scheint, ich gestehe es, eine wundervolle Poesie in diesem Treiben zu
liegen. Diese Menschen sind so behende, so lebendig, so regsam. Stellen
Sie einmal meine Märker hierher, wie unbeholfen und ungeschickt sie
sich benehmen würden! Ich schäme mich heute noch der Unerfahrenheit,
die ich letzthin zeigte; ich nahm in einem Ihrer Weinberge einem
hübschen Mädchen das gebogene Messer ab und versprach, sie zu
unterstützen; als ich die erste Traube abgeschnitten hatte und sie in
das Körbchen legte, betrachtete das Mädchen nur den Stiel der Traube
und sagte lächelnd: ›Er hat wohl noch nicht oft Trauben geschnitten;‹
und siehe, ich hatte, statt schief zu schneiden, gerade geschnitten.
Nein! mir scheint diese Weinlese ein fortdauernder Festtag der Natur,
eine liebliche, verkörperte Poesie.«
»Poesie?« erwiderte Anna, indem sie einen trüben, wehmütigen Blick
auf die Berge gegenüber warf; »eine Poesie, die mir das Herz
durchschneidet. Mir erscheint dieses fröhliche Treiben wie ein Bild
des Lebens. Unter langem Jammer und Ungemach _ein_ Tag der Freude,
der durch seine hellen, freundlichen Strahlen das öde Dunkel umher
nur noch deutlicher zeigt, aber nicht aufhellt! O, kenntest du erst
das Leben dieser Armen näher! Wenn du sie beim ersten Erwachen des
Frühlings sehen könntest! Jeder Winter verwüstet ihre steilen Gärten;
der Schnee löst sie auf und reißt ihre beste, fruchtbarste Erde mit
sich hinab. Aber rastlos zieht jung und alt heraus. Die Erde, die ihnen
das Wasser nahm, tragen sie wieder hinauf und legen sie sorglich um
ihre Reben her. Vom frühesten Morgen, in der Glut des Mittags, bis am
späten Abend steigen sie, schwer beladen, die steilen engen Treppen
hinan. Welche Freude, wenn dann der Weinstock schön steht, aber wie
bitter ist zugleich ihre Sorge; denn der kleinste Frost kann ihre zarte
Pflanze vernichten. Und fällt nun der böse Tau oder eine kalte Nacht,
wie schauerlich ist dann ihr Geschäft anzusehen. Alle, selbst die
kleinsten Kinder, strömen noch vor Tag in den Weinberg. Dort legen sie
alte Stücke von Kleidern und Tüchern neben die Rebstöcke und brennen
sie an, daß der qualmende Rauch die zarte Pflanze schützen möchte. Wie
arme Seelen, ins Fegfeuer verbannt, schleichen sie um die kleinen,
zuckenden Feuer und durch die Schleier, die der Rauch um sie zieht. Die
Kleinen rennen umher, sie können noch nicht berechnen, welches Unglück
sie sehen, aber die Männer und Weiber wissen es wohl; es ist _eine_
kühle Morgenstunde, die das Werk langer, mühsamer Wochen zerstört und
sie ohne Rettung noch tiefer in die Armut senkt.«
»Wahrhaftig! Du bist krank, Anna!« sagte der alte Herr, indem er
lächelnd zu ihr trat und, doch nicht ohne leise Besorglichkeit, seine
Hand auf ihre schöne Stirne legte; »du warst ja doch einst so fröhlich
im Herbst, gabst solchen bösen Gedanken niemals Raum und freutest dich
mit den Fröhlichen. Bist du krank?«
Anna errötete und suchte fröhlicher zu scheinen, als sie es war. »Krank
bin ich nicht, lieber Vater,« erwiderte sie, »aber ich bin doch alt
genug, um sogenannte Herbstgedanken haben zu dürfen. Man kann doch
nicht immer fröhlich sein, und -- mein Gott!« rief sie, indem sie
errötend aufsprang -- »ist er es nicht? -- seht dort! --«
»Willi?« rief Rantow verwundert und wandte sich nach der Seite, wohin
Anna deutete.
