»Herr Baron!« sagte der alte Hans mit gerührter Stimme, »nehmen Sie es

einem alten Diener nicht ungnädig auf, aber wissen Sie noch, was Sie zu

dem braven Kapitän sagten, und was Sie mir oft erzählt haben? Monsieur,

haben Sie gesagt, wenn Sie einst durch Schwaben kommen und in unsere

Gegend, so vergessen Sie nicht, auf Thierberg einzusprechen, daß Sie

mich nicht zu Ihrem ewigen Schuldner machen.«

Herr von Thierberg aber strich sich nachdenklich mit der Hand über die

Stirne, warf noch einen zögernden Blick auf das Bild und führte dann

Anna zu Robert Willi. »Nimm sie hin!« sagte er fest und ernst. »Ich

habe es nicht tun wollen, aber vielleicht war es gut, daß _dies_ alles

so kommen mußte; nimm sie hin!«

Mit großer Rührung umarmte der General den alten Mann, und indem Robert

überrascht und selig seine Braut, wir wissen nicht ob zum erstenmal, an

seine Lippen drückte, schüttelte der Gast aus der Mark, um nicht ganz

teilnahmlos zu erscheinen, dem alten Diener herzlich die Hand. Albert

hat nachher erzählt, daß er in jenem feierlichen Augenblick, trotz

seines inneren Widerstrebens, gut napoleonisch gesinnt gewesen sei und

zum erstenmal in seinem Leben jene Macht und Ueberlegenheit gefühlt und

anerkannt habe, die jener große Geist auf die Gemüter zu üben pflegte.

Er erzählte auch, daß der alte Thierberg jenen sonderbaren Tausch

niemals bereut habe; er fand in seinem Schwiegersohne Eigenschaften,

die er ihm nie zugetraut hatte, und als er ihn bei der Verwaltung der

Güter seines Vaters mit Rat und Tat unterstützte, lebte er im Glücke

seiner Kinder die Tage seiner eigenen Jugend wieder.

Von der Hochzeit des jungen Paares sprach der Gast aus der Mark nicht

gerne, man sah ihm an, daß er lieber selbst mit der liebenswürdigen

Anna vor den Altar getreten wäre. Einen Zug aber aus diesem glänzenden

Tag pflegte er bei Wiederholung dieser Geschichte nie zu vergessen,

vielleicht nur, um jene schwärmerischen Anhänger Napoleons und seinen

neubekehrten Oheim ins Komische zu ziehen. Der alte Gardist des

Generals, erzählte er, habe alle Domestiken und einige junge Burschen

zum Vivatschreien abgerichtet und die schöne Braut mit ins Geheimnis

gezogen; er habe seine Leute unter die Türen des großen Saales im

Schlosse Thierberg gestellt, und als nun mancher Toast ausgebracht

war, sei auch Anna mit dem Kelchglas aufgestanden und habe mit ihrer

süßen Stimme »dem Bild des Kaisers« die Ehre eines Toasts gegeben. Da

wurde der Jubel rauschend, die Gäste stießen an, Hans und der Gardist

schwangen zum Zeichen ihre Mützen, und wohl aus fünfzig Kehlen schallte

ein jauchzendes: »~Vive l'empereur!~«

Die letzten Ritter von Marienburg.

1.

