf ihn. Er bat, der Stallmeister möchte
dem Knaben zu ihm folgen; er habe ihm notwendig etwas zu eröffnen und
sei selbst zu schwach und angegriffen, als daß er über die Straße gehen
könnte. Rempen fürchtete anfangs ein Zusammentreffen mit Palvi. Als
aber der Knabe auf seine Frage, ob Herr von Palvi bei dem Alten sei,
antwortete: »Ach nein! der ist ganz schnell weggereist und kommt nimmer
wieder, und der alte Herr Magister hat geweint wie ein Kind,« nahm er
eilends seinen Hut und folgte.
Der Knabe führte ihn durch mehrere Seitenstraßen in einen abgelegenen
Teil der Stadt, wo arme Leute und Handwerker wohnten, bis vor ein
kleines, aber reinliches Haus. Dort stieg er eine Treppe hinan und
öffnete dem Stallmeister eine Türe. Es war ein Zimmer voll Verwirrung
und Unordnung, in das sie traten. Papiere und Bücher lagen am Boden
zerstreut, und die Trümmer einer Gitarre mischten sich mit ausgeleerten
Flaschen und alten Schuhen. Auf den Stühlen lagen Kleidungsstücke, auf
dem schlechten Kanapee aber saß, den Kopf in die Hand gestützt, ein
Mann, in welchem Rempen den Alten erkannte. Beim Geräusch, das ihr
Eintritt verursachte, wandte er den Kopf um und hatte Tränen in den
alten Augen.
»Vergeben Sie mir!« sagte er, indem er mit Mühe sich aufraffte. »Meine
Füße trugen mich nicht mehr zu Ihnen, und meine Hand zittert -- ich
mußte meine Botschaft mündlich geben.«
»Was ist vorgegangen!« rief der junge Mann bestürzt. »Sie sind krank,
Sie weinen, um wen? Und von wem eine so feierliche Botschaft?«
Der Alte trocknete sich die Augen. »Er hat viel auf Sie gehalten,«
sprach er, »noch gestern und vorgestern hat er immer von Ihnen
gesprochen und innig bedauert, daß er Sie so spät erst kennen gelernt
hat. Sie hätten können herzliche Freunde werden, denn Sie sind keiner
von den schuftigen Gesellen, die er verabscheute.«
»Mein Gott, Sie sprechen von Palvi? Wo ist er?«
»Möge ihn ein gütiger Arm vor den Wellen des Flusses bewahrt haben!«
erwiderte der Alte sehr ernst; »doch nicht wahr, junger Mann, es gehört
größere Kraft dazu, einen Kummer zu tragen, als sich von ihm zerbrechen
zu lassen? Nicht wahr? Ich glaube es wenigstens, und er ist eine
kräftige Seele, er kann nicht zum Selbstmörder werden.«
Rempen verhüllte sein Gesicht, er konnte den tiefen Gram des Alten
nicht länger sehen. Aber dieser zog ihm ängstlich die Hand von den
Augen. »O lesen Sie doch,« sagte er; »lesen Sie genau, prüfen Sie jedes
Wort, nicht wahr, es steht nichts darin, daß er sich töten wolle?«
Rempen nahm das Blatt; es war in wenigen Worten ein kurzer, aber
ergreifender Abschied an den Alten. Er müsse ihn und diese Stadt
verlassen, schrieb er. Als Grund gab er nur flüchtig sein unglückliches
Verhältnis zu Elisen an, von welchem der Alte völlig unterrichtet
schien.
