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Buches.
Wilhelm Hauffs
sämtliche Werke in sechs Bänden
Mit einer biographischen Einleitung
von _Alfred Weile_
Neu durchgesehene Ausgabe
:: :: in neuester Rechtschreibung :: ::
Zweiter Band.
A. Weichert, Verlagsbuchhandlung und Buchdruckerei
_Berlin_ NO.⁴³ Neue Königstr. 9
Novellen.
Zweiter Teil.
Phantasien im Bremer Ratskeller.
Inhaltsverzeichnis.
Seite
Das Bild des Kaisers 5
Die letzten Ritter von Marienburg 88
Die Sängerin 145
Phantasien im Bremer Ratskeller 190
Das Bild des Kaisers.
1.
In dem Kabriolett des Eilwagens, der zweimal in der Woche von Frankfurt
nach Stuttgart geht, reisten vor einigen Jahren an einem der schönsten
Tage des Septembers zwei junge Männer. Der eine von ihnen war erst
eine Station hinter Darmstadt eingestiegen und hatte dem früheren
Passagier schon beim ersten Anblick durch sein schmuckes Aeußere und
den freundlichen Gruß, womit er sich neben ihn setzte, die Furcht,
der Zufall möchte ihm eine unangenehme Nachbarschaft geben, völlig
benommen. Der Fortgang der Reise bewies, daß er nicht unrichtig
geurteilt hatte, wenn er seinen Reisegefährten für einen wohlerzogenen,
anständigen Mann hielt. Was er sprach, war, wenn nicht gerade heiter,
doch offen und verständig; nicht selten sogar überraschten den
Reisenden leicht hingeworfene Aeußerungen, Gedanken seines Nachbars,
die von feiner Bildung, gesellschaftlicher Erfahrung und einer
Belesenheit zeugten, die er denn doch hinter dem etwas groben Jagdrock
und der unscheinbaren Ledermütze nicht gesucht hätte. Ueberhaupt
deuchte es diesem Reisenden, er müsse, je weiter er im Süden vordrang,
desto öfter und nicht ohne Beschämung dem Lande und den Bewohnern
Vorurteile abbitten, die man in der Ferne vom Hörensagen, besonders in
einem Alter von vierundzwanzig Jahren, so leicht annimmt.
Wie anders war ihm dieses Land im Brandenburgischen geschildert worden!
Manche Reisende hatten zwar diese Bergstraße, dieses Neckartal gelobt,
doch erschien dann ihre Beschreibung matt und klein gegen die Wunder
der Schweiz, zu welcher sie auf dieser Straße geeilt waren. Ueber die
Bewohner war aber in seiner Heimat nur _eine_ Stimme. Hier, bald hinter
Darmstadt, fangen die Schwaben an, erzählte man dem jungen Reisenden
in Berlin, mit einem mitleidigen Blick auf die Karte, mit einem noch
mitleidigeren auf ihn, der diese Länder besuchen wolle. Da geht alles
gesellschaftliche Leben, alle Bildung aus; ein rohes, ungesittetes
Volk, das nicht einmal gutes Deutsch sprechen kann. Und leider! nicht
nur die untersten Klassen leiden an diesem Mangel, auch die besseren
Stände haben einen Anstrich von eingeschränktem, ungalantem Wesen
und reden so elendes Deutsch, daß sie vor Fremden, um nicht erröten
zu müssen, Französisch sprechen. Das war der Reisepfennig, den man
ihm nach Schwaben mitgab, und in dem jungen und romantischen Kopf
des jungen Brandenburgers hatten diese Sagen sich endlich während
der schönen Muße, die ihm die Sandkunststraßen und die schnapsenden
Postillons seines Vaterlandes gönnten, so sonderbar gestaltet, daß
er sich selbst wie einer jener wohlerzogenen, jungen Herrn in einem
Scottischen Roman erschien, die von den wehmütigen Erinnerungen an
die feinsten Zirkel, an Theater und alle Genüsse der großen Welt
erfüllt, von London aus reisen, um das _Hochland und seine barbarischen
Bewohner_ zu besuchen.
Doch als die herrliche Welt jener Berge voll Obst und Wein und jene
gesegneten Täler sich vor seinen Blicken auftaten, als die schönen
Dörfer mit ihren roten Dächern, mit ihren reinlichen, fröhlichen
Menschen seinem erstaunten Auge sich zeigten, als da und dort
zwischen prachtvollen Buchenwäldern eine alte Burg und ein Schloß mit
schimmernden Fenstern auftauchte, da fiel er beinahe in das andere
Extrem; er strömte über von Lob und Bewunderung und bemitleidete
die arme, flache Mark, ihren kahlen Sandboden, ihre mageren Tannen
und ihre bleichen Bewohner, von welchen vielleicht Tausende aus dem
Leben gingen, ohne nur eine jener üppigen Trauben gesehen zu haben,
die hier in unendlicher Fülle durch das grüne Laub schimmerten, und
ein schwacher Trost für seinen Patriotismus war, daß die Natur seine
Landsleute durch höhere Einsicht, eine wohllautendere Sprache und
feinere Bildung in etwas wenigstens entschädigt habe.
Der junge Mann an seiner Seite schien übrigens, obgleich man seiner
Sprache den südlichen Akzent anfühlte, die Gesetze des Anstandes nicht
minder gut zu verstehen als der Brandenburger; zum mindesten verriet
keine seiner Fragen Neugierde, über dessen Stand, Vaterland und
Reisezweck etwas zu erfahren, er benahm sich zuvorkommend, aber würdig,
schien geneigter zu antworten, als zu fragen, und übernahm es, ohne
sich dadurch belästigt zu fühlen, den Fremden über Namen und Geschichte
der Burgen und Städte, die ihm auffielen, zu unterrichten.
So ruhig und kalt übrigens der junge Mann im Jagdkleid über diese Dinge
Aufschluß gab, so waren es doch zwei Punkte, über welche er wärmer und
länger sprach. Einmal, als sein Nebensitzer über die gute Gesellschaft
in Schwaben einige seiner sonderbaren Begriffe preisgab, sah ihn
der Grüne mit Verwunderung an, fragte ihn auch, ob er vielleicht
auf einem andern Wege schon früher in Schwaben gewesen sei, und als
jener es verneinte, erwiderte er: »Ich weiß, man macht sich hin und
wieder, besonders in Norddeutschland, sonderbare Begriffe von uns.
