heftiger fort. »Ihr hattet euch längst losgesagt vom Reich, hattet kein
Herz mehr für das Allgemeine, wolltet einen eigenen Namen haben und
tatet euch viel darauf zu gut. Ihr sahet es vielleicht sogar gern, daß
man uns Schaft für Schaft entzweibrach, weil man uns fürchtete, solange
die übrigen Speere _ein_ Band umschlang. Habt ihr nicht gesehen, wie
weit es kam, als man in Sparta jeden Griechen einen Fremden nannte?
Verdammt sei dieses Jahrhundert der Selbstsucht und Zwietracht,
verdammt diese Welt von Toren, welche Eigenliebe und Herrschsucht Größe
nennt!«
»Aber lieber Vater --« wollte das Fräulein besänftigend einfallen, doch
der alte Herr war bei seinen letzten Worten schnell aufgestanden, und
der kleine Mensch in der Thierbergischen Livree eilte auf seinen Wink
mit zwei Kerzen herbei.
»Gute Nacht,« wandte er sich noch einmal zu seinem Neffen; »stoße dich
nicht daran, wenn du mich zuweilen heftig siehst; 's ist so meine
Natur. Schlafet wohl, Kinder!« setzte er ruhiger hinzu, »wenn die
Gegenwart schlecht ist, muß man von besseren Zeiten träumen.« Anna
küßte ihm gerührt die Hand, und die erhabene Gestalt des alten Herrn
schritt langsam der Türe zu. Rantow war so betroffen von allem, was er
gehört und gesehen, daß es ihm sogar entging, welche komische Figur
der Diener machte, der seinem Herrn zu Bette leuchtete. Die weite
Staatslivree, die er trug, hing beinahe bis zum Boden herab, und die
langen bordierten Aufschläge bedeckten völlig die Hände, welche die
silbernen Leuchter trugen. Er war anzusehen wie ein großer Pilgrim,
der einen Kalvarienberg hinan auf den Knieen rutscht. Um so erhabener
war der Kontrast des Mannes, der ihm folgte; er erschien, als er durch
den altfränkischen Saal unter den Familiengemälden seiner Ahnen
vorbeischritt, wie ein wandelndes Bild der guten alten Zeit.
Als der alte Herr das Gemach verlassen hatte, stand das Fräulein mit
einer Verbeugung gegen ihren Gast auf und trat in ein Fenster. Der
junge Mann fühlte an ihrem Schweigen, daß er diesen Abend Saiten
berührt haben müsse, die man anzutasten sonst vielleicht sorgfältig
vermied. Sie blickte hinaus in die Nacht, und Rantow trat an ihre
Seite; er hatte oft erprobt, wie sich Mißverständnisse leichter lösen,
wenn man sie in einen Scherz kehrt, als wenn man mit Ernst oder Wehmut
darüber spricht. Mit solch einem Scherz wollte er Anna versöhnen; doch
als er zu ihr ans Fenster trat, war der Anblick, der sich ihm darbot,
so überraschend, daß kein heiteres Wort über seine Lippen schlüpfen
konnte. Das tiefe, schwärzliche und doch so reine Blau, das nur ein
südlicher Himmel im Mondlicht zeigt, hatte er noch nie gesehen. Ueber
Wald und Weinberge herab goß der Mond seltsame Streiflichter, und im
Tal schimmerten seinen Glanz nur die zitternden Wellen des Neckars
und die Spitze des dunkeln Kirchturms zurück. Der falbe Schein dieses
Lichtes der Nacht hatte Annas Züge gebleicht, und in ihren schönen
Augen schwamm eine Träne. Jetzt erst, als alles so still und lautlos
war, vernahm man aus der Ferne die gehaltenen Töne einer Flöte, und
diese Klänge verbanden sich so sanft mit dem milden Schimmer des
Mondes, daß man zu glauben versucht war, es seien _seine_ Strahlen,
die so melodisch sich auf die Erde niedersenkten. Ein seliges Lächeln
zog über Annas Gesicht; ihr glänzender Blick hing an einer Waldspitze,
die weit in das Tal vorsprang, und ihre tieferen Atemzüge schienen der
Flöte zu antworten.
