Bei dem Stallmeister hatte diese Szene, nachdem das Komische, was sie

enthielt, bald verflogen war, einen störenden, unangenehmen Eindruck

hinterlassen. Er hatte sich mit der schönen Literatur von jeher gerade

nur so viel befaßt, als ihm nötig schien, um nicht für ungebildet zu

gelten; und auch hier war er mehr seiner Neigung als dem herrschenden

Geschmacke gefolgt. Er wußte wohl, daß man ihn bemitleiden würde,

wollte er öffentlich gestehen, daß er Smollets Peregrine Pickle für den

besten Roman und einige sangbare Lieder von Kleist für die angenehmsten

Gedichte halte; er behielt dieses Geheimnis für sich, brummte, wenn

er morgens ausritt, sein Liedchen, ohne zu wissen, welcher Klasse der

Lyrik es angehöre, und las, wenn er sich einmal ein literarisches Fest

bereiten wollte, ausgesuchte Szenen im Peregrine Pickle. Ein paar

Almanache, ein paar schöngeistige Zeitschriften durchflog er, um,

wenn er darüber gefragt würde, nicht erröten zu müssen. So kam es,

daß er vor Schriftstellern oder Leuten, »die etwas drucken ließen«,

große Ehrfurcht hatte; denn seine Seele war zu ehrlich, um ohne Gründe

von Menschen schlecht zu denken, deren Beschäftigung ihm so fremd

war als der Hippogryph seinen Ställen. Um so verletzender wirkte

auf ihn der Anblick dieser erbosten Literatoren. »Man tadelt es an

Schauspielern,« sprach er zu sich, »daß sie außerhalb des Theaters oft

roh und ungebildet sich zeigen, daß sie Tadel, auch den gerechten,

nicht ertragen wollen und öffentlich darüber schimpfen und schelten.

Aber zeigten sich denn _diese_ Leute besser? Ist es nicht an sich schon

fatal, seinen Unmut über eine Beschimpfung zu äußern? Muß man das

Wirtshaus zum Schauplatz seiner Wut machen und sich so weit vergessen,

daß man wie ein Betrunkener sich gebärdet? Und wie schön ließen diese

Leute sich in die Karten sehen! Also weil sie beleidigt sind --

vielleicht mit Recht --, wollen sie wieder beleidigen, wollen ihre

Privatsache zu einer öffentlichen machen? Das also sind die Leiter der

Bildung, das die feinfühlenden Dichter, die, wie Freund Zundler sagt,

Instrumente sind, die nie einen Mißton von sich geben?«

Nicht ohne Kummer dachte er dabei an ein Wesen, das ihm vor allen

teuer war. Der Buchhändler hatte nicht mit Unrecht geäußert, daß Elise

Wicklow ein sehr belesenes Frauenzimmer sei. Nach Rempens Ansichten

über die Stellung und den Wert der Frauen schien sie ihm beinahe zu

gelehrt, in Stunden des Unmuts nannte er es wohl gar überbildet. Er

hatte es niemand, kaum sich selbst gestanden, daß sie seine stillen

Huldigungen nicht unbemerkt ließ, daß sie ihm manchen gütigen Blick

schenkte, aus dem er vieles deuten konnte. Er war zu bescheiden, um

zu glauben, daß dieses liebenswürdige Geschöpf ihn lieben könnte,

und dennoch verletzte ihn ihr ungleiches, zweifelhaftes Betragen.

Es war eine gewisse Koketterie des Geistes, die das liebenswürdige

Mädchen in seinen Augen entstellte. Wenn er zuweilen in freundlichem

Geplauder mit ihr war, wenn sie so traulich, so natürlich ihm von

ihrem Hauswesen, ihren Blumen, ihren Vergnügungen erzählte, wenn er

sich ganz selig fühlte, daß sie so lange, so gerne zu ihm spreche, so

führte gewiß ein feindlicher Dämon einen jener Literatoren oder Dichter

herbei, deren diese gute Stadt zwei Dutzend zählte, und Elise war

wie ausgetauscht. Ihre schönen Augen schimmerten dann vor Vergnügen,

ihr schlanker Hals bog sich vor, und ohne auf eine Frage des guten

Stallmeisters zu achten, ohne seine Antwort abzuwarten, befand man sich

mit Blitzesschnelle in einem kritischen oder literarischen Geplänkel,

wo Rempen zwar die ungemeine Belesenheit, das schnelle Urteil, den

glänzenden Witz seiner Dame bewundern, sie selbst aber bedauern mußte,

daß sie dieser Art von Gespräch, diesem gesuchten Vergnügen sichtbarer

entgegenkam, als es sich für ein Mädchen von achtzehn Jahren schickte.

