EIN BRIEF

Lieber Stefan Großmann,

in meinen entsetzlichen Qualen habe ich heute soeben Ihren herrlichen

Essay über und für _Frau_ Tolstoi gelesen. Es ist großartig. Nur eines:

Das männliche Genie geht eben in seinen langsamen Weltentwicklungen

_zuerst_ vom _gewöhnlichen_ allgemeinen _irdischen_ Leben aus, völlert,

bekehrt sich sodann, gründet Familiensegen, sucht Frieden wie ein jeder

gewöhnliche Sterbliche. Dann, im Alter aber erschaut es die idealeren

Welten, ist jedoch von seinen vorherigen Entwicklungsstufen _gebunden_,

ja _geknebelt_, kann und darf sie nicht los werden, und lebt doch

_bereits zugleich_ in Welten, die das bisherige althergebrachte irdische

Sein _überflügelt_ haben. — — — Wie wenn einem Heranwachsenden noch

immer die getreueste Mutterbrust ihre Milch anböte, während er _längst_

über diese Periode seiner irdischen schwächlichen Kleinlichkeit

hinausgewachsen ist!?! Der Träumer, der Denker, der Prophet, der

Vorherseher, der Menschen-_Erhöher_ schwingt sich von selbst, _ohne es

zu wissen_, in Regionen einer _anderen_ künftigen Konstellation, während

er historisch-atavistisch noch mit den ehernen Klammern _alltäglicher_

und _gewohnter Notdurften_ am bisherigen gebräuchlichen Dasein

festverankert ist! Das ist seine Tragik! Daher seine _organische

Undankbarkeit_ gegen jene, die einem Stoffe in ihm dienen, den zu

_überwinden_ und _immaterieller_ zu machen, er die ersten genialen

Versuche unternimmt. — — — Man degradiert ihn also in allerbester

Intention, zu einer bereits geistig überwundenen Entwicklungsstufe

seiner selbst. Preisen wir seine adeligen Betreuerinnen, aber vergessen

wir dabei _zugleich nie_, daß es in genialen Prophetengehirnen

_Entwicklungsembryos_ gibt, denen Frauen und Freunde _ratlos_, ja

_unbewußt feindselig_, sich entgegenstemmen! Die Henne brütet ein

Entlein aus, betreut es, sucht es vor allem vor der Gefahr »Bächlein« zu

bewahren. Aber das Entlein strebt nach dem fließenden klaren Wasser, und

die mütterliche Henne blickt _in Todesangst_ den Schwimmkünsten des

Entleins in seinem ihm organischen Elemente nach! Henne, bescheide dich,

Entlein, schwimme, tauche! Genie, du bist zwar undankbar, aber es ist

eine organische, von Gott gesegnete Undankbarkeit, die den kommenden

Menschen _zugute_ kommen muß. Die Frauen betreuen die _Genies_, aber die

Genies betreuen die _Menschheit_! Beide gehen zugrunde in ihrem

merkwürdigen unentrinnbaren Lebenswerke, das in der Weltentwicklung

vorgesehen, vorbedacht und wohlerwogen wurde vom göttlichen, meist noch

gänzlich unfaßbaren Willen!

Frau Tolstoi, du bist nicht minderwertig; Herr Tolstoi, du bist nicht

mehrwertig; in allen lebt und webt die göttliche Seele, unerforschlich,

und dennoch geahnt und gespürt von einigen wenigen — — —.

Ihr Peter Altenberg.

Neues Altes · 第 62 / 126 题