»Wie prachtvoll ist selbst die Nacht in Ihrem Tal!« sprach nach einer
Weile der Gast. »Wie schön wölbt sich der Himmel darüber hin, und der
Mond scheint nur für diesen stillen Winkel der Erde geschaffen zu sein.«
Anna öffnete das hohe Bogenfenster. »Wie warm und mild es noch draußen
ist!« sagte sie, indem sie freundlich in das Tal hinabschaute. »Kein
Lüftchen weht.«
»Aber die Bäume neigen sich doch her und hin,« erwiderte er, »sie
rauschen, gewiß vom Wind bewegt.«
»Kein Lüftchen weht,« wiederholte sie und hielt ihr weißes Tuch hinaus.
»Sehen Sie, nicht einmal dieses leichte Tuch bewegt sich. Und kennen
Sie denn nicht die alte Sage von den Bäumen? Nicht der Nachtwind ist
es, der ihre Blätter bewegt, sie flüstern jetzt und erzählen sich, und
wer nur ihre Sprache verstünde, könnte manches Geheimnis erfahren.«
»Vielleicht könnte man dann auch erfahren, wer der Flötenspieler ist,«
sagte der Vetter, indem er Anna schärfer ansah; denn schon war er so
eifersüchtig auf seine schöne Base geworden, daß ihm die süßen Töne vom
Wald her und ihr Tuch, das sie noch immer aus dem Fenster hielt, in
Wechselwirkung zu stehen schienen.
»Das kann ich Ihnen auch ohne die Bäume verraten,« erwiderte sie
lächelnd, indem sie das Tuch zurücknahm. »Das ist ein munterer
Jägerbursche, der seinem Mädchen einen guten Abend spielt.«
»Dazu ist aber die Entfernung doch beinahe zu groß,« fuhr er fort,
»manche Töne werden nicht ganz deutlich.«
»Im Dorf unten hört man es besser als hier oben«, sagte sie
gleichgültig und schloß das Fenster; »überdies sagt ja das Sprichwort:
›Das Ohr der Liebe hört noch weiter als das des Argwohns.‹«
»Schön gesagt,« rief der junge Mann, »doch das _Auge_ des Argwohns
sieht weiter als das der Liebe.«
»Sie haben recht,« entgegnete sie, »aber nur bei Tag, nicht bei Nacht.«
Diese, wie es schien, ganz absichtslos gesagten Worte überraschten den
jungen Mann so sehr, daß er beschämt die Augen niederschlug. Er warf
sich seine Torheit vor, daß er nur einen Augenblick glauben konnte, es
sei ein Liebhaber dieses arglosen Kindes, der dort im Walde musiziere.
»Und nun gute Nacht, Vetter,« fuhr Anna fort, indem sie eine Kerze
ergriff. »Träumen Sie etwas recht Schönes, man sagt ja, der erste
Traum in einem Hause werde wahr; Hans! leuchte dem Herrn Baron ins
rechte Turmzimmer! Und dies noch,« setzte sie auf französisch hinzu,
als der Diener näher trat, »vermeiden Sie, mit meinem Vater über Dinge
zu sprechen, die ihn so tief berühren. Er ist sehr heftig, doch gilt
sein Zorn nie der Person, sondern der Meinung. Es war _meine_ Schuld,
daß ich Sie nicht zuvor unterrichtet habe, morgen will ich nähere
Instruktionen erteilen. -- Gute Nacht!«
Sinnend über dieses sonderbare und doch so liebenswürdige Wesen folgte
der Gast dem Diener, und die dumpf hallenden Gänge und Wendeltreppen,
das vieleckige, in wunderlichen Spitzbogen gewölbte Gemach, das
altertümliche Gardinenbette, so manche Gegenstände, die er sonst so
aufmerksam betrachtet hätte, blieben diesmal ohne Eindruck auf seine
Seele, die nur eifrig beschäftigt war, den Charakter und das Benehmen
Annas zu prüfen und zu mustern.
5.
