Sie ist das Wunder des Chansons, das, an und für sich nichtig, farblos,
leblos, durch sie eine Fülle von Tragik, grotesken Dingen, Lieblichkeit,
Koketterie erhält. Ihre Augen bereits drücken alles aus, was es an
seelischen Dingen überhaupt gibt, aber auch ihre Arme und Hände sprechen
überaus eindringlich. Ihre Wirkungen grenzen an das Wunder. Und diese
nur andeutende Art, diese wechselnden Nuancen, der clin d’œuil, der
alles sagt, was zu sagen ist. Sie allein von allen hat die Macht, ein
Lied auszuschöpfen, ja, es erst in seiner Fülle zu dichten! Ganze
Schicksale bringt sie in einen sinnlosen Refrain, und man staunt über
das Außerordentliche, das sich da ereignet. Aus einem Nichts ein Alles
machen, darin könnten alle von ihr lernen, wenn es erlernbar wäre. Le
minimum d’effort et le maximum d’effet ist auch ihre Devise. Den
Höhepunkt ihrer Chansons bildet unbedingt »Les cloches de Nantes«. Wie
ein düsteres Schicksal erdröhnen von allen Seiten die großen Glocken in
den alten Kirchentürmen. Da gibt sie sich ganz aus, bricht los, bewirkt
Enthusiasmus! Die Guilbert gehört zu den wenigen Erscheinungen, die
einen als etwas nie wieder in die Welt Kommendes ergreifen. Man darf es
nie versäumen, sie wieder und wieder zu sehen, zu studieren, so oft sich
die Gelegenheit bietet. Für mich gehören zu solchen Erscheinungen
Mitterwurzer, Girardi, Hermann Winkelmann. Es sind Menschen, die nicht
ersetzt werden! Ihre Macht ist nicht zu definieren, da sie irgend etwas
Rätselhaftes hat. Man befürchtet stets, daß sie einmal sterben werden,
und geschieht es, ist man untröstlich, hat ein persönliches Leid
erfahren. Man möchte in Trauer gehen um sie. So eine Organisation ist
auch Yvette Guilbert. Diseusen, ach, lernet doch von ihr das leider
Unerlernbare!