Ob mit Recht, mögen Sie selbst entscheiden, wenn Sie einige Zeit in
unserer Mitte verweilt haben. Doch möchte ich Ihnen raten, zuvor etwas
unbefangener die mögliche Quelle solcher Urteile zu betrachten. Ich
gebe zu, daß eine gewisse nachteilige Ansicht über mein Vaterland seit
Jahrhunderten besteht; zum mindesten sind die Schwabenstreiche nicht
erst in unseren Tagen bekannt geworden. Doch scheint ein großer Teil
dieser aberwitzigen Dinge aus einer gewissen Eifersucht der Volksstämme
hervorzugehen und aus der Kleinstädterei, die von jeher in unserem
lieben Deutschland herrschte. In Schwaben zum Beispiel erzählt man alle
jene Sonderbarkeiten, die andere uns aufbürden, von den Oesterreichern;
daß aber dieses Vorurteil selbst in neueren Zeiten, selbst durch die
Fortschritte der Kultur und das regere gesellige Leben nicht geschwächt
wurde, hat zwei wichtige Gründe, die größere Schuld aber liegt nicht
auf der Seite von Süddeutschland.«
»Bitte!« rief der brandenburgische Reisende etwas ungläubig, »ich
sollte doch nicht denken --«
»Man beurteilt unsere Sitten nach meinen Landsleuten, die man in
Norddeutschland sieht. Wenn nun diese auch die vernünftigsten Menschen
wären, es würden ihnen doch zwei Mängel anhängen, die sie in Ihren
Augen in Nachteil setzen. Einmal die Sprache --«
»Bitte!« erwiderte sein Gefährte verbindlich. »Nicht alle, Sie zum
Beispiel drücken sich allerliebst aus.«
»Ich drücke mich aus, wie ich denke, und so macht es ein guter
Teil meiner Landsleute auch; weil wir aber die Diphthongen anders
aussprechen als ihr, die Endsilben entweder nach unserer altertümlichen
Form ändern oder im Sprechen übereilen, klingt euch unsere Sprache
auffallend, hart, beinahe gemein. Die meisten Schwaben, die Sie bei
sich sehen, sind junge Männer, die von der Universität kommen und
die Anstalten in Norddeutschland besuchen, oder Kaufleute, die ihr
Handelsweg dahin führt. Diesen Menschen legen nun Ihre Landsleute
durchaus ihren eigenen Maßstab an und tun sehr unrecht daran. In Ihrem
Lande wird den äußeren Formen und dem Benehmen des Knaben und des
Jünglings einige Aufmerksamkeit geschenkt, er wird sehr bald in die
geselligen Kreise gezogen; bei uns findet dies vielleicht erst um acht
oder zehn Jahre später statt.«
»Nun das ist es ja gerade, was ich sagte,« entgegnete jener; »diese
Formen gewinnt keiner durch sich selbst, und dies ist also ein Fehler
Ihrer Erziehung --«
»Vorausgesetzt, daß jene Formen wirklich so trefflich, daß sie _das_
sind, was dem zukünftigen Bürger eines Staates vor allem als nützlich
und notwendig einzuimpfen ist.«
»Das soll es ja nicht; aber so auf dem Wege mitnehmen kann er sie doch
wohl,« meinte der Fremde.
»Wenn er sie nur so mitnimmt, verliert er sie auch gelegentlich,«
erwiderte der Schwabe. »Doch das ist nicht der Punkt, wovon wir
sprechen. Ich behaupte nur, man hat in Norddeutschland unrecht, unsere
Sitten und unsere Gesellschaft nach Leuten zu beurteilen, die der
Gesellschaft eigentlich noch nicht angehört hatten, die vielleicht in
die Welt geschickt wurden, um ihre Sitten abzuschleifen. Oder wollen
Sie nach einigen jungen Gelehrten, die gerade aus der Studierstube zu
Ihnen kamen und sich vielleicht ungeschickt in Sprache und Manieren
zeigten, die Landsleute dieser Menschen beurteilen?«
»Gewiß nicht, aber gestehen Sie selbst, man hört doch selbst von der
guten Gesellschaft in Schwaben so sonderbare Gerüchte von ihren Sitten
und Gebräuchen, von ihren Frauen und Mädchen.«
»Vielleicht kaum so sonderbar,« versetzte der Jäger lächelnd, »als man
bei uns von den Sitten Ihrer Damen hört; denn unsere Mädchen stellen
sich die _norddeutschen_ Damen gewiß immer mit irgend einem gelehrten
Buche in der Hand vor. Die zweite Quelle des Irrtums über mein
Vaterland sind aber _Ihre_ reisenden Landsleute und die eigentümlichen
Verhältnisse unseres Familienlebens. In Norddeutschland fällt es nicht
schwer, in Familienkreisen Zutritt zu bekommen, durch _einen_ Bekannten
zehn zu erwerben. In Schwaben ist es anders; man ist heiter, gesellig
_unter sich_, der Fremde wird als etwas Fremdes angestaunt, aber eher
vermieden als eingeladen, doch werden _Sie_ für diese scheinbare Kälte
immer eine Entschädigung finden. Ihre Landsleute öffnen die Tür, aber
selten das Herz; meine Schwaben sind vorsichtiger, aber sie schließen
sich an _den_, welchen sie liebgewonnen, mit einer Herzlichkeit an, die
Sie bei künstlich verfeinerten Sitten umsonst suchen.«
»Und also liegt eine zweite Quelle unserer Vorurteile,« fragte der
Fremde, »darin, daß meine Landsleute eigentlich gar nicht in Ihren
Kreisen einheimisch wurden?«
»Gewiß!« sagte der Nachbar. »Lernen Sie, wenn Ihnen das Glück wohlwill,
in die Kreise unserer bessern Stände zu kommen, lernen Sie uns näher
kennen, lassen Sie sich nicht durch Ihre eigenen Ansichten über Leben
und Sitte durchaus leiten, und Sie werden ein gutes, herzliches
Völkchen finden, gebildet genug, um, wenn man nur die rechte Saite
anschlägt, sich mit den Gebildetsten zu messen, vernünftig genug, um
die Grenzen guter Sitten festzuhalten und das Lächerliche der Unsitte
zu belächeln.«
Der Fremde aus der Mark lächelte. »Er liebt sein Land,« dachte er,
»und er verteidigt es mit Wärme, weil er es nicht sinken lassen
will oder Besseres nie gesehen hat.« Er entschuldigte bei sich die
warme Verteidigung des Schwaben, aber dennoch konnte er es sich
nicht versagen, einen kleinen Triumph über jenen zu feiern. Er
machte ihn mit der Geläufigkeit der Zunge und jener Uebung, über ein
_Nichts_ schnell und vieles zu sprechen, -- die man im Norden unseres
Vaterlandes häufiger als im Süden treffen soll -- auf andere große
Vorzüge aufmerksam, welche die nördlichen Provinzen Deutschlands vor
den südlichen voraus haben. Er zählte immer zwanzig Schriftsteller
und Dichter seiner Heimat gegen _einen_ im Süden, und der Schwabe
konnte endlich dem Schwall seiner Beredsamkeit nur dadurch Einhalt
tun, daß er, als sie um eine Ecke der Landstraße bogen, auf die
erhabenen Ruinen von Heidelberg hinwies; der Fremde betrachtete sie
staunend und mit Entzücken. Ihre rötlichen Steinmassen waren von der
sinkenden Herbstsonne noch höher gerötet, und der Abend ließ die Bäume
und Gesträuche, die in den verfallenen Mauern wachsen, im dunkelsten,
wundervollsten Grün erscheinen. Durch die hohen, offenen Fensterbogen
blickte der schwärzliche Wald hervor, den Gipfel des Berges umzog jener
duftige Schleier, welcher allen Gegenständen so eigenen geheimnisvollen
Reiz verleiht, und von oben herab spiegelten sich die rötlichen
Abendwölkchen und der dunkelblaue Himmel in den Fluten des Neckars.