Als der Gast am folgenden Morgen nach einer sorgfältigen Toilette
hinabging, um mit seinen Verwandten zu frühstücken, konnte er sich
anfänglich in dem alten Gemäuer nicht zurechtfinden. Ein Diener,
auf welchen er stieß, führte ihn dem Saal zu, und an den Gängen und
Treppen, die er durchwandern mußte, bemerkte er erst, was ihm gestern
nicht aufgefallen war, daß er im entlegensten Teil dieser Burg
geschlafen habe. Auf sein Befragen gestand ihm der Diener, daß sein
Gemach das einzige sei, das man auf jener Seite noch bewohnen könne,
und außer dem Wohnzimmer mit den gewirkten Tapeten, dem Schlafzimmer
des alten Herrn, dem Saal, dem kleinen Zimmerchen in einem andern Turm,
wo Fräulein Anna wohne, sei nur noch das ungeheure Bedientenzimmer,
das früher zu einer Küche gedient habe, und die Wohnung des Amtmanns
einigermaßen bewohnbar; die übrigen Gemächer seien entweder schon halb
eingestürzt oder würden zu Fruchtböden und dergleichen benützt. Der
stolze Sinn des Oheims und die fröhliche Anmut seiner Tochter standen
in sonderbarem Widerspruch mit diesen öden Mauern und verfallenen
Treppen, mit diesen sprechenden Bildern einer vornehmen Dürftigkeit.
Der junge Mann war, wenn nicht an Pracht, doch an eine gewisse
reinliche Eleganz in seiner Umgebung selbst an den Treppen und Wänden
gewöhnt, und er konnte daher nicht umhin, seine Verwandten, die in so
großer, augenscheinlicher Entbehrung lebten, für sehr unglücklich zu
halten. Das romantische Interesse, das der erste Anblick dieser Burg
für ihn gehabt hatte, verschwand vor dieser traurigen Wirklichkeit, und
wenn er sich dachte, wie die Mauerrisse und Spalten, durch welche jetzt
nur die warme Morgensonne hereinfiel, den Stürmen des Winters freien
Durchgang lassen mußten, war ihm Annas Furcht vor dieser Jahreszeit
wohl erklärlich.
»Und ein so zartes Wesen diesen rauhen Stürmen ausgesetzt,« sagte er
zu sich, »ein so reicher und gebildeter Geist ohne Umgang, vielleicht
ohne Lektüre, einen ganzen Winter lang in diesen Mauern vom Schnee und
Wetter gefangen gehalten, einsam bei dem ernsten, feierlichen, alten
Mann! Und dieser ehrwürdige Alte, der einst bessere Tage gesehen, durch
die Ungunst der Zeit in unverschuldete Dürftigkeit und Entbehrung
versetzt!« Von so gutmütiger Natur war das Herz des jungen Mannes, daß
er vor der Türe des Saales halb und halb den Entschluß faßte, um die
schöne Anna zu freien, sie in die Mark zu führen, oder wenn ihm das
Leben in Schwaben besser gefallen sollte, mit ihr in die Residenz zu
ziehen und für den Sommer Thierberg wieder instandsetzen zu lassen.
Der Alte empfing ihn mit einem herzlichen Morgengruß und derben
Händedruck, und Anna erschien ihm heute noch freundlicher und
zutraulicher als gestern. Das Tagewerk der Knechte wurde in seiner
Gegenwart angeordnet, und mit Wonne sah er Anna eine Geschäftigkeit
im Hauswesen entfalten, die er der feingebildeten jungen Dame nicht
zugetraut hätte. Auch über ihre eigenen Geschäfte sprachen die
Bewohner des Schlosses. Der Alte wollte vormittags mit seinem Verwalter
rechnen, Anna den Gast unterhalten und einen Spaziergang mit ihm ins
Tal hinab machen. Nach Tische wollte sie bei einigen Damen in der
Nachbarschaft Besuche abstatten, der Alte das Stück Wald, das ihm noch
eigen gehörte, mustern, und Albert sollte ihn begleiten. Der Abend
sollte sie alle zum Spiel vereinigen. So angenehm dem jungen Manne
die Aussicht war, einen ganzen Vormittag mit der schönen Cousine zu
verleben, so erschreckte ihn doch ein so langer Waldspaziergang mit dem
ernsten Onkel, der alle Augenblicke die sonderbarsten, vielseitigsten