»Guten Morgen, Neffe der Musen!« rief mit munterem Ton der junge Rempen

einem Bekannten zu, dem er am Markt begegnete; »Ihre Augen leuchten,

Ihre Mienen drücken eine gewisse Behaglichkeit aus, und ich wollte

wetten, Sie haben heute schon gedichtet.«

»Wie man will, bester Stallmeister,« entgegnete jener, »in Reimen

zwar nicht, aber an meinem neuen Roman habe ich ein paar Kapitel

geschrieben.«

»Wie, an einem neuen Roman? Das ist göttlich, auf Ehre! Aber, bitte

Sie, warum so geheim mit solchen Dingen, so verschlossen gegen die

nächsten Bekannten und Freunde? Sonst ließen Sie doch hin und wieder

ein Wörtchen fallen über Anordnung und Charaktere, lasen mir und

anderen einige Strophen; wie kommt es denn, daß _dies_ alles nun

vorüber ist?«

»War es euch denn wirklich interessant?« fragte der Dichter nicht ohne

wohlgefälliges Lächeln; »ich muß gestehen, mir selbst kommt, wenn ich

etwas niedergeschrieben habe, alles so leer, so gemein, so langweilig

vor, daß ich mich ennuyierte, wenn ich es nur in den Revisionsbogen

wieder durchlas; da dachte ich denn, es könnte euch auch so gehen.« --

»Uns? Gewiß, es machte uns immer Vergnügen!«

»Gut, lassen Sie uns dort bei dem Italiener eintreten und etwas

trinken, dabei will ich Ihnen den Plan meines neuen --«

»Wie!« rief der Freund des Dichters lachend. »So frühe schon am Tage in

die Restauration? Sind wir denn Leute aus einer neumodischen Novelle,

daß wir gleich anfangs, des Tages nämlich, in einem Wirtshaus sitzen

müssen, als ob es außer der Kirche und der Weinstube kein öffentliches

Leben mehr geben könnte?«

»Wie kommen Sie nur auf diese Vergleichung!« entgegnete jener. »Wie oft

waren wir morgens bei Primavesi!«

»Es ging mir nur so durch den Kopf,« sprach der Stallmeister; »gestehen

Sie selbst, seit Tieck mit Marlow und Green im Wirtshaus zusammenkam,

glauben sie alle, es könne keinen schicklicheren Ort geben, um eine

Novelle anzufangen; erinnern Sie sich nur an die Almanache des letzten

Jahres; doch Sie selbst sind ja solch ein Stück von einem Poeten, und

wenn Sie durchaus heute mit dem Italiener anfangen wollen, so mögen Sie

Ihren Willen haben.«

»Sie werden erwartet, Herr Doktor Zundler,« sagte der Italiener, als

die beiden Männer in den Keller traten, »der Buchhändler Kaper sitzt

schon seit einer Viertelstunde im Eckstübchen und fragt oft nach Ihnen.«

Der Stallmeister machte Miene, sich entfernen zu wollen; Doktor Zundler

aber faßte heftig seine Hand. »Bleiben Sie immer,« rief er, »kommen

Sie mit zu dem Buchhändler; er wird wohl von meinem neuen Roman

gehört haben und mir Verlag anbieten; da können Sie einmal sehen,

wie unsereiner Geschäfte macht; habe ich ja selbst schon oft Ihren

Pferdeeinkäufen beigewohnt.«

Der Stallmeister folgte; in einer Ecke sah er einen kleinen, bleichen

Mann, der hastig an einem Rippchen zehrte, und so oft er einen Biß

getan, Lippen und Finger ableckte; er erinnerte sich, diese Figur

hie und da durch die Straßen schleichen gesehen zu haben, und hatte

den Mann immer für einen Krämer gehalten; jetzt wurde ihm dieser als

Buchhändler Kaper vorgestellt. Zur Verwunderung des Stallmeisters

sprach er nicht zuerst den Dichter, sondern ihn selbst an: »Herr

Stallmeister,« sprach er, »schon lange habe ich mich gesehnt, Ihre

werte Bekanntschaft zu machen. Wenn Sie oft an meinem Gewölbe

vorbeiritten, ritten, ich darf sagen, wie ein Gott, da sagte ich immer

zu meinem Buchhalter, und auf Ehre, es ist wahr, Winkelmann, sagte

ich (Sie kennen ihn ja, Herr Doktor), Winkelmann, es fehlt uns schon

lange an einem tüchtigen Pferde- und Bereiterbuch. Der Pferdealmanach

erscheint schon lange nicht mehr, und was letzthin der Herr Baptist bei

den Kunstreitern geschrieben, ist auch mehr für Dilettanten, obgleich

die Vignette schön ist, Sie haben ja den Menschen persönlich gesehen,

Herr Doktor; nun, sagte ich, ein solches Buch zu schreiben, wäre der

Herr Stallmeister von Rempen ganz der Mann. Etwa fürs erste achtzehn

bis zwanzig Bogen, statt der Kupfer nehmen wir Lithographien --«

»Bemühen Sie sich nicht,« erwiderte der junge Rempen, mit Mühe das

Lachen unterdrückend. »Ich bin zum Büchermachen verdorben; es geht

mir nicht von der Hand, und überdies, Herr Kaper, bei unserem Metier,

gerade bei unserem, muß der jüngere sich bescheiden. Da kommt es auf

Erfahrung an.«

»Und ich dächte, Sie hätten Verlag genug,« sagte der Doktor, wie es

schien, etwas ärgerlich, von dem Buchhändler nicht gleich beachtet

worden zu sein.

