Gericht der _Unbekannten_.«

Niemand war entnervter bei dieser Szene, als der schwache _Piedro_, niemand

ob dieses Zettels bestürzter, als der Prinz _Moriz_, und niemand

verzweiflungsvoller, als -- _Duur_. Mit Grausen standen sie alle da um

_Rosaffens_ Bett, anstarrend die Ueberreste einer so gewaltsam zernichteten

Schönheit. Sie, deren Lächeln noch vor zwölf Stunden den ganzen Hof

entzükken, deren finstre Stirn einen Fürsten zittern, ein Herzogthum

schaudern machen konnte, -- sie war jezt ein machtloses, zerstörtes,

unnüzzes Prachtstük.

Königlich waren die Anstalten zu ihrem Begräbnis; drei Tage stand ihr

Leichnam hindurch in einem kostbaren Sarge zur Schau -- aber niemand, auch

kaum ein neugieriges altes Weib, schlich sich herbei die Ermordete zu sehn.

Meister der harmonischen Tonkunst führten am Tage ihrer Beerdigung

öffentliche Trauermusiken auf, aber -- kein Auge näßte sich. Kanellas

Dichter besangen die Hingesunkene, und keiner las die schwarzberänderten

Blätter.

Elendes Loos der im Leben vergötterten Bosheit! -- der Seufzer _eines_

Edeln über dem Grabe des Guten ist unendlich köstlicher, als die

kunstgebildete Thräne eines Marmorbildes über des Sünders Gruft, welche die

Flüche der Unglüklichen umrauschen!

_Moriz_, dessen Gedächtnis die ehmahlige Korrespondenz der _Unbekannten_

mit ihm, und die fatale Begebenheit mit den maskirten Kerln, welche ihn auf

der Straße so unsanft zugesprochen[A], noch nicht verloren gegangen war,

befand sich jezt in keiner angenehmen Lage.

Freilich waren es bis zum entscheidenden Abend des _ersten Septembers_ nur

etwa noch acht Tage hin, -- aber wie viel Querstriche konnten ihm nicht in

dieser Zeit noch von den verwünschten _Unbekannten_ durch seine Pläne

gezogen werden? -- Jezt fing er sich an vor _Florentinen_ zu fürchten, denn

um seinetwillen hatten die _Unbekannten_ ihn ehmals an Herzog Adolfs Hof so

übel mitgenommen, und seit _Florentin_ in Kanella etwas merkwürdiger

geworden, hub sich auch sogleich das alte Unwesen wieder an.

[Fußnote A: Siehe des ersten Bandes dritten Abschnitts, Kap. 8. S. 183.]

_Morizens_ Gewissen pochte; es war sich keiner schönen Thaten bewußt,

welche sonst die beste Arzenei in kritischen Augenblikken wider das

Herzklopfen sind; überdies hatte _Florentin_ die sämmtlichen Papiere von

Sr. Hoheit in den Händen, worin das ganze Gewebe der schlummernden

Verschwörung und des drohenden Aufruhrs gar deutlich angegeben stand, --

und wie leicht konnte der _Graf_ auf einen bösen Einfall gerathen! -- Der

einzige Trost für ihn waren die glüklich ablaufenden Werbungen, indem jezt

schon nicht mehr, als funfzehn tausend Mann auf den Beinen standen, die

theils in der Residenz, theils in der Nachbarschaft quartirt waren. Zur

größten Sicherheit verstärkte er die Wachen um seinen Pallast.

Aber man denke sich sein Entsezzen, als _Flimmer_ an Rosaffas Begräbnistage

mit der Botschaft zu ihm hereintrat, daß er aus sicherm Munde erfahren

habe, Sr. Eminenz der _Kardinal_ _Benedetto_ wisse nicht nur umständlich

von _Morizens_ Anschlägen, von der Bestimmung der angeworbnen Mannschaften,

von der am Septemberabend bevorstehenden Landesrebellion, sondern habe auch

schon, im Fall der Aufruhr nach Wunsch ablaufe, eine Bulle von Sr.

päbstlichen Heiligkeit in Bereitschaft, vermöge welcher er sich zum Vormund

des Piedro und Interimsregenten des Staats aufzuwerfen die Vollmacht habe.

Dem _Prinzen_ wurd' es bei dieser Post dunkel um die Augen; sein braunes

Gesicht wurde blasgelb, und es fehlte wenig, daß er vor Schrekken

umgesunken wäre.

Was blieb ihm bei solchen Umständen zu thun übrig? -- Hiergegen fruchtet

keine Verstärkung der Leibwache, und _eine_ Bulle konnte leicht dreisig

tausend Mann schlagen!

Flimmer fragte den Prinz etliche mal, aber gewann keine Antwort; erst nach

einer halben Stunde kam dieser wieder zu sich selber. Einige Flüche machten

ihm erstlich Luft, dann war seine sehr natürliche Frage: »Was soll ich

thun?«

»Eben das ists, was ich schon längst gern von Euch erfahren möchte!«

entgegnete der _Sekretair_.

