Erscheinung des Zeitgeistes ankämpfen könnten, wie Pygmäen gegen
einen Riesen. Als ob nicht schon die Ilias so gut historisch gewesen
wäre als irgend ein Roman des Verfassers von Waverley. Und ist nicht
Don Quichotte der erste aller historischen Romane? Doch nehmen Sie
nähere Beispiele bei uns. Spricht sich nicht in Wilhelm Meister das
Element eines historischen Romans geheimnisvoll aus? Müssen wir nicht
den Begebenheiten, in die der Held verwickelt ist, eine gewisse
Zeitgeschichte unwillkürlich unterlegen? Müssen wir nicht das Lager
des Prinzen als eine notwendige historische Dekoration damaliger Zeit
ansehen? Und die Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten, sind sie
nicht eine historische Novelle? Wir betraten also zum mindesten keinen
neuen Boden, kein neues, zweifelhaftes Gebiet.«
»Und welch kleiner Schritt,« bemerkte Palvi, »welch natürlicher
Uebergang ist vom historischen Drama, wie wir es bei Goethe finden, zum
modernen, geschichtlichen Roman. Sie sind ihm schon um vieles näher
als die historischen Schauspiele Shakespeares. Wie im Romane sprechen
dort die Helden nicht großartige Gefühle aus. Sie halten nicht gedehnte
Reden, sondern ihre Reden erzählen von den schlummernden Entschlüssen
ihrer Seele, und wir erblicken in einer einzelnen Wendung Motive, ahnen
Handlungen, die sich nachher verwirklichen.
»Die Völker scheinen sich in unseren Tagen zu scheiden und scharf
abzugrenzen. Doch diese Scheidung ist nur scheinbar, denn die
Menschheit ist durch so viele Erfindungen sich näher gerückt worden.
Wir gehören mehr und mehr der Welt an. Wir sprechen von entfernten
Polarländern oder von Amerika mit einer Bestimmtheit, einem Gefühl der
Nähe, wie unsere Großväter von Frankreich sprachen. Wir sind jetzt erst
Europäer geworden. Darum ist uns nichts mehr fremd, was in diesem alten
Weltteile geschieht. Der Unterschied der Sprache hat aufgehört, denn
Dank sei es unseren gewandten Uebersetzern, es ist, als ob Scott und
Irving in Frankfurt oder Leipzig lebten.«
»Gewiß!« fiel Rempen ein, »auch in der Gesellschaft sind sich
die verschiedenartigsten Elemente näher getreten. Unsere jungen
Männer erzählen jetzt von einer Reise nach London oder Rom mit mehr
Bescheidenheit oder Gleichgültigkeit als sonst einer von einer Reise an
einen zwanzig Meilen entfernten Hof erzählte. Aber ist uns durch alles
_dies_, da wir in einer so breiten Gegenwart leben, die Geschichte
nicht vielmehr fern als nahe gerückt?«
»Ich gebe zu,« sagte der Alte, »das ernste Studium der Historie,
aber nicht das rein menschliche Interesse daran. Die Geschichte war
sonst die Geschichte der Könige, und an ihre oft unbedeutende Person
knüpfte sich das Leben unsterblicher Männer. Die neuere Zeit, so große
Veränderungen um uns her, haben uns anders denken gelehrt. Es ist die
Geschichte der Meinungen, es sind die Schicksale gewisser Prinzipien,
die wir kennen lernen möchten. Ihr Kampf erscheint in jedem Zeitalter
mehr oder minder und unter der verschiedensten Gestalt, und dieser
Kampf der Meinung ist es, was jeder Periode ihr Interesse gibt, er
ist es, der, dem Romane zum Grunde gelegt, unsere Teilnahme auf
unbeschreibliche Weise anzieht.«
»Ich ahne, daß Sie recht haben,« erwiderte der Stallmeister.
