Geschmack und ihre Belesenheit bewundern. Auch Palvi wurde gebührendes
Lob gespendet; man hatte selten mit dieser Gewandtheit, mit diesem
Ausdruck etwas vorlesen gehört, und die Bewunderung stieg, als man sich
sagte, daß er wahrscheinlich diesen Roman nicht zuvor gelesen habe.
Elise kam mit Onkel und Tante Rempen angefahren, und Julius vergaß so
ganz seine vorigen Gedanken, seine Vorsätze, daß er vor Freude errötend
herbeisprang, sie aus dem Wagen zu heben, daß er halb unbewußt ihre
Hand drückte und dies erst erkannte, als er diesen Druck erwidert
fühlte. Alle jene düstern Bilder, die auf dem Altan vor seiner Seele
vorübergezogen, verschwanden vor dem Glanz ihrer Schönheit. Er hatte
sie nie so reizend, so wundervoll gesehen, wenigstens so huldreich
war sie nie gegen ihn gewesen. Den Grund davon gestand ihm in einer
Ecke des Saals die Tante. Er hatte den Zirkel gestern abend so bald
verlassen, daß Elise glaubte, sie habe ihn gekränkt. Dieser Gedanke
erfüllte ihn jetzt so ganz, daß er in ihre Nähe eilte, daß er mit ihr
sprach und scherzte und erst durch die wiederholte Mahnung seines
Onkels darauf aufmerksam gemacht werden konnte, daß die Gesellschaft
sich bereits im Kreise gesetzt habe und die Erzählung des Fräulein
Wicklow erwarte.
»Mein Unfall,« sprach sie mit leichtem Erröten, »hat mich gestern,
wenn ich nicht irre, gerade bei der Zusammenkunft der Ritter mit dem
Fräulein getroffen. Des Fräuleins Vater, der nicht nur von außen,
sondern auch im Innern dem Bund durch Zwischenträgerei und Uneinigkeit
zu schaden sucht, hat überall Spione. Erwünscht ist ihm, daß ihm einer
die Anzeige von jenem nächtlichen Rendezvous macht. Er denkt keinen
Augenblick daran, daß es seine Tochter sein könnte, sondern schleicht
sich mit Knechten in jene Ruinen und überfällt zuerst den Freund; die
Dame und ihre Amme, die immer zugegen war, entfliehen; es kommt zum
Gefecht, die Knechte werden in die Flucht geschlagen, und auch der Alte
zieht sich zurück, doch nicht ohne sich vorher mit einem Zeichen von
seinem Gegner versehen zu haben.
»Den andern Tag versammelt der Großmeister ein Kapitel. Er entdeckt
den Rittern diesen Vorfall und beschwört die Schuldigen, sich zu
nennen. Sie schweigen. Noch einmal fordert er sie vergebens auf und
zeigt dann der Versammlung eine goldne Kette, woran ein Siegelring
befestigt ist. Das Wappen wird erkannt, und der Freund sieht sich
genötigt, zu gestehen. Er übersieht mit klarem Blick seine Lage; die
geschärften Gesetze müssen ihn schuldig sprechen, darum ist für ihn
keine Rettung. Doch glaubt er, da er selbst verloren ist, seinen Freund
retten zu können. Er gesteht, in den Ruinen mit einer Dame gesprochen
zu haben. Der Meister ist tief ergriffen von diesem Geständnis; es
ist ein tapferer, junger Mann, den das Urteil trifft, er wurde von
vielen geliebt. Peinlich ist die Lage des Helden selbst, und treffend
die Beschreibung, wie die Furcht vor Entehrung, die Hoffnung, der
Freund könne gerettet werden, ihn bald zur Entdeckung antreiben, bald
davon zurückhalten. Das Urteil der Ritter wird gesammelt. Es lautet:
›Entehrender Ausschluß aus dem Orden.‹ Jetzt aber erzählt der Meister,
daß noch ein zweiter Johanniter diesen Fehltritt geteilt habe; er
verspricht, die Strafe in Entlassung zu mildern, wenn der Schuldige
den Mitschuldigen entdecke. Jener schweigt und verratet ihn nicht. Da
stürzt der Neffe des Meisters hervor und bekennt seine ganze Schuld.
