Et l'aigle, qui, tombant aux pieds du Léopard,
Change en grand capitaine un héros de hasard,
Illustre aussi vingt rois, dont la gloire muette
N'eût jamais retenti chez la postérité;
Et d'une part dans sa défaite,
Il fait à chacun d'eux une immortalité.~[1]
[1] ~Sept Messéniennes nouvelles par C. Delavigne. 1re. Le départ.~
Als sie geendet hatte, legte sie die Gitarre nieder und ging, während
die Männer noch in verlegener Stille saßen, schnell hinweg.
»~Il la joue, il la perd~,« sprach der alte Thierberg lachend. »Eine
große Wahrheit! Und dieser Dichter, wer er auch sein mag, konnte jenen
Mann nicht besser schildern; seine ganze Größe bestand ja nur darin,
daß er das ~rouge et noir~ so hoch als möglich spielte, und der alte
Satz, daß der _kaltblütigste_ Spieler endlich gewinnt, bestätigte sich
an ihm. Der Leopard hat doch die Bank gesprengt, und Wellington wird
es eben darum keinen Kummer machen, wenn man ihn ~héros de hasard~
nennt.«
»Wie lächerlich sind solche Hyperbeln!« rief Rantow, »als ob zwanzig
Könige ihren Nachruhm, ihre Unsterblichkeit diesem Sommerkönig zu
verdanken hätten! Was uns betrifft wenigstens, so wird man eingestehen
müssen, daß der Ruhm der preußischen Waffen älter ist als der des
sogenannten Siegers von Italien, und nicht erst von der großen Nation
geadelt werden mußte.«
»Und dennoch,« erwiderte der General mit großer Ruhe, »dennoch wird
man _einst_ nicht sagen, es war Bonaparte, der zur Zeit dieses oder
jenes Königs lebte -- man wird sagen, Herr von Rantow, sie waren
Zeitgenossen Napoleons. Doch was den Obergeneral des englischen Heeres
in der Bataille von Mont St. Jean betrifft, so möchte es die Frage
sein, ob ihm der Titel ~héros de hasard~ sehr angenehm ist; soviel ist
wenigstens gewiß, daß er jene Schlacht nicht gewonnen, sondern nur --
_nicht verloren hat_.«
»Es ist ein Glück für die Welt,« bemerkte Thierberg lächelnd, »daß man
Ihren Satz umkehren kann, und daß er dann noch höhere Wahrheit enthält;
Ihr Herr und Meister hat jene Schlacht _zwar nicht gewonnen_, aber
desto gewisser _verloren_.«
»Er hat sie verloren,« antwortete der General; »was die Welt damit
verlor, will ich nicht aussprechen, aber jene Strophe, womit Anna ihren
Gesang schloß, drückt aus, wer noch am Abend jenes unglücklichen Tages,
als Cäsar und sein Glück von der Uebermacht zerschmettert wurden, als
meine braven Kameraden auf Mont St. Jean den letzten Atem aushauchten
-- der _Größere war_.«
»Der Größere! Und dies können Sie noch fragen, General?« entgegnete
heftig der junge Mann aus der Mark. »Als die Strahlen der Abendröte
über jenes denkwürdige Feld streiften, beleuchtend die Schande
Frankreichs und sein verwirrtes Heer, als blutend, aber unbesiegt,
das englische Heer jene Hügel deckte und Deutschlands Völker stolzen
Schrittes in die Ebene herabstiegen, um den Kampf siegend zu
entscheiden -- denken Sie sich, ich bitte, jenen erhabenen Moment, und
sagen Sie mir, wer da der Größere war?«
»Der Gott des Zufalls,« erwiderte der General. »Mächtiger war er
wenigstens als jener alte Held, der auch noch an seinem letzten
Schlachttage zeigte, welche mächtige Kluft zwischen dem Genie und
roher, wohlgenährter, tierischer Kraft befestigt sei. Er ist gefallen,
nicht weil ihm England oder Deutschland gewachsen waren, sondern weil
er früher oder später fallen mußte, weil er einen Vertilgungskrieg
gegen sich selbst führte, der seine Kräfte aufrieb; oder können Sie
mir beweisen, daß an jenem Tage von Waterloo das Genie des englischen
Feldherrn oder gar Ihres Blücher ihn besiegte?«