»Gleichwohl kann ich diese Idee meinen bisherigen Ansichten noch
nicht recht anpassen. Denn wie vertragen sich zum Beispiel mit dieser
welthistorischen Ansicht jene sonderbaren Figuren Walter Scotts,
die bald als rohe Hochländer, bald als Räuber, als Fischer in die
Geschichte unmittelbar eingreifen und so anziehend erscheinen?«
»Das ist es ja gerade, was ich sagte,« antwortete der Magister. »Wir
ahnen in der Geschichte des Landes und des Volkes, die uns Professoren
auf Kathedern vortragen, daß es nicht immer die Könige und ihre
Minister waren, die Großes, Wunderbares, Unerwartetes herbeiführten.
Da oder dort hat die Tradition den Schatten, den Namen eines Mannes
aufbehalten, von dem die Sage geht, er habe großen und geheimnisvollen
Anteil an wichtigen Ereignissen gehabt. Solche Schatten, solche
fabelhaften Wesen schafft die Phantasie des Dichters zu etwas
Wirklichem um; in den Mund eines solchen Menschen, in sein und seiner
Verbündeten geheimnisvolles Treiben legt er die Idee, legt er den
Keim zu Taten und Geschichten, die man im Handbuch nur als geschehen
nachliest, vergebens nach ihren Ursachen forschend. Indem solche
Figuren die Ideen persönlich vorstellen, bereiten sie dem Leser hohen
Genuß und oft ein um so romantischeres Interesse, je unscheinbarer
sie durch Bildung und die Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft
anfänglich erscheinen.«
»Und so hielten Sie es für möglich, daß auch die deutsche Geschichte
interessante Stoffe für historische Romane bieten könnte?« fragte
Rempen; »mir schien sie immer zu zerrissen, zu flach, zu wenig
romantisch und großartig.«
»Das letztere glaube ich nicht,« erwiderte Palvi; »und muß denn gerade
der Hintergrund, das historische Faktum, das Erhabene sein? Ist es
nicht der Zweck des Romans, Charaktere in ihren verschiedenen Nuancen,
Menschen in ihren wechselseitigen Beziehungen zu schildern? Und kann
sich nicht ein großartiger Charakter in einer Tat, einem Zwiste
erproben, der für die allgemeine Geschichte von geringerer Bedeutung
ist? Oder glauben Sie, weil Tieck in die Cevennen flüchtete, um einen
historischen Hintergrund zu holen, er habe damit sagen wollen, unsere
Geschichte biete keinen Stoff, der seines hohen Genius würdig wäre?«
»Diese Ritter von Marienburg,« nahm der Alte das Wort, »beschäftigen
sich mit keinem großartigen historischen Ereignisse. Schon fünfzig
Jahre, ehe das Unglück des Ordens in Ostpreußen wirklich hereinbricht,
gewahrt man, daß er sich nie mehr zu seinem alten Glanze erheben
könne, daß früher oder später die Elemente selbst, die seine Größe
beförderten, seinen Sturz bereiten werden. Er fällt, denn er hat seinen
Beruf erfüllt. Aber an die geschichtliche Figur des Großmeisters, an
die Täler der Nogat, an die Mauern der erhabenen Burg weiß jener Hüon
Fäden anzuknüpfen, woraus er ein erhabenes Gewebe schafft. Ich möchte
sagen, er baut aus den Trümmern jenes gestrandeten Schiffes eine Hütte,
worin sich bequem wohnen läßt.«
»Nun verstehe ich Sie,« rief der Stallmeister, »und weil sie diesen
Standpunkt nicht erreichten, weil sie diese höhere Ansicht nicht
erfassen mögen, kämpfen jene Leutchen gegen diesen historischen Roman.
Es ist Brotneid, sie wollen ihn nicht aufkommen lassen, weil er die
Kunden an sich ziehen könnte.«
»Hat er nicht recht, der Herr Stallmeister?« wandte sich der Magister
lächelnd an seinen Nachbar. »Sie schimpfen alle aufeinander und
zusammen auf jedes Größere, diese Kleinmeister. Mich freut es nur, daß
mein Doktor Zundler auch bei der furchtbaren Freitags-Trias ist.«
»_Ihr_ Doktor Zundler?« fragte Rempen befremdet. »Kennen Sie ihn?«
»Ob ich ihn kenne!« erwiderte der Alte lachend.
