Bestürzt fragte der _Graf_: »was wollt ihr, lieben Leute?«

»Nichts, nichts!« stammelte der _Greis_: »Sie haben uns schon so viel

gegeben, wir wollen nichts mehr! -- aber -- sehn Sie nur, lieber Herr, ich

bin noch in meinen alten Tagen durch Sie recht froh, recht glüklich

geworden, und meine Kinder auch. Da kommen wir nun und wollen danken, und

Sie noch einmal recht ansehn, um Ihr Bildnis sobald nicht zu vergessen.

Auch, wir haben Sie so lieb, so lieb!«

»»Ja, so lieb! so lieb!«« lallten einige von den Kindern, die an seinen

Händen hiengen. »Ich bin nunmehro alt und schwach,« fuhr der _Greis_ mit

gebrochner Stimme fort: »der liebe Gott wird mich bald heimfodern zu sich

und da will ich an seinem Throne für Sie beten, und der liebe Gott wird

mich gewis erhören. -- Ach, sehn Sie doch um sich, sehn Sie diese Familien,

das sind da meine Kinder, die dort meine Enkel, und ich, ich bin ihr

Grosvater -- und wir alle freuen uns des Lebens, denn Sie habens ja so

herzlich gut mit uns gemeint. Und nun -- und nun ach! -- --«

Der _Alte_ schluchzte; die jungen Männer und Weiber verhüllten ihre Augen

in Tücher und Schürzen, die kleinen lärmten lustig an _Florentins_ Seite,

und _Florentin_ -- fühlte alles und nichts, stand da mit düstrer Stirn, sah

umher durch die Menge der Zuschauer, als suchte er einen Mittelsmann,

welcher ihn mit guter Art von diesem schönen Auftritte ablösen möchte.

Die erste traurige Spur von den Wirkungen seiner Schiksale auf sein Herz!

Er war nicht mehr der herrliche, blühende Jüngling, voll Hochgefühl für der

Natur erhabne Szenen; nicht mehr dürstend nach den Thränen des Dankes;

nicht mehr ringend nach Unsterblichkeit seines Namens. Misgestimmt stand er

da unter lieblich gestimmten Seelen, als verständ' er die Sprache der

Herzen nicht mehr. Das ehrerbietige Schweigen der Menge begeisterte ihn

nicht; das schwimmende Nas in Männer- und Weiberaugen belohnte ihn nicht,

das Lallen der Unmündigen war ihm keine Harmonie mehr. Er, ehmals mit dem

lieblich schwankenden Karakter, der nach allem sich hinewigte, von einem

Gefühl zum andern, von einer Leidenschaft zur andern überflog, hatte jezt

eine melancholische Festigkeit gewonnen.

»Lebt wohl!« rief er, ris sich los, schwang sich aufs Roß, sprengte die

noch schlummernden Straßen hinunter, _Gotthold_ und _Badner_ ihm nach, und

so zum Thor hinaus.

»Lebt wohl! lebt wohl!« riefen ihm einige hundert Stimmen nach: »lebt wohl!

Gott vergelts! glükliche Reise! Habt Dank! in der Ewigkeit wieder!« -- --

--

Drittes Kapitel.

O, die glükliche Nachwelt!

»Was soll denn der Küster, Onkelchen?« fragte _Rikchen_ den alten _Herrn

von Duur_, der sich voll heimlicher Freude, die Hände rieb.

»»Du wirsts ja sehn, du neugieriges Ding!«« antwortete der _Onkel_, und

schob sich die weiße Mütze tief über die schmunzelnden Augen herunter,

indem er gegen das Fenster gieng.

»Aber Sie haben ja heute schon dreimahl zu ihm geschikt?«

»»Ja, ja, das läßts vermuthen, daß ich jezt eine Sache von Wichtigkeit, die

auch dich interessiren, muß!««

»Auch mich, Onkelchen?«

»»Auch dich, gnädige Frau von Sorbenburg!««

Man klopfte an. Der _Küster_ des Dorfes Sorbenburg trat herein, mit drei

respektvollen Verbeugungen. Er war heut ungewöhnlich gepuzt; in seiner Hand

hielt er ein halbes Duzzend zusammengelegter Briefe.

»Habe die unterthänige Gnade, Ew. Hochgräflichen Gnaden, hier -- habe --

war -- ich machte -- Gnaden -- die Gevatterbriefe. --«

Der gute _Custos loci_, welcher sein erlerntes Kompliment so schmälig

vergessen hatte, stotterte, wurde blas, wurde roth, hielt die Papiere hin,

zog sie wieder zurück und kam darüber so ausser aller Fassung, daß wenig

fehlte und er wäre wieder zurück gelaufen, um das Kompliment besser

durchzustudiren.

»Gevatterbriefe?« fragte _Rickchen_, indem sie von der Seite sah und roth

wurde.

Onkel. (lächelnd) Freilich, Gevatterbriefe, freilich! -- es hätte mit ihnen

wohl noch ein paar Monate Zeit gehabt, aber das ist nun so einmahl mein

Fehler, daß ich die Zeit nie abwarten kann. Ich mußte sehn, wie sich dein

Name auf einem Gevatterbriefe präsentirt. -- Nun und du wirst ja wissen, ob

wir bald Gebrauch davon machen können. He, he, he, he!

Küster. (der sich inzwischen zu sammeln suchte) Verzeihen unterthänigst Ew.