»Seien wir gerecht,« nahm der junge Willi das Wort; »geben wir zu,
daß ihm keiner seiner militärischen Gegner gewachsen war, so beweist
dies noch immer nicht für jene innere Größe, für jene moralische
Erhabenheit, welche die Mitwelt mit sich fortreißt, ihr Jahrhundert
bildet und Segen noch auf die späte Nachwelt bringt. Napoleon war ein
großer Soldat, -- aber kein großer Mensch.«
»Sohn!« erwiderte der General, »wie kannst du in irgend einem Fach des
Wissens groß, größer als sonst ein Mann des Jahrhunderts werden, _ohne
ein großer Mensch_ zu sein? Die Maschine ist es nicht, nicht dieser
Körper ist es, was sie groß macht, es ist der Geist. Jene veralteten
Formen Europas, von klugen Männern vor tausend Jahren ausgedacht,
stürzten zusammen, weil es Formen waren, die der Geist verlassen hatte;
sie brachen ein vor den Blitzen seines Genies, sie hatten das Schicksal
jener Leichname, die in Grüften eingeschlossen, in ihren fürstlichen
Leichenprunk gehüllt, Jahrhunderte überdauern, weil sie die Kerkerluft
ihres Grabes nicht vermodern läßt. Berühre sie mit _lebendiger_ Hand,
hauche sie an mit _freiem_ Odem, und -- sie zerfallen in Asche!«
»Dies beweist nicht gegen mich,« sagte Willi.
»Und wo ist denn das große und feste Reich, das der große Mann
gründete?« unterbrach ihn Thierberg; »Sie vergleichen unsere schönen,
alten Institutionen, Gott möge es Ihnen verzeihen, mit einem Leichnam,
aber was war denn jener korsische Kaiserthron, was sein Staatsgebäude
als ein Kartenhaus?«
»Ich habe nie gesagt, daß Napoleon der Mann war, einen großen Staat
zu gründen,« antwortete der alte Willi; »Frankreich war unter ihm ein
Lager, dessen erste Posten die Rheinbundstaaten bildeten. Er hätte
vielleicht ein Ende genommen, das seiner oder Frankreichs unwürdig
gewesen wäre, wenn er einige Jahre in beständiger Ruhe und in Frieden
regiert hätte.«
»So war also das Ende, welches er nahm, seiner würdig?« fragte Rantow
lächelnd.
»Nicht der Platz, auf welchem wir stehen,« versetzte der General
nicht ohne Wehmut, »nicht der Raum, sei er groß oder klein, gibt uns
Würde oder Schmach. Wir sind es, die uns und unsern Posten adeln oder
schänden. Die Welt hat gelacht und gehöhnt, als man den größten Geist
des Jahrhunderts auf eine öde Insel verbannte. Dort, an der höchsten
Felsenspitze, haben sie den alten Adler angeschlossen, wo er nur in die
Sonne, auf den weiten Ozean und in einige treue Herzen sah. Aber man
hat nicht bedacht, wie vielen Stoff zum Lachen man der Nachwelt gebe;
es war nicht _Strafe_, was ihn dorthin verbannte; wer in Europa konnte
_ihn strafen_? Es war -- _Furcht_. So mußte es kommen, daß man in ihm
noch immer den _Gefürchteten_ sah; und manche Herzen, die sich von ihm
abgewendet hatten, fingen an, ihn wieder zu lieben; pflegt doch das
Unglück die Menschen zu versöhnen, und -- es war ja nichts an seine
Stelle getreten, was ihn hätte vergessen machen können.«
»Glauben Sie etwa, Herr Nachbar,« sagte Thierberg, »es hätte wieder
ein solcher Attila auftreten müssen, nur um die Zeitungsschreiber zu
unterhalten? Vergessen wird man wohl jenen Namen noch lange nicht, aber
-- man wird ihn verdammen.«
»Mancher hat ein persönliches Recht dazu, und ich kann ihn darum nur
beklagen, nicht entschuldigen, daß sein Gang über die Erde nicht die
gebahnte Straße ging. Aber man wird auch mit andern Gefühlen sich
seiner erinnern. Die Großen der Erde scheinen zwar nicht viel von ihm
gelernt zu haben, desto mehr vielleicht die Kleinen. Er hat sich seine
Bahn so erhaben aufgerissen als Alexander, er hat sie verfolgt wie
