Kriminalpräsident von großem Gewicht, »als dort meinen Referendär
Palvi; wenigstens zeugen seine Referate von sehr guter Lunge und
geschmeidiger Kehle.« Indem der Kriminalpräsident seinen eigenen Witz
belachte und im Chorus sechs Juristen pflichtgemäß mit einstimmten,
verbeugte sich der junge Mann, an welchen die Rede ging, während
eine flüchtige Röte über sein Gesicht zog, und zur Verwunderung der
Gesellschaft, die ihn sehr wenig kannte, ergriff er das Buch und die
Tasche und fragte bescheiden, welcher von den Damen beides gehöre?
Dem Stallmeister, der hinter ihm stand, hatte dies längst sein
scharfes Auge gesagt. Elise war flüchtig errötet, als der Onkel den
Beutel emporgehoben und das Buch daraus hervorgeholt hatte. Als aber
Palvi anfragte, als er mit seinem dunkeln Auge den Kreis der Damen
überstreifte und bei ihr stillestand, da goß sich ein dunkler Karmin
über Stirne, Wangen und den schönen Hals des Fräuleins; sie schien
überrascht, verlegen, und als jene Röte ebenso schnell verflog, schien
sie sogar ängstlich zu sein. »Das Buch gehört mir, Herr von Palvi,«
sagte sie schnell und mit einem kurzen Blick auf ihn. »Und werden Sie
erlauben, daß daraus vorgelesen wird? Daß _ich_ daraus vorlese?« fragte
er weiter.
»Ich habe hier nichts zu bestimmen,« erwiderte sie, ohne aufzusehen,
»doch das Buch steht zu Diensten.«
»Nun dann nicht gesäumt!« rief der Oheim. »Sessel in den Kreis und
ruhig sich gesetzt und andächtig zugehört, denn ich denke, wir werden
einen ganz angenehmen Genuß haben.«
Man tat nach seinem Vorschlag; in bunten Kreis setzte sich die
zahlreiche Gesellschaft, und sei es, daß man auch hier Fräulein Elise
als literarische Königin ansah, oder war es eine sonderbare Fügung des
Zufalls, der Vorleser kam so gerade ihr gegenüber zu sitzen, daß, so
oft sie die Augen aufhob, diese schönen Augen auf ihn fallen mußten.
»Aber, Freunde,« bemerkte die Dame vom Hause, »dieser Roman hat, soviel
ich weiß, drei Bände; wollen wir sie alle anhören, so kommt unsere
junge Welt heute nicht mehr zum Tanzen, und wir andern nicht zum Spiel;
ich denke, man wählt die schönsten Stellen aus.«
»Wer aber soll sie wählen?« fiel ihr Gatte ein. »Das Ding ist nagelneu,
niemand hat es gelesen; doch Fräulein Wicklow wird uns helfen können.
Können Sie nicht schöne Stellen andeuten und uns den Faden des übrigen
geben?«
Man bat so allgemein, so dringend, daß Elise nach einigem Zögern
nachgab. »Der Roman,« sagte sie, »spielt, wenn ich mir die Jahreszahl
richtig gemerkt habe, in den Jahren 1455 bis 1456 in und um Marienburg
in Ostpreußen. Der Deutsche Orden ist von seinen früheren einfachen
und reinen Sitten abgekommen; dies und innerer Zwiespalt, wie Neid
und Anfeindungen von allen Seiten her, drohen einen baldigen Umsturz
der Dinge herbeizuführen, wie denn auch durch den Verrat böhmischer
Ordenssoldaten, gegen Ende des dritten Teils, Marienburg für den
Orden auf immer verloren geht. Auf diesem geschichtlichen Hintergrund
ist aber die interessante Geschichte eines Verhältnisses zwischen
einem jungen deutschen Ritter und einem Edelfräulein aufgetragen. Sie
ist die Tochter des Kastellans von Marienburg, eines geheimen und
furchtbaren Feindes des Ordens, der, anscheinend dem Deutschmeister