»Ich werde unsinnig!«

»»Freilich, es ist schmerzhaft solchen Streich leiden zu müssen -- erfahren

zu müssen, daß, wo man am sichersten mit seinem Schiffe zu seegeln wähnt,

Klippen, Sandbänke und Untiefen den augenbliklichen Untergang drohn. Und

doch ists besser noch zur rechten Zeit die gefährliche Situazion zu

entdekken, als dem Schiffbruch unwissend mit vollen Seegeln

entgegenzustürzen.««

»Da hast du Recht, aber das beruhigt mich nicht!«

»»Ihr habt ja einen so wakkern Piloten, gnädigster Herr, einen Duur, der

Euch leichtlich retten könnte!«« sagte _Flimmer_ und grinsete teuflisch

dazu.

»Ah, verdammt! wer weis, ob nicht der Schurke selbst mein ganzes Verderben

zubereitet hat!«

»»Aber Ihr selber, mein Prinz, Ihr selber habt mir ja oft die Unmöglichkeit

dargethan, daß Duur so handeln könne.««

»Und du elender Bube, willst meiner auch noch spotten?« --

»»Ihr versteht mich nicht.««

»Augenbliklich schikke einen Boten zum Grafen, daß er sogleich zu mir

komme.«

Der Bote ging; der Bote kam und brachte statt des _Grafen_ Entschuldigungen

zurük.

Jezt faßte _Morizens_ Argwohn Wurzel, und seine Wuth wurde fürchterlich.

_Flimmer_ stand rath- und thatlos da, und grübelte und spannte seinen Wiz

auf die Folter, und erfolterte nichts.

»Was sinnst du da, Narr!« redete ihn _Moriz_ an, der auf ihm zuging und ihn

so vertraulich an die Schulter anpakte, daß er gern hätte laut aufschreien

mögen: »Was sinnst du? -- Wenn die Noth am größten ist, wird doch _Moriz_

nur allein Rath zu schaffen und zu helfen wissen. Sei ruhig, sei ruhig,

armer Gauch! der Kardinal soll sich betrogen haben, entsezlich betrogen

haben. Das sagt _Moriz_! Ich stehe wider den ganzen Sturm; mag er nur

entgegenbrausen -- ich will stehn. Siehe, wenn mein Kopf erkrankt, meine

Autorität im Volke stirbt, meine funfzehn tausend die Flucht ergreifen,

wenn alles verloren geht, alles: -- so geht auch ein Kardinalsleben zur

Neige. Verstehst du mich? -- Es ruhen schrekliche Mittel in meiner Macht;

ich kann einen Staat umstürzen, wenn auch nicht wieder aufbauen; ich kann

mir Wege über Leichen bahnen, wo Lebende mir die Huldigung versagen; ich

will über Trümmern wohnen, wo man mir den Besiz des Pallasts abschlägt.

Folge mir in mein geheimstes Kabinet, vorher aber befiehl, daß binnen drei

Stunden kein Mensch sich in der Nachbarschaft desselben gewahren lasse.«

Siebentes Kapitel.

Der Garten von Dosa.

Noch war an eben diesem interessanten Tage die Sonne nicht untergangen, als

auch _Florentin_ unruhiger war. -- _Badner_ hatte ihm nämlich einen Brief

gebracht, der abentheuerlich genug klang und in folgenden Worten abgefaßt

war:

»_Vinzenz_,«

»Habt Dank von uns, daß Ihr unsre Hoffnungen nicht zu täuschen vermochtet;

Heil Euch, Ihr seid der größten einer im Bunde! -- Beharrt Euern Plan

getreu. Verherrlicht Euch in der nahen erhabnen That; ein lieblicher Glanz

wird von Euch auf unsern Bund zurükfallen. Wir sind Eurer wohl eingedenk;

den Beweis davon findet Ihr im Städtlein _Dosa_, an der Kanellesischen

Gränze. Dahin eilet straks nach Empfang dieser Zeilen, es wird Euch nicht

gereuen. Euer Quartier sei das Wirthshaus zum _goldnen Dorn_. Eilet!«

»_Die schwarzen Brüder von Deutschland_.«

So wahr, als jeder meiner Leser, durch solchen Brief in Florentins izzigen

Verhältnissen mit Kanella, in Verlegenheit gerathen wäre, eben so gerieth

auch _Florentin_ nach Lesung des Schreibens in eine der unangenehmsten. Was

sollt' er thun? -- Kanella verlassen, zu eben der Zeit, da sich der Staat

der lezten, entscheidenden Krisis genahet? Kanella verlassen und zwar in

einem Zeitpunkt wo seine Gegenwart unausbleiblich nothwendig, wo noch einer

der gefährlichsten Streiche in Rüksicht des Prinzen und des Kardinals zu

vollführen war? --

Er schwankte.

»Was hab' ich in Dosa mit den schwarzen Brüdern aus Deutschland zu

schaffen?« fragte seine Neugier oft, und die thätige Fantasie wußte

tausenderlei _Vielleichts_ zu entgegnen. Das lieblichste war Florentinen

das angenehmste, und dieses lies nichts geringers muthmasen als _Holdern_

in Dosa zu finden.