»O ja, Herr Doktor, Verlag genug, was man so verlegene Bücher nennt;

ich könnte Deutschland in allen Monaten, die ein R haben, mit Krebsen

versehen, Sie wissen ja selbst.«

»Ich will nicht hoffen,« rief der Dichter hoch errötend, »daß Sie damit

etwa mein griechisches Epos meinen --«

»Mit nichten, gewiß nicht, wir haben doch hundert etwa abgesetzt und

die Kosten so ziemlich gedeckt, und der Herr Doktor werden mir nicht

übelnehmen, wenn ich sage, es war eine frühe Arbeit, eine Jugendarbeit;

hat doch auch Schiller nicht gleich mit dem ›Tell‹ angefangen, sondern

zuerst ›Die Räuber‹ geschrieben, und überdies noch die erste Ausgabe

bei Schwan und Götz, wo Franz Moor noch in den Turm kommt, die gar

nicht so gut ist als die zweite; aber seit man Ihre vortreffliche

Novelle in der Amathusia für 1827, seit man Ihre Rezensionen und

Kritiken und die Sonette vor vier Wochen gelesen hat, läßt sich Großes

erwarten.«

Der Dichter schien beruhigt. »Ich habe Sie immer für einen Mann von

gesundem Urteil gehalten, Herr Kaper,« sprach er mit gütigem Lächeln;

»haben Sie vielleicht schon von meinem neuen Roman gehört?«

»Ich habe, ich habe,« erwiderte der Buchhändler mit schlauer Miene;

»und wo, raten Sie, wo ich davon gehört habe? Sie erraten nicht? Warum

kommen denn der Herr Doktor so gerne in mein Gewölbe? Etwa wegen meiner

Leihbibliothek, auf welche Sie immer zu schimpfen belieben, oder wegen

des Vis-à-vis?«

»Wie!« rief der junge Mann und drückte die Hand des Buchhändlers,

»hätte etwa Elise --«

»Elise Wicklow, meinen Sie?« fragte der Stallmeister, etwas näher

rückend.

»Ja, meine Herren! Fräulein Wicklow,« fuhr Herr Kaper, vertraulich

flüsternd, fort, »doch nicht zu laut, wenn ich bitten darf; denn soeben

hat sich der Oberjustizreferendar Palvi dorthin gepflanzt in seine

tägliche Ecke --«

»Welcher ist es?« fragte der Stallmeister, sich umkehrend; »ich hörte

mancherlei von diesem Menschen, sonderbares Gerede von den einen und

hohes Lob von anderen; der junge Mann, der so düster in sein Glas

sieht, ist Palvi?«

»Es ist nicht viel an ihm,« bemerkte der Dichter. »Auf der Universität

-- ich war noch ein Jahr mit ihm in Göttingen -- war er so eine Art von

Poetaster; einmal las ich ein paar gute Gedanken von ihm, die er zu

einem Fest gemacht hatte; hier treibt er ein elendes, wüstes Leben und

kommt selten in gute Gesellschaft.«

»Aber gerade wegen Fräulein Wicklow dürfen wir vor ihm nicht zu laut

werden,« flüsterte der Buchhändler. »Ich weiß, er kam, als er noch

auf Schulen war, zuweilen hinüber ins Haus, und wie mir meine Tochter

sagte, soll einmal ein Verhältnis zwischen den beiden Leutchen --«

»Wie?« rief der Stallmeister gespannt.

