Einige Exulanten. Auf zum Fiorentino!
Giovanni. Geht, wohin Ihr wollt, ich eile zu der Stätte, welche mir in
dieser Nacht die heiligste ist. Kennt ihr nicht mehr den Dominikusplaz, wo
weiland mein Vater erschlagen wurde? -- da will ich seinem Schatten ein
blutiges Opfer bringen; da will ich morden, und meinen Vater versöhnen.
Borsellino! Vater Borsellino, es schwebe dein Geist um mich in dieser
Nacht.
Borghemo. Der Lärmen wächst mit jedem Pulsschlage draussen.
Giovanni. Hui! da fiel ein Schuß!
Exulanten. (stürmisch) Hinaus! hinaus!
(man hört rufen: »es lebe der Herzog Piedro!«)
Borghemo. Was?
Giovanni. (schreiend) Es sterbe der Herzog!
Alle. Es lebe die heilige Volksfreiheit!
Borghemo. Ho! wer stürmt in unser Haus?
Etliche. Leibwachen des Herzogs. Zieht die Klingen!
(Geschrei von aussen: »Verräther heraus, Rebellen heraus! es lebe Piedro!«)
Alle. (sich hinausdrängend mit bloßen Degen und Geschrei) Es sterbe Piedro,
es lebe die Freiheit! -- --
»Wo säumt denn Fiorentino?« sagte _Dulli_ ärgerlich und ungeduldig zu sich
indem er seine Klinge wezte: »hussah, wie sie haussen wimmeln und lärmen,
und ich darf nicht darunter wühlen; muß hier sizzen in der verdammten,
engen Stube und seiner warten. -- _Ladda, Ladda_! heut räch' ich deine
Schande! -- o, arme Ladda, sähest du in dieser Nacht deinen Dulli, du
würdest ihn liebgewinnen! -- Still! Was war das? riefen sie drunten nicht:
»es lebe Piedro?« (er lehnt sich zum Fenster hinaus) Es sterbe der Bluthund
Piedro und seine höllische Rotte! -- -- Hu, ein dunkler regnichter Abend --
desto herrlicher wird der Morgen anbrechen. Dulli, du erlebst einen Morgen
der Freiheit, oder siehst die Sonne nie wieder aufgehn. Ja, Dulli schwörts
bei seiner unglüklichen Ladda!«
Inzwischen dieser wilde, mordsüchtige Mann ungeduldig das Zimmer auf- und
ablief, und _Florentins_ Langsamkeit verwünschte, saß ruhig der _große
Fiorentino_ da -- und weinte.
»_Und weinte?_« -- Ja, meine Leser, er weinte; und Thränen, wie die seinen,
glänzen als Perlen, in der Ehrenkrone der Menschheit.
Er hörte das Stürmen der Glokken, Trommeln und Trompeten; er hörte den
wachsenden Tumult in der Stadt; er hörte das Klirren der Klingen für und
wider die Freiheit gezogen; hörte endlich auch das Angstgeschrei der Weiber
und unmündigen Kleinen -- und _er_, groß genug einen _Herzog_ vom _Thron_
herabzureißen, war auch gros genug alles Elend zu betrauern, welche diese
Rebellion über manche Familie verschütten mußte.
»Aufruhr! Kampf der Freiheit!« sprach er leise vor sich hin: »wie die
Wörter längst in meiner Seele brannten! -- Jezt beginnt das furchtbare
Schauspiel, und ich -- o dürft ich noch einmal den Vorhang fallen lassen!
-- Unerforschliche Hand des ewigen Schiksals, du warst es, die mich
hieherführte, du warst es, welche die schreklichen Knoten schürzte, so
diese Nacht auflösen soll -- dir vertrau ich, führe mich ferner durchs
Dunkel. -- O das Blut der Unschuld bedekke mich nicht; nicht mir gelte euer
Wimmern, lieben Kleinen; nicht mir euer Fluch in der Verzweiflung,
unglükliche Weiber! -- Ach, es ist so schreklich die Lebensfreuden der
Glüklichen zu morden -- und doch!« -- --
_Florentins_ Seele war bewegt. Er _liebte_, war kaum den Armen einer
Hochgeliebten entwunden -- kein Wunder, wenn er so zart empfand, wenn er
den einzelnen Unglüklichen, welche es durch ihn wurden, eine Thräne des
Mitleids weinte.
Aber bald ermannte er sich. Kaum daß er die Waffen angelegt hatte, traten
der _schwarzen Brüder_ zwanzig bis dreißig zu ihm herein.
»Fiorentino,« riefen sie halb verzweifelnd: »wir verlieren!«
Florentin. (kalt) Wer?
Ein Bündner. Wir, wir! des Herzogs Anhang ist gros.
Florentin. Wo stehn unsre Regimenter?
Ein Bündner. In den Straßen vertheilt nach Euerm Plan. Sie dekken die
Kirchen, das Arsenal, und die Stadtthore.
