des Reisenden muß eine stets gleichbleibende sein. Kommt es vor -- und

es kommt vor --, daß einem Kunden gesagt wurde, er möchte sich die

Muster doch ansehen, auch wenn er klipp und klar erklärte, nichts zu

brauchen, dann darf der Reisende es sich nicht merken lassen, daß er

erbittert wurde, weil der Kunde trotz der vorzüglichen Muster und trotz

der Redekunst des Reisenden nichts kaufte. Natürlich muß der Reisende

auch dann gleichbleibend höflich sein, wenn er statt der großen

Kommission nur einen kleinen Auftrag überschreiben kann. Vielfach wird

ein kleiner Auftrag nur gegeben, um den Reisenden nicht ganz leer

abgehen zu lassen. Kleine Aufträge sind also oft Gefälligkeitsaufträge!

Um so mehr muß der Kunde verletzt sein, wenn der Reisende die

Gefälligkeit mit unhöflichem Wesen lohnt! Auch dann, wenn es sich nicht

um Gefälligkeitsaufträge handelt, vielleicht nur um einen Versuch,

muß der Reisende gleichbleibend höflich sein. Vielleicht noch mehr als

das! Er wird sicher dann bei seinem Kunden angenehm auffallen. Die

Kundschaft wird in der Regel, gibt sie kleine Aufträge, nicht gerade

verwöhnt durch große Zuvorkommenheit! Um so mehr wird es ihr auffallen

und in der Erinnerung haften, wenn sie sieht, daß es auch andere

Reisende gibt.

Urteile, keine Redensarten.

Ein alter Fehler liegt im vielen Reden! Gewiß muß der Reisende den

Kunden oftmals führen, seine Kauflust zu +den+ Waren leiten, die der

Reisende zwar gern los sein will, von denen er aber auch annehmen

darf, daß sie dem Kunden Vorteil bringen. Der Reisende soll sich dabei

aber immer gegenwärtig halten, daß viele Menschen immer das wollen,

was andere nicht wollen. Sie schwimmen immer gegen den Strom! Ein

solcher Kunde muß sehr vorsichtig behandelt werden. Manchmal wird sogar

seine Aufmerksamkeit auf Waren gelenkt werden müssen, die das gerade

Gegenteil von dem darstellen, was der Kunde kaufen soll. Aber auch bei

anderen Kunden ist Vorsicht am Platze; schließlich will niemand gern

bevormundet sein. Der Reisende wird deshalb zunächst immer nur die

rein sachdienlichen Bemerkungen zu allen Waren machen und nicht von

vornherein sich mühen, den Kunden auf einen bestimmten Gegenstand zu

bringen.

Erst wenn der Kunde angebissen hat, ist es Zeit, einen Gegenstand

aus der Zahl der übrigen herauszuheben. Dabei muß der Reisende noch

mehr wie der Verkäufer eines Detailgeschäftes oder der Detailreisende

leere Redensarten vermeiden. Wenn der Reisende einen Gegenstand für

das „Neueste“ und einen anderen für das „Beste“ erklärt, dann, wenn

der Kunde zu anderen Gegenständen greift, das gleiche nichtssagende

Lob auch diesen Gegenständen spendet, dann sind seine Worte leere

Redensarten; sie haben aufgehört, den Kunden zu leiten und ihm ein

fachmännischer Rat zu sein. Leere Redensarten muß nur der Reisende

machen, der keine Kenntnis von seinen Waren hat. Wenn sich der Wunsch

des Kunden, eine Ware zu kaufen, mit dem des Reisenden deckt, diese

Ware zu verkaufen, dann wird der Reisende hervorheben, was nach seiner

Meinung die gefallende Ware vorteilhaft für den Kunden macht. Nur so

kann er überzeugen, nur so seinem Urteil die Achtung und das Vertrauen

des Fachmannes erringen.

Leicht verfallen auch Reisende in das andere Extrem.

Gekränkte Eitelkeit.

