»Bei uns würde man ihn steinigen, wollte er öffentlich aussprechen,

was ich heute habe hören müssen. Ja, in einer Gesellschaft von Preußen

sollte er einmal solch ein Wort sagen, ich glaube, man würde weder

sein Alter noch seinen Stand berücksichtigen. Sein ganzes Gespräch ist

ein Triumphgesang der Vergangenheit und ein Fluch der Gegenwart. Ich

glaube, er hält es für die größte Sünde, daß wir das schmähliche Joch

abgeschüttelt und die übrigen, vielleicht gegen ihren Willen, mit

befreit haben. Eine Schande, daß ein deutscher Mann etwas solches nur

denken kann. Aber bei nächster Gelegenheit will ich ihm sagen, wie sehr

ich von Grund des Herzens seinen Kaiser und alle Franzosen hasse.«

»Das hat er von mir schon oft gehört,« erwiderte Herr von Thierberg;

»mehr denn zwanzigmal, ich hasse sie alle, allesamt wie die Hölle!«

»Alle, Vater, alle?« fragte Anna mit Bedeutung.

»Nein, du hast recht, Kind! Einen nehme ich aus, den ich täglich loben

und preisen möchte. Hätte er nicht so verzweifelt gut Französisch

gesprochen, ich hätte geglaubt, es sei ein Engel vom Himmel. Leider war

und blieb er nur ein Franzose.«

»Und wer ist denn dieser _eine_, den Sie so feierlich ausnehmen?«

fragte Albert.

»Siehe, das ist eine wunderliche Geschichte,« fuhr der Oheim fort;

»doch will ich sie dir erzählen, es ist ein schönes Stück. Ich machte

im Jahre 1800 eine Reise nach Italien mit meiner seligen Frau. Ehe

wir uns dessen versahen, brach der Krieg aus, und da wir vernahmen,

daß Moreau gegen Deutschland ziehe, beschloß ich, meine Frau bei

einer befreundeten Familie in Rom zurückzulassen und allein, um desto

schneller reisen zu können, nach Schwaben heimzukehren. Ich wählte,

teils weil ich dort am wenigsten auf Franzosen zu stoßen hoffte, teils

weil einer meiner Vettern die Besatzung in der kleinen Festung Bard

kommandierte, teils der Neuheit der Gegend wegen die Straße über den

großen Bernhard, der bald nachher durch den Uebergang des Konsuls

Bonaparte so berühmt wurde. Dort am Fuße des Berges, auf der Schweizer

Seite, überfielen mich fünf zerlumpte Kerls von der französischen

Armee, die ich hier freilich nicht vermuten konnte. Ich zeigte ihnen

meinen Paß, aber es half nichts, sie rissen mich und meinen Reitknecht,

den alten Hans, den du noch hier siehst, vom Pferd, zogen uns Rock

und Stiefeln aus, nahmen mir Uhr und Börse, und eben wollten sie auch

meinen Mantelsack untersuchen, als eine schreckliche Stimme hinter uns

_Halt_ gebot.

Die Räuber sahen sich um und ließen, wie vom Donner gerührt, die Arme

sinken, denn es war ein französischer Offizier, der hinter uns zu

Pferde hielt, und sie hielten, man muß selbst dem Teufel Gerechtigkeit

widerfahren lassen, strenge Mannszucht. ›Wer sind Sie, mein Herr?‹

fragte er, nachdem er abgestiegen war. Ich erzählte ihm kurz meine

Verhältnisse und den Zweck meiner Reise. Er nahm meinen Paß, sah ihn

durch und fragte mich, ob ich solchen den Soldaten gezeigt habe.

Als ich es bejahte, wandte er sich an die Burschen, die noch immer

kerzengerade und verlegen dastanden: ›Seid ihr Soldaten? Seid ihr

Franzosen?‹ rief er zürnend und sah, trotz seinem schlechten Oberrock,

sehr vornehm aus; ›auf der Stelle kleidet ihr diesen Herrn und seinen

Diener an, ordnet sein Gepäck und geht dann, wohin ihr beordert

seid.‹ Noch nie bin ich so schnell bedient worden; ein junger Kerl

wollte mir gegen meinen Willen die Stiefeln anziehen und bat mich mit

Tränen im Auge, es zu erlauben. Solchen Gehorsam habe ich nie in der

Reichsarmee gesehen. Ich sagte es auch dem Offizier, der sich, nachdem

wir fertig waren, zu mir ins Gras setzte und für seine Landsleute

Vergebung und Entschuldigung erbat. Ich sagte ihm, daß dieser ganze

Vorfall durch jenen schönen Anblick von Disziplin aufgewogen werde.