»Und haben Sie solche Poesie in der Mark?« fragte der Jäger mit
gutmütigem Lächeln.
Der Fremde schien es nicht zu hören, unverwandt hingen seine Blicke an
diesem reizenden Schauspiel; er mochte fühlen, daß es sich an solchen
Stellen über Poesie nicht gut streiten lasse.
Nach diesem Vorfall kehrte übrigens auf dem Gesicht des Jägers
die vorige Ruhe und Unbefangenheit zurück; er stritt über keinen
Gegenstand, schien sogar über manche Dinge sich behutsam auszudrücken.
Als aber das Gespräch unter den beiden Reisenden, da die
hereinbrechende Nacht ihre Aufmerksamkeit auf die Gegend hemmte, auf
einige neuere Ereignisse und auf die Politik kam, schien es dem jungen
Mann aus der Mark, obgleich er die Züge seines Nachbars nicht mehr
gut unterscheiden konnte, sein Atem gehe schneller, seine Rede werde
wärmer, kurz, man habe einen Punkt der Unterredung getroffen, welcher
für den Schwaben von hohem Interesse sei. Man sprach von der Gestalt
und der innern Kraft Deutschlands. Mit einer gewissen Erbitterung
zog jener eine Parallele zwischen Jetzt und Sonst, die nicht gerade
zum Vorteil der neuern Zeit ausfiel. Der Fremde, dessen Grundsätze
im ganzen nicht mit diesen Ansichten übereinstimmen mochten, gab
ihm dennoch, nicht ohne einiges Selbstgefühl, die letzten Sätze zu.
Unglücklicherweise fing er seinen Satz »_Ich bin ein Preuße_« an und
reizte dadurch unwillkürlich den Unmut des jungen Mannes noch mehr
auf. Denn dieser vergaß nun jede Rücksicht der Klugheit; mit einer
Beredsamkeit, die an jedem andern Orte dienlich gewesen wäre, suchte
er seine Meinung durchzuführen, und nichts war ihm zu hoch, das er
nicht mit seinem eigenen Maßstab gemessen hätte. Der Preuße, der solche
Leute nur vom Hörensagen und unter dem gefährlichen Namen »Köpenicker«
kannte, erschrak über diese Aeußerungen. Konnte nicht der Postillon,
konnte nicht ein Passagier im Bauche des Wagens diese Reden vernommen
haben! Spandau, Köpenick, Jülich und alle möglichen _festen Plätze_
schwebten vor seiner aufgeregten Phantasie, und das beste Mittel,
seinen Nachbar zum Stillschweigen zu bringen, schien ihm, wenn er sich
in die Ecke drückte und sich schlafend stellte.
2.
Als die beiden Reisenden am Morgen nach dieser gefährlichen Nacht
erwachten, sahen sie in geringer Entfernung die Türme von Heilbronn aus
dem Nebel tauchen. »Hier endet meine Fahrt,« sagte der Herr im grünen
Rock, indem er auf die Stadt deutete, »und Ihnen danke ich es,« setzte
er mit einem freundlichen Blick auf seinen Nachbar hinzu, »daß ich
diesmal den Wagen ungern verlasse. Wie angenehm wäre mir noch ein Tag
in Ihrer Gesellschaft vergangen!«
»Dies ist mein Los schon seit vierzehn Tagen gewesen,« erwiderte der
Brandenburger. »Der enge Raum macht nachbarlich; Menschen, welche
vielleicht in einer größern Stadt, selbst wenn sie Zimmernachbarn
gewesen wären, jahrelang unter sich kein Wort gewechselt hätten, treten
sich nahe durch den so natürlichen Drang nach Mitteilung. Der Platz
an meiner Seite wechselte öfter als in einer Schlacht, doch darf ich
mir Glück wünschen, Sie wenigstens so lange zu meinem Nachbar gehabt
zu haben, denn so bin ich auf die angenehmste Weise in Ihr Vaterland
eingeführt worden.«
»Werden Sie länger in Württemberg verweilen?«
»Ich besuche Verwandte meiner Mutter,« erwiderte der Fremde; »je
nachdem sie und die Residenz mir gefallen, werde ich länger oder kürzer
verweilen.«
»Wir werden uns schwerlich wiedersehen,« sagte der Grüne, »ich wüßte
wenigstens nicht, was mich nach Stuttgart treiben sollte. Vergessen Sie
aber nie, was ich Ihnen über den Charakter meiner Landsleute sagte.
Können Sie nach ihrer Denkungsart, nach ihren Sitten sich ein wenig
richten, so werden Sie überall gesucht und willkommen sein. Unsern
Damen sind Sie dann als Fremder nur um so interessanter, und unsern
Männern -- nun da kommt es immer auf den Zirkel an, in welchem Sie
leben; nur müssen Sie,« setzte er mit einem Lächeln hinzu, das zwischen
Ironie und gutmütiger Freundlichkeit schwebte, »nie zu deutlich und
fühlbar machen -- --«
»Nun?« rief der Fremde erwartungsvoll, als jener innehielt.
»Daß Sie kein Deutscher, sondern ein Preuße sind.«
Das schmetternde Horn des Postillons und das Rasseln des schweren
Wagens auf dem Steinweg übertönte die Antwort des Fremden. Den
Passagieren ward in dieser Stadt eine kleine Rast vergönnt, und der
Fremde wollte seinen Nachbar vom Eilwagen noch einmal zum Frühstück
einladen. Doch schon unter der Tür des Posthauses überreichte diesem
ein alter Reitknecht mehrere Briefe; er riß den einen hastig, errötend
auf, und sein Reisegefährte bemerkte im Vorübergehen, daß es die
Handschrift einer Dame sei. Der Fremde trat etwas verstimmt in dem
Wirtshaus ans Fenster; er sah den Jäger angelegentlich mit seinem
Diener sprechen, und bald darauf führte man zwei schöne Pferde vor. In
demselben Augenblick trat der grüne Herr eilends in den Saal, seine
Augen suchten und fanden den Reisegefährten, er trat zu ihm, doch nur,
um schnell, aber herzlich von ihm Abschied zu nehmen; und so konnte ihn
der Brandenburger zu seinem großen Verdruß nicht einmal nach dem Haus
und der Familie _Käthchens von Heilbronn_ fragen, eine Frage, die er
sich unter seinen Reisenotizen aufgezeichnet und doppelt unterstrichen
hatte. Doch der Anblick des Jägers, wie er sich so leicht in den Sattel
des schönen, stolzen Pferdes schwang, wie er so majestätisch über den
Markt hinsprengte, söhnte ihn mit der beinahe unhöflichen Hast aus,
womit jener von ihm Abschied genommen hatte. Er gestand sich, selten
eine so wohlgebaute Gestalt mit einem so schönen, ausdrucksvollen
Gesicht vereint gesehen zu haben.
»Wer war dieser Herr im grünen Kleid?« fragte er den Kellner, der am
andern Fenster dem Reiter nachblickte.