befreundet, nur dazu in Marienburg lebt, um jede Blöße des Ordens
den Polen zu verraten. Der Roman beginnt in der Ordenskirche, wo die
Ritter und viele Bewohner von Marienburg und der Umgegend bei einem
feierlichen Hochamt versammelt sind, um den Tag zu feiern, an welchem
vor vielen Jahren der erste Komtur mit seinem Konvent in dieser Burg
einzog. Der letzte Meister, Ulrich von Elrichshausen, ein Mann, der
sich dem nahenden Verderben noch entgegenstemmen will, hält eine
eindringliche Rede an die Ordensglieder. Der Gottesdienst endet mit
einer feierlichen, lateinischen Hymne. Indem zwei der jüngsten Ritter,
nach der Sitte bei solchen Gelegenheiten, den vornehmsten fremden
Besuchern das Geleite bis in den Vorhof geben, bemerkt der eine von
ihnen, daß der andere im Vorbeistreifen ein kleines Päckchen in die
Hand einer verschleierten Dame gedrückt habe. Die Kirche ist leer, und
im zweiten Kapitel fragt nun der erstere den zweiten um die Bedeutung
dessen, was er gesehen. Er ist sein Waffenbruder, ein Bündnis, das nach
der Sitte der Zeit fester als irgend ein Freundschaftsband galt, und
Elrichshausen, der Neffe des Meisters, der Held des Romans, gesteht
ihm endlich sein Verhältnis zu der Dame, erzählt ihm von seinem Leben,
seinen trostlosen Aussichten.
»Der Freund ratet ab, Kuno aber verschmäht jede Warnung und bittet
jenen, er möchte ihn an diesem Abend zu einer Zusammenkunft mit der
Geliebten begleiten. Diese Zusammenkunft in einem verfallenen Teil des
älteren Schlosses ist so schauerlich schön, daß ich möchte, sie würde
ganz gelesen.«
Palvi las. Wer je ein Buch, das er sonst nicht kannte, in Gesellschaft
vorgelesen, der weiß, daß etwas Beunruhigendes in dem Gedanken liegt,
daß man mit gehaltener Sicherheit auf einem Felsenpfade gehen soll,
den man noch nie betreten. Dieses beängstigende Gefühl wächst, wenn es
ein Gespräch ist, das man vorträgt. Man kann den Atem, den Rhythmus,
den Ausdruck der Empfindung nicht richtig abmessen und verteilen, man
weiß nicht, ob jetzt die höchste Höhe der Lust ausgedrückt ist, ob
jetzt der Dichter die tiefste Saite der Wehmut berührt habe, ob er
nicht noch tiefere Akkorde anschlagen werde; und der Zuhörer pflegt
diese Unsicherheit störend mitzuempfinden. Aber wunderbar las dieser
junge Mann, den ein zufälliger Scherz seines Vorgesetzten zum Vorleser
gestempelt hatte. Es war, als lese er nicht mit den Augen, sondern mit
der Seele ohne dieses Organ, als spreche er etwas längst Gedachtes,
eine Erinnerung aus, als kenne er den Inhalt, den Geist dieser Blätter,
und sein Gedächtnis habe das Buch nur wegen der zufälligen Wortstellung
von nöten. Wenn das, was er las, nicht durch Inhalt und Form so
großartig, dieses Gespräch zweier Liebenden so neu, so bedeutungsvoll
gewesen wäre, diese Art, etwas vorzutragen, hätte zur Bewunderung
hinreißen müssen.
Wir fürchten zu ermüden, wollten wir den Gang der Gefühle im Gespräch
dieser Liebenden verfolgen. Wir bemerken nur, daß der jüngere Teil
dieser Gesellschaft mächtig davon ergriffen wurde, daß Fräulein Elise,
die anfangs den Vorleser mit scheuen, staunenden Blicken angesehen
hatte, in tiefer Rührung die Augen senkte und kaum so viel Fassung
fand, ihre Erzählung weiter fortzusetzen.