Ehe ich mich dessen versah, waren wir in ein tiefes Gespräch über die

Zeitereignisse und namentlich über das Schicksal des Adels verwickelt.

Ich stritt lebhaft für unsern alten Reichsadel, aber kurz und bestimmt,

und so artig als möglich wußte er meine besten Gründe zu widerlegen.

Ich merkte wohl aus allem, und er gestand es auch offen, daß er ein

~Ci-devant~ sei. Er gestand auch zu, daß eine Republik in neueren

Zeiten etwas Schwieriges, beinahe Unnatürliches sei, daß Institute wie

der Adel nützlich, ja gewissermaßen notwendig seien, behauptete aber,

daß der Adel überall von neuem geboren werden und nur aus kriegerischem

Verdienst und Ruhm hervorgehen müsse.«

»Wie?« fiel ihm Rantow ins Wort, »so allgemein dachte man schon damals

in jener Armee an _das_, was nachher jener sogenannte Kaiser wirklich

ausführte? Das ist wunderbar!« -- »Auch mir sind nachmals,« erzählte

der alte Thierberg, »da Napoleon die Ehrenlegion und Dotationen schuf,

oft die Worte meines guten Kapitäns eingefallen. Diesen gewann ich

in _einer_ Stunde, die wir zusammen sprachen, so lieb, als wäre er

kein Franzose, als wären wir langjährige Freunde. Endlich mahnte ihn

die Feldmusik eines ferne heranziehenden Regiments zum Aufbruch. Ich

schenkte ihm meine silberne Feldflasche, die er erst nach langem Streit

und endlich lachend annahm; mir gab er dafür eine kleine Ausgabe des

Tacitus und eine von den bunten Federn auf seinem Hut, womit sich

damals die republikanischen Offiziere schmückten. Die Bajonette des

Regiments blitzten über den nächsten Hügel herab, und die Musiker

begannen eben ihr ›~Allons enfants~‹, als er aufs Pferd stieg; er gab

mir noch einige Verhaltungsregeln, drückte mir lächelnd die Hand und

unter dem ›~Marchons, ça ira!~‹ setzte er den Berg hinan. Noch heute

steht dieser liebenswürdige, interessante junge Mann vor meinen Augen,

wie er den Fuß der Alpe hinanritt, der Wind in seinem Mantel, in seinen

Federn wehte, und er grüßend noch einmal sein geistreiches Gesicht

nach mir umwandte. Damals, aber nur einen Augenblick lang, und ich

weiß heute noch nicht warum, schlug mein Herz für diese Franzosen, und

solange ich die Musik hören konnte, sang ich das ›~Allons enfants~‹ und

das ›~Marchons, ça ira~‹ mit. Nachher freilich schämte ich mich meiner

Schwäche, haßte dieses Volk nach wie vorher, und nur mein Retter in der

Not, mein Kapitän, steht in meinem dankbaren Gedächtnis.«

»Allerdings ein wunderbarer Fall,« sagte Rantow, als der Alte nicht

ohne tiefe Rührung geendet hatte; »artige und honette Leute gab es

zwar immer unter diesen Truppen, aber die gute Disziplin war ungleich

seltener. Ich hätte mögen den Schrecken jener fünf Soldaten sehen.«

»Nun Hans,« sagte Anna zu dem Diener, der aufmerksam und gespannt

zuhorchte, »du hast sie ja gesehen.«

»Ich sag' Ihnen, gnädiges Fräulein, wie aus Stein gemeißelt standen sie

vor dem Kapitän und schämten sich, und Augen hat er auf sie dargemacht

wie der Lindwurm auf den Ritter Sankt Georg. Als die Franzosen nachher

zu uns herauskamen, bin ich oft halbe Tage lang an der Landstraße von