»Wer denn?« sagte der Alte, indem er bald seine zitternde und verwirrte
Tochter, bald seinen Gast ansah. »Wie kommst du nur auf Willi? Wer soll
denn kommen? So sprechet doch!«
Aber in diesem Augenblick trat auch schon der, dem Annas Ausruf
gegolten hatte, herein, es war der alte Gardist. Er war noch nicht
ganz auf die Terrasse getreten, als schon Anna, jede andere Rücksicht
vergessend, zu ihm hinflog, seine Hand ergriff und eine Frage
aussprechen wollte, zu welcher ihr der Atem fehlte. Der alte Soldat
zog lächelnd seine Hand zurück, grüßte mit militärischem Anstand und
berichtete, in Form eines militärischen Rapports, daß der General noch
diesen Abend zu Hause eintreffen und --
»Ist er frei?« unterbrach ihn Anna.
»-- und seinen Sohn mitbringen werde, der auf sein Ehrenwort und die
Kaution, die der Herr General gestellt habe, aus der Haft entlassen
worden sei.«
In Annas Augen drängten sich Tränen, sie zitterte heftig und setzte
sich nieder; der alte Thierberg, durch diesen Anblick überrascht,
preßte die Lippen zusammen und blickte seine Tochter unwillig an, und
Albert, der in den Zügen seines Oheims las, daß jener ein Geheimnis
ahne, dessen Teilnehmer er bis jetzt allein gewesen war, fühlte sich
befangen; er fürchtete für Anna, und erst in diesem Augenblicke wurde
es ihm deutlich, daß es für ihn selbst besser gewesen wäre, sich
nie in diese Angelegenheit zu mischen. »Ich lasse dem Herrn General
danken und Glück wünschen,« sagte nach einer peinlichen Pause Herr
von Thierberg zu dem Grenadier und winkte ihm, zu gehen. »Wünsche
nur,« fuhr er fort, indem er auf der Terrasse mit heftigen Schritten
auf und ab ging, »wünsche nur, daß die paar Wochen Gefängnis eine
gute Wirkung auf den Herrn Weltstürmer gehabt haben mögen! Ein paar
Monate hätten nicht schaden können, wäre es auch nur gewesen, um das
heiße Blut abzukühlen und die vorschnelle Zunge zu fesseln. Aber das
alles ist das Erbteil seiner hochweisen Frau Mama! Ein junger Mann von
unbeflecktem Adel hätte sich so weit nicht verirrt; aber das gewinnt
man bei solchen Heiraten; weil sie sah, daß man in unserem Zirkel
ihre Abkunft nicht vergessen habe, hat sie ihrem Sohn solche tollen,
republikanischen Ideen eingeprägt und ihn zu einem Toren, wo nicht zu
einem verderblichen Menschen gemacht.« Diese und andere Worte stieß
er schnell und heftig aus, und plötzlich blieb er vor seiner Tochter
stehen, sah sie mit grimmigen Blicken an und sagte dann: »Ich glaube
jetzt in der Tat, daß du kränker bist, als ich dachte; geh auf dein
Zimmer! -- Ich werde mit dem Vetter diesen Abend allein speisen; geh!«
Das arme Kind ging hinweg, ohne ein Wort zu sagen; sie mochte die Natur
ihres Vaters kennen und wissen, daß jeder Widerspruch seinen Zorn
steigere, sie mochte auch fühlen, was in diesem Augenblick in seiner
Seele vorgehe, wo sie zu wenig Macht über sich besaß, um ihr Geheimnis
zu verbergen.
Als sie weggegangen war, schritt der Alte wieder eine Zeitlang
schweigend hin und her; dann trat er zu seinem Neffen und fragte mit
bewegter Stimme: »Was sagst du zu dem Auftritt, den wir da gesehen
haben? Meinst du wirklich, es wäre möglich?«
»Ich kann Sie nicht verstehen, lieber Oheim.«
»Nicht verstehen, Junge? So soll ich es denn selbst in den Mund nehmen?