»Die Liebenden,« sagte sie, »so wenig Trost im Schluß dieser Szene
lag, sind zufrieden in dem Gedanken an die Gegenwart. Je dunkler
aber die Zukunft vor ihnen liegt, desto angenehmer dünkt es ihnen,
die Gegenwart mit schönen Träumen auszufüllen. Der Deutschmeister
bekommt die Nachricht, daß der Kaiser, von den Einflüsterungen Polens
halb besiegt, dem Orden zürne, ihm namentlich innere Zügellosigkeit
vorwerfe. Der Meister versammelt daher ein Kapitel, wo er die Ritter
anredet. Diese Stelle ist eine der trefflichsten im Buche, denn der
Verfasser befriedigt hier auf wunderbare Weise zwei Interessen. Indem
der Meister die Verhältnisse des Ordens bis auf die zartesten Nuancen
aufdeckt und berechnet, bekommt der Leser nicht nur ein schönes Bild
von dem einsichtsvollen, umsichtigen Ulrich von Elrichshausen, von
der erhabenen Würde eines Nachfolgers so großer Meister, von der
gebietenden Stellung eines Herrschers auf Marienburg, sondern er
bekommt auch auf ungezwungene und natürliche Weise eine Uebersicht
über die historische Basis des Romans. Der Meister schärft die Haus-
und Sittengesetze und schließt mit einer furchtbaren Drohung für den
Uebertreter.
»Der Held des Romans, voll schönen Glaubens an alles Edle und Reine,
sieht in seiner Freundschaft für Wanda, so heißt das Fräulein, kein
Unrecht. Er setzt, begleitet von seinem Freunde, die nächtlichen
Zusammenkünfte fort. In eine derselben ist ein wunderschönes Märchen
eingewoben, eine Sage, die man auch mir in meiner Kindheit oft erzählt
haben muß, denn sie klang mir wie alte Erinnerungen.«
Sie hielt inne; mit einem Blick voll Liebe und Wehmut fragte Palvi,
ob er das Märchen lesen solle? Sie nickte ein kurzes Ja, und er las.
Der junge Rempen hatte während des Märchens sein Auge fest auf Elisen
gerichtet. Er bemerkte, daß sie anfangs heiter zuhörte, mit einem
Gesicht, wie man eine bekannte Lieblingsmelodie hört und die kommenden
Wendungen zum voraus erratet; nach und nach wurde sie aufmerksamer;
es kamen einige sonderbare Reime vor, die Palvi so rasch und mit so
eigenem, singendem Tone vortrug, daß sie dadurch tief ergriffen schien;
Erinnerungen schienen in ihr auf und nieder zu tauchen, sie preßte die
Lippen zusammen, als unterdrücke sie einen inneren Schmerz; er sah, wie
sie bleich und immer blässer wurde, er sah sie endlich ihrer Nachbarin
etwas zuflüstern, sie standen beide auf, aber ebenso schnell sank
Elise wieder kraftlos auf ihren Stuhl zurück.
Die Bestürzung der Gesellschaft war allgemein. Die Damen sprangen
herzu, um zu helfen, aber sei es, daß, wie es oft zu geschehen pflegt,
gerade das unangenehme Gefühl dieser störenden, geräuschvollen Hilfe
sie wieder emporraffte, oder war es wirklich nur etwas Vorübergehendes,
ein kleiner Schwindel, der sie befiel, sie stand beinahe in demselben
Moment wieder aufrecht, bleich, aber lächelnd, und konnte sich bei der
Gesellschaft entschuldigen, diese Störung veranlaßt zu haben.
An Erzählen und Vorlesen war übrigens nach diesem Vorfall heute abend
nicht wohl wieder zu denken, und man nahm mit Vergnügen den Vorschlag
an, sich am übernächsten Nachmittage in einem öffentlichen Gartensalon
zu versammeln und die Ritter von Marienburg gemeinschaftlich zu
genießen.
6.
Der Stallmeister fühlte sich von dieser Szene auf mehr als eine Weise
ergriffen; er konnte zwar Palvi nichts vorwerfen, er hatte zwei Worte
mit Elisen und diese öffentlich gesprochen; es war, wenn er selbst
auch wirkliche Rechte auf das Fräulein gehabt hätte, kein Grund zur
Eifersucht da, denn sie schien jenen sogar zu scheuen, zu fliehen;
aber dennoch lag etwas so Rätselhaftes in Palvis Betragen, etwas so
schmerzlich Rührendes in seinen Mienen, und doch wieder in seinem
ganzen Wesen eine so gehaltene Würde, daß Rempen sich vornahm, was
es ihn auch kosten möge, Aufschluß über ihn zu suchen. Der Oheim war
bemüht, die frühere Ordnung und Freude herzustellen. Spieltische wurden
herbeigetragen, und aus dem Salon lud eine Violine und die lockenden
Akkorde einer Harfe die junge Welt zum Tanzen ein.