»Mit dem Namen kann ich nicht dienen,« antwortete jener; »ich weiß nur,
daß man ihn ›Herr Baron‹ nennt, daß sein Vater einige Stunden von hier
am Neckar Güter hat, und daß sie sehr reich sein sollen; in die Stadt
kommt er selten.«
Nicht ganz zufrieden mit dieser Erklärung setzte sich der junge Mann
wieder in den Wagen. Sein Vater, der früher einmal in diesem Lande
gewesen war, hatte ihm so viel Sonderbares von schwäbischen Baronen
erzählt, daß er in seinem liebenswürdigen und gewandten Reisegefährten
keinen solchen vermutet hätte. Sein neuer Nachbar, der ihm gleich in
der ersten Viertelstunde vertraute, daß er ein Hopfenhändler aus Bayern
sei, machte ihm den Verlust, den er erlitten, nur um so fühlbarer,
und da er am Hopfenbau wenig Unterhaltung fand, beschäftigte er sich
damit, über den Charakter des jungen Mannes, der ihn verlassen hatte,
nachzudenken und dann noch einmal alle Erwartungen und Hoffnungen zu
durchlaufen, die er sich von seinen Verwandten, zu welchen er reiste,
gemacht hatte. Von dem Oheim versprach er sich für seine Unterhaltung
wenig; er mußte nach seiner Berechnung ein vorgerückter Sechziger sein;
mürrisch, ungesellig und eigensinnig hatte ihn sein Vater schon vor
fünfundzwanzig Jahren gekannt, und solche Eigenschaften pflegen sich im
Alter nicht zu verbessern. Desto mehr versprach sich der junge Mann von
Fräulein Anna, seiner Cousine. Von einem seiner Freunde, der längere
Zeit in Schwaben gelebt hatte, war sie ihm als eine Zierde dieses
Landes genannt worden. Ein angenehmes, trauliches Verhältnis von fünf
bis sechs Wochen schien ihm ganz wünschenswert, und so eifrig war seine
Berechnung der Mittel, die ihm zu Gebote standen, sich liebenswürdig zu
zeigen, so gewiß war er sich des Eindrucks bewußt, den seine Person,
sein Wesen unfehlbar machen müsse, für so leicht zu erobern hielt er
das Herz eines Fräuleins in Schwaben, daß ihm nicht einmal der Gedanke
kam, die schöne Cousine Anna könne sich vielleicht schon versehen haben.
Er ließ sich, in der Residenz angekommen, sogleich nach dem Hause
führen, wo sein Oheim sonst gewohnt hatte,
aber mit dem Donnerworte
ward ihm aufgetan:
die du suchest --
wohnen schon seit langer Zeit auf einem Landgut, sie werden auch im
nächsten Winter nicht zurückkehren, und selbst dies Haus gehört ihnen
nicht mehr eigen.
Der Reisende aus Brandenburg war schnell entschlossen. Er benützte
diesen Tag, um sich die freundliche Stadt zu betrachten, und eilte dann
denselben Weg, welchen er hergekommen war, zurück, nach dem unteren
Neckartal, wo der Landsitz seines Oheims lag.
Je näher er dieser reizenden Gegend kam, desto angenehmer war es
ihm, daß er einige Wochen auf dem Lande zubringen sollte. Er wußte
aus eigener Erfahrung, daß man auf dem Lande, abgeschnitten von den
Zerstreuungen der Stadt und jener Formen enthoben, die man dort für
schön und notwendig, hier für überflüssig und lästig hält, schnell
bekannt und befreundet wird, daß man sich, auf eine kleine Gesellschaft
beschränkt, schneller nahe rückt. -- Etwa eine Stunde von dem Gut
bog der Weg von der Hauptstraße ab. Der Kutscher, den er gemietet
hatte, deutete auf einen Fußpfad, der in den Wald lief; der Fahrweg
wende sich um den ganzen Berg her, sagte er, doch auf diesem Pfad
könne man zu Fuß in bei weitem kürzerer Zeit zum Schloß Thierberg
hinauf gelangen. Der junge Mann stieg aus; er war bisher auf einem
Bergrücken gefahren, sah nun eine mäßige, mit Wald bewachsene Anhöhe
vor sich und schloß, weil er gehört hatte, das Schloß seines Oheims
liege im Neckartal, man müsse von dieser Anhöhe eine weite Aussicht
in das Tal genießen. Er ließ den Wagen weiterfahren und stieg den
Seitenpfad hinan. Ein Wald von prachtvollen Buchen nahm ihn auf. Nie
hatte er diesen Baum so kräftig, so majestätisch gesehen, zwischendurch
erblickte er hie und da Eichen und schöne Eschen und zu seiner nicht
geringen Verwunderung Waldkirschbäume von ungewöhnlicher Höhe. Nach und
nach wurde ihm das Steigen schwerer; der Berg schien sich auf einmal
steiler zu erheben, und er war oft versucht, die unbequeme Eleganz zu
verwünschen, in welche ihn sein Berliner Schneider gekleidet hatte.
Endlich hatte er den Gipfel erreicht, aber noch öffnete sich keine
Aussicht. Die Bäume schienen dichter zu werden, je mehr sich der Pfad
wieder senkte, und als sich, um seine Ungeduld zu vermehren, der kleine
Pfad in zwei noch kleinere teilte, die nach verschiedenen Richtungen
liefen, schmälte er auf den Kutscher und auf seine eigene Torheit, die
ihn verleitet hatten, in einem fremden Wald sich zu verirren. Er schlug
endlich den Weg rechts ein und sah, nachdem er einige hundert Schritte
gegangen war, zu seiner großen Freude ein buntes Kleid durch das Laub
schimmern.
Er verdoppelte seine Schritte und war nicht wenig betroffen, als er
plötzlich vor einer jungen Dame stand, die im Schatten einer alten
Eiche auf einer Bank saß. Sie hatte ein Buch in der Hand, von welchem
sie, als sein Schritt in den abgefallenen Blättern rauschte, langsam
und ruhig ihre schönen Augen erhob; doch auch sie schien betroffen,
als es ein junger, städtisch gekleideter Herr war, den sie in dieser
Einsamkeit vor sich sah; sie errötete flüchtig, aber sie senkte ihren
Blick nicht, der fragend an dem unerwarteten Besuch hing. Der junge
Mann verbeugte sich einigemal, ehe er recht wußte, was er sagen sollte.