»Und an dieses Volk, an diesen literarischen Pöbel wirft sie ihre

glänzendsten Gedanken, ihre zartesten Empfindungen, wirft sie

Blicke und Worte weg, die einen andern als diese gedruckten Seelen

überglücklich machen würden. Und fühlen sie es denn? Sind sie

dadurch geehrt, entzückt? Nur mit ihnen spricht sie über das, was

sie gelesen, als ob sonst niemand lesen könnte, nur ihnen zeigt sie,

was sie gefühlt, als ob gerade diese Versmacher und Rezensenten die

gefühlvollsten Leute wären und ein so schönes, liebenswürdiges Wesen

zu würdigen verständen. Nein, diese Toren sehen es überdies noch als

einen schuldigen Tribut, als eine geringe Anerkennung ihrer eminenten

Verdienste an, wenn die Krone aller Mädchen mit ihnen schwatzt wie

mit ihresgleichen, während andere wackere Leute in der Ferne stehen.

Und diese Menschen, die sich heute so niedrig gebärdeten, bilden ihren

Hofstaat, dies sind die genialen Männer, mit welchen sie so gerne

spricht!«

Diese Gedanken beschäftigten ihn den ganzen Tag. Sein Stallpersonal

konnte sich heute gar nicht in ihn finden. Der gutmütige, milde Herr

war zu einem rauhen, mürrischen Gebieter geworden. Die Stallknechte

klagten es sich beim Füttern; acht Pferde hatte er hinausgejagt durch

dick und dünn, und jedes hatte einen andern Fehler gehabt. Die Bereiter

hatte er zum erstenmal streng getadelt, und als es Abend wurde, war

man im Stall darüber einig, dem Stallmeister von Rempen müsse etwas

Außerordentliches begegnet sein, vielleicht sei er sogar in Ungnade

gefallen. Man bedauerte ihn, denn sein leutseliges Wesen hatte ihn zum

Liebling seiner Untergebenen gemacht.

Und wahrlich, der Abend dieses Tages war nicht dazu gemacht, diese

düsteren Gedanken zu zerstreuen. Der Geheimrat von Rempen, sein

Oheim, gab alle vierzehn Tage einen großen Klub, in welchem er, das

Unmögliche möglich zu machen, die getrenntesten Extreme zu vereinigen

suchte. Dieser Klub hatte sich früher in drei verschiedene Abteilungen

getrennt. Es war in jener Stadt eine literarische Sozietät, deren

Mitglied der alte Rempen war; sie versammelte sich, um zu lesen, zu

rezensieren, gelehrt zu sprechen; an einem andern Tage war großer,

umwechselnder Singtee, an einem dritten Abend Tanzunterhaltung.

~Tria juncta in uno~, drei Köpfe unter _einem_ Hut, sagte der alte

Rempen und lud sie alle zusammen ein. Der bunteste Wechsel schien

ihm die interessanteste Unterhaltung, und darum preßte er wie ein

Seelenverkäufer Literatoren, Soldaten, Justizleute, lese-, gesang- und

tanzlustige Damen und packte sie in seinen Salon zusammen, zu Tee und

Butterbrot, in der festen Ueberzeugung, die wahre Springwurzel der

Unterhaltung gefunden zu haben. Für seinen Neffen aber vereinigten

sich Himmel und Fegfeuer in diesem Klub. Er hörte Elisen singen;