Diese Szene, der Schmerz des alten Ulrich von Elrichshausen und der
Wettstreit der Freunde, von welchen jeder der Schuldige sein will, ist
so treffend, daß man sie hören muß.«
Jetzt erst sah man sich nach dem Vorleser um. Doktor Zundler sprang
nach dem Buch, das auf dem Tische lag, um zu lesen, und hatte sich
schon mit freundlichem, zuversichtlichem Lächeln Elisen genähert, als
der alte Rempen plötzlich aus den dichten Reihen der Männer Palvi
herbeiführte. »Nein, nein,« sagte er, »hier steht der Mann, der uns
gestern gezeigt hat, wie gut er einen Roman vorlese; ich denke,
bester Doktor, Ihre Stimme paßt mehr zum Leichten, Lyrischen.« Mit
spöttischem, halb verlegenem Lächeln reichte der Doktor das Buch hin,
und Palvi las, wenn es möglich war, noch schöner als am gestrigen
Abend. Diese erhabene und so unglückliche Freundschaft, die Zeremonien
ihrer Ausstoßung aus dem Orden, ihre letzten Worte, als sie das Schloß
verlassen, lockten in manches Auge Tränen der Wehmut, und Elise
selbst schien so gerührt, daß Palvi mehrere Kapitel weiter las, um
ihr Fassung zu geben. Unsern Lesern ist dieser Roman zu bekannt, als
daß wir nicht besorgen müßten, sie durch längere Auseinandersetzung
zu ermüden. Jene interessanten Abteilungen, wo die beiden verstoßenen
Ritter an den romantischen Ufern der Nogat umherstreifen, jene
glücklichen Schilderungen eines schönen Landes, die Nachrichten über
die alten Preußen, in deren Mitte der Orden zwei Jahrhunderte zuvor
den Samen der Kultur getragen hatte, ihre altertümlichen Gebräuche,
die unverkennbaren Spuren heidnischer Sitten, auf sonderbare Weise mit
christlichem Ritus vermischt, dies alles, getragen und veredelt von
der tiefen Melancholie Kunos, von seines Freundes Seelenstärke und
heiterem, unverzagtem Mut, spannte die Zuhörer und riß sie hin.
Elise hatte sich bald wieder so weit gefaßt, daß sie mit Ruhe weiter
erzählen konnte. Sie erzählte, wie die beiden Vertriebenen die
Verräterei des Ordenskastellans entdecken, der die Polen heimlich nach
Marienburg rief; wie sie unter Gefahr und Beschwerden sich durch die
aufrührerischen Preußen nach Marienburg durchschlagen, den Meister
warnen und verborgen auf Gelegenheit harren, dem Orden zu nützen. Mit
großer Begeisterung las Palvi jene Schlachtszenen, worin der Meister,
bei einem Ausfall auf die Polen, von seinem Neffen gerettet wird, wo
der Freund die heilige Fahne des Ordens, der ihn verstoßen, aus dem
dichtesten Haufen der Feinde zurückbringt und diese erhabene Tat
mit einer tödlichen Wunde zahlt. Tiefe Rührung brachte jene Szene
hervor, wo der Sterbende seinem Freund so manches Rätselhafte in
seinem Betragen auflöst und ihm gesteht, daß auch er selbst Wanda
aufs innigste geliebt habe. Der Schmerz um den Sterbenden bewegt Kuno
zu dem romantischen Entschluß, seiner Liebe auf immer zu entsagen,
besonders da ein Verdacht in ihm keimt, daß sie ihn weniger geliebt
als den Freund. Die nächtliche Bestattung dieses edeln Menschen, die
Wiederaufnahme Kunos in den Orden waren von ergreifender Wirkung, nicht
minder rührend Wandas Versuche, den Geliebten noch einmal zu sprechen,
und als sie sich vergessen glaubt, ihr schnelles Hinwelken.