Cäsar, man hat ihm gedankt wie dem Hannibal, auf jenem Felsen hat er
gelebt wie Seneca, und seine letzten Tage waren eines Sokrates würdig.«
»In diesem Punkt werden wir nimmer einig,« erwiderte der alte
Thierberg; »was mich betrifft, so kömmt er mir vor, als habe er seine
Laufbahn eröffnet wie ein Aventurier, habe sie verfolgt wie ein Räuber,
habe mit seinem Raub verfahren wie ein verzweifelter Spieler, und habe
geendet wie ein -- _Komödiant_!«
»Wir sind noch nicht seine Nachwelt,« bemerkte Robert Willi. »Erst wenn
alle Parteien, die persönliches Interesse aussprachen, von der Erde
verschwunden sind, dann erst wird man mit klaren Augen richten. Mein
Held ist er nicht, aber in seinen italienischen Feldzügen erscheint er
wie ein Wesen höherer Art, und dies wenigstens werden auch Sie zugeben,
Herr von Thierberg.«
»Es ist möglich,« versetzte der Alte, »er hat damals mein Staunen,
meine Bewunderung erregt; aber wie schnell wurde ich von meiner
Vorliebe geheilt! Wenn er damals den Bourbons den Thron zurückgegeben
hätte -- die Macht hatte er dazu --, so wäre er mir wie ein Engel
erschienen.«
»Dies war wegen seiner Armee, die anders dachte, unmöglich,« antwortete
der General.
»Sie erinnern sich,« fuhr der Alte fort, »daß ich Ihnen öfter von einem
französischen Kapitän erzählte, der mich in der Schweiz aus großer
Verlegenheit rettete; -- der einzige Franzose, den ich achte, und für
den ich noch jetzt alles tun könnte. Mit diesem sprach ich damals
auch über _diesen_ Punkt. Ich sagte ihm, daß Frankreich ohne Rettung
verloren gehe, wenn es in der ewigen, sich immer von neuem gebärenden
Revolution fortfahre. Nur ein König an der Spitze könnte es retten.
-- Er gab es zu; er sagte mir, daß die Bourbons eine große Partei in
Paris hätten, und daß mein Gedanke vielleicht erfüllt würde. Ich fragte
ihn, wie der Konsul Bonaparte, der damals an der Spitze stand, darüber
dächte. ›Er äußert sich nicht,‹ erwiderte mir der Kapitän, ›aber wenn
ich ihn recht verstehe,‹ setzte er lächelnd hinzu, ›so wird Frankreich
bald nur _einen_ Meister haben.‹ Ich deutete dies Wort meines neuen
Freundes damals auf die Zurückkunft der Bourbons, leider ist es an
Bonaparte selbst in Erfüllung gegangen.«
Der junge Willi war schon zu Anfang dieser Rede aufgestanden; er hatte
Annas Vater die Geschichte von seinem Kapitän schon einige Dutzendmal
erzählen gehört, und sein Blut wallte in diesem Augenblick noch zu
unruhig, als daß er sie von neuem anhören mochte; er ging mit zögernden
Schritten im Saal auf und nieder; als aber der alte Thierberg im
Gespräch mit dem General auf die jetzigen Verhältnisse Frankreichs
einging, ein Punkt, über den sie niemals in Streit gerieten, gesellte
sich auch Rantow zu dem jungen Willi. Er ließ sich von ihm die
Geschichte der letzten Wochen noch einmal wiederholen, führte ihn
unbemerkt in das nächste Zimmer und dann auf die breite Hausflur. Dort
hielt er plötzlich inne und flüsterte dem erstaunten jungen Mann ins
Ohr: »Sie dürfen vor mir kein Geheimnis mehr haben; Anna hat mir alles
entdeckt, und auf meinen Beistand können Sie sich verlassen.« Noch
einen Augenblick zweifelte Robert, weil ihm diese Nachricht zu neu und
unerwartet kam; als aber Rantow ins einzelne einging und ihm erzählte,
was in jener Schreckensnacht vorgefallen sei, als er ihm entdeckte,
wie ungünstig gegenwärtig die Verhältnisse seien, da stand jener nicht
länger an, die Hilfe, die ihm geboten wurde, anzunehmen; er bat Albert,
ihm, wenn es möglich wäre, Gelegenheit zu verschaffen, mit Anna zu
sprechen.