»Der Herr Stallmeister macht keinen schlimmen Gebrauch davon,« sagte
Palvi zu dem Magister, »und zu größerem Verständnis der Poesie ist es
ihm nützlich, wenn er es weiß. Bist du es zufrieden, Alter?«
»Es sei; aber der Herr Stallmeister wird diskret sein,« antwortete der
Alte.
»Was werde ich erfahren?« fragte Rempen. »Wie geheimnisvoll werden Sie
auf einmal?«
»Sie kennen den Doktor Zundler, einen der ersten Lyriker dieser Stadt,«
sprach Palvi; »sein Ruhm war früher gerade nicht sehr groß, doch etwa
seit einem halben Jahre regt er die Flügel mächtig. Hier sitzt der
Dädalus, der sie ihm gemacht hat.«
»Wie soll ich dies verstehen?« erwiderte der Stallmeister.
»Unser Magister hier ist ein sonderbarer Kauz,« fuhr jener fort, »einer
seiner bedeutendsten Fehler ist Aengstlichkeit, sonderbar verschwistert
mit Gleichgültigkeit. Er hätte es weit bringen können auf dem deutschen
Parnaß, aber er war zu ängstlich, um etwas drucken zu lassen. Doch wie
vermöchte ein dichterischer Genius von diesem Hindernisse sich besiegen
zu lassen; er dichtete fort, für sich.«
»Ich machte Verse,« fiel der Alte gleichgültig ein.
»Du hast gedichtet!« sagte Palvi. »Aber seine besten Arbeiten, seine
gründlichsten Forschungen hat er um acht Groschen den Bogen in Journale
verzettelt, weil er sich scheute, seinen Namen auf ein Titelblatt zu
setzen; und von den glühendsten Poesien seiner Jugend fand ich die
einzigen Spuren in halbverbrannten Fidibus. In meinen Augen bist du
entschuldigt, guter Magister, durch deine Erziehung und die Art und
Weise deines Vaterlandes. Wer hat sich dort zu deiner Zeit um einen
Geist, wie der deine war, bekümmert? Was hat man für einen Mann getan,
der nicht in die vier Kardinaltugenden, in die vier Himmelsgegenden
der Brotwissenschaft, in die vier Fakultäten paßte? Haben sie ja sogar
Schiller zwingen wollen, Pflaster zu streichen, und Wieland floh das
Land der Abderiten, weil es dort keinen Raum für ihn gab als den
Posten eines Stadtschreibers, den er freilich so schlecht als möglich
ausgefüllt haben mochte.«
»Mensch, nichts Bitteres gegen mein schönes Vaterland,« sagte der Alte
mit sehr ernstem Blick; »es war die Wiege großer Männer.«
»Du sagst es,« erwiderte Palvi, »die _Wiege_, aber nicht das _Grab_.
Und dieser Umstand mag seine eigenen Ursachen haben. Zum mindesten
findet man in Odessa wie am Mississippi, in Polen und in Rio-Janeiro,
und überdies noch auf den Kathedern aller bekannten Universitäten
deine Landsleute. Doktor Zundler nun, um von diesem zu reden, hatte
das Glück, eines Tages eine Wohnung zu beziehen, in deren Giebel unser
Magister ein Freilogis bewohnt, weil er den Knaben des Hausherrn
zum Gelehrten bilden soll. Doktor Zundler hat, um sich zum Dichter
zu bilden, viel gelesen und hat den großen Menschenkennern bald
abgemerkt, daß sie auf Originale Jagd machen. Er stellt sich daher
alle Tage zwei Stunden mit seinem Glas unter das Fenster und stellt
Betrachtungen über die Menschen an wie der selige Hoffmann in Vetters
Eckfenster, nur, behauptet man, mit verschiedenem Erfolg. Denn der
selige Kammergerichtsrat guckte durch das Kaleidoskop, das ihm eine
Fee geschenkt, der Doktor Zundler aber durch ein ganz gewöhnliches
Opernglas. Da sah er einigemal den Magister und -- nun, Bunkerchen,
erzähle.«
Ein behagliches Lächeln verbreitete sich über das Gesicht des Alten; er
trank in längeren Zügen aus seinem Glas und erzählte dann: »Eines Tages
sagte mir meine Aufwärterin, daß sich der wunderschöne reiche Herr in
der Bel-Etage nach mir erkundigt habe, wer ich wäre, was ich treibe und
dergleichen. Bald darauf kam ein schön geputzter Herr in mein Stübchen,
beguckte mich von allen Seiten, fragte mich allerlei und wunderte sich
ungemein, daß ich ein Gelehrter sei. Er hatte mich, meiner Physiognomie
nach, für einen unglücklichen Musiker gehalten. Sein Staunen wuchs, als
er einige poetische Versuche, die am Boden lagen, aufnahm und las. Er
wollte nicht glauben, daß sie von mir herrühren, und nahm sie endlich
aus reinem Interesse, wie er sagte, mit. Den folgenden Tag schickte er
mir ein paar Flaschen Wein. Es freute mich, ich hatte gehört, daß er
reich sei; ich bin arm und trank den Wein. Als ich die erste Flasche
hinunter hatte und warm war, ging die Tür auf, und mein Doktorchen trat
herein. Ein Wort gab das andere; man kam auf Poesie, ich machte wenig
daraus, er viel; er schwatzte mir etwas vor von einer Erbschaft, die er
gewinnen könne von seinem Oheim, einem portierten Verehrer der Musen.