»Possen!« entgegnete der Dichter, indem er auf seinen eleganten Anzug

einen Blick herabwarf, »er sieht aus wie ein Landstreicher; bringen

Sie mir Elise auch nicht in Gedanken mit diesem Menschen zusammen. Ich

weiß, sie liebt die Poesie; alles Erhabene, Schöne gefällt ihr, und

sagen Sie aufrichtig, hat sie von meinem Roman gesprochen?«

»Sie hat, und wie! Sie ist ein belesenes Frauenzimmer, das muß man ihr

lassen; keine in der ganzen Stadt ist so delikat in der Auswahl ihrer

Lektüre. So kommt es, daß sie immer in einer Art von Verbindung mit mir

steht, und wenn ich etwas Neues habe, bringe ich es gleich hinüber,

denn ich selbst habe es in meinen alten Tagen gerne, wenn ein so

schönes Kind ›lieber Herr Kaper‹ zu mir sagt und gütig und freundlich

ist. Es war letzten Sonntag, daß ich ihr den Roman, ›Die letzten Ritter

von Marienburg‹, brachte, noch unaufgeschnitten, ich hatte ihn selbst

noch nicht gelesen. Sie hatte eine kindische Freude und sprach recht

freundlich und viel. Und wie wir so plaudern, komme ich auch auf Ihre

Novelle, welche sie ungemein lobte und Stil und Erfindung pries. Und

so sagte sie denn, ob ich auch schon gehört, daß Sie einen neuen Roman

schreiben?«

»Ja,« fiel der Dichter feurig ein, »und einen Roman schreibe, Kaper,

wie Deutschland, Europa noch keinen besitzt!«

»Historisch doch?« fragte der Buchhändler zweifelhaft.

»Historisch, rein geschichtlich, aber dies unter uns!«

»Historisch! das möchte ich auch raten!« sprach der Verleger, eine

große Prise nehmend. »Das ist gegenwärtig die Hauptsache. Wenn man

es so bedenkt, es ist doch eine sonderbare Sache um den deutschen

Buchhandel. Ich war Commis in Leipzig, als ›Wilhelm Meister‹ zuerst

erschien. ›Werther‹ und ›Siegwart‹ waren Mode gewesen, hatten

Nachahmung gefunden lange Zeit. Aber mein Prinzipal sagte: ›Er wird

sehen, Kaper (damals sprach man noch per Er mit den Subjekten), Er wird

sehen, über kurz oder lang geschieht eine Veränderung.‹ So war's auch;

wir gaben anfänglich nicht viel um den ›Wilhelm Meister‹, es schien

uns ein gar konfuses Buch; aber siehe da, man schrieb allenthalben

nach diesem Muster, und mancher hat sich ein schönes Stück Geld damit

gemacht. Wieder eine Weile, ich hatte meine eigene Handlung etabliert,

lag mir oft das Wort meines alten Prinzipals im Sinn: Alles im

Buchhandel ist nur Mode. Wer eine neue angibt, ist Meister. Wie ich

mich noch auf etwas Neues besinne und einen Menschen suche, der etwas

Tüchtiges schreiben täte -- da haben wir's, kommt Fouqué mit den Helden

und Altdeutschen, und alles machte nach. Und jetzt hat der Walter Scott

wieder eine neue Mode gemacht; ich möchte mir die Haare ausraufen, daß

ich keine Taschenausgabe machte, und nichts bleibt übrig, als etwa

deutsche historische Romane, die gehen noch.«

»Fürwahr!« bemerkte der Stallmeister lächelnd, »so habe ich bisher ohne

Brille gelesen, und der deutsche Parnaß ist in ganz andern Händen, als

ich dachte. Nicht um das Interesse der Literatur scheint es sich zu

handeln, sondern um das Interesse der Verkäufer?«

»Ist alles so ganz genau verknüpft,« antwortete Herr Kaper mit großer

Ruhe, »hängt alles so fest zusammen, daß es sich um den Namen nicht

handelt! Deutsche Literatur! Was ist sie denn anders, als was man

alljährlich zweimal in Leipzig kauft und verkauft? Je weniger Krebse,

desto besser das Buch, pflegen wir zu sagen im Buchhandel.«

»Aber der Ruhm?« fragte der junge Rempen.