seine nahe Verwandtschaft zu dem alten Rempen, der keinen Sohn hatte,

machte es ihm möglich, wie ein Kind des Hauses, nicht wie ein Gast

aufzutreten und mit Elisen ungestört zu tanzen und zu plaudern. Aber

seine Höllenqualen begannen, wenn er den Oheim, umgeben von einem

Kreise älterer und jüngerer Herren, mit wichtiger Miene etwas erklären

sah, wenn er endlich ein Buch aus der Tasche zog, durchblätterte, es

im Kreise umher zeigte und die Herren vor Freude stöhnten: -- »Ah

-- etwas Neues, schon gelesen? göttlich -- vorlesen, bitte vorlesen

-- Professor am besten lesen -- in den Saal und lesen.« -- »Lesen,

vorlesen!« tönte es dann von dem Munde älterer Damen und jener Herren,

die nicht tanzen wollten, und Elise -- nahm mit einer kurzen Verbeugung

Abschied, drängte sich in den literarischen Kreis, wurde als Königin

des guten Geschmacks begrüßt, hatte gewöhnlich das Buch schon gelesen,

stimmte für die Vorlesung und war für den armen Stallmeister auf den

ganzen Abend verloren.

Mit diesen trüben Erinnerungen gelangte er an das Haus seines Oheims.

Er war eben im Begriff einzutreten, als das Gespräch zweier Männer,

die sich diesem Hause näherten, seine Aufmerksamkeit auf sich zog.

Soviel der matte Schein einer fernen Laterne erraten ließ, war der eine

ein ältlicher, dürftig gekleideter Mann, der andere jünger, höher und

festlich gekleidet.

»Brüderchen!« sprach der ältere mit einem Accent, der nicht dieser

Gegend angehörte; »Brüderchen, bleibt mir aus dem fatalen Haus! So oft

Ihr wieder herauskommt, seid Ihr zwei, drei Tage ein geschlagener Mann.

Laßt die Bursche dort oben in Gottes Namen auf Stelzen gehen und Unsinn

schwatzen, bleibt aber nur Ihr hinweg, 's ist noch Euer Tod!«

»Ich muß sie sehen, Alter!« sprach der jüngere, »ich muß sie hören. Es

gehört zu meinem Glück, sie gesehen zu haben.«

»Ihr seid ein Narr!« erwiderte der andere, »sie mag Euch nicht, sie

will Euch nicht. Ihr seid ein armer Teufel und gehört nicht in diese

Sozietät. Aber fassen kann ich Euch nicht! 's gehört ein Wort dazu,

nur ein Wörtchen, ein bißchen von einem Geständnis, und Ihr könnt

vielleicht glücklich sein. Geh fort, geh fort; scherwenze in der nobeln

Welt, werde ein Schuft wie alle und vergiß den alten, armen Bunker,

lebe wohl, will nichts mehr von dir.«

Er wollte unmutig weggehen, aber der junge Mann hielt ihn auf. »Sei

vernünftig,« bat er; »willst auch du mich noch elend machen? Tu es

immer, laß mich liegen wie einen Hund, wenn du es über dein Herz

vermagst. Ich bin ja ohnedies unglücklich genug.«

»Jammere nur nicht so!« sprach der Alte gerührt. »Geh hinauf, wenn du

es nicht lassen kannst; aber bleibe nicht da, wenn sie vorlesen; du

ärgerst dich! Komm zu mir!«

»Ich komme,« erwiderte der jüngere nach einigem Nachsinnen. »Um zehn

Uhr will ich kommen. Wohin?«

»Heute in den Entenzapfen, im Rosmarin ist heilloses Volk, Schneider

und Schuster und die Affen und Bären aus den Druckereien, es ist heute

Montag. Aber Brüderchen, im Entenzapfen ist Cerevis, man trinkt es in

Augsburg nicht besser.«

Ein Wagen mit hellglänzenden Laternen rollte in diesem Augenblick

auf das Haus zu, der junge Mann sagte eilig zu, und der Alte schlich

langsam die Straße hin. Der Stallmeister konnte sich kaum von seinem

Erstaunen erholen. Wer konnte aus so sonderbarer Gesellschaft in den

Tanzsaal seines Oheims kommen? Noch sonderbarer schien es ihm, daß man

diesen glänzenden Klub, der alle geistreiche und noble Welt der Stadt

vereinigte, verlassen wollte, um in dem Entenzapfen Bier zu trinken, in

einer Winkelkneipe, die er kaum dreimal von seinen Stallknechten hatte

rühmen gehört. Er setzte dem sonderbaren Gast, der flüchtig die Treppe

hinaneilte, nach, er holte ihn im hell erleuchteten Korridor ein, er

ging an ihm vorüber, sah sich um und erblickte das düstere Auge und die

markierten Züge des Referendärs Palvi.

