Gotthold. Wenn man wüßte, wie nahe Sie wären, gnädiger Herr -- --

Florentin. Ich kann unmöglich sogleich zu meinen Freunden fliegen -- ich

bin so verwirrt, so ängstlich, so froh -- ein Heer von Empfindungen

überwältigt mich. Ich will mich erhohlen. Reite voraus, Gotthold, erwekke

die holden Schläfer aus ihren Morgenträumen, deren Inhalt vielleicht ich

bin. Sag' ihnen meine Ankunft! -- tummle dich! -- --

Der Knecht spornte sein Ros an und flog zum Dorfe hinab, den Steindamm zum

Schloßhofe entlang.

Aber der _Graf_ rükte nicht um einen Schritt von der Stelle. Er zitterte.

Sein Blut stürmte ungestüm durch die Adern hin; der Purpur der Freude

schimmerte ihm auf den Wangen; seine Augen befeuchteten sich in

unwillkührlichen Thränen.

»Gott! mein Gott!« sprach er mit leisem Ton, hoher Andacht, glühender

Inbrunst: »gelobet sei dein Name, hochgelobet in Ewigkeit deine Güte! Ich

war ein Kind, und du gabest mir Kinderfreuden zu schmekken; ich war

Jüngling und du liessest mich schwelgen in deinen Seligkeiten auf Erden.

Ich bin Mann worden und du hast mich nicht vergessen. Ja, mein Vater im

Himmel, hast mich nicht vergessen, -- du hast mich reinern Freuden

aufgespart, deren Genuß mich nun erquikken soll. Vater, es danket dir dein

Kind; mit Thränen dank' ich dir und Seufzern, daß du mich nicht vergessen

hast!«

Mehr konnt er nicht lallen. Die Sprache verlor sich, aber die Seele betete

fort.

Einige Minuten verstrichen, ehe er zu sich selber kam; -- er sahe die graue

Schloßkuppel hinter den Ulmen und nun flog er der Erfüllung seiner

Jahrlangen Schwärmereien und Erwartungen entgegen. Laut pfiff die

Morgenluft durch seine Lokken, hoch hoben sich Staubgewölke um ihn her.

Er stand auf dem Schloshof -- sprang ab vom Pferde, hinauf die Stiege zur

offnen Pforte, wo _Holder_ ihm in die Arme sank.

Fünftes Kapitel.

Der Kirchhof.

»Noch einmahl sei Gott gelobet!« rief der Freudenberauschte _Graf_: »so hab

ich dich wieder!«

Holder. (mit bebender Stimme) Mein Florentin!

Florentin. (ihn heftig an sich pressend) Holder, Holder!

Holder. O Gott! -- die Freude tödtet mich!

Florentin. Nun hab' ich ausgerungen.

Holder. Ausgerungen?

Florentin. Nun will ich ausruhn von vielen Kämpfen, vielen Leiden! --

Holder, was macht Onkelchen? -- was dein Weibchen? -- wo ist mein Sohn,

mein Karl?

Holder. Sie schlafen.

Florentin. Sie schlafen? wir wollen sie erwekken, wollen ihnen den

Schlummer von den Wimpern abküssen, sie aus einem Traum in den andern

führen.

Holder. (lächelt schwermüthig) Wollen wir?

Florentin. Du siehst so blas, Holder, so kränklich! was fehlt dir?

Holder. Wenig -- und viel! -- doch davon ein andermahl.

Florentin. Auf -- wo sind die Lieben?

Holder. Du scheinst sehr heiter zu sein.

Florentin. (verwundert) das bin ich, wiewohl ichs sonst nicht war. Aber, um

Gotteswillen, wie geräthst du zu solchen Gedanken anjezt -- anjezt!

Holder. Ich sah deine blühende Gesichtsfarbe, dein muntres Wesen. So warst

du nicht vor Jahr und Tag, als ich dir den Weg zum rothen Walde vor

Munchenwall beschreiben mußte.

Florentin. Die Zeiten sind vorüber!

Holder. Sind vorüber?

Florentin. Was zaudern wir? laß uns die Schläfer erwekken. -- Dein kaltes,

trübsinnathmendes Schweigen macht mich zittern -- Holder, Holder, was ist

geschehn? -- ist einer von ihnen krank?

Holder. (ihm auf die Achseln klopfend) Keiner! -- folge mir -- doch eins

noch; wen verlangst du zuerst zu sehn; den Onkel, mein Weib oder deinen

Sohn Karl?

Florentin. (schwankend) Alle zugleich; führe mich zu allen. Und Karl --

Karl ist hier im Schlosse?

Holder. Ja wohl!

Florentin. O, so führe mich zu meinem Sohn!

_Holder_, der so gern die fürchterlichste Schwermuth hinter seinem Lächeln

und Scherzen verstekken wollte, ergrif die Hand des gerührten Vaters,

welcher jezt zum erstenmahl die Frucht seiner Liebe umarmen sollte, und

leitete ihn in ein bekanntes Kabinet, wo, halbnakt, blühend, schön und

unschuldig ein Liebesgott auf weichen Pflaum hingestrekt schlummerte.

»Dies ist dein Sohn!« sprach _Holder_ und zeigte mit der Hand auf das

schlafende Kind.

Der _Graf_ stand frohbestürzt an _Karlchens_ Bett; seine Augen wurden naß;

seine Lippen bebten von einem Segensspruch über den schlummernden Sohn;

bestürmt von den unaussprechlichen süssen Vaterfreuden sank er hin über den

schönen Knaben, ihn mit tausend Küssen erwekkend.

»Karl! mein Karl!« jauchzte _Florentin_ mit väterlichem Hochgefühl.

Ein großes liebliches blaues Augenpaar schlug der _Knabe_ auf,

hochverwundert ob der fremden Erscheinung.

»Oheim Holder!« rief er mit süsser, furchtsamer Stimme: »wer ist der Mann?«

»»Dein Vater!«« entgegnete _Holder_: »»dein von dir so lange erwarteter,

lieber Vater ists!««

»Mein Vater bist du?« sagte das _Kind_ mit dem anmuthigen Lächeln eines

Engels und wand sich so dicht mit Armen und Füssen um den wonnevollen

_Florentin_, als hätte es in der That den traurigen Zustand zu fühlen

gewußt, in welchem es sich bisher befand, da es weder seinen Vater noch

seine Mutter kannte.

»»Ja, theures Karlchen -- ja, mein Alles, mein Sohn, ja ich bin dein

Vater!«« erwiderte der _Graf_, der nicht wußte, wie ihm geschah, als ihm

der süsse Vaternamen zum erstenmahle von den Lippen des holdseligen Buben

entgegen scholl: »»Ich bin dein Vater, der dich nun nie wieder verlässet.««

Liebst du mich denn?

»Ja, Karl ist dir recht gut?«

»»Wie sehr liebst du mich denn?««

Das Kind antwortete nicht, sondern drükte sich schmeichelnd an seinen Vater

fest an.

Länger, als eine Stunde, tändelte _Duur_ mit dem Kinde, indem er selbst vor

Freuden zum Kinde ward. Bald wikkelte er die gelben Lokken des Knaben um

seine Hand; bald küßt er ihm Stirn', Augen, Mund und Wangen; bald suchte er

_Louisens_ Züge in _Karlchens_ Mienen auf, bald die seinen.

O, Väter und Mütter, die Ihr diese Blätter leset, Ihr nur verstehet mich,

Ihr nur wisset Florentins Tändeleien richtig zu beurtheilen, Ihr nur kennet

die Sprache des zärtlichen Gefühls. Mahlet Euch die Szene mit all den

weichen Farben aus, welche Eure Fantasie Euch beut -- ich schweige.

Schweige, damit nicht kalte Krittler mich langweilig finden, oder

unnatürliche Eltern mich nicht einen empfindelnden Schwäzzer schelten

mögen.

Wie gesagt, erst nach einer vollen Stunde fiel es dem _Grafen_ bei auch die

andern Geliebten zu sehen.

»Bringe mich zu ihnen!« sagte er zur _Holdern_.

»»Sie schlafen!«« entgegnete dieser.

»Lass' uns sie wach küssen.«

»»Wirst du es?««

»Ich werd' es. Fort, fort, ich zittre vor Ungeduld meinen alten Onkel,

meine Schwester zu, sehn!«

»»Komm!«« antwortete _Holder_, dessen Gesichtszüge sich plözlich verändert

fanden, dessen Augen in Zähren schwammen, dessen Sprache stokte.

»Was ist dir?« fragte der _Graf_.

»»Was soll mir sein?«« war die Gegenfrage.

_Holder_ führte seinen Freund zum Schlosse hinaus, durchs Dorf.

»Wohin bringst du mich? führe mich zum Bette meines Onkels und meiner

Schwester!« sagte _Duur_ ängstlich, indem er von schreklichen Ahndungen

angeweht, sich dichter an _Holdern_ schlos.

»»Ich führe dich dahin!«« antwortete dieser, indem er mit seinem Schwager

so eben in den Dorfkirchhof trat, und den guten _Duur_ vor einem

verwitterten Leichensteine stehn lies, an welchem geschrieben war:

»Wandrer, stehe still!

Allhier

ruhen die Hüllen zweier guten, frommen

Seelen, die Gebeine

der

edeln, vielgeliebten

_Friederike von Sorbenburg_

und

des braven

_Albertus Daniel von Duur_.

Wandrer, der du Tugend liebest, weine, denn

diese sind deiner Thränen

werth!«

»Hilf mir Gott!« schrie _Duur_ erblassend und stürzte vom Schmerz

entgeistert auf einen Grabhügel.

Holder. (vor sich niederstarrend, mit verschränkten Armen) Florentin!

Florentin. (nach einer langen Stille in tiefsten Jammer ausrufend) Auch sie

sind dahin -- o mein Gott, auch sie!

Holder. Du bist ein Mann, ich darf dich nicht trösten!

Florentin. (ihn nicht hörend) Auch sie!

Holder. Steh auf, Bruder; die Theuern haben längst ausgelitten.

Florentin. Längst schon?

Holder. Kaum wars ein Jahr nach deiner Wanderung aus Deutschland, da starb

mein Weib in Kindesnöthen; der Onkel grämte sich um ihren Verlust zu Tode.

Florentin. Grausamer, warum erfuhr ich dies nicht schon lange?

Holder. Nenne mich _gütig_, nicht grausam; solch ein Unglük erfährt man

jedesmahl nur zu früh; auch die schwarzen Brüder verhinderten, daß dir

davon Nachricht ward, damit dich der Schmerz nicht großen Thaten entnervte.

Florentin. (jammernd) Schwester, Schwester, o meine Schwester, so seh' ich

dich nie wieder? O, mein alter, ehrwürdiger Oheim, so schläfst du ewig?

erwachst nie wieder, deinen unglüklichen Florentin noch einmahl zu segnen?

Holder. (schmerzvoll) Florentin!

Florentin. Ha, Leben, schrekliches Leben, schreklicher Traum, wann werd'

ich von dir erwachen? --

Holder. Hörst du die Stimme deines Holder nicht mehr?

Florentin. Ich höre nichts -- nichts mehr! für mich ist alles tod. Ich habe

keine Schwester mehr, habe keinen Vater, keinen Badner, keine Geliebte --

-- alles ist dem unglüklichen Florentin geraubt. Ausruhen wollt' ich, ach,

und ich darfs nicht. Ich wähnte im Hafen des Friedens gelandet zu haben,

wehe mir, und der Sturm des Schiksals schleudert mein zerbrechliches Schiff

weit in den Ozean zurük.

Holder. Deine Seele leidet viel.

Florentin. Leidet unaussprechlich viel; ach, die ganze, fürchterliche Summe

des menschlichen Elendes liegt auf sie allein hingebürdet.

Holder. Verzweifle nicht.

Florentin. Verliere deine Bluts- und Herzverwandten, verliere deine lezten

Aussichten, den lezten tröstlichen Hofnungsschein, die allerlezte Zuflucht,

verliere alles und fühle dieß alles -- und sprich dann zu dir: _verzweifle

nicht_! -- Oh, prahlerischer Bund der Schwarzen, ich habe deine Wünsche

gestillt, deine Entwürfe zur Wirklichkeit umgeschaffen -- wo ist mein Lohn?

wo sind die mir vorgespiegelten Freuden? -- tritt her, gesammter, großer

Bund, tritt her, in deiner ganzen Allmacht, und rufe meine Freuden aus dem

Grabe hervor! --

Holder. Wird dein Klagen die Entschlafnen wekken?

Florentin. Wirds freilich nicht! Aber laß mich hier liegen auf dem kleinen

Hügel, der die Asche meiner Ewiggeliebten verschließt -- ich bin doch

dieser Asche näher, fühle mich getrösteter. Bruder, o mein Bruder -- ich

bin ja ein Mensch!

Holder. Und bist ein Christ!

Florentin. (mit Bewegung) Ein Christ.

Holder. Und wirst wiedersehen die deiner Seele werth sind nach dieses

Lebens entflohnem Traum.

Florentin. (nachlallend) Werde sie wiedersehn!

Holder. Drum auf, ermanne dich, Florentin, um ein Kleines, und du wirst

Trost gefunden haben!

Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 2/3 · 第 29 / 36 题