Dulli. Desto besser, desto besser. -- Aber -- --

Florentin. Du willst sagen, ich sei sehr unglüklich -- nicht wahr? -- Du

hast wohl recht! --

Dulli. Und, gnädiger Herr, Euer Karakter! Ihr seid so zart empfindend; jede

Lust oder Unlust, die euch anweht, reizt Eure Nerven mehr, als her größte

Schmerz, oder das größte Glük einen andern. Und das ist eben die Quelle

Eures Leidens.

Florentin. (eine Thräne erstikkend) Freilich, freilich Philosoph. -- Gieb

Befehl, daß man alles zur Abreise anordne.

Dulli. (erschrokken) Im Ernst?

Florentin. Ich scherze nicht; Dulli, die Zeiten sind vorüber, da ich

scherzen durfte. --

Dulli. Ihr wollt uns verlassen? doch mich nicht gnädiger Herr! Ich folge

Euch nach, gnädiger Herr, beim heiligen Petrus, ich folge Euch nach.

Florentin. So lange du noch Hofnungen nährest hier in dein Vaterlande dein

Seelenglük zu finden, so bleib hier, warum willst du es unter einem fremden

Himmelsstrich suchen.

Dulli. Gnädiger Herr, ich würde, wenn ich Euch verlöre, nie wieder froh

sein können.

Florentin. Meinst du? -- doch, ich weis schon ein Etwas für dich, bei dem

Du mein vergessen kannst.

Dulli. (befremdet) Wie?

Florentin. Daß du während meiner Abwesenheit über dies Schloß und meine

Einkünfte verwaltest, ist das geringste, aber -- -- doch stille deine

Neugier! -- Geh und bereite alles zur Abreise nach Deutschland! --

Dulli. (sich traurig umwendend) Ich gehe.

Florentin. (weichmüthig) Dulli!

Dulli. Gnädiger Herr!

Florentin. Sei nicht so niedergeschlagen. Es steht in deiner Willkühr, ob

du mich in mein Vaterland begleitest.

Dulli. Werdet Ihr da glüklicher sein?

Florentin. (frohglänzenden Auges) Ja, gewiß!

Dulli. So bin ichs auch dort.

Florentin. Lade meine Freunde sammt und sonders auf übermorgen zu einem

Gastmahle und Ball ein.

Dulli. Ha, wie werden die Kanelleser bestürzt sein, wenn sie vom

Valetschmaus hören!

Florentin. Geh!

Dulli gieng. _Florentin_ hob zitternd den fatalen Brief auf und überlas ihn

noch einmal.

»Geliebter!«

»Diese Zeilen sind -- zittre nicht -- sind die lezten, welche Louise dir

schreibt. Ich liege zwar nicht auf dem Sterbebett; aber doch für dich bin

ich hinfort so gut, als verstorben. -- Begnüge dich mit den seligen

Stunden, welche meine Liebe dir einst erschuf, geize nicht mehrern nach. --

-- Vielleicht verstehst du mich nicht; vielleicht glaubst du, ich habe

aufgehört dich zu lieben; allein, wenn dieses wäre, so hätte ich mir ja

nicht die Mühe genommen dir noch zu schreiben. Nein, Louise wird die

Gemahlin des Erbprinzen von Z**, wird das Opfer des politischen Interesse.«

»Als wir uns vor einigen Jahren im Garten von Dosa sahn, damahls, mein

Lieber, reiste ich an den Hof, dessen Erbprinzeßin ich nun bald sein werde.

_Holder_, ein gewisser _Aellmar_, und ein alter Rath am Hofe meines Bruders

ließen mirs wissen, daß du mich noch mit aller Liebe liebtest, daß ich dir

in der Nähe vorüberreisen würde, daß ich dich an einem dritten Orte noch

einmal sehn, noch einmal sprechen könnte, -- ihnen also hast du unsere

Zusammenkunft in Dosa zu danken.«

»Und nun, Florentin, tröste dich. Ein Mann wie du findet leicht mehrere

Louisen, aber ich werde keinen Florentin wieder finden. Der Erbprinz besizt

zwar der männlichen Schönheiten manche, aber sie sind doch nur kaum ein

Schatten von den Deinigen. Und vielleicht -- vielleicht sind wir so

glüklich auch künftig noch unsrer geheimen Liebe Nahrung zu geben;