»Holder in Dosa!« sprach er dann zu sich selber in halbem Entzükken:

»Holder in Dosa! o, mein Gott, da ihn nach so langer Trennung wieder zu

finden, wieder zu umarmen! -- Was wird er mir alles zu sagen, ich ihm alles

zu erzählen haben! -- Da werd' ich von dir hören, göttliche Louise, da von

meinem Erstgebornen, meinem _Karl_! -- da von Schwester _Rikchen_, vom

guten _Onkel_. -- Ach, Gott, ja! ich muß dahin, ich lasse die seligste

Stunde meines Lebens so nicht entstreichen!«

Sogleich wurden einige Billette geschrieben, versiegelt und an die

schwarzen Brüder in Kanellas verschikt, welche sich um Mitternacht in

Florentins Garten, der an seinen Pallast stieß, zu versammeln eingeladen

wurden. _Gotthold_ und _Dulli_ richteten alles zur schleunigen, geheimen

Abreise ein; der _Graf_ selber arbeitete bis um Mitternacht. Er siegelte

zwei ansehnliche Pakete von Schriften und Briefen ein, beide an Sr.

Durchlaucht, dem Herzog _Piedro_ von Kanella addreßirt, höchst eigenhändig

von demselben zu erbrechen.

Eine fürchterliche Mine sollte zum Wohl der Republik gesprengt, der

Kardinal _Benedetto_ und Prinz _Moriz_ morgendes Tages von ihrer

gefährlichen Höhe herabgestürzt und zur Revoluzion am ersten Septemberabend

kraftlos gemacht werden.

Lange hatte der _Graf_ hieran gearbeitet; denn nicht umsonst war er in die

Geheimnisse dieser beiden Staatsmänner eingedrungen, hatte er einen schönen

Theil seines Lebens in den ekeln Gesellschaften des Hofes vergehn lassen,

hatte er die unsichre, gefahrvolle Protheusrolle gespielt und oft sein

Leben daran gewagt.

Inzwischen hatten sich die _schwarzen Brüder der höhern Ordnung_ im

gräflichen Garten versammelt, wohin sie durch eine abgelegne Hinterpforte

unvermerkt gelangen konnten. Es war finstre Nacht, der Himmel umwölkt,

mond- und sternlos. _Florentin_, den Brief der schwarzen Deutschen in der

Hand, trat jezt unter ihnen hin.

»Freunde,« sprach er: »entschuldigt bin ich durch diesen Brief, worin ich

von den deutschen Verwandten unsers heiligen Bundes gen Dosa beschieden

worden, ich sage, entschuldigt bin ich durch ihn, daß ich Euch auf eine

Stunde im nächtlichen Schlummer störte und hier versammelte.«

»»Ihr nach Dosa? -- jezt nach Dosa? verlassen wollt Ihr uns jezt in der

Noth?«« so schollen etliche Stimmen verworren aus der Menge hervor,

indessen andre der Versammelten beim Laternenschein Florentins Brief lasen.

»Ja, ich muß Euch verlassen, muß dem Bunde gehorchen; ehe noch der Morgen

graut bin ich ausser Kanellas Mauern. Dosa ist von hier nicht allzu

entlegen; es wird die Reise von etlichen Tagen sein. Der erste September

sieht mich wieder hier.«

»»Warum wollt Ihr jezt hinweg, da die Gefahr vor der Thür liegt?«« schollen

die vorigen Stimmen, aber schon weniger laut zurük.

»Ihr habt meine Antwort gehört!« entgegnete _Duur_ mit ernsterm Ton:

»Glaubt Ihr, daß ich aus Furcht zu entfliehn, oder mich von der nahen

furchtbaren Szene zu entfernen gedenke? Ha, Brüder, kann man mich _einer_

feigen Schurkerei bezüchtigen unter Euch? Sezt ich nicht oft schon

Gesundheit und Leben öffentlichen und verborgnen Gefahren um Kanellas Wohl

aus? -- Ich kehre zurük, um am Abend des ersten Septembers an Eurer Spizze

zu stehn, kehr zurük, und wär es auch zum Opfertode für Eure Freiheit.« --

»»Ihr seid entschuldigt!«« riefen einige.

»Verlangt Ihr, daß ich durch einen Eid zeitliches und ewiges Wohl

verpfände?«

»»Ihr seid gerechtfertigt! Ihr seid gerechtfertigt!«« riefen mehrere.

»Oder will jemand meinen Muth auf dieser Stätte in diesem Augenblick mit

seiner Degenklinge messen?«

»»Still! still! still!«« riefen alle: »»kein Mistrauen unter uns!««

»Wohlan!« erwiederte mit sanfterer Stimme der _Graf_: »so laßt mich ziehn,

und beweiset nun auch Ihr während meiner Abwesenheit Muth und Geistesgröße.

Habt Acht! kaum werde ich in Dosa angelangt sein, so stürzen zwei Männer

von ihrer schwindlichen Höhe hernieder, die der Volksfreiheit die

gefährlichsten waren. -- _Moriz_ und _Benedetto_, diese Riesen werden

fallen!«

»»Wie ist es möglich!««

»Diese Männer wußten allein am Hofe um die große Verschwörung; sie wußten

um alles durch mich. Sie selber mußten die Hände anlegen die Schlinge

wieder aufzuknüpfen, welche sie despotisch um den Hals der Kanelleser

geworfen hatten; sie selber mußten Waffen und Geldsummen liefern, damit wir

den großen Plan mit Nachdruk ausführen könnten. Ohne ihre Hülfe würden wir

nichts vermogt haben, darum verzettelt' ich sie selber in das Komplot, und

hielt ich sie fest darin durch falsche Vorspieglungen. Jezt aber ist es

Zeit sie wieder von uns auszustoßen; sie gruben der Nazion eine Grube,

darum stürz' ich sie selber hinein. Ihre wichtigsten Papiere, und selbst

Benedetto's päbstliche Bulle, welche ihn zum Vormund Piedros und Kanellas

Regenten erkohr, sind in meinen Händen, und morgen lieset sie der Herzog!