Seine bisherigen Versuche haben aber nur den Unwillen des Erblassers
erregt. So machte es sich von selbst, daß ich ihm meinen ganzen Kram
von Poesien anbot; mich selbst amüsierten diese Verse nur, solange ich
sie entwarf und ausarbeitete; ob sie das Publikum lese, ob es mich
dabei nenne, war ja so gleichgültig! Im Scherz ging ich einen Akkord
ein, daß ich ihm auch eine Novelle und später einen Roman schriebe. Er
gibt mir dafür Wein, Knaster, zuweilen Geld, und ich habe das Bequeme,
daß niemand, weder in Lob noch Tadel, meinen Namen nennt, was mir
unausstehlich ist, und daß ich mich mit keinem Journalredakteur, mit
keinem Buchhändler, keinem Rezensenten herumbeißen muß.«
»Ist dies nicht köstlich, Stallmeister?« fragte Palvi lachend. »Was
halten Sie von diesem trefflichen Lyriker, von diesem Zunder, der ohne
fremden Stahl und Stein kein Feuer gibt?«
»Ist es möglich?« rief der junge Rempen staunend aus. »Ist eine solche
lächerliche Niederträchtigkeit jemals erhört worden! Und diesen
Menschen konnte auch ich für einen Dichter halten, konnte den Genius
bewundern, der auf einmal über ihn gekommen? Und auch _sie_, auch
_sie_,« fuhr er in Gedanken versunken fort, »auch _sie_ ehrt und achtet
ihn um dieser Gaben willen, zeichnet ihn aus, spricht mit ihm über
seine neuesten Werke. Es ist, um rasend zu werden!«
Palvi sah den jungen Mann bei diesen Worten teilnehmend, beinahe
gerührt an; er schien mit Mühe eine tiefe Wehmut zu bekämpfen, aber
der Alte fuhr fort: »Solch belletristisches Ungeziefer, das sich vom
Marke anderer mästet, hätte ich schon längst gern in der Nähe geschaut,
und so studierte ich diesen Hohlkopf. Wenn allerlei Mittel von außen
her einen Dichter machen könnten, er müßte es längst sein. Denken Sie
nur, er trägt, wenn er sich zum Dichten niedersetzt, einen Schlafrock,
dessen Unterfutter aus einem Schlafrock gefertigt ist, den einst
Wieland trug. Hoffmanns Tintengefäß hat er in Berlin erstanden, von
einem Sattler in Weimar aber den ledernen Ueberzug eines Fauteuils, in
welchem Goethe oft gesessen. Mit diesem hat er seinen Stuhl beschlagen
lassen, und so will er seine Phantasie gleichsam ~a posteriori~
erwärmen. Auch liegt auf seinem Tisch eine heilige Feder, Schiller
soll damit geschrieben haben. Er hat gehört, daß große Dichter gern
trinken, darum geht er morgens ins Weinhaus und zwingt sich zu einer
Flasche Rheinwein; abends aber, wenn er schon ganz dumm und schläfrig
ist, trinkt er schwarzen Kaffee mit Rum und liegt dann in schrecklichen
Geburtsschmerzen und ist gewärtig, irgend eine neue Maria Stuart oder
Jungfrau von Orleans hervorzubringen.«
7.