»Ist wohl das schöne Mädchen Cousine Anna?« war alles, was er in diesem
Augenblick zu denken und sich zu fragen vermochte, und erst, als er
diese Frage schnell bejaht hatte, trat er näher zu der jungen Dame, die
indessen ihr Buch schloß und von ihrem Bänkchen aufstand. »Bitte um
Vergebung,« sagte er, »wenn ich Sie gestört haben sollte; ich fürchte,
von dem Wege abgekommen zu sein. Kann ich hier nach dem Schloß des
Herrn von Thierberg kommen?«
»Auf diesem Fußpfad nicht wohl, wenn Sie hier nicht bekannt sind,«
erwiderte sie mit einer klangvollen Stimme; »Sie haben oben einen
Fußpfad links gelassen, der nach dem Schloß führt.« Sie verbeugte sich
nach diesen Worten, und der junge Mann ging seinen Weg zurück; doch
kaum hatte er einige Schritte gemacht, so zog ihn ein unwiderstehliches
Gefühl zurück. Das schöne Mädchen stand noch einmal von ihrem Sitz
auf, als sie ihn zurückkehren sah, doch diesmal schien Bestürzung ihre
Wangen zu färben, und eine gewisse Aengstlichkeit blickte aus ihren
großen Augen. Auf die Gefahr hin, für unbescheiden zu gelten, fragte
der Reisende, ob er vielleicht die Ehre gehabt habe, mit Fräulein von
Thierberg zu sprechen?
»Ich heiße so,« antwortete sie etwas befangen.
»~Eh bien, ma chère cousine!~« sagte er lächelnd, indem er sich artig
verbeugte; »so habe ich das Vergnügen, Ihnen Ihren Vetter Rantow
vorzustellen.«
»Wie, Vetter _Albert_!« rief sie freudig. »So haben Sie endlich doch
Wort gehalten? Wie wird sich der Vater freuen! Und was macht Onkel
und die liebe Tante, und wie sind Sie gereist?« So drängte sich eine
Frage nach der andern über die schönen Lippen, und Vetter Rantow fand,
verloren in sein Glück, eine schöne Muhme zu besitzen, keine Worte,
alle nach der Reihe zu beantworten. Wie reizend, wie naiv klang ihm die
Sprache! Er konnte nicht sagen, daß sie gegen irgend eine Regel des
Stils gesündigt hätte, und doch deuchte es ihn, es seien ganz andere
Worte, ganz andere Töne, als die er in seinem Vaterland gehört hatte.
Er fühlte, er sei zu schnell gereist, als daß er allmählich auf diesen
Kontrast vorbereitet worden wäre.
»Dies ist mein Lieblingsspaziergang,« sagte sie, indem sie langsam
neben ihm herging. »Zwar ist der Weg im Tal noch angenehmer, der
Neckar macht schöne Windungen, alte Burgen schmücken die Höhen -- und
die unsrige spielt dabei nicht die schlechteste Rolle, wenigstens was
das Altertum betrifft -- Dörfer und sogar ein Städtchen sieht man
talauf und -ab; aber der Rückweg ins Schloß hinauf ist dann so steil
und mühsam, und auf der Straße gehen mir zu viele Leute. Der Wald hier
liegt nicht höher als das Schloß, in einem halben Stündchen geht man
herüber und ist dann so köstlich einsam, als säße man in seinem Boudoir
bei verschlossenen Türen.«
»Bis dann der Zufall einen Vetter aus Preußen hereinwehen muß, der die
köstliche Einsamkeit stört,« unterbrach sie Rantow.
»Im ganzen genommen,« fuhr sie fort, »ist es im Schloß gerade auch
nicht geräuschvoll. Es ist so einsam als irgend ein bezaubertes Schloß
in Tausend und eine Nacht. Außer der Dienerschaft und im hintern
Flügel dem Amtmann, den man nie zu sehen bekommt, sind wir, der Vater
und ich, die einzigen Bewohner; ja die Einsamkeit im Schloß ist oft
so schrecklich und traurig, daß ich mich lieber in die Waldeinsamkeit
flüchte, wo das Rauschen der Bäume und der Gesang der Vögel doch noch
einiges Leben verkünden.«
3.
Ueberrascht stand der junge Mann stille, als sie aus dem dichten Holz
durch eine Wendung des Weges auf einmal dem Schloß gegenüberstanden.
Die Bewohner des südlichen Deutschlands sind von Jugend auf an Anblicke
dieser Art gewöhnt. Man trifft in Franken und Schwaben selten ein Tal
von der Länge einiger Stunden, in welches nicht eine Burg oder zum
mindesten ein gebrochener Turm und ein halbes Tor herabschauen. Die
natürliche Beschaffenheit des Landes, die vielen Berge und kleinen
Flüsse, überdies die eigentümliche Verfassung des zahlreichen Landadels
begünstigten oder nötigten in früherer Zeit zu diesen befestigten
Wohnungen. Aber der Norden unseres Vaterlandes trägt weniger Spuren
dieser alten Zeit; die weiten Ebenen boten keine so natürliche
Befestigung wie die Felsen und Gebirgsausläufer des Südens, und hatte
auch hier und dort eine solche Feste im platten Lande gestanden, so war
sie nur desto schneller dem Verfall und der Zerstörung preisgegeben.
Die Nachbarn teilten sich brüderlich in die teuren Steine, und ihr
Gedächtnis verwehte der Wind, der über die Ebene hinstrich. Darum war
es dem jungen Manne aus der Mark ein so überraschender Anblick, sich
in solcher Nähe einer dieser altertümlichen Burgen gegenüber zu sehen,
um so überraschender, da er durch diese düsteren, tiefen Tore als Gast
einziehen, in jenem altertümlichen Gemäuer wohnen sollte. Doch bald
erfüllte kein anderer Gedanke mehr als der malerische Anblick, der sich
ihm darbot, seine Seele. Der alte schwärzlichgraue Wartturm war auf der
Mittagsseite von oben bis in den Graben hinab mit einem Mantel von Efeu
umhängt. Aus den Ritzen der Mauer sproßten Zweige und grüne Ranken, und
um das Tor zog sich ein breites Rebengeländer, dessen zarte Blätter
und Fasern sich mit sanfter Gewalt um die rostigen Angeln und Ketten
der Zugbrücke geschlungen hatten. Zur rechten Seite des Schlosses
hinderte der dunkle Wald die Aussicht, aber links, an den hohen Mauern
vorüber, tauchte das Auge hinab in die Tiefe des schönen fruchtbaren
Neckartals, schweifte hinauf, den Fluß entlang, zu Dörfern und Weilern
und weit über die Weinberge hin nach fernen blauen Gebirgen.
»Das ist unser Thierberg,« sagte das Fräulein; »es scheint, die Gegend
habe einigen Reiz für Sie, Vetter, und ich möchte Ihnen wahrlich raten,
recht oft aus dem Fenster zu sehen, um vor unserer Einsamkeit und
diesem häßlichen alten Gemäuer nicht zu erschrecken!«
»Ein häßliches Gemäuer nennen Sie diese alte Burg?« rief der Gast.