Der Kastellan ist von dem Czirwenka, dem Hauptmann der böhmischen
Besatzung, der dessen Geständnis fürchtet, selbst getötet worden;
verlassen, verwaist, auch von der Liebe verlassen, will sie nur
so lange noch in der Nähe des Geliebten weilen, bis der Frühling
heraufkommt; doch nicht nur diese zarte Blume, auch der Orden trägt den
Tod im Herzen, und beide sollten den letzten Frühling in Marienburg
sehen.
Der Großmeister Ulrich von Elrichshausen kann sich mit seinen Rittern
nicht mehr gegen den Aufstand der Preußen und gegen seine eigenen
Söldner halten. Er will den Orden nach Deutschland führen und bedingt
sich von den Verrätern freien Abzug. Schon sind die Pferde gerüstet,
der Zug will aufbrechen, und die Ritter nehmen mit blutenden Herzen
von den Hallen dieser Burg Abschied. Und als alle noch einmal ihr
Teuerstes mustern, was sie verlassen sollen, kann Kuno dem letzten
Ruf der Geliebten nicht widerstehen; er will zu ihr -- und findet sie
sterbend. Sie schien nur noch so viel Leben in sich zu tragen, um ihn
von ihrer Treue, ihrer Liebe zu versichern. Indessen hat Czirwenka die
Tore geöffnet. Sechshundert Polen ziehen ein, und, statt dem Orden
freien Abzug zu gönnen, wird der Großmeister vom Pferde gerissen,
verspottet und verhöhnt. Kuno verläßt die sterbende Geliebte, um ihm
beizuspringen; ein heftiges Gefecht entspinnt sich in den Höfen;
einem großen Teil der Ritter, den Meister in der Mitte, gelingt es,
zu entkommen, aber Kuno mit sechs anderen tapferen Ordensbrüdern,
welche die Fahnenwache bildeten, werden von den übrigen abgeschnitten;
kämpfend ziehen sie sich über die breiten Stufen bis in den großen
Rempter zurück, wo sonst die Ordensfahne stand. Der Entschluß, sie
lebend nicht zu übergeben, beseelt sie, sie pflanzen das Panier an
seinem alten Standpunkt auf und umgeben es. Lange gelingt es ihnen,
das Siegeszeichen so vieler Schlachten zu verteidigen. Aber die Polen
dringen immer heftiger ein; Uebermacht und Verrat siegen, und über ihre
Fahne gebreitet, sterben _die letzten Ritter von Marienburg_.
Es entstand eine Pause, als Palvi geendet hatte; es schien niemand
zuerst jene Stille stören zu wollen, die unter zwei oder drei heilig
und rührend, in größeren Gesellschaften peinigend ist. Doch je
erhabener das Gefühl ist, welches zu einer solchen Ruhe zwingt, desto
ängstlicher sind die Menschen, mit etwas Gemeinem diese Nachklänge
tieferer Empfindungen zu unterbrechen. Sie rennen dann auf allen vieren
durch die Speisekammer ihrer Erinnerung, um etwas Feines, Eingemachtes,
Kandiertes vorzusetzen, statt ihre frischen natürlichen Gefühle
sprechen zu lassen.
»Dieser ganze Roman,« lispelte endlich eine Dame, deren Blässe und
feuchte Augen auf zarte Nerven schließen ließen, »kommt mir vor wie
jener Ausspruch Jean Pauls: ›Wie manche stille Brust ist nichts als der
gesunkene Sarg eines erblaßten geliebten Bildes.‹ Dieser Hüon liebt
gewiß unglücklich, und darum gefällt er sich in diesem tragischen
Geschick.«
»Gerade dies kommt mir überaus komisch vor,« bemerkte der Hofrat,
dem Neid und Verdruß um die Nasenflügel spielten; »dieser Mensch hat
zu wenig Tiefe, zu wenig Empfindung, um die Wehmut, das Unglück zu
zeichnen, doch ich habe mich an einem andern Ort hinlänglich darüber
ausgesprochen. Gewiß, es ist so, wie ich sage. Es steht ja gedruckt,
mein Urteil,« setzte er hinzu, indem er sich vornehm in den Stuhl
zurücklehnte.