Rempen suchte den Alten zu trösten; »es sei so natürlich,« sagte er,
»daß Palvi sich zerstreuen wolle, daß er vielleicht nur eine kleine
Reise mache!«
Aber der Alte schüttelte mit bitterem Lächeln den Kopf. »Er kommt nicht
wieder; und ach! ich habe keine Freude und keinen Freund mehr! Er hat
alle seine kleinen Rechnungen bezahlt, und mir,« setzte er weinend
hinzu, »mir hat er seine Bücher und alles hinterlassen. -- Doch mein
Auftrag. Sie sehen, wie sehr er Sie schätzte, hier ist ein Paket mit
Büchern an Sie, die Adresse schrieb er noch heute morgen, und in einem
kleinen Zettelchen, das er darauf gelegt hat, bittet er mich, Sie bei
allem, was heilig sei, zu versichern, daß er kein schlechter Mensch
gewesen sei, daß er Sie liebe und in Ihrem Glück sein eigenes finde.«
Indem der Magister noch diese Worte sprach, hörte man ein Geräusch auf
der Treppe, eilende Schritte nahten dem Zimmer, die Türe ging auf, und
ein Zeitungsblatt in der Hand stürzte der Buchhändler Kaper in das
Zimmer. »Wo ist er?« rief er erhitzt und atemlos; »wo ist der große und
unvergleichliche Hüon, unser Scott, unser letzter Ritter! Wo ist Blüte
und Kern unserer Literatur? Ich meine den Herrn Referendär von Palvi,
der hier logiert, wenn ich nicht irre,« setzte er hinzu, als er den
Gesuchten nicht im Zimmer fand.
»Er ist verreist,« antwortete der Alte.
»Himmel! komme ich zu spät?« fuhr Kaper fort, »wissen Sie nicht, hat
Hüon schon einen Verleger zum nächsten Historischen? Daß wir es erst
heute erfahren müssen! -- Ei! ei! gratuliere, Herr Stallmeister, zu
meiner schönen Nachbarin -- aber wer hätte das gedacht, daß wir den
göttlichen Hüon in den eigenen Mauern hätten, daß es dieser Herr von
Palvi wäre!«
»Wie!« rief der Stallmeister, indem er den Alten staunend anblickte.
»Er wäre Hüon?«
»Da steht's, da steht's gedruckt im Konversationsblatt,« schrie der
Buchhändler, seine Zeitung dem jungen Rempen überreichend.
»Hüon,« sagte der Alte, »er war Hüon. Wohl hat er den Ungläubigen die
Backenzähne ausgezogen, und vergebens kämpften sie gegen meinen edlen,
jugendlichen Paladin, aber sein Geschick wollte, er sollte Hüon ohne
Rezia sein.«
Noch einmal öffnete sich die Türe und spie, wie das Tor im Löwengarten
des Königs Franz, zwei Leoparden auf einmal aus. Es waren der Hofrat
und der dramatische Professor, die hereinstürzten. »Wo ist er?« riefen
sie. »Vergessen sei alle Fehde! Wir hatten ja einen ganz andern im
Verdacht, der Autor dieses Romans zu sein; darum, gewiß nur darum haben
wir ihn gehauen. Ins Freitagskränzchen soll er kommen, Mitarbeiter
soll er werden am belletristischen Vergnügen! Den Zundler soll er uns
ersetzen, der treffliche Hüon.« So schrieen sie durcheinander, aber
mit Hohn und Verachtung blickte sie der Alte an. »Ihr findet ihn nicht
mehr,« sagte er. »Er ist hinweg für immer.«
»Hat er etwa einen Ruf bekommen?« rief der Professor.
»Ha!« rief ihm der Hofrat nach, »das ist ja wohl Zundlers rätselhafter
Magister. Herrlicher Fund! Wir zahlen zehn Taler pro Bogen,
Wertgeschätzter; arbeiten Sie mit an unserm Blatt, was Sie wollen;
Gedichte, Novellen, Rezensionen, Kunstgefühle, wir nehmen alles auf!«
»Zurück!« entgegnete der alte Mann mit mehr Hoheit, als ihm Rempen
zugetraut hatte; »ich habe einen Freund verloren, eine große, schöne
Seele, und bin nicht gesonnen, ihn mit euch und euren Talern zu
ersetzen. Dort am Boden liegen Palvis Papiere -- teilt euch in seinen
poetischen Nachlaß.«
Er sprach es, nahm den Stallmeister unter den Arm und verließ mit ihm
langsam das Zimmer. Kaper, der Hofrat und der Professor stürzten wie
Drachen auf den Boden und über die Papiere her, und mitten in seinem
Kummer mußte der Stallmeister lächeln, als ihm der Alte auf der Treppe
entdeckte, jene werden nur Fragmente von juristischen Relationen und
unbedeutende Kriminalakten finden. Als aber der Alte an der Türe
des Hauses, mühsam und auf seinen Stab gestützt, an den Häusern
hinschleichen wollte, ergriff Rempen seinen Arm von neuem und führte
ihn trotz seiner Widerrede bis zu seiner Wohnung. Dort setzte sich der
Magister auf einen Stein, um Kräfte zu gewinnen; denn sein Stübchen lag
fünf Stockwerke hoch.