Ein anderer. Was ist zu beginnen?
Ein Dritter. Borghemo hohlt jezt aus den benachbarten Dörfern die dasigen
einquartirten Truppen! --
Florentin. Ihr scheint muthlos. Erlischt die Flamme des Patriotismus so
bald in Euch?
Alle. (durcheinander lärmend.) Bei Gott nicht! wer spricht das? -- wir
wollen sterben, wenn wir nicht siegen!
Florentin. Still! -- Ein Streich muß gewagt werden, der alles entscheidet.
Hört an!
Alle. Redet, wir hören.
Florentin. Ist Piedro noch nicht entschlüpft?
Einer. Die Thore sind gesperrt, und stark besezt, wie könnt' er?
Ein anderer. Tausend Mann stehn um seinen Pallast und verrammeln den Aus-
und Einweg.
Florentin. Feinde?
Alle. Feinde.
Florentin. Befehlt, daß man in der Gegend des Herzoglichen Schlosses laut
aussprenge, auf dem Dominikusplaz werde ein herzogliches Regiment in die
Pfanne gehauen; ruft Hülfe, lokt einen Theil der Wachen des Herzogs vom
Schlosse ab, sodann folgt mir nach; schleppt einige Kanonen herbei, die uns
durch die zurükgelaßnen Wachen einen Weg bahnen, und dringt dann mit mir
ins Schloß. Piedro muß unser sein. Auf, folgt mir.
Er sprachs.
Schon schwankten die Haufen der zurükgeschlagnen Bürger; schon scholl durch
Kanellas Straßen das wilde, jauchzende: »Piedro lebe!« schon strömte
Bürgerblut, und erlosch das Feuer der Freiheitssucht in ihm; schon
verzweifelten Mann und Weib den Morgen in einem republikanischen Staat zu
begrüssen -- als _Fiorentino_ erschien, und sein Hervortreten den Tumult
erneuerte, und seine Gegenwart neue Raserei verbreitete.
Es stürmte von den Thürmen, es stürmte durch die Straßen. Allenthalben Mord
und Flucht und Sieg. Die Freiheitskämpfer griffen abermals an; laut hallte
der Kanonen-Donner; Prinz _Morizens_ Palais gerieth in Flammen.
_Benedettens_ Schloß loderte ebenfalls auf; -- mit jeder Minute wurde das
nächtliche Spiel fürchterlicher.
Plözlich scholls: »Hülfe! Hülfe! getreue Kanelleser hin zum Dominikusplaz!
die Rebellen schlagen des Herzogs Regiment!« -- Ein Donnerschlag in den
Ohren der Herzoglichen. Alles stürzte verwirrt zum Dominikusplaz; halb
verlassen stand Piedros Burg.
Und jach flog _Florentin_ an der Spizze der schwarzen Helden hervor aus dem
Hinterhalte; zahllose Kanelleser umringten das Schloß; die Wachen strekten
das Gewehr -- die Pforten des Pallasts wurden gesprengt; der Graf mit
funfzig Schwarzen durchsuchten das Gebäude und zogen den Herzog, mehr einem
Todten als Lebenden ähnelnd aus seinem Schlupfwinkel hervor.
_Piedro_ schlug die Augen auf. Beim Schimmer brennender Fakkeln erkannte er
unter den ihn umgebenden Männern den _Grafen_.
Piedro. (zitternd -- athemlos) Graf Fiorentino.
Graf. Eure Tyrannei ist zu Ende, Herzog.
Piedro. (beweglich) Fiorentino, auch Ihr?
Graf. Seht, Herzog, seht hinaus; betrachtet draussen den Greuel dieser
Nacht; seht wie Bürger wider Bürger wüthen; hört das Aechzen der
Erschlagenen, hört das Winseln der Verwaisten -- Herzog, Landesvater, sieh
das Elend deiner Kinder und rechtfertige Dich.
Piedro. (entnervt) Nehmt -- nehmt alles hin, ich entsage allem -- nur
schüzt mein Leben wider die Rebellen.
Graf. Ich selber bin der Rebellen einer.
Piedro. Nein, Graf, unmöglich seid Ihr dies.
Graf. Ich bin mehr, bin der Rebellen Anführer.
Piedro. (zurüktaumelnd) Wehe, auch Ihr!
Graf. (mit Majestät) Piedro, vergeßt in dieser Nacht, daß Ihr vor fünf
Stunden noch Herzog waret, und unterwerfet Euch der Rache des Schiksals. --
Kanellas Bürger sind fortan nicht mehr Piedros Sklaven; hört Ihr's? nicht
mehr Eure Sklaven! -- -- Ihr bleibt inzwischen diese Nacht hindurch in der
Bewahrung dieser Männer, seid ruhig, wenn Ihrs sein könnet und fürchtet
nichts für Euer Leben. --