Der Gast aus der Mark dachte einige Augenblicke nach, ob er dies
möglich machen könnte. Anna hatte ihn zwar selbst nie auf ihr Boudoir
im Turm eingeladen, aber er hoffte, in solcher Begleitung nicht
unwillkommen zu sein; das einzige, was ihn hätte abhalten können, war
die Furcht vor dem Zorn seines Oheims, im Fall diese Zusammenkunft
entdeckt wurde; aber die Lust, wo er nicht selbst die Rolle übernehmen
konnte, wenigstens die Intrige zu unterstützen, siegte über jede
Bedenklichkeit; er winkte dem jungen Willi, ihm zu folgen. Der Gang
nach Annas Turm war ihm bekannt. Nach der Lage ihrer Fenster mußte ihr
Gemach noch zwei Stockwerke höher liegen als der Saal. Sie stiegen eine
enge, steile Treppe von Holz hinan, die unter jedem Tritte, so behutsam
sie auch stiegen, ächzte. Zum nicht geringen Schrecken begegnete ihnen
auf dem ersten Stock der alte Hans, der sie verwundert ansah. Albert
winkte seinem Gefährten, nur immer voranzugehen, er selbst nahm, ohne
in seiner Bestürzung zu bedenken, ob es klug sein möchte, den alten
Diener auf die Seite. »Hans!« sagte er, »wenn du deinem Herrn ein
Wort --« -- »O,« erwiderte jener schlau lächelnd, »da hat es gute Wege,
so wenig als in jener Nacht, da Sie mich beinahe in den Neckar warfen,
ich bin so still wie ein toter Hund.« Beruhigt folgte Rantow dem
Liebhaber; sie hatten bald das Ende der Treppe erreicht und standen nun
auf einer Art von Vorsaal; die Reinlichkeit und Zierlichkeit, die hier
herrschte, ließ ahnen, daß man sich nicht mehr weit von Annas Gemach
befinde. Zwei Türen gingen auf diesen Vorplatz; sie wählten auf gutes
Glück die nächste, pochten an -- keine Antwort. Sie pochten wieder;
jetzt tat sich die zweite Tür auf, und Anna erschien auf der Schwelle.
Sie errötete, als sie die beiden jungen Männer sah, doch, als habe
dieser Besuch nichts Auffallendes an sich, lud sie dieselben durch
einen freundlichen Wink ein, näher zu treten. »Ihr kommt wohl, um die
schöne Aussicht von meinem Turm zu betrachten?« sagte sie; »jetzt erst
fällt mir bei, daß du nie hier warst, Albert, aber so ganz bin ich
schon an diesen herrlichen Anblick gewöhnt, daß es mir nicht einmal
einfiel, dich hierher einzuladen.«
12.
Das Gemach war klein, die Geräte gehörten einer früheren Zeit an,
aber dennoch war alles so freundlich und geschmackvoll geordnet, daß
Rantow, nachdem er die Aussicht geprüft, die nächsten Umgebungen
gemustert und alles recht genau angesehen hatte, dieses Zimmer für das
schönste im Schloß erklärte. Nur eine breite Kiste, von schlechtem
Holz zusammengezimmert, die auf einer Kommode stand, schien ihm nicht
mit den übrigen Gerätschaften zu harmonieren. So ungerne er die beiden
Liebenden, die, anscheinend in die Aussicht auf das Tal hinab vertieft,
eifrig zusammen flüsterten, stören mochte, so war doch seine Neugierde,
zu wissen, was der geheimnisvolle Schrank verberge, zu groß, als daß er
nicht seine Base darüber befragt hätte.
»Bald hätte ich das Beste vergessen!« rief sie aus; »das Bild für Ihren
Vater ist heute angekommen, Robert; ich habe es hierhergestellt, weil
mein Vater nie hierher kommt, und weil ich es doch auch betrachten
wollte.« Sie rückte unter diesen Worten den Deckel des Schranks, Willi
half ihn herabnehmen, und das Bild eines Reiters, der auf einem wilden
Pferd eine Anhöhe hinansprengt, wurde sichtbar.