»Kann man etwas Romantischeres sehen, als diese Türme mit Efeu
bewachsen, diesen Torweg mit den alten Wappen, diese Zugbrücke, diese
Wälle und Gräben? Glaubt man nicht das Schloß von Bradwardine oder
irgend ein anderes aus Scottischen Romanen zu sehen? Erwartet man
nicht, ein Sickingen, ein Götz werde uns jetzt eben aus dem Tore
entgegentreten? --«
»Für dieses Mal höchstens ein Thierberg,« erwiderte das Fräulein
lachend, »und auch von diesen spukt nur noch einer in den fatalen
Mauern. Dergleichen Türme und Zinnen liebe ich ungemein in einem Roman
oder in Kupfer gestochen, aber zwischen diesen Mauern zu wohnen, so
einsam, und winters, wenn der Wind um diese Türme heult und das Auge
nichts Grünes mehr sieht als jenen Eppich dort am Turm -- Vetter! mich
friert schon jetzt wieder, wenn ich nur daran denke. Doch kommt, Herr
Ritter, das Burgfräulein will Euch selbst einführen.«
Der düstere, schattenreiche Hof, in welchen sie traten, kühlte etwas
die warme Begeisterung des Gastes. Er sah sich flüchtig um, als sie
hindurchgingen, und bemerkte, daß der Platz für ein Turnier denn doch
nicht groß genug gewesen sein müsse, erschrak vor einem halbzerstörten
Turm, dessen Rudera drohend über die Mauer hereinhingen, erstaunte
über den scharfen Zahn der Zeit, der in die dicke Mauer mächtige Risse
genagt und dem Auge eine freie Aussicht in das Tal hinab geöffnet
hatte, und gab in seinem Herzen schon auf den ausgetretenen Stufen der
Wendeltreppe, wo ein heftiger Zugwind durch schlecht verwahrte Fenster
blies, der Bemerkung seiner Cousine über die Wohnlichkeit des Hauses
vollkommen Beifall. Sechs bis acht Hunde begrüßten in einer großen,
mit Backsteinen gepflasterten Halle das Fräulein mit freundlichem
Kläffen und Wedeln, und ein gefesselter Raubvogel, der in einer Ecke
auf der Stange saß, stieß ein unangenehmes Geschrei aus und schwenkte
die Flügel. »Das ist nun unsere Antichambre, unser Hofgesinde,« sagte
Anna, indem sie lächelnd auf die Tiere zeigte; »verwünschte Prinzen und
Prinzessinnen, die Sie entzaubern können. Doch lassen Sie uns jetzt
eintreten,« setzte sie nach einer Weile ernster hinzu, »in diesem
Zimmer ist der Vater.«
Sie öffnete eine hohe, schwere Flügeltüre, und durch das altfränkisch
ausstaffierte Gemach fiel der Blick des Jünglings auf einen alten
Mann, der in einer tiefen Fensterwölbung saß, wie es schien, in ein
Zeitungsblatt vertieft. Bei dem Gruß seiner Tochter sah er sich um, und
als er den Fremden erblickte und Anna seinen Namen nannte, stand er auf
und ging ihm langsam, aber festen Schrittes entgegen. Mit Bewunderung
sah sein Neffe die hohe, gebietende Gestalt, die ihn unwillkürlich
an jenen Wartturm dieser Burg erinnerte, den so viele Jahre nicht
einzustürzen vermochten, und dessen Alter nur der Efeu anzeigte, der
sich an ihm emporgeschlungen hatte. Zwar hatte die Zeit in diese
fünfundsechzigjährige Stirne Furchen gegraben, um die Schläfe fielen
dünne graue Haare, und der Bart und die Augenbrauen waren silberweiß
geworden, aber das Auge leuchtete noch ungetrübt, und der Nacken trug
den Kopf noch so aufrecht wie in jugendlicher Kraft, und die Hand gab
einen beinahe kräftigeren Druck, als der Neffe zu erwidern vermochte.
»Bist willkommen in Schwaben,« sagte er mit tiefer, kräftiger Stimme;
»'s war ein vernünftiger Einfall meiner Frau Schwester, daß sie dich
herausschickte. Mach' dir's bequem; setz' dich zu mir ans Fenster, und
du, Anna, bringe Wein.«
So war der Empfang auf Thierberg. So herzlich und offen er aber auch
sein mochte, so konnte doch der junge Mann mehrere Stunden lang ein
gewisses unbehagliches Gefühl nicht verdrängen. Er hatte sich den Oheim
ganz anders gedacht. Er glaubte nach der Beschreibung, die ihm sein
Vater gemacht hatte, einen rauhen, aber fröhlichen alten Landjunker
zu finden, der seine Hasen hetzt, mit Laune die Händel seiner Bauern
schlichtet, von seinen Kleppern gerne erzählt und zuweilen mit seinen
Freunden und Nachbarn ein Glas über Durst trinkt. Er bedachte nicht,
wie fünfundzwanzig Jahre und eine so verhängnisvolle Zeit wie die,
welche dazwischen lag, auf diesen Mann gewirkt haben konnten. Das
ruhige, ernste Auge des Oheims, das prüfend auf seinen Zügen zu ruhen
schien, die ungesuchten, aber gründlichen Fragen, womit er den Neffen
über sein bisheriges Leben und Treiben ins Gebet nahm, das ironische
Lächeln, das hie und da bei einer Aeußerung des jungen Mannes um seinen
Mund blitzte, dies alles und das ganze gewichtige Wesen des Alten
imponierten ihm auf eine Weise, die ihm höchst unbequem war. Er konnte
sich kein Herz fassen, den Oheim ebenso traulich zu behandeln wie jener
ihn, er kam sich vor wie ein angehender Staatsdiener, dem ein Minister
Audienz gibt, und es war dies zu seinem nicht geringen Verdruß das
zweite Mal, daß er sich über die Landjunker in Schwaben getäuscht sah.
Auch seine Base erschien ihm ganz anders, als er sie gedacht hatte. Er
fand zwar alle jene liebenswürdige Natürlichkeit, jenes unbefangene,
ungesuchte Wesen, was man ihm an den Töchtern dieses Landes gerühmt
hatte, aber diese Unbefangenheit schien nicht aus Unwissenheit, sondern
aus einem feinen, sichern Takt hervorzugehen, und was sie sprach,
zeugte von einem so trefflich gebildeten Geist, daß ihre Natürlichkeit
nur darin zu bestehen schien, daß sie alles Geistreiche, sei es witzig
oder erhaben, wie etwas Natürliches, Angeborenes vorbrachte, daß es nie
als etwas Erlerntes, als etwas Gesuchtes erschien. Am ärgerlichsten
war es ihm, daß sie ihn schon nach den ersten Stunden zu durchschauen
schien. Die ausgesuchten Artigkeiten, die er ihr sagte, zog sie ins
Komische, den feineren Komplimenten wich sie auf unbegreifliche Art
aus, wollte er ihr nur den zarten, in Berlin gebildeten jungen Mann
zeigen, so nannte sie ihn gewiß immer Herrn von Rantow. Und dennoch
mußte er sich gestehen, daß er nie soviel Harmonie der Bewegung, der
Miene, der Gestalt und der Stimme gesehen habe. Ihr ganzes Wesen
erschien ihm wie das Hauskleid, das sie jetzt eben trug. Es war
einfach und von bescheidenen Farben, und dennoch kleidete es ihre
feine, schlanke Gestalt mit jener geschmackvollen Eleganz, die auch
dem anspruchlosesten Gewand einen geheimnisvollen Zauber verleiht; ein
Toilettengeheimnis, worüber, soviel der junge Mann sich erinnerte,
noch nie ein Modejournal Aufschluß gab, und das ihm mehr das Zeichen
und Symbol einer harmonischen Seele als die Folge einer sorgfältigen
Erziehung zu sein schien.
