Aellmar. Dies ist alle Auskunft, die ich Ihnen geben kann, das heißt, ich
sage, was man allenthalben spricht. -- Doch lassen Sie uns davon abbrechen.
Sie wollen nach _Mungenwall_ reisen.
Florentin. Wie ich Ihnen gesagt habe.
Aellmar. Und wohin zielt von da Ihre Reise?
Florentin. Wohin mirs gelüstet. Des Herzogs Befehl bindet mich an keinen
Ort und keine besondern Geschäfte.
Aellmar. So würd ich mich in Ihrer Stelle um Menschen, Länder, Politik und
Volkskraft zu studieren, ohne Anstand nach _Kanella_ begeben, wo jezt Volk
und Fürst im Prozeß liegen, Komplote geschmiedet, Pläne entworfen und
zerrissen, Kabalen gespielt und Gährungen erregt und gedämpft werden.
Florentin. (zerstreut) Ich fänd' es selber nicht unangenehm.
Aellmar. Ich witterte diese Unruhen schon vor einigen Jahren, als ich mit
Holdern nach Italien reisen mußte, und wir zwei Monate in _Kanella_
hinbrachten.
Florentin. (aufmerksam) _Mußte_ Holder nach Italien reisen.
Aellmar. Er mußte, und zwar in Geschäften der schwarzen Brüder.
Florentin. Und Sie begleiteten ihn?
Aellmar. In einer _ähnlichen_ Angelegenheit.
Florentin. Darf ich um Holders Geschäfte in Italien wissen? Es intereßirt
mich zu sehr, um so seltsamer mir damahls seine Entschwindung vorkam, als
er -- --
Aellmar. Ich erinnere es mich noch sehr gut. -- Der Zwek der schwarzen
Brüder ist Verbreitung des Guten, Unterdrükkung des menschlichen Elends.
Wir waren es, welche die _Jesuiten_ aus Italien vertrieben hatten, ohne daß
diese eben so wenig, als die übrige ungeweihte Welt davon ahndeten. Unser
Triumpf war groß. Die Zerstörung der jesuitischen Hierarchie war eine
herrliche That unsers Bundes, lange schon beschlossen in unserm Rathe, und
so meisterhaft ausgeführt, daß niemand dabei unsern Einfluß ahndete --
Diese in Heiligenmasken verkappten Teufel aber schlichen sich bald wieder
an einigen italiänischen Höfen ein; ihre Fortschritte machten uns besorgen
zu frühzeitig triumfirt zu haben; sie hatten ihre Nezze so fein und so
stark gewebt, daß es eben so leicht möglich war, sich in ihnen zu
vergarnen, als unmöglich sich denselben wieder zu entwinden. Wir bekamen
Wind davon. Der Plan, die Gespinnste des Jesuitismus ganz zu zerreißen,
ward entworfen, ihn auszuführen bedurfte es einen Mannes mit dem
schärfsten, alles umfassenden Blik, mit der feinsten Politik, mit einer
ausserordentlichen Geistesgegenwart begabt. Alles beruhte auf diesen Mann
allein und -- Holder wurde erwählt.
Florentin. Sie sezzen mich in Erstaunen.
Aellmar. Holder lebte zu der Zeit auf dem Landgute ihres Oheims, wo er von
allem, was geschah, schriftlich und mündlich Notiz erhielt. An 6
verschiedne Herrschaften Italiens wurden einige schwarze Brüder verschikt,
die Jesuiten in der Nähe zu beobachten, Holder selber sollte sich dahin
begeben, um die mannigfachen Pläne des Ordens der schwarzen Brüder, die an
den verschiedenen Höfen realisirt werden sollten, harmonisch zu erhalten,
Maasregeln, die aus der Uebersicht des Ganzen entspringen mußten, zu
ertheilen, mit einem Worte alles zu dirigiren. Seine Abreise hing noch von
der Einwilligung eines deutschen Fürsten in einen gewissen Vorschlag in
Rüksicht der jesuitischgesinnten Italiäner ab. Alle hofften wir auf
Entscheidung. Auch ich wurde bestimmt mit Holdern zu reisen, um seinen
Befehlen zu gehorchen. Damahls lernt ich ihn kennen; ich sprach ihn
zuweilen in der Nacht in der Nähe des Duurschen Landgutes, wann er mir und
andern das Signal durch einen Büchsenschuß gab. Ich bewunderte schon in
diesen seltnen nächtlichen Konversazionen den schlauen, weisen, ehrwürdigen
Mann. Der deutsche Fürst lies uns lange hoffen, Holder wurde beinah
ungeduldig, er liebte Ihre Fräulein Schwester und hätte sich gern mit ihr
genauer verbunden, wenn nicht die Macht des Ordens auf eine Zeitlang
dawider gestanden. Plözlich erhielten wir Befehl aufzubrechen, ohne
Zeitverlust, ohne Schonung der Geldkosten, so schleunig, als möglich, weil
von unsrer baldigen Ankunft in Italien alles dependirte. Wir gaben Holdern
das Signal. Er erschien; unsre Nachricht dekontenanzirte ihn anfangs --
allein, weil wir schon seit eingen Monaten Befehl hatten, uns in jeder
Stunde zum schleunigsten Aufbruch bereit zu halten, so mußte er noch in
eben der Nacht mit uns. Rastlos gieng die Reise durch Deutschland. Wir
kamen nach Italien; zerstreuten uns, jeder an dem ihm vorbestimmten Posten.
Holder zeigte sich hier, als Meister. Er kam zurük zu den Brüdern in
Deutschland, die seine bewundernswürdige Thaten, seinen Eifer mit dem Stuhl
des Regenten belohnten. Glauben Sie mir, Herr Graf, es leben eben so viel
große Männer _unbekannt_, als bekannt! --
Florentin. Wahrlich ich bin stolz der schwarzen Brüder einer zu sein.