»Bonaparte!« rief Rantow, als ihm die kühnen, geistvollen Züge aus der
Leinwand entgegensprangen.
»Erkennst du ihn?« fragte Anna lächelnd. »Das war der Sieger von
Italien!«
»Ich hätte nicht geglaubt, daß die Kopie so gut gelingen könnte,«
bemerkte Willi; »aber wahrlich, David war ein großer Maler. Wie
edel ist diese Gestalt gehalten, wie glücklich der Einfall, diesen
hochstrebenden Mann nicht in der gebietenden Stellung eines
Obergenerals, sondern in einer Kraftäußerung aufzufassen, die einen
mächtigen Willen und doch eine so erhabene Ruhe in sich schließt.«
»Ich kenne das Original,« sagte Rantow, »es ist in der Galerie zu
Berlin aufgestellt, und ich finde diese Kopie trefflich; für Liebhaber
des Gegenstandes, worunter ich nicht gehöre, gewinnt dieses Gemälde um
so höheres Interesse, als die Idee dazu von Napoleon selbst ausging.
Man sagt, David habe ihn malen wollen als Helden, den Degen in der
Hand, auf dem Schlachtfelde; Bonaparte aber erwiderte die merkwürdigen
Worte: ›Nein! Mit dem Degen gewinnt man keine Schlachten; ich will
_ruhig_ gemalt sein -- auf einem wilden Pferde.‹«
»Dank dir für diese Anekdote,« erwiderte Anna, »sie macht mir das Bild
um so lieber, und nicht wahr, Robert,« setzte sie hinzu, »auch dein
Vater soll durch seine Originalität nur noch mehr erfreut werden.«
»Anna!« unterbrach die Beschauenden eine dumpfe, wohlbekannte Stimme.
Sie sahen sich um, der alte Thierberg, auf seinen Diener gestützt,
stand mit hochrotem, zürnendem Gesicht und zitternd vor ihnen; der
General, welcher seitwärts stand, schien verlegen und ängstlich. Aber
so schnell war dieser Schreck, so groß die Furcht Annas vor ihrem Vater
und so furchtbar sein Anblick, daß sie zu schwanken anfing, und hätte
der General sie nicht unterstützt, sie wäre in die Knie gesunken.
»Sind das die gerühmten Sitten Ihres Herrn Sohnes?« wandte sich der
Alte bitter lachend zu dem General, indem er bald den Sohn, bald den
Vater ansah; »heißt das, wie Sie mir vorzumalen suchten, sich in den
zartesten Grenzen des Anstandes halten? Herr! Wie kommen Sie dazu, mit
meiner Tochter _allein_ auf ihrem Zimmer zu sein?«
»Onkel --« rief Rantow, um ihn zu belehren.
»Schweig, Bursche!« antwortete ihm der zürnende Alte, indem er immer
den jungen Willi mit glühenden Blicken ansah.
»Ich denke,« erwiderte dieser ruhig und mit stolzer Fassung, »die
Erziehung Ihrer Tochter und Annas Sitten müßten Ihnen Bürge sein,
daß ein Mann, selbst wenn er allein käme, sie besuchen dürfte,
vorausgesetzt, sie will ihn empfangen, und über den letztern Punkt
steht nach allen Gesetzen der guten Sitte der jungen Dame selbst, nicht
aber Ihnen, Herr von Thierberg, die Entscheidung zu.«
Diese Worte schienen seinen Eifer noch mehr zu entflammen, er atmete
tief auf; aber in diesem Augenblick trat sein Neffe mutig dazwischen
und redete ihn auf eine Weise an, die, wie ihn sein kurzer Aufenthalt
bei den Thierbergs gelehrt hatte, die Wirkung nicht verfehlen konnte.
»Herr von Thierberg,« rief er bestimmt und mit ernster Miene, »Sie
haben mir vorhin zu schweigen geboten, ich werde aber nicht schweigen,
wenn man meiner Ehre zu nahe tritt. Ich bin es gewesen, der Herrn von
Willi hierher führte, ich bin es gewesen, der ihn hier unterhielt, und
er hat mich hierher begleitet, weil ich ihn darum gebeten habe.«
»Du warst zugegen?« fragte der Oheim mit etwas gemilderter Stimme.
»Aber was Teufel geht dich das Zimmer meiner Tochter an? Was hattest du
hier zu suchen?«
Mit einer theatralischen Wendung und sprechender Miene wandte sich der
Neffe gegen die Hinterwand des Zimmers, deutete mit dem ausgestreckten
Arm hin und sprach: »Hier steht, was ich suchte.«
Der Alte trat mit schnelleren Schritten, als seine Krankheit erlaubte,
näher. Er betrachtete das Bild und blieb mit einem Ausruf des
Erstaunens stehen; seine trotzige Miene klärte sich auf, seine Stirn
entfaltete sich, sein blitzendes Auge schimmerte nur noch von Rührung
und Freude. »Gott im Himmel,« rief er aus, indem er das Mützchen
abnahm, das er beständig trug. »Wer hat mir das getan, woher, woher
habt ihr ihn? Wer hat ihn meinen Gedanken nachgebildet, wer hat mir
diese Züge, diese Augen hier, hier aus meinem Herzen herausgestohlen?«
Die Männer sahen sich staunend an, betreten richtete sich Anna auf und
trat näher, denn sie besorgte, ihr alter Vater rede irre. »Wer hat
dies Bild hierher gestellt?« fragte er nach einer Pause, indem er sich
umwandte, und alle sahen Tränen in seinen Augen glänzen.
»Ich, mein Vater,« sagte Anna zögernd.
»O du gutes Kind,« fuhr er fort, indem er sie in seine Arme schloß,
»wie unrecht habe ich dir vorhin getan! Als ich in dieses Zimmer trat,
glaubte ich, du habest mich tief gekränkt, und doch hast du mich so
unendlich erfreut! -- Kennst du ihn, Hans?« wandte er sich an seinen
Diener. »Kennst du ihn nicht wieder?«
»Gott straf' mich, er ist's!« erwiderte der alte Reitknecht. »Solche
schreckliche Augen machte er gegen die fünf Buschklepper, die uns
auszogen, o das war ein braver Herr!«
Die, welche den Herrn und seinen Diener so sprechen hörten, konnten
sich von ihrem Staunen kaum erholen, sie sahen sich lächelnd an, als
ahnten sie eine sonderbare Fügung des Geschicks, als sei ein schweres
Gewitter segnend über ihnen hinweggezogen. Der General aber, der bald
Anna, bald das Bild mit blitzenden Augen betrachtet hatte, trat näher
heran und fragte den alten Thierberg, wen er denn in diesem Bilde
wiedererkenne?
»Das ist derselbe treffliche Kapitän,« antwortete er, »der mich am Fuß
des St. Bernhard aus der Gewalt ruchloser Soldaten errettete; wie? Er
ist derselbe, von welchem ich Ihnen so oft erzählte; das Muster eines
braven Mannes, eines gebildeten und klugen Soldaten.«
»Nun, so bitte ich Sie,« fuhr der General mit inniger Rührung fort,
indem auch ihm eine Träne im Auge schwamm, »ich bitte Sie im Namen
dieses Mannes, den ich auch kannte, Sie mögen ihm vergeben, wenn er
nachher anders handelte, als Sie damals dachten!«
»Wie? Sie haben ihn gekannt?« rief der Alte dringend, indem er die Hand
des Generals faßte, »wer war er, wie heißt er, lebt er noch?«
»Er ist tot -- seinen Namen kannte die Welt -- dieser Mann hier ist --«
»Nun?« drängte der Alte den General, dem die Stimme zu brechen schien.