Dieselbe Uebereinstimmung glaubte er zwischen dem alten Herrn und
dem Gemach zu finden, in welches er zuerst geführt worden war. Es
war der verblichene Glanz eines früheren Jahrhunderts, was ihm von
den Wänden und Hausgeräten entgegenblickte. Die schweren gewirkten
Tapeten, mit Leisten befestigt, die einst vergoldet waren und deren
Farbe jetzt ins Dunkelbraune spielte; die breiten Armstühle mit
ausgeschweiften, zierlich geschnitzten Beinen, die Polster, mit grellen
Farben künstlich ausgenäht, mit Papageien, Blumentöpfen und den
Bildern längst begrabener Schoßhündchen geziert. Wie manchen Wintertag
mochten seine Ahnfrauen über dieser mühsamen Arbeit gesessen sein, die
ihnen vielleicht einst für das Vollendetste galt, was der menschliche
Geschmack je ersonnen, und die jetzt ihrem Urenkel geschmacklos,
schwerfällig, und hätten sich nicht so ehrwürdige Erinnerungen daran
geknüpft, beinahe lächerlich erschien. Und doch kam ihm dies alles, der
ehrwürdigen Gestalt seines Oheims gegenüber, wie durch Altertum und
langjährige Gewohnheit geheiligt vor. Er sah, man sei in Thierberg
erhaben über den Wechsel der Mode, und wenn er hinzufügte, was ihm sein
Vater über die mancherlei Unglücksfälle und die mißlichen Umstände,
worin sich der Oheim befand, gesagt hatte, so fühlte er sich beschämt,
daß er diese Umgebungen nur einen Augenblick habe grotesk und sonderbar
finden können; er fühlte, daß er unverschuldeter Armut, wenn sie sich
in so ernstem und würdigem Gewande zeige, seine Achtung nicht versagen
könne; ja, vor diesen Wänden, diesem Geräte, und vor dem unscheinbaren,
groben Hausrock des Oheims erschien er sich selbst, wenn er seinen
Blick auf seine modische und höchst unbequeme Tracht warf, wie ein
Tor, beherrscht von einem Phantom, das ein Weiser lächelnd an sich
vorübergleiten läßt.
Dies waren die Eindrücke, welche der erste Abend in Thierberg auf die
Seele des jungen Rantow machte. So ernst sie aber am Ende auch sein
mochten, so konnte er doch ein Lächeln nicht unterdrücken, als mit dem
Schlage acht Uhr, den die alte Schloßuhr zögernd und zitternd angab,
eine Flügeltür am Ende des Zimmers aufsprang, ein kleiner Kerl in
einem verschossenen, bordierten Rock, der ihm weit um den Leib hing,
hereintrat, sich dreimal verbeugte und dann feierlich sagte: »~Le
souper est servi!~«
»~S'il vous plaît!~« sagte der Alte mit ernsthaftem Gesicht und einer
Verbeugung zu seinem Neffen, reichte seinen Arm der schönen Anna und
ging langsamen Schrittes dem Speisezimmer zu.
4.
Mit den Flügeltüren des Speisesaals und dem ersten Blick, den er
hineinwarf, hatte sich übrigens dem Gast aus Brandenburg ein weites
Feld der Erinnerung geöffnet. Von diesem gemalten Plafond, der die
Erschaffung der Welt vorstellte, von dem schweren Kronleuchter, den
der Engel Gabriel als Sonne aus den Wolken herabhängen ließ, von
den gelben Gardinen von schwerer Seide hatte ihm seine Mutter oft
gesprochen, wenn sie von ihrem väterlichen Schloß in Schwaben und von
dem ungemeinen Glanz erzählte, welcher einst durch ihre hochselige Frau
Großmutter, die Tochter eines reichen Ministers, in die Familie und
in die schöneren Appartements zu Thierberg gekommen sei. Schon seine
Mutter hatte in ihrer Kindheit diese Prachtstücke mit großer Ehrfurcht
vor ihrem Altertum betrachtet, und seit dieser Zeit hatten sie zum
mindesten dreißig bis vierzig Jahre gesehen.
»Das ist der Familiensaal,« sagte während der Tafel der alte Thierberg,
als er die neugierigen Blicke sah, womit sein Neffe dieses Gemach
musterte. »Vor Zeiten soll man es die _Laube_ genannt haben, und meine
Ahnherren pflegten hier zu trinken. Mein Großvater selig ließ es aber
also einrichten und schmücken. Er war ein Mann von vielem Geschmack und
hatte in seiner Jugend mehrere Jahre am Hof Ludwigs XIV. zugebracht.
Auch meine Frau Großmutter war eine prächtige Dame, und sie beide haben
das Innere des Schlosses auf diese Art eingeteilt und dekoriert.«
»Am Hofe Ludwigs XIV.!« rief der junge Mann mit Staunen. »Das ist eine
schöne Zeit her; wie mancherlei Gäste mag dieser Saal seit jener Zeit
gesehen haben!«
»Viele Menschen und wunderbare Zeiten,« erwiderte der alte Herr. »Ja,
es ging einst glänzend zu auf Thierberg, und unsere Gäste befanden sich
bei uns nicht schlimmer als bei jedem Fürsten des Reichs. Man konnte
kein fröhlicheres Leben finden als das auf diesen Schlössern, solange
unsere Ritterschaft noch blühte. Da galt noch unser Ansehen, unsere
Stimme. Man war ein Edelmann so gut als der König von Frankreich, und
ein Freiherr war ein freier Mann, der nichts über sich kannte als
seinen gnädigen Herrn, den Kaiser, und Gott; jetzt --«
»Vater!« unterbrach ihn Anna, als sie sah, wie die Ader auf seiner
Stirn anschwoll, und wie eine dunkle Röte, ein Vorbote nahenden
Sturmes, auf seinen Wangen aufzog. »Vater!« rief sie mit zärtlichen
Tönen, indem sie seine Hand ergriff, »nichts mehr über dies Thema; Sie
wissen, wie es Sie immer angreift!«
»Törichtes Mädchen!« erwiderte der alte Herr, halb unwillig, halb
gerührt von der bittenden Stimme seiner schönen Tochter; »warum sollte
ein Mann nicht stark genug sein, nach Jahren von _dem_ zu sprechen,
was er zu dulden und zu tragen stark genug war? Der Vetter kennt nur
unsere Verhältnisse, wie sie jetzt sind. Er ist geboren zu einer Zeit,
wo diese Stürme gerade am heftigsten wüteten, und aufgewachsen in einem
Lande, wo die Ordnung der Dinge längst schon anders war; er kann sich
also nicht so recht denken, was die Vorfahren seiner Mutter waren, und
deshalb will ich ihn belehren.«
Der Freiherr nahm nach diesen Worten sein großes Glas, auf dessen
Deckel die Wappenschilde seines Hauses, aus Silber getrieben,
angebracht waren, und trank, um Kraft zu seiner Belehrung zu sammeln,
einen langen, tüchtigen Zug. Doch Fräulein Anna sah an ihm vorüber den
Gast mit besorglichen, bittenden Blicken an. Er verstand diesen Wink
und suchte den Oheim von dieser Materie abzubringen.