»Doch glaube ich, auch gegen ein gedrucktes findet noch Appellation
statt,« sagte der junge Rempen mit gleichgültiger Miene.
»Wieso?« rief der Hofrat errötend.
Rempen war etwas betroffen, aber die munteren Augen seines Oheims, der
hinter dem Stuhl des Hofrats stand, winkten ihm, fortzufahren. »Ich
meine, ich habe so etwas gelesen, das Ihr Urteil, bester Hofrat, völlig
umstieß,« entgegnete er; »übrigens ist ein gedrucktes Urteil immer nur
das Urteil eines einzelnen, und dem einzelnen muß erlaubt sein, dagegen
zu streiten. Ich zum Beispiel finde diesen Roman besser, als Sie ihn
gemacht haben. Auch glaube ich, Tiefe des Gefühls müsse dem abgehen,
der dies in den letzten Rittern von Marienburg nicht findet.«
Der Oheim hatte solches wohl nicht geahnt, denn er und die ganze
Gesellschaft schienen erstaunt über die Kühnheit des Stallmeisters.
»Solche historischen Romane,« nahm der Professor das Wort, »sind nur
Fabrikarbeiten. Die Form ist gegeben, und wie leicht, wie sicher
läßt sich diese Form von jedem handhaben! Nehmen Sie irgend einen
Lappen der Welthistorie, zerreißen ihn in kleine Fetzen und kleiden
die hergebrachten Personen von A bis Z darein, so haben Sie einen
historischen Roman. Die weitere Entwicklung ist leicht, besonders wenn
man es sich so leicht macht wie dieser Hüon, und nur genugsam Floskeln
eingestreut sind; wenn das Tränentuch häufig als Panier aufgepflanzt
wird, so kann der Eindruck nicht verfehlt werden.«
»Und doch deucht mir,« erwiderte Palvi, »es ist bei weitem schwerer,
einen Roman zu dichten, der den Forderungen einer wahren, vernünftigen
und billigen Kritik entspricht, als ein Drama zu schreiben.«
»Und was nennen Sie denn eine vernünftige und billige Kritik, Herr
Referendarius?« fragte Doktor Zundler mit ungemein klugem und
spöttischem Gesicht.
»Man muß ein Buch,« erwiderte Palvi mit großer Ruhe, »man muß besonders
ein Gedicht zuerst nach den Empfindungen beurteilen, die es in uns
hervorruft, denn auf Gefühl ist ja ein solches Werk berechnet; es soll
angenehm unterhalten, durch den Wechsel freudiger und wehmütiger Szenen
befriedigen. Und dann erst, wenn unser Herz darüber entschieden hat,
daß das Buch ein solches sei, das unsere Gefühle erhoben, befriedigt
hat, dann erst erlaube man dem Verstand, sein Urteil darüber zu fällen,
und ihm bleibt es übrig, nachzuweisen, was in Anordnung oder Stil
gefehlt ist.«
»Da müßte man am Ende alle Herzen abstimmen lassen,« sagte der Hofrat
mitleidig lächelnd, »müßte umherfragen: hat's gefallen oder nicht?
ehe man ein öffentliches Urteil fällt. Aber dem ist nicht so; unsere
Journale waren es von jeher, denen zu loben oder zu verdammen zustand,
und der gebildete, geläuterte Geschmack ist es, der dort richtet.«
»Ueberhaupt dächte ich,« setzte Doktor Zundler mit zärtlichem
Seitenblick auf Elisen hinzu, »man kann über Dinge dieser Art in
Gesellschaft eine gebildete Dame mit Vergnügen hören, wie schon Goethe
im Tasso sagt, aber ein öffentliches Urteil müssen nur Leute vom Fach
fällen, und nur Leute vom Fach können dagegen opponieren.«
»Und halten Sie sich etwa für einen Mann vom Fach?« fragte Palvi mit
großem Nachdruck.