Der _Graf_ sprach dies in der That, nicht als ein Compliment, sondern als
Aeusserung derjenigen höhern Empfindung, welche aus dem süssen Bewußtsein
quoll, du bist auch einer derselben, die, wie die Gottheit, ungesehn
sichtbare herrliche Thaten üben. Wahr ists, das Schiksal hat mich eben so
sehr über gewöhnliche Menschen emporgehoben, als es mich sinken lies unter
denselben! --
»Und auch Sie, lieber Aellmar,« fuhr der _Graf_ nach einer Pause fort:
»auch Sie haben schon an der allgemeinen Glükseligkeit des
Menschengeschlechts gearbeitet -- und ich -- -- --«
Aellmar. Graf, Sie thaten schon ein Gleiches in ihrem Vaterlande. Schon
damahls waren Sie ein Werkzeug der schwarzen Brüder, schon damahls zur
Aufnahme bestimmt. Erinnern Sie's sich nicht mehr, wie sich die
_Unbekannten_ Ihnen schon lange bekannt machten? -- Haben Sie die Ihnen
zugesandten Briefe vergessen, welche -- --
Florentin. Wie sollt' ich!
Aellmar. So darf ich Ihnen nichts mehr erklären.
Florentin. Demungeachtet ist mir noch manche Aufklärung nöthig. Zum
Beispiel, woher es kam, daß man um meine Geheimnisse wußte, wußte, was in
meinem Herzen, und in meinen vest verwahrten Koffern und Schränken
vorgieng!
Aellmar. Ein Räthsel welches leicht aufzulösen ist, wenn Sie wissen, wie
ausgebreitet unser Orden ist, und daß der meisten Ihrer Bedienten und
Vertraute, so wie die Aerzte am Hofe u. s. f. zur Zahl der schwarzen Brüder
gehören.
Florentin. (bestürzt lächelnd) Ha!
Aellmar. Ich habe Ihnen nun so viel anvertraut, als ich darf, und Sie
bedürfen. Jezt erlauben Sie, daß wir hievon schweigen.
Florentin. Werd' ich nicht auch zu dieser Kenntnis alles dessen was im
Orden vorgeht, und wie es geschieht, gelangen?
Aellmar. Nicht früher, als Sie sich dazu würdig gemacht haben; sodann
gehört die Kenntnis des _was_ und _wie_? zu Ihren Belohnungen.
Hier brach _Aellmar_ das Gespräch ab, nöthigte den Grafen sich wieder zu
zerstreuen und -- heilige Verschwiegenheit zu beobachten.
Sie verließen das Gartenhaus.
Der _Graf_ sonderte sich von seinem neuen Freunde ab, wankte tiefsinnig mit
verschränkten Armen durch die Gänge des Gartens, und überdachte da die
Worte Aellmars.
Es stiegen sonderbare Empfindungen in ihm auf. Ihm wars, als wäre er zu
einer Klasse höherer Wesen gezählt -- er fühlte sich in ihrer Mitte zu
stehn, unwürdig und kleinlich, und wieder gros, wenn er der Thaten
gedachte, zu welchen der Orden ihm Bahn bräche. Seine Fantasie begann
lieblicher um ihn zu spielen; er warf sich halbträumend in den Schatten
eines Kastanienbaums.
»O, werd' ich einst ausgerungen haben, nennt mich die künftige Zeit gros,
rauschet der kühlende Lorbeer um meine glühnde Schläfe -- kehre ich heim
aus dem Felde der Thaten und begrüsset mich die vaterländische Flur wieder,
wo ich als Kind tändelte, als reifender Jüngling schwärmte, ruhe ich dann
aus in den heimischen Thälern in der Stille des väterlichen Hains, o wie
seelig wird dann mein Loos sein! -- Nein, ich fordre nicht zur Vergeltung
fürstliche Palläste, nicht die Freundschaft der Großen, nicht Anbetung vom
Volke und Vergötterung, -- nein ihr Gewaltigen, die ihr euren Arm in den
Mantel der Nacht verberget, gebt mir, wenn ihr es geben könnet, _Louisens_
Liebe in einem entlegnen Winkel der Erde, meinen Tod in Louisens Armen, an
Louisens Busen!«
So träumte der gute _Graf_ sich noch manchen angenehmen Traum, von
wehmüthiger Sehnsucht nach Ruhe durchwebt; denn Ruhe bedurfte sein
diefleidendes Herz, oder eine ungewöhnliche Zerstreuung.
Glüklich war _Florentin_ in der Mitte dieser ihn umwallenden Bilder, welche
die Fantasie erschuf; und so ist jeder glüklicher in der _Rükerinnrung_
oder Hoffnung, als im _Genuss_ selber!
Siebentes Kapitel.
Ein Nachtstük.
Es war ein schwüler Nachmittag; die Luft glühte, der Erdboden schmachtete,
kein Wind wehte Erfrischung; _Florentin_ entschlos sich also leicht,
_Aellmars_ Bitte zu erhören und erst am Abend dieses merkwürdigen Tages
seine Reise zu verfolgen.
Unterdes suchte _Aellmar_ seinem Gaste diese wenigen Stunden so sehr, als
möglich zu verannehmlichen. Weil der Graf, über dessen Seele ein ewger Gram
brütete, der nur selten und auch dann nur erzwungen, lächelte, jede
Gesellschaft ennuiant fand, wo Scherz und muntre Laune das Herz für Freude
stimmten, so unterhielten sich beide stets allein.
Unter andern führte _Aellmar_ seinen Freund in sein Studierzimmer, welches
rings herum mit vortreflichen Gemählden ausgeschmükt war. _Florentin_
heftete gleich beim Eintritte sein Auge auf einen männlichen Kopf. Er gieng
näher und erkannte bald, daß _Holder_ zu demselben das Original sei.
»Auffallend ähnlich!« rief der _Graf_: »dies hat ein Meister gemacht!«
»»Es ist sehr wohl gerathen.«« Erwiederte _Aellmar_ und stellte sich neben
Florentinen.