Kenntnisse verriet und in so hohem Alter noch ein Wortgedächtnis hatte,
vor welchem jenem graute. »Wie, wenn er dich den ganzen Nachmittag
ausfragte, was du gelernt hast!« sagte er zu sich. »Wie schnöde wird
es dann an den Tag kommen, welche Lehrstühle und Säle in Berlin du
_nicht_ besucht, und wie schnell wird er ahnen, _welche_ du besucht
hast.« Einiger Trost für ihn war seine geläufige Zunge und ein wenig
Disputierkunst, das einzige, was ihm von seinem Hofmeister übrig
geblieben war. Doch wie einen zum Galgen Verdammten das Henkermahl noch
erfreut, das ihm der Nachrichter zu- und anrichten muß, so richtete
sich seine geängstigte Seele an der schönen Gegenwart auf. Und welcher
Himmel ging ihm erst auf, als der Onkel, nachdem er schon Hut und
Stock ergriffen hatte, sich noch einmal zu seinem Neffen wandte. »Noch
etwas!« sagte er zu ihm. »So lange Thierberg steht, ist es Sitte, daß
die nächsten Verwandten gleicher Linie mit Du unter sich reden; ich
denke, du wirst mit Anna keine Ausnahme machen, weil du hundert Meilen
nördlicher geboren bist.«
Anna lächelte und schien es ganz in der Ordnung zu finden, aber mit
freudeglühenden Wangen sagte der junge Mann zu; dankbar blickte er
dem alten Oheim nach, der ihm in diesem Augenblick wie ein Bote der
Liebe erschien. Leider vergaß er dabei, daß dieses Du nicht das süße,
heimliche Du der Liebe sei, und daß ein so nahes Verhältnis zwar der
Freundschaft förderlich, für die entstehende Liebe aber ein Hindernis
sein könnte.
»Und du wolltest mir gestern abend noch Instruktionen geben,« sagte
er, indem er sich in das Fenster zu dem Fräulein setzte. »Es ist mir
angenehm, wenn du mir recht viel vom Onkel sagst, ich habe ihn mir
durchaus anders gedacht, und daher kam nun wohl gestern abend mein
Mißgriff.«
»Wie hast du dir ihn denn gedacht?« fragte Anna.
»Nun, ich setzte mir aus dem, was Mutter und Vater erzählten, ein Bild
zusammen, das nun freilich nicht paßt. Seit mein Vater Kammerjunker an
eurem Hofe war und nachher die Mutter nach Preußen heimführte, mögen
es doch etwa dreißig Jahre sein. Damals war wohl Onkel etwa fünf- bis
sechsunddreißig Jahre alt, und man nannte ihn noch immer den Junker,
denn der Großvater Thierberg lebte noch. Mein Vater beschreibt ihn nun
gar komisch, wenn er auf ihn zu sprechen kommt. Er war hier im Schloß
aufgewachsen unter der Aufsicht seines Herrn Papa und seiner Frau Mama.
Die guten Großeltern könnte ich malen. Sie müßten in den geblümten
und ausgenähten Fauteuils sitzen, aufrecht und anständig frisiert;
die Großmama in einem blauseidenen Reifrock, der Großpapa in einem
verschossenen Hofkleid. Sie sind die regierende Familie in ihrem Land,
der Amtmann und der Pastor ihr Hofstaat. Der Erbprinz lernte hier nicht
viel mehr, als sich anständig verbeugen, die Hand küssen, reiten und
jagen, und die Prinzessinnen sollen ihn an Bildung weit übertroffen
haben. Die zwei Jahre Garnisonleben bei den Reichstruppen hatten ihn
nicht gerade verfeinert, und so soll er immer zur größten Lust der
Verwandten gedient haben, wenn er um die Zeit, da man alljährlich die
Remontepferde von Leipzig brachte, in die Residenz kam. Meine Mutter
wurde damals bei Onkel Wernau erzogen, und mein Vater kam täglich in
das Haus. Wenn dann dein Vater im Herbst zu Besuch kam, verhehlte
er nicht, daß er nur gekommen sei, um die schönen Remontepferde zu
betrachten, zog den ganzen Tag bei Bereitern und in den Ställen umher,
freute sich, mit seiner großen Pferdekenntnis glänzen zu können, und
unterhielt abends die glänzende Gesellschaft bei Wernaus durch sein