Der Doktor verbarg seinen Unmut über diese Frage nur mühsam hinter
einem lächelnden Gesicht. »Ich denke, die Welt zählt mich zu
Deutschlands Dichtern,« sagte er.
»Die Welt,« antwortete der Referendar, »die betrogene Welt, aber nicht
ich; so wenig als ich meinen Dekopisten für ein Genie halte.«
Die Gesellschaft fiel aus ihrer Spannung in eine sonderbare Bewegung.
Die Damen sahen unmutig auf Palvi, ein Teil der Männer lachte über des
Doktors auffallenden Mangel an Fassung, ein anderer Teil mißbilligte
laut solche Reden in einer guten Gesellschaft.
»Herr von Palvi,« rief endlich Zundler bebend, man wußte nicht, ob vor
Wut oder Schrecken, »wie soll ich Ihre sonderbaren Reden verstehen?«
»Ja, ja, Doktor,« sagte der Stallmeister laut lachend, »auch mit meiner
Bewunderung hat es ein Ende; man sagt, Sie haben sich Ihre Gedichte und
sonstigen schönen Sachen machen lassen.«
»Machen lassen?« fragte der Chorus der Literatoren mit Bestürzung.
»Hat sie machen lassen?« rief die Gesellschaft.
»Wer wagt dies zu sagen?« schrie der Doktor, indem er bleich und
atemlos aufsprang.
»Nun, leider derjenige selbst, der sie Ihnen verfertigt hat,«
antwortete Rempen mit großer Ruhe, »der Magister Bunker; er logiert
oben in Ihrem Hause.«
Der entlarvte Dichter versuchte noch einige Worte zu sprechen; er war
anzusehen wie der Kopf eines Enthaupteten; die Augen drehen sich noch,
die Lippen scheinen Worte zu sprechen, aber der Geist ist entflohen,
der diesen Organen Leben gab. Eilig drängte er sich dann durch den
Kreis, stürzte nach seinem Hut und verließ den Saal und die vor
Verwunderung verstummte Gesellschaft.
»Ist es denn wahr?« sprach endlich die von Angst und Sorge erbleichte
Elise, indem sie den Stallmeister sehr ernst ansah.
»Gewiß, mein Fräulein!« erwiderte dieser lächelnd. »Ich würde der
Gesellschaft diese Szene erspart haben, aber ich war zu tief über
diese freche Stirn erbittert, womit dieser Mensch mich und Sie alle
hinterging. Doch hören Sie von dem wunderlichen Mann, der ihm alles
dichtete.«
Man setzte sich schweigend, und Rempen erzählte; während seiner
Erzählung schlich sich der Redakteur der »Blätter für belletristisches
Vergnügen« aus dem Saal, ihm folgten seine Genossen, beschämt und
ergrimmt über sich, den Doktor und die ganze Welt. Der Gesellschaft
aber gereichte die Erzählung des Stallmeisters zu nicht geringem
Vergnügen. Die gute Stimmung war wiederhergestellt, der Punsch, den
der alte Rempen als Nachsatz von gestern gab, löste die Zungen, man
fühlte sich weniger beengt, seit die öffentlichen Schiedsrichter
hinweggegangen waren, man sprach allgemein das Lob des vorgelesenen
Romans aus. Auch die Toasts wurden nicht vergessen, und als Julius von
Rempen die Gesundheit aller wahrhaften Dichter und ihrer gründlichen
Kritiker ausgebracht hatte, wagte es Elise, mit glänzenden Augen, aber
tief errötenden Wangen, die Gesellschaft aufzufordern, auf das Wohl des
neuen Hüon und der letzten Ritter von Marienburg zu trinken.
9.
Elise hatte dem Stallmeister, als er beim Nachhausefahren neben dem
Wagen ritt, erlaubt, sie den andern Tag zu besuchen; er kam, er fand
sie allein und gütiger gegen ihn gesinnt als je. Sie neckte ihn über
seine Eingriffe in die literarische Welt und riet ihm, nie etwas
drucken zu lassen, denn er habe alle Rezensenten gegen sich aufgebracht.