Heidelberg gestanden und habe sie Regiment für Regiment defilieren

lassen, aber der Kapitän war nie dabei; der ist wohl schon lange tot.«

»Ehre und Segen mit seinem Andenken, wo er auch sein möge,« sprach der

alte Thierberg. »Ist er gestorben, so hat er doch alles, was nachher

in der Welt Ungerechtes und Frevelhaftes geschah, nicht mehr mitmachen

müssen. Vielleicht hat er sich auch vom Dienst zurückgezogen, als der

Diktator sich zum Kaiser machte, denn mein braver Kapitän, der so nobel

dachte, kann kein Freund des übermütigen Korsen gewesen sein.«

Anna lächelte, aber sie mochte das Lieblingsthema ihres alten Vaters,

die Geschichte »vom besten Franzosen« nicht durch eine Apologie jenes

großen Sohnes einer kleinen Insel stören.

9.

Man hatte sich heute früher getrennt als gestern, und Albert, den der

Schlaf noch nicht besuchen wollte, stand unter dem Bogenfenster seines

altertümlichen Zimmers und schaute in das Tal hinab. Er dachte nach

über alle Worte seiner schönen Cousine, er fand so viel Stoff, sie

anzuklagen und sich zu bedauern, daß er das erste Mal in seinem Leben

im Ernste sich selbst sehr schwermütig erschien.

Dieses eine Mal, nach so vielen flatterhaften und flüchtigen

Geschichten, war er sich recht klar und deutlich bewußt, ernstlich

zu lieben; niemals zuvor hatte er einem Gedanken an ein häusliches

Verhältnis, an das Glück der Ehe Raum gegeben, und nur erst diesem

fröhlichen, unbefangenen Geschöpf war es gelungen, seine Ansichten über

seine Zukunft ernster, seine Gefühle würdiger zu machen. Er wunderte

sich, gerade da zurückgewiesen zu werden, wo er es wirklich redlich

meinte, es befremdete ihn, gerade in jenen Augen als flüchtig und

kokett zu erscheinen, die ihn so unwiderstehlich angezogen, gefesselt

hatten; er schämte sich, daß bei diesem natürlichen Kind seine sonst

überall anerkannten Vorzüge ohne Wirkung bleiben sollten; er sah darin

ein böses Vorzeichen, denn seine bisherige Erfahrung hatte ihn gelehrt,

daß die Ueberraschung, daß der erste Eindruck entscheiden müsse.

Aus diesen Gedanken weckte ihn eine Flöte, die wie am gestrigen Abend

süße Töne vom Wald herüberhauchte. Aufs neue erwachte in ihm der

Gedanke, daß diese Serenade wohl Anna gelten könnte. Er sah schärfer

nach dem Wald hinüber, und, er irrte sich nicht, es war jene Waldecke,

die er heute besucht hatte, woher die Töne kamen. Schnell warf er

seinen Mantel über; eilte hinab und bat den alten Hans, ihm das Tor zu

öffnen; er gab vor, auf einem Platz im Wald, unweit des Schlosses, ein

Taschenbuch zurückgelassen zu haben, dem der Nachttau schaden könnte.

Die Flötenklänge, die immer weicher und schmelzender wurden, dienten

ihm zu Führern nach jener Waldecke; immer eifriger drang er durch das

Gebüsch, denn er hatte einen Blick nach der Burg hinübergeworfen und

gesehen, daß ein weißes Tuch von Annas Fenster wehte. Schon sah er die

Umrisse des Flötenspielers, schon rief er: »Halt, Freund Musikus, ich

werde die zweite Stimme spielen,« da schlug dicht neben ihm ein Hund

an, und als er erschreckt auf die Seite sprang, stürzte er über die

Wurzeln einer alten Eiche unsanft zur Erde.