Während der Magister Bunker also sprach, schlug es elf Uhr, und nicht
sobald hatte er den ersten dumpfen Ton der Glocke vernommen, als er
hastig sein Glas austrank, einige Groschen auf den Tisch legte, dem
erstaunten Stallmeister mit einer gewissen freundlichen Rührung die
Hand bot und sie ihm und Palvi herzlich drückte. Dann aber rannte er so
eilends aus dem Entenzapfen, daß Rempen nicht einmal sein freundliches
»Gute Nacht!« erwidern konnte.
»Sie staunen,« sprach der Referendär, »daß uns der sonderbare Mensch
so plötzlich und verwirrt verläßt. Er wohnt bei einem strengen Mann,
der immer fünf Minuten nach elf Uhr die Haustür schließt. Weil nun der
arme Magister eigentlich als Almosen sein Freilogis genießt, darf er
keinen Hausschlüssel führen wie Leute, die ordentlich bezahlen, und so
jagt er wie ein Gespenst, das mit dem ersten Hahnenschrei in sein Grab
entweicht.«
»Ist dieser Mensch glücklich oder unglücklich zu nennen?« fragte Rempen
nicht ohne Bewegung.
»Ich denke glücklich,« erwiderte Palvi sehr ernst; »wer wenig hofft,
hat nichts zu fürchten; er ist ruhig. Die Zeit mildert ja alles, und
für die Erinnerung ist er kalt geworden.«
»Hat er je geliebt?«
»Er hat geliebt, die Tochter jenes Hauses in Kurland, wo er Erzieher
war. Er muß sehr liebenswürdig gewesen sein, denn die junge Gräfin
starb nachher aus Kummer. Er selbst aber brachte zwei Jahre tiefer
Schwermut in einem Irrenhause zu.«
»Gott, welch ein Schicksal!« rief der junge Mann gerührt. »Wer hätte
dies ahnen können? Er hat uns eine so heitere Außenseite gezeigt.«
»Wozu soll er seinen Schmerz zur Schau tragen?« entgegnete Palvi. »Er
gehört nur sein, und er verschließt ihn mit den Trümmern besserer Tage
in seiner Brust. Ich denke, es ist dies die einzige Art, wie Männer
leiden müssen.«
»Es müßte mich alles täuschen,« sagte Rempen nach einer Pause, »oder
auch Sie lieben nicht glücklich. Nennen Sie mich nicht unbescheiden.
Sie haben mir zu viel Interesse eingeflößt, und auch die Dame, die ich
meine, steht mir nicht so fern, als daß nicht meine wärmste Teilnahme
bei dieser Frage wäre.«
Der Referendär sah ihn überrascht, doch nicht gerade verwundert an;
sein ernstes, dunkles Auge schien die Züge des Fragenden noch einmal zu
prüfen. »Es gibt wenige Menschen,« antwortete er, »die diese Frage an
mich gerichtet hätten. Doch an Ihnen freut mich gerade diese Offenheit.
Ich weiß, Sie meinen Elise Wicklow; ich liebe sie.«
»Und werden wiedergeliebt?« fragte Rempen errötend.