sonderbares Wesen, das zwar nie linkisch oder unanständig, aber im
höchsten Grade naiv, ungezwungen und komisch war. Mein Vater sagte oft
›Er war ein Bild der guten alten Zeit, nicht jener steifen Zeit, wo man
den Hofton und die Reifröcke in jedem Winkel des Landes affektierte,
sondern einer viel früheren. Er war das Muster eines schwäbischen
Landjunkers.‹«
Der junge Mann hielt inne in seiner Beschreibung, als er sah, daß seine
Zuhörerin lächelte. »Du findest vielleicht diese Züge unwahr,« sagte
er, »weil sie auf heute nicht mehr passen, und doch versichere ich --«
»Mir fiel nur,« erwiderte sie, »als du dies das Bild eines schwäbischen
Landjunkers nanntest, jenes Buch ein, das beinahe mit denselben Zügen
einen Landjunker in -- Pommern schildert. Du versetzest nun dieses Bild
in mein Vaterland, in dieses Schloß sogar; sonderbar ist übrigens,
daß beinahe kein Zug mehr zutrifft. In dem gut gemalten Bilde eines
Jünglings muß man sogar die Züge des Greises wiedererkennen, doch
hier --«
»Das wollte ich ja eben sagen; ich fand den Onkel so ganz und durchaus
anders, daß ich selbst nicht begreifen konnte, wie er einst jener
muntere, naive Junge habe sein können.«
»Ich spreche ungern mit Männern über Männer, ich meine, es passe
nicht für Mädchen,« nahm Anna das Wort; »über meinen Vater vollends
habe ich nie -- _beinahe_ nie gesprochen,« setzte sie errötend hinzu,
»doch mit dir will ich eine Ausnahme machen. Ich kenne zwar den Vater
nicht anders, als wie er jetzt ist; es ist möglich, daß er vor dreißig
Jahren etwas anders war, aber bedenke, Vetter Albert, durch welche
Schule er ging! Alles, alles, was ihm einst lieb und wert war, hat
diese furchtbare Zeit niedergewühlt. Oder meinst du, jene Verhältnisse,
so sonderbar und unnatürlich sie vielleicht erscheinen, seien ihm
nicht teuer gewesen? Wie oft, wenn die alten Herren in der vormaligen
Reichsritterschaft im Saal waren und sich besprachen über die gute alte
Zeit, wie oft hätte ich da weinen mögen, aus Mitleid mit den Greisen,
die sich nun so schwer in diese neuen Gestaltungen finden!«
»Aber ging es ganz Europa besser? Denke an Spanien, Frankreich,
Italien, Polen und das ganze Deutschland,« erwiderte der Gast.
»Ich weiß, was du sagen willst,« fuhr sie eifrig fort; »man soll über
dem Unglück und der Umwühlung eines Weltteils so kleine Schmerzen
vergessen; aber wahrlich, so weit sind wir Menschen noch nicht. Auf
diesen Standpunkt erhebe sich, wer kann, und ich meine, er wird auch
in seiner Großherzigkeit wenig Trost, weder für sich noch für das
Allgemeine finden. Und ich möchte überdies noch behaupten, daß unter
allen, die überall gelitten haben, vielleicht gerade diese Ritterschaft
nicht am wenigsten litt. Andere Wunden, die man nur dem Vermögen
schlägt, heilen mit der Zeit, doch wo, nicht durch Revolution, sondern
im Namen gesetzlicher Gewalt, so alte, lang gewöhnte Bande zersprengt,
und Formen, die auf ewig gegründet schienen, zertrümmert werden, das
eine Stück hierhin, das andere dorthin gerissen -- werden die teuersten
Interessen in innerster Seele verwundet. Wenn so die alten Hauptleute
und Räte der Ritterschaft, einige Komture und deutsche Ritter um die
Tafel sitzen, so glaubt man oft Gespenster, Schatten aus einer anderen
Welt zu sehen. Doch wenn man bedenkt, daß dies alles, was sie einst
erfreute, so lang vor ihnen zu Grabe ging, und diese Titel von der
jungen Welt nicht mehr verstanden werden, so kann man mit ihnen recht
traurig werden.«
»Es ist wahr,« bemerkte der Gast, »und man muß gerecht sein; sie wurden
von früher Jugend in der Achtung und im ritterlichen Eifer für jene