Als er sich nach einer Weile wieder aufgerichtet hatte und auf den

Platz zutrat, wo der Mann mit der Flöte gesessen hatte, fand er weder

von ihm noch von dem Hund eine Spur, wohl aber hörte er tief unten am

Berg die Büsche rauschen und das Gesträuch knacken. Beschämt wandte

er sich ab und sah nach dem Schloß hinüber. Ein heller Schein war an

Annas Fenster, aber es war kein Tuch, wie er geglaubt hatte, sondern

der Mond, der in den Gläsern sich spiegelte. Er warf sich seine

Unbesonnenheit, seine Hast und Eile, sein Mißtrauen, seine Eifersucht

vor. Er suchte für das Entweichen des Flötenspielers die gewöhnlichen

und prosaischen Gründe auf, er _wollte_ Anna unschuldig finden, und

dennoch wurde er nicht ruhig.

So stand er in dem Anblick der vom Mondlicht übergossenen Burg da, als

er plötzlich mit einem Schrei des Schreckens auffuhr, denn eine kalte

Hand rührte an die seinige; er sah sich um, und eine dunkle Gestalt

stand vor ihm. Ehe er noch fragen, sich nur fassen konnte, fühlte er,

daß man ein Papier in seine Hand gedrückt habe, und zugleich stürzte

sich dieses geheimnisvolle Wesen in den Wald, doch war es nicht so

ätherischer Natur, daß es nicht im Forteilen das Gesträuch zerknickt

und Zweige abgestoßen hätte. Albert wurde es ganz unheimlich an diesem

Ort. Sein aufgeregtes Blut, die tiefe Stille der Nacht, das schaurige

Dunkel der Buchen, und gegenüber die altersgraue Burg, ihre Fenster vom

Monde so sonderbar beleuchtet, daß er geheimnisvolle Schatten in den

hohen Gemächern hin und her schleichen sah -- es war ihm so bange, daß

er schnell seinen Weg zurückeilte, daß er im Wald laut auftrat, nur um

sich selbst in dieser unheimlichen Stille zu hören.

Die Laterne des alten Hans warf ihm ein tröstliches Licht aus dem Tor

entgegen. Eilends ließ er den Alten mit der Lampe voran nach seinem

Zimmer gehen, er entrollte das Papier und erschrak vor einem fremden

Unglück, denn die wenigen Zeilen lauteten:

»Dein Brief traf mich erst heute, die Antwort ein andermal. S. Z. N.

und noch drei andere wurden heute früh verhaftet und nach der Festung

geführt. Ich weiß nicht, ob du dich schuldig fühlst, aber vernünftig

wäre es, wenn du dich auf die Beine machtest. In _deiner_ Lage kann es

nicht schaden. Ich schickte diese Zeilen an den gewöhnlichen Platz;

Gott gebe, daß sie dich treffen. Was du auch tun wirst, Robert, sei

diskret und nenne mich nie.«

Wer der unglückliche Flötenspieler gewesen sei, sah jetzt Albert

deutlich; doch zu großmütig, um aus dieser Verwechslung einen Vorteil

ziehen zu wollen, faßte er rasch den Entschluß, den jungen Willi zu

retten. Aber fremd und unbekannt in dieser Gegend deuchte es ihm

unmöglich, dies allein auszuführen. Er schickte schnell den alten

Hans nach dem Turm, wo Anna wohnte, er ließ sie dringend bitten, ihm

nur auf zwei Minuten in einer sehr wichtigen Sache Gehör zu geben. Er

folgte dem Alten bis an die Tür des Saales, und dort blieb er in dem

großen weiten Gemach allein, um seine Cousine zu erwarten. Zu jeder

andern Zeit hätte der Anblick, der sich ihm hier darbot, mächtig auf

seine Seele wirken müssen. Ein ungewisses Licht schimmerte durch die

Fenster und fiel auf die Gemälde seiner Ahnen. Ihre Gestalten schienen

lebendiger hervorzutreten, ihre Gesichter waren bleicher als sonst, und

die ausgestreckte Hand einer längst verstorbenen Frau von Thierberg

schien sich zu bewegen. Dazu rauschten die Bäume und murmelte der Fluß

auf so eigene Weise, daß man glauben konnte, dieses Geräusch gehe von

den Gewändern der Verstorbenen aus.

In diesen Augenblicken aber hatte er nur ein Ohr für die immer leiser

schallenden Tritte des alten Dieners; sein Auge hing erwartungsvoll an

der Türe, sein Herz pochte unruhig einer Gewißheit entgegen, die keine

erfreuliche sein konnte.