Verworrene Gedanken flogen vor seiner Seele vorüber, als er ihn

erkannte; seine Worte: »Ich muß sie sehen,« der Wink des Buchhändlers,

Palvi sei früher in einem Verhältnis zu Elisen gestanden, Staunen über

die sonderbaren Reden mit dem Alten, wunderliche Sagen, die er früher

über diesen Palvi vernommen, alle diese Gedanken wollten auf einmal

zur Klarheit dringen und machten, daß er sich vornahm, über _eines_

wenigstens sich diesen Abend Gewißheit zu verschaffen, über sein

Verhältnis zu Elisen.

4.

Der größte Teil der Gesellschaft hatte sich schon versammelt, als die

jungen Männer eintraten. Des Stallmeisters scharfes Auge durchirrte den

Damenkreis, der an den Wänden hin sich ausbreitete; er fand endlich

Elisen an einem fernen Fenster im Gespräch mit seiner Tante; aber ihr

schönes Gesicht hatte nicht den Ausdruck von Heiterkeit und Laune,

die er sonst so gerne sah, sie lächelte nicht, sie schien verstimmt.

Es kostete ihn einige künstlich angeknüpfte Gespräche, einige

Neuigkeiten vom Hofe, im Vorübergehen erzählt, um sich an jenes Fenster

durchzuwinden.

Die Tante sprach so eifrig, Elise hörte so aufmerksam zu, daß er

endlich die herabhängende Hand der Tante erfassen und ehrerbietig

küssen mußte, um sich bemerklich zu machen. Elisens Wangen glühten, als

sie ihn erblickte, und die Tante rief staunend: »Wie gerufen, Julius!

Ich sprach soeben mit dem Fräulein von dir, du kannst dir etwas darauf

einbilden, so gut wird es dir nicht alle Tage.«

»Und was war der Inhalt Ihres Gespräches, wenn man fragen darf?«

»Deine Klagen von letzthin,« erwiderte die Tante lachend. »Dein Kummer,

daß dich das Fräulein mitten in der Rede stehen gelassen habe, um mit

irgend einem eminenten Dichter zu verkehren. Doch am besten machst du

dies mit Fräulein Elise selbst aus,« setzte sie hinzu und ging weiter.

Elise schien sich wirklich einer kleinen Schuld bewußt, denn sie schlug

die Augen nieder und zögerte zu sprechen; als aber Rempen bei seinem

unmutigen Schweigen verharrte, sagte sie halb lächelnd, halb verlegen:

»Ich gestehe, es war nicht artig, und sicher würde ich es mir gegen

einen Fremden nicht erlaubt haben; aber daß _Sie_ mir dergleichen

übelnehmen, da Sie meine Weise doch kennen --«

»So stünde ich Ihnen denn näher als jene gelehrten und berühmten

Herren?« erwiderte er, freudig bewegt. »Darf es sogar als ein Zeichen

Ihres Zutrauens nehmen, wenn Sie mich so plötzlich verlassen, um zu

jenen zu sprechen?«

»Sie sind zu schnell, Herr Stallmeister!« sagte sie. »Ich meinte nur,

weil Sie meine Eltern kennen und ich viel zu Ihrer Tante komme, müsse

man die Konvenienz nicht so genau berechnen. Und muß man denn im Leben

alles so ängstlich berechnen?«

Sie bemerkte dies halb zerstreut, und es entging Rempen nicht, daß

ihr Auge eine andere Richtung genommen habe, als zu ihrer Rede passe,

er verfolgte diesen Blick und traf auf Palvi, der mit einem ältlichen

Herrn sprach und zugleich seine Blicke brennend und düster auf Elisen

heftete. Ein tiefer Atemzug stahl sich aus ihrer Brust, als sie ihre

Augen, die weder zärtlich noch freudig glänzten, von ihm abwandte. Sie

errötete, als sie bemerkte, wie ihr Nachbar die Richtung ihrer Blicke

bemerkt habe, und halb verlegen, halb zerstreut flüsterte sie: »Wie

kommt doch er hieher zu Ihrem Onkel?«

Der Stallmeister war so boshaft, sie zu fragen, wen sie denn meine.