»Der Ruhm? Herr, was nützt mich Ruhm ohne Geld? Gebe ich eine Sammlung

gelehrter Reisen mit Kupfern heraus, die mich schwer Geld kosteten,

so hat zwar meine Firma den Ruhm, das Buch verlegt zu haben. Aber wer

kauft's, wer nimmt's, wer liest das Ding? Sechs Bibliotheken und ein

paar Büchersammler, das ist alles, und wer geprellt ist, bin ich. Nein,

Herr von Rempen! Eine vergriffene Auflage von einem Roman, eine Messe

von höchstens dreißig Krebsen, das ist Ruhm, der echte, nämlich Ruhm

mit Geld.«

»Das ist also ungefähr wie Tee mit Rum, es schmeckt besser,« erwiderte

der Stallmeister, »aber ich meinte den schriftstellerischen Ruhm.«

»I nun, das ist etwas anderes,« antwortete er, »den haben die Herren

neben dem Honorar umsonst. Und den weiß man sich zu machen, sehen

Sie --«

2.

Doch die Forschungen des Herrn Kaper wurden hier auf eine unangenehme

Weise durch einen Lärm unterbrochen, der im Laden des Italieners

entstand. Neugierig sah man nach der Türe, welche durch ein Glasfenster

einen Ueberblick über den unteren Teil des Gewölbes gewährte. Ein

ältlicher und zwei jüngere Herren schienen in heftigem Streit

begriffen; jeder sprach, jeder focht mit den Händen; der eine stürzte

endlich mit hochgeröteten Wangen aus dem Laden, die beiden andern, noch

keuchend vom Wortkampf, traten in das Gewölbe, wo die Freunde saßen.

»Herr Rat! Was ist mit Ihnen vorgefallen!« rief Doktor Zundler beim

Anblick des älteren Mannes, der, ein gedrucktes Blatt in der Hand

zerknitternd, atemlos auf einen Stuhl sank. »Haben Sie denn nicht

gelesen, Doktor Zundler?« antwortete für den älteren der jüngere

Mann, der unmutig und dröhnenden Schrittes im Zimmer auf und ab ging,

»nicht gelesen, wie wir blamiert sind, nicht gelesen, daß man uns alle

zusammen hier eine poetische Badegesellschaft, eine Bänkelsängerbande

nennt?«

»Tod und Teufel!« fuhr der Doktor auf. »Wer wagt es, diese Sprache

zu führen? Wer wagt, die ersten Geister der Nation auf diese Art zu

benennen? Ich will nicht von mir sagen; was habe ich viel getan, um

auf einigen Ruhm Anspruch machen zu können? Aber was für andere Männer

finden sich hier! Sind es nicht -- die schönsten Zierden der Nation? So

jung Sie sind, Professor, sind denn nicht alle Blätter voll Ihres Lobes

wegen Ihrer Trauerspiele, und unser Rat --«

»Aber büßen sollen sie es mir, büßen,« rief der letztere, »so wahr

ich lebe, und Zundler, Sie müssen mithelfen und alle, die ins

Freitagskränzchen kommen. Hab' ich es mir darum sauer werden lassen

zwanzig Jahre lang, daß man jetzt über mich herfällt, und wegen nichts,

als wegen der Rezensionen über den dummen Roman: ›Die letzten Ritter

von Marienburg‹, sonst wegen nichts!«

»Die letzten Ritter von Marienburg,« fragte der Buchhändler, der als

Mann vom Fach mitsprechen zu müssen glaubte; »mich gehorsamst zu

empfehlen, Herr Rat, aber ist es nicht bei Wenz in Leipzig erschienen,

3 Bände Oktav, Preis 4 Taler netto?«

»Und ich will nun einmal diese Schule nicht aufkommen lassen,« fuhr der

Erboste fort, ohne auf Herrn Kaper zu hören; »woher kommt es, daß man

keine Verse mehr lesen will, daß man die Lyrik verachtet, sei sie auch

noch so duftig und gefeilt, daß man über die tiefsinnigsten Sonette

weggeht wie über Lückenbüßer, woher, als von diesen Neuerungen?«

»Aber so zeigen Sie doch, ich bitte,« flüsterte der Doktor, das

zerknitterte Papier fassend; »ist es denn wirklich so arg, so

niederschlagend?«

»Lesen Sie immer,« erwiderte der Rat gefaßter, »lesen Sie meinetwegen

laut, es ist doch in jedermanns Händen; die Herren sind ja ohnedies

Zeugen meines Schmerzens gewesen, und mögen auch Zeugen sein, wie man

Redakteur und Mitarbeiter eines der gelesensten Blätter behandelt!«

Der junge Mann entrollte das Blatt. »Wie? In den Blättern für

literarische Unterhaltung? Nein, das hätte ich mir nicht träumen

lassen; die waren ja sonst immer so nachbarlich, so freundlich mit uns!