Wisse -- ich habe entdeckt, daß Anna den -- den von drüben -- nun
daß sie den Sohn des Generals liebt. Zum Teufel, Junge! Du erwiderst
nichts? Wie magst du so -- so gleichgültig aussehen, wenn von der Ehre
deiner Familie die Rede ist? Rede!«
»Ich kann nichts hierin sehen,« entgegnete der junge Mann trotzig, »was
etwa der Thierbergschen Ehre zu nahe treten könnte. Der alte Willi ist
von Adel, ist ein berühmter General, ist reich --«
»Also abkaufen sollen wir uns unsere Ehre lassen, abhandeln? --
Bursche, wenn du nicht mein Neffe wärest -- Gott strafe mich, aber
ich kenne mich selbst nicht, wenn ich in Wut bin. -- Reich? Siehe,
für so schlecht und niederträchtig halte ich mein Kind selbst nicht,
daß es daran gedacht haben sollte. Sieh dich um -- so weit du sehen
kannst, war einst alles -- alles mein; ich habe nichts mehr als diese
verfallenen Türme und eine Hufe Landes wie der gemeinste Bauer, aber
auch dieses soll diese Nacht noch hinfahren, in den Schuldturm soll man
mich werfen, mich auspfänden, mein altes Wappen entzweischlagen, wenn
ich je zugebe --«
»Oheim!« fiel ihm der Neffe erbleichend ins Wort, »bedenken Sie sich
zuvor, ehe Sie einen solchen Frevel aussprechen! Was kann dieser junge
Mann dafür, daß sein Vater reich ist? Beträgt er sich denn aufgeblasen?
Macht er Ansprüche auf seinen Reichtum? Ich sagte es ja vorhin nur so
in der Uebereilung.«
»Nein, das tun sie nicht, die Willis,« antwortete nach einer Pause der
Alte; »das ist noch ihre gute Seite. Aber das macht ihn nicht besser.
Seine Grundsätze sind es, die ich hasse; er ist mein bitterster Feind!«
»Wie wäre dies möglich?« erwiderte Rantow beruhigend. »Wie könnte er
_Ihr_ persönlicher Feind sein!«
»Was persönlicher Feind!« rief Thierberg heftiger. »Solche Feindschaft
kenne ich nicht, und mein Feind müßte ein anderer sein als dieser
Knabe; aber ein Todfeind bin ich all diesem Wesen, diesen Neuerungen,
diesem Deutschtum, Bürgertum, Kosmopolitismus, und welchen Namen sie
dem Unsinn geben mögen, und dessen treuester Anhänger eben dieser junge
Mensch da ist. Das ganze erste Viertel des neunzehnten Jahrhunderts
hatte den verdammten Geschmack dieses Unwesens, und man wird sehen,
wohin es im jetzigen kommt, wenn diese Menschen und ihre Gesinnungen
um sich greifen; aber, so wahr Gott lebt, man soll von dem letzten
Thierberg nicht sagen können, daß er in seinen alten Tagen einem dieser
Weltverbesserer die Hand zur Unterstützung gereicht hätte!«
»Aber, Oheim!« fiel Albert ein, dem es in diesem entscheidenden
Augenblicke keine Sünde deuchte, gegen seine eigene Ueberzeugung zu
sprechen, »gibt es denn in diesem Jahrhundert auch nur _eine_ Familie,
die nicht, wenn man sie einzeln durchginge, die verschiedensten
Gesinnungen in sich schlösse? Wird denn der einzelne Mann dadurch
schlechter, daß er eine andere Meinung hat als wir? Ist nicht
Protestant und Katholik in den Augen des Vernünftigen gleich viel wert?
Denkt nicht der General selbst ganz verschieden von seinem Sohn?«
»Laß mir den Glauben aus dem Spiel, Neffe!« entgegnete jener. »Darüber
zu richten, geht weder dich noch mich an. Aber dieser General vollends,
der meinen Todfeind als Schutzpatron anbetet und diesen Bonaparte für
den heiligen Georg hält, der den Lindwurm des veralteten Jahrhunderts
tötete; _diesen_ in _meiner_ Familie! Es würde mich töten!«
»Aber wissen Sie denn, ob auch der junge Willi Ihre Tochter liebt? Hat
denn Anna irgend etwas gestanden?«
Der Alte sah seinen Neffen bei dieser Frage lange und erschrocken
an; dann fuhr er nach einigem Nachsinnen gefaßter fort. »Nein! Einer
solchen Schmach halte ich sie nicht fähig; meinst du, _meine_ Tochter
werde sich in einen solchen -- Menschen verlieben, ohne daß er sie
zuvor mit tausend Künsten dazu verlockte? Nein! Dazu ist sie mir noch
immer zu gut; aber -- ich will mir Gewißheit verschaffen!«
Er sprach es, und noch ehe ihn Rantow aufhalten konnte, eilte der alte
Mann hinweg, um seine Tochter zur Rede zu stellen. Düster schaute ihm
der Gast aus der Mark nach. »Wahrlich, wenn die Aktien so stehen, werde
ich weder Brautführer noch Hochzeitsgast in Thierberg sein,« sprach er,
»der Alte müßte sich denn durch ein Wunder in einen Demagogen oder der
Demagoge in einen rechtgläubigen Verehrer der alten Reichsritterschaft
verwandeln.«
11.
