DAS DORF

Ich hatte eine unglückliche Liebe zu einer Dreizehnjährigen, deren Blick

allein aus den hechtgrauen Augen mit den schwarzen Wimpern, allen

Blicken gleichkam der Heiligen in den Kirchen. Sie hatte keine rechte

Freude am Leben, als ob sie die Wirrnisse des irdischen Jammertales

vorausahnte, die eigentlich allen so schwermütig Blickenden in Aussicht

stehen. — Ich machte ihre Tragödien mit, die noch nicht vorhanden waren,

und vor dem Leben beschützen konnte ich sie dennoch nicht. Sie war die

Tochter eines Schuhmachers in dem kleinen, armseligen, felderumrankten

Orte J.. Er hatte 11 Kinder. Die, die schon verdienten, verdienten. Aber

die Kleinen mußten von meiner Dreizehnjährigen betreut werden. Wie

liebevoll wurden sie betreut! Darüber kann man gar nichts schreiben. Sie

mußte die 15 Enten hüten, die Schweine füttern, und die kleinen Kinder

brauchten dies und jenes. Ich liebte Anna, aber selten kam sie in meine

Nähe, und auch dann glitt mein Blick von freundschaftlichster

Zärtlichkeit an ihren Augen ab, wie Öl über Wasser.

Eines Abends saß ich allein auf der Bank, in der alten verstaubten

Lindenallee und wartete auf Anna vergebens. Da kam ihre siebenjährige

Schwester Josefa, die für mich immer und immer einen Blick von tiefer

Menschenfreundlichkeit hatte, aus ihren zwei verschieden blickenden

Nachtfalteraugen, so reell-gutmütig, so leichtverständlich, so wie das

a-b-c des Menschenherzens — — —. Sie hatte mich lieb!

Ich führte sie in die nahegelegene Meierei, ließ ihr Schlagsahne geben

und Biskuits. Immer lächelte sie mich an, wie von edler

Liebenswürdigkeit getrieben. Da küßte ich sie auf Stirne, Haare, Augen.

Sie rührte sich nicht, empfand es als Pflicht der Dankbarkeit, sich

küssen zu lassen — — —.

Da vergaß ich meiner Leiden um Anna, die mein gequältes Herz stets ruhig

aus ihren geliebten hechtgrauen schwarzbewimperten Augen betrachtet

hatte. Da sagte Josefa: »Schenkens mir noch zwei Biskuits, ich trag’ sie

nach Haus für die Annerl. Sie darf net kommen mit Ihnen, weil sie schon

zu groß ist. Was kann sie dafür, daß sie schon zu groß ist?!?« Da gab

ich ihr 20 Biskuits mit für ihre Schwester, die wirklich nichts dafür

konnte, daß sie dem Blicke eines unermeßlich liebevollen Menschenherzens

mit mißtrauischer Gleichgültigkeit bereits begegnen mußte, wie im

vorhinein gepanzert gegen die hinterlistige Männerwelt — — —!

Neues Altes · 第 111 / 126 题