»Den Referendär Palvi,« antwortete sie leichthin, als wollte sie ihre

vorige Frage verbessern, »er ist vielleicht mit Ihrem Hause bekannt?«

»Ich kenn' ihn nicht,« erwiderte der Stallmeister etwas ernst; »doch

warum sollte er nicht hier sein? Kennen Sie ihn vielleicht? Man sagt,

es sei ein Mann von schönen Talenten, der --«

»Wie freut es mich, dich wieder gesund zu sehen, Klothilde!« rief seine

Nachbarin und hüpfte auf ein Mädchen zu, das sechs Schritte von ihr

entfernt stand; verblüfft, als hätte er einen dummen Streich begangen,

stand der Stallmeister und sah ihr nach.

Man hatte indessen um Ruhe und Stille gebeten; ein Fräulein von kleiner

Gestalt, aber gewaltiger Stimme wollte sich hören lassen und stellte

sich zu diesem Zweck auf ein gepolstertes Fußbänkchen hinter ein

elegantes Notenpult. Die Männer setzten sich Stühle hinter die Frauen,

die Frauen machten erwartungsvolle Mienen, und es war so tiefe Stille

in dem großen Zimmer, daß man nur die Bedienten hin und wieder »Ist's

gefällig« brummen hörte, wenn sie Tee anboten. Beim ersten Takt, den

man zur Begleitung des kleinen Fräuleins auf dem Flügel anschlug,

entwich der junge Rempen in ein Nebenzimmer, um ungestört seinen

Gedanken nachzuhängen; er zog weiter, wandelte einigemal im Salon auf

und ab, bog dann in die nächste Türe, dem Ende der Enfilade zu. Im

letzten Zimmer saß ein Mann in einem Sofa, der die Stirne in die Hand

gelegt hatte. Bei Rempens Nähertreten wendete er den Kopf, und den

Stallmeister hatte seine schnelle Ahnung nicht betrogen, es war Palvi.

»Auch Sie scheinen die Musik nicht in der Nähe zu lieben,« sagte

Julius, indem er sich zu ihm auf das Ruhebett setzte; »kaum bis hieher

dringen die zarteren Töne.«

»Es geht mir damit wie mit dem Geruch stark duftender Blumen,«

erwiderte Palvi mit angenehmer Stimme. »Mit diesen Düften in einem

verschlossenen Zimmer zu sein, macht mich krank und traurig, aber im

Freien, so aus der Ferne atme ich ihren Balsam mit Wollust ein, ich

unterscheide und errate dann jede einzelne Nuance, ich möchte sagen,

jede Schattierung, jeden Ton, jeden Uebergang des Geruches.«

»Sie haben recht, jede Musik gewinnt durch Entfernung,« bemerkte

Rempen; »aber das jammervollste ist mir, jemand singen sehen zu müssen.

Besonders ängstigt mich die kleine Person, die jetzt eben etwas

vorträgt. Sie ist nett, beinahe zierlich gebaut, aber alle Gliederchen

~en miniature~. Nun stellt man sie immer auf ein Fußbänkchen, damit

sie gesehen wird. Hinter ihr steht der Musikdirektor mit der Violine.