Hochgräfl. Gnaden, daß wenn -- aber -- ich wollte -- hatte -- hier sind die

Gevatterbriefe.

Onkel. Was fehlt ihm denn, Herr Küster; Er bringt ja kein vernünftiges Wort

heraus? hat Er etwa schon auf baldige Kindtaufe seiner gnädigen Frau ein

Schnäpschen getrunken? bravo! geb Er die Briefe her.

Küster. (reicht sie dem Grafen) Ew. Hochgräflichen Gnaden

unterthänigstermaaßen aufwarten zu thun.

Onkel. (die Aufschriften lesend) »Sr. Wohl- und Hochgeboren dem Herrn,

Herrn von Bastholm« -- ha, ha, ha, der soll sich wundern! -- »Sr.

Gräflichen Hochgebornen Gnaden dem Herrn, Herrn von Duur, herzoglichen« --

-- allerliebst! nun geh Er, Küster, und laß Er sich vor der Hand ein Glas

guten Landwein geben.

Der _Küster_ gieng. _Onkelchen_ öffnete einen der Briefe und las: »Nachdem

es nun dem grundgütigen Gott gefallen, was maaßen er meine liebe Frau --«

Hier hielt ihm _Rikchen_ die Hand vor den Mund und stellte sich lächelnd

böse. Der frohe _Alte_ wollte lesen, _Rikchen_ hinderte es, erwischte die

Briefe und lief zum Zimmer hinaus.

»Wart! warte!« rief der _Onkel_, indem er aufstand, und sie so eilfertig,

als es seine Wohlbeleibtheit verstattete, verfolgte: »warte, das soll dir

durchgehen!«

Er schlenderte eben die Hausflur hinunter, als er zu seinem größten

Erstaunen die Briefe zerstreut auf dem Erdboden liegen sah. Er machte

Anstalten sie aufzulesen, als er _Florentins_ Namen unzählige mahle von

_Rikchens_ Lippen hörte. Frohe Ahndung durchzukte ihn -- rasch lief er der

Stimme nach, und sah -- o Wunder! -- sah den lieben _Florentin_ in den

Armen seiner holden _Schwester_ liegen.

Ihn umarmen, ihn küssen, ihm Vorwürfe machen, war Eins.

»Ei du Blizkammerherr, mußt du denn immer das Spiel der Ueberraschung mit

uns treiben?« rief der frohe Greis: »unvermuthet, verschwandst du vor

etlichen Wochen, und unverhoft stehst du wieder hier.«

Man begab sich in ein Zimmer. _Florentin_ erzählte die vorgeblichen

Ursachen seiner plözlichen Ankunft.

»Ein paar Tage nur willst du bei uns sein?« fragte der _Onkel_ und sah

ziemlich misvergnügt aus.

»Ein paar Tage nur,« sagte _Rikchen_, und es war ihr, als sollte sie

weinen.

»Doch nein!« hub der _Onkel_ wieder an, da er _Rikchens_ Stimmung gewahrte:

»Das ist recht! das ist brav, daß dich Sr. Durchlaucht auf Reisen schikt --

Donner, aus dir kann einmal ein ganzer Mann werden. Höre, Florentin, höre,

und hast du denn die lezte Ehrenstufe erklettert, gafft dich

verwundrungsvoll das ganze Herzogthum an, hast du recht viel braves gethan

und bist müde: dann nimm deinen Abschied und ein Weibchen, komm zu uns und

ruhe im Arme deiner guten Freunde von guten Thaten aus. Hörst du? -- o,

wenn ich doch nur die Seeligkeit noch erlebte, dann wollt' ich meinen Kopf

herzlich gern zur ewigen Ruhe niederlegen! --«

»Alter, guter Mann, wirst sie nicht erleben; wohl dir, daß du nicht

allwissend bist!« dachte _Florentin_ bei sich selber.

Man konnte sich nicht sobald müde schwazzen, aber weil _Holder_ noch

fehlte, so wollte man Boten ausschikken, ihn herbei zu rufen, denn er war

aufs Feld hinausgegangen. Allein Florentin brachte in Vorschlag, daß er

sich die Freude des Ueberraschens nicht rauben lassen, sondern ihn selber

aufsuchen wolle. Wer konnte ihm widerstehn? Er gieng.

_Florentin_, wie war dir, als du jezt vor dir hinwandertest, du zum Dorfe

hinaustratest, und in nachbarlicher Ferne das Duursche Schloß erbliktest,

die fröhliche Wohnstatt deiner Jugend? -- In schwermüthige Gedanken

verloren, gieng er unwillkührlich den Weg, welcher dorthin führte, und er

wäre vielleicht, ohne zu wissen wie, dort angekommen, hätte ihn nicht eine

bekannte Stimme aus seinen melancholischen Träumen erwekt. Er blieb stehn,

sah sich um und ward _Holdern_ gewahr, der seitwärts über eine Wiese zu ihm

herangelaufen kam.

_Florentin_ erschrak, ohne sich angeben zu können, warum?

»Nun, irrender, in Bann und Acht erklärter, vogelfreier Ritter, wie gehts?«

fragte _Holder_ mit einem traurenden Lächeln, und schloß den _Grafen_ in

seine Arme.

Florentin. (mit einem Seufzer) Wie du siehst, es geht alles nach Wunsche.

Holder. Es freut mich, armer _Landesverwiesner_, dich noch einmahl im

Vaterlande zu sehn.