»Ich zweifle; doch möchte ich von Ihnen nicht verkannt werden, darum
will ich Ihnen die kurze Geschichte dieser Liebe geben. Meine Eltern,
sie sind beide tot, lebten in dieser Stadt. Unser Haus war mit den
Wicklows sehr befreundet, denn mein und Elisens Großvater sind aus
demselben Lande hier eingewandert. Ich bin um so viel älter denn Elise,
daß uns unsere Kinderspiele nicht zusammenführten. Wohl aber durfte
ich, als auch meine Mutter starb, das Haus hin und wieder besuchen,
und ich faßte in einem noch sehr jungen Herzen eine glühende Neigung
für das schöne Kind. Nach den ersten Jahren meines Universitätslebens
kam ich hierher. Sie war herrlich herangeblüht und gestand mir, daß
sie mir recht gut sei. Elise war damals fünfzehn Jahre alt. Ich kam in
rohe Gesellschaften. Mein Vermögen und mein Stipendium reichten nur
das erste Mal hin, meine Schulden zu decken. Das zweite Mal drückte
mich eine bei weitem geringere Verlegenheit bei weitem unangenehmer,
weil ich keinen Rat wußte. Sie hatte es erfahren, und durch fremde
Hand wurden meine Schulden getilgt. Mädchen in guten Ständen, in einem
soliden Hause aufgewachsen, wissen nicht, wie leicht ein armer Teufel
in solche Verlegenheit kommt. Sie schmälte mich in den Ferien und hielt
mich für einen schlechten Menschen. Ich versprach Fleiß und solides
Leben. Das Unglück eines meiner Freunde, der einen andern erschoß, riß
mich mit fort und wieder ins Elend. Auch da hat sie mir wieder geholfen
und mich zu Ehren gebracht. Bei so vielen Wohltaten konnte mich vor mir
selbst nur der Gedanke entschuldigen, daß es die Hand der Geliebten
sei, die mich gerettet, daß ich diese Hand einst auf immer in die
meinige legen werde.
»Ich raffte mich zusammen, und bald darauf gelang es mir durch Fleiß
und Eifer, hier angestellt zu werden. Meine Stellung zu Elisen war
aber eine ganz andere geworden. Der alte Wicklow hatte erfahren,
wie mich seine Tochter unterstützt hatte, und verbot mir schon beim
ersten Besuch sein Haus, aus dem einfachen Grunde, weil ich _arm_ und
_leichtsinnig_ sei.
»Elise selbst lebte in großen, glänzenden Zirkeln, wo ich keinen
Zutritt hatte, verkehrte mit allerlei schönen Geistern und galt für
die Krone der jungen Damen. Ich konnte sie höchstens in öffentlichen
Gärten, auf Bällen und Konzerten, im Theater sehen. Und nur ihr
freundlicher Blick konnte mich für so viel Entsagung trösten, konnte
mich von dem beinahe Unbegreiflichen überzeugen, daß dieses allgemein
angebetete Geschöpf -- mich liebe.«
Der Stallmeister suchte vergebens seine Bewegung zu verbergen. Eine
hohe Röte lag auf seinem Gesicht, und sein Auge hing voll Erwartung an
den Lippen Palvis.
»Beruhigen Sie sich,« sagte dieser, als er den unangenehmen Eindruck
bemerkte, den seine Erzählung auf den jungen Mann machte. »Fürchten Sie
nichts, ich werde bald zu Ende sein. Ich war glücklich und zufrieden;
ich kannte ihre Vorliebe für Poesie, und die Liebe ermutigte mich,
einen Versuch zu wagen, der mich ihr noch werter machen sollte.
Ich strengte alle meine Kräfte an, um sie mit etwas Gelungenem zu
überraschen. Da brachte man mir eines Tages einen Brief. Ich erkannte
ihre Züge, ich riß ihn auf und -- sie schrieb mir mit kurzen, aber
heftigen Worten, daß sie sich auf ewig von mir lossage, daß sie mich in
tiefster Seele verachte; warum? werde mir mein eigenes Gewissen sagen.
Ich versuchte mancherlei Wege, um mich ihr zu nahen, mein Gewissen
sprach mich von irgend einem Fehler gegen die Geliebte frei, darum
wollte ich mir Gewißheit über das Warum verschaffen. Doch sie wich
überall aus, und noch heute -- heute abend in jenem Zirkel hat sie alle
meine Hoffnungen zertrümmert.«
In dem edelmütigen Herzen des jungen Rempen siegte jetzt Mitleiden
über jedes andere Gefühl. Er faßte die Hand des unglücklichen, ihm so
interessanten Mannes; er gelobte ihm, bei Elisen für ihn zu sprechen,
sie um die Ursache ihres Betragens zu befragen.