11.
Elise saß zu derselben Stunde vor der Toilette. Gedankenvoll sah sie
vor sich hin, indem das Kammermädchen ihre Haare ordnete. Vielleicht
hatte der tägliche Anblick dieser Zofe den Stachel entheiligter Liebe
nur immer noch tiefer in das Herz gedrückt; und dennoch vermochte
sie es nicht über sich, dieses Mädchen wegzuschicken; es war der
Stolz einer erhabenen Seele, was sie von diesem Schritt abhielt, der
vielleicht auch von ihren Eltern getadelt worden wäre, denn das Mädchen
diente treu und geschickt. Doch so tief diese Wunde sein mochte, Elise
suchte in diesem Augenblick ihren Schmerz zu übertäuben. Wenn nach den
Gesetzen der Natur das Wesen in uns zu derselben Zeit verschiedentlich
beschäftigt sein könnte, wenn es möglich wäre, in dem nämlichen Moment
in dem Herzen so ganz anders zu fühlen, als man oben hinter den Augen
denkt, so müßte Elisens Seele in dieser Stunde nach verschiedenen
Richtungen sich geteilt haben. Im Hintergrund ihres Herzens flüsterten
tiefe, wehmütige Töne die Erinnerung einer schönen Zeit, sie sangen in
klagenden Weisen jene Tage, wo Elise auf der ersten Stufe der Jugend
das Auge des Geliebten verstand. In volleren Akkorden rauschten diese
Erinnerungen, als sie von Stunden seliger Liebe, von Trennung und der
Wonne des Wiederfindens sprachen. »Verloren, verloren durch seine
eigene Schuld!« weinte dann ihre Seele. »Untergegangen ein so großer,
schöner Geist in Leichtsinn und Niedrigkeit!« Doch diese Gefühle
schlichen nur gleich Schatten vorbei; sie suchte mit aller Gewalt des
Geistes den Blick von diesen Erinnerungen abzuwenden, sie dachte an das
ruhige, klare Wesen ihres zukünftigen Gatten, sein bescheidenes und
doch so würdiges Betragen, seine reine Herzensgüte. Sie rief sich alles
dies hervor, ja, sie versuchte zu lächeln, um freundlichere Gefühle
dadurch zu erringen, aber -- es gelang ihr, ruhig, doch nicht, heiter
zu werden.
Der Putz war vollendet, sie richtete sich vor dem hohen Spiegel auf,
und die Freude an ihrer eigenen hübschen Gestalt verdrängte auf
Augenblicke jene düsteren, wehmütigen Bilder. »Nein, und wenn er noch
so proper angetan wäre,« sagte in diesem Augenblick das Kammermädchen,
»mich soll er nicht mehr anreden dürfen!«
»Ich habe dir gesagt, du sollst nicht mehr von solchen Dingen reden,«
rief Elise mit der Röte des Unmutes auf den Wangen.
»Ach Gott! gnädiges Fräulein, ich will ja auch gar nichts mehr von dem
schlechten Menschen wissen, aber ich sagte nur so, weil er wieder in
Herrn Kapers Laden steht.«
Elise zitterte, sie wollte von dem Spiegel hinwegeilen, aber
unwiderstehlich zog es sie an das Fenster. Sie warf einen Blick
hinüber, und unter jener Türe stand Zundler.
»Wie!« rief sie, kaum ihrer Worte mächtig, der Zofe zu, »ist es denn
dieser?«
»I, freilich! aber werden Sie mir nur nicht böse!«
»Und dieser ist derselbe, den du _damals_ meintest?« fuhr sie mit
bebenden Lippen fort.
»Wer denn anders?« entgegnete jene ruhig; »aber ich weiß jetzt, er ist
ein schlechter Mensch, und jetzt weiß ich auch, wie er heißt, Doktor
Zundler.«
»Geh, geh, bringe die Kleider weg,« flüsterte Elise, indem sie ihr
glühendes Gesicht halb bewußtlos in die Kissen des Sofas drückte; das
Mädchen eilte erschrocken hinweg, und die unglückliche Braut war mit
ihrem Gram allein. Welche Gefühle stürmten auf sie ein! Beschämung,
Liebe, Unmut über sich selbst. Sie sprang auf; ein Gang durch das
Zimmer machte sie mutiger. Sie wollte Rempen alles gestehen, sie war
einen Augenblick überzeugt, er werde so edel sein, zurückzutreten,
Palvi werde leicht zu versöhnen sein. Aber die Stadt wußte, daß heute
ihre Verlobung sei. Ihr Vater hatte dem Geliebten sogar das Haus
verboten, würde er jemals einwilligen, sie glücklich zu machen? Nein!