»Ganz seine freie stolze Stirn, welche der Gefahr trozt -- ganz sein
feierlich ernster, majestätischer Blik, der das menschliche Herz
durchspäht, und über die Entwürfe des Schiksals hinblikt, als lebte er mit
demselben in einem höhern Einverständnis. Sein Mund -- ganz eben der,
welcher sich immer nur zum Wohl des allgemeinen Ganzen zu öffnen scheint,
und nur das _Orakel_ der Weisheit sein kann. Dieser matte Zug um die
Lippen, diese matte Falten der Stirn, welche die stoische Kälte, den
strengen oft furchtbaren Ernst des Mannes so karakteristisch mahlt --
Aellmar, ich bin stolz, daß Holder mein Blutsverwandter ist, und hasse mich
selber, daß ich der Gelegenheiten so wenig vest hielt mich durch diesen
Ausserordentlichen und nach seinem großen Muster zu bilden.«
»»Ich schäzze den höher, welcher sich durch die Natur ausbilden läßt, und
nicht die Größe eines andern zu seinem Maasstabe macht. Erstere veredelt
den menschlichen Geist, so sehr es ihm seinem innern Gehalte nach möglich
ist, lezteres verzerrt denselben und bringt gewöhnlich Karrikaturen zur
Welt. Ich zweifle nicht daran, Herr Graf, daß auch Sie ein Holder werden
können, wenn sie in Verhältnisse gerathen, wie er; daß Sie in der Gefahr so
kalt bleiben, wenn Sie, wie er, zweimal in einem Meersturme scheidern,
oder, wie er, sich durch einen Haufen Banditen schlagen, oder unter
malthesischen Flaggen an einen türkischen Seefahrer entern --««
»Was sagen Sie mir da? -- Sie scheinen mehr von Holders ehemaligen
Lebensumständen zu wissen, als ich. Er hat sich in unsrer Familie selten
davon etwas verlauten lassen; nur so viel wissen wir, daß er von blutarmen
Eltern am Rheine geboren wurde.«
»»Im Orden, lieber Graf, werden Sie mehr darüber erfahren können. Nur so
viel ist gewiß, daß _Holder_ ein grösserer Abentheurer, als irgendein
_Bruder von der Küste_[A] geworden wäre, hätten die _schwarzen Brüder_ ihn
nicht in ihre Pläne verstrikt, unter ihre Zahl aufgenommen, und seinem
Genie eine edlere Bahn angewiesen.««
Vergebens bemühte sich _Florentin_ _Aellmarn_ mehrere Skizzen von _Holders_
Leben abzulokken, dieser wußte immer unter einem artigen Vorwande den
Versuchen des Grafen zu widerstehn.
Schon sank die Sonne mit aller ihrer Pracht hinter den Tannenwipfeln des
benachbarten Forstes unter; schon wurden die Lüfte kühler und graue
Dämmerung umflog die Landschaft; schon tönte vom Thurme von Riedelsheim die
späte Abendglokke, und das Geräusch der Menschen schwieg und die
Dorfbewohner suchten das Lager, um früher zur Arbeit aufzubrechen, als
_Florentin_ erst von _Aellmar_, dem alten Pastor _Leedri_ und dessen
Tochter _Agathe_ schied, um in der Nacht die versäumte Reise des Tages zu
ersezzen.
[Fußnote A: Siehe des Herrn von _Kozebu's verm. kleine Schriften_ 3ter
Theil. Geschichte der _Flibustier_ nach _Raynal_.]
Der _Graf_ mit seinen beiden Kumpanen trottete langsam zum Dorfe
_Riedelsheim_ hinaus, das Thal hindurch, die Hohlwege hinan. _Florentin_
war im Geiste noch immer um _Aellmar_, hörte ihn noch immer von _Holdern_,
oder der heiligen Bestimmung der schwarzen Brüder plaudern; sah noch immer
den verführerischen Gitterstuhl in der Kirche, oder die verschleierte
_Agathe Leedri_, Aellmars Weib, darinnen. So schlenderte sein Gaul ruhig
unter ihm den Weg hin, ohne daß es einmal die Spornen seines Ritters in den
Seiten fühlte, und _Gotthold_, nebst dem alten _Badner_, der, wie ich
anzumerken vergas, eben so bald zu seiner, des schwazhaften _Gottholds_ und
des _Grafen_ Freude die verlorne Sprache wieder gewann, als er über die
herzogliche Landesgränze hinaus war, ich sage _Gotthold_ und _Badner_
trabten, im Mondenscheine vertraulich mit einander plaudernd, bald voran,
bald zur Seite, bald hinterher.
»Kopf ab!« rief _Gotthold_ nach einer halben Stunde dem _Grafen_ zu, der
sich rasch niederdukte, um nicht mit den Baumästen über sich in Kollision
zu gerathen, und nun erst bemerkte, daß er sich in einem angenehmen
Wäldchen befände.
Dies sehn und den Entschluß fassen eine Strekke Weges zu Fuße zu wandern,
war eins. Er stieg ab, reichte _Gottholden_ den Zaum seines Rosses und
trabte frisch voran.
Die Nacht war angenehm, zum Schwärmen reizend, einladend zum Vollgenus
reinerer Empfindungen. Der _Graf_ gieng mit starken Schritten vorwärts,
schwärmte, genoß. Er war noch keine Viertelstunde gegangen, als ihn eine
weibliche Stimme, welche durch die tiefe Stille der Mitternacht seitwärts
ertönte, vom Wege ablokte.
Meine Leser, wenn Sie hier ein _gewöhnliches Waldabentheuer_ erwarten; so
täuschen Sie sich. Es geschah etwas sehr natürliches, was nur in
_Florentins_ Augen den Anstrich des Wunderbaren trug.
_Florentin_ gehörte eben nicht zu der Gattung neugieriger Lauscher, welche
das Sumsen einer Mükke aufmerksam macht. Es hätte vielleicht für ihn in
jeder andern Seelenstimmung die Weibesstimme süs oder sauer tönen mögen,
sie hätte ihn nicht von seinem Wege abgebannt, -- aber jezt. -- Doch um die
Ursachen recht einzusehn, welche ihn reizten den Fußsteig zu verlassen,
müssen wir sein unmittelbar vorhergehendes Gedankenspiel wissen.