Mit bewachenden Blicken folgte der Stallmeister Palvi, der, noch
immer das Buch in der Hand haltend, gedankenvoll umherging. In einer
Vertiefung des Fensters saß Elise. Eben ging eine Freundin von ihr weg,
und Rempen nahm wahr, wie sich Palvi ihr zögernd nahte, wie er ihr
mit einer tiefen Verbeugung das Buch überreichte. Schnell trat auch
er hinzu, und nur die breite, dunkelrote Gardine trennte ihn von den
beiden.
»Elise,« hörte er den jungen Mann sagen, »seit zehn Monaten zum
erstenmal wird es mir möglich, so nahe zu stehen, nur _eine_ Bitte habe
ich --«
»Schweigen Sie,« sagte sie in leisen, aber leidenschaftlichen Tönen,
»ich will nichts hören, nichts sprechen! ich habe Ihnen schon einmal
gesagt: ich verachte Sie.«
»Nur das _Warum_ möchte ich wissen,« bat er beinahe weinend; »nur _ein_
Wörtchen, vielleicht können Sie mich doch verkennen.«
»Ich kenne Sie zu gut,« erwiderte sie unmutig, »einen so niedrigen,
gemeinen Menschen kann ich nur verabscheuen.«
»Gemein, niedrig?« rief er bitter, »und dennoch schwöre ich, daß ich
Ihnen Achtung abzwingen will; diesen gemeinen niedrigen Mann sollen Sie
schätzen müssen! Wissen Sie, ich bin --«
»Daß Sie ein recht elender Mensch sind, weiß ich lange; darum bitte
ich, entfernen Sie sich; diesen Zirkel werde ich aber nie mehr
besuchen, wenn es Ihnen noch einmal einfallen sollte, mich anzureden.«
Bei diesen Worten stand sie rasch auf und entfernte sich mit einer
kurzen Verbeugung gegen den unglücklichen jungen Mann.
So wichtig diese Worte, so bedeutungsvoll diese Szene war, konnte sie
doch dem Stallmeister kein deutlicheres Licht geben. Palvi durfte
wagen, sie mit »Elise« anzureden, sie behauptete, ihn ganz zu kennen,
sie sprach so heftig ihre Gefühle aus, daß ihren Haß notwendig Liebe
geboren haben mußte. -- Er sah Palvi, nachdem er noch eine Weile in
der Vertiefung des Fensters verweilt hatte, nach der Türe des Vorsaals
gehen. Er folgte ihm dahin, wie zufällig nahm er zugleich mit jenem
seinen Mantel um.
»Auch Sie scheinen kein Freund des Tanzes zu sein,« redete er den
Referendär an.
»Ich habe es längst aufgegeben,« antwortete er, »aber Sie, Sie -- ein
Glücklicher, und nicht tanzen?«
»Ein Glücklicher?« erwiderte der Stallmeister freundlich; »davon möchte
ich mir doch noch eine nähere Definition erbitten. Ueberhaupt, hier
wird mir so langweilig zu Mute, und zu Hause geht mir die Tanzmusik im
Kopfe herum; gehen wir, wenn Sie nichts Besseres vorhaben, nicht irgend
wohin zusammen?«
Palvi schien in einiger Verlegenheit zu sein. »Ich weiß nicht, was mir
Ihre Gesellschaft so wünschenswert macht,« antwortete er; »ich möchte
die Hälfte der Nacht mit Ihnen verplaudern, und dennoch, werden Sie es
glauben? -- ich rechnete darauf, früh diese Gesellschaft zu verlassen,
und habe einem Freunde den übrigen Teil des Abends zugesagt.«
»Wohlan,« fuhr der Stallmeister fort, »wenn Sie nichts gar zu Wichtiges
zu besprechen haben, so folge ich Ihnen dahin.«
Der junge Mann errötete. »Das Haus ist abgelegen,« sagte er, »und für
solche Gäste nicht ganz passend.«
»Und wenn es der Entenzapfen wäre,« rief Rempen; »es soll ja
vortreffliches Cerevis dort geben.«
Mit einer Mischung von Staunen und Freude blickte ihn der Referendär
an, doch ehe er noch fragen konnte, sprach Rempen weiter: »Verzeihen
Sie meiner Neugierde, die diesmal die Diskretion überwog. Der Zufall
machte mich zum Zeugen, als ein wunderlicher alter Herr Sie einlud, und
schon damals wünschte ich, mit von der Partie zu sein, um so mehr,«