Sie haben Warenkenntnis, aber der Kunde nicht. Dann fällt wohl

einmal eine Bemerkung, die imstande ist, die Unkenntnis des Kunden

zu verraten. Der Reisende wird dann vorsichtig -- ohne lehrhaft zu

sein -- den Kunden auf den rechten Weg führen. Er wird aber nicht

etwa über den Kunden lachen. Auch nicht über andere Dinge, so lange

er mit dem Kunden verhandelt, wenn nicht ein direkter Anlaß zu einem

Lachen gegeben ist, in das auch der Kunde mit einstimmen kann. Kunden,

die keine Warenkenntnis haben, wissen das! Es geht ihnen wie den

gleichen Reisenden; sie bekommen ein Gefühl der Unsicherheit. Lacht

der Reisende, meinen sie sich verlacht. Das wirkt auf die Stimmung

erkältend, manchmal geht sie auch ganz verloren. Es sind 20 Jahre her!

Das Linoleum kam in Aufnahme. Wirklich nette Teppichmuster erschienen

auf dem Markt. Ich kam dazu, wie ein Reisender eines bedeutenden Hauses

einem meiner Kunden Offerte machte. Er hatte ihm eben eine Preisliste

vorgelegt, und mein Kunde erklärte: Er habe nicht die Absicht, sich

Linoleum (mein Kunde sprach nicht das e und u getrennt, sondern als eu)

zuzulegen. Da platzt mein Kollege los! „Linol eee um, Herr Meyer, nicht

Linol eu m!“

Es war natürlich vorbei mit dem Geschäft! Mein Kunde führt das „ekliche

neue Zeug mit dem vertrackten Namen“ auch heute noch nicht.

Und Hand auf das Herz! Gibt es nicht der Dinge mehr, die durchaus

nicht ahnen lassen, daß sie lateinischen Ursprungs sind? Weiß nicht

manchmal nur der Fabrikant, wie er eine Neuheit, der er den Namen

gab, angesprochen wissen will? Ich nehme mir irgend eine Zeitung her:

Hiengfong-Essenz! Wird da das e mitgesprochen oder das i gedehnt? Ich

lese weiter: Longines. Wird das gesprochen wie man es schrieb, oder

Lonschines? Heißt das Ding „Clanor“ oder „Cläner“, spricht man Shampoon

aus, indem man die beiden o deutlich erklingen läßt und des Sh wie Sch

spricht? Genug damit! Ich brauche nicht nach Beispielen zu suchen. Man

kann einen Menschen zwar für dumm halten, man soll es ihm aber, will

man ihm Ware verkaufen, weder merken lassen, noch es ihm sagen. Der

Reisende muß Vertrauen erwecken! Nicht nur für sich, auch für seine

Waren!

Wenn er Interesse daran hat, von seinen Waren die teueren zu verkaufen,

sei es nun, weil es für ihn günstiger ist, oder sei es, weil er den

Kunden gut versorgen möchte, dann wird er doch nicht die billige Ware,

die er auch führt, die vielleicht die Aufmerksamkeit des Kunden erregt

hat, schlecht machen. Er wird sich vielmehr vor Augen halten, daß es

zwar seine billigere Ware ist, aber doch eben +seine+ Ware. Leicht ist

das Urteil des Kunden fertig, daß dort, wo die billige Ware der Mängel

so viele hat, auch die teuere nicht viel taugen wird. Der Reisende weiß

doch, warum er die teuere Ware verkaufen will! Er wird also das dem

Kunden sagen, er wird die Vorteile der teueren Ware vor der billigeren

herausheben. Er wird vielleicht sagen, daß der eine Stoff im Faden und

der billigere im Stück gefärbt ist. Daß jener die Farbe besser hält,

oder daß der Waschstoff zum Waschen geeigneter sei aus den und den

bestimmten Gründen. Immer muß die Absicht erkenntlich sein, dem Kunden

zu nützen.

Zu große Kauflust.

So gibt es auch Kunden, die kaufen darauf los, was sie nur immer

kaufen können! Natürlich hat es jetzt der Reisende leicht, viel zu

verkaufen, er hat es jetzt schwer, rechtzeitig Einhalt zu tun, soll

der Kunde nicht den Kredit, den er hat, überschreiten. Das ist eine

Gelegenheit, Vertrauen zu erwecken, es ist aber auch eine, einen Kunden

los zu werden. Es kommt alles auf das Taktgefühl des Reisenden an.

Der Reisende, der jetzt dem Kunden sagen würde, er möchte nichts mehr

kaufen, weil er im Begriff stehe, seinen Kredit zu überschreiten, der

darf einpacken! Jetzt wird vielmehr der Reisende, indem er diesen oder

jenen gekauften Artikel oder Lagerware, die er bemerkt, heranzieht,

dem Kunden sagen, daß der Gegenstand, der ihn noch zum Kauf reizt, zur

Folge haben würde, daß der andere bestellte Artikel oder die Lagerware

nicht verkauft werden würde, da ein Gegenstand den anderen aussteche.

