KRANKENPFLEGE

Eine Frau, die, während ihr Geliebter im Sterben liegt, sich ebenso

pflegt, wäscht, mit hundert Salben salbt, wie eh’ und je, und keinerlei

Bedenken hat, sich ebenso zu pflegen und zu hegen, wie sie es gewohnt

war, hat ihn nie, nie wirklich lieb gehabt! Sie müßte plötzlich alles

aufgeben, sich schmutzig werden lassen, sich verkommen lassen, auf ihre

adelige Körperpflege vollkommen verzichten können, sich Hände und

Gesicht nicht mehr waschen wollen, ja sogar die schönen Haare nicht mehr

pflegen, sich in einen Abgrund stürzen lassen, wo das reale Leben

zerschellt und aufhört — — —.

Es müßte alle ihre weibliche Eitelkeit plötzlich ersterben, nicht mehr

sein — — —. Sie müßte zu einem Aschenbrödel werden, ganz in sich

zurückgezogen und unbeachtet, nur in der edlen Pflege aufgehend und

unscheinbar werdend vor Aufmerksamkeiten! Sie müßte unwillkürlich aus

einer Dame zu einer »Pflegerin« werden, sich degradieren, um sich zu

erhöhen!

Ihre Fingernägel müßten ihre Edelpolitur verlieren, ihre Strümpfe müßten

Löcher bekommen und Knöpfe müßten ihr an der Bluse fehlen. Ihre werdende

Ungepflegtheit müßte ihre Ehre sein! Ihre Freundinnen müßten zu ihr

sprechen: »Du siehst gealtert aus, meine Liebe, schließlich muß man doch

auch ein bißchen auf sich schauen, solange man jung und hübsch

ist — — —.«

»Dazu habe ich jetzt, Gott sei Dank, keine Zeit mehr übrig — — —.«

»Gott sei Dank?!« sagten die Freundinnen und kicherten: »Sie muß immer

apart sein — — —.«

Neues Altes · 第 116 / 126 题