»Wer? Doch nicht --«
»Dieser Mann,« rief der General mit einem feurigen Blick auf das
Gemälde, »dieser Mann war -- _Napoleon Bonaparte_, der Kaiser der
Franzosen.«
Der Alte setzte seine Mütze auf; er drückte die Augen zu, und in
seinem Gesicht kämpfte Unmut mit Rührung. Doch als er nach einer Weile
das Bild wieder ansah, schien er es nicht über sich zu vermögen, dem
stolzen Reiter gram zu werden; »du also?« sprach er zu ihm, »du warst
dieser -- kühne Mann? Das war also deine Meinung? Du hast mir mein
Kleid, meinen Hut und meine Börse zurückgegeben, um mir nachher mein
alles zu rauben?«
»Vater,« sagte Anna schmeichelnd, »wie glücklich waren Sie aber
dennoch! Der erste Mann des Jahrhunderts hat so traulich zu Ihnen
gesprochen.«
»Ja, das haben wir,« erwiderte der Alte lächelnd und nicht ohne Stolz,
»recht freundlich haben wir uns unterhalten, ich und er, und er schien
Gefallen an mir zu finden. Ich habe nicht gehört, daß der erste Konsul
sich je gegen einen so offen ausgesprochen hätte, wie damals gegen
mich. ›Frankreich wird nicht mehr lange ohne König sein‹, waren seine
eigenen Worte; du hast es erfüllt, kleiner Schelm! -- Ha! Und gerade
so sah er aus, so warf er noch einmal den stolzen Kopf herüber, als
er sein Roß den Berg hinantrieb und die Feldmusik des Regiments
herüberklang. General Willi -- es war doch ein großer Geist!«
»Gewiß!« sagte der General freudig gerührt, indem er dem Alten die Hand
drückte. »Aber, wie kam nur dies Bild hierher zu Ihnen, Anna?«
»Darf ich es verschweigen, Robert?« antwortete sie; »nein, er hat
es ja doch schon gesehen. Ihr Sohn wollte Sie an Ihrem Geburtstag
damit überraschen, und ich erlaubte, daß das Bild einstweilen hier
aufgestellt würde.«
Der alte Thierberg hatte aufmerksam zugehört; er schien überrascht und
ging auf den jungen Willi zu, dem er seine Hand bot. »Junger Mann,«
sagte er, »ich habe Ihnen vorhin bitter unrecht getan, ich sehe jetzt,
daß Sie ein schönerer Zweck auf dieses Zimmer führte, als ich anfangs
dachte; werden Sie mir meine übereilten Worte, meine Hitze vergeben?«
Robert errötete. »Gewiß, Herr von Thierberg,« antwortete er, »und wenn
Sie noch zehnmal heftiger gewesen wären, so konnten Sie mich zwar
kränken, aber niemals beleidigen; es ist hier nichts zu vergeben.«
»Wirklich?« erwiderte der alte Herr sehr freundlich, »und wenn ich
fragen darf -- wo haben Sie das Bild gekauft? Könnte man nicht sich
auch ein Exemplar verschaffen? Ich möchte doch den ~grand capitaine~,
_meinen_ Kapitän, in meinem Zimmer haben.«
»Wie ich meinen Vater kenne,« sagte der junge Mann, »so wird er dieses
Bild vielleicht noch lieber in Ihrem Hause als in dem seinigen sehen.
Ich bitte, erlauben Sie, daß ich es dort aufhänge.«
»Sie machen mir ein großes Geschenk, lieber Robert,« sagte Thierberg;
»wohin ist es mit unseren Gesinnungen gekommen? Ich glaube, wir denken
im Grunde gleich über diesen Bonaparte, und doch sind _Sie_ es, der mir
ihn anbietet, und mir macht es Freude, ihn anzunehmen. Ich habe wenige
Bilder, aber einige alte, gute; suchen Sie sich etwas aus, nehmen Sie
dafür aus meinem Schloß, was Sie wollen.«
»Halt!« rief der General, »bei diesem Handel bin ich auch beteiligt;
ich kenne den unglücklichen Geschmack meines Sohnes und weiß, wie wenig
er auf _alte_ Bilder hält; wollen Sie ihm nicht ein _jüngeres_ dafür
geben? Thierberg, vor diesem Bilde, das nun auch für Sie von Bedeutung
ist, wiederhole ich meine Werbung: Ihre Anna um diesen Napoleon.«
Der alte Herr war betreten, er warf verlegene Blicke auf die
Umstehenden; endlich haftete sein Auge auf Davids Gemälde. »Du hast
viel verschuldet,« sprach er, »Europas alte Ordnung hast du umgeworfen,
und nun nach deinem Tode willst du dich in meine Haushaltung mischen?«