Das wird der Kunde einsehen! Er ist jedoch nicht verletzt! Er wird

vielmehr zu der Ueberzeugung kommen, daß es dem Reisenden nicht darum

zu tun war, dem Kunden viel zu verkaufen, sondern ihn gut zu bedienen.

Eigensinn.

Der Reisende darf nicht eigensinnig sein! Es kommt ja wohl vor, daß er

einen bestimmten Gegenstand verkaufen will. Er wird dann leicht geneigt

sein, auf ihm „herumzureiten“. Das kann leicht Mißtrauen erwecken, wenn

der Verkäufer immer wieder den einen Gegenstand heranzieht, nachdem der

Kunde seine Absicht zu erkennen gab, ihn nicht zu kaufen. Der Eigensinn

zeigt sich auch manchmal von einer anderen Seite! Ein Reisender

will einen bestimmten Gegenstand verkaufen, er versucht deshalb

geflissentlich Kauflust zu einem anderen Gegenstand zu zerstören!

Manchmal liegt das ja im Interesse der Kunden! Dann muß aber größte

Vorsicht obwalten.

Manchmal ist es auch gar nicht Eigensinn, sondern es kann ja vorkommen,

daß man eine Ware nicht verkaufen will, weil man sie am Platze schon

verkauft hat. Davon nimmt man dann am besten gar kein Muster mehr mit.

Geht es nicht anders, muß man nach +wirklichen+ Gründen suchen, um den

Kunden vom Kauf abzubringen. Weiß der Kunde, daß man noch anderswo

am Platze gearbeitet hat, kann man ihm offen sagen, man wünsche den

Gegenstand nicht zu verkaufen, eben weil er schon einmal an diesem

Platze verkauft sei.

Unentschlossenheit.

Wenn man im Ladengeschäft war, weiß man, daß es auch Käufer gibt, die

sich nie entschließen können. Findet der Reisende solche Kunden nicht?

Leider ja! Hier muß der Reisende sehr darauf achten, daß er nicht

eine Wahl, die dem Kunden schon schwer ist, noch mehr erschwert. Er

wird einem solchen Kunden nicht ohne weiteres alle Waren vorlegen,

sondern die bestimmten, die seinem Geschmack und seinem Bedürfnis

voraussichtlich entsprechen. Auch dann kann es kommen, daß der Kunde

zu keinem Entschluß gelangt. Da hilft manchmal ein Hinweis darauf, daß

sich diese oder jene Ware gut verkauft habe, daß sie nachgefordert

worden, also leicht zu verkaufen sei. Oder der Hinweis darauf, daß

eine bestimmte Ware von einem Konkurrenzgeschäft einer nahen Großstadt

geführt werde. Das wird besonders dann wirken, wenn die Kundschaft des

Geschäftsinhabers zeitweise nach dieser Großstadt fährt und in jenem

Geschäft Einkäufe macht. Der Hinweis darauf, daß der Kaufmann gerade

mit dieser Ware -- die er vielleicht auch noch etwas billiger verkaufen

kann, als das großstädtische Geschäft -- augenfällig beweisen könne,

daß unbesorgt am Platze gekauft werden könne, wird manchem Schwankenden

ein Stützpunkt sein. Manchmal ist ein Kunde auch unselbständig! Er

zieht sein Personal heran, in manchen Branchen auch die Frau! Daraus

geht hervor, daß sich der Kunde beeinflussen läßt. Manchmal ist der

Sachverstand der Sachverständigen nicht weit her! Dann ist wohl der

Anreiz vorhanden, dem Kaufmann zu beweisen, daß sein Sachverständiger

noch weniger versteht wie er! Warum? Geht der Reisende hinaus, um

diesen Nachweis zu führen oder will er verkaufen? Geht es nicht

ohne Beirat, gut, dann wird mit seiner Hilfe verkauft! Aber es wird

verkauft! Freilich wird dann der Verkauf schwerer, denn es ist jetzt

der Kunde und mehr noch sein Beirat zu überzeugen, daß diese Ware die

richtige ist! Gibt man nun scheinbar auch etwas auf die Sachkunde des

Beirates, dann ist dem Verkauf geholfen. Man kann dann die Sache so

wenden, daß der Sachverständige das Urteil ausspricht, was eigentlich

der Reisende sprechen wollte. Es wirkt dann besser. Man muß nur dem

Beirat in den Mund legen, was er sagen soll!

Zerstreutheit.

Selbstverständlich muß der Reisende immer gleichmäßiges Interesse

bekunden. Er muß, wenn er verkaufen will, sein ganzes Denken und sein

ganzes Handeln auf diesen Willen richten. Es darf für ihn nichts

anderes geben, als den Verkauf. Dem Kunden wird das wohltun! Sieht der

Reisende aber durch die Schaufenster nach den hübschen Mädchen, die

draußen vorbeigehen, oder nach der niedlichen Verkäuferin, die hinter

dem Ladentisch steht, dann wird er recht bald das Interesse des Kunden

am Kaufe verscherzt haben. Der Reisende gibt zerstreute Antworten, ist

nicht bei der Sache, und der Kunde hat dann das Gefühl, als läge dem

Reisenden gar nichts daran, ihm Ware zu verkaufen.

Ebenso muß der Reisende jede Bewegung unterlassen, die darauf

hindeutet, daß er eigentlich gar keine Zeit mehr hat! Die Uhr

bleibt in der Tasche, das Kursbuch wird im Hotel studiert. Der

Zug wird so gewählt und der Kunde so besucht, daß entweder der in

Aussicht genommene Zug erreicht wird, oder aber eine andere günstige

Fahrgelegenheit noch vorhanden ist. Schließlich geht doch der Reisende

nicht hinaus, um nur ja seine Tour pünktlich durchzuführen, sondern um

zu verkaufen. Ist er aber beim Mustervorlegen, dann ist die Aussicht,

etwas zu verkaufen, doch ziemlich bestimmt vorhanden. Das ist

keineswegs der Fall bei dem Kunden, den man mit dem Zuge, den man noch

pünktlich erreichen müßte, eben noch besuchen könnte. Vielleicht hat

auch der Bedarf! Vielleicht! Vielleicht ist er aber auch gar nicht zu

Hause! Also erst das Geschäft fertig gemacht und alle Gedanken verjagt,

die nicht mit ihm im Zusammenhang stehen.

Der Reisende als Vertrauensmann.

Was soll nun der Reisende beim Verkauf beachten? Ich habe schon

ausgeführt, daß der Reisende nicht nur Vertrauensmann seines Prinzipals

ist, sondern auch der des Kunden. Der wirkliche Reisende -- mit den

„Gerissenen“ wollen wir uns nicht beschäftigen -- will wiederkommen

können. Danach muß er sich einrichten. Er soll dem Kunden nicht

verkaufen, was er, der Reisende oder sein Haus los sein wollen,

sondern das, was der Kunde braucht. Er soll ihm auch nicht „Povel“ als

moderne Ware verkaufen. Wir leben nicht mehr in der Zeit, in der die

Postkutsche der Neuigkeitsträger und der Jahrmarkt die Modenausstellung

waren. Auch in den kleinsten Nestern, auch in den sozial niedrigen

Bevölkerungsschichten weiß man, was in der Welt vorgeht, und die

Hausfrauenzeitungen, die Modenbilder bringen, liegen heute fast jeder

Provinzzeitung als Beilage bei. Wenn nun auch die Leute der Kleinstadt

niemals in ihrer breiten Menge und Zug um Zug wie in der Großstadt

ihren Bedarf der Mode anpassen werden, so ist doch die Zeit dahin, in

der die Kleinstädte ein beliebtes Absatzgebiet für „Povel“ darstellten.

Der berechtigte und oft gehörte Ausspruch: Kauft am Platze! zwingt doch

heute jeden Kaufmann, der Kundschaft annähernd das zu bieten, was die

Großstadt bietet. Wird nun einem Kunden unmoderne -- oder veraltete

-- unpraktische Ware als modern, neu und praktisch verkauft, so gibt

dieser das Urteil des Reisenden seiner Kundschaft weiter. Er kann dann

böse damit hineinfallen und die Folge für den Reisenden wird darin

bestehen, daß er einen Kunden verärgert hat und ihn vielleicht gar los

wird. Wer alte, unmoderne Ware hat, soll sie als solche verkaufen.

Bedarf dafür ist schließlich oft zu finden.

Der Reisende muß das „Richtige“ verkaufen, das, was der

Geschmacksrichtung der Kundschaft seines Kunden und deren Finanzkraft

entspricht. Handelt er anders, so ruhen seine Artikel und erschweren

ihm das Geschäft, wenn er wiederkommt.

Der Reisende soll auch seinen Kunden nicht mit Gewalt überladen.

Gewiß soll der Reisende viel verkaufen, so viel wenigstens, daß die

Konkurrenz durch seine Lieferung überflüssig gemacht wird, so viel

mindestens, daß der Kunde ein Interesse daran hat, die Waren auch

zu verkaufen, weil sie sonst an seinem Lager veralten würden. Hängt

ein Reisender einem Kunden aber zu viel an, dann kann natürlich der

Kunde das nächste Mal nicht wieder so viel kaufen. Es kann aber auch

recht empfindlicher Aerger dadurch heraufbeschworen werden. So eine

Kommission ist immer ein Stück Papier. Räumlich gering! Kommt aber

die Ware, dann merkt oft ein Kunde erst, wie er „eingeseift“ wurde.

Er versucht dann, Ware los zu werden, weil er der Ueberzeugung ist,

sich übernommen zu haben. Nimmt sie das Haus des Reisenden nicht ab,

so schilt der Kunde nicht nur auf den Reisenden, sondern auch auf das

Haus, das nach seiner Meinung nicht zuvorkommend ist.

Dann soll aber auch der Reisende keine Versprechungen machen, die

nicht gehalten werden können. Man kann dem Kunden viel versprechen!

Langes Ziel, späte Lieferung, bequemster Abruf eines Schlusses, das

werden in erster Linie die landläufigen Versprechungen sein. Bei

bestimmten Artikeln kommen andere dazu. Da soll ein Kunde auf feste

Rechnung Wein kaufen. Die Firma behält dem Kunden jedoch vor, einzelne

ungangbare Sorten gegen gangbare zu verkaufen. Daraus macht der

Reisende ein „Kommissionslager“. Das ist ein ganz anderer Begriff.

Diese Begriffsvertauschung schließt eigentlich auch mehr als ein

ungehaltenes Versprechen in sich, sie läuft vielmehr auf eine bewußte

Irreführung hinaus. Bei Markenartikeln wird oft mehr Reklame zugesagt,

als später vom Haus ausgeführt wird. Alles das bringt Verdruß, Aerger

und schließlich Laufereien zum Gericht.

In bestimmten Branchen ist es üblich, unter einem bestimmten Maß nicht

abzugeben. Der Reisende weiß das. Dem Kunden ist das übliche Maß zu

viel. „Wir werden es schon machen, daß Ihnen ein halbes Stück, ein

halber Kübel usw. abgegeben wird“, sagt der Reisende. Er weiß, es wird

nicht geschehen! Dann soll er dem Kunden das sagen. Viel leichter

bringt er ihn jetzt dazu, das größere Quantum anzunehmen, als später,

wenn es ihm auf den Hals geschickt wurde.

Gestreckte Aufträge.

Viel wird gesündigt mit den sogenannten gestreckten Aufträgen! Wird ein

Stück oder ein halbes Stück Ware bestellt, aber zwei oder ein Stück

aufgegeben, so ist das Betrug. Will der Reisende mehr verkaufen, soll

er es mit seiner Tüchtigkeit versuchen; gelingt es ihm nicht, soll er

sich mit dem begnügen, was er erreicht hat.

Schlimmer aber ist es, wenn gar Aufträge fingiert werden. Man meint,

das käme bei Reisenden in unserem Sinne nicht vor! Es kommt vor. Man

hat manchmal einen Kunden so weit, daß man sich sagt, schickst du ihm

geradezu, was ihm gefiel, dann nimmt er es auch an. Das wird in 99 von

100 Fällen eine falsche Spekulation sein. Der Kunde, der nicht durch

den Reisenden überzeugt werden kann, daß er eine Ware kaufen muß, der

wird gewiß auch nicht dadurch überzeugt, daß er auf den Hals bekommt,

was er ausdrücklich zu kaufen abgelehnt hat.

Vielfach ist es noch üblich, daß der Reisende nicht nach festen Preisen

verkauft. Das ist verkehrt. Man soll sich immer vorhalten, daß man

einige Kunden übervorteilt, wenn man ihnen teuere Preise abnimmt, wie

anderen. Der Zufall spielt oft eine große Rolle.

So ein Kunde, der die Waren teuer einkaufte, kommt zu einem anderen

Kunden, der billiger kaufte. Beides sind Geschäftsfreunde. Sie kommen

auf die Lieferanten und von diesen auf deren Waren zu sprechen. Da

stellt sich die Uebervorteilung heraus. Sicher ist der Reisende einen,

vielleicht auch beide Kunden los. Den einen, weil er übervorteilt

wurde, den andern, weil er nicht mehr sicher ist, es nicht auch zu

werden.

Mehrere Kunden am Platze.

Eine gewisse Vorsicht ist auch dann am Platze, wenn der Reisende

mehrere Kunden ganz in der Nähe oder an einem Platze hat. Er wird dann

niemals dem einen Kunden verkaufen, was der andere auch kaufte. Er

kann sonst nicht verhindern, daß die Kunden seine Artikel benutzen,

um gegenseitig der Kundschaft nachzuweisen, daß jeder von ihnen der

billigere ist.

Was über die Kommission selbst gesagt werden muß, ist bereits gesagt.

Ich fasse nur noch einmal zusammen, daß sie deutlich, genau und

ausführlich geschrieben sein muß, daß sie alle Angaben enthalten muß,

die für das Geschäft wissenswert sind. Wo Lieferfristen üblich sind,

müssen auch sie angegeben sein. Dabei lasse sich der Reisende größte

Vorsicht angelegen sein. Er stelle die Lieferfristen nicht so kurz,

daß sie nicht eingehalten werden könnten, er sichere sich auch für

den Fall, daß Lohnkämpfe ausbrechen, seien es nun Streiks oder auch

Aussperrungen. Wo es angeht, lasse er in seinem Interesse und auch in

dem des Kunden sogenannte Kontremuster zurück. Das hat nicht nur den

Zweck, dem Kunden die Möglichkeit einzuräumen, prüfen zu können, ob die

später gelieferte Ware mustergetreu ist, sondern der Kunde wird damit

in den Stand gesetzt, sich immer vergegenwärtigen zu können, was er

gekauft hat. Er kann dann vermeiden, daß sein Lager später gleichartige

Artikel enthält, von denen die einen die anderen ausstechen und

unverkäuflich machen.

Suche dann der Reisende selbst allen Einfluß, den er besitzt, dahin

auszuüben, daß die Kommission gut erledigt wird. Eine schlecht

ausgeführte Kommission ist eine schlechte Empfehlung. Untreue des

Geschäfts -- man braucht gar nicht an den strafbaren Begriff zu

denken -- ist Untreue des Reisenden in den Augen seiner Kundschaft.

Treue und Glauben werden sich aber auf die Dauer und für solide

Geschäftsverbindungen immer als die besten und zuverlässigsten

Reisebegleiter erweisen.

Der Detailreisende.

Der Detailreisende hat mit ganz anderer Kundschaft zu tun, er muß diese

Kundschaft unter ganz anderen Verhältnissen aufsuchen als der Reisende,

der Wiederverkäufer besucht; er verkauft auch ganz andere Artikel und

nach anderen Grundsätzen.

Detailkundschaft.

Wo finden wir Detailreisende? In der Konfektions-, der Modewaren-, der

Wäsche-, der Wein- und der Buchbranche. Die Zigarrenbranche kommt nur

stellenweise in Betracht. Je nachdem wie die Branche ist, wird auch die

Kundschaft sein. Der Weinreisende wird seine Kundschaft vornehmlich

im bessern Mittelstand und bei den obern Zehntausend finden, der

Buchhandlungsreisende sucht sich seine Abnehmer -- wenn er keine

Spezialwerke vertreibt, die ihm ganz von selbst bestimmte Wege weisen

-- in den Kreisen der städtischen und staatlichen Beamten, in dem

großen Heer der Privatangestellten, d. h. in erster Linie in solchen

Kreisen, die über einen starken Bildungsdrang verfügen und Zeit haben,

ihn zu betätigen. Auch der qualifizierte Arbeiter kommt für ihn in

Betracht. Wo die eigentliche Romanliteratur noch zur Detailreise oder

schon zur Kolportage gerechnet werden muß, ergibt sich von selbst.