vielleicht darf dich auch noch einmal die Erbprinzeßin umarmen. Leb wohl,

sei heiter und vergiß -- oder vergiß nicht die ehmalige

geliebte _Louise_.«

»Ja, ich will deiner vergessen, ehmahlige Louise!« sagte der _Graf_: »denn

du hast meiner vergessen. -- Freilich wie konnt ich armer Thor es hoffen,

daß eine _Fürstin_ mir treue Liebe vergelten würde, und doch war diese

Hofnung so reizvoll für mich! -- Ach, auch _diese_ Freude ist mir genommen;

o, ich sehe eine Lebensperiode vor mir, die die schreklichste ist, welche

je ein Sterblicher durchwandeln mußte. -- Nun lebe wohl, Kanella, durch

mich glüklich gewordnes Kanella, lebe wohl; der dir dein Leiden abnahm,

wird elender als er zu dir gekommen, deine Gränzen verlassen!«

Nichts liessen die edlen Kanelleser unangewandt den bedauernswürdigen

_Grafen_ bei sich zu behalten. Vergebens boten sie ihm grössere Macht und

höhern Rang an; umsonst flehten ihn weinend die schönsten Damen der

Republik auf dem Balle im Florentinischen Pallast an, daß er zurükbliebe --

nichts vermochte bei ihm etwas. Er suchte Ruhe, Ruhe, die er nicht im

glänzenden, geräuschvollen Stande zu Kanella, aber vielleicht wohl in den

väterlichen Gegenden, in der Mitte seiner theuern Verwandten, finden

konnte. Hier glaubte er seiner Leiden vergessen, seines Herzens Wunden

heilen, seinen sonstigen Frieden wieder gewinnen zu können.

»Ah, wär ich ein Kind geblieben, seufzte er: so wär ich glüklich geblieben.

Nun wohlan, so laßt mich hinziehn in jene Thäler, wo ich den Morgen meines

Lebens durchtändelte; laßt mich hinziehn zu jenen Hainen, zu jenen Thälern,

wo ich unschuldsvoll am Mutterbusen der gütigen Natur hing und keinen

Schmerz, keinen Seelenharm kannte. Laßt mich wiederum werden wie ein Kind,

und meines Daseins Stunden in mir selber verleben. Ja, es ist wahr, und

abermahls wahr: selten, ist der Mensch in der Gegenwart glüklich, am

meisten in der Vergangenheit, und Zukunft, in der Rükerinnerung und

Erwartung!«

_Borghemo_, _Giovanni Borsellino_, der alte _Eo_, die _schwarzen Brüder von

Kanella_, da sie sahen, wie unabänderlich _Florentins_ Entschluß sei,

ergaben sich mit traurenden Herzen in seinen Willen -- alle nahmen sie den

wehmüthigsten Abschied. _Duur_, der sich so leicht an gleichgestimmte

Seelen kettete, litte ungemein, da er einen seiner Freunde nach dem andern

von ihm hinweg eilen sah. Nur _Dulli_ wollte nicht von seinem Herrn

ablassen; allein _Florentin_ selber fesselte ihn an sein Vaterland.

Einige Tage vor der Abreise rief ihn der _Graf_ zu sich. _Dulli_ trat

wohlgemuth ins Zimmer, aber erschrokken fuhr er drei Schritte zurük, da er

an der Seite des Grafen seine halbvergeßne _Ladda_ erblikte.

Sie sehen alle vergangne Szenen der Liebe wieder heim rufen in die Seele,

sprachlos ihr entgegen wanken, Vorwürfe und Verzeihung im Blikke tragen --

war das Werk einer Minute.

Florentin. Nun, Dulli? kennst du dies schöne Mädchen?

Dulli. (mit beklemmter Brust und Freudenthränen) Ach, Ladda!

Ladda. (indem das stürmische Steigen und Sinken ihres Busens die Gefühle

des Herzens verräth) Mein lieber -- lieber Dulli!

Dulli. Du hier?

Ladda. Ich suchte dich, und habe dich gefunden.

Dulli. Und hofftest von mir noch Liebe?

Ladda. (mit Seelenruhe im glänzenden Auge) Ich hoffe sie. -- (Pause. Sie

tritt ihm näher) Dulli! (sie ergreift seine Hand und drükt sie weinend an

ihren Mund) Mein Dulli!

Dulli. (ihr an die Brust sinkend) Ach, ja, Ladda, meine Ladda, Dulli liebt

dich noch! --

Mit unbeschreiblicher Wonne lagen sie beide lange einander in den Armen,

küßten sie sich der Versöhnung süssen Kuß, und vergaßen sie des _Grafen_,

der ein gerührter Zuschauer dieses schönen Schauspiels war. Selber ein

Unglüklicher in seiner Liebe ward er der Schöpfer fremden Liebes-Wohls. --

Viel zu fest waren die Banden, mit welchen _Dulli_ nun an Kanella gebunden

lag, als daß er sie hätte zersprengen und seinem geliebten Herrn folgen

können, der begleitet von den Ersten der Republik, Kanella verlies.