Bald tönten die Schritte wieder den Korridor herauf; er strengte sein

Ohr an, ob er nicht auch den leichten Tritt seiner Base vernehme, die

Türe öffnete sich, und sie erschien mit Hans und ihrem Mädchen, er sah

ihrer Kleidung und ihren Augen an, daß sie noch nicht geschlummert

hatte. Noch ehe sie ihn fragen konnte, reichte er ihr schnell das

Billet und sagte französisch in wenigen Worten, wie er es erhalten

habe. Eine hohe Röte flammte über das schöne Gesicht, solange er

sprach, sie wagte es nicht, die zarten Augenlider aufzuschlagen; doch

kaum hatte sie einen Blick auf die Zeilen geworfen, so erbleichte sie,

sah ihn mit großen Augen erschrocken an und zitterte so heftig, daß sie

sich an dem Tisch halten mußte.

»Ich muß sogleich hinübereilen,« sagte er, näher tretend, »und nur

darum habe ich dich rufen lassen, daß du mir ein Mittel angebest, wie

ich durch den Fluß komme. Ich möchte bei den Domestiken nicht gerne

Aufsehen erregen.«

»Zu Pferd, schnell zu Pferd!« rief sie hastig, indem sie bebend seine

Hand ergriff; »schwimm hinüber und dann schnell nach Neckareck.«

»Aber bei Nacht?« erwiderte er zaudernd. »Ich kenne die Stellen nicht,

wo man durchkommen kann, der Fluß ist tief und reißend.«

»Führe _mir_ des Vaters Pferd heraus, Hans!« wandte sie sich an den

erschrockenen Diener; »schnell, du begleitest mich, ich will selbst

hinüber!«

»Führe es heraus, Alter, aber für mich!« fiel Rantow unmutig ein. »Wie

magst du mich so verkennen, Anna? Du wirst mir den Weg zu einer Stelle

zeigen, wo ich durch den Neckar kommen kann.«

»Nein, so geht es nicht!« sagte sie beinahe weinend und sank auf einen

Stuhl nieder; »du wirst nicht hinüberkommen. Führe ihn durchs Dorf

hinab, Hans, mach' unsern Kahn los und schiffe den Vetter hinüber, du

mußt zu Fuß hinüber, Albert, in einer halben Stunde kannst du dort

sein. O Gott! ich habe es ja schon lange geahnt, daß es so kommen

würde! Sag' ihm, er soll nicht zögern, ich wolle ihn überall lieber

wissen als in einem Kerker!«

Der junge Mann drückte ihr schweigend die Hand und winkte dem Alten,

zu gehen. Nie zuvor hätte er sich für fähig gehalten, so schönen

Hoffnungen so schnell zu entsagen, aber der Gedanke an die schöne,

kummervolle Anna, die er bis jetzt nur lächelnd gesehen hatte, spornte

ihn zu immer schnelleren Schritten, und so mächtig ist in einem Herzen,

das die Selbstsucht noch nicht ganz umsponnen hat, das Gefühl, in einem

entscheidenden Moment Hilfe oder Rettung zu geben, daß er in diesem

Augenblick in dem jungen Willi nur einen Unglücklichen und nicht Annas

Geliebten sah.

Am Ufer schloß der Alte schnell den Kahn los und bat den Gast, sich

ruhig niederzusetzen, aber dennoch konnte Albert diesem Gebote nicht

völlig Folge leisten, denn als sie ungefähr die Mitte des Neckars

erreicht hatten, hörte man deutlich den Hufschlag von Pferden und das

Rollen eines Wagens von der Landstraße her, die sich jenseits dem Ufer

näherte. Er richtete sich auf, trotz dem Schelten des Alten und dem

unruhigen Schaukeln des Kahns, und sah im Schein einiger Laternen einen

Wagen mit vier Pferden, von einigen, wie es schien, bewaffneten Reitern

begleitet, vorüberfahren. »Ist dies eine Hauptstraße?« fragte er den

alten Hans; »kann dies vielleicht ein Postwagen sein, der dort fährt?«

»Hab' hier noch nie einen gesehen,« erwiderte jener mürrisch; »und um

einen Postwagen zu sehen, möchte ich kein kaltes Bad im Neckar wagen.«

»Schnell! wo geht man nach Neckareck, nach dem Gut des Generals?«

fragte Albert, welcher besorgte, er möchte zu spät gekommen sein.