Ist es die Kritik, die anfängt: ›Ehe wir noch dieses Buch --‹«

»Ebendiese, nur zu!«

»Die letzten Ritter von Marienburg, historischer Roman von Hüon. 3

Bände. Leipzig. Fr. Wenz.«

»Ehe wir noch dieses Buch in die Hände bekamen, lasen wir in den

Blättern für belletristisches Vergnügen eine Kritik, welche uns

beinahe den Mut benahm, diesen dreibändigen historischen Roman nur

zu durchblättern. Man kann zwar gewöhnlich auf das Urteil dieser

Blätter nicht viel halten. Es sind so wenige Männer von Gehalt dabei

beschäftigt, daß der wissenschaftlich Gebildete von diesen Urteilen

sich nie bestimmen lassen kann; doch machte diese Kritik eine Ausnahme.

Es ist nämlich eine Seltenheit, daß die Blätter für belletristisches

Vergnügen etwas durchaus tadeln; selten ist ihnen etwas schlecht

genug; aber diesmal hieben sie so unbarmherzig und greulich ein,

daß wir im ersten Augenblick, auf die kritische Ehrlichkeit solcher

Leute trauend, glaubten, dieser Roman müsse die tiefste Saite der

Schlechtigkeit berührt haben. Doch zu einer guten Stunde entschlossen

wir uns, nachzusehen, wie tief man es in der deutschen Literatur

dermalen gebracht habe. Wir lasen. Aber welch ein Geist wehte uns aus

diesen Blättern an! Welch mächtiges, erhabenes Gebäude stieg vor unsern

Blicken auf; ein Gebäude in so hohem, erhabenen Stil wie die Marienburg

selbst; wir fühlten uns fortgerissen, versetzt in ihre Hallen; der

letzte Großkomtur und seine Ritter traten uns lebend entgegen, und

noch einmal ertönte jene alte Feste vom Waffenspiel und den kräftigen

Stimmen ihrer tapfern Bewohner. Wir wollen den Dichter nicht tadeln,

daß ein Hauch von Melancholie über seinem Gemälde schwebt, der

keine laute Freude, kein behagliches Vergnügen gestattet. Wo ein

so großartiges Schicksal waltet, wo ein ganzes, großes Geschlecht

untergeht, da muß ja wohl auch die zarte Liebe, die nur einen Frühling

blühte, mit zu Grabe gehen. In diesem außerordentlichen Buche ist ein

Geist unter uns getreten, so originell, so groß, so frei, daß er keine

Vergleichung zuläßt. Er nennt sich Hüon, zwar ein angenommener Name,

aber gut gewählt; denn der Verfasser scheint uns nicht minder würdig,

von Oberon mit Horn und Becher beschenkt zu werden als jener tapfere

Paladin Karls des Großen. Mit Vergnügen müssen einen solchen Jünger

Meister wie Goethe und Tieck willkommen heißen, und unsere Zeit darf

sich glücklich preisen, einen Mann wie diesen geboren zu haben.