alten Formen erzogen, glänzten vielleicht eben im ersten Schimmer einer
neuen Amtswürde, als das Unglück hereinbrach und alles auflöste; und
wie schwer ist es, alten Gewohnheiten zu entsagen, alte Vorurteile
abzulegen!«
»Um so schwerer,« setzte Anna hinzu, »wenn man ein Recht und
gesetzliche Ansprüche darauf zu haben glaubt. Hätte man jene Bande
sanft gelöst, man würde sich nach und nach gewöhnt haben; so aber war
es das Werk eines Augenblicks. Vermögen, Ansehen und Würden gingen
zugleich verloren, und mancher wurde geflissentlich gekränkt. So
wurde der Unmut über die Veränderung zur Erbitterung. Der Vater hat
oft erzählt, wie sie ihm an _einem_ Tage alle Familienwappen von den
Wänden gerissen, das Vieh geschätzt, Pferde weggeführt, die Braupfannen
versiegelt und für Staatseigentum erklärt haben; die Mutter war
krank, der Vater außer sich gebracht durch höhnische Behandlung der
neuen Beamten, und um das Unglück vollkommen zu machen, legten sie
fünfundsiebzig Franzosen in dieses Schloß, die nicht plündern, aber
ungestraft stehlen durften, und wenn sie weiter zogen, nur ebensoviel
neuen Gästen Platz machten.«
»Wahrhaftig!« rief Albert, »ein solches Schicksal hätte wohl auch den
fröhlichsten Junker ernst machen müssen!«
»Wie es ging, weiß ich nicht; nur so viel nahm ich mir aus den
Gesprächen ab, daß er seit jener Zeit ganz verändert sei. Er hielt
sich meistens zu Hause, las viel und studierte manches. Er gilt jetzt
in der Gegend für einen Mann, der viel weiß, und muß in manchen Fällen
Rat geben. Doch um auf die Instruktionen zu kommen, die ich dir
erteilen wollte, so kannst du sie aus dem, was ich dir erzählte, selbst
abnehmen. Berühre nie die früheren politischen Verhältnisse, wenn du
ihn nicht wehmütig machen willst, sprich nie von dem Kaiser --«
»Von welchem Kaiser?« unterbrach sie der Vetter.
»Nun, von Napoleon, wollte ich sagen; er sieht ihn als den Urheber
aller seiner Leiden an, und wenn etwa der General in diesen Tagen
kommen sollte, laß dich in keinen politischen Diskurs ein; sie sind
schon so heftig aneinander geraten.«
»Wer ist denn der General?« fragte Albert. »Hat nicht dein Vater mich
gestern aufgefordert, mit ihm über die neuere Kriegszucht zu sprechen?«
»Der General Willi ist unser Nachbar,« erwiderte Anna, »und wohnt
eine halbe Stunde von hier, den Neckar abwärts. Er gehört so sehr der
neueren Zeit an, als der Vater der alten, und ich kann ihm seine Art zu
denken ebensowenig verargen als meinem Vater. Er machte in den früheren
Feldzügen eine sehr schnelle Karriere, und der Kaiser selbst soll ihn
im Feldzuge von 1809 beredet haben, unsern Dienst zu verlassen und in
die Garde zu treten. Er war mit in Rußland, wurde bei Chalons gefangen
und zog sich nachher gänzlich zurück. Hier hat er nun ein Gut gekauft,
ist ein sehr vermögender Mann und lebt im stillen seinen Erinnerungen.
Du kannst dir denken, daß ein Mann, der in solchen Verhältnissen
seine schönsten Jahre lebte, wohl auch noch heute von der Sache, für
welche er einst focht, eingenommen ist; er ist, was man so nennt, ein
eigensinniger Napoleonist und hat wenigstens so gut als irgend einer
Grund dazu.«
»Wenn er ein Franzose wäre,« entgegnete Albert, »dann möchte es ihm
hingehen. Aber für einen Deutschen schickt es sich doch wahrhaftig
nicht. Es war keine _Sache_, für welche er focht, sondern ein Phantom.«
»Streiten wir nicht darüber,« fiel ihm Anna ins Wort. »Ich bin
überzeugt, wenn du diesen liebenswürdigen, edlen Mann kennen lernst,
wirst du ihm seinen Enthusiasmus vergeben.«
»Wie alt ist er denn?« fragte jener befangen.
