Graf. (führt den Herzog an ein Fenster) Fakkeln leuchtet hinaus! -- Piedro,
ruft den Kanellesern zuerst ihre Freiheit zu!
Piedro. (sich zum Fenster hinauslehnend) Wehe, welch ein Anblik.
Einige der Schwarzen. (hinunterschreiend) Stille unter Euch! der Herzog
spricht! Ruhe! --
(Todtenstille von unten)
Piedro. (dreht sich vom Fenster ab) Fiorentino!
Graf. (mit furchtbaren Ernst) Ihr säumet? Hat Kanella noch nicht lange
genug in Euern Fesseln geschmachtet?
Piedro. (die Hände ringend) Gott!
Graf. Seht, so triumfirt die Freiheit an der Hand der Verzweiflung. Und
dies alles ist Euer Werk! -- (Pause) Das Volk schweigt.
Piedro. (lehnt sich abermahls zum Fenster hinaus; er ruft weinend) Lieben
Kanelleser, Euer Herzog verkündet Euch -- Freiheit!
»Freiheit! Freiheit!« schrieen tausend Stimmen durch die benachbarten
Gassen, und: »Freiheit! Freiheit!« scholls zurük von allen Gegenden der
Stadt.
Ueberwunden strekten die Herzoglichen Soldaten das Gewehr -- die Sonne ging
auf und beleuchtete einen neugebornen Freistaat.
»O Gianetta! Frei ist Kanella!« rief der heimkehrende _Enriko_, indem er
der Wohnung seiner Geliebten entgegen flog. Aber ach! -- im Blute
schwimmend, erschossen, lag die schöne Kanelleserin an der Thürschwelle
ihres Hauses.
»Gianetta! Gianetta!« stammelte seellos der arme Jüngling, und sank mit
diesen Worten auf den Leichnam seiner Angebeteten hinab. Er brannte tausend
Küsse auf ihren kalten Mund; aber umsonst, der schöne Geist der Geliebten
war entflohn; er durfte nicht heimkehren aus seinen neuen Wohnungen. Das
Volk umringte dieses unglükliche Paar, die Wuth der ergrimmten Rebellen
zerschmolz bei diesem Anblik in Mitleiden.
»Ach, so ists denn vergebens!« jammerte _Enriko_! »darf ich nicht hoffen
glüklich mit dir im freien Kanella zu sein? -- O Himmel und Erde, erbarmt
Euch mein -- ich habe sie verloren; meine Seligkeit, meine Hoffnungen, mein
Einziges verloren! -- Grausames Verhängniß, warum ein solches Spiel mit
mir!«
Er sank schmerzvoll zu Boden, sein plözliches Schweigen, sein dumpfes
Röcheln machte einige Männer aufmerksam; man eilte zu ihm; riß ihm vom
Boden auf und fand einen Selbstmörder.
Vierter Abschnitt.
Erstes Kapitel.
Ruhe? -- für Florentin?
Die Sonne war aufgegangen, den Triumf der Freiheit von Kanella zu
verschönern. Licht und Leben ergoß sich durch die große Natur; Licht und
Leben wohnten nach langen, düstern Zeiträumen endlich wieder im Busen der
Kanelleser.
Berauscht von der Freude, nun am längst erseufzten Ziele dazustehn,
schwärmte das Volk durch die Straßen, mit Jubelgeschrei. Entzükken glänzte
aus jedem Angesicht; neugeboren wankten Greise und Mütter und Väter hervor
sich, als freie Geschöpfe, am Strahl der Sonne zu erwärmen, zu jauchzen und
zu hüpfen unter Kindern und Kindeskindern; Hohe und Niedre umarmten sich
auf öffentlichen Pläzzen, uneingedenk des Ranges und der Würden, welche sie
sonst unterschied; was sich sonst haßte, liebte sich jezt; was sich sonst
nie gekannt, schlos jezt der Freundschaft heiligen Bund miteinander. Alles
war vereint, alles fühlte sich groß, und gut und edel.
»Ich bin frei!« lallten Greise verjüngt. »Ich bin frei!« riefen die Kranken
und genasen.
»Frei sind wir!« jubelten Männer und Weiber, und die Kinder auf den
Straßen.
_Duur_ aber befand sich noch immer im Pallast des verunglükten Herzogs.
Hier empfieng er von den schwarzen Brüdern aus dem ganzen Staate die
frohsten Nachrichten; hier ertheilte er ihnen seine Befehle; hier gab er
die ersten Gesezze zur Wiederherstellung der alten Ordnung; hier sezte er
vor den Augen Piedros die Stadtobern in ihre ehmahligen Rechte ein.
Freilich erlaubte sich der Pöbel, vom Freiheitsrausche benebelt, tausend
Ausschweifungen, lange noch nach diesem Tage dauerten dieselben fort, und
jeder zitterte, daß sich Kanellas Bürger durch eine fürchterliche Anarchie
in grösseres Elend stürzen würden, als dem sie so eben entronnen waren; --
allein _Florentin_ verzagte nicht. Er hatte es vorausgesehn, wie geschehn
würde, was geschah, und daher befremdete ihn die Wuth und Raserei den
trunknen Vollers nicht. Doch die höchste Gewalt in den Händen des Pöbels
ist Jupiters Donner in den Händen eines spielenden Kindes. Hier mußten
Vorkehrungen dagegen getroffen, mußten Schranken wieder aufgebauet werden,
und sie wurden getroffen, und die Schranken wurden erbaut.