Florentin. (bestürzt) Wie?

Holder. Warum so befremdend, da ich doch um dein Schiksal weis? Sei

zufrieden mit deinem Loose, es ist noch nicht das fürchterlichste.

Florentin. Fürchterlich genug!

Holder. Der Erdenball ist unser Vaterland; ein Weiser ist an allen Orten zu

Hause, denn allenthalben bietet ihm die Gelegenheit Stoff dar, wodurch er

sich um das Wohl seiner Brüder verewigen kann.

Florentin. Und allenthalben Stoff zu neuen Leiden.

Holder. Mensch, wer bist du geworden? Bist du noch Florentin von Duur, er

der ehmals versprach, jeder Gefahr lachend ins Auge zu sehn? Bist du der

Thatensüchtige Jüngling, der für das Wohl der Menschen sein Wohl opfern

wollte?

Florentin. (verdrüslich) Was willst du?

Holder. Was ich will? -- Erforschen will ich, wer du jezt bist? --

erforschen, ob ich mich schändlich in dir betrog? -- erforschen, ob du auch

der erhabne Mann im Unglükke bist der du im Glükke warst?

Florentin. (wie oben) Wozu das?

Holder. Um danach meine Freundschaft abzumessen? Große Menschen bedürfen

unsrer größten Freundschaft, kleine Seelen mögen sich mit einem Lächeln,

einem Händedruk, einem Kus begnügen.

Florentin. (ihn um den Hals fallend) O Bruder!

Holder. Laß uns nach Sorbenburg zurükkehren.

Florentin. Nein, noch nicht. Bleib noch! -- ein Viertelstündchen muß ich

mit dir allein sein!

Holder. Man wird sehnsuchtsvoll auf uns warten.

Florentins. Ich bitte dich, bleib. Ich habe vorher viel mit dir zu

besprechen.

Holder. Das ich nicht wüßte.

Florentin. Uebermorgen muß ich schon über die Gränze gehn.

Holder. Ich weis es.

Florentin. Du weißt es? -- ist dir alles bekannt, was zwischen mir und dem

Herzog -- --

Holder. Alles.

Florentin. (verwunderungsvoll die Hände faltend) Ist es möglich? -- Holder,

ich kenne dich noch nicht ganz. Räthsel löse dich mir endlich!

Holder. Laß uns weiter gehn, der Himmel bezieht sich mit Regenwolken.

Florentin. (ungeduldig) Bleib, wenn du mein Freund bist.

Holder. Rede, was willst du von mir?

Florentin. Aufschlus, und Rath!

Holder. Sprich deutlich.

Florentin. Holder, du der du mir sonst in allem zuvor kamst, Holder, du,

verstehst mich nicht?

Holder. Wie sollt' ich?

Florentin. (ihm näher tretend und ins Auge fassend) Julius, _Regent

Julius_, sprich, hat mich ein Traum belogen?

Holder. Ja, Vinzenz, und nein!

Florentin. (froh auffahrend) Nun, Gott seis gedankt, nein! -- nein, es war

kein Hirngespinnst, Wahrheit ists -- die _schwarzen Brüder_ sind vorhanden!

du bist nicht allwissend, wie wolltest du sonst wissen, was ich nur

_träumte_ und noch keinem Sterblichen verrieth? -- du bist der Regent der

Brüder, ich bin dein Genosse! --

Holder. (lächelnd) Bist du's?

Florentin. Spotte nicht, um Gotteswillen nicht! ich stehe izt von allen

Verhältnissen und Verbindungen abgerissen, werde aus meinem Vaterlande

verstoßen, habe keinen Freund, keinen Bruder. Mein Traum -- nein, Traum

wars nicht! -- hat mich noch gefesselt an diese Welt und an die Lust großer

Thaten. Nimm mir den Traum, und ich bin nichts! gieb mir ihn noch einmal

zurük und ich bin alles was du willst.

Holder. (mit sich aufklärender Miene) Ich spottete dein nicht. -- Bruder,

sei ruhig.

Florentin. Ich ruhe nicht; laß mich noch einmal den schreklichen, geliebten

Traum zurükträumen, ich fühl es, er würde mich wieder erquikken; würde

meinem Geiste den alten Schwung wiedergeben, und Kraft und Gefühl für das

Große. --

(beide schweigen lange.)

Florentin. Warum verstößest du mich? -- Bruder, es ist wahr, ich bin ein

Verbrecher, aber die _Unbekannten_ wußten darum, und fanden mich doch

würdig einer ihrer geringsten Diener zu sein. Und warum verstössest du

mich?

Holder. Laß uns davon abbrechen. Doch zum Troste sage ich dir dies: Du bist

des Landes verwiesen, und dies ist der erste Schritt für dich auf einer

gefährlichen Laufbahn zu einem glorvollen Ziele. Jeder andre, als du, würde

nun in die weite Welt hineingehn, und der Gelegenheit in Osten und Westen

nachlaufen, sich durch schöne Thaten zu vergrössern, aber sie nicht sobald

erhaschen. Für dich ist sie schon bestimmt. -- Das Gebiet großer Handlungen

liegt offen vor dir da, den nächsten Weg dahin zu gelangen findest du

folgendermaaßen. Ohnweit dem Städtchen _Mungenwall_ liegt ein kleines

Gehölz, der _rothe Wald_ genannt, dahin begieb dich am Tage des _heiligen

Urbanus_ von Mungenwall aus. In der Mitternachtsstunde mußt du an der

Landstraße links, ohnweit einem steinernen daselbst aufgerichteten Kreutze

sizzen; Es wird ein Mensch die Landstraße gen Mungenwall herauf kommen,

welcher einen Bündel Reiser auf dem Rükken trägt, und eine Axt unter dem

linken Arm hält. Grüßt er dich, so antworte: »Gott dank euch, Hugo!« fragt

er, warum du da sizzest? so entgegne: »Ich sizze zum Feste der Schwarzen.«

Nimmt er sodann die Axt und schlägt dreimal wider das steinerne Krucifix:

so folge ihm.