Aber jener erwiderte mit dem Stolze, den unverdiente Kränkung gibt:
»Vertrauen ist die erste Bedingung der Liebe. Wo Vertrauen fehlt, da
war nie Liebe, oder sie ist jedem Zufall ausgesetzt. Ich habe Elisen
auf immer verloren, selbst wenn sie mich wieder lieben würde.«
»Und in diesem Zustand wollen Sie hier fortleben?« fragte Rempen, seine
Hand ergreifend; »wollen Elisen sehen und dabei immer fühlen, daß Sie
verachtet sind?«
»Nein, gewiß nicht,« erwiderte jener mit düsterem Lächeln; »_mein_
Geschäft in dieser Stadt ist zu Ende. Es bleibt mir nur noch übrig,
die Geliebte vor Menschen zu warnen, die ihrer nicht wert sind. Diesen
literarischen Pöbel, der ihr so unendlich wert scheint, will ich noch
vor ihren Augen entlarven; und ich glaube ihr damit nützlich zu sein,
denn die Stellung, die Elise jetzt eingenommen, würde sie später
nimmer glücklich machen. Sie selbst werden mir dazu helfen, mein
Freund; schlagen Sie ein, wir wollen unsere Penelope von diesen Freiern
erretten.«
»Wohlan!« rief der Stallmeister, indem er aufbrach, »vielleicht
findet sich morgen schon Gelegenheit, wenn uns die letzten Ritter von
Marienburg versammeln; aber dann,« setzte er entschlossen hinzu, »noch
_einen_ Versuch, um auch Sie glücklich zu machen!«
8.
Der schöne Frühlingstag und die Furcht, für ungebildet zu gelten,
wenigstens durch ihr Nichterscheinen geringes Interesse an der schönen
Literatur zu verraten, vereinigte den größten Teil des Rempenschen
Klubs in dem Gartensaal, den man zum Sammelplatz bestimmt hatte.
Der junge Rempen war zu Pferd herausgekommen, geraume Zeit vor den
übrigen Gästen; gedankenvoll setzte er sich auf den Altan des Hauses
und schaute in den Fluß hinab. Wie so gern hätte er sich schon heute
am frühen Morgen Gewißheit verschafft, warum Elise so plötzlich mit
Palvi gebrochen, auf eine Weise gebrochen, die notwendig, er gestand
es sich mit Schmerz, auf den Charakter des jungen Mannes einen düstern
Schatten werfen mußte. Oft verwünschte er den gestrigen Tag und daß er
diesen Menschen kennen gelernt habe, nur um ihn heute unaussprechlich
zu achten und vielleicht morgen zu verlieren, zu -- bedauern; denn
verachten? nein, es konnte keinen Fall geben, der ihm diesen Mann
hätte verächtlich machen können. War es denn möglich, daß eine so
großartige Seele etwas Gemeinem, Niedrigem sich hingeben konnte? »Er
ist arm,« sagte der gutmütige Rempen zu sich, »er muß dürftig sein,
denn seine Stelle kann ihn nicht ernähren; vielleicht hat er wieder
Schulden gemacht, sie hat es erfahren und deutet als Leichtsinn, was
vielleicht Not ist? Aber kann, selbst wenn es Leichtsinn wäre, dieser
den Geliebten in ihren Augen verächtlich, elend machen?« Wie ergrimmte
er in seiner Gedankenfolge über jene Schranken, welche das Herkommen
und die »gute Sitte« um vornehme Häuser und ihre Töchter gezogen,
wie unnatürlich erschien es ihm, daß der Geliebte die Zürnende nicht
in ihrem Hause, auf dem Wege, überall befragen, vielleicht versöhnen
konnte, daß vielleicht ein kleines, aber sichtbares Ausweichen, eine
scharfe und laut gesprochene Rede dazu gehörte, ihn, nach den Sitten
der Gesellschaft, auf immer von sich zu entfernen! »Oder wie? Sollte
sie ihn vielleicht nie geliebt haben?« setzte er getrösteter hinzu. »Es
wäre möglich, daß ihm diese Gewißheit weniger schmerzlich wäre als ihr
Haß; aber -- darf sie ihn deswegen hassen?«
Ein großer Zug von Damen und Herren hatte während dieser Gedanken
des jungen Rempen den Berg erstiegen und war jetzt in den Gartensaal
getreten.