Von Anfang macht es sich ganz gut. Der Direktor spielt ~piano~ und

verzieht höchstens den Mund links und rechts nach dem Strich seines

Fiedelbogens, nach und nach kommt er ins Feuer, ›~Forte, piu forte~‹,

flüstert er und wackelt mit dem Kopf; jetzt fängt auch die Kleine an

sich zu heben; anfänglich wiegt sie sich auf den Zehen und bewegt

die Ellbogen, als nähme sie einen kleinen Anlauf zum Fliegen; doch

~crescendo~ mit des Musikers Perpendikularbewegungen schreiten ihre

Gebärden vor, sie weht und rudert mit den Armen, sie hebt und senkt

sich, bis sie im höchsten Ton auf den Zehenspitzen aushält und -- wie

leicht kann da die Fußbank umschlagen!«

Der Referendär lächelte flüchtig: »Beinahe noch verschiedener als beim

Lachen gebärden sich die Menschen, wenn sie singen,« sagte er. »Haben

Sie nie in einer evangelischen Kirche die Mienen der Weiber unter dem

Gesang betrachtet? Betrachten Sie ein zartes, schwärmerisches Kind von

sechzehn Jahren, das mit rundgewölbten Lippen, Frieden und Andacht

in den Zügen, die zarten Wimpern über die feuchten Augen herabsenkt,

seinen Schöpfer lobt. Sie können aus den vielen Hunderten ihre Stimme

nicht herausfinden, und doch sind Sie überzeugt, sie müsse weich,

leise, melodisch sein. Setzen Sie neben das Kind zwei ältliche Frauen,

die eine wohlbeleibt, mit gut genährten Wangen und Doppelkinn, die

Augen gerade vor sich hinstarrend, die andere etwas vergelbt, mit

runzligen, dürren Zügen und spitzigem Kinn, auf die gebogene Nase eine

Brille geklemmt -- und Sie werden erraten können, daß die Dicke einen

hübschen Baßton murmelnd singt, die andere in die höchsten Nasentöne

und Triller hinaufsteigt.«

»Sie scheinen genau zu beobachten,« antwortete lachend der

Stallmeister. »Es fehlt nur noch, daß Sie die dicke Frau mit dem

murmelnden Baßton für die Mutter der Kleinen, die spitzige aber für

ihre ledige Tante ausgeben, eine alte Jungfer, die nicht sowohl von

unserem Herrgott als von den Nachbarinnen gehört sein will. Was sagen

Sie aber zu der sonderbaren Gewohnheit der Primadonna unserer Oper?

In den tiefen Tönen ist ihr hübsches Gesicht ernsthaft, beinahe

melancholisch; wenn sie aber aufsteigt, klärt es sich auf, und hat

sie nur erst die oberen Doppeltgestrichenen hinter sich, so schließt

sie die Augen wie zu einem seligen Traum, sie lächelt freundlich und

hold, und lächelt, bis sie wieder abwärts geht. Gleichgültig ist ihr

dabei, was sie für Worte singt. Sie könnte in den tiefsten Tönen: ›Ich

liebe dich, meines Herzens Wonne,‹ singen und ungemein ernsthaft dabei

aussehen, und könnte ebenso leicht ›Ich sterbe, Verräter!‹ in den

höchsten Rouladen schreien und ganz hold und anmutig dazu lächeln. Wie

erklären Sie dies?«

»Es ist nicht schwer zu erklären,« entgegnete Palvi nach einigem

Nachsinnen; »die tiefen Töne fallen ihr etwas schwer; sie muß drücken,

etwa wie man einen großen Bissen hinabwürgt, und unmöglich kann sie

das mit heiterem Gesicht; mit den hohen Tönen geht es aber wohl

folgendermaßen zu: als sie noch jung war und die höheren Töne sich erst

in ihrer echten Kraft bildeten, mochte sie einen Lehrmeister haben,

der ihr unerbittlich alle Tage die Skala bis oben hinauf vorgeigte.

Für einen klaren höchsten Ton bekam sie wohl ein Stück Kuchen, ein

Tuch oder sonst dergleichen etwas; je höher sie es nun brachte, desto

freudiger strahlte ihr Gesicht vor Vergnügen über ihre eigenen Töne,

und so mochte sie sich angewöhnt haben, mit der freundlichsten Miene zu

singen: ›Ich verzweifle!‹«

In diesem Augenblick ertönte eine reine, volle Frauenstimme in so

schmelzenden, süßen Tönen, daß die beiden Männer unwillkürlich ihre

Rede unterbrachen und lauschten. Eine leichte Röte flog über Rempens

Gesicht, denn er erkannte diese Stimme. Sein Auge begegnete dem dunkeln

Auge Palvis, das wohl eine Weile prüfend auf seinen Zügen verweilt

haben mochte.

»Kennen Sie die Stimme?« fragte Rempen etwas befangen.

»Ich kenne sie,« erwiderte jener und stand auf.

»Und wollen Sie sich den Genuß vermindern und näher treten?«

»Ich möchte wohl auch die Worte des Textes hören,« entschuldigte sich

jener nicht ohne Verlegenheit.