-- Morgen sind Moriz und Benedetto Staatsgefangne! --«

Ein frohes, verworrnes Gemurmel erhob sich; die Männer drängten sich näher

um den Edeln.

»»Seit ich am Hofe öfter und geliebter erschien, werdet Ihr, Brüder,

bemerkt haben, daß die Kanelleser zehnfach unglüklicher geworden, als sie

es vorher waren. Ihr schienet vor mir zu zittern, und mich geheim als den

Urheber dieser allgemeinen Noth anzuklagen. Ja, und ich wars. Ich wars, der

die empörendsten Ungerechtigkeiten wider Kanella übte; ich wars, der die

unseligen Werbungen im Lande veranstaltete; ich wars, der die ältesten

Rechte der Städte mit Füssen trat -- wars, der die elenden,

bejammernswürdigen Bürger oder Sklaven von Kanella bis zur Verzweiflung

trieb, in welcher sie sich izt befinden. Allein so weit mußt' es im ganzen

Lande gedeihen, verzweifeln mußten die Kanelleser, um fähig zu sein ihr

Joch abzuschütteln, denn Gefühl für Größe und Freiheit schlief unter ihnen.

Jezt ist eine allgemeine Revolte nothwendig; sie ist nicht mehr zu

verhindern. Ihr indessen wacht jezt mit verdoppelter Scharfsichtigkeit über

alles, was geschehn könnte; hütet das Arsenal, die Magazine; und was sonst

von importanten Pläzzen, Gebäuden und Wachthäusern in der Gewalt der

schwarzen Brüder ist, wohl; erhaltet Ordnung, und harret mit Kälte und

Geistesgegenwart dem ersten Septemberabend entgegen! -- Lebt wohl!««

Der _Graf_ sprachs und wünschte ihnen eine gute Nacht -- »Gute Nacht!«

riefen die Männer, und wer da konnte, drükte dem großen _Fiorentino_

dankbar die Hand.

Achtes Kapitel.

Fortsezzung des Vorigen.

Gewis war _Duur_ mit _Dulli_ noch nicht eingetroffen im Dosanischen

Wirthshause zum _goldnen Dorn_, als seine Weissagung zu Kanella schon in

Erfüllung gegangen. --

Es bedürfte eben keiner Thron- und Lebensgefahren um einen Schwächling, als

_Piedro_, aus aller Fassung hinauszustürzen. Ein mislungenes wollüstiges

Projekt, eine verdorbne Frisur, die Ohnmacht einer Dame, der Tod eines

Schooshundes war allein schon stark genug ihn aus dem Sattel seines

Gleichmuths zu heben. Und nun denke man sich die Lage dieses kleinherzigen

Prinzen beim Empfang der Florentinischen Briefe; denke sich sein Entsetzen,

Schaudern, Verzweifeln während des Lesens.

Er sank, wie vom Schlage gerührt, kraftlos auf das Sofa nieder; Todesblässe

floß über sein Angesicht, Todesschweis drang in kalten Tropfen aus allen

Poren hervor; die Hände zitterten wie in einer betäubenden, halben Lähmung,

die Knie schlotterten heftig.

So lag er da, ein Gegenstand des Mitleidens, der Erbarmung, lag er da, als

hätte ein Donnerschlag seinen Insektenmuth gänzlich vernichtet, und alle

Kraft aus Nerven und Gebeinen verzehrt. Nach Viertelstunden erwachte er

wieder wie von einem Todesschlaf -- Traum wars nicht gewesen, die

gräflichen Briefe widerlegten ihn, so gern er sich vom Gegentheil überredet

hatte. -- Er weinte.

Jezt erschien seinem Geiste _Florentin von Duur_ in der erhabensten Größe;

er bewunderte den Mann mit Thränen, eben den, welchen er einst so sehr

übersah. All sein Vertrauen warf er izt auf diesen Engel; er schikte zum

_Grafen_, wünschte ihn _privatissime_ zu sprechen, allein _Duur_ war längst

verschwunden.

Zum Erstaunen des ganzen _Kanella_ wurden der Prinz _Moriz_ und der

eminente _Kardinal_ an eben dem Tage unsichtbar; denn _Piedro_ hatte beide

hinterlistig zu sich gebeten, sodann von verschwiegnen, getreuen Offiziren

in abgelegnen Zimmern seines herzoglichen Pallastes gefangen halten und in

der Nacht heimlich auf ein Landschloß transportiren lassen. Ihre Palais

wurden stark bewacht, ihre Geräthschaften versiegelt und eine

Untersuchungskommißion wurde niedergesezt, die den beiden Staatsverräthern

den Prozeß machen sollten.

Wir lassen jezt _Morizen_ fluchen, _Benedetten_ anathematisiren und

_Piedron_ sich schmeicheln eine Verschwörung zerstört, einem nahen Aufruhr

vorgebeugt zu haben, und wenden uns zum _Grafen_, der kaum anderthalb Tage

in _Dosa_ war, als er die Ursach seiner Dahinberufung erfuhr.