setzte er verbindlich hinzu, »da ich diesen Abend so manchen ~Point de
réunion~ zwischen uns fand.«
»Gut, so folgen Sie mir. -- Sie werden ein Original kennen lernen, das
aber mehr unsere Aufmerksamkeit verdient als die schwachen Kopien dort
oben, die doch immer für Originale gelten möchten, ja sich selbst dafür
halten. Ich meine jene Poeten und Literatoren, die uns heute morgen ein
so wunderbares Schauspiel gegeben haben.«
»In seiner Art diesen Abend ein nicht minder sonderbares,« entgegnete
Rempen; »oder sollte Ihnen entgangen sein, wie ungezogen sie sich
benahmen, als man verlangte, dieser Roman solle vorgelesen werden;
schien es nicht, als wollten sie durch stilles, höhnisches Lächeln,
durch ihre kalte Entschuldigung, zum Vorlesen nicht bei Stimme zu
sein, durch so manche Zeichen ihres Mißfallens der Gesellschaft die
Ueberzeugung aufdringen, als sei das Buch schlecht und unwürdig? Man
kann nicht verlangen, daß sie sich -- wollen sie einmal ungesittet sein
-- im Keller eines Italieners Fesseln anlegen; sie bezahlen dort, und
ihre Rede ist frei; aber in einer Gesellschaft wie diese mußten sie
sich den Gesetzen des Anstandes fügen.«
»Ich wollte vieles wetten,« bemerkte Palvi, »der Mann, zu dem ich Sie
jetzt führe, ob er gleich in seinen Gewohnheiten und Sitten wenig
gesellschaftliche Bildung verrät, würde sich weniger unschicklich
benommen haben.«
»Und wer ist er denn?« fragte der Stallmeister.
»Er gehört einem Schlag von Leuten an, die man in unsern Ländern jetzt
weniger oder nicht so auffallend und originell sieht als früher, ein
sogenannter württembergischer Magister. Bitte zum voraus, glauben
Sie nicht, daß in diesem Begriffe etwas Lächerliches liege, denn eine
nicht geringe Zahl würdiger, gelehrter Männer unserer Zeit gehören
diesem Stande an. Es gab in früherer Zeit, -- ob jetzt noch, weiß ich
nicht, -- in jenem Lande eine Pflanzschule für tiefe Gelehrsamkeit.
Es gingen Philologen, Philosophen, Astronomen, Mathematiker in Menge
daraus hervor; zum Beispiel ein Keppler, ein Schelling, Hegel und
dergleichen. Vor zwanzig Jahren soll man allenthalben in Deutschland
Leute aus dieser Schule gesehen haben; den Titel Magister bekamen sie
als Geleitsbrief mit. Sie waren gewöhnlich mit tiefen Kenntnissen
ausgerüstet, aber vernachlässigt in äußeren Formen, in Sprache und
Ausdruck sonderbar, und spielten eine um so auffallendere Figur, als
sie gewöhnlich, ihrer Stellung nach, als Lehrer an Universitäten, als
Erzieher in brillanten Häusern, in der Gesellschaft durch ihr Aeußeres
den Rang nicht ausfüllten, den ihnen ihre Gelehrsamkeit gab. Eine
solche Figur aus alter Zeit ist mein Freund. Er ging schon vor dreißig
Jahren aus seinem Vaterlande, hat aber weder in Kurland noch in Sachsen
seine Eigenheiten abgelegt. Er lebt hier, abgeschieden von der Welt,
in einem Dachstübchen; ich halte ihn für einen der tiefsten Denker
des Zeitalters, dabei ist er ein liebenswürdiger Dichter, und dennoch
ist sein Name gänzlich unbekannt. Die gelehrtesten Rezensionen in den
Leipziger und Haller Blättern sind von seiner Hand; manche Entdeckung,
mancher tiefgedachte Satz, womit jetzt die neuen Philosophen ihre Werke
aufputzen, sind von ihm; er hat sie spielend hingeworfen.«
»Also ein literarischer Eremit,« rief Rempen aus, indem er, nicht ohne
kleinen Schauder, an der Seite des Referendärs durch enge, schmutzige
Gäßchen ging; »eine Nachteule der Minerva in bester Form?«
»Wenn es heutzutage wieder einen Diogenes geben könnte,« erwiderte
jener, »ich glaube, er müßte im Kostüm meines Magisters erscheinen.