Viertes Kapitel.

Der große Florentin im Vaterlande.

Müd' und Thatensatt eilte _Duur_ in _Gottholds_ Gesellschaft der Heimat

entgegen. Sobald er die deutsche Gränze erreicht hatte, schrieb er sogleich

an seinen Onkel folgenden Brief:

»Mein Onkelchen!«

»Ihr Neffe, Ihr Florentin kömmt, um bei Ihnen, so lange Gott es will, zu

leben. Ich habe manches unterdessen erlitten, manche Thräne unterdessen

geweint, -- verfolgt vom Schiksal, fliehe ich in ihre väterlichen Arme

zurük; da werd' ich sicher ausruhn dürfen vom Sturm des Lebens. Nicht wahr,

Sie haben sich eben so oft nach mir gesehnt, wie ich mich nach Ihnen --

jezt werden unsre Wünsche erfüllt werden, wird uns beiden wohl sein. --

Höchstens in vier Wochen treffe ich auf Ihrem Landgute ein, höchstens in

vier Wochen küß' ich Sie und meine Schwester und meinen Holder! O, ich

zittre so bang, als würde ich die göttliche Stunde des Wiedersehns nicht

erleben. -- Wie viel werden wir da uns zu erzählen, wie viel uns da zu

klagen haben! -- Ich stelle mirs schon im Geiste vor, wie sie hervorstürzen

werden aus dem Schlosse, wenn Sie die Hufen meines Pferdes schlagen hören;

wie Rikchen weinend an meinem Halse hängen, Holder mich feurig umarmen

wird. Ich fühle schon alle Freude voraus, die dann -- ach, dann mir allein

angehören werden! --«

»Hat sich vieles während unsrer Trennung auf dem Schlosse verändert? --

lebt der alte Herr von Bastholm noch? Laden Sie ja ihn und den ganzen

benachbarten Adel ein, daß nichts in unserm Feste mangle, was ihm Reiz

gewähre. Leben Sie wohl indeß; leb' auch du wohl, geliebtes Rikchen, die

ich nun bald umarme; küsse deine Kinder -- wenn du Mutter bist, denn ich

weis ja noch gar nichts von Euern häuslichen Umständen, weil Ihr mir keine

Nachricht gegeben habet, ihr bösen Leutchen! -- und bleibt mir alle

gewogen, Euerm _Florentin_.«

Dieser Brief hatte kaum das Duursche Landgut erreicht, als auch unser

_Graf_ schon mit seinem _Gotthold_ daselbst anlangten.

Es war des Morgens. Die herbstliche Sonne hing hinter Nebeln verschleiert;

die Felder standen, ihrer Halme und Goldähren entmäht, kahl und reizlos;

die Natur schien sich allmählig, ihrer Arbeiten müde, zum Wiederschlafe zu

bereiten -- gelb und welk floß das Laub in kalten Morgenduft.

»Wir sind zur Stelle, Gotthold!« rief der _Graf_, indem er den krummen

Fahrweg zum Dorfe seines Onkels hinuntertrabte.

Gotthold. (freudig) Ja, ja! Sehn Sie nicht dort -- dort wo hinter den Ulmen

die graue Kuppel des Duurschen Schlosses hervorragt?

Florentin. Ich seh's! Laß uns hier die Pferde ein Weilchen anhalten! -- o

Gott, mein Blut wallt ungewöhnlich, ich bin ausser mir!

Gotthold. Ach, da meine Eltern noch in dem Dörfchen hier lebten, da war ich

wohl glüklich! Sehn Sie, gnädger Herr, hier rechts den Hügel hinter den

beiden Scheunen? Sehn Sie die hohe Fichte darauf? -- die hab ich als Knabe

dahin gepflanzt, weil mir der Berg und die Aussicht von ihm hinab so wohl

gefiel.

Florentin. Und bemerkst du nicht drunten den Bach? siehst du den Steig

hinüber? Da baut ich meine Kähne, als Kind und lies ich meine papiernen

Flotten aussegeln.

Gotthold. Ach, es waren schöne Zeiten.

Florentin. Waren schöne Zeiten, und sollten sie nicht wiederkehren? -- O,

gewiß! gewiß!

Gotthold. Aber es ist alles so still!

Florentin. Die Sonne ist kaum aufgegangen. Im Schlosse und Dorfe schläft

noch jedes Auge.

Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 2/3 · 第 28 / 36 题