Die Nacht, wie man weis, war schön;
Ein wunderbar Gemisch von Licht und Schatten
Verherrlichte den Wald mit unbekannter Pracht.
Auf jedem Zweige sahe man die Nacht
Sich mit des Mondes reinstem Silber gatten.
Verworren schliefen Hain und Hügel in der Tracht
Des alten Chaos -- Edens Nächte hatten
Nicht solchen Reiz gesehn, und solcher Augenlust
Sind sich die Heilgen kaum im Paradies bewußt.
Florentin knüpfte an das Bild dieser Nacht das Bild aller ehmals im
Vaterlande genossenen schönen Nächte; natürlich spielte in diesen auch
_Louise_ eine hervorstrahlende Rolle, und, was noch natürlicher war, die
Schönheit der nächtlichen Natur wurde in eben dem Augenblikke über die
Schönheit der angebeteten Auserwählten gänzlich vergessen.
Nun schwamm ihm nur das magische Gebild
Louisens vor der Stirne;
Ihm malt der Bach, der von dem Felsen quillt
In Silberringen seine Dirne.
Süs haucht ein Zefyr von der hoch umbüschten Flur,
Doch haucht er _ihren_ Namen nur,
Nur _ihrer_ Wangen Roth zu zeigen
Entknospen frühe Rosen sich,
Vor _ihres_ Busens Blenden neigen
Sich Lilien schamhaftiglich.
Aus dichtverwachsnen Büschen schläget
Vergebens schön die Nachtigall.
In seinem tauben Ohr erreget
Der Liebeswahn ihm süssern Hall!
Und in diesem Moment hört er einen Ton, der schlechterdings nur weiblichen
Lippen entfliehen konnte. »_Louise ists! Louise ists!_« rief ihm sein
liebendes Herz zu, und alles Blut stürmte wilder den Pulsen entgegen, seine
Wangen glühten, seine Augen leuchteten Freude und Hoffnung. »Ich muß sie
sehn!« dachte er bei sich und schlich behutsam durch das Dikkigt derjenigen
Gegend zu, von wannen ihm die Stimme des Frauenzimmers zugeweht war. Er
hatte kaum einige Schritte gethan, als er, wie angewurzelt, stehn blieb,
und ohnmächtig sich an eine hundertjährige Eiche lehnte.
Durchs Gebüsch sah er in einer mäßigen Entfernung ein schöngebildetes
Frauenzimmer. Zwar schien der Mond sehr hell, und des Gebüsches Schatten
traf kaum eine Falte vom weißen Gewande der _Dame_, demungeachtet hätte
jedes andre Auge nichts deutlich an derselben unterscheiden können, was der
Blik des sterblich verliebten _Grafen_, oder vielmehr seine dienstfertige
Einbildungskraft, sehr genau sah und unterschied. Und was _Florentin_
erblikte, oder doch zu erblikken glaubte, mußte seine Liebe doppelt
anfachen. Es hält freilich schwer das Fantom eines liebenden Sehers
nachzuzeichnen, indes will ichs einmal wagen, ob ich gleich gewiß bin, daß
ich mit meiner Beschreibung weit unter dem Ideal bleiben werde, welches der
trunkne Liebhaber sich vorschuf.
Denn nie war Sterblichen noch der Schönheit liebliches Urbild in der Hülle
eines sterblichen Weibes erschienen; nie bis dahin die Begeisterung
heiliger Barden aufgestiegen, und nie ein Bild dem Meißel entsprungen,
welches hier Louisen glich, die Florentin wahrzunehmen wähnte. Hier raubt
der zitternde Pinsel tausend Reizze mit jedem vermessenen Auge. Erröthend
schweigt die Muse vor dem Werke, welches nur einmal die Natur in ihrer
Zauberfülle geboren.
Regellos, doch schön umschwamm, in schimmernden Lokken, goldnes Haar der
Geliebten alabasternen Nakken. Sanft umfieng dasselbe die weiße blendende
Stirne in geziemende Gränzen. Ueber die zärtlichen blauen Augen, die der
Liebe begeisternde Sprache verstanden, majestätisch sich wandten, und ein
himmlisches Feuer in des Marmors Busen zu entzünden vermögend, wölbten
zartverrinnend sich zwei dunkele Bögen, welche die Schwermuth sich zu ihrem
Throne erlesen. Zwischen den rosig blühenden, schneeummaleten Wangen, von
dem ewigen, süssen Lächeln der Liebe umspielet, stieg, im feinsten
Ebenmaaße, lieblich erhöht die Nas' empor, und tiefer der schmalen,
purpurnen Lippen schönes elastisches Paar, verführend zum tändelnden Kusse.
Ihren Busen umfloß des Flores wallender Nebel, welcher in tausend Falten
dem entweihenden Blik des Weibes Heiligthum barg. Und um die göttliche,
weiche Bildung floß der Unschuld weisses Gewand, von dem schwarzen,
silbergestirnten Gürtel unter dem Busen geschlossen. -- Aber wer malet nun
den unaussprechlichen Liebreiz, welcher über diese hehre Gestaltung
gegossen? Jenen rührenden Zauber in der leichten Bewegung, der die Herzen
verwandelt, die Empfindungen auflößt, in die seligste Ohnmacht welche
Seelen verzükket und in öden Wüsten der Schönheit Altäre erbauet?