Dieses ehrliche, kluge, ein wenig ernste Gesicht, die kunstlos um den
Kopf hängenden Haare, das verschossene Hütchen, der abgetragene Rock,
den er mit keinem anderen vertauschen mag, die sonderbare, beinahe
zärtliche Neigung zu einer alten, schwarz gerauchten Pfeife, dazu ein
dunkelbraunes Meerrohr mit silbernem Knopfe, und diese ganze Gestalt in
der düsteren, schwärzlichen Spelunke, in welche wir eben treten wollen
-- nehmen Sie dies alles zusammen, und Sie werden finden, das Urbild
eines modernen zynischen Philosophen ist fertig, nur würde er einen
Alexander nicht um ein wenig Sonne, sondern um ein bißchen Feuer für
seine Pfeife bitten.«
Durch einen Vorplatz, wo das trübe Licht einer schmutzigen Laterne
einen zweifelhaften Schein auf Kornsäcke und umgestürzte Bierfäßchen
warf, traten jetzt die beiden jungen Männer in das größere Schenkzimmer
des Entenzapfen. Der Wirt, dick und angeschwollen von dem Kosten
seines eigenen Getränkes, schlief in einem Lehnsessel hinter dem
Ofen; einige abgerissene Gestalten spielten bei einem Stümpchen Licht
mit schmutzigen Karten und sahen die Vorübergehenden mit matten,
schläfrigen Augen an.
Palvi ging vorüber in ein zweites kleineres Gemach, das für bessere
Gäste eingerichtet schien. Derselbe Alte, den Rempen diesen Abend
flüchtig gesehen, saß dort allein hinter einer Kanne Bier. Auf den
Tisch hatte er mit Kreide einen mathematischen Satz gemalt. Er schaute,
die Stirn in die Hand gestützt, aufmerksam auf seine Berechnung nieder,
und nur große Tabakswolken, die er hin und wieder ausstieß, zeigten,
daß er lebe und atme. Erst auf den Abendgruß seines jungen Freundes
richtete er sich auf und zeigte ein ernstes, gleichgültiges Gesicht,
dem nur das glänzende, ungemein interessante Auge einiges Leben verlieh.
Die Gegenwart eines Fremden schien ihm unangenehm aufzufallen. Kurz
abgebrochen, indem er hastig mit dem Rockärmel die Figuren von dem
Tische abwischte, sagte er: »Seid lange ausgeblieben.«
»Dafür bringe ich aber einen seltenen Gast mit,« erwiderte der junge
Mann, »der das Entenbier versuchen will.«
»Literator?« fragte der Alte etwas mürrisch.
»Wo denkst du hin, Magister; ein hiesiger Literator und der
Entenzapfen! Nein, er ist nicht von diesen, sondern heißt Herr von
Rempen und ist Stallmeister.«
»Da haben der Herr die echte Quelle gefunden,« sprach der Alte
freundlich und mit einer Herzlichkeit, die ihn sogar angenehm machte.
»Der Entenzapfen hat solid Getränke. Setzet euch, da bringt die
Kellnerin schon die Kannen.«
Der Stallmeister erschrak vor der großen Kanne, die ihm das niedliche
Kellnermädchen mit den roten Lippen kredenzte; aber die Neugierde nach
dem Magister, der Drang, von Palvi nähere Aufschlüsse über Elisens
Betragen zu erhalten, milderten seinen Schauder vor dem Entenzapfen.