Der Stallmeister folgte ihm; Palvi schwebte schnellen, aber leisen

Schrittes über den Boden hin und setzte sich unweit des Zimmers

nieder, wo Elise sang, auf ein Bankett, indem er Rempen durch einen

stummen Wink einlud, sich neben ihn zu setzen. Sie lauschten; es war

die bekannte Melodie einer jener alten französischen Romanzen, die,

indem sie durch ihren ungekünstelten Wohllaut dem Ohre schmeicheln,

in mutigen Tönen das Herz erheben; aber ein deutscher Text war

untergelegt, Worte, von welchen die Sängerin selbst wunderbar

ergriffen schien, denn sie trug sie mit einem Feuer vor, das ihre

Zuhörer mit erfaßte.

Der junge Rempen fühlte sein Herz von Liebe zu der Sängerin wie von dem

hohen Schwung ihres Gesanges mächtiger gehoben; aber mit Verwunderung

und Neugierde sah er die tiefe Bewegung, die sich auf den Zügen seines

Nachbars ausdrückte. Seine Augen strahlten, sein Haupt hatte sich mutig

und stolz aufgerichtet, und um Wangen und Stirne wogte eine dunkle Röte

auf und ab, jene Röte, die ein erfülltes, von irgend einer mächtigen

Freude überraschtes Herz verrät.

Mit gekrümmtem Rücken, auf den Zehenspitzen schlich jetzt der Oheim

Rempen heran. Schon von weitem drückte er seinem Neffen durch beredtes

Mienenspiel seinen Beifall über den herrlichen Gesang aus, und als er

nahe genug war, flüsterte er: »Heute singt sie wieder wie die Pasta,

voll Glut, voll Glut; und der schöne Text, den sie untergelegt hat! --

er ist aus einem neuen Roman, die letzten Ritter von Marienburg.«

Der junge Mann winkte seinem Oheim ungeduldig, stille zu sein; der Alte

schlich weiter zu einer anderen Gruppe, und die beiden lauschten wieder

ungestört, bis der Gesang geendet war.

5.

Rauschender Beifall füllte nun das Gemach, man drängte sich um die

Sängerin, und auch Rempen folgte seinem Herzen, das ihn zu Elisen

zog. Aber schon war sie von einem halben Dutzend jener Literatoren

umlagert, die ihn immer verdrängten. »Welch herrliches Lied!« hörte er

den Doktor Zundler sagen, »welche Kraft, welche Fülle von Mut, und wie

zart gehalten!« Doch dem Stallmeister entging nicht, daß der Hofrat,

der ebenfalls bei der Gruppe stand, den jungen Doktor durch einen

freundschaftlichen Rippenstoß aufmerksam darauf zu machen schien, daß

er etwas Ungeschicktes gesagt habe. Er erschrak, errötete und fragte in

befangener Verlegenheit, woher das Fräulein das schöne Lied habe?

»Es ist aus den letzten Rittern von Marienburg, von Hüon.« Ein Gemurmel

des Staunens und Beifalls lief durch die dichten Massen, als man

diesen Titel hörte. »Wie, ein neuer Roman? -- Ah, derselbe, welchen

die Blätter fürs belletristische Vergnügen so tüchtig ausg-- Sie sind

ja da, leise, leise. -- -- Wo kann man den Roman sehen?« -- So wogte

das Gespräch und Geflüster auf und ab, bis der Wirt des Hauses mit

triumphierendem Lächeln ein Damenkörbchen an seidenen Bändern in die

Höhe hielt, es öffnete und ein Buch hervorzog. Er schlug den Titel

auf, er zeigte ihn der gespannten Gesellschaft, und mit freudigem

Staunen las man in großen gotischen Lettern: »Die letzten Ritter

von Marienburg.« -- »Vorlesen, bitte, vorlesen,« tönte es jetzt von

dreißig, vierzig schönen Lippen, und selbst die jungen Männer, die

sonst diese Unterhaltung weniger liebten, stimmten für die Vorlesung.

Aber eine nicht geringe Schwierigkeit fand sich jetzt in der Wahl des

Vorlesers; denn jene Literatoren, die sonst in diesem Zirkel dieses Amt

bekleidet hatten, stemmten sich heute bestimmt dagegen; der eine war

erhitzt, der andere hatte Katarrh, der dritte war heiser, und allen war

die Unlust anzusehen, daß nicht ihre eigenen Produkte, sondern fremde

Geschichten vorgelesen werden sollten.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 2 · 第 9 / 22 段