Unmöglich konnte _Florentin_ alles dies mit seinen beiden leiblichen Augen
sehn; das Bild lebte in seiner Fantasie, aber nicht vor seinen Blikken. Er
hatte schon einige Minuten dagestanden an der Eiche, als er erst inne ward,
daß die Erschienene unsichtbar geworden sei. Sie aufzusuchen wurde
beschlossen; denn in allen Fällen blieb es ein sonderbares Phänomen, wie
ein Frauenzimmer, es mogte nun sein, wie es wolle, zur Mitternachtsstunde
hieher in das Gehölz gerieth? Wäre dies in den Tagen des alten Roms oder
Graciens geschehn: so hätte man glauben müssen, _Diana_ habe sich verloren,
einen schlafenden _Endymion_ zu finden; lebten wir in den Tagen _Hüons_,
_Rolands_ oder _Doolins_: so wär es vielleicht die Königin der Elfen, oder
irgend eine gute, schöne Fee gewesen; oder wären wir abergläubig, so
muthmaaßten wir, _Louise_ habe sich in ihrer Todesstunde _geahndet_. Dies
alles konnte es nicht sein, doch was es mit der Erscheinung eigentlich vor
eine Bewandnis hatte, hegen wir auch nicht Hoffnung so bald zu erfahren,
weil sich dem guten Willen des liebenden _Duur_, die gewähnte _Louise_
auszuforschen, ein breites, sumpfigtes Gewässer entgegenstellte, welches
sich in die Länge umherzog, und ohne Brükke unmöglich passirt werden
konnte.
Eine gute Viertelstunde irrte er an dem morastigen Ufer des Sees oder
Baches umher, allein fruchtlos für seine Wünsche; fruchtlos rief er öfters
den Namen der Geliebten, er verhallte gebrochen in dem krausen Gewölbe des
Waldes und keine Antwort scholl zurük.
Müde endlich des vergeblichen Suchens, kehrte er misvergnügt, mit
gewachsener Sehnsucht im Busen, zu den harrenden Kumpanen heim; seufzend
schwang er sich aufs Roß und traurig suchte er wieder die reizenden
Geschöpfe seiner Einbildung auf, weil er um Realitäten betrogen war.
In der Liebe süsbethörende Träume verloren, flog nun trunken sein Geist
durch die Gefilde des Himmels. Feiernd sangen ihm die Harmonien der Sfären
_Louisens_ Namen entgegen durch die hallende Schöpfung. _Louisens_ Namen
malten flammend die irrenden Sterne an die blaue Tafel des unermeßlichen
Aethers.
Doch ermüdet senkte der Einbildung buntes Gefieder wieder herab sich in der
Wahrheit kalte Umarmung. Ach, da entzükte nicht sein Auge das Anschaun der
Geliebten, da umschwebte nicht das Gelispel geistiger Küsse sein Ohr und
nicht der harmonische Wohlklang, den die schöpfrische Lieb' um _Louisens_
Namen gewunden.
Doch ich befürchte, zulezt noch aus dem Märchenerzähler ein epischer
Dichter zu werden, wenn ich mich länger in Florentins Fantasien einträume.
Kurz und gut seis denn prosaisch gesagt, daß _Duur_ mit _Badnern_ und
_Gotthold_ nach acht Tagen im Städtchen _Mungenwall_ waren.
Achtes Kapitel.
Freude -- Verdrus und Schauder.
Die Empfindungen der Freude, des Verdrusses und des Schauders sind ziemlich
heterogen; es könnte schier glaublich werden, als habe mir ein muthwilliger
Freund diese Worte zum Text eines Kapitels gegeben, mein Erfindungsvermögen
zu taxieren. Aber nicht also! -- sondern, so wie sich täglich und stündlich
in unsrer Seele die entgegengeseztesten Empfindungen durchkreuzen: so wars
auch bei dem exilirenden _Florentin_.
Zuerst will ich umständlich erzählen, wie der Freudenlose endlich einmal zu
einer Freude gelangte.
Er lebte schon seit zwei Tagen im Städtlein _Mungenwall_ dem Tage des heil.
_Urbanus_ entgegen harrend, als eines Morgens an die Thür gepocht wurde und
der Briefträger hereintrat. _Florentin_ nahm den Brief, erkannte in der
Addresse eine Frauenzimmerhand, fertigte behende den Postboten ab und
erbrach neugierig das Couvert.
»_Lieber Graf_,«
»Also leben Sie noch? -- o, wohl mir und Ihnen; haben wir das Leben noch
nicht verloren, so ist nur wenig verloren! -- Sind Sie vergnügt? doch wie
sollten Sie das, Sie armer, vertriebener Mann? -- aber getrost, ruhig doch?
-- o ja, das müssen Sie sein; ich bins nun auch, ob ichs gleich vor einem
Monate nicht war. Aber so bald ich erfuhr, daß Florentin noch auf _einer_
Welt mit mir lebte, war ich zufrieden, war ich gesund. Bist Du's auch?
Florentin, bist Du's auch?« --
»Ach, lieber Einziger, ich könnte Dich trösten, und warum sollt' ichs
nicht? Warum soll sich die Gattin schämen vor -- ihrem Gatten? --
Florentin, lächelst Du nicht, wenn ich Dir sage, daß ich jezt Florentins
Ebenbild stündlich küssen, täglich an den -- -- _Mutterbusen_ drükken kann!
-- Ich werde so roth, indem ich schreibe, und finde doch keine Ursach dazu.