»Ein guter Fünfziger,« erwiderte Anna lächelnd. »Mir aber scheint er,
wie gesagt, für seine Gesinnungen ein so gutes Recht zu haben als der
Vater. Wurde ja doch auch, was _ihm_ groß und erhaben deuchte, zerstört
und verhöhnt, und du weißt, daß dies nicht der Weg ist, die Menschen
mit dem Neueren auszusöhnen. Die beiden Herren haben große Zuneigung
zueinander gefaßt, obgleich sie in ihren Meinungen so schroff einander
gegenüberstehen. Oft kommt es unter ihnen zu so heftigem Streit, daß
ich immer einmal einen wirklichen Bruch der nachbarlichen Verhältnisse
voraussehe. Ich glaube, wenn mehr Damen zugegen wären, würde es nie
so weit kommen, aber leider hat auch der General vor einigen Jahren
seine Frau verloren. Sie war eine treffliche Frau, und meine Mutter
schätzte sie sehr; der Vater konnte es ihr aber nie vergeben, daß sie
eine Bürgerliche war, und seine Schwester, die jetzt eben bei ihm ist,
pflegt immer nur auf kurze Zeit einzukehren.«
Der alte Thierberg, der in diesem Augenblick von seinem Amtmann
zurückkam, unterbrach dieses Gespräch, das der junge Mann noch lange
hätte fortsetzen mögen; denn Base Anna erschien ihm, wenn sie lebhaft
sprach, wenn ihre Augen während ihrer Rede immer heller glänzten, und
ihre zarten Züge jede ihrer Empfindungen abspiegelten, immer reizender,
liebenswürdiger zu werden, und er glaubte aus dem Vergnügen, das ihr
die Unterhaltung mit ihm zu gewähren schien, nicht mit Unrecht einen
günstigen Schluß für sich ziehen zu dürfen.
6.
Von allen seinen früheren reichsfreiherrlichen Rechten war dem
alten Thierberg nur die Ernennung oder, wie man es dort nannte, die
Präsentation des Schulmeisters übrig geblieben, und er verwünschte auch
diesen letzten Rest ehemaliger Größe und Gewalt, als er nachmittags
zwei Schulamtskandidaten mit dem Thierberger Prediger ins Schloß
treten sah. Er hieß seinen Neffen allein in den Wald vorausgehen und
versprach, bald zu folgen. Der junge Mann wanderte langsam jenen Weg
hinan, welchen ihn Anna zuerst geführt hatte. Oft stand er stille und
sah zurück auf diese altertümliche Burg, und gerne verweilte sein Auge
auf jenem Turm, in dessen Zimmerchen Anna wohnte. Wie liebte er dieses
klare, ruhige, natürliche Wesen, gepaart mit so viel Anstand und mit
so feiner Bildung! Er konnte sich auf nichts Aehnliches besinnen.
Oft wollten zwar in seiner Erinnerung die Damen der Mark diesem
Schwabenkind den Vorrang streitig machen. Es deuchte dem jungen Mann,
er habe elegantere Formen gesehen, gewandter, zierlicher sprechen
gehört, er rief sich jede einzelne Schönheit, die ihn sonst bezauberte,
zurück, aber er bekannte, daß es gerade diese Unbefangenheit, diese
Ruhe sei, was ihm so überraschend, so neu, so liebenswürdig erschien.
»Sie ist zu verständig, zu ruhig, zu klar, um jemals recht lieben zu
können,« fuhr er in seinen Gedanken fort, »aber schätzen wird sie mich,
sie wird Interesse an mir finden. Und gerade diese Klarheit, diese
Art, über das Leben zu denken, muß ihr andere, bessere Verhältnisse
längst wünschenswert gemacht haben. Bequeme, elegante Wohnung, eine
geschmackvolle Garderobe, Wagen, Pferde, Bediente, eine ausgesuchte
Bibliothek, das sind die Dinge, welche in einem solchen kalten Herzen
die Liebe ersetzen; so unbefangen sie ist, so weiß sie doch in ihrer
Unbefangenheit die Dame recht wohl zu spielen, und wirklich -- es muß
ihr als Frau von Rantow allerliebst stehen!«