»Spute dich, Alter!«

»So lassen Sie mich doch den Kahn erst wieder anschließen!« sagte Hans;

»doch wenn Sie Eile haben, nur hier links immer die Straße fort, sie

führt gerade auf das Schloß zu; ich will schon nachkommen.«

Der junge Rantow lief mehr, als er ging; der Alte keuchte mühsam

hinter ihm her, aber so oft er ihn erreicht hatte, lief jener wieder

schneller, als würde er verfolgt. Endlich sah er das Schloß mit seinen

weißen Säulen durch die Nacht schimmern; es fiel ihm ängstlich auf,

daß viele Fenster erleuchtet waren, und als er näher kam, sah er

deutlich Menschen an den Fenstern hin und her laufen. Der Schrecken

dieser Nacht und die ungewöhnlich schnelle Bewegung hatten seine Kräfte

beinahe erschöpft, aber dieser beunruhigende Anblick trieb ihn zu noch

rascherem Laufen; in wenigen Minuten langte er an dem Schloß an, aber

er mußte sich an die Pforte lehnen und nach Atem suchen, ehe er eintrat.

Der erste, dem er an der erleuchteten Treppe begegnete, war der

Gardist, ein alter französischer Kriegsgefährte des Generals, der jetzt

mehr den Haushofmeister als den Diener spielte. Er schien bleicher

als sonst und schlich trübselig die Treppe herab. »Wo ist Euer junger

Herr?« rief Albert hastig, »führt mich schnell zu ihm.«

»~Sacre bleu!~« antwortete der Gardist erstaunt, als er den jungen Mann

erkannte; »weiß es Fräulein Anna schon? ~O la pauvre enfant!~«

»Wo ist Robert?« rief Rantow drängender.

»~Il est prisonnier!~« erwiderte er traurig. »Auf die Festung gebracht

~comme ennemi de la patrie, comme démocrate~; vier ~Dragons de la

gensdarmerie~ haben ihn eskortiert, o, mein armer Monsieur Robert!«

»Führe mich zum General!« sagte Rantow, als er diese Nachricht hörte.

»~Monsieur le general est sorti.~«

»Wohin?« rief der junge Mann, unwillig darüber, daß er jedes Wort dem

alten Soldaten abfragen mußte.

»Mit seinem Sohn ~à la capitale~, zu fragen, was Monsieur ~de~ Willi

verschuldet.«

Als Rantow sah, daß hier nichts mehr zu tun sei, suchte er einen

andern Bedienten auf und ließ sich die näheren Umstände der Verhaftung

erzählen. Er hörte, daß spät abends, in Roberts Abwesenheit, ein

Kommissär angekommen sei, der nach einer kurzen Rücksprache mit

dem General die Papiere des jungen Willi untersucht und teilweise

versiegelt habe. Darauf sei Robert nach Hause gekommen und habe sich

gutwillig darein ergeben, dem Kommissär zu folgen; er habe seinem Vater

das Wort darauf gegeben, daß man ihn unschuldig finden werde; das

letztere hatte der General einem Bedienten befohlen, am nächsten Morgen

dem Herrn von Thierberg und seiner Familie zu sagen; er habe sich dann

zu Pferd gesetzt und sei, nur von einem Bedienten begleitet, vom Schloß

weggeritten. Der junge Willi selbst hatte weder nach Thierberg noch

sonst wohin Aufträge zurückgelassen.

Soviel erfuhr Albert, und diese Nachrichten waren nicht dazu geeignet,

ihn auf dem Rückweg freudiger zu stimmen. Er konnte auf den Trost,

welchen Robert seinem Vater gegeben, keine große Hoffnung bauen, und

vor allem war ihm vor dem Augenblicke bange, wo er die schmerzliche

Kunde der trauernden Anna bringen sollte.

10.