Danach richtet sich dann auch die Kundschaft. Wir wollen uns aber mit

den Kolporteuren und auch mit den Bilderreisenden nicht beschäftigen.

Der Reisende, der Zeitungen vertreibt, gehört, von einigen Ausnahmen

abgesehen, auch nicht in den Kreis unserer Betrachtungen.

Der +Konfektionsreisende+ wird selten mit fertiger Konfektion reisen.

Er wird vielmehr Stoffmuster mit sich führen und Maß nehmen können,

so daß die Bekleidungsstücke nach seiner Angabe gefertigt werden.

Seine Kundschaft wird sich aus allen Kreisen zusammensetzen. Anders

ist das schon beim +Manufakturwaren+reisenden. Hier wird sich fast

immer eine Trennung vollziehen, der eine Reisende wird ausschließlich

die „feine“ Kundschaft besuchen, der andere die Arbeiter- und die

Mittelstandskundschaft.

Je nachdem, wie sich die Kundschaft zusammensetzt, muß sich auch das

Benehmen des Reisenden gestalten.

Wer zur Arbeiterkundschaft geht, den „Zylinder“ auf dem Kopf und dann

„seine Karte“ abgeben will, der wird lange warten können, ehe er etwas

verkauft. Wer wiederum, ohne die üblichen Formen zu beobachten, in

einen bessern Haushalt einzudringen versuchte, würde als Tölpel gelten.

Ein ausgesprochenes Taktgefühl ist hier am Platze.

Besuchszeit.

Der Detailreisende muß auf Dinge Rücksicht nehmen, auf die der Reisende

schlechthin nicht Rücksicht zu nehmen braucht. Der Reisende kommt

in das Geschäftslokal. Das ist dazu da, um Geschäfte abzuschließen.

Der Detailreisende tritt in die Wohnung, die doch in der Regel nicht

diesem Zwecke dient. Daraus ergibt sich, daß die Besuchszeit für den

Detailreisenden anders zu regeln ist. Hat ein Reisender mit Kundschaft

aus allen Kreisen oder auch nur aus mehreren Kreisen zu tun, so ist

er gut daran. Besucht er nur Lehrer oder nur Handlungsgehilfen oder

überhaupt nur bestimmte Berufsarten, so muß er sich so einrichten, daß

er die Leute antrifft. Aber auch bei anderer Kundschaft wird er seinen

Besuch so einrichten, daß er nicht stört, keine schlechte Laune allein

durch seinen Besuch hervorruft.

Wer die Frau Baronin X morgens um 9 Uhr besucht, begeht eine

Taktlosigkeit. Wer um die Mittagszeit, wenn alles bei Tisch sitzt, in

einen Haushalt eindringt, der darf sich nicht wundern, wenn man ihm

die unangenehme Störung entgelten läßt. Das zunächst einmal vorweg

geschickt, ergibt sich noch weiteres für die Behandlung der Kundschaft

selbst.

Zwischen Tür und Angel.

Kommt man in einen Haushalt, in dem man vom Mann oder der Frau selbst

empfangen wird, dann muß man zunächst einmal versuchen, nicht zwischen

Tür und Angel abgefertigt zu werden. Hat man den Musterkoffer in der

Hand, so erschwert man sich den Einlaß in die Wohnung. Man stelle ihn

also zunächst beiseite. Dann sage man ungeniert, man möchte den Herrn

oder die Dame des Hauses in einer Angelegenheit sprechen. Bekommt man

die Einladung, näher zu treten, so greift man zum Koffer und nimmt

ihn mit. Eine einmal ausgesprochene Einladung wird selten wieder

zurückgenommen werden.

Oeffnet nun aber ein dienstbarer Geist, so muß man zunächst bestrebt

sein, den auszuschalten und mit dem Herrn oder der Dame des Hauses

selbst sprechen zu können. Das wird man nicht erreichen, wenn man

Herrn oder Frau X bitten läßt, sich einen Augenblick stören zu lassen.

Das Dienstmädchen wird sicher den Auftrag so ausrichten, daß die

Herrschaft bereits daraus entnimmt, wer da Einlaß heischt. Und dann

hat der Reisende verspielt. Hier ist es also erst recht angebracht,

dem Herrn oder der Dame des Hauses mitteilen zu lassen, daß man sie zu

sprechen wünscht.

Vom Reisen und Reisen lassen · 第 9 / 12 段