wüßte er sich diesen Satz nicht zu erklären; doch erfreut, seine
eigenen Gesinnungen wiederholt zu hören, wandte er sich wieder an den
General. »Er hat recht,« sagte er, »auf feindlicher Seite konnten Sie
das rührende Bild dieser Aufopferung nicht so genau kennen lernen.
Aber die großen Worte unserer Redner, die feurigen, aufrufenden Lieder
unserer Sänger, die begeisternde Aufopferung unserer Frauen, sie
gaben, verbunden mit dem Mut, der frommen Kraft und der gottgeweihten
Hingebung unserer Jünglinge und Männer, Szenen, die ebenso erhaben als
unvergeßlich sind.«
»Und wofür denn dieses alles?« fragte der alte Soldat. »Wozu so große
Aufopferungen, was hat man damit erreicht und errungen? Ließ sich dies
alles nicht voraussehen?«
»Und was haben denn Sie, Herr General, auf jener Seite erreicht und
errungen? Das ist einmal das Schicksal alles menschlichen Lebens und
Treibens, daß man kämpft, sich hingibt, aufopfert, um am Ende nichts
oder wenig zu erreichen. Zwanzig Jahre haben Sie jenem Mann geweiht,
jenem Eigensüchtigen, der nur sich und immer nur sich bedachte.
Jetzt liegt er auf einem öden Felsen, seine Genossen sind zerstreut,
aufgerieben -- was, was haben denn Sie gewonnen?«
»Ein Endchen rotes Band und die Erinnerung,« antwortete er lächelnd,
indem er mit einer Träne im Auge auf seine Brust herabsah. Es lag etwas
so Ergreifendes, Erhabenes in dem Wesen des Mannes, als er diese Worte
sprach, daß Rantow, errötend, als hätte er eine Torheit gesagt, seine
Augen von ihm abwandte und betreten den Sohn ansah. Doch dieser schien
nicht auf das Gespräch zu merken, er blickte unverwandt und eifrig
auf ein kleines Gebüsch am Fluß, von welchem man eben das Plätschern
eines Ruders vernahm; jetzt teilten sich die Zweige der Weiden, und ein
schöner Mädchenkopf bog sich lächelnd daraus hervor.
7.
»Unsere schöne Nachbarin!« rief der General freundlich und eilte auf
sie zu, ihr die Hand zu bieten; die jungen Männer folgten, und mittels
seiner trefflichen Lorgnette entdeckte Rantow zu seinem nicht geringen
Vergnügen, daß es Anna sei, die hier so plötzlich, gleich einer Najade,
aus dem Fluß auftauchte. Der General küßte sie auf die Stirne und bot
ihr dann den Arm, sie grüßte seinen Sohn kurz und freundlich, fragte
flüchtig nach des Generals Schwester und verweilte dann mit einem
Ausdruck der Verwunderung auf ihrem Gast. »Du hier, Vetter Albert?«
rief sie, indem sie ihm die Hand bot. »Nun das muß ich gestehen, für so
klug hätte ich dich nicht gehalten, deinen schönen Verstand in Ehren,
daß du sogleich die angenehmste Gesellschaft in der ganzen Gegend
auffinden würdest; welcher Zauberer hat dich denn hieher gebracht?«
»Mein Sohn,« sagte der General, »hatte das Glück, Ihren Vetter auf
seiner kleinen Reise kennen zu lernen, und fand ihn jenseits in Ihrem
Forst --«
»Und lud mich ein, ihn hieher zu begleiten,« fuhr Rantow fort, »wo
ich schon wieder wie gestern das Unglück hatte, zu streiten und immer
heftiger zu widersprechen. Du lächelst, Anna? Aber es ist, als brächte
es hier das Klima so mit sich; zu Hause bin ich der friedfertigste Kerl
von der Welt, habe vielleicht in zwei Jahren nicht so viel disputiert
als hier in zwei Tagen, und wie käme ich vollends mit Herren, wie der
Herr General oder mein Onkel, in Streit?«
»Ist es möglich?« fragte der General, »mit Herrn von Thierberg, mit
Ihrem Vater, Aennchen, kommt er in Streit? Ich dachte doch, da Sie mit
mir in politischen Ansichten so gar nicht übereinstimmen, Sie müßten
von Ihres Oheims Grundsätzen eingenommen sein.«
»Nun, so ganz unmöglich ist eine dritte oder vierte Meinung doch
nicht,« bemerkte der junge Willi lächelnd; »ich bin gewiß nicht von
Ihrem politischen Glaubensbekenntnis und glaube, daß sich mit der Welt
jetzt etwas machen ließe, wenn _Ihr_ nicht fünfzehn Jahre früher mit
Feuer und Schwert reformiert und die Menschen eingeschüchtert hättet;
aber mit Herrn von Thierberg lebe ich deswegen doch in ewigem Kampf,
und wir beide haben unsere gegenseitige Bekehrung längst aufgegeben.«
»Demagogen streiten gegen alle Welt,« erwiderte ihm Anna lächelnd und
doch, wie es schien, ein wenig unmutig. »Sie sind ein Inkurabel in
diesem Spital der Menschheit; haben Sie je gehört, daß ein solcher
politischer Ritter von la Mancha, solch ein irrender Weltverbesserer,
von Grund aus kuriert worden wäre?«
»Ich sehe, Sie wollen den Krieg auf _mein_ Land spielen,« sagte
Robert, »Sie wollen, wie immer, meine Ansichten zur Zielscheibe Ihres
liebenswürdigen Witzes machen, und doch soll es Ihnen nicht gelingen,
mich aus der Fassung zu bringen, heute wenigstens gewiß nicht. Sie
kennen wohl die schönen Eigenschaften Ihrer Fräulein Cousine noch nicht
ganz, Rantow? Nehmen Sie sich um Gottes willen in acht, ihr zu trauen!«
»Freund,« entgegnete Rantow, »in diesem Süddeutschland finde ich mich
selbst nicht mehr; es ist alles ganz anders, man denkt, man spricht
anders, als ich gewöhnt bin, und so mag ich mir selbst kein Urteil mehr
zutrauen, am wenigsten über Anna.«
»General!« rief Anna, »Sie führen nachher hoffentlich meine
Verteidigung gegen Ihren Herrn Sohn?«
»Nun merken Sie auf, Rantow!« sprach der junge Willi; »daß dieses
Fräulein die schönste im ganzen Neckartal, von Heidelberg bis Tübingen,
ist, behaupten nicht nur alle reisenden Studenten, sondern auch sie
selbst weiß es nur allzugut und hat sich ganz danach eingerichtet; sie
ist aber dabei so spröde wie Leandra im eben angeführten Don Quichotte.
Nach ihren politischen Ansichten, denn sie ist gewaltig politisch,
ist sie ein Amphibion. Sie hält es bald mit dem Alten, bald mit der
neuen Zeit. Sie ist gewaltig stolz, daß sie vierundsechzig Ahnen hat,
auf ihrem Stammschloß lebt, und daß schon Anno 950 ein Thierberg
einen Acker gekauft hat. Auf der andern Seite ist sie durch und durch
napoleonisch. Sie hat den ersten Lügner seiner Zeit, den Moniteur,
öfter gelesen als die Bibel, trägt ein Stückchen Zeug, das Montholon
meinem Vater schickte, und das angeblich von Napoleons letztem Lager
stammt, in einem Ring, singt nichts als kaiserliche Lieder von Beranger
und Delavigne, und kurz -- sie liebt eben jenen Mann mit Enthusiasmus,
der den Glanz ihrer vierundsechzig Ahnen in den Staub geworfen hat.«
»Sind Sie nun zu Ende?« fragte Anna, ruhig lächelnd, indem sie ihren
Ring an die Lippen zog. »Weißt du aber auch, Vetter, daß er den
ärgsten Anklagepunkt, das schwärzeste Verbrechen in seinen Augen,
aus Edelmut verschwiegen hat? Nämlich das, daß ich kein sogenanntes
deutsches Mädchen bin, daß ich nicht jetzt schon in meinem Kämmerlein
mich im Spinnen übe, wie es einer deutschen Maid frommt, und keine
Lorbeerkränze für die Stirne der künftigen Sieger flechte. Weißt du
denn auch, wer dieser Herr ist? Das ist ein Glied eines ungeheuren,
unsichtbaren Bundes, der nächstens das Oberste zu unterst kehren wird;
nun, bei euch soll es ja noch mehrere solcher Staatsmänner geben.