»Es ist wahr,« fiel er ein, noch ehe jener das Glas wieder auf den
Tisch gesetzt hatte, »in Preußen sind die Verhältnisse anders und seit
langer Zeit anders gewesen. Aber sagen Sie selbst, kann man ein Land in
Europa finden, das meinem Vaterlande gliche? Ich gebe zu, daß andere
Länder an Flächeninhalt, an Seelenzahl uns bei weitem überwiegen, aber
nirgends trifft man auf so kleinem Raum eine so kräftige, durch innere
Tugend imponierende Macht; es ist das Sparta der neuen Zeit. Und nicht
ein glücklicherer Boden oder ein milderer Himmel bewirkten so Großes;
sondern der Genius großer Männer hat ein Preußen geschaffen, weil
sie es verstanden, die schlummernden Kräfte zu wecken, und dem Volke
selbst zeigten, welche Stellung es einnehmen müsse; weil sie _Preußen_
geworden sind, ist auch ein Preußen erstanden.«
Der alte Herr hatte seinem Neffen ruhig zugehört, bei den letzten
Worten aber zog sich sein Gesicht zu solcher Ironie zusammen, daß der
Brandenburger errötete. »Der Sohn meines Nachbars, des Generals von
Willi, würde sagen, wenn er dich hörte: ›O Deutschland, Deutschland, da
sieht man, wie dein Elend aus deiner eigenen Zersplitterung hervorgeht!
Sie wollen nicht mehr Griechen, sondern Platäer, Korinther, Athener,
Thebaner und gar -- Spartaner heißen!‹ Ich wünsche nur,« setzte
er lächelnd hinzu, »daß die Spartaner nicht zum zweitenmal einen
Epaminondas im Felde finden mögen. Die Schlacht bei Leuktra war kein
Meisterstück der Kriegskunst unserer modernen Spartaner.«
»Unser Unglück bei Jena,« sagte der junge Mann verdrießlich, »kann man
weder dem Volk noch dem Könige zuschreiben, und ich glaube, wir haben
uns an Napoleon hinlänglich gerächt; wir haben nicht nur Deutschland
wieder frei gemacht, sondern ihn selbst entthront.«
»So? Das seid _ihr_ gewesen?« fragte der Oheim; »Gott weiß, ich tat bis
jetzt sehr unrecht, daß ich dieses Ereignis der halben Million Soldaten
zuschrieb, die man aus ganz Europa gegen ihn zusammenhetzte. Warst
du vielleicht selbst mit dabei, Neffe? Du kannst wahrscheinlich als
Augenzeuge reden?«
Der Neffe errötete und schickte einen ängstlichen Blick nach Anna, die
ihr Lächeln kaum unterdrücken konnte. »Ich war damals noch auf der
Schule,« antwortete er, »und es hat mich nachher oft geärgert, daß ich
nicht dabei war. Ich gebe zu, daß die andern auch mitgeholfen haben,
aber in allen Schlachten waren es nur die Preußen, die entschieden
haben; denken Sie nur an Waterloo.«
»Seid überzeugt, ich denke daran,« erwiderte der alte Herr mit großem
Ernst, »und denke mit Vergnügen daran. Wenn _einer_ ein Feind jenes
Mannes ist, so bin ich es; denn er hat uns und alles unglücklich
gemacht und das alte schöne Reich umgekehrt wie einen Handschuh.
Aber das mit deinen Landsleuten weißt du denn doch nicht recht. Ich
glaube schwerlich, daß eure jungen Soldaten, wenn sie auch wirklich
so begeistert waren, wie man sagte, so viele Stöße auf ihr Zentrum
ausgehalten hätten als am achtzehnten Juni jene Engländer, die schon in
allen Weltteilen gedient hatten.«
»Nicht die Jahre sind es,« sagte jener, »die in solchen Augenblicken
Kraft geben, sondern das Selbstbewußtsein, der Stolz einer Nation und
die Begeisterung des Soldaten für seine Sache; und die hat der Preuße
vollauf.«
»Ich habe in meiner Jugend auch ein paar Jahre gedient,« entgegnete der
Oheim; »Anno 85 bei den Kreistruppen. Damals waren die Soldaten noch
nicht begeistert, darum kenne ich das Ding nicht. Nächstens wird mich
aber mein Nachbar, der General, besuchen, mit diesem mußt du darüber
sprechen.«
»Wie dem auch sei,« fuhr der Gast fort, »es freut mich innig, daß Sie
über den Hauptpunkt, über den Unwillen gegen die Franzosen und im Haß
gegen diesen Korsen, mit mir übereinstimmen. Bei uns zu Hause behauptet
man, daß er in Süddeutschland leider noch immer als eine Art Heros
angesehen und, es ist lächerlich zu sagen, von vielen sogar als ein
Beglücker der Menschheit verehrt werde.«
»Sprich nicht zu laut, Freund,« erwiderte der alte Herr, »wenn du es
nicht mit dieser jungen Dame hier gänzlich verderben willst. Sie ist
gewaltig _napoleonisch_ gesinnt.«
»Sie werden darum nicht schlechter von mir denken,« sagte Anna
hocherrötend, »weil ich einen Mann nicht geradehin verdammen mag,
dessen unverzeihlicher Fehler der ist, daß er ein großer Mensch war.«
»Großer Mensch!« rief der Alte mit blitzenden Augen, »den Teufel auch,
großer Mensch! Was heißt das? Daß er den rechten Augenblick erspähte,
um wie ein Dieb eine Krone zu stehlen? Daß er mit seinen Bajonetten
ein treffliches Reich über den Haufen warf, seine herrliche natürliche
Form zertrümmerte, ohne etwas Besseres an die Stelle zu setzen! Großer
Mensch!«
»Sie sprechen so, weil --«
»Anna, Anna!« fiel er seiner Tochter in die Rede, »meinst du, ich
spreche nur darum so, weil er uns elend machte? Weil er dieses Tal
und den Wald mir entriß, weil er diese Menschen, die mir und meinen
Ahnen als ihren Herren dienten, an einen andern verschenkte? Weil die
ungebetenen Gäste, die er uns schickte, das bißchen aufzehrten oder
einsteckten, was mir noch geblieben war? Es ist wahr, an jenem Tage,
wo man ein fremdes Siegel über das alte Wappen der Thierberge klebte,
wo man mein Vieh zählte und schätzte, meine Weinberge nach dem Schuh
ausmaß, meine Wälder lichtete und die erste Steuer von mir eintrieb, an
jenem Tage sah ich nur mich und den Fall meines Hauses; aber ging es
der ganzen Reichsritterschaft besser, mußten wir nicht sogar erleben,
daß ein Mann von der Insel Korsika erklärte, es gebe keinen deutschen
Kaiser und kein Deutschland mehr?«
»Gott sei es geklagt!« sagte der junge Rantow, »und uns wahrhaftig hat
er es nicht besser gemacht.«