Es hatte dem General Willi nicht geringe Mühe gekostet, von seinem Sohn
das Unglück einer längeren Gefangenschaft abzuwenden. Sein Ansehen
war zwar in der Hauptstadt jenes Landes, welchem sein Gut angehörte,
durch den Wechsel der Verhältnisse und Meinungen nicht gesunken; man
verehrte in ihm einen Mann von hohem Verdienst, militärischer Umsicht
und Tapferkeit, und es gab manche, die ihn wegen seiner treuen und
ausdauernden Anhänglichkeit an jenen Mann, der einst das Schicksal
Europas in der Rechten getragen, bewunderten; es gab viele, die
ihm, wenn sie auch diese Bewunderung nicht teilten, doch wegen der
Beharrlichkeit und Charakterstärke, die er in den Tagen des Unglücks
entfaltet hatte, wohlwollten. Dennoch mußte er sein ganzes Ansehen
aufbieten, manche Türe öffnen, um seinem Sohn, auf dem _der Verdacht,
mit Verdächtigen in Verbindung zu stehen_, lastete, nutzen zu können.
Der General war ein Mann von zu großem Rechtsgefühl, als daß er,
wenn er seinen Sohn schuldig glaubte, diese Schritte für ihn getan
hätte. Aber es genügte ihm an der einfachen Versicherung seines
Sohnes. »Ich teile,« hatte er ihm gesagt, als er verhaftet wurde,
»ich teile im allgemeinen die Gesinnungen jener Männer, die man jetzt
zur Untersuchung zieht, aber -- ich teile weder ihre Pläne noch die
Ansichten, die sie über die Mittel zum Zweck haben. Ich habe nur
_gedacht_, nie _gehandelt_, habe mir selbst gelebt, nicht mit andern,
und Beschuldigungen, welche andere treffen mögen, werden nie auf mich
kommen.« So war es denn gelungen, den jungen Willi auf so lange frei zu
machen, als nicht stärkere Beweise, die gegen ihn vorgebracht würden,
seine Anwesenheit vor den Gerichten notwendig machten, eine Schonung,
die er nur der Fürsprache seines Vaters und dem Vertrauen verdankte,
das man in die Bürgschaft des Generals Willi setzte.
Sie konnten sich beide wohl denken, welches Aufsehen dieser Vorfall in
der Umgegend von Neckareck gemacht haben mußte; hätten sie in einer
Stadt gewohnt, so würden sie sich wohl damit begnügt haben, ihren
Bekannten von ihrer Rückkunft Nachricht zu geben; aber die Sitte auf
dem Lande fordert größere Aufmerksamkeit für gute Nachbarn; man mußte
fünf oder sechs Familien im Umkreis von drei Stunden besuchen, mußte
ihre Neugierde über diesen Vorfall umständlich befriedigen; kurz,
man mußte sich zeigen, wie man sich etwa nach einer überstandenen
Krankheit bei den Bekannten wieder zeigt und für ihre Teilnahme Dank
sagt. Als aber der General mit seinem Sohn am dritten Tag nach ihrer
Rückkehr nach Thierberg aufbrach, war es noch ein anderer Grund als
Höflichkeit gegen gute Nachbarn, was sie dorthin zog. Der junge Willi
mochte in den einsamen Wochen seiner Gefangenschaft Zeit gefunden
haben, über sein Leben und Treiben nachzudenken, er mochte gefunden
haben, daß ihn jene politischen Träume, welchen er nachgehängt hatte,
nicht befriedigen könnten, daß es ein höheres, reineres Interesse
gebe, wodurch sein Leben Bedeutung und Gehalt, seine Seele Ruhe und
Zufriedenheit gewänne.
