Florentin. (erschüttert) Mein Fürst! (zu seinen Füssen stürzend) Mein
Fürst!
Herzog. Was machst du? steh auf.
Florentin. Ich kann nicht. Ich habe keine Gnade verdiene, und auch nie
Anspruch darauf gemacht.
Herzog. Bist nicht begnadigt. Du hattest das Leben verwirkt, aber theils
deiner Verdienste um Herzog und Land, theils der Geheimhaltung von der
Schwangerschaft der Prinzeßin Louise willen, wird dir das Leben geschenkt.
Noch weis niemand am Hofe und in der Stadt von der unglüklichen
Begebenheit. Die Prinzeßin heißt es, ist wegen ihrer Kränklichkeit auf
eines ihrer Landgüter gereiset, und du bist wichtiger geheimer Geschäfte
willen zu mir berufen. -- Deine Strafe ist -- -- _Landesverweisung_. Mehr
konnte die Freundschaft bei der Gerechtigkeit nicht auswirken. So lange
_Herzog Adolf_ lebt und regiert, sollst du nie wieder die vaterländischen
Fluren erblikken, im Auslande sollst du umherwandeln, von mir vergessen,
keine andere Strafe zu fürchten haben, als die, welche dir das zarte
Gewissen eines gefühlvollen Biedermanns auflegen wird.
_Florentin_ umarmte weinend, mit sprachlosen Danke, die Knieen des gütigen
Fürsten.
»Noch vier Wochen,« fuhr lezterer in seiner Rede fort: »noch 4 Wochen
hältst du dich in meiner Residenz auf, erscheinst du öffentlich am Hofe, um
dem Volke jeden Verdacht zu rauben, und damit du dich zur Abreise aus
deinem Vaterlande vorbereiten, wie auch die angefangenen Staatsgeschäfte
beenden kannst, -- so dann gehst du unter dem Vorwande, daß ich dich auf
Reisen schikke, fremde Länder, Einrichtungen, Sitten, und Verhältnisse zu
studieren, auf ewig aus deinem Vaterlande. Ließest du dich irgend einmahl
wieder in demselben gewahr werden: so stehe ich nicht für dein Leben. Und
nun, mein lieber ehemaliger Freund, leb wohl! So wie _wir uns jezt sahen_
und sprachen, sehn und sprechen wir uns _nie_ wieder in _dieser Welt_!«
_Florentin_ stand auf, der bewegte _Herzog_ sank dem Grafen um den Hals und
weinte. _Florentin_ von zu vielen Empfindungen bestürmt, empfand gar nicht.
Der grosmächtige Fürst verzieh ihm diese scheinbare Kälte sehr gern, denn
er wußte, daß _Florentin_ mehr denn zu gefühlvoll war.
»Komm, es ist schon spät in der Nacht. Mein Wagen wartet unten auf dich, er
soll dich zu deinem Hause bringen!« sprach _Adolf_ nach einer Weile, küßte
ihn noch einmal heftig, führte ihn selber die Treppen hinab, ließ ihn in
die Kutsche steigen und heimfahren.
Zweites Kapitel.
Monolog eines Fürsten, Glossen
darüber -- Abreise.
_Adolf_ hörte das dumpfe Donnern des Wagens über die Schloßbrükke;
wehmüthig flog er in sein Schlafkabinet, vermummte er sein Gesicht in das
Schnupftuch, um keinem lauschenden Ohre seine Seufzer, sein lautes
Schluchzen wahrnehmen zu lassen.
Die tiefste Stille wohnte im ganzen Schlosse -- der Mond schwebte gebrochen
hinter Wolkenstreifen, alles athmete Schwermuth, alles war von dem Pinsel
der Melancholie mit traurigen Farben überkleidet. Kein Wunder, wenn der
gefühlreiche Fürst die Mitternacht im Arme des seelnagenden Grames
überwachte.
»O wie ich so elend bin!« rief er: »ich habe alles verloren, denn ich habe
einen _Freund verloren_! -- da fuhr er bin, der unglükseelige Verbrecher,
von mir _verdammt_, der ich ihn doch _liebe_! -- Noch hab ich _keinen_
gehabt, welchen ich so liebte, und nun werde ich nie einen wieder erhalten!
-- O verdammt sei das schönlarvigte Gespenst, _Weiberliebe_, das sich in
den Zirkel unsrer Freuden schleicht, und jede derselben erwürgt! --
Florentin, warum mußt ich dich verlieren? --«
So klagte ein _Herzog_, und er hatte Recht zu klagen; denn Freundschaft ist
das schönste Blümchen, welches der Sterbliche am Lebenswege pflükken kann.
-- Man klage nie über die Seltenheit wahrer Freunde. Gotteswelt ist schön,
und faßt manches schöne Herz in sich; schwarze Seelen sind nur da, den
Glanz von jenem zu erhöhn. Wer die Seltenheit _ächter Freunde_ beklagt, der
nährt entweder ein überspanntes Ideal von der Freundschaft, oder ihm
mangelt selber das Wesentliche ein Freund sein zu können; ist eher
vielleicht im Stande Freundschaften zu _knüpfen_, als zu _erhalten_.
Freundschaft, die bei ihrem Entstehen heftig aufbraußet, tändelt, mit
Küssen spielt, und Umarmungen sich als das höchste Gut derselben
vorschwärmt, ist eben so bald verdünstet, als die, welche beim Weinglase
entspringt, und sich mit dem Rausche verliert.
Der _Fürst_ trauerte lange noch um Florentinen, da dieser schon Jahr und
Tag von ihm geschieden war; ein Beweis, daß seine Liebe gewis aus lautern
Quellen floß.
»Wenn denn _Adolf_ _Florentinen_ so sehr liebte, warum vergab er ihm sein
Verbrechen nicht ganz und behielt ihn nicht an seinem Hofe?« So mögten
einige meiner Leser fragen, denen ich zur Antwort gebe, der Fürst mußte,
als _Fürst_, so handeln, er darf mit den Gesezzen keinen Schleichhandel
treiben -- der Freund mußte als _Freund_, so handeln, wenn er seinem
Geliebten nicht eine noch schreklichere Zukunft bereiten wollte, weil
Florentins Verbrechen doch gewis einmal offenbart werden konnte, und die
herzoglichen Verwandten dann nicht geschwiegen haben würden. Der Bruder
mußte als _Bruder_, gegen seine Schwester so handeln, um eine Leidenschaft
in ihren Busen zu unterdrükken, die sie nie nähren dürfte. --
Landesverweisung war _Florentins_ Strafe, hart für ihn, aber doch milde!
Unser _Graf_ war einige Tage hindurch unpäslich -- die lezten Begebenheiten
des Lebens hatten gleich mächtig auf Seel und Körper gewirkt, beiden stand
eine auffallende Veränderung bevor. Kaum hatte er sich erholt, so erschien
er wieder am Hofe; der Herzog lächelte wiederum gnädig auf ihn hin, die
Damen kokettirten von neuem, die Hofschranzen schmeichelten wieder
öffentlich und verfluchten insgeheim. Alles gieng den ehmaligen Gang,
keiner von allen ahndete etwas von dem Vorgefallenen und Zukünftigen,
keiner wußte, daß Florentins Versendung auf Reisen eine _Landesverweisung_
sei.
Ein Tag vergieng nach dem andern, eine Woche nach der andern und ehe es
_Herzog_ und _Florentin_ vermutheten, rükte die lezte Woche heran.
Gram im Herzen, Gram im Blik nahm der _Graf_ von seinen Freunden Abschied;
er beurlaubte sich von der herzoglichen Familie -- jeder wünschte ihm mit
beklemmter Brust glükliche Reisen, jeder sich selber sein baldigen
Wiedersehn. Nur der _Herzog_ that Angesichts aller kalt, und keiner litte
mehr, als er, in seinem Herzen um _Florentins_ Verlust.
O wie schöne Thränen sah man izt an den seidnen Wimpern manches Mädchens
beben, deren schüchterne Liebe nie um Florentins Gegenliebe buhlte! wie
viel niedliche Lippen küßten hier den heftigsten Abschiedskuß, die sich
sonst spröde dem Munde liebender Jünglinge entzogen! -- der Neid selber
trauerte um Florentins Verlust, denn nun blieb ihm nichts mehr zu beneiden
übrig.
Der _Graf_ hatte seine Geschäfte in Ordnung gebracht, alles Ueberflüßige in
Geld umgewandelt, die Bedienten sammt und sonders abgedankt, ausser dem
alten, stummen _Badner_ und seinen Reitknecht, dem frohgelaunten
_Gotthold_.
Der _Graf_ hatte vom _Herzoge_ noch die Erlaubnis genommen, den Rest der
lezten, vierten Woche bei seiner Familie zu genießen. Der Morgen graute für
ihn zum leztenmale in der Residenz; die Pferde waren gesattelt, die Pilger
in ihr Reisegewand gehüllt.
Man wollte aufbrechen; eine große Menge Volks stand um den ehmaligen
Duurschen Pallast versammelt, den Besizzer desselben noch einmal zu sehen.
Und als _Florentin_ eben heraustrat, sank ein Greis vor ihm nieder, seine
Kniee umfassend. Ein Haufen Kinder drängte sich hinzu, seine Hände zu
küssen; einige Männer und Frauen schlossen sich näher an dieselben --
keiner sprach, aber in den Zügen ihrer Gesichter las man die unter allen
Zonen der Erde bekannte Sprache der _Empfindung_.