Es waren seit jener traurigen Nacht mehrere Wochen verstrichen, sie

deuchten der armen Anna ebenso viele Monate. Das Laub der Bäume fing

schon an, sich zu bräunen, der Herbst mit seinem fröhlichen Gefolge war

in das Tal eingezogen, Gesang und Jubel schallte von den Rebhügeln,

schallte antwortend aus dem Fluß herauf, welcher Kähne, mit Trauben

schwer belastet, abwärts trug. Als würde einem verwegenen, in diesen

Bergen eingedrungenen Feind ein Gefecht geliefert, so krachten Büchsen-

und Pistolenfeuer aus den Weinbergen, doch nicht das Wutgeschrei

zurückgeworfener Kolonnen, sondern das Jauchzen einer freudeberauschten

Menge stieg auf, wenn die Gewehre recht laut knallten, oder wenn

die vorspringenden Ecken der Bergreihen die tiefere Stimme eines

Pfundböllers zehnfach nachriefen.

Mit verschiedenen Empfindungen sahen die Bewohner des Schlosses

Thierberg diesem fröhlichen Treiben von einer altertümlichen

Terrasse des Schlosses zu. Der junge Rantow blickte unverwandt und

mit glänzenden Augen auf dieses Schauspiel, das ihm ebenso neu als

anziehend erschien. Er hatte in seiner Heimat, im Kreise vertrauter

Freunde, oft bemerkt, wie der Wein, diese Himmelsgabe, die Wangen

freundlicher färbte, die Zungen löste und zu traulichem Gespräch,

wohl auch zum Gesang, selbst die Ernsteren fortriß; doch nie hatte

er gedacht, daß eine noch rauschendere Freude, ein höherer Jubel

mit der Bereitung des fröhlichen Trankes sich verbinden könnte.

Wie poetisch deuchte ihm dieses lebhafte Gemälde! Welch frische,

natürliche Bilder zeigte ihm sein Opernglas! Diese Gruppen hatte der

Zufall geordnet, und doch schienen sie ihm reizender, als was die

Kunst je erfunden. »Siehe,« sagte er zu Anna, die, den schönen Kopf

auf den Arm gestützt, ihm gegenübersaß und zuweilen einen ernsten

Blick über das Tal hingleiten ließ, »siehe, dort gegenüber jenen Alten

mit den silbergrauen Haaren; wie viele solcher Herbste mag er schon

gesehen haben! Wahrlich, ich könnte an der Gruppe um ihn her seine

Lebensgeschichte studieren. Der blonde Knabe, der ihm eben die große

Traube brachte, ist wohl sein Enkel; den jungen Burschen, der mit der

Pritsche die Mädchen neckt und durch seine Scherze von der Arbeit

abhält, indem er sie anzutreiben scheint, halte ich für seinen jüngeren

Sohn; siehe, jenes Mädchen hat seinen Schlag derb erwidert, sie ist

wohl das Liebchen des muntern Burschen, denn sie lachen alle und

verspotten ihn. Dieser gebräunte, breite Mann von vierzig, der soeben

den ungeheuren, mit Trauben gefüllten Korb auf seine Schultern hob, ist

wohl der ältere Sohn und des blonden Knaben Vater. So hast du die vier

Altersstufen, die sie wohl alle ohne viel Aenderung durchlaufen mögen.«

»Gewiß, ohne viel Aenderung und ohne viel Vergnügen,« bemerkte der alte

Herr von Thierberg, der gleichgültig hinblickte; »das ewige Einerlei

seit vielen hundert Jahren. Der Kleine dort wird jetzt bald in die

Schule getrieben und von seinem Schulmeister täglich geprügelt, gerade

wie vorzeiten sein Großvater. Der junge Bursche wird bald Soldat oder

auf ein paar Jahre Knecht in der Stadt. Kommt er dann nach Hause und

der Vater ist tot, so bekommt er sein kleines Stückchen Erbe und

glaubt heiraten zu müssen; und hat er vier Kinder, so werden sie, wenn

auch er einst stirbt, das armselige Erbe unter sich teilen und gerade

viermal ärmer sein als er. So treibt es sich herauf und herab; zu dem

Pulver, das sie heute verschießen, haben sie ein ganzes Jahr gespart,

um doch auch _einen_ Tag zu haben, an welchem sie sich betäuben können;

und das nennen sie lustig sein! Das nennen die Städter ein Fest, ein

malerisches Volksvergnügen!«

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 2 · 第 5 / 22 段