Der General lächelte, als ihm Robert sein Verhältnis zu Anna entdeckte
und die Wünsche auszusprechen wagte, die sich mit dem Gedanken an die
Geliebte verbanden. Er lächelte und gestand seinem Sohn, daß er längst
dieses Verhältnis geahnt, daß er gewünscht habe, das unruhige Treiben
des jungen Mannes möchte eine festere Richtung annehmen. »Ich kenne
dich,« sagte er ihm, »wärest du zu jener Zeit jung gewesen, wo wir in
Europa umherzogen, um Krieg zu führen, so hätte deine Phantasie mit
aller Kraft die großartigen Bilder des Krieges ergriffen, ich hätte
dir den ersten Raum geöffnet, du selbst hättest dann deine Laufbahn
gemacht. Daß du in diesen stillen Feiertagen des Jahrhunderts nicht
dienen willst, kann ich dir nicht übelnehmen. Des Umherschweifens in
der Welt bist du satt, das Leben in den Salons genügt dir nicht, so
bleibe bei mir; besorge an meiner Statt meine Güter, ich kann dabei nur
gewinnen; ich gewinne Zeit für mich und meine Erinnerungen, gewinne
dich, und« -- setzte er mit einem freundlichen Händedruck hinzu --
»wenn du anders deiner Sache gewiß bist, gewinne ich Anna.«
Sie besprachen dieses Kapitel auch auf dem Weg nach Thierberg wieder,
und Robert gab seinem Vater Vollmacht, bei dem Alten um Anna für ihn
zu werben. Sie verhehlten sich nicht, daß eine nicht unbedeutende
Schwierigkeit im Charakter des alten Thierberg liegen könne. Ihre
Gesinnungen hatten so oft die seinigen beinahe feindlich durchkreuzt.
Man hatte sich wegen Meinungen so oft gezankt, man war oft unzufrieden,
beinahe verstimmt auseinander gegangen. Aber sie trösteten sich damit,
daß er doch nie persönliche Abneigung gezeigt habe, und die Vorteile,
die für Thierberg aus dieser Verbindung hervorgingen, erschienen
so bedeutend, daß der General, als sie über die Zugbrücke ritten,
sich schon im Geiste als Vater der schönen Anna zu sehen glaubte und
vertrauensvoll auf das Thierbergische Wappen über dem alten Portal
zeigte. »Mut gewinnt, führen sie als Symbol im Wappen,« flüsterte er
seinem Sohn zu. »Das fügt sich trefflich, denn weißt du noch, was der
Wahlspruch _deiner_ Ahnen war?«
»_Der Will' ist stark!_« rief der junge Willi, freudig errötend. »_Mut
gewinnt_ -- und _der Will' ist stark_!«
Im Schloßhof empfing Rantow die Angekommenen. Er entschuldigte seinen
Oheim mit einem kleinen gichtischen Anfall, der ihn verhindere, die
steile Treppe herabzusteigen und seinen Gästen entgegenzugehen.
Er sagte dies schnell und nicht ohne einige Verlegenheit, die er
hinter einem Schwall von Glückwünschen für Robert Willi zu verbergen
suchte. Nach den Verhältnissen, die gegenwärtig in den alten Mauern
von Thierberg herrschten, konnte nicht leicht etwas störender wirken
als dieser Besuch. Man hatte zwar den Vetter aus der Mark nicht mit
in das Geheimnis gezogen. Der Vater schien es zu bereuen, daß er
sich nur so weit gegen seinen Neffen ausgesprochen habe, und Anna
hatte mit ihm seit einigen Tagen nie mehr über Willi gesprochen, sei
es auf ein Verbot ihres Vaters, sei es aus Argwohn, er möchte dem
Alten ihr Geheimnis verraten haben. Seit jenem Abend jedoch, wo die
Rückkehr Roberts angekündigt worden war, herrschte eine Spannung, die
um so drückender wurde, da die ganze Gesellschaft zwar aus dreierlei
Parteien, aber -- nur aus drei Personen bestand.