Die Sonne gieng unter. Ermüdet von den zahllosen Arbeiten begab sich der
edle _Graf_ in seine Wohnung heim; in seinen Mantel vermummt, durch die
einbrechende Finsterniß gesichert, erkannten ihn die umherschwärmenden
Haufen nicht, wiewohl sein Name in der Sprache des dankbaren Entzükkens von
ihren Lippen oft erscholl. Er kam an, und _Dulli_ war der erste, so ihm auf
der Schwelle des Hauses entgegen trat.
Florentin. (freundlich) Guten Abend, lieber Dulli! nicht so, Kerl, _die_
Nacht und _der_ Tag spielen wohl in der Geschichte deines Lebens die
glänzendsten Szenen?
Dulli. (bebend, sprachlos sich vor ihm auf die Knie niederlassend) Graf!
Florentin. (verwundert) Was ist dir?
Dulli. (gerührt) Gott, Ihr fühlt nicht, was ich gern bekennen mögte? --
Graf, großer Graf! -- --
Florentin. Ich verstehe dich nicht, Lieber. Warum auf den Knien?
Dulli. Ach laßt mich doch noch lange in dieser Stellung verbleiben -- sie
thut meinem Herzen so wohl! -- -- Graf, ich zolle Euch meinen Dank! --
Florentin. (lächelnd) Du bist ein freier Kanelleser worden und _knieest_
dennoch?
Dulli. Ah, ich liege ja vor keinen Despoten -- ich verehre den größten
Menschen meiner Zeit! -- Laßt mich so liegen; Dulli dankt dem Erlöser
seines Vaterlandes! (eine Thräne tröpfelt aus seinen großen, emporgewandten
Augen.)
Florentin. Du bist ein sonderbares Geschöpf; so rauh, und so weich! -- Steh
auf!
Dulli. Nein, nein, beim heilgen Petrus, nein, noch kann ichs nicht! -- O
laßt mich so, so ist mirs wohl! -- Wenn ich nichts mehr sagen, nicht mehr
danken kann, dann will ich aufstehn, dann führ ich Euch zu einem andern
guten Freund.
Florentin. (neigt sich innig bewegt zu ihm herab, und küßt, ihn) Ich bin
dir gut!
Dulli. O, das ist auch mein schönster Lohn; nach ihm hab ich geschmachtet.
Ich sah Euch nur in der Nacht kämpfen; den ganzen Tag erwartete ich Euch
vergebens. Wohl schlich ich von Stunde zu Stunde um das herzogliche Schloß
Euch zu erblikken -- aber ich sah Euch nicht. Und nun -- nun bin ich
glüklich, Ihr habt den armen Dulli geküßt. Und (indem er vorn das Wams
aufreißt) seht hier meine Wunden! eins, zwei, drei, -- fünf Wunden -- und
_ein_ Kuß von Euch läßt mir ihren Schmerz nicht fühlbar werden. -- (er
steht auf.)
Florentin. Ist unser alter Badner auch daheim?
Dulli. Er ists. Er ist der gute Freund, zu dem ich Euch noch führen wollte.
Florentin. Ich bedarf der Ruhe; laß Badnern zu mir in mein Zimmer kommen;
Dulli. Nein, das kann der gute alte Mann nicht. Ihr müßt nun wohl zu ihm
gehn.
_Florentins_ Mienen schilderten seine Verwunderung über _Dulli's_ Worte; er
gieng, wohin ihn _Dulli_ führte; sein Herz weissagte nichts Angenehmes.
Er trat in _Badners_ Stube, und fand den guten Greis auf dem Bette liegend.
_Badner_ schien durch das Hereinwandeln der beiden aus einem leichten
Schlummer aufgestört zu, werden; durch Anstrengung all seiner Kräfte erhob
er sich mit dem halben Leibe, den Grafen zu bewillkommen.
»Lieber Badner, was ist dir geschehn?« fragte _Florentin_ ängstlich, indem
er sich dem Bette näherte.
Badner. (mit matter, oft abgebrochner Stimme) Mein Herr, -- mein lieber
Herr!
Florentin. Um Gotteswillen, wie siehst du so blaß, so elend aus!
Badner. Ach Gott, erinnert Ihrs Euch noch, was ich sprach, da wir über die
deutschen Gränzen ritten?
Florentin. Nein, Badner, so arg ist es noch nicht. Wirst nicht in Kanella
dein Begräbnis finden.
Badner. Ich werd es. -- Ach, lieber -- lieber Herr!
Florentin. (zu Dulli) Was ist ihm wiederfahren?
Dulli. Verwundet ist er in der Nacht, und wie ich glaube, gefährlich
verwundet. Halbtod schleppte man ihn hieher.
Florentin. Ist kein Wundarzt gerufen worden?
Dulli. Mehr, als einer.
Florentin. Und?