-- Scham vor der Welt, Reue, Angst warfen sie nieder. Bleich, erschöpft
und zitternd fand sie der Stallmeister, als er bald darauf ernster, als
zu diesem fröhlichen Tag sich schickte, in Elisens Zimmer trat.
»Ich muß Ihnen eine sonderbare Nachricht geben,« sagte er bewegt,
indem er sich zu ihr setzte und, beschäftigt mit seinen Gedanken, ihre
Verwirrung nicht bemerkte. »Palvi ist weggereist, und zwar auf immer.«
»Er ist tot!« rief sie. »Gewiß, schnell, sagen Sie es nur heraus, er
hat sich getötet!«
»Nein,« erwiderte Rempen, »er hat mir einen Brief zurückgelassen,
worin er Sie und mich zum letztenmal begrüßt; er ist nach Frankreich
gegangen. Dorthin lautet auch sein Paß, wie mir soeben mein Onkel
erzählte.«
Elise schwieg; sie fühlte, daß sie ihn erst in diesem Augenblick ganz
verloren habe; aber sie hatte Kraft genug, jeden Laut des Kummers zu
unterdrücken.
»Doch was Sie noch mehr befremden wird,« fuhr er fort, »jenen
Roman, den Sie uns letzthin erzählt haben, hat uns der Autor selbst
vorgelesen.«
»Palvi!« rief sie in so eigenem Ton, daß der Stallmeister erschrak. »Er
wäre --«
»Hüon, der Autor der ›letzten Ritter von Marienburg‹. Es steht schon in
öffentlichen Blättern, und hier schickt er mir und Ihnen dieses Werk.«
Der Stallmeister öffnete ein Paket und gab Elisen die Bücher. Sie
öffnete eines derselben; ihr Blick fiel auf das Märchen, woraus Palvi
mit so sonderbarem Accent einige Reime gelesen, und jetzt erst stieg
eine längst verbleichte Erinnerung in ihr auf. Es war ein Märchen, das
Palvis Vater den Kindern so oft erzählt hatte. Eine große Träne schwamm
in ihrem schönen Auge und fiel herab auf diese Zeilen.
In diesem Augenblick öffneten sich die Flügeltüren. Mit feierlichem
Gesicht und überladen mit seinen Orden trat der Geheimrat von Rempen
herein. Mit Anstand trat er vor das Fräulein, ihr den Arm zu bieten.
»Die Familien sind im Salon versammelt,« sprach er; »ist es gefällig,
die Ringe zu wechseln? Doch wie? Sind Sie so sehr in unsere Literatur
verliebt, daß Sie sogar gerade vor der Verlobung Lesestunden mit meinem
Neffen halten? Was lesen Sie denn, wenn man fragen darf?«
Mit einem schmerzlichen Lächeln stand Elise auf und nahm seinen
Arm. »Etwas Altes in neuer Form,« erwiderte sie, »ein Märchen von
untergegangener Liebe!«
»Ei! ei!« setzte der Oheim lächelnd und mit dem Finger drohend hinzu.
»Etwas solches vor der Verlobung? und wie heißt denn der Titel?« fragte
er, indem er sie in den Saal führte.
»Er heißt: _Die letzten Ritter von Marienburg_.«
Des Verfassers eigene Kritik über vorstehende Novelle.
(Litteraturblatt des Morgenblatts 1827 Nr. 92 u. ff.)
_Die letzten Ritter von Marienburg_, Novelle von W. Hauff. Auch
wieder einmal eine Novelle, doch gottlob keine historische, wie wir
beim ersten Anblick geargwöhnt hatten; lieber wäre es uns gewesen
wenn Herr Hauff seinen Stoff, wie es im ersten Kapitel geschieht,
durchaus zu einer Satire der historischen Romane, nicht aber zu
einer ziemlich unnötigen Belobung derselben benützt hätte. Auch
ist es nicht sehr bescheiden, daß der Herr Verfasser den Roman
»Die letzten Ritter von Marienburg« so oft als trefflich und
unvergleichlich schildert, da er doch selbst es ist, der die Skizze
davon entworfen hat.
Die letzten Partien der Novelle sind abgerissener und eilender
als die ersten und verfehlen dadurch den Charakter der besonnenen
Ruhe und Rundung, den die Novelle haben soll. Herr Hauff scheint
sich zwar diesmal in Hinsicht auf Sprache und Anordnung mehr Mühe
gegeben zu haben als im vorjährigen Frauentaschenbuch; aber auch
hier sind die Figuren nur skizziert, flüchtig angedeutet und
gelangen somit nicht zu echterm, farbigem Leben. Das Motiv, aus
welchem Fräulein Elise den Dichter Palvi aufgibt, ist, wenn ein
natürliches, doch jedenfalls kein poetisches.
Die Sängerin.
1.
»Das ist ein sonderbarer Vorfall!« sagte der Kommerzienrat Bolnau zu
einem Bekannten, den er auf der breiten Straße in B. traf; »gesteht
selbst, wir leben in einer argen Zeit.«
»Ihr meint die Geschichte im Norden?« entgegnete der Bekannte, »habt
Ihr Handelsnachrichten, Kommerzienrat? Hat Euch der Minister des
Auswärtigen aus alter Freundschaft etwas Näheres gesagt?«
»Ach, geht mir mit Politik und Staatspapieren; meinetwegen mag
geschehen, was da will. Nein, ich meine die Geschichte mit der
Bianetti.«
»Mit der Sängerin? Wie? Ist sie noch einmal engagiert? Man sagte ja,
der Kapellmeister habe sich mit ihr überworfen --«
»Aber um Gottes willen,« rief der Kommerzienrat und blieb staunend
stehen; »in welchen Spelunken treibet Ihr Euch umher, daß Ihr nicht
wisset, was sich in der Stadt zuträgt? So wisset Ihr nicht, was der
Bianetti arrivierte?«
»Kein Wort, auf Ehre! was ist es denn mit ihr?«
»Nun, es ist weiter nichts mit ihr, als daß sie heute nacht
totgestochen worden ist.«
Der Kommerzienrat galt unter seinen Bekannten für einen Spaßvogel, der,
wenn er morgens von elf bis Mittag seine Promenaden in der breiten
Straße machte, die Leute gerne aufhielt und ihnen irgend etwas aus
dem Stegreife aufband. Der Bekannte war daher nicht sehr gerührt von
dieser Schreckensnachricht, sondern antwortete: »Weiter wisset Ihr also
heute nichts, Bolnau? Ihr müßt doch nachgerade mit Eurem Witz zu Rande
sein, weil Ihr die Farben so stark auftraget. Wenn Ihr mich übrigens
ein andermal wieder stellet in der breiten Straße, so besinnt Euch auf
etwas Vernünftigeres, sonst bin ich genötigt, einen Umweg zu machen,
wenn ich von der Kanzlei nach Hause gehe.«
»Er glaubt's wieder nicht!« rief der Spaziergänger; »seht nur, er
glaubt's wieder nicht! Wenn ich gesagt hätte, der Kaiser von Marokko
sei erstochen worden, so hättet Ihr die Nachricht mit Dank eingesteckt
und weitergetragen, weil sich dort schon Aehnliches zugetragen hat.
Aber wenn eine Sängerin hier in B. totgestochen wird, da will keiner
glauben, bis man den Leichenzug sieht. Aber, Freundchen, diesmal ist's
wahr, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin.«
»Mensch! Bedenket, was Ihr sagt!« rief der Freund mit Entsetzen. »Die
Sängerin erstochen? Tot, sagtet Ihr? Die Bianetti totgestochen?«
»Tot war sie vor einer Stunde noch nicht, aber sie liegt in den letzten
Zügen, soviel ist gewiß.«
»Aber sprechet doch ums Himmels willen! Wie kann man denn eine
Sängerin totstechen? Leben wir denn in Italien? Für was ist denn eine
wohllöbliche Polizei da? Wie ging es denn zu? Totgestochen!«
»Schreiet doch nicht so mörderlich!« erwiderte Bolnau besänftigend;
»die Leute fahren schon mit den Köpfen aus allen Fenstern und schauen
nach dem Straßenlärm. Ihr könntet ja ~sotta voce~ jammern, so viel Ihr
wollt. Wie es zuging? Ja sehet, da liegt es eben; das weiß bis jetzt
kein Mensch. Gestern nacht war das schöne Kind noch auf der Redoute,
so liebenswürdig, so bezaubernd wie immer, und heute nacht um zwölf
Uhr wird der Medizinalrat Lange aus dem Bette geholt, Signora Bianetti
liege am Sterben; sie habe eine Stichwunde im Herzen. Die ganze
Stadt spricht schon davon, aber natürlich das tollste Zeug. Es sind
allerdings fatale Umstände dabei, daß man nicht ins reine kommen kann;
so darf z. B. niemand ins Haus als der Arzt und die Leute, die sie
bedienen. Auch bei Hof weiß man es schon, und es kam ein Befehl, daß
die Wache nicht am Haus vorbeiziehen dürfe; das ganze Bataillon mußte
den Umweg über den Markt nehmen.«
»Was Ihr sagt! Aber weiß man denn gar nicht, wie es zuging? Hat man
denn gar keine Spur?«
»Es ist schwer, sich aus den verschiedenen Gerüchten auf das Wahre
durchzuarbeiten. Die Bianetti, das muß man ihr lassen, ist eine sehr
anständige Person, der man auch nicht das geringste nachsagen kann.
Nun, wie aber die Leute sind, besonders die Frauen, wenn man da von
dem ordentlichen Lebenswandel des armen Mädchens spricht, zuckt man
die Achsel und will von ihrem frühern Leben allerlei wissen. Von ihrem
frühern Leben! Sie hat kaum siebzehn Jahre und ist schon anderthalb
Jahre hier? Was ist das für ein früheres Leben!«
»Haltet Euch nicht so lange beim Eingang auf,« unterbrach ihn der
Bekannte, »sondern kommt auf das Thema. Weiß man nicht, wer sie
erstochen hat?«
»Nun, das sage ich ja eben; da soll es nun wieder ein abgewiesener
oder eifersüchtiger Liebhaber sein, der sie umbrachte. Sonderbar sind
allerdings die Umstände. Sie soll gestern auf der Redoute mit einer
Maske, die niemand kannte, ziemlich lange allein gesprochen haben. Sie
ging bald nachher weg, und einige Leute wollten gesehen haben, daß
dieselbe Maske zu ihr in den Wagen stieg. Weiter weiß niemand etwas
Gewisses; aber ich werde es bald erfahren, was an der Sache ist.«
»Ich weiß, Ihr habt so Eure eigenen Kanäle, und gewiß habt Ihr auch
bei der Bianetti einen dienstbaren Geist. Es gibt Leute, die Euch die
Stadtchronik nennen.«
»Zu viel Ehre, zu viel Ehre,« lachte der Kommerzienrat und schien sich
ein wenig geschmeichelt zu fühlen. »Diesmal habe ich aber keinen andern
Spion als den Medizinalrat selbst. Ihr müßt bemerkt haben, daß ich,
ganz gegen meine Gewohnheit, nicht die ganze Straße hinauf und hinab
wandle, sondern mich immer zwischen der Karls- und Friedrichsstraße
halte.«
»Wohl habe ich dies bemerkt, aber ich dachte, Ihr macht Fensterparade
vor der Staatsrätin Baruch.«
»Geht mir mit der Baruch! Wir haben seit drei Tagen gebrochen, meine
Frau sah das Verhältnis nicht gerne, weil jene so hoch spielt. Nein,
der Medizinalrat Lange kommt alle Tage um zwölf Uhr durch die breite
Straße, um ins Schloß zu gehen, und ich stehe hier auf dem Anstand, um
ihn sogleich aufs Korn zu nehmen, wenn er um die Ecke kommt.«
»Da bleibe ich bei Euch,« sprach der Freund, »die Geschichte der
Bianetti muß ich genauer hören. Ihr erlaubt es doch, Bolnau?«
»Wertester, geniert Euch ganz und gar nicht,« entgegnete jener; »ich
weiß, Ihr speiset um zwölf Uhr, lasset doch die Suppe nicht kalt
werden. Ueberdies könnte Lange vor Euch nicht recht mit der Sprache
heraus wollen; kommt lieber nach Tisch ins Kaffeehaus, dort sollet Ihr
alles hören. -- Machet übrigens, daß Ihr fortkommt, dort biegt er schon
um die Ecke.«
2.
»Ich halte die Wunde nicht für absolut tödlich,« sprach der
Medizinalrat Lange nach den ersten Begrüßungen; »der Stoß scheint
nicht sicher geführt worden zu sein. Sie ist schon wieder ganz bei
Besinnung, und die Schwäche abgerechnet, die der große Blutverlust
verursachte, ist in diesem Augenblick wenigstens keine Spur von Gefahr.«
»Das freut mich,« erwiderte der Kommerzienrat und schob vertraulich
seinen Arm in den des Doktors; »ich begleite Ihn noch die paar Straßen
bis ans Schloß; aber sag' Er mir doch ums Himmels willen etwas Näheres
über diese Geschichte; man kann ja gar nicht ins klare kommen, wie sich
alles zugetragen.«
»Ich kann Ihm schwören,« antwortete jener, »es liegt ein furchtbares
Dunkel über der Sache. Ich war kaum eingeschlafen, so weckt mich mein
Johann mit der Nachricht, man verlange mich zu einem sehr gefährlichen
Kranken. Ich warf mich in die Kleider, renne hinaus, im Vorsaal steht
ein Mädchen, bleich und zitternd, und flüstert so leise, daß ich es
kaum hörte, ich soll mein Verbandzeug zu mir stecken. Schon das fällt
mir auf; ich werfe mich in den Wagen, lasse die bleiche Mamsell auf
den Bock zu Johann sitzen, daß sie den Weg zeige, und fort geht es bis
in den Lindenhof. Ich steige vor einem kleinen Hause ab und frage die
Mamsell, wer denn der Kranke sei?«
»Ich kann mir denken, wie Er staunte --«
»Wie ich staunte, als ich hörte, es ist Signora Bianetti! Ich kannte
sie zwar nur vom Theater, hatte sie sonst kaum zwei-, dreimal gesehen,
aber die geheimnisvolle Art, wie ich zu ihr gerufen wurde, das
Verbandzeug, das ich zu mir stecken sollte, ich gestehe Ihm, ich war
sehr gespannt, was der Sängerin zugestoßen sein sollte. Es ging eine
kurze Treppe hinan, eine schmale Hausflur entlang. Das Mädchen ging
voran, ließ mich einige Augenblicke im Dunkeln warten und kam mir dann
schluchzend und noch bleicher als zuvor entgegen. ›Treten Sie ein, Herr
Doktor,‹ sagte sie, ›ach! Sie werden zu spät kommen, sie wird's nicht
überleben.‹ Ich trat ein, es war ein schrecklicher Anblick.«
Der Medizinalrat schwieg sinnend und düster, es schien sich ein Bild
vor seine Seele zu drängen, das er umsonst abzuwehren suchte. »Nun, was
sah Er?« rief sein Begleiter, ungeduldig über diese Unterbrechung. »Er
wird mich doch nicht so zwischen Türe und Angel stehen lassen wollen?«
»Es ist mir manches in meinem Leben begegnet,« fuhr der Doktor fort,
nachdem er sich gesammelt hatte, »manches, wovor mir graute, manches,
das mich erschreckte, aber nichts, was mir das Herz so in der Brust
umdrehte wie dieser Anblick. In einem matt erleuchteten Zimmer lag
ein bleiches, junges Weib auf dem Sofa, vor ihr kniete eine alte Magd
und preßte ihr ein Tuch auf das Herz. Ich trat näher; weiß und starr
wie eine Büste lag der Kopf der Sterbenden zurück, die schwarzen,
herabfallenden Haare, die dunkeln Brauen und Wimpern der geschlossenen
Augen bildeten einen schrecklichen Kontrast mit der glänzenden Blässe
der Stirn, des Gesichtes, des schönen Halses. Die weißen faltenreichen
Gewänder, die wohl zu ihrer Maske gehört hatten, waren von Blut
überströmt, Blut auf dem Fußboden, und von dem Herzen schien der rote
Strom auszugehen. -- Dies alles stellte sich mir in einem Augenblick
dar -- es war Bianetti, die Sängerin.«