Ein Mädchen trat an einem Vormittage in sein Zimmer, erkundigte sich nach

ihm und überreichte ihm ein versigeltes Handbriefchen. _Florentin_ stuzte,

erbrach das Billet und las:

»_Gnädiger Herr_,«

»Sie werden von einem Landsmanne ergebenst gebeten, diesen Nachmittag ein

Glas Wein mit ihm in seinem Garten vor Dosa zu trinken. -- Ich erwarte sie

gewis.«

»Ihr Freund.«

Der _Graf_ war etwas verlegen. Die _Zofe_ sah ihn unverwandt an und

lächelte.

»Wer ist denn dein Herr, liebes Mädchen?«

»»Er hat mirs verboten Ihnen seinen Namen zu nennen!«« antwortete sie in

deutscher Sprache.

»Wie? bist du eine Deutsche?«

»»Freilich; mein Herr hat mich aus Deutschland mit hieher genommen; ich bin

die Gesellschafterin seiner Tochter.««

»Seiner Tochter!« wiederhohlte _Florentin_ langsam, der noch immer im

süssen Wahne gestanden, daß _Holder_ ihm den Scherz spiele. Er besann sich

ein Weilchen.

»»Werden Sie hinauskommen?««

»Sag mir, mein Kind, ob dein Herr« -- --

»»Ich verrathe Ihnen gewis nichts.««

»Gesezt aber ich erriethe seinen Namen.«

»»Desto besser für Sie.««

»Heißt er etwan -- _Aellmar_?«

»»Mit nichten! -- aber werden Sie kommen?««

»Gewis. Wo liegt der Garten?«

»»Zum Südthore hinaus, eine Viertelmeile von der Stadt entlegen, am

Dosanischen Gehölz. Sie können ihn unmöglich verfehlen. Eine hohe

Kastanienallee führt Sie da links vom Wege ab; die Gartenpforte steht offen

und über derselben werden Sie drei Aloeblumen entdekken.««

»Das Geheimnisvolle deines« --

»»Ihre Dienerin!«« sagte lächelnd das Mädchen und hui schlüpfte sie hinaus

zur Thür.

_Duur_ stand lange verwirrt ob der seltsamen Erscheinung da, doch was sollt

er machen? mit Ungedult erwartete er den Nachmittag und bis dahin suchte er

sich die Langeweile, welche er bis jezt nur dem Namen nach gekannt zu haben

schien, so gut als möglich zu vertreiben, durch Musik und Träumereien.

Aber eben diese versezten ihn bald in eine mehr wehmüthige als ernste

Stimmung des Gemüths; der Nachmittag erschien, und mit halbem Widerwillen

lies er das Pferd satteln, schwang er sich auf und trabte er langsam der

angewiesnen Straße zum Garten am Dosanischen Gehölz nach. --

»Wann werd' ich Euch wieder erblikken, Gespielen meiner Jugend, ihr

Geliebten meines Herzens?« schwärmte er vor sich hin: »Wann werd' ich euch

wieder erblikken, ihr heiligen Gegenden meines Vaterlandes, worin ich

zuerst des Lebens Werth empfand? Ach, daß ich es dürfte, wie gern flög ich

Euch jezt entgegen! -- -- Onkel, mein alter guter Onkel, ich will ja gern

in deiner Umarmung alles, alles vergessen, was der Nachruhm herrliches hat;

Will gern bei deinen süssen Plaudereien, o Rikchen, das Jauchzen des

dankenden Volks vergessen; will bei dir, mein Holder, in seliger Ruhe aller

Pracht und Größe entsagen -- ach, ich opferte gern die Unsterblichkeit

meines Namens einigen frohen Augenblikken in eurer Mitte auf! -- O

Schiksal, Schiksal gieb mir Ruhe! -- und du, Bündnis der Schwarzen, wieviel

bist du mir zu geben schuldig!«

Inzwischen er so mit sich selber sprach, stand sein Pferd am Ende der

Kastanienallee vor der Gartenthür mit den Aloeblumen.

Er stieg ab, band das Ros an und trat in den einsamen Garten. War es

Ahndung, oder die von den vorigen Bildern aufgeregte Einbildungskraft,

welche in ihn wirkten, weis ich nicht. Ein heimlicher Schauer drang durch

seine Glieder; beklemmt und froh schlug sein Herz einem unbekannten Etwas

entgegen; seine Blikke durchflogen die liebliche Wildnis, wo halbe Kunst

und halbe Natur herrschten.

Niemand, ausser ihm, war im Garten. Er erstaunte. »Was soll ich hier?«

fragte er sich laut, und leise schien ihm eine innre Stimme zu antworten:

»Freund, nicht vergebens bist du hier!« -- Er schwankte vorwärts, halb

mißvergnügt, halb neugierig.

In der Ferne, hinter Gebüschen, schien etwas Weises vorüber zu schweben.

Mit einer unerklärlichen Unruhe eilte er dahin, je näher er dem Orte kam,

je mehr seine Schritte an Schnelligkeit verloren.

Er stand vor einer verschlossenen Laube. Plözlich flog ein Gewebe von

Ranken zurük, und -- o Gott! -- -- _Louise_ lag in seinen Armen.

»Louise! -- Louise! -- angebetete, geliebte Louise! --« rief er bebend;

Seine Knie brachen; er sank auf den Rasen nieder, und sie hieng in seiner

Umarmung fest.

»O Louise!« rief er, nach einer nur der Empfindung, nicht der Dichtkunst

heiligen Pause, und preßte seine Lippen auf ihren Mund: »Louise, träum' ich

dich!«

Aber _Louisens_ Lippen öffneten sich nicht zur Antwort. Da lag sie

mattathmend, aufgelöst in schmerzlicher Wollust, alles- und

nichts-empfindend in seinen Armen. Ihre schönen Augen starrten ihn

unabwendlich an, als wollten sie seine Züge für eine ewige Trennung

auffassen. Ihr Mund war verschlossen, ihre kippen vergalten keinen Kuß; ihr

Ohr schien den Ausrufungen seines Entzükkens taub; ihr ganzer, mit tausend

Reizzen geschmükter Leib schien Kraft und Leben verloren, ihr Geist

berauscht sich höhern Regionen entgegengeschwungen zu haben.

»Meine Louise!« rief der Liebende und seine Augen zerschmolzen in Thränen.

Er hob seufzend die schöne Leblose zu sich empor, und verbarg sein Antlitz

an ihrem Busen.

Lange verweilten beide in dieser Attitüde; keiner sprach; Seufzer traten an

die Stelle der Wörter.

So lohnt die Liebe. So lohnt sie nach überstandnen Leiden; sie schöpft ihre

Wonne aus himmlischen Quellen, und beut tröstend dem müden Sterblichen

ihren heiligen Kelch. Dann verliert die irdische Herrlichkeit ihren Werth;

dann verschwindet jeder Reiz dieser Erdenwelt, und die Seelen der Liebenden

schweben, entrückt des Staubes Hülle, über den Sternen hinaus.

Wiederfinden, Wiedersehn nach langer quaalvoller Trennung, wie lieblich

bist du! Bei dir zerschmilzt die heisse Sehnsucht in Ruhe; da zerlöst sich

der Harm in süsser Wehmuth; da vergißt die Sterblichkeit ihr Loos, und

zerfließt die Sinnlichkeit in Nichts. Da vermählen sich Seelen mit Seelen

unterm Seegensruf der Ewigkeit; da fühlen Geister ihren göttlichen

Ursprung, und die schweigende Natur feiert die hohe Empfindung. --

Wiedersehn, Wiederfinden nach langer quaalvoller Trennung, wie lieblich

bist du! --

»Ach, Florentin!« stammelte nach einer halben Stunde _Louise_, und ein

tiefer Seufzer erhob ihren Busen.

»»Bist es wirklich, Einzige! -- kein Traumbild, kein Fantom! Du bists. Es

ist deine liebende Stimme!««

»Unglüklicher Florentin, du liebst Louisen noch? -- Hast deine Liebe so

schwer büßen müssen!«

»»Ewig hängt meine Liebe an dir.««

»Hast viel gelitten um Deiner Louise willen.«

»»Unendlich viel! -- ich hatte ja alles verloren. -- Ach, seit du an meiner

Brust liegst, hab ich dreifach -- tausendfach mehr dafür wieder gewonnen.

Ich bin zufrieden. Meine Wünsche hören auf.««

»Florentin, so viel Liebe hab' ich nicht verdient.«

»»Hast sie verdient und mehr. -- Was war ich ehe du mich geliebt? ein

Geschöpf sonder Werth! -- durch dich wurd ich alles.«« -- --

Sie weinten beide. Ihre Sprache verlor sich. Sie umarmten sich lange.

»Ah!« lispelte _Louise_ und die Seligkeit ihrer Seele mahlten sich in den

schwimmenden Blikken, auf den erröthenden Wangen, in den lächelnden Zügen

ihres Angesichts wieder:

»Wer hätte es im herzoglichen Schloßgarten an jenem Abend von uns wähnen

sollen, daß wir uns hier wieder finden würden? Erinnerst du dich noch an

das Strumpfband?«

»»Wie könnt' ich den kleinen Urheber all meiner Freuden und Leiden

vergessen? -- Ach preise jene Stunden selig, da eine morsche Bank dein

Thron war und ich zu deinen Füssen lag und dir Liebe gestand. Ich preise

jene Stunden meines Lebens selig, denn ohne sie würd' ich dich hier nicht

besizzen.««

So sprachen, so koseten die _Liebenden_ lange miteinander. Alle frohe und

traurige Szenen der Vergangenheit wurden geschildert und wieder

geschildert; jede Kleinigkeit ward zur Merkwürdigkeit, ein hie und da

verloschnes Bild mit neuen Farben aufgefrischt.

Bald wandelten sie Arm in Arm, Hand in Hand verschränkt in einsamen Gängen

umher; bald ruhten sie wieder im Schatten hoher Bäume; bald genossen sie in

einer angenehmen Grotte Erquikkungen von den auserlesensten Speisen und

Getränken; bald schwiegen sie Viertelstunden hindurch, Hand in Hand, Blik

in Blik, Seufzer in Seufzer, Seel' in Seele, verloren. Und so entschwand

der Tag, so entfloh der schönste Abend wie die Fantasie eines Augenbliks.