Anna sprach wenig und hielt sich meist auf ihrem Zimmer auf, wohin
Albert noch niemals eingeladen worden war; der Alte war mürrisch,
aufbrausender als sonst gegen seine Diener, gegen seinen Gast herzlich
wie zuvor, aber ernster und einsilbiger, gegen seine Tochter kalt und
gleichgültig. Er trank, trotz der bittenden Blicke, die Anna zuweilen
nach ihm hinzusenden wagte, mehr Wein als gewöhnlich, schimpfte dann
auf die ganze Welt, verschlief den Nachmittag und ließ sich abends
den Amtmann holen, um ein Spiel mit ihm zu machen. Dann setzte sich
Anna mit ihrer Arbeit in ein Fenster, ließ sich von dem Vetter etwas
vorlesen, aber Tränen, die hin und wieder auf ihre Hand herabfielen,
zeigten dem jungen Mann, wie wenig ihr Geist mit dem beschäftigt sei,
was er eben las. Der Anfall von Gicht, der über den Alten kam, machte
die Sache womöglich noch schlimmer. Man sah, wie er alle Kraft aufbot,
seine Schmerzen zu unterdrücken, nur um der natürlichen Hilfe seiner
Tochter weniger zu bedürfen, und wenn Fälle eintraten, wo er diese
Hilfe nicht abweisen konnte, wenn das schöne Kind bleich und mit Tränen
im Auge vor ihm kniete, um seine Beine in warme Tücher zu hüllen, da
wandte er sich ab, pfiff irgend ein altes Liedchen, nannte sich einen
Mann, der bald in die Grube fahren müsse, und fand es schön, daß doch
ein Enkel der Thierberge zugegen sein werde, wenn man den letzten
dieses Namens beisetze.
Rantow wußte zwar, daß sein Oheim das Gastrecht gegen seine Nachbarn
nicht verletzen werde, aber diese letzten Tage fielen ihm schwer auf
die Seele, als er die Fremden die Treppe hinanführte, und er sah
voraus, daß die beiden Willis gewiß nichts dazu beitragen würden, die
Verstimmung aufzulösen.
Der Empfang war übrigens herzlicher, als er sich gedacht hatte; es gibt
eine gewisse höfliche Freundlichkeit, die man sich angewöhnen kann,
ohne sich dessen bewußt zu werden. Besonders auffallend erscheint diese
Eigenschaft, wenn sich Männer begrüßen, von welchen wir wissen, daß sie
keiner Heuchelei fähig sind, und die dennoch, sei das durch Meinungen,
sei es durch Verhältnisse, sich feindlich gegenüber stehen. So schien
es auch der alte Thierberg nicht über sich vermögen zu können,
sein gewohntes: »Ah! schön, schön! Freut mich, -- Platz genommen!«
diesmal mit einem kälteren und förmlicheren Gruß zu vertauschen,
und die fünfhundertjährige Gastfreundschaft dieser Burg schien die
unwillkommenen Gäste in ihre schützenden Arme zu schließen. _Ein_ Blick
von Anna hatte dem jungen Willi gesagt, was hier vorgegangen sei. Er
fand sie blaß, ihre Stimme nicht so fest wie sonst, es lag Kummer um
den holden Mund, und ihre Augen schienen weicher geworden zu sein. Er
pries im stillen ihren richtigen Takt, daß sie mehr zu dem General
sprach als zu ihm, denn er hätte, von diesem Anblick ergriffen, nicht
Fassung genug gehabt, Gleichgültiges mit ihr zu reden. Rantow, der
einen ganz andern Auftritt erwartet hatte, wunderte sich, daß auch in
diesem »ehrlichen Schwaben«, wo ihm sonst alles so offen und ehrlich
deuchte, vier Menschen, die sich so nahe standen, ein so falsches Spiel
unter sich spielen könnten, ihre Gedanken, ihre Leidenschaften unter
einer so ruhigen Hülle zu verdecken wüßten. Er sah staunend bald den
jungen Willi und den alten Thierberg an, die ganz ruhig und abgemessen
sich über die Ereignisse der letzten Woche besprachen; bald hörte er
auf das Gespräch zwischen dem General und der Geliebten seines Sohnes,
die dasselbe Thema, nur mit Veränderungen abhandelten, wobei übrigens
Anna eine solche Ruhe an den Tag legte, daß sie nie hastig fragte, von
nichts mehr, als schicklich, ergriffen war. Der General wandte sich
im Gespräch und ging mit ihr langsam im Saal auf und ab; er stellte
sich endlich, wie zufällig, in einen tiefen Fensterbogen, und Albert
entging es nicht, daß er sich dort schnell zu dem schönen Mädchen
herabbückte, ihr etwas zuflüsterte, was eine tiefe Röte auf ihre Wangen
jagte; sie schien erschrocken, sie faßte seine Hand, sie sprach leise
heftig zu ihm, aber er lächelte, schien sie zu beruhigen, zu trösten,
und so stolz und zuversichtlich war seine Stirne, waren seine Züge, als
müßte er in diesem Augenblick seine Division ins Feuer führen, um den
schwankenden Sieg zu entscheiden.