»Es hat einen eigenen Reiz für mich,« sagte er, um die Anrede des
Alten zu erwidern, »so aus einer glänzenden Gesellschaft, wo alles
voll Glanz und Putz, voll Berechnung und eitlen Benehmens ist, mich in
die Einsamkeit einer solchen Schenke zu begeben. Man wird so leicht
verführt, jenes schimmernde Wesen für wahres Leben, für ein Ideal der
Gesellschaft zu nehmen, und nur ein plötzlicher, recht greller Tausch
kann von diesem Wahne retten, besonders wenn man das Glück hat, Männer
zu finden, die zu vernünftigem Gespräch bereitwillig sind.«
»Ich kann mir's denken aus früherer Zeit,« entgegnete der Alte mit
ironischem Lächeln. »Nun hat man wieder anständig geschnattert und
gezwitschert, Tee getrunken und göttlichem Gesange gelauscht, und als
man gar ästhetisch zu werden, vorzulesen anfing, seid ihr aus Angst
davongelaufen?«
»Nein,« antwortete Rempen, »so lange gelesen wurde, blieben wir.«
»Wie?« rief der Magister. »Und Ihr habt es über Euch vermocht, Herr
Referendär, allerlei rosenfarbene Poesie anzuhören?«
»Man las die letzten Ritter von Marienburg,« belehrte ihn der
Stallmeister.
»Ei der Tausend!« sagte der Alte, mit einem sonderbaren Seitenblick auf
Palvi, »konnte man doch solche Speise vertragen, ohne den ästhetischen
Gaumen und Magen zu verderben? Hat sich denn die Welt gedreht, oder
waren unsere hiesigen Schöngeister nicht zugegen?«
»Doch, sie waren dabei,« erwiderte Rempen, »sie wagten es nicht, sich
dagegen zu setzen, obgleich der Zorn aus ihren Augen sprühte, denn
noch diesen Morgen hatten sie sich bündig und deutlich erklärt.«
Und nun erzählte er den Auftritt im Keller des Italieners mit einer
Geläufigkeit, über welche er sich selbst wundern mußte. Mehrmals wurde
er von einem schnellen, kurzen Lachen des Alten unterbrochen, als er
aber mit dem furchtbaren Bündnisse der literarischen Trias endete,
brach der alte Mann in so herzliches Gelächter aus, daß der Wirt zum
Entenzapfen mit einem tiefen Gestöhne erwachte und sich im Sessel
umwälzte.
»Der Herr Stallmeister erzählen gut,« sprach dann der Magister, indem
er Tränen, die das Lachen hervorgelockt hatte, verwischte. »Ich kenne
sie, diese Bursche, diesen Chorus von Halbwissern. Sie sind geachteter
beim Stadtpublikum und auf dem Landsitze als der wahre Gelehrte, sie
sind die Vornehmern unter den Musensöhnen und machen ungebeten die
Honneurs auf dem Parnaß, als wären sie Prinzen des Hauses oder zum
mindesten Kammerjunker; um so weniger können sie es verschmerzen, wenn
ihre Blöße aufgedeckt und ihre Schande ans Licht gestellt wird. Sie
fühlen ihr Nichts, sie sehen es einander ab, aber sie wollen es sich
nicht merken lassen.«
»Am sonderbarsten und unerklärlichsten scheint mir ihre Wut gegen
_das_, was man jetzt historischen Roman nennt,« bemerkte der
Stallmeister. »Ich bin zu wenig im Getriebe der Literatur bewandert, um
es mir erklären zu können.«
»Danken Sie Gott,« erwiderte der Alte, »daß Sie ein heiteres, rüstiges
Handwerk erlernt haben und von diesem unseligen, feindlichen Treiben
nichts wissen. Kommt mir doch diese schöne Literatur jetzt vor wie
scharfer Essig. Mit gehöriger Zutat vom Oel des Lebens, Philosophie,
ist sie die Würze eurer Tage; aber kostet sie gesondert, so ist sie
scharf, abstoßend; betrachtet sie genau, etwa durch ein tüchtiges Glas,
so sehet ihr das Acidum aufgelöst in eine Welt von kleinen Würmern, die
sich wälzen und einander anfallen, übereinander wegkriechen.«
»Pfui! Aber ihr Verhältnis zum historischen Roman?«