Kein fremdes Auge belauschte die Glüklichen; nur die _Zofe_ Louisens, die

bewußte Briefträgerin, sorgte für die Bequemlichkeiten der geheimen

Liebenden.

Die Nacht zog am Himmel herauf; es war eine begeisternd schöne Nacht, war

gewis von allen angenehm durchwachten Nächten des _Grafen_ eine der lezten

für ihn auf Erden. Hingegossen lag er unter einem Pfirsichbaum; die

schwanweißen Arme um ihn geschlagen ruhte die _Fürstentochter_ neben ihm.

Ueber und um beiden webte ein Hollunderbusch die niedlichste Laube. Hell

funkelten die Sterne aus der wolkenlosen Luft herunter; verklärt im

Mondlicht schwamm der Garten; sanft rauschte der Abendwind durch die Wipfel

der Bäume.

»Was fehlt unserer Glükseligkeit noch?« fragte _Duur_ und küßte _Louisens_

Stirn.

Louise. Die Dauer der Ewigkeit.

Duur. (erschüttert) Du hast Recht. O, warum sind die Freuden des Lebens an

den Maasstab der Zeit gebunden? -- Ach, Louise, Louise, wie bald werden wir

uns trennen müssen! (Eine Pause. Er versucht es sich von dem traurigen

Gedanken loszuwinden. Indem er sich über Louisens Angesicht hinbeugt:) Du

bist mein Weib?

Louise. (schaamvoll zitternd) Ich bin noch -- dein Weib.

Duur. (ihren Worten nachsinnend) Ja, du bists, und wirst nie einem andern

werden.

Louise. (schmeichelnd) Mein Florentin.

Duur. Nie _einem andern_, Louise?

Louise. Florentin, warum fragst du so? -- O, du hast mich zum Weibe -- zur

Mutter gemacht.

Duur. Gott, es ist wahr, und ich konnte unsers Karlchens vergessen? -- wo

ist er -- Mutter, Mutter, wo ist er?

Louise. In Deutschland bei Holder von Sorbenburg. -- Ach, Florentin, wie

gern hätt' ich Ihn dir mitgenommen, aber -- ich konnte nicht, durfte nicht!

(schwärmerisch) Es ist ein göttlicher Bube, so schön, so klug, so

schmeichelnd -- Florentin, es ist dein Ebenbild Du solltest ihn sehn -- bei

Gott unter Tausenden würdest du ihn erkennen. Ich habe ihn oft auf meinem

Schoose getragen; habe oft mit dem verführerischen Knaben getändelt; habe

ihn den Mutternamen gelehrt und von seinem lieben Vater ihm erzählt. Wie

neugierig er dann nach dir fragte, wann du heimkommen würdest -- ach,

Florentin, die Freuden der Mutter kann kein Männerherz nachempfinden! --

Duur. Vortrefliche!

Louise. Du wirst ihn bald sehn können: so bald du es willst.

Duur. (entzükt) Meinen Karl sehn?

Louise. Mein Bruder Adolf hat dir verziehen. Schreib an den Herzog, nur

_eine Zeile_ schreib' ihm, und du darfst wieder in dein Vaterland

zurükkehren.

Duur. Friedensbotin, wie dank ich dir?

Louise. Ja, Adolf liebt dich unaussprechlich! er ist nie düsterer, als

dann, wann er an deinen Verlust erinnert wird. »Du, du hast ihn mir

geraubt, Schwester« sagte er mir oft, und so oft er mir dies sagte,

bemerkte ich Thränen in seinen Augen. Kehre zurük.

Duur. (betrübt) Bald vielleicht.

Louise. Gieb ihm die alte Fröhlichkeit wieder. Zwar ist er unterdes

vermählt; aber seine Gemahlin kann _die_ Wunde nicht heilen, die dein

Verlust seinem Herzen schlug.

Duur. Ich kehre zurük, so bald Kanella mich loßläßt. Ich habe dir meine

Lage geschildert; du weißt wie sehr ich an Kanellas Wohl gebunden bin, oder

Kanellas Wohl vielmehr an meinem Willen hängt. Du weißt, welch ein Tag mir

bald bevorsteht. -- --

Louise. (ihn inniger umschließend) Bedauernswürdiger Mann!

Duur. Doch sei's. Getrost geh ich meinem Schiksal entgegen. Aber hier, an

diesem Busen, will ich vorher ausruhn von meinen Thaten; von diesen Lippen

will ich mir erst Kraft und Feuer zu neuen sammeln. Hier will ich

Vergangenheit und Zukunft vergessen, um harmlos an der Gegenwart zu

schwelgen. -- O, Einzige, Liebliche, du bist ja mein, -- mein! mehr

verlange ich nicht aus der Fülle der Seeligkeiten.

Inbrünstig hingen die Lippen des seligsten Paars aneinander. Schön war die

Nacht, aber schöner war der nächtliche Triumf der Liebe.

Der Morgen erschien. Ein halber Tag entfloß; bald war ein ganzer dahin. Die

Stunde des Scheidens schlug -- von einander gerissen waren die noch vor

einigen Stunden die Glüklichsten der Erde, verweht wie ein Nebel, ihre

Freuden. _Duur_ glaubte aus einem Traum erwacht zu sein, als er sich nicht

mehr im Arm, am Busen _Louisens_, sondern auf seinem Rosse den Weg von Dosa

nach Kanella zurüktrabend fand.

»Gott, so habe ich nichts, nichts von der Freude genossen; ich habe mich

mit Schattenbildern ergözt!« rief er bekümmert aus.

»»Das ist's Menschenloos nun einmal so!«« gähnte _Dulli_, der hinter seinem

Herrn ruhig dahin trottete.

»Aber doch ist auch ein Traum schön! _Schwarzen Freunde_, ihr habt

ritterlich Wort gehalten, Florentin von Duur wird desgleichen thun.«

»»Morgen ist der erste September!«« brummte _Dulli_, und ein Schauder floß

kalt über seine Haut.

Neuntes Kapitel.

Sturm in Kanella.

»Ho, Gianetta, schöne Gianetta, es ist der Abend aufgedämmert! Gianetta,

die Erlösung Kanellas beginnt!« rief der liebetrunkne _Enriko_ vor dem

Gemach seiner Geliebten. Und die Thüren sprangen auf; der Jüngling flog in

die Arme der stolzen Republikanerin.

»Was willst du, Trauter?« fragte sie und ihr Auge wandte sich begeistert

von den Waffen des schwärmerischen Enriko hinweg.

»»Dich noch einmal sehn. O Gianetta, vielleicht, daß ich für die

Vaterlandsfreiheit mein Leben ausblute.««

»Küsse mich, schöner Junge; so liebte ich dich noch nie als in diesem

Augenblik!«

»»Ha, der Kuß, und dieser! -- o, noch eine Million derselben und ich fühle

Muth in mir den Erdkreis zu verwüsten! --««

»Ungestüm!«

»»Ha, bald schwärzt sich unsre Hochzeitnacht! Gianetta --!««

»Wie wenns Grab unser Brautbett würde? -- Enriko, mein Enriko, wie dann?«

»»Wehe, ich mag den Gedanken nicht denken! -- Und nun, ade, ich habe dich

gesehn! ade!««

»Bleib noch! -- Ist Florentin von Duur schon heimgekommen?«

»»Wahrscheinlich! weis es nicht! -- Ade!««

»Verweile noch!«

»»Horch, lautet man nicht in der Ignatiuskirche? -- hörst du, sie stürmen

mit den Glokken! es ist das Signal!««

»Man läutet zur Vesper. Bleib noch, Trauter, o, wie wirds mir so bang im

Herzen!«

»»Laß mich! -- still, das war Trommelschlag! horch, wies die Gasse

hinunterwirbelt. Es ist Zeit!««

»Ach, einen Augenblik noch! -- Es ist das Wirbeln der Pauken im

herzoglichen Pallast, beim Gastmahl!«

»Sieh, wie strömt das Volk zusammen! Waffen an Waffen! Gianetta, schöne

Gianetta, ade!«

Enriko entfloh.

Wohl stürmten die Glokken, wirbelten die Trommeln, rasselten die Waffen der

zusammenströmenden Kanelleser. _Borghemo_ hörte die seltne Musik. Jach

sprang er auf in einsamen Zimmer, haschte er sein Schwerd, und stekte die

Pistolen in seinen Gürtel.

»Freiheit! Freiheit, du kömmst?« rief er entzükt: »Ha schwarzen Brüder,

fürwahr jezt muß ich Eure Macht anerkennen. Borghemo ist Eures Bundes nicht

unwerth; schwarzen Brüder, ich leiste meine Pflicht! -- Aber du, großer

Fiorentino, du bist anbetungswürdig! -- o wie konnt ich dich einst

mißverstehen Fiorentino, ich wasche in dieser Nacht mit Blut mein Vergehen

rein; Fiorentino, ich streite, siege oder falle unter deinen Augen!«

Er riefs, drükte sich den Hut tief ins Angesicht und wollte hinausfliegen,

als sich plözlich die Thür öffnete und _Giovanni Borsellino_ mit mehrern

_Exulanten_ hereintrat.

»Heil unserm Vaterlande!« riefen die Kommenden, und der Jüngling

_Borsellino_ hing am Halse seines Freundes _Borghemo_.

Borghemo. (bestürzt) Wie? woher kommt Ihr Landesverwiesne?

Giovanni. Geradeswegs aus dem Exil. Ha Borghemo, sollt' ich Euch allein in

Kanella die Freiheit erkämpfen lassen? -- Erinnerst du dich nicht, daß die

Borsellinen von Anbeginn jedesmahl da standen, wo die Gefahr am

furchtbarsten war?

Borghemo. Wo ist der alte _Eo_?

Giovanni. An der Spizze aller Verwiesnen und Misvergnügten im

Kanellesischen Gebiet. Das ganze Land ist in Bewegung.

Borghemo. Herrlich, herrlich!

Giovanni. Bruder, wo find ich den Fiorentino von Duur? Ich muß den Mann

sehen, der die ganze Maschine des verdorbnen Staats mit seiner Riesenfaust

zermalmt.

Borghemo. Den Mann suche da, wo das Gemezzel am wüthendsten sein wird.

Einige Exulanten. Laßt uns den Helden aufsuchen.

Andre. Das müssen wir; bei Gott, das müssen wir.

Giovanni. Ich begebe mich nach dem Dominikusplaz.

Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 2/3 · 第 21 / 36 题