-- O Florentin, wärst du izt bei mir! doch, du darfst es nicht sein.«
»Ich habe Dich gesehen in der Kirche zu _Riedelsheim_. Ich traute meinen
Augen nicht, schlug den Flor vom Gesichte und sah Dich. Um mich, die ich im
strengsten Inkognito lebte, nicht zu verrathen, begab ich mich eilend in
meine Wohnung. Du kamst zu _Aellmarn_ -- o, hättest du's gewußt, daß wir in
den Mauern _eines_ Hauses beisammen waren -- --! nein, so ists besser. Du
hast mich also in der Kirche erkannt? denn warum drangen Aellmar und sein
gutes Weibchen so sehr in mich, daß ich dem leztern meinen Anzug leihen
mußte, um dich zu täuschen?«
»_Aellmar_ hat in einem angenehmen Lustwalde bei Riedelsheim ein schönes
Haus. Hierhin floh ich, damit Du mich nicht entdektest, aber meine Gedanken
begleiteten Dich stets. Ich fantasirte Dich zu mir her, meine
Einbildungskraft trieb ihr Spiel so hoch, daß ich zuweilen glaubte, Du
riefest mich laut bei Namen.«
»Das unstäte Herumreisen gefällt mir. Ich bin schon ganz wiederhergestellt;
in der andern Woche muß ich am Hofe erscheinen, aber, ach, Florentin, wie
öde ists dort, wenn Du nicht da bist! Mein Bruder, der Herzog soll sehr
niedergeschlagen sein -- ich wünschte die Hälfte Sehnsucht nach Dir, die
mich quält, in seinen Busen und er würde Dich gewiß mit Thränen der Reue in
sein Land heimrufen.« --
»Antworten mußt Du nie auf meine Briefe. Man hat mir aber versprochen, mich
von allem zu benachrichtigen, was sich mit Dir ereignet. -- Florentin liebe
mich -- bleib mir ewig gut! die Hand, die uns trennte, führt uns vielleicht
einst wieder zusammen. Erinnerst Du Dich noch eines Abends, da du im
Schloßgarten mir das Strumpfband applündertest?«
»Florentin lieb ewig
_Louisen_.«
»Geschrieben im Aellmarschen Waldhause bei Riedelsheim.«
Daß _Florentin_ beim Lesen und nach Lesung dieses Briefes in eine ihm jezt
sehr ungewöhnliche heitre Seelenstimmung versezt wurde, ist leicht zu
errathen. Er küßte das Blatt, welches _ihre_ Hände berührt, küßte die Züge,
welche _sie_ gezeichnet hatten.
Aber die Wonne des _Grafen_ war nicht das liebliche _Rosenroth_ auf die
_grüne Farbe_ der Hoffnung hingegossen, um mit Farben _Florentins_
Seelenzustand zu mahlen: sondern ein _düsteres Roth_ auf _schwarzem
Grunde_. Ein unwandelbarer Trübsinn dämpfte jedes aufwallende, frohe
Gefühl, und ließ im Freudestrahlenden Auge die Thräne der Schwermuth
blinken.
Gewöhnlich glaubt man, daß Entfernung von der Geliebten den Schmerz sie
nicht besizzen zu können, und am Ende die Liebe selber, mildert, auch der
brave Herzog _Adolf_ gieng wahrscheinlich von diesem Standpunkte aus, da er
_Florentinen_ und _Louisen_ mit weiser Vorsicht trennte -- aber hier fand
das Gegentheil statt. Seine Liebe wurde mit jeder Entfernung von dem
Gegenstande derselben heftiger, und er empfand die traurig angenehme
Wahrheit des _Owenischen_ Spruches an sich, daß
Je mehr man dem Feuer der Liebe entfliehe,
Je mehr es glühe.
Er hätte gern anizt die Pferde satteln und sich im sausenden Gallopp wieder
nach _Riedelsheim_ oder dem Aellmarschen Waldhause zurüktragen lassen, um
_Louisen_ zu sehn, zu umarmen, zu sprechen, um sein Ebenbild an das
Vaterherz zu drükken -- aber der _Urbanstag_ war nicht mehr weit, und die
_Prinzessin_, die sogar seine Briefe verbat, konnte vielleicht auf seine
Selbsterscheinung noch ungehaltner werden; überdem war ihr Aufenthalt
äusserst ungewiß.
Gezwungen also mußte er so weise sein, die in ihm aufsteigenden Wünsche
schweigen zu machen. Aber _Aellmarn_ konnte ers lange nicht vergeben, daß
er ihn so heimtükkisch hintergangen, und die Anwesenheit der Prinzeßin in
Riedelsheim nicht verrathen habe. -- Wäre _Aellmar_ nicht der schwarzen
Brüder einer gewesen, so fürchte ich, daß _Florentin_ blutige Rache an ihm
genommen haben würde.
»O!« rief der betrogne, tiefgekränkte _Graf_, mehr als einmahl mit wildem
Verdrusse aus: »fürwahr, spielt man doch mit mir, als einem Kinde. Nein, so
wahr ein Gott über uns lebt, so wahr ich frei bin und Mann bin, ich will
länger nicht sein der, welcher ich war. O, Freundschaft, Freundschaft, bist
doch nur eine schöne Puppe, welche man fühlenden, reinen Seelen, mit
Kindesunschuld begabt, auf eine Zeitlang zum Tändeln giebt! du selber
reizendes Ideal, Inbegrif jeder Tugend, hast dein Antliz abgewandt von der
entarteten Menschheit, dein Schatten nur schwebt noch auf der Geschichte
der Vorwelt und den Werken des Dichters!«
Ich glaube, der _Graf_ würde nicht unrecht gethan haben, wenn er das
beherzigt hätte, was wir oben (Seite 9.) über den Monolog eines Fürsten
gloßirten! --
Inzwischen hatte er weder Zeit genug seine Freude, noch seinen Verdrus
lange zu verfolgen, weil endlich der Tag des heiligen _Urbanus_ anbrach und
-- verdämmerte.
Schon vorher hatte der _Graf_ von einem Mungenwallischen Wirthe nöthige
Kunde über den rothen Wald, die Heerstraße, das steinerne Kreuz und
dergleichen mehr eingezogen, wovon ihm _Holder_ sagte, so daß er jezt
unmöglich irren konnte, da er gegen Abend zum Mungenwaller Thore
hinauswanderte, und dem vor ihm liegenden Gehölz entgegen.
Er trat hinein in den sogenannten _rothen Wald_, der an sich jedem andern
_grünen_ Walde gleich war, nur daß mit Anfang des Gebüsches auch der
Erdboden in Berg und Thal sich zu verändern anfing, und _Florentins_ Straße
sich in ewgen Krümmungen um Hügel, durch Thäler, grausenvolle mit hohen
Rüstern überwölbte Hohlwege eine gute halbe Meile hinschlängelte.
Die Mitternachtsstunde nahte. _Florentin_ sah links das steinerne Kreuz auf
einer mit Sträuchern wildumwachsenen Anhöhe. Er lagerte sich am Fuße
derselben, harrend der Dinge, welche kommen sollten.
Der Himmel war mit Wolken bezogen; hie und da funkelte ein Stern herab;
dann und wann trat der Mond aus den Nebeln hervor, übrigens herrschte
Todesstille im Walde.
Der _Graf_ hatte noch Zeit genug vor sich seine Begebenheiten zu
überdenken, die ihn hieher gebracht hatten.
»Wie wunderbar das Verhängnis mit uns spielt!« -- dachte er bei sich: »wie
hätt' ich je glauben sollen, daß ich einmal in diesem Walde um Mitternacht
liegen würde, Abentheuern entgegen zu gehn? -- Sollte man nicht beinahe des
Menschen freien Willen für ein Selbstgespinst seiner Fantasie halten? Ich
kam an den Hof eines Fürsten, wurde sein Vertrauter. Seine Schwester war zu
schön, daß ich nicht Liebe für sie hätte empfinden sollen und Sie liebte
mich wieder. Eine glükliche Nacht war die Quelle vieler Unglüksfälle. Ich
würde verloren gewesen sein, hätte mich nicht die Güte unbekannter Männer
erhalten; ich wäre nicht durch diese so glüklich gewesen, hätte ein
Ungewitter und ein rother Mantel nicht Holdern mit meinem Onkel verbunden.
Ich stand dem Tode nahe, wurde gerettet -- war dies nicht vielleicht nur
Plan der schwarzen Brüder? -- Ungewiß über mein künftiges Leben schweif ich
umher. Ich komme in ein Dorf; der heitre Morgen reizt mich in die Kirche zu
gehn, und dieser Gang ist eine neue Ursach von tausend angenehmen und
widrigen Empfindungen. Könnte der Geist des Menschen die Folgen jeder, auch
der kleinsten, That überschaun, würd' er wohl je Thorheiten begehn?«
Florentin hörte jezt den Fußtritt eines Wandelnden durch das stille Gebüsch
hallen. Er horchte; es kam näher. Ein Mensch wie ihn _Holder_ beschrieben
hatte, gieng die Landstraße nach Mungenwall; einen Bündel dürrer Reiser auf
dem Rükken, eine Axt unterm linken Arm tragend. Es war hell genug einander,
wiewohl nur schwach, wahrzunehmen. _Florentin_ wußte, was jezt geschehn
würde.
Der _Fremde_ gieng hart an ihm vorüber, ward seiner gewahr und sprach:
»Seid gegrüßt!«
»Gott dank Euch, Hugo!« antwortete der _Graf_ und lauschte.
»»Es ist kalt, und nicht mehr weit von Mungenwall, warum verweilet Ihr am
Wege hier?««
»Ich sizze zum Feste der Schwarzen.«
»»Gut! gut! ich verstehe!«« erwiederte der _Holzträger_, gieng an das
steinerne Kreuz und schlug mit dem Rükken der Axt dreimahl mit solcher
Energie wider das Kruzifix, als wollt' ers mit jedem Schlage zermalmen. --
»Was bedeutet dies?« fragte _Florentin_, indem er aufstand.
»»Man soll uns erwarten und verstehn wie wir uns erwartet und verstanden
haben. Folgt mir!««
Der seltsame _Holzträger_ wanderte frisch voran, _Florentin_ ihm nach. Sie
giengen einen wenig betretenen Fußsteig rechts ins Gehölz hinein, verloren
denselben, drangen durch Buschwerke, sprangen über Graben, giengen neue
Wege, verloren sie wieder, bis sie nach anderthalb Viertelstunden vor einem
Hause standen, wo man eben niemanden zu erwarten, sondern wo vielmehr alles
ausgestorben zu sein schien. Der _Holzträger_ klopfte dreimahl an. Es wurde
aufgethan.
Zweiter Abschnitt.
Erstes Kapitel.
Kanella.
Unter andern sagte _Aellmar_ zum Grafen _Florentin von Duur_, während der
Anwesenheit des leztern im Dorfe _Riedelsheim_:
»Volk und Fürst liegen jezt zu _Kanella_ mit einander im Prozesse. Um
Menschen, Hofkreaturen, Politik und Volkskraft zu studieren, ist das für
jezt die beste hohe Schule.«
Ich zweifle gar nicht, daß sich meine Leser dieser Worte so gut, als ich
mich, zu erinnern wissen. -- Die politischen Romane so wohl, als die
politischen Schauspiele und Staatsakzionen sind ziemlich aus der Mode
gekommen, ich finde auch kein Behagen sie wieder in den alten Flor zu
bringen, aber so viel es zu der Erzählung unsrer Geschichte gehört, muß ich
doch der Kanellesischen Unruhen erwähnen.
_Piedro_, Fürst von Kanella, war schön gewachsen, in den besten
Lebensjahren, hatte ein niedliches Gesicht, viel Galanterie und hinreißende
Swade. Dieß aber war die ganze Summe seiner Tugenden! er war der
angenehmste Gesellschafter und der elendeste Regent. Wie man nach
gewöhnlicher Art den Fürstenpöbel erzieht, war er erzogen; Stupidität,
Wollust, Aberglaube, Prachtliebe, Bigotterie, und Selbstsucht gaben die
Grundlinien seines Karakters an. Er regierte nicht, sondern diejenigen,
welche seine Einfalt vergötterten, seine Leidenschaften küzzelten; und
regierte er: so war er Despot.
Ein unglükseeliges Volk, welches ein solches Unhaupt zum Haupte hat!
Die _Kanelleser_ fühlten _Piedros_ eisernen Zepter und murrten; sein
Prachtaufwand war groß, groß wie ihre Armuth -- sie murrten lauter; ihr
Gewissen selber wurde als dependent von der Laune des Fürsten erklärt, die
Freiheit ihres Geistes in Fesseln geschlagen und dies war das Signal zu
thätigen Erklärungen des Volks wider den Fürsten.
»Vergeuden will er mit seinen Konkubinen unser Hab und Gut!« rief hier mit
Thränen ein Bürger aus, der einen Theil seines Silbergeräths zu Gelde
gemacht hatte, um die vielen Steuern und Abgaben zu entrichten: »mit
Lekkerbissen und Weinen aus allen Welttheilen herbeigeführt, will er sich
und seine Hofschranzen mästen, indeß wir seine Bürger mit unsern Weibern
und Kindern an Brodrinden knauern und Quellwasser trinken sollen! Nein,
Piedro, fürwahr du treibst es nicht lange so!«
»Ha, des fürchterlichen Schlaukopfs!« schrie dort ein andrer: »wir sind ihm
zu klug, er will uns umschaffen zu Dummköpfen, damit wir ruhiger seine
Tükke dulden, seine Pläne nicht sobald durchschauen, und gewahren, wo uns
die Ketten schaben. Darum verdammet er die Aufklärung, darum giebt er uns
bigotte Religionslehrer, darum dürfen die Gelehrten auf der hohen Schule
nicht mehr sprechen, wie sie wohl wollten, und die Schriftsteller nicht
mehr schreiben, wie sie gern mögten. O Piedro, es wird dir doch nicht
gelingen!«
So dachte man und sprach man leise und laut im ganzen Gebiete Kanellas;
täglich erschienen Pasquille auf dem Fürsten, seine Lieblinge und
Ministers, wöchentlich traten heimlich gedrukte Schriften über die
Regierung ans Licht, welche dieselben vor den Augen des ganzen lesenden
Volks in ihrer Blöße darstellten.
_Piedros_ Aufwand überstieg beiweiten seine Einnahmen; alle Mittel wurden
hervorgesucht, und waren es die abscheulichsten, um die zerrütteten
Finanzen wiederherzustellen. Eine auswärtige große Macht, welche schon seit
etlichen Jahren in einen schweren Krieg verwickelt war, verlangte vom
Kanellesischen Hofe Truppen gegen Bezahlung einiger Millionen. Wem konnte
dies Anerbieten willkommener geschehn, als dem _Piedro_? -- die Regimenter
wurden kompletirt, exercirt und in marschfertigen Stand gesezt. Die
Kanelleser murmelten zwar manches von Unrecht, Widersezzen, Aufsagung des
Gehorsams und dergleichen mehr, aber wer hörte auf sie? -- Doch gab dies
den ersten Anlaß zum öffentlichen Ausbruch des allgemeinen Misvergnügens.
Der Kardinal _Benedetto_, _Piedros_ Favorit und Universalminister, hatte
durch seine Spione manches erfahren, was allerdings für den Hof nicht
allzugünstig ablaufen konnte, begab sich also zum Fürsten, und zwar am Tage
vor dem Abmarsch der Regimenter.
Er fand den Landesvater in den Armen der schönen Gräfin _Rosaffa_,
wollüstig in ihren schwarzen Haarlokken tändelnd. Der _Kardinal_ wollte
zurüktreten.
»Nicht doch, Herr Kardinal,« rief ihm die Geliebte _Piedros_ zu: »kommen
sie herein, wir werden nicht gestört.«
Piedro. (lachend) Nein, nein, wir werden nicht gestört! ha, ha, ha!
Kardinal. Ich habe Ew. Durchlaucht nur _ein_ Wort, aber ein wichtiges Wort
zu sagen.
Piedro. So? reden Sie; Donna Rosaffa darfs ja wohl hören.
Rosaffa. (einen intressanten Blik auf den Kardinal werfend.) Ich bitte
selber darum.
Kardinal. (sie anlächelnd) Ich muß gehorsamen.
Piedro. Was verlangen Sie denn?
Kardinal. Daß der Prinz Moriz nicht mit den Truppen Ew. herzogl.
Durchlaucht abgehe -- --
Piedro. Sondern?
Kardinal. Noch eine zeitlang in Kanella bleibe, weil das Volk unruhig
geworden ist.
Piedro. (auffahrend) Unruhig?
Kardinal. Wegen des Abmarsches unsrer jungen Mannschaft.
Rosaffa. Die Burschen werden ihre Mädchen nicht verlassen wollen.
Piedro. Dem ersten, der da mukst eine Kugel vor den Kopf! -- Was soll aber
Moriz hier?
Kardinal. Er ist vom ganzen Volke gefürchtet; ich habe Proben davon
erfahren, die unglaublich scheinen. Er wird am besten Ordnung zu erhalten
wissen -- befehlen Ew. Durchlaucht, daß er zurük bleibe.
Piedro. Meinethalben.
Rosaffa. Moriz ist ein fürchterlicher Mann; ich glaube seine trozzige Miene
allein schon kann eine Armee in die Flucht jagen.
Piedro. Sind die Unruhen von Bedeutung?
Kardinal. Noch nicht, könntens aber werden. Alles die traurigen Folgen der
Freigeisterei und eingerißnen Aufklärungssucht. Wehe, wehe dem Staate, wo
diese herrschen! -- doch ich denke ja mit der Hülfe des Himmels und Ew.
Durchlaucht bald die Kezzereien auszurotten, und Ihre Unterthanen in ein
sanftes, frommes, gottgefälliges Volk umzubilden. Ei, ei, ei, Dero
Durchlauchte Vorfahren haben das Uebel schon zu tief -- --
Piedro. Verbessern Sie, Herr Kardinal. Und, wie gesagt, jedem
widerspenstigen Buben die Kugel oder den Galgen.
Rosaffa. Wenn marschieren die Soldaten aus?
Piedro. Wir sehen sie morgen vor unserm Pallast durchziehen. (er flüstert
der Gräfin etwas ins Ohr.)
Rosaffa. (beleidigte Schaamhaftigkeit affektirend) Nicht doch!