Der Gast aus der Mark ahnte, daß dort in jenem Fensterbogen ein
Entschluß gefaßt oder mitgeteilt worden sei, der auf Annas Schicksal
sich beziehe, und das Herz pochte ihm, wenn er an den eisernen Trotz
seines Oheims dachte. Die Diener hatten indessen Wein herbeigebracht,
man setzte sich in eines der weiten Fenster, und wenn nur die Gemüter
der fünf Menschen, die um den kleinen Tisch saßen, weniger befangen
waren, der schöne Tag, der Anblick des herrlichen Tales, das vor ihnen
lag, hätte sie zu immer höherer Freude stimmen müssen.
Der General, dem es peinlich sein mochte, daß das Gespräch nach und
nach zu stocken anfing, bat Anna um ein Lied, und ein Wink ihres
Vaters bekräftigte diese Bitte. Man brachte ihre Gitarre herbei, der
junge Willi stimmte die Saiten, aber waren es die Worte des Generals,
war es der Anblick ihres Vaters, war es die lang ersehnte Nähe des
Geliebten, was sie verwirrte, sie errötete und gestand, daß sie in
diesem Augenblick kein passendes Lied zu singen wüßte. Man schlug vor,
man verwarf, bis Rantow beifiel, wie man einst in Berlin eine berühmte
schöne Sängerin von einer ähnlichen Verlegenheit befreite. Er schnitt
kleine Zettel und ließ jeden ein Lied aufschreiben. Dann faltete er
die Papiere geschickt und zierlich zusammen, schüttelte sie als Lose
durcheinander und ließ die Sängerin eines wählen.
Sie wählte, sie eröffnete das Los und errötete sichtbar, indem sie
den General besorgt anblickte. »Das hat niemand anders als Sie
geschrieben,« sagte sie. »Warum denn gerade dieses Lied? Es ist nicht
immer politisch, ein politisches Lied zu singen!«
»Wenn es nun aber mein Lieblingslied ist?« erwiderte Willi; »ich
appelliere an Ihren Vater; stand nicht die Wahl durchaus frei?«
»Gewiß!« antwortete der Alte, »du singst, Anna; und wenn das Lied
Politik enthalten sollte -- nun, erdichtete Politik kann man ja immer
noch ertragen.«
Sie nickte schweigend Gehorsam zu. Aber von jenem Augenblick an, wo
sie mit einem kurzen, aber kräftigen Vorspiel den Gesang anhob, schien
auf ihren lieblichen Zügen eine Art von Begeisterung aufzugehen; eine
zarte Röte spielte auf ihren Wangen, ihre Augen glänzten, und um den
schönen Mund, der die Töne so voll und rund hervorströmen ließ, spielte
anfangs ein Lächeln, das mehr und mehr in Wehmut überging. Es war eine
französische Ode, aus welcher sie einige Stellen vortrug; die Melodie,
bald heiter, ermunternd, bald erhaben und triumphierend, bald ernst und
getragen, schmiegte sich an das wechselnde Versmaß und den Gedankengang
der Strophen, und so süß war ihre Stimme, so ausdrucksvoll ihr Vortrag,
so hinreißend ihr ganzes Wesen, das mit dem Gesang sich zu verschmelzen
schien, daß die Männer, wenn sie gleich über den Gegenstand die
verschiedensten Gesinnungen hegten, doch von dem Strom der Töne mit
fortgerissen wurden. Wie erhaben war ihr Vortrag, als sie sang:
~Cachez ce lambeau tricolore!
C'est sa voix; il aborde, et la France est à lui.~
Ernst, beinahe traurig, doch nicht ohne Triumph, fuhr sie fort: