Höhe angelangt, wo er einen Teil des reizenden Neckartales überschauen
konnte. Vorwärts zu seiner Linken gewahrte er eine Waldspitze, die
weit vorsprang und ihm die Aussicht auf den andern Teil des Tales
verdeckte. Er verglich sie mit der Lage des Schlosses und fand,
es müsse dieselbe Bergspitze sein, von welcher gestern jene süßen
Flötenklänge herübertönten. Von dort aus, hatte ihm Anna gesagt, könne
man einen weiten, freien Blick über das ganze Tal genießen, und rasch
beschloß er, nicht erst den Oheim abzuwarten, sondern im Genuß einer
herrlichen Aussicht auf jener Waldecke seinen Gedanken nachzuhängen.
Er hatte sich die Richtung gut gemerkt, und nicht lange, so trat er
auf diesen reizenden Platz heraus. Das Tal schwenkte sich in einem
schönen Bogen an Thierberg vorüber um diese Bergecke. Rechts und bei
weitem näher, als Albert gedacht hatte, lag die Burg, durch eine breite
Waldschlucht von dieser Stelle getrennt. Man konnte mit einem guten
Fernglas deutlich in die Fenster von Thierberg sehen, und der junge
Mann ergötzte sich eine Zeitlang an den Zügen des Pastors und seines
Oheims, die in eifrigem Gespräch an der Fensterbrüstung standen. Auch
Annas Turmfenster war geöffnet, aber statt ihrer holden Züge sah man
nur einen kleinen Orangenbaum, den sie an die Sonne gestellt hatte.
In der Mitte des Tales zog in kleineren Bogen der Neckar hin, viele
freundliche Halbinseln bildend und in kleiner Entfernung entdeckte
das Auge des jungen Mannes ein neues Schloß, in dessen Fenstern sich
die Mittagssonne spiegelte. Es war in gefälligem, italienischem Stil
aufgebaut, die Säulen und der Balkon, schlank und zierlich, machten
einen sonderbaren Kontrast mit den dunkeln schweren Mauern des
Thierbergs zu seiner Rechten, und wie diese Burg auf der Nordseite
des Gebirges auf einem steilen Waldberg hing, so ruhte jenes schöne
Lustschloß auf der Südseite gegenüber an einem sanften Rebhügel, dessen
reinlich und nett angelegten Geländer und Spaliere sich bis an den
Fluß herabzogen. Albert war in diesen reizenden Anblick versunken und
dachte nach über diesen Gegensatz, welchen die beiden Schlösser wie
Bilder der alten und neuen Zeit hervorbrachten, als feste Männertritte
hinter ihm durch das Gebüsch rauschten und ihn aus seinen Betrachtungen
weckten. Er wandte sich um und war vielleicht nicht weniger erstaunt
als der Mann, der jetzt durch die letzten Büsche brach und vor ihm
stand. -- Es war sein Gefährte vom Eilwagen. Er hatte eine Jagdtasche
übergeworfen, trug eine Büchse unter dem Arm, und zwei große Windhunde
stürzten hinter ihm aus dem Gebüsch.
»Wie, ist es möglich?« rief der Jäger und blieb verwunderungsvoll
stehen; »ich hätte mir noch eher einfallen lassen, hier auf einen Adler
denn auf Sie zu stoßen!«
»Sie sehen, ich benütze Ihren Rat,« erwiderte der junge Mann, »ich
durchspüre jeden Winkel Ihres Landes nach schönen Aussichten --«
»Aber wie kommen Sie _hieher_?« fuhr jener fort, indem er ihn
aufmerksamer betrachtete. »Und Sie sind auch nicht auf der Reise, wie
ich sehe; haben Sie sich in der Nähe eingemietet?«
Albert deutete lächelnd auf die alte Burg hinüber. »Dort -- und
gestehen Sie,« sagte er, »ich hätte keinen schöneren Punkt wählen
können.«
»In Thierberg?« rief der Jäger mit steigendem Erstaunen, indem er auf
einen Augenblick leicht errötete; »wie, ist es möglich, in Thierberg?
Oder sind vielleicht gar Thierbergs die Verwandten, die --«
»Die ich in der Stadt besuchen wollte und hier auf ihrem Landsitz traf.
Ich segne übrigens diesen Geschmack meines Oheims,« setzte Albert
mit einer Verbeugung hinzu, »da er mich aufs neue in die Nähe meines
angenehmen Reisegesellschafters führte.«
»So wären Sie vielleicht ein Rantow aus Preußen?« fragte der Jäger aufs
neue.
»Allerdings,« antwortete der Gefragte. »Aber wie folgern Sie dies? Sind
Sie vielleicht mit meinem Oheim bekannt?«
»Ich besuche ihn zuweilen,« sagte jener mit einem langen Seitenblick
auf das alte Schloß, »ich bin gerne dort; doch beinahe hätte ich das
Glück gehabt, Ihre Bekanntschaft noch früher zu machen; ich reiste vor
einem Jahr in Ihre Heimat, und auf den Fall, daß mich meine Straße
über Fehrbellin geführt hätte, war ich mit einem Brief an Ihre Eltern
versehen, mit einem Brief von Ihrem Oheim selbst. -- Aber habe ich
zu viel gesagt, wenn ich von den Reizen unseres Neckartales sprach?
Finden Sie nicht alles hier vereinigt, was man immer für das Auge
wünschen kann?«
»Ich dachte schon vorhin darüber nach,« versetzte Rantow; »wie
verschieden ist der Charakter dieser beiden Berge zur Seite des Tales!
Hier dieser dunkle Wald, mit Schluchten und Felsenrissen, durch welche
sich Bäche herabgießen, die alte Burg, halb Ruine, auf diese jäh
abbrechende Wand hinausgerückt. Jenseits die sanften, wellenförmigen
Rebhügel, mit bläulichroter Erde und dem sanften Grün des Weinstocks.
Und diese Kontraste durch das liebliche Tal, durch den Fluß vereinigt,
der bald hierhin, bald dorthin zu den Bergen sich wendet! Wahrhaftig,
es müßte nichts Angenehmeres sein, als auf einer dieser grünen
Halbinseln ein einsames Idyllenleben zu führen!«
»Ja,« entgegnete der Jäger lächelnd, »wenn der Fluß nicht in jedem
Frühjahre austräte und Damon, die Hütte und -- seine Daphne zu
entführen drohte! Aber waren Sie schon unten im Tal?«
»Noch nicht, und wenn etwa Ihr Weg hinabführt, werde ich Sie gerne
begleiten.«
Der Jäger lockte seine Hunde und schlug dann einen Seitenpfad ein,
der in die Tiefe führte. Rantow, der hinter ihm ging, bewunderte den
schlanken Bau, den kräftigen Schritt und die gewandten Bewegungen des
jungen Mannes. Er war einigemal versucht zu fragen, wer er sei, wo
er wohne; aber es lag etwas so Bestimmtes, Ueberwiegendes in seinem
ganzen Wesen, daß er diese Frage immer wieder auf eine bequemere Zeit
verschob. Im Tal wandte sich der Jäger stromabwärts; Kinder und Alte,
die ihnen begegneten, grüßten ihn überall freundlich und zutraulich;
manche blieben wohl auch stehen und schauten ihm nach. Oft stand er
stille und machte den Fremden auf jeden schönen Punkt aufmerksam,
erzählte ihm von der Lebensart der Leute, von ihren Sitten und
ländlichen Festen.
Der Weg bog jetzt um den Berg, und plötzlich standen sie dem neuen
Schloß gegenüber, das Albert von der Höhe herab gesehen hatte. »Welch
herrliches Gebäude!« rief er, »wie malerisch liegt es in diesen
Weinbergen! Wem gehört dieses Schloß?«
»Meinem Vater,« erwiderte der Jäger freundlich. »Ich denke, Sie setzen
mit mir über und versuchen den Wein, der auf diesen Hügeln wächst.«
Gerne folgte der junge Mann dieser einfachen Einladung; sie gingen ans
Ufer, wo der Jäger einen Kahn losband; er ließ seinen Gast einsteigen
und ruderte ihn leicht und kräftig über den Fluß. Auf reinlichen, mit
feinem Kies bestreuten Wegen, durch hohe Spaliere von Wein gingen sie
dem Schloß zu, dessen einfach schöne Formen in der Nähe noch deutlicher
und angenehmer hervortraten, als aus der Ferne betrachtet. Unter
dem schattigen Portal, das vier Säulen bildeten, saß ein Mann, der
aufmerksam in einem Buche las. Als die jungen Männer näher kamen, stand
er auf und ging ihnen einige Schritte entgegen. Er war groß, aufrecht
und hager, und etwa zwischen fünfzig und sechzig Jahre alt. Ein
schwarzes, blitzendes Auge, eine kühn gebogene Nase, die dunkelbraune
Gesichtsfarbe und eine hohe gebietende Stirne, wie seine ganze Haltung,
gaben ihm etwas Auffallendes, Ueberraschendes. Er trug einen einfachen
militärischen Oberrock, ein rotes Band im Knopfloch, und noch ehe er
ihm vorgestellt wurde, wußte der junge Rantow aus diesem allem, daß es
der General Willi sei, vor welchem er stand. Ihn selbst stellte der
junge Willi als Vetter der Thierbergs und als seinen Reisegefährten vor.
Der General hatte eine tiefe, aber angenehme Stimme; er antwortete:
»Mein Sohn hat mir von Ihnen gesagt. Ihre Mutter kenne ich wohl,
habe sie früher in der Residenz gesehen. Als wir nach Schlesien
marschierten, wurde ich nach Berlin geschickt; ich blieb vier Wochen
bei der Feldpost dort und ritt während dieser Zeit mehreremal nach
Fehrbellin hinüber, Ihre Eltern zu besuchen.«
»Wahrhaftig!« rief der junge Mann; »ich erinnere mich, mehrere
französische und deutsche Offiziere damals in unserem Haus gesehen
zu haben; es müßte mich alles täuschen, Herr General, oder ich kann
mich noch Ihrer erinnern. Ihre Uniform war grün und schwarz, und einen
großen grünen Busch trugen Sie auf dem Hut. Sie ritten einen großen
Rappen.«
»Ach ja, die alte Leda!« sagte der General; »sie hat treu ausgehalten
bis an die Beresina; dort liegt sie zwanzig Schritte von der Brücke
im Sumpf. Es war ein gutes Tier, und in der Garde nannte man sie ~le
diable noir~. -- Grüne Büsche, sagen Sie? -- Richtig, ich diente damals
unter den schwarzen Jägern von Württemberg. Ein braves Korps, bei Gott!
Wie haben sich diese Leute bei Linz geschlagen!«
»War es damals,« bemerkte Rantow, »als Marschall Vandamme, den Gott
verdamme, äußerte: ~Ces bougres là se battent comme nous?~«
»Sie haben da eine sonderbare Uebersetzung des Namens Vandamme, doch
-- ach! Sie sind ein Preuße, gut! ich gebe zu, der General Vandamme
war verhaßt, besonders in der süddeutschen Armee; er wußte es auch
recht gut; seine Bewunderung über die Bravour jener Soldaten hätte er
vielleicht artiger, aber nie mit mehr Wahrheit ausdrücken können.«
Sie waren unter diesen Worten bis unter das Portal des Hauses getreten;
ein Buch lag dort aufgeschlagen, der junge Willi sah es lächelnd an und
sagte: »Zum sechstenmal, mein Vater?«
»Zum sechstenmal,« erwiderte jener, indem auch durch seine ernsten Züge
ein leichtes Lächeln ging. »Sie sehen, Herr von Rantow, man zieht oft
die Kinder nur dazu auf, daß sie ihre Eltern nachher wieder aufziehen.
So kann er es nicht recht leiden, daß ich gewisse Bücher oft lese; und
doch ist es ein guter Grundsatz, nicht vielerlei Bücher, aber wenige
gute öfter zu lesen.«
»Sie haben recht,« erwiderte Rantow, »und darf ich wissen, _welches_
Buch Sie zum sechstenmal lesen?« Der General bot es ihm schweigend.
»Ah! die schöne Fabel von 1812,« rief Albert, »der Feldzug des Grafen
Segur! Nun, ein Gedicht wie dieses darf man immer wieder lesen,
besonders wenn man, wie Sie, den Gegenstand kennen gelernt hat.«
»Sie nennen es Gedicht?« fragte der General. »Da Sie nicht aus
Erfahrung sprechen können, ist wohl General Gourgaud Ihr Gewährsmann.
Aber ich kann Ihnen versichern, in diesem Buch ist so furchtbare
Wahrheit, so traurige Gewißheit, daß man das wenige, was Dichtung
ist, darüber vergessen kann. Die Figuren in diesem Gemälde leben,
man sieht ihren schwankenden Marsch über die Eisfelder, man sieht
brave Kameraden im Schnee verscheiden, man sieht ein Riesenwerk, jene
große, kampfgeübte Armee, durch die Ungunst des Schicksals in viele
tausend traurige Trümmer zerschlagen. Aber ich liebe es, unter diesen
Trümmern zu wandeln, ich liebe es, an jene traurigen, über das Eis
hinschwankenden Männer mich anzuschließen, denn ich habe ihr Glück und
-- ihr Unglück geteilt.«
»Ich bewundere nur deine Geduld, Vater,« erwiderte der Sohn; »du kannst
diese französischen Tiraden, die, wenn man sie in nüchternes Deutsch
auflöst, beinahe lächerlich erscheinen, lesen und immer wieder lesen!
Ich erinnere mich aus diesem berühmten Buch einer solchen Stelle,
die im Augenblick das Gefühl besticht, nachher, mich wenigstens,
lächeln machte. Die Armee hat sich in größter Unordnung hinter Wilna
zurückgezogen. Die Russen sind auf den Fersen. Eine Zeitlang imponiert
ihnen noch die Nachhut des Heeres, aber bald löst sich auch diese auf,
und die ersten der Russen, indem sie einen Hohlweg heraufdringen,
mischen sich schon mit den letzten der Franzosen. Segur schließt
seine Periode mit den Worten: ›Ach! Es gibt keine französische Armee
mehr!‹ -- ›Doch, es gibt noch eine,‹ fährt er fort; ›Ney lebt noch; er
reißt dem Nächsten das Gewehr aus der Hand,‹ u. s. w. Kurz, der edle
Marschall tut in übertriebenem Eifer noch einige Schüsse auf den Feind
und repräsentiert gleichsam in sich selbst die halbe Million Soldaten,
die Napoleon gegen Rußland ins Feld führte. Ist dies nicht mehr als
dichterisch, ist dies nicht lächerlich überstiegen?«
»Ich erinnere mich noch recht wohl jenes Moments, und so grausam unser
Schicksal, so gedrängt unser Rückzug war, so ließ er uns doch einige
Augenblicke frei, diesem Krieger und seiner wahrhaft antiken Größe
unsere Bewunderung zu zollen. Wenn du bedenkst, wie es von großer
Wichtigkeit war, daß er mit wenigen Tapfern jenes Defilee eine Zeitlang
gegen den Feind behauptete, daß er und die Seinen allerdings in diesem
Augenblick noch die einzigen wirklichen Kombattanten waren, die den
Russen die Spitze boten, so wird dich jener Ausdruck weniger befremden;
ich wenigstens danke es Segur, daß er auch jenem erhabenen Moment einen
Denkstein setzte.«
»Also ist jene Szene wahr?« fragte Rantow.
»Gewiß! Und eine schöne großartige Idee liegt darin, daß man weiß, wer
von der großen Armee zuletzt gegen die Russen schlug, daß es Ney war,
welchen jener hohe Ruhm, der ihm sogar aus diesem Rückzug sproßte, die
Handgriffe des gemeinen Soldaten nicht vergessen ließ. Er war, wie
Hannibal, der letzte beim Rückzug.«
»Was sagen Sie aber über jenen, welcher der erste in der Armee und der
erste beim Rückzuge war?« bemerkte Rantow. »Ich glaube, zwanzig Jahre
früher hätte er jeden Schritt mit seinen Garden verteidigt --«
»Und zwanzig Jahre später vielleicht auch,« fiel ihm der General ins
Wort, »und wäre vielleicht als Greis eines schönen Todes mit seinen
Garden gestorben. Anno 13, werden Sie aber wohl wissen, war er Kaiser
eines Landes, von welchem er, ohne Nachricht, ohne Hilfe, auf so viele
hundert Meilen getrennt war. Was hielt ihn bei der Armee, nachdem unser
Unglück entschieden war? Glauben Sie nicht, daß er etwas Aehnliches,
wie den Abfall Ihres York, geahnt hat! Mußte er nicht in Frankreich
frische Mannschaft holen?«
»Warum zog er gegen Asien zu Feld, der neue Alexander,« sagte Rantow
spöttisch lächelnd, »wenn er ahnte, daß das Preußenvolk in seinem
Rücken nur darauf laure, ihm den Todesstreich zu geben? War dies die
gerühmte Klugheit des ersten Mannes des Jahrhunderts?«
»Glauben Sie, junger Mann,« erwiderte der General, »der Kaiser war
erhaben über einen solchen Verdacht. Er wußte, daß Ihr König ein Mann
von Ehre sei, der ihn im Rücken nicht überfallen werde; er wußte auch,
daß Preußen zu klug sei, um ~à la~ Don Quichotte die große Armee allein
anzugreifen.«
»Preußen war ihm nichts schuldig,« rief der junge Mann errötend; »man
weiß, wie Bonaparte selbst seine Friedensbündnisse gehalten hat; man
war nicht schuldig, zu warten, bis es dem großen Mann gefällig sei,
die Kriegserklärung anzunehmen. Der Gefesselte hat das Recht, in jedem
günstigen Augenblick seine Fesseln zu zerreißen, und sollte er auch
_den_ damit zertrümmern müssen, der sie ihm anlegte.«
»Nun, Vater,« setzte der junge Willi hinzu, »das ist es ja, was ich
schon lange sagte, wenn ich den Aufstand des ganzen Deutschlands in
Schutz nahm. Wer gab den Franzosen das Recht, uns in Ketten und Bande
zu schlagen? Unsere Torheit und ihre Macht! Wer gab uns das Recht,
ihnen das Schwert zu entwinden und die Spitze gegen sie selbst zu
wenden? _Ihre_ Torheit und unsere _Macht_.«
»Ich gebe zu,« antwortete der General mit Ruhe, »daß man im Volk,
vielleicht auch unter Politikern, also spricht und sprechen darf.
Niemals aber darf der Soldat diese Sprache führen, um eine schlechte
Tat zu beschönigen. Es gibt manche glänzende Verrätereien in der
Geschichte; die Zeiten, wo sie begangen wurden, waren vielleicht mit
der Gegenwart so sehr beschäftigt, daß man die Verräter gepriesen hat;
aber die Nachwelt, welche die Gegenstände in hellerem Lichte sieht,
hat immer gerecht gerichtet und manchen glänzenden Namen ins schwarze
Register geschrieben. Auch die Sache des Kaisers wird die Nachwelt
führen. So viel ist aber gewiß, daß zu allen Zeiten, wo es Soldaten
gibt, einer, der seine Fahne verläßt, immer für einen Schurken gelten
wird.«
»Ich gebe dies zu,« erwiderte Rantow, »nur sehe ich nicht ein, wie
dies den übereilten Zug nach Rußland entschuldigen könnte.«
»Meinen Sie denn, der Zustand Preußens sei uns so unbekannt gewesen?«
fragte der General; »man wußte so ziemlich, wie es dort aussah. Ich
war von Mainz bis Smolensk im Gefolge des Kaisers und namentlich in
deutschen Provinzen oft an seiner Seite, weil ich die Gegenden kannte,
und manchmal in seinem Namen Fragen an die Einwohner tun mußte. In
den preußischen Stammprovinzen fiel ihm und uns allen die Haltung
und das Ansehen der jungen Leute auf. Das ganze Land schien von
Beurlaubten angefüllt, und doch waren es immer nur die jungen Männer,
die hier geboren und erzogen waren. Die Haare waren ihnen militärisch
verschnitten, ihre Haltung war aufgerichtet, geregelt; sie standen
selten wie faule, müßige Gaffer da, wenn der Kaiser und sein Gefolge
vorüberzog. Nein, sie machten Front, wenn sie ihn sahen, die Füße
standen eingewurzelt, der linke Arm straff angezogen und an die Seite
gedrückt, das Auge hatte die regelrechte Richtung, und die rechte Hand
machte ihren Soldatengruß. Es waren dies keine Bauernbursche mehr,
sondern Soldaten, und der Kaiser wußte wenigstens, daß nicht die ganze
preußische Armee mit ihm ziehe.«
»Er ließ einen gefährlichen, beleidigten Feind in seinem Rücken,«
bemerkte Rantow.
»Ein gefährlicher Feind, Herr von Rantow, ist etwa eine beleidigte
Schlange, aber nicht eine Armee, nicht Männer von Ehrgefühl. Das
preußische Heer hatte sich mit der großen Armee vereinigt, und sobald
dies geschehen war, stand sie unter dem Oberbefehl des ersten Kriegers
dieser Armee; in dieser Eigenschaft hatten wir weder von ihnen noch von
den Zurückgebliebenen etwas zu fürchten; die Untergebenen band ihr Eid
an ihre Fahnen, und die Generale, die Repräsentanten dieser Fahnen,
band ihre Ehre. Wenn Sie die Sache aus diesem natürlichen Gesichtspunkt
betrachten wollen, so werden Sie am Betragen des Kaisers bei Beginn
jenes unglücklichen Feldzuges nichts Uebereiltes oder Unkluges finden.«
»Das preußische Heer, das gezwungen mit ausrückte,« erwiderte der
junge Mann, »gehörte nicht diesem Kaiser der Franzosen, sondern seinem
rechtmäßigen König, und in demselben Augenblick, als dieser sie ihrer
Pflichten gegen jenen ersten Krieger entband --«
»Konnten sie gegen uns selbst die Waffen richten,« fiel der General
ein; »da haben Sie vollkommen recht; sie konnten ihre Karrees bilden,
uns den Gehorsam weigern und, im Fall des Zwanges, Feuer auf unsere
Kolonnen geben, sie konnten sich im Angesicht der Armee mit den Russen
vereinigen, sie durften dies alles tun --«
»Nun ja -- das war es ja eben, was ich meinte. --«
»Nein, Herr! Das war es _nicht_,« fuhr jener eifrig fort. »Nur erst,
verstehen Sie wohl, _nur dann erst_, wann ihr König sie ihres Eides
entband, konnten sie den Gehorsam verweigern, sie _mußten_ es sogar,
auch auf die Gefahr hin, zu Grunde zu gehen. Solange dies nicht der
Fall war, handelten sie, wenn sie feindlich auftraten, als Verräter an
ihrer Ehre und sogar an ihrem König; denn die Ehre des Königs, der die
Befehlshaber gewählt hatte, bürgte gleichsam für ihr Betragen.«
»Nun, wenn ich auch dies von den Befehlshabern zugebe,« erwiderte
Rantow, »so hat wenigstens die Armee immerhin ihre Pflicht getan.«
»In diesem Fall nimmermehr!« rief der General; »wenn der Chef keinen
Befehl seines Herrn vorweisen kann, um seine Schritte zu entschuldigen,
und dennoch seine Schuldigkeit nicht tut oder sogar zum Verräter wird,
und zum Verräter nicht für sich allein, sondern mit einem ganzen Korps,
so hat jeder Offizier, jeder Soldat hat das Recht, ihn vor der Front
vom Pferd zu schießen!«
»Ei, Vater!« rief der junge Willi.
»Mein Gott, dies denn doch nicht,« rief zugleich der Fremde; »einen
General ~en chef~ vom Pferd zu schießen!«
»Und wenn man es unterlassen hat,« fuhr jener mit blitzenden Augen
fort, »so hat man seine Pflicht versäumt. Aber ich kenne noch recht
wohl jene schändliche Zeit und die Motive, die damals die Handlungen
der Menschen lenkten; Wölfe und Tiger waren sie geworden, die
menschliche Natur hatte man ausgezogen, Treue, Ehre, Glauben, alles
verloren, und für Heroismus galt damals, was sonst für eine Schandtat
gegolten hätte!«
»Nun, etwas Herrliches und Erhabenes, was sich damals offenbarte,
werden Sie doch nicht leugnen können,« sprach der Märker; »der
allgemeine Enthusiasmus, womit das ganze Volk aufstand, war doch
wirklich erhaben, ergreifend!«
»Das ganze Volk? -- aufstand?« rief der General bitter lachend; »da
müßte Deutschland erst auferstehen, ehe die Deutschen aufstünden. Es
war bei manchem ein schöner, aber unkluger Eifer, bei einigen Haß,
bei vielen Uebermut, bei den meisten war es Sache der Mode; und
Sie vergessen, daß Oesterreich, Bayern, Württemberg, daß Schwaben
und Franken nicht, was Sie sagen, aufstanden und denn doch auch zu
Deutschland gehörten. Und Ihre Enthusiasten selbst! Vor diesen wären
wir gewiß nie aus Sachsen gewichen!«
»Wenn es ihnen auch an jenen gerühmten Eigenschaften eines alten,
gedienten Soldaten gebrach, wahrhaftig, ihr Wille war schön, ihre Taten
groß, und ihre Einheit, ihre Aufopferung ersetzte vieles --«
»Einheit? Aufopferung? Wir nahmen, es war schon auf französischem
Boden, einmal ein solches Individuum gefangen. Es war ein junger,
schön geputzter Mann. Der Kaiser hatte von diesen Volontärs sprechen
gehört, man hatte ihm ihre Kleidung, ihre Haltung überaus komisch
beschrieben; er ließ daher den Gefangenen vortreten. Als dieser den
Kaiser erblickte, geriet er in augenscheinliche Verwirrung, dachte
nicht mehr daran, daß er selbst Soldat geworden sei und gegen den
größten Krieger zu Felde ziehe, sondern er nahm seinen Tschako am
Schild, riß ihn nach gewöhnlicher, bürgerlicher Weise vom Kopf, daß
der schöne Federbusch elendiglich in den Kot hing, und kratzte mit dem
Fuß hintenaus. Der Kaiser ließ ihn durch mich fragen, ob er unter den
deutschen Freiwilligen diene? Jener aber verbeugte sich noch einmal und
sagte: ›Ich bin vom Frankfurter Korps der Rache.‹ Der Kaiser konnte ein
Lächeln nicht unterdrücken, und als er weiter ritt, wandte er sich noch
einmal um. Der Sohn der Rache stand noch immer ganz verblüfft unter
einem Haufen von Franzosen, und jetzt erst schien er aus dem Traum zu
erwachen, er mochte sich auf die schöne _Zeil_ zurückwünschen. Der arme
Teufel sah aus, als wäre er ein Volontaire ~malgré lui~, als hätte er
nur seinem Schatz zu Gefallen sich in dem Korps der Rache einschreiben
lassen. Und dieser Rächer kehrte nicht mehr hinter den Ladentisch
seines Vaters heim. Ich sah ihn sechs Tage nachher ohne Beine, sterbend
wieder, seine eigenen Landsleute hatten ihn in unseren Reihen getötet.
Und von solchen Menschen verlangen Sie Einheit, Aufopferung?«
Der Preuße hatte dem General unmutig zugehört; es kam ihm vor, als
liege in den Zügen dieses Mannes Spott und Verachtung einer Sache,
die er immer als etwas Ungeheures, Welthistorisches, Großartiges zu
betrachten gewöhnt gewesen war. Der junge Willi sah diese unangenehmen
Gefühle, die mit der Ehrfurcht vor dem General in Rantows Brust zu
kämpfen schienen. Er nahm daher schnell das Wort und sagte: »Du warst
damals auf feindlicher Partei, lieber Vater, du sahst alles in einem
andern Lichte, und ich zweifle, ob nicht eure jungen Konskribierten
sich auf ähnliche Weise benommen hätten. Aber wahr bleibt es immer
und jedem unbefangenen Auge noch jetzt sichtbar, daß damals ein
erhabener, ungewöhnlicher Geist unter dem Volke, hauptsächlich im
Norden, wehte; die Mittelstände vorzüglich haben gezeigt, daß sie einer
bewunderungswürdigen Kraftäußerung fähig seien, und darauf, so schlecht
auch die Zeiten sind, kann man noch immer einige Hoffnung gründen.«