»Und sind denn nicht auch Sie mir einige Minuten gram gewesen,« fragte
er lächelnd, »weil es einer Ihrer Freier war, den ich entlarvte?«
»Einer meiner Freier?« fragte sie hocherrötend. »Zundler? Sie irren
sich.«
»O, Sie schenkten ihm oft ein geneigtes Ohr,« fuhr er fort,
»verabschiedeten mich oft mitten im Gespräch, um auf die Worte dieses
großen Dichters zu lauschen!«
»Gewiß nicht, Rempen!« antwortete sie verlegen. »Und _einer_ meiner
Freier, sagten Sie, als ob ich deren viele hätte!«
»Ich kenne wenigstens einige,« erwiderte er mit lauerndem Blick.
»Und wen?«
»Zum Beispiel Palvi.«
»Palvi!« rief sie erbleichend. »Was wollen Sie mit Palvi? Ich kenne ihn
nicht.«
»Elise,« erwiderte der Stallmeister sehr ernst, »Sie kennen ihn. Der
Zufall ließ mich vorgestern hören, daß Sie ihm selbst sagten, wie gut
Sie ihn kennen. Sie lieben ihn.«
»Nimmermehr!« rief sie mit glühendem Gesicht. »Er ist ein
Abscheulicher! Glauben Sie, ich werde einen Elenden lieben, der -- mein
Kammermädchen anbetet?«
»Elise! Palvi?«
»Ja, ich gestehe es,« flüsterte sie, in Tränen ausbrechend, »Ihnen
gestehe ich es, es gab eine Zeit, wo ich für diesen Menschen alles
hätte tun können. Ich kannte ihn noch aus meiner Kindheit und auch
später, er war mir wert. Aber hören Sie: schon oft hatte mir mein
eingebildetes Kammermädchen von einem schönen Herrn erzählt, der sie
immer anrede, ihr von Liebe vorschwatze, und dem sie recht herzlich
zugetan sei. Eines Tages stand sie dort am Fenster; auf einmal schlägt
sie die Hände zusammen vor Freude, bittet mich, ans Fenster zu treten,
und ruft: ›Sehen Sie, der dort in der Türe des Buchladens steht, der
ist der schöne Herr.‹ Sie macht mir Platz, ich trete arglos hin, und
aus dem Laden tritt in diesem Augenblick --«
»Wie, doch nicht Palvi?« rief der Stallmeister, ergrimmt über das
schlechte Betragen eines Mannes, den er geachtet hatte.
»Er selbst,« flüsterte Elise und drückte ihre weinenden Augen in ihr
Tuch.
Der Stallmeister überließ das unglückliche Mädchen einige Minuten
der Erinnerung an einen tiefen Kummer, hatte er ja doch selbst diese
Pause nötig, um sich zu sammeln. Liebe, Mitleiden, so viele andere
Empfindungen stürmten auf ihn ein, rissen ihn hin, Elisens Hand zu
ergreifen und sie an seine brennenden Lippen zu ziehen. Erschreckt,
überrascht blickte sie ihn an; doch schien ein günstiges Gefühl für ihn
ihren strafenden Blick zu mildern.
»Und darf ein Mann,« sprach er bewegt, »zu Ihnen von Liebe reden,
nachdem Sie so Bitteres von uns erfahren? Darf er sagen, er würde treu
sein bis in den Tod, wenn Sie ihm nur einen Teil jener Liebe schenken
könnten, die jener ganz besaß?«
»Julius, was fällt Ihnen ein?« rief sie mit bebenden Lippen, doch ohne
ihm ihre Hand zu entziehen. »Wozu --«
»Elise,« fuhr er fort, »ich kann einem so großen und schönen Herzen,
wie das Ihrige ist, wenig Trost geben; aber die Zeit mildert, und kann
nicht treue und aufmerksame Liebe selbst schönere Vorzüge ersetzen?«
Sie wollte antworten, sie errötete und schwieg, aber ihren Blick voll
Liebe und Wehmut durfte er günstig für sich deuten; er schloß sie in
seine Arme und küßte ihren schönen Mund.