Aber, Herr von Willi, wie ist mir doch, ist es denn wahr, was man mir
letzthin erzählte, daß unter euren geheimen Gesetzen eines ausdrücklich
gegen junge Damen von Adel gerichtet sei und also laute: ›Wenn ein
biderber deutscher Ritter um eine Jungfrau freit, die ehemals der
adeligen Kaste angehörte, und solche aus törichtem Hochmut ihre Hand
versagt, soll ihr Name öffentlich bekannt gemacht und sie selbst für
wahnsinnig erklärt werden.‹«
Das Pathos, womit Anna diese Worte vorbrachte, war so komisch, daß der
General und Rantow unwillkürlich in Lachen ausbrachen; der junge Willi
aber errötete, und unmutig entgegnete er: »Wie mögen Sie sich nur immer
über Dinge lustig machen, die Ihnen so ferne liegen, daß Sie auch nicht
das geringste davon fühlen können? Ich gebe zu, daß es Ihnen in Ihrem
Stande, in Ihren Verhältnissen recht angenehm und behaglich scheinen
mag, weil Sie freiere Formen und natürlichere Sitten nicht kennen,
keine Ahnung davon haben. Warum aber mit Spott Gefühle verfolgen, die
wenigstens in Männerbrust mächtig und erhaben wirken und zu allem
Schönen und Guten begeistern?«
»Wie ungezogen!« erwiderte Anna. »Sie haben mit Spott begonnen und
meine Ahnen und den Kaiser der Franzosen schlecht behandelt, und nehmen
es nun empfindlich auf, wenn man über die Herren Demagogen und ihre
Träume scherzt! Wahrlich, wenn nicht Ihr Vater ein so getreuer Mann und
mein getreuester Anhänger wäre, Sie sollten es entgelten müssen. Doch
zur Strafe will ich Sie über das Gedicht examinieren, das Sie mir für
meinen Vater versprochen haben.« Sie nahm bei diesen Worten Roberts Arm
und ging mit ihm den Baumgang hin, und Albert Rantow hätte in diesem
Augenblick viel darum gegeben, an der Stelle des jungen Willi neben ihr
gehen zu dürfen, denn nie hatte ihm ihr Auge so schön, ihre Stimme so
klangvoll und rührend gedeucht als in diesem Augenblick.
»Sie ist ein sonderbares, aber treffliches Kind,« sagte der General,
indem er ihr lächelnd nachblickte. »Wenn sie ihm doch alle seine
Schwärmereien aus dem Kopfe reden könnte! Aber so wird er nie
glücklich werden; denken Sie, Rantow! er hat oft Stunden, wo es ihm
lächerlich, ja töricht erscheint, daß er in meinem bequemen Schloß
wohnt und Nachbar Görge und Michel, die doch auch ›deutsche Männer‹
sind, nur mit einer schlechten Hütte sich begnügen müssen. Das ist eine
sonderbare Jugend, das nennen sie jetzt Freiheitssinn! Und doch ist er
sonst ein so wackerer und vernünftiger Junge.«
»Ein liebenswürdiger, trefflicher Mensch,« bemerkte Albert, indem er
oft unruhige Blicke nach jenen Bäumen streifen ließ, unter welchen
Willi und Anna wandelten; »ich darf Ihnen sagen, daß ich über seine
Gewandtheit, über die feinen gesellschaftlichen Formen staunte, die er
so unbefangen entwickelt, er muß viel und lange in guten Zirkeln gelebt
haben; und dennoch so sonderbare, spießbürgerliche Pläne!«
»Er war in London, Paris und Rom,« sagte der General gleichgültig, »und
er lebte dort unter meinen Freunden. Ich glaube, Lafayette und Foy
haben mir ihn verzogen.«
»Wie! Lafayette, Foy, hat er diese gesehen?« fragte Rantow staunend.
»Er war täglich in der Umgebung beider Männer, und sie fanden an
dem Jungen mehr, als ich erwarten konnte. Da hörte er nun die
Amerikaner und die Herren von der linken Seite; und weil er manche der
exaltiertesten Schreier als meine alten Freunde kannte, glaubte er in
seinem jugendlichen Eifer, es müsse alles wahr sein, was sie schwatzen,
und fand sich am Ende geschickt, selbst mit zu reformieren. Da ist er
nun mit allen unruhigen Köpfen in diesem ruhigen Deutschland bekannt.
Keine Woche vergeht, ohne daß sie einen jener deutschen Radikalreformer
mit langen Haaren, Stutzbärtchen, Beilstöcken und sonderbaren Röcken in
meinen Hof bringt; sie nennen ihn Bruder und sind so wunderliche Leute,
daß sie alle Briefe an meinen Robert mit einem ›Deutschen Gruß zuvor‹
anfangen.«
»Ich kenne diese Leute,« bemerkte Albert mit wegwerfender Miene; »sie
zeigen sich auch bei uns zu Hause. Aber wie kann nur ein Mann von
so glänzenden Anlagen für ein anständigeres Leben und für die gute
Gesellschaft wie Robert, mit so gemeinen Menschen umgehen, die im
Bier ihr höchstes Glück finden, rauchend durch die Straßen gehen, in
gemeinen Schenken umherliegen und alles Noble, Feine gering achten?«
»_Gemein_, lieber Herr von Rantow, habe ich sie noch nie gefunden,«
erwiderte der General lächelnd, »was ich unter gemein verstehe; daß
sie rauchen, macht sie höchstens für einen Nichtraucher unangenehm,
daß sie Bier trinken, geschieht wohl aus Armut, denn meinen Wein haben
sie nicht verachtet, und von der ~bonne société~ denken sie gerade wie
ich; sie langweilen sich dort und finden das Steife gezwungen und das
Gezierte lächerlich. Sonst fand ich sie unterrichtet, vernünftig, und
nur in ihrer Kleidung und in ihren Träumereien dachte ich mit Anna an
Don Quichotte und fand es komisch, daß sie sich berufen glauben, die
Welt zu erlösen von allem Uebel.«
Der junge Mann verbeugte sich stillschweigend gegen den General, als
wolle er ihm dadurch seinen Beifall zu erkennen geben; bei sich selbst
aber dachte er: Ich lasse mich aufknüpfen, wenn er nicht selbst raucht
und lieber Stettiner und Josty als Franzwein trinkt; doch einem alten
Soldaten kann man es verzeihen, wenn er roh und unhöflich ist. Er sah
sich zugleich wieder nach Anna um; das Gespräch schien von beiden
Seiten mit großem Interesse geführt zu werden, die Gegenwart des
Generals verhinderte ihn, von seiner Lorgnette Gebrauch zu machen, und
doch war sie ihm nie so nötig gewesen als in diesem Augenblick, denn er
glaubte gesehen zu haben, wie der junge Willi Annas Hand ergriff und --
an seine Lippen führte. Der General mochte die Unruhe und Zerstreuung
des jungen Mannes bemerken; er ging mit Rantow dem Baumgang zu, und
als Anna sie herankommen sah, ging sie ihnen mit Willi entgegen. Des
Generals Schwester, eine würdige Dame, welcher Annas Besuch galt,
kam in diesem Augenblick herzu, und da in ihrer Gegenwart nichts
Politisches, das zum Streit führen konnte, abgehandelt werden durfte,
so zog es die Gesellschaft vor, ihrer Einladung zu folgen und unter
der Halle des Schlosses den Wein des Generals und die schönen Früchte
seiner Gärten zu kosten. Man beschloß, daß der General und sein Sohn
morgen den Besuch auf Thierberg erwidern sollten, und so schieden die
beiden Willi, als ihre Gäste in den Kahn stiegen, mit Ehrfurcht von
Anna, mit der Herzlichkeit alter Freunde von Rantow.
8.
Der Gast aus der Mark, obgleich er in jedem Damenkreis seiner Heimat
mit jener Sicherheit aufgetreten war, welche man sich durch Erziehung
und gehöriges Selbstvertrauen erwirbt, obgleich er sich in Berlin
manches schwierigen Sieges hatte rühmen können, fühlte sich doch nie
in seinem Leben so befangen als an jenem Abend, wo er mit Anna am
Neckar hin nach Thierberg zurückkehrte. Tausend Zweifel plagten und
quälten ihn, und jetzt erst, als ihm der letzte Blick, den Anna dem
jungen Willi zugeworfen hatte, zu feurig für bloße Achtung, zu zögernd
für gute Nachbarschaft geschienen hatte, jetzt erst fühlte er, wie
mächtig schon in ihm die Neigung zu seiner schönen Base geworden sei.
Zwar, wenn er seine eigene Gestalt, sein ausdrucksvolles Gesicht, sein
sprechendes Auge, seine gewählte und reiche Sprache, seine eleganten
Formen, die Sicherheit und Gewandtheit seines Geistes, kurz, wenn er
alle seine Vorzüge mit Robert Willis Eigenschaften maß, so glaubte er
sich doch ohne Anmaßung trösten zu können; fehlte doch jenem wenn er
sich auch gut auszudrücken vermochte, jener unnachahmliche Tonfall
der Sprache, fehlte ihm, wenn man ihm auch Anstand und Würde nicht
streitig machen konnte, jene letzte Vollendung und Feinheit eines
modischen Wundervogels (~Incroyabilis, _Linn_~), jenes unnachahmliche
Genie des Geschmackes, das angeboren sein muß; es fehlte ihm, so
schloß der Berliner mit heimlichem Lächeln bei sich selbst, jenes ~Je
ne sais quoi~, das den Geschöpfen Gottes das Siegel der Veredlung und
Vollendung aufdrückt und auch den gewöhnlichsten Menschen zu einem
~homme comme il faut~ macht! Aber Anna ist hier auf dem Lande, ist in
Schwaben aufgewachsen, fuhr er fort, sie könnte, ehe sie mich sah, mit
Robert Willi -- »Anna, eine Frage,« sprach er ängstlich zu ihr, nachdem
sie eine geraume Weile still fortgewandelt waren, »und nimm doch diese
Frage nicht übel auf! Liebst du diesen jungen Willi? Stehst du mit ihm
in einem Verhältnis?«
Das Fräulein von Thierberg errötete leicht über diese Frage, und diese
Röte konnte ebensogut der Frage als dem Gegenstand gelten, den er
berührte. »Wie kommst du auf diesen Einfall, Vetter?« erwiderte sie.
»Und meinst du denn, wenn ich auch das Unglück haben sollte, diesen
Willi zu lieben, was mir übrigens noch nie in den Sinn kam, ich würde
etwa dich zum Vertrauten in meinen Herzensangelegenheiten wählen, weil
ich dich schon seit zwei Tagen kenne? Mein Gott, Vetter,« setzte sie
schalkhaft lächelnd hinzu, »was seid ihr doch für närrische Leute in
Preußen!«
»Ich will mich durchaus nicht in dein Geheimnis drängen, hochedle und
gestrenge Dame,« sagte er, »aber meinst du denn, dein langes und, wie
es schien, interessantes Gespräch mit ihm sollte mir nicht aufgefallen
sein? Meinst du, ich glaube, ihr habt nur von Versen gesprochen?«
»Wenn ich nun sagte, wir _haben_ nur von Versen gesprochen,« entgegnete
sie eifrig, »so _müßtest_ du es doch glauben. Leuten, die gerne Arges
denken, fällt alles auf. Diesmal übrigens hat sich dein Scharfsinn
nicht betrogen; das übrige Gespräch drehte sich auch noch um etwas
anderes als Verse, um ein Geheimnis, ein gar wichtiges Geheimnis.«
»Also doch?« rief der junge Mann, mit ungläubiger Miene. »Siehst du,
also doch?«
»Doch,« antwortete sie lächelnd, »und weil du so artig bist, will ich
dich auch mit ins Geheimnis ziehen, vielleicht kannst du behilflich
sein; er riet mir selbst, es dir zu entdecken.«
»Wie?« entgegnete er bitter. »Meinst du, ich sei nur deshalb nach
Schwaben gekommen, um Herrn von Willis Liebesboten an meine Base zu
machen? Da kennst du mich wahrhaftig schlecht; eher sage ich deinem
Vater die ganze Geschichte, und ich glaube nicht, daß er sich einen
solchen Tugendbündler, einen solchen Weltverbesserer und Demagogen zum
Schwiegersohn wählen wird.«
Anna war verwundert stehen geblieben, als sie diesen heftigen Ausbruch
seiner Leidenschaft vernahm. »Habe die Gnade und höre zuvor, um was
man dich bitten wird,« sagte sie, und wie es schien, nicht ohne
Empfindlichkeit; »soviel weiß ich aber, daß, wäre ich ein junger Herr
und überdies ein Berliner, ich mich gegen Damen ganz anders betragen
würde.« Bestürzt wollte Albert etwas zur Entschuldigung erwidern, aber
mit freundlicherer Miene und gütigeren Blicken fuhr sie fort: »Du
weißt und hast es heute selbst gehört, wie sehr der General seinen
Napoleon liebt und verehrt. Nun ist nächstens sein Geburtstag, der
zufällig auf einen berühmten Schlachttag des Kaisers fällt, und da
will ihn sein Sohn mit etwas Napoleonischem erfreuen. Er hat sich
durch einen Bekannten in Berlin eine Kopie jenes berühmten Bildes von
David verschafft, das Bonaparte zu Pferde noch als Konsul vorstellt.
Es ist kein übler Gedanke, denn so nimmt er sich am besten aus, er ist
noch jung und mager, und das interessante, feurige Gesicht unter dem
Hut mit der dreifarbigen Feder ist malerischer, eignet sich mehr für
die Darstellung eines Helden, als wie er nachher abgebildet wird. Und
dieses Bild des Kaisers ist unser Geheimnis.«
»Aber was soll ich hierbei tun?« fragte Albert, der wieder freier
atmete, da kein anderes gefürchtetes Geständnis ihn bedrohte.
»Höre weiter; dieses Bild wird in diesen Tagen ankommen, und zwar nicht
bei Generals, sondern bei uns. In meinem eigenen Zimmer wird es bis
am Vorabend des Geburtstages bleiben, und dann müssen wir beide dafür
sorgen, daß der General, während das Bild herübergeschafft wird, nicht
zu Hause oder wenigstens so beschäftigt sei, daß er nichts bemerkt.
Während der Nacht wird dann das Bild im Salon aufgehängt und bekränzt,
und wenn dann morgen der gute Willi zum Frühstück in den Salon tritt,
ist es sein Held, der ihn an diesem feierlichen Tage zuerst begrüßt!«
»Gut ausgedacht,« erwiderte Rantow lächelnd, »und wenn es nur nicht
dieser Held wäre, wollte ich noch so gerne meine Hilfe anbieten, doch
-- auch so werde ich mitspielen; hast ja du mich darum gebeten!« Sein
Ton war so zärtlich, als er dies sagte, daß ihn Anna überrascht ansah.
Er bemerkte es und fuhr, indem er ihren Arm näher an seine Brust zog,
fort: »Du kannst ja ganz über mich gebieten, Anna, ach! daß du immer
über mich gebieten möchtest! Wie freut es mich, daß du nicht schon
liebst, nicht schon versagt bist! Darf ich bei dem Onkel um dich
werben?«
In Anna schien es zu kämpfen, ob sie bei diesen Worten wie über eine
Torheit lächeln oder erzürnt weinen solle, wenigstens wechselte auf
sonderbare Weise die Farbe ihres schönen Gesichtes mit Röte und Blässe.
Sie zog ihren Arm schnell aus seiner Hand und sagte: »Soviel kann ich
dir sagen, Vetter, daß uns hier in Schwaben nichts unerträglicher ist
als Empfindsamkeit und Koketterie, und daß wir diejenigen für Toren
halten, die nach zwei Tagen schon Bündnisse für die Ewigkeit schließen
wollen.«
»Anna!« fiel ihr der junge Mann mit bittender Gebärde ins Wort,
»glaubst du nicht an die Allgewalt der Liebe? Wenn auch ihre Dauer
unsterblich ist, so ist doch ihr Anfang das Werk eines Augenblicks, und
ich --«
»Kein Wort mehr, Albert,« rief sie unmutig, »wenn ich nicht alles dem
Vater sagen und ihn um Schutz gegen deine Torheit anrufen soll! Das
wäre dir wohl bequem,« fuhr sie gefaßter und lächelnd fort, »um deine
Langeweile in Thierberg zu vertreiben, einen kleinen Roman zu spielen?
Spiele ihn in Gottes Namen, wenn du nichts Besseres zu tun weißt, mich
wirst du vielleicht trefflich damit unterhalten, nur verlange nicht,
daß ich die zweite Rolle darin übernehme.«
»O Anna!« sprach er seufzend, »verdiene ich diesen Spott? Ich meine
es so redlich, so treu! Das Los, das ich dir bieten kann, ist nicht
glänzend, aber es ist doch so, daß du vielleicht zufrieden, glücklich
sein könntest.«
»Werde nur nicht tragisch,« erwiderte sie; »alles höre ich lieber als
solches Pathos. Spott verdienst du auf jeden Fall, und zum mindesten
kann er dich heilen. Komm, sei vernünftig; begleite mich recht artig
und wie es sich ziemt nach Hause. Aber sei überzeugt, wenn noch ein
einziges Wort dieser Art über deine Lippen kommt, so beschäme ich dich
vor dem nächsten besten Bauer und rufe ihn heran, und wenn du im Schloß
oben diese Torheiten fortsetzest, so werde ich nie mehr mit dir allein
sein.« Der Ton, womit sie dies aussprach, klang zwar bestimmt, mutig
und befehlend, doch schien ihr schalkhaftes Auge und ihr lächelnder
Mund dem strengen Befehl zu widersprechen, und Rantow, den diese
widersprechenden Zeichen verwirrten, begnügte sich zu schweigen, zu
seufzen, mit Blicken zu sprechen und einen erneuerten Kampf auf einen
glücklicheren Moment zu verschieben. Mit großer Besonnenheit und Ruhe
knüpfte sie ein Gespräch über den General an, und so gelangten sie,
weniger verstimmt, als man hätte denken sollen, nach Thierberg. Der
Alte ließ sich ihre Ausflüge erzählen und schien nicht unzufrieden, daß
Albert diese neue Bekanntschaft gemacht habe. »Es sind wackere Leute,
diese Willis, und das ganze Tal hat ihnen Wohltaten zu verdanken. Es
soll wenige hohe Offiziere von der Bildung und den ausgezeichneten
Kenntnissen des Generals geben, und den jungen habe ich selbst schon
auf dem Korn gehabt und gefunden, daß er tiefe, gründliche Kenntnisse
hat und mit Eifer Studien treibt, die man heutzutage unter der jüngeren
Generation selten findet. Ein kluges, gewandtes, feuriges Bürschchen;
aber, aber -- diese verschrobenen, überspannten Ansichten. Ich glaube,
er würde mich in meinem eigenen Hause anfallen, wollte ich sagen,
daß das Bauernpack immer Bauernpack bleibe, und wenn man sie auch
noch so frei von Lasten, noch so gelahrt machte, daß die Bürgerlichen
bei ihrem Leist bleiben und nicht an der erhabenen Figur des Staates
künsteln und pinseln und meißeln sollen. Aber das kommt nur daher,
weil der alte Tor unter seinem Stand geheiratet hat, da will nun
der junge den Fehler gut machen, indem er die Vettern und Basen und
das ganze Verwandtschaftgesindel seiner hochseligen Frau Mutter,
spießbürgerlichen Angedenkens, recht hoch stellt!«
»Aber, Vater,« bemerkte Anna, »daß er es aus diesem Grunde tut, kannst
du doch nicht behaupten. Ich gebe zu, er stellt uns alle insgesamt
etwas tief und die andern an unsere Seite, aber er ist ein Enthusiast
und hat von Freiheit und Volksleben Begriffe, die sich nie ausführen
lassen.«
»Lehre mich die Menschen nicht kennen, Kind!« sagte der Alte lächelnd.
»Eitelkeit ist der Grundtext in jedem, die Variationen mögen heißen,
wie sie wollen; aber was sagst du zu dem Vater, Neffe?«