»Aber mit tiefer Indignation müssen wir hierbei einer Clique von

Menschen gedenken, die diese edle Blume schon in ihrem Keim in den

Staub drücken wollten. Freilich ist er euch zu groß, zu erhaben,

ihr kleinen belletristischen Seelen; möge immer diese poetische

Badegesellschaft in ihrem lauen Versewasser auf und nieder tauchen, nur

bespritze sie nicht mit ihrem Schlammwasser den Wanderer, der am Ufer

geht und sich verachtend abwendet. Ein Glück ist es übrigens, daß man

anfängt, in der guten Gesellschaft auf reinere Melodien zu horchen, daß

man diese Bänkelsänger dem Straßenpöbel überläßt.«

»190.«

Für den Stallmeister war es ein interessantes Schauspiel, die Gesichter

der Zuhörer zu mustern, während der Dichter mit schnarrendem Tone

diese Kritik ablas. Der Buchhändler, der ihm zunächst saß, versteckte

schlecht seine Neugierde und eine gewisse Behaglichkeit hinter einer

unmutigen Miene. Vielleicht hatte ihm der Hofrat einmal ein Verlagswerk

schlecht rezensiert oder der Theaterdichter hatte ihm nichts zum

Verlegen gegeben oder irgend einer der »Badegesellschaft« hatte ihn

beleidigt. Er dachte wie so viele kleine Seelen im ähnlichen Falle:

»Gottlob, es ist dafür gesorgt, daß die Rezensenten sich immer selbst

wieder rezensieren.« Der Rat hatte den Mund auf seinen Stockknopf

gepreßt, und seine Augen irrten auf dem Boden; der Theaterdichter

zwang sich zu einer Art von vornehmer Ruhe, die ihm vorhin völlig

gefehlt hatte. Sein »Ohe!« oder »Ei!«, das er hin und wieder mit einem

kurzen Lachen herauspreßte, klang unnatürlich. Am merkwürdigsten war

dem jungen Rempen ein stiller Zuhörer, der scheinbar ohne Teilnahme

in der Ecke saß, der Referendär Palvi. Als der Doktor zu lesen anhub,

lauschte er mit niedergeschlagenen Augen, dann ergoß sich plötzlich

eine brennende Röte über seine Stirn und Wangen; sie verschwand ebenso

schnell als der glänzende Blick seiner großen Augen, den er auf den

Lesenden warf, und wer diesen Blick, dieses flüchtige Erröten nicht

gesehen, konnte vor- und nachher glauben, er schenke weder diesen

Literatoren noch der Ursache ihres Aufbrausens einige Aufmerksamkeit.

»Nun was sagen Sie dazu?« fragte der Theaterdichter, nachdem Doktor

Zundler geendet hatte. »Sie sind ja auch mit gemeint, denn zahlreiche

Stanzen, Sonette, Triolette und Kritiken finden sich von Ihrer Arbeit

in den Blättern fürs belletristische Vergnügen.«

»Schweigen kann man nicht!« rief der Doktor entrüstet. »Ja, wir stehen

alle für _einen_, und alle, die ins Freitagskränzchen kommen, müssen

beleidigt sein, müssen sich rächen. Ich habe in Berlin einen Bekannten,

in den Gesellschafter laß ich es rücken durch die dritte Hand, oder

vielleicht nimmt es Doktor Saphir in die Schnellpost auf, ich kenn' ihn

noch von Wien.«

»In meinen Theaterkritiken mache ich Ausfälle,« fuhr der Theaterdichter

fort; »ah! wenn nur Marienburg nicht preußisch wäre, ich wollte mich

rächen, wollte, oh! aber so könnte man alles für Anzüglichkeit nehmen.

Und gegen die Blätter für literarische Unterhaltung kann ich nicht

schimpfen, ich habe noch drei Trauerspiele dort liegen, die noch nicht

rezensiert sind. Aber wo ein Loch offen ist, will ich einen Ausfall

machen!«

»Ich will untergehen,« sagte der Rat pathetisch, indem er seinen

Wein bezahlte und den Hut ergriff, »fallen will ich oder siegreich

hervorschreiten aus diesem Kampf. Die ganze Lyrik ist in mir beleidigt,

auch alle Romantiker, denn wir haben auch Romanzen gemacht, und diese

Hermaphrodriten von Geschichte und Dichtung, diese Novellenprosaiker,

diese Scott-Tieckianer, diese -- genug, ich werde sie stürzen; und

damit guten Morgen!«

Als dieser Rat nach seinem ~dixi~ mit vorgeschobenen Knieen aus dem

Zimmer ging, war er zwar nicht anzusehen wie ein Ritter, der zum

Turnier schreitet, der Professor aber und der Doktor Zundler folgten

ihm in schweigender Majestät; sie schienen als seine Knappen oder Pagen

Schild und Lanze dem neuen Orlando furioso nachzutragen.

3.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 2 · 第 8 / 22 段