»Aber, mein Gott, Rempen,« sagte sie, indem sie sich sanft von ihm
loszumachen suchte, »was machen Sie doch?«
»Ich habe dich ja längst geliebt,« fuhr er fort, »hatte nur _einen_
Wunsch, ich glaubte dein Herz nicht mehr frei und zögerte; jetzt, da
ich weiß, daß nur Gram, aber keine fremde Liebe in diesem Herzen wohnt,
jetzt muß ich dieses lästige Geheimnis von mir werfen. Aber wie? --
zürnen Sie mir vielleicht über alles dieses?«
»Julius!« rief sie erschreckt von dem wehmütigen Ton, womit er
die letzten Worte sagte. Dieser Name, so sanft und wohlwollend
ausgesprochen, ihr ängstlicher, zärtlicher Blick sagten ihm mehr als
alle Worte. »Und darf ich mit dem Vater reden, Elise? Darf ich?« setzte
er hinzu.
Sie errötete und erbleichte ebenso schnell wieder, sie sah ihn eine
kleine Weile prüfend an, eine Träne trat in ihre schönen Augen; aber um
ihren Mund zog ein flüchtiges, feines Lächeln; sie drückte seine Hand;
eine kleine Bewegung des Hauptes und die hohe Röte, die wieder über
ihre Wangen ging, sagten ja, und schnell, wie vom Wind hinweggetragen,
war sie in ein anderes Zimmer entschlüpft.
Der Stallmeister war in jeder Hinsicht eine so gute und anständige
Partie, daß der alte Wicklow, als der Geheimrat von Rempen für seinen
Neffen warb, keinen Anstand nahm, seine Zusage zu geben. Der junge Mann
selbst war so von seinem süßen Glück erfüllt, daß er lange nicht an
die Begebenheiten dachte, die diesem wichtigen Schritt vorangegangen
waren. Endlich erinnerte ihn ein Zufall an Palvi; so unangenehm diese
Erinnerung war, so fühlte er doch als Mann und als künftiger Gatte
Elisens, daß er diesem Menschen, mochte er sich auch wirklich schlecht
gezeigt haben, Erklärung schuldig sei. Und wie bebte seine Hand, als er
ihm in wenigen Zeilen sagte, daß Elisens Widerwille unüberwindlich sei,
daß er ihn versichern könne, daß sie niemals einen Mann mehr lieben
werde, welchen sie aufzugeben nicht unrecht gehabt, daß er selbst
versuchen wolle, Palvis Stelle bei ihr zu ersetzen. Ja, seine Hand,
sein Herz bebte, als er diese Buchstaben niederschrieb; es konnte ihn
nicht beruhigen, daß er sich ins Gedächtnis recht lebhaft zurückrief,
wie niedrig und elend dieser Mensch an einer so zarten, heiligen Liebe,
wie sie Elise gab, gefrevelt habe. Die edeln Züge, das Auge dieses
Mannes standen vor ihm; sein so hoher und liebenswürdiger Geist, so
fein in Urteil und Benehmen, und dennoch so wenig sittliche Würde? Die
Erinnerung an jenen Abend, wo sich ihm dieser Mensch so ernst und doch
so herzlich genähert hatte, wo er ihm sein inneres Leben aufschloß
und ein verarmtes Herz bei solchem Reichtum der Gedanken, eine tief
verwundete Seele bei solcher Gesundheit des Geistes zeigte, machte ihn
so wehmütig, daß er nahe daran war, die kaum geschriebenen Zeilen zu
zerreißen; aber der Gedanke an Elise, die Vermutung, daß dieser Palvi
so schöne Empfindung, so tiefe Rührung nur geheuchelt haben müsse,
erkälteten schnell seine warme Teilnahme. Entschlossen schickte er den
Brief ab, und doch deuchte es ihm, als er seinen Boten verschwinden
sah, er habe einen Todespfeil auf ein edles Herz entsendet.
10.