Florentin. Sonderbar.

Holder. Und von nun an, Florentin, falle kein Wort davon weiter, während

deines Aufenthalts in Sorbenburg, zwischen uns vor; komm zurük nun, es

regnet schon stark!

Schweigend eilten sie nach Sorbenburg, wo der _Onkel_ und _Rikchen_

indessen mit ängstlicher Ungedult beider Zurükkunft entgegen sahn.

Ach, wie seelig flog das schöne Paar dieser Tage vorüber! _Florentin_

selber glaubte sich heitrer zu fühlen, von seiner Schwermuth zu genesen --

als der lezte Abend über diese Glüklichen verdämmerte, und der Traum seiner

Freuden zugleich.

Nur _Träume_ sind des Lebens Gold,

Nur Träume, die die Brust des Sterblichen beleben,

Und feuchte Wimpern heben,

Von welchen noch des Harmes Zähre rollt;

Nur Träume, die uns hold,

Im frohen Augenblik vor unsrer Stirne schweben.

Es war der lezte Abend; man nahm sich vor, ihn recht innig zu genießen, und

genos ihn nicht. Man wollte fröhlich sein, und trauerte. Seufzer waren die

Aufmunterungen zur Freude; wehmüthige Blikke vertraten die Stelle des

Lächelns; die Weingläser standen gefüllt da, winkten zum Genus -- und

wurden nicht geleert.

In einer rührenden Gruppe sas das Vierblatt bei einander, welches sich mehr

mit Blikken, Seufzern, Händedrükken und Empfindungen über Florentins

Scheiden, als durch Wortgespräche unterhielt. Selbst der sonst so

wohlgemuthe _Onkel_ konnte nicht sich, nicht seine Lieben aufhellen. In

einem Lehnsessel ruhend, die Füsse übereinander geworfen, sas er da,

düsterstirnigt, mit bebender Lippe, als wollt er das Stillschweigen

unterweilen mit seinen gewöhnlichen frohen Einfällen brechen, und doch

wagte ers nicht. Oft zerpreßt' er mit den Wimpern eine Thräne, die ihm

unwillkührlich die Augenwinkel füllte. Sorgenvoll stüzte sich sein

graubeloktes Haupt auf die Linke, mit der Rechten hielt er des Neffen Hand

auf seinem Schoose fest. _Florentin_ sas in einer ähnlichen Attitüde, den

Kopf zurükgeworfen und nach einer seiner Schultern hingeneigt, die Augen

starr vor sich aufblikkend, als säh er träumend in die umnebelten Stunden

der Zukunft. _Rikchen_ drükte mit ihrer einen Hand die seinige an sich, mit

der andern umschlang sie _Holders_ Nakken, auf dessen Schoose sie sas, und

auf dessen Achsel ihre Stirn ruhte, an dessen Brust sie ihr nasses Antliz

verbarg. -- _Holder_ mit einem Arme sein Weib, mit dem andern seinen

Schwager umfassend, starrte ernsthaft vor sich hin, als überblikte er Pläne

des Schiksals. Zuweilen biß er mit den Zähnen zusammen, wenn Empfindung ihn

übermannte, ihms warm wurde um Herz und Angesicht und ein Thränenflor sein

Auge bewölkte.

So verfloß eine Stunde, wieder eine Stunde und keiner wagte Veränderung. So

hätte die Nacht sie überfallen können, wenn _Florentin_ nicht aufgestanden

wäre, um einiges wegen seiner Abreise zu verordnen.

»Wahr ists, und wahr bleibts,« rief der _Onkel_, und erhob sich: »'s ist

doch des Menschenelendes gar viel in diesem Leben. Und da hab ich mir das

so überdacht in der Stille, und habe gefunden, daß doch viele Leiden aus

der vermaledeieten Dependenz entspringen. Sie haben recht, lieber Holder,

die republikanischen Staatsverfassungen sind, mein Seel, die Besten. Hätten

wir unsre Hütte in einer Republik aufgeschlagen, so wollt' ich doch den

Herzog sehn, der uns Florentinen nehmen und auf Reisen schikken dürfte!«

»»Das würde freilich keiner!«« antwortete _Holder_, dem die Philosophie des

gutherzigen _Onkels_ ein Lächeln abzwang.

»Drum glaub ich auch,« kontinuirte jener: »daß unsre Nachkommen gewiß noch

alle Alleinherrschaften in Republiken umschmelzen werden.«

»»Despotien in Republiken!«« sagte _Holder_ mit einem bedeutenden Tone zu

_Florentinen_ hinblikkend.

»Ja, Despotien in Republiken umgemünzt, wirds eine gangbare Waare für die

freigeborne Menschheit!« rief _Florentin_, und ihm wars, als träumte er den

Traum von den schwarzen Brüdern, wo sich in seiner Seele das erste lebhafte

Gefühl für Freiheit, und schwarzer Groll wider Fürsten entwikkelte. -- Er

that einen freiern Athemzug -- ihm wars ungewöhnlich wohl. »Despotien in

Republiken!« schallte es immer noch in seinen Ohren: »und da würdest du

_Louisen_ ungestört lieben dürfen, würdest du nicht über die Gränze wandern

müssen, um einer frohen Nacht willen!« setzte er bei sich stillschweigend

hinzu, und ihn wandelte ein sonderbarer Schauer an; er fühlte sich in

seiner ganzen Größe, sein Odem flog schneller, seine Hände krallten sich

zusammen, sein Auge blikte funkelnd empor -- sein Geist schwebte auf

stürmendem Gefieder der ahndenden Fantasie.

»Ich sehe nur nicht ein, warum nicht jezt schon, das alles so ist, wie's

sein soll? warum sich erst künftige Jahrhunderte dieses Glüks erfreuen

sollen? -- O, die glükliche Nachwelt!« sagte der alte _Graf_ mit einer Mine

der bittersten Unzufriedenheit. Der _Onkel_, der seine Lieblingsgrille,

welche wir schon an ihm kennen[A], zum Stoff der Unterhaltung machte, als

die übrigen, schwazten und schwärmten so den Rest des Tages hinweg,

umarmten sich dann noch einmahl und eilten halb traurig und halb getröstet

ihren Betten zu.

[Fußnote A: Dem etwannigen kurzen Gedächtnis unserer Leser und Leserinnen

zu Hülfe zu kommen, zitirt der Verf. des _ersten Bändchen, 1. Abschnitt, 2.

Kapitel_.]

Man freute sich _Florentinen_ am folgenden Tage noch einige Stunden sehn zu

können, und schlief ruhig mit diesem Gedanken ein. Aber, -- Gott! wer

schildert den Jammer dieser liebenden, treuen Seelen, als sie _Florentinen_

am künftigen Morgen nicht mehr erblikten, der sich wahrscheinlich schon in

der Nacht mit seinen beiden Dienern aufgemacht hatte!

Viertes Kapitel.

Abschied von der Sorbenburg.

»Mein Bruder hat uns verlassen, ohne uns das Lebewohl zu sagen!« rief

_Rikchen_ ihrem _Onkel_ weinend entgegen, der ungewöhnlich früh aus den

Federn gestiegen war, um sich noch desto länger mit seinem Neffen

unterhalten zu können.

Dem _Alten_ fuhrs wie ein Donnerschlag durch die Ohren. »Uns schon

verlassen?« stammelte er, und sein Unwille sprach aus Blikken und

Gebehrden: »das war dumm!«

_Holder_, welcher noch die meiste Fassung hatte, suchte beide zu beruhigen.

Es gelang ihm nur schwer.

»Dumm ists!« rief der _alte Graf_: »und dumm bleibts. Ich sehe im Grunde

nicht ein, warum der Kammerherr so sehr mit seiner Reise eilt. Ich weis,

der Herzog würde gewis nicht böse sein, wenn Florentin noch einige Monate,

wenigstens einige Wochen, bei seinen Verwandten geblieben, wäre.«

Holder. Aber es war ja des Herzogs ausdrüklichster Befehl, daß Florentin

seine Reise je bälder je lieber antreten sollte. Serenissimus bedient sich

ihres Neffen höchst wahrscheinlich in ausserordentlich wichtigen

Angelegenheiten, welches daraus erhellt, daß der Zwek dieser Reise so sehr

geheim gehalten wird und der Termin der Abreise sobald angesezt ist.

Onkel. Die vermaledeiete Dependenz!

Holder. Und weil es denn einmahl geschieden sein sollte: so wollte sich und

Ihnen der gute Florentin die Trennung dadurch erleichtern, daß er plözlich

verschwand. Sie kennen ja seine Art in diesen Fällen!

Onkel. Jedes andre macht verzeihlich, nur heute nicht. O, mir ahndets, ich

soll ihn nicht wiedersehn auf Erden -- seine Heimkunft nicht erleben.

Rikchen. O doch, Onkelchen! und geben Sie acht, er holt sich gewis die

schöne Marinerin aus Italien[A] und feiert hier in Sorbenburg die Hochzeit.

Das ahndet _mir_!

Onkel. Gott weis es, wessen Ahndung trügen wird!

Der _Onkel_ schien so unrecht nicht zu haben, aber _Rikchen_ gewis auch

nicht. Und wenn unser fahrender Ritter auch das schöne Mädchen aus _St.

Marino_ nicht mitbrachte, könnte er nicht irgendwo für sich ein andres

holdes Weibchen auffinden!

Inzwischen verstrichen nach diesem traurigen Morgen Monate nach Monaten, es

wurde ein Jahr daraus; _Florentin_ kam nicht wieder heim in die

vaterländische Wohnung, und man _verschmerzte_ endlich seinen Verlust.

Zwei, drei, vier Jahre folgten dem ersten, doch man _vergas_ ihn _nicht_!

[Fußnote A: Siehe im _ersten Bändchen, Abschnitt III. Kap. 1_.]

Graf _Florentin von Duur_, den wir jezt auf seiner Abentheuerjagd begleiten

müssen, denn die Sorbenburgsche Familie werden wir nicht so bald wieder

besuchen können, war am Abend seines Abreisetags über die Gränze des

Vaterlandes mit seinen Gefährten _Badner_ und _Gotthold_. Es war ihm wehe

und wohl, wenn er hinter sich in die Vergangenheit, oder vor sich in die

Zukunft hinausblikte, sahe was er dort überstanden, und hier noch zu

erwarten hatte! --

Der Winter war vorüber, der Frühling begonnen, und die schönen Tage des

Maies erwachten; aber über seine Seele streute die liebliche Jahrszeit

keine Freuden. Ungewis und unbestimmt, mehr ernst, als froh, kreuzte er

etliche Wochen in den benachbarten Gegenden seines Vaterlandes umher; ohne

sich dessen klar bewußt zu sein, wurde er immer noch magnetisch

dahingezogen. Und so rükte der Tag des heiligen _Urbanus_ unvermerkt näher,

an welchem er sich in dem Städtlein _Mungenwall_ befinden sollte.

Fünftes Kapitel.

Eine schöne Erscheinung.

Es war ein herrlicher Sonntagsmorgen, als unser _Graf_ mit seinen Kumpanen

ein niedliches Dorf unten im Thale vor sich erblikten. In angenehmer

Verwirrung lagen die braunen Strohhütten da zerstreut, jede von krausem

Gebüsche überwachsen und beschattet. Zur rechten und zur linken sahe man

Gärten in todte und blühende Hekken eingefaßt, und zur rechten und zur

linken tönte der süsse Gesang der Vögel fröhlich daher. In der Mitte des

Dörfchens ragte über alles in prachtloser Einfalt die spizze Kuppel des

Kirchenthurmes hervor, dessen hellschlagende Glokke mit silbernen Ton die

frommen Christen zur Andacht in Tempel rief.

_Florentin_ von dieser Gegend überrascht, hielt sein Pferd an, sein Auge

länger noch an dem Reiz der vollkommenen Natur zu laben. Seine Seele klärte

sich auf; die Stirn entfaltete sich und er wurde zum erstenmahle mit seinen

Gefährten gesprächig, denn bisher hatte man aus seinem Munde nur kaum ein

andres Wort, als das trockne: »Ja« oder »Nein« gehört.

»Wie heißt das Dörfchen da unten?« fragte er ein vorübergehendes junges

Bauermädchen und lächelte einmahl wieder seit langer Zeit freundlich.

»Gott grüß' euch, meine Herrn,« erwiederte die junge _Bäuerin_, ohne stehn

zu bleiben: »_Riedelsheim_!« --

»Wir wollen in die Kirche gehn, und Gott danken für den schönen Frühling!«

sagte der _Graf_ und trottete den Bergweg hinab ins Thal; _Gotthold_ und

_Badner_ ihm nach.

Leztere bestaunten den Einfall ihres Herrn, eine Dorfkirche zu besuchen;

aber man hatte kaum im Wirthshause gefrühstükt, so sahe man, daß es dem

_Grafen_ Ernst sei.

Der Pfarrer zu Riedelsheim bestieg in eben dem Augenblik die Kanzel, als

unser _Graf_ in die Kirche trat. Er sezte sich in einen Winkel auf ein

Bänkchen, um kein Aufsehn zu erregen; hörte andächtig dem lehrenden Greise

zu, fühlte sich durch den herzlichen Vortrag desselben bis zum Weinen

gerührt, und würde sehr erbaut von hinnen gegangen sein, wären seine Sinne

und Gedanken nicht mit einem mahle von aller Andacht hinweg und auf einen

andern Gegenstand -- eine weibliche Gestalt gezogen worden.

Er sah hinter einem Gitter, dreißig Schritt ohngefähr von sich entfernt,

ein Frauenzimmer sizzen, dessen Kleidung und Anstand dasselbe auffallend

von Dorfbewohnerinnen unterschied. Der Anzug dieser Schönen war einförmig,

aber doch mit Geschmack angeordnet; und so viel der obere Theil ihres

Körpers verrieth, denn mehr konnte man nicht von ihr erblikken, mußte sie

noch jung sein. Ihr Gesicht war leider verschleiert.

Ich weis selbst nicht, welcher Dämon _Florentins_ Augen auf die Dame

hinlenkte, da er doch seit der unglüklichen Liebe _Louisens_ beinahe einer

der ärgsten Misopyne geworden war, die nur je die Menschheit des weiblichen

Geschlechts bezweifelten.[A]

[Fußnote A: Mir kömmts vor, als sähen mich einige von meinen Leserinnen

mit großen Augen bei dieser Stelle an. Ja, ja, man war ehmals in der That

so kühn oder so verwirrt, wider die _Menschheit der Damen_ zu protestiren.

Schon ums Jahr 590 unsrer Zeitrechnung that dies im Ernste ein heilger Mann

und zwar ein _Bischof_, dem auch sogleich alle unglüklichen Liebhaber und

Hagestolze, geplagte Eheherrn u. s. w. so sehr applaudirten, daß dem neuen

Lehrer endlich ausdrüklich im dritten _Synodo Matisconense_ Schweigen

geboten werden mußte (S. _Osiander in Eccl. histor. Cent. VI. L. 4. C. 15.

p. 285._) Mit Ausgang des sechzehnten Jahrhunderts that ein _Ungenannter_

abermals zum Schrekken der ganzen schönen Welt in einem ausserordentlich

gelahrten lateinischem Traktate, mit vielem philosophischen und

theologischen Argumenten die Nonhumanität der Weiber dar. Dieser seltsame

Mann, welcher, wie _Chr. Heerdreich_ in den _Pandect. brandenb. T. I. p.

33._ aus dem _Barthio_ und _Thuano_ erwies, der gelehrte Märker, Valentinus

Acidalius war, machte vieles Aufsehn, und ihn ganz besonders zu widerlegen,

warf sich der Churbrandenb. Hofprediger und nachmahlige Superintendent _D.

Simon Gediccius_ zum Verfechter des schönen Geschlechts auf, der das

_satanische_ _Scriptum_ schnurgeradehin als kezzerisch verdammte und zu den

_libris comestis_ schleuderte. Die Welt muß sehr wahrscheinlich in ihren

Gedanken vom Frauenzimmer schon ganz irre geworden sein, weil man die

Apologie des _Gediccius_ mit Gier verschlang, so daß sie mehr als einmal

aufgelegt wurde. »Ja, es haben dazumahlen die theologischen Fakultäten zu

_Leipzig_ und _Wittenberg_ die studierende Jugend vermahnt, jene verdammte

und lästerliche Schrift nicht einmal des Lesens würdigen, geschweige denn

das Frauensvolk im Scherze damit zu vexiren, _damit dasselbe nicht in

Zweifel wegen seiner Seeligkeit kommen mögte!_« (_Titius in litt. hist. p.

196._) Der Buchdrukker _Bärensprung_ zu Schwerin veranstaltete vor

verschiedenen Jahren eine Uebersezzung der Acidalischen Schrift, aber ihr

Verkauf wurde ihm unter der Hand verboten. Ah, _quel Conte_! mögte man

rufen.]

Unverwandt starrten seine Augen nach dem Gitterstuhle. Er zitterte, wenn

die Dame sich bewegte, und rükte ungeduldig hin und her, wenn sie stille

sas. -- Er selber wußte sich seine Empfindungen nicht zu erklären; er

wollte seinem Geiste die verlorne Andacht wiedergeben -- umsonst, seine

Augen glitschten immer von der Kanzel auf den Gitterstuhl zurük, von dem

Munde des Predigers auf den Schleier der Dame.

Eine sonderbare Ahndung überflog ihn. Er glaubte in der Gestalt, in den

Bewegungen der Dame im Gitterstuhle auffallende Gleichheiten mit Louisen zu

entdekken. Seine Fantasie wurde lebhafter; die Möglichkeit stieg in ihm zur

Gewisheit empor.

Plözlich schlug die _Unbekannte_ mit ihrer schönen Hand den Flor vom

Gesichte zurük -- -- o Himmel! und _Florentin_ sah _Louisen_. Ihm wurd' es

dunkel vor den Augen; eine Ohnmacht schien sein ganzes Wesen aufzulösen --

Noch einmahl sah er hin, und -- ach! der Gitterstuhl war ledig, _Louisens_

Bild verschwunden.

In einer süssen Betäubung sas er da. »Sie ists! sie ists!« rief sein Geist

in ihm; »dem Unglüklichen wird noch einmal das Glük die Geliebte zu sehn!«

--

Der Prediger prieß die Schönheiten der göttlichen Schöpfung; _Duur_

zergliederte sich _Louisens_ Reizze. -- Amen scholl es von der Kanzel, und

der Liebetrunkne stürzte zur Kirche hinaus. Er durchreiste das Dörfchen,

suchte das verschleierte Gesicht und -- fand es nirgends.

Hinter einer dichten Reihe hoher, breitlaubigter, finsterer Kastanienbäume

entdekte er am Ende den Dorfes ein im neusten Geschmack errichtetes,

zweistokhohes Gebäude, welches das ansehnlichste in Riedelsheim war. Er

blieb stehn, und maaß das Haus mit neugierigen Blicken. Gern wär er

hineingegangen, um auch da der geliebten Schwester des Herzogs

nachzuspüren, wenn es ihm nicht die Etikette verboten hätte.

Was sollt er thun? -- umkehren und _Riedelsheim_ verlassen, ohne Sie zu

sehn die geliebte Stifterin seines Unglüks? -- sie jezt nicht wiedersehn,

die er vielleicht dann nie, weder in diesem, oder jenem Leben wieder zu

erblikken glüklich genug sein könnte! -- Unmöglich, kein Liebender hätte

dies an _Florentins_ Stelle gethan, und _Florentin_ thats auch nicht.

Als er noch unentschlossen da stand, mit einem Stökchen im Staube malend,

zeigte sich seinen Augen ein junger, wohlgekleideter Mann, dessen Aeusseres

viel gutes ahnden lies. _Florentin_ machte sich sogleich an ihn und fragte

nach dem Besizzer des weißen Hauses.

»Sie sehen ihn vor sich!« antwortete jener und _Florentinen_ ward seltsam

zu Muthe durch diese Antwort, denn Mann und Stimme desselben waren ihm sehr

wohl bekannt. Kurz gesagt, die Gestalt und _der_ Ton gehörten in den Traum

von den schwarzen Brüdern hin, und zwar dem _Puppenspieler_, der im

Wirthshause die grausamliche Zerstörung Magdeburgs aufgeführt, und dessen

Kasten unser _Graf_ zertrümmert hatte. Daß _Florentin_ durch die frappante

Aehnlichkeit zweier so heterogener Personen etwas bestürzt gemacht wurde,

läßt sich denken.

»Wen hab' ich dass Glük zu sprechen?« fragte er.

»»Ich hin der *** Prinzenerzieher _Aellmar_, lebe hier durch die Gnade

meines Fürsten ein angenehmes Privatleben, und werde mich freuen, wenn Sie

in meiner Wohnung mit einer ländlichen Bewirthung vorlieb nehmen wollen.

Sie sind -- --?««

»Der Graf von Duur.«

»»Ich kenne Sie schon näher, wie mich däucht.««

»Und mir ists, als hätte ich ebenfalls schon das Glük gehabt Ihre Person

einmahl, aber Gott weis, wo und in welcher Verkappung, zu sehn. Ihre

Gesichtszüge -- ihre Stimme --«

»»Vielleicht haben Sie sich nicht geirrt.««

»Wär es möglich!«

»»Wie befindet sich Herr Holder von Sorbenburg? Wahrscheinlich haben Sie

ihn noch -- --?««

»So wahr ich lebe, Herr Aellmar, Sie und ein gewisser, schwarzer

Puppenspieler« -- --

»»Ganz recht, Vinzenz!««

»Gott, ich bin glüklich.«

»»Still, wir plaudern nachher mehr. Haben Sie die Güte mein Gast zu sein.««

»Haben Sie Fremde?«

»»Sie werden niemanden ausser dem Prediger _Leedri_, meinen Schwiegervater,

und seine Tochter, meine Agathe, antreffen.««

Wie gern folgte _Florentin_ der willkommenen Einladung des metamorphosirten

_Puppenspielers_! Hier hofte er gewis Aufschluß über das verschleierte

Frauenzimmer in der Kirche zu empfangen. Er unterlies auch nicht beiläufig

zu fragen, ehe sie das Haus erreicht hatten.

»Wahrscheinlich meine Frau!« antwortete _Aellmar_ und führte den halb

unzufriednen _Duur_ in ein Zimmer, worin sich der alte Pastor _Leedri_

allein befand. Man wurde bald bekannt mit einander; sprach, von diesem und

jenem; _Aellmar_ entfernte sich seine Gemahlin herbeizuhohlen, und

_Florentin_ exegisirte über das »Wahrscheinlich« des Aellmar.

»Wahrscheinlich ist doch nicht gewis; es läßt noch immer der Vermuthung

Raum, daß der Schleier eben so gut der Prinzeßin, als der Madame Aellmar

angehören konnte!« dachte er bei sich.

Die Thür eröffnete sich nach einiger Zeit. Die verschleierte Schöne, in

ihrem Anstande, ihrer Gestalt, ihrer Kleidung eben diejenige, welche im

Gitterstuhle sas, trat herein, schlug den gewebten Nebel hinweg von ihrem

Gesichte und machte dem Grafen ihr Kompliment. _Florentin_ der anfangs in

heftiger Bewegung da stand, ward noch verwirrter, als er hier eines der

liebenswürdigsten, sanftesten Weiber -- aber nicht das Idol seiner Seele

sah.

So gut es sich thun lies, verbarg _Florentin_ seinen Mismuth; er mußte es

nun einmahl geschehn sein lassen, daß er sich getäuscht hatte. Eine

freundliche, gewisse Unterhaltung bei Tische war die Würze der Speisen.

Sobald man von der Tafel aufgestanden war, suchte unser Pilgram, der noch

an eben dem Tage abreisen wollte, um zur rechten Zeit in _Mungenwall_

einzutreffen, den gastfreundlichen _Aellmar_ unter vier Augen zu sprechen.

Es gelang ihm.

Sechstes Kapitel.

Aufklärungen.

Der _Graf_ und sein _Wirth_ entfernten sich von dem alten _Leedri_ und

seiner Tochter, begaben sich in den naheliegenden Garten, wanderten hier

die sandigten Gänge, Arm in Arm, in wichtigen Gesprächen versenkt, einige

Viertelstunden auf und nieder, giengen dann, um desto unbelauschter zu

sein, in ein nettes, bequemes Gartenhäuschen, lagerten sich da auf ein

Sofa, und sezten ihre Unterhaltung fort.

»Ich bedaure,« sagte _Aellmar_ lächelnd: »Ich bedaure, daß Sie sich durch

den Schleier so verführen ließen, meine Frau für Ihre Durchlaucht die

Prinzeßin Louise zu halten. Zudem, wie sollt ich zu der Ehre gelangen, eine

fürstliche« -- --

Florentin. Aber wissen Sie gar nicht, wo sich die Prinzeßin befindet?

Aellmar. Wie sollt' ich? so viel ist gewis, und das wird Ihnen ja besser,

als mir bekannt sein, daß die Prinzeßin Louise, wegen ihrer Kränklichkeit,

auf einem ihrer Landgüter lebte. Die Aerzte haben es ihr gerathen;

Veränderung der Luft und des Aufenhalts soll sie bald wieder herstellen.

Die Prinzeßin, um sich zu gleicher Zeit ein seltneres Vergnügen zu

gewähren, macht inkognito, von wenigen Bedienten nur begleitet, kleine

Reisen durchs Herzogthum, so daß niemand eigentlich weis, wo sie sich

befindet.

Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 2/3 · 第 4 / 36 题