Badner. (schwach) Wenn Ihr und Holder noch einst -- über fünfhundert Jahren
auf dieser Erde -- so -- so --
Wie ein öhlloses Lampenlicht verklimmt, wie der Hauch des Mundes verrinnt,
wie ein leiser Ton verhallt -- so verschwand Badners Lebenskraft. Er war
hinübergeflohn in jene Welt, zu der wir alle hinüber wandeln werden.
Dulli'n schossen Thränen ins Auge; _Duur_ warf sich schmerzvoll über die
Leiche seines treuen Dieners, und küßte unzähligemahl' die kalten Lippen
des Entschlafenen.
»Auch er ist dahin!« -- seufzte er: »auch mein Badner ist dahin! -- o, ich
glaubte ruhen zu können nach überstandnen Gefahren und Leiden -- aber, ach,
_Ruhe_! für Florentin -- nein sie scheint für mich bei der Unmöglichkeit zu
wohnen! -- Mein Badner, lebe wohl!«
Mit einemmahle scholl von der Straße auf ein feierlicher Gesang. _Dulli_
flog ans Fenster; er sah die Gassen von tausend Fakkeln erleuchtet und eine
zahllose Menge von Menschen um Florentins Hause versammelt. Der Gesang
stieg langsam und rührend-feierlich empor; Trompeten und Pauken begleiteten
ihn. -- Ein Kanellesischer Dichter hatte ihn längst schon auf die
wiederkehrende Freiheit angefertigt; er lautete so:
Heilig ist Gott und groß!
Heilig ist Gott und gnädig!
Heilig ist Gott und gerecht!
Hallelujah! Hallelujah!
Ach seufzete das Land,
Unter der Tyrannenwuth;
Greise flehten, Kinder flehten:
»Herr erbarme dich unser!«
Aber des lachten die Tyrannen,
Gott im Himmel und Tugend auf Erden
Waren ihres Spottes Ziel.
Blut floß an ihrem Schwerdte,
Blut trof von ihren Händen,
Und ihre Pfade waren Blut.
Da schrie in dumpfen Klagen
Die leidende Kreatur:
»Herr, erbarm dich unser!«
»Herr, erbarme dich unser!«
Doch Gottes Langmuth, Gottes Güte
Verzögerte der Frevler Tod.
Des jauchzten die Tyrannen;
Mit ungeweihten Händen;
Zerstörten sie der Menschheit Heiligthum!
Und ihrer Sünden Maas ward voll,
Und ihre Bosheit unbegränzt!
Da ächzte sterbend der Greis,
Da ächzte sterbend der Säugling:
»Herr, erbarme dich unser!«
»Herr, erbarme dich unser!«
»Herr, erbarme dich unser!«
Und unser erbarmte sich Gott,
Es rollte in Gewitterschnelle
Sein Strafgericht hervor;
Sie sahn's, die Mörder und erbleichten
Und schaudernd stürzten sie nieder --
Das Sklavenland ward frei!
Hallelujah! Hallelujah!
Der Gesang schloß sich. _Dulli_ weinte Freuden- und Jammerthränen
vermischt; _Florentin_ hörte nichts, er saß an Badners Bette: starrte
schwermüthig den Leichnam seines Getreuen an und hielt die Hand seines
Lieblings fest in der seinigen verschlossen.
Aber das Volk lärmte unaufhörlich fort, und wiederholte die Worte des
Gesanges: »das Sklavenland ward frei!« mit dem größten Enthusiasm. -- »Ja,
das Sklavenland ward frei!« hörte man einige rufen: »und frei durch den
Helden Fiorentino!« --
»»Großer Fiorentino wir lieben dich!««
»»»Freiheitsbringer, lebe lange!«««
»»»»Fiorentino, lebe hoch!««««
So schrie man verwirrt durcheinander und _Florentin_ -- achtete des nicht.
Am Lager des Verstorbnen sizzend, hatte sein Leben jeden Reiz verloren. Er
war nun einmal wieder so arm an aller Freude, so arm an aller Hofnung,
jemahls wieder froh werden zu können, als er es irgend schon einmahl war.
Freund, Blutsbruder, Vater -- oder welcher Name heiliger ist -- alles das
war ihm der ehrliche _Badner_ gewesen, und diesen sah er jezt für sich
verloren. -- Wer nun schon einen solchen Freund, Bruder und Vater verlor,
der male sich des armen Florentins Schmerz. Indem sich die Augen _eines
einzigen_ Freundes auf ewig verschließen, schließen auch tausend Götterchen
der Freuden die ihrigen zu.
»Hört Ihrs nicht, gnädiger Herr, wie das Volk Euern Namen ausruft« sagte
_Dulli_, indem er sich zum _Grafen_ wandte; aber er vermogte es nicht ihn
aus dem Strom seiner Empfindungen hervorzureißen.
»Die Kanelleser werden ungestüm, sie verlangen Euch zu sehn, Euch zu
huldigen!« fuhr _Dulli_ nach einiger Zeit fort, inzwischen das Volk auf der
Straße tobte und schrie.
»»O Kanelleser,«« erwiederte _Florentin_ traurig: »»und legtet Ihr mir die
herzogliche Krone zu Füssen -- jezt hüb' ich sie nicht auf. -- Geh, Dulli,
sage deinen Landesleuten, daß Sie auseinander gehn, und mich nicht stöhren
sollen in meinem Schmerz!««
Dulli. (zum Fenster hinunter) Freie Kanelleser, stöhret den Grafen nicht,
ihm ist sein Liebling ermordet für Eure Freiheit.
Stimmen von unten. Fiorentino! großer Fiorentino, die Bürger Kanella's
wünschen den Heiland ihres Staats zu sehn. Fiorentino tretet hervor!
Dulli. Fiorentino danket Euch für Eure Huld; aber erscheinen wird er nicht.
Stimmen des Volks. Fiorentino, erhöret uns!
Dulli. Gönnet ihm Ruhe, opfert ihm Eure Wünsche auf, da er seine Freuden
für Euch hingab.
Stimmen. Fiorentino! Fiorentino!
Florentin erschien. Mit nassen Augen stand er da, auf den erhabnen Stufen,
welche zum Eingang seines Pallastes führten. -- Man sahe ihn, und wie die
Erscheinung einen Gottes war die seinige; die Luft, vor einem Augenblik
noch vom verworrendsten Geschrei zerrissen, wurde jezt durch einen leisen
Odemzug erschüttert.
Fakkeln flogen herbei und umringten ihn; wie in einer himmlischen
Verklärung stand er da vor den Augen des Volks: die ihm nächststehenden
sanken nieder auf die Kniee um den entferntern Zuschauern den Anblik eines
Halbvergötterten nicht zu rauben; alle entblößten ihre Häupter in stiller
Ehrfurcht. --
Ruhig war die Nacht; sternenschwer der Himmel; der Mond stieg in dieser
Minute hinter einem Gebirge schimmernder Wolken hervor, die Szene zu
verherrlichen; kühl und leise hauchte der Nachtwind über die Menge des
Volks hin und goß ein heiliges Schauern über sie aus.
_Florentin_ von Wehmuth und Entzükken hingerissen, vermogte lange kein Wort
zu reden. Endlich sprach er:
»Brüder, -- meine Brüder, Ihr seid glüklich; aber ich bins nicht, kanns
nicht sein. Ich weis es, daß Ihr mich liebet, aber, -- was ich verlor,
könnt Ihr mir nicht wiedergeben. Darum laßt mich trauern; laßt mich
ungestört Mensch sein, und einem Freunde den lezten Zoll der Liebe --
Thränen um seinen Verlust entrichten. Nur der Gedanke an ihn gewährt mir
Trost. -- -- Gute Nacht, Freunde!«
»»Gute Nacht! unglüklicher Mann, gute Nacht!«« riefen ihm unzähliche
Stimmen in eine verschmolzen nach. Mitleid und Liebe erpreßten manchem Auge
Thränen, -- ach und diese Thränen waren das Herrlichste in diesem
nächtlichen Triumpfe _Florentins von Duur_!
Zweites Kapitel.
Mühvolle Jahre.
»Nur der Gedank' an ihn gewährt ihm Trost?« sprachen am folgenden Tage die
Kanelleser: »Laßt uns den großen Mann trösten, er hat ja _unsre_ Thränen
abgetroknet!«
Nach einigen Monaten wurde _Florentin_ lieblich überrascht. Eines Morgens
lehnte er sich, nach seiner Gewohnheit, zum Fenster hinaus, und o! wie
staunte er, da er seinem Hause gegen über eine in der vergangnen Nacht
errichtete Statüe erblikte. Es war _Badners_ Gestalt, _Badners_ Miene; mit
der rechten Hand winkte das Gebild zu ihm herauf, als riefe es leise:
»komm' zu mir!« -- Drunten standen in Goldschrift die Worte:
_»Badner, Liebling des großen Fiorentino_ _von Duur.«_
Anfangs wollte der _Graf_ seinen Augen nicht glauben; er rieb die Wimpern;
starrte wieder dahin, und gewahrte abermals Badners Gestalt, wie sie
winkend dastand.
»Dulli! Dulli!« rief er wonnetrunken, und _Dulli_ kam.
Florentin. (frohbebend) Ach, Dulli, sieh hinaus. Sage, was erblikst du?
Dulli. Beim heiligen Petrus, gnädiger Herr, Euern getreuen Badner, Gott
hab' ihn selig, wie er leibt und lebt!
Florentin. Nein, soviel hab' ich nicht an Euch verdient, Kanelleser! --
Sage mir, ist ers wirklich? täuscht sich mein Gesicht?
Dulli. Das Bildnis ist ja so gar weit nicht entfernt.
Florentin (ihn umhalsend) O Dulli!
Dulli. Gott, gnädiger Herr, wie Ihr nun da seid? Ihr habt Millionen
verspendet und das dankbare Völklein beut euch dafür einen Heller; -- Ihr
sehet wenigstens, wie werth Ihr den Kanellesern seid.
Florentin. Ich seh's, ich fühls, ich danke! -- Ja, Badner hat's verdient!
--
Dulli. Bei Gott, das hat er.
Florentin. War's noch nicht genug, daß man die Asche dieses Redlichen in
feierlicher Prozeßion durch Stadt und Land seinem Grabe in Deutschland
entgegenführte, mußte man ihm noch die Säule weihn?
Dulli. Gnädiger Herr, Ihr verdientet einen höhern Lohn, als einen
geschnizten Marmor, darum errichtete man Euch keine Statüe -- diese ist nur
für Eure Freunde gut.
Kaum eine halbe Stunde war verflossen, als das Volk haufenweis
herbeiströmte und neugierig die Bildsäule am Duurschen Pallast umringte.
Das Spiel _jener_ Nacht wurde wiederhohlt; wiederum der hehre
Freiheitsgesang:
»Heilig ist Gott und groß! &c.« angestimmt; wiederum Fiorentino's Wohl
ausgerufen und dergleichen mehr.
Angenehmer konnte kein Trost erfunden werden für des _Grafen_ leidenden
Seele; und kein Trost war auch für ihn von erwünschtern Folgen, als dieser.
Mit verdoppeltem Eifer bemühte sich _Florentin_, nebst den Großen von
Kanella, den errungenen Freiheitskranz nun unentreisbar zu befestigen.
_Moriz_ sowohl als _Benedetto_, welche sich in der ersten Septembernacht
der allgemeinen Verwirrung zu Nuzzen gemacht und die Flucht ergriffen
hatten, arbeiteten freilich an verschiednen mächtigen Höfen, _Piedro'n_
wieder auf den monarchischen Thron zu erhöhn, und die alte Staatsverfassung
zu restauriren; suchten freilich die Kanelleser unter einander zu entzwein,
und Contrerevoluzionen anzuspinnen, allein gleich einer unsichtbaren
Gottheit widerstand ihnen der _schwarzen Brüder_ heiliger Bund.
Vergebens fachten sie den Argwohn der ausländischen Potentaten an, daß die
Freiheitssucht, durch der Kanellesen glükliches Beispiel vergrößert, um
sich greifen und auch sie enthronen dürfte; vergebens streuten sie durch
elende besoldete Broschürenschmierer den Saamen der Zwietracht unter den
befreiten Bürgern aus -- die schwarzen Brüder, selber verschiedene
Staaten-Ruder regierend, löschten den aufglimmenden Funken des Argwohns im
Busen der Fürsten aus, und zertraten allgewaltig den versäeten Saamen der
Zwietracht, daß er nicht reifen konnte.
Aber es verflossen Jahre, ehe der Sturm ausgebrauset, die Gährungen sich
aufgelöset, und die Bewohner Kanellas ein neues Staatssystem aufgeführt
hatten. Doch die _schwarzen Freunde_ des menschlichen Wohles _wollten_, und
Kanella blieb frei! --
Und schon sank, die glänzende, hochgeschwungene Palme in seinen Händen, den
Frieden herab über ein neugebornes Volk; schon erndteten die Kämpfer ihres
Sieges Lohn ein; schon fühlten sich alt und jung, Hohe und Niedre selig auf
Erden -- da empfand Florentin, nun erst entlassen von den öffentlichen
Geschäften der Republik, mächtiger, als jemahls den süssen Hang,
heimzukehren ins geliebte Vaterland, auszuruhn im Arme der entfernten
Blutsverwandten von seinen Thaten.
Zwar hatte Kanellas Dankbarkeit eine große lebenslange Pension ihm und
seinen etwannigen Nachkommen ausgesezt; zwar hatte man ihm einen beinahe
fürstlichen Hofstaat eingewilligt, ihm den geschmackvollsten Pallast in der
Residenz geschenkt -- aber die Sorbenburg, das ländliche Schloß seines
Onkels lokte ihn mehr, als jede Herrlichkeit Kanellas. Ueberdies besaß er
schon seit einiger Zeit mehrere Briefe vom Herzog _Adolf_, in welchen sein
Exil gänzlich aufgehoben, förmliche Versöhnung angeboten war -- wie konnte
_Duur_, der weiche, zartfühlende Duur widerstreben?
Wir, meine Leer, begleiten ihn schon durch so viele Szenen, aber immer
erkannten wir in ihm einen und eben denselben. Jezt war er nicht mehr
Jüngling -- er war Mann in voller Blüthe, oder vielmehr Reife des Lebens.
Ausgebildet, groß, majestätisch an Körper und Geist stand er jezt da; aber
sein Karakter war noch immer der stolze, schwankende, schwärmerische,
welchen er den Kinderjahren abgeerbt hatte -- Jezt sehnte er sich nach
Ruhe. -- Ruhe nach so mühvollen Jahren, auch zu ihr wollen wir ihn
geleiten.
Vielleicht daß er sich nicht sobald entschlossen hätte den Kanellesischen
Pallast mit dem vaterländischen Landgute zu vertauschen, wenn ihn nicht ein
unerwartetes Schreiben -- (nicht _Holders_, oder des _Onkels_ oder
_Aellmars_, denn diese schwiegen, als wären sie ausgestorben) nein, ein
Schreiben _Louisens_, der herzoglichen Schwester, von Kanella
hinweggetrieben hätte.
Drittes Kapitel.
Dulli und Ladda.
»Ists möglich -- ewiger, barmherziger Gott, ists möglich!« schrie der
_Graf_, indem er _Louisens_ Brief fallen lies und die Hände
verzweiflungsvoll über sein Haupt zusammenschlug.
_Dulli_, der in einem Winkel des Zimmers gestanden und einen mitleidenden
Zuschauer von der Szene abgegeben hatte, da _Florentin_ den Brief las, und
von Minute zu Minute die Farbe des Gesichts änderte, trat jezt hervor und
wollte trösten.
Florentin. (sich ruhig stellend) Nein, lieber Dulli, es hat nichts zu
sagen; ich habe